Die Rum-mein-medien

von Daniel Erk
15 Jun 09
15. Juni 2009

Manchmal kann man an Werbebotschaften dann eben doch einen Paradigmenwechsel ablesen.

Als 1993, und das ist heute tatsächlich eine kleine und in Mediendimensionen fast drei Ewigkeiten her, der „Focus“ erstmals veröffentlicht wurde, da war das große Versprechen von Helmut Markwort und Hubert Burda: Fakten, Fakten, Fakten.
Dieses Credo, und speziell die Art mit der es Helmut Markwort in den Werbespots für das Magazin wenig eitel in den Raum stellte, entsprach zwar nicht wirklich dem Leistungsumfang des Focus, der, wäre Werbung ehrlich, wohl eher mit „Grafiken, Diagramme, Tabellen“ hätte werben müssen. Aber dieses „Fakten, Fakten, Fakten“ war sehrwohl Ausdruck eines Bedürfnisses der Leserschaft, mit Tatsachen, Informationen, Wissen beliefert zu werden.
Wenn nun also Jakob Augsteins „Freitag“ sich selbstbewusst den Untertitel „Das Meinungsmedium“ auf die Fahnen schreibt, dann ist die These, der Strukturwandel der Öffentlichkeit hätte – wieder einmal – eine neue Richtung eingeschlagen, nicht so ganz abwegig.

Ein anderes Beispiel: Während in Journalistikseminaren noch immer fein säuberlich zwischen „informierenden Darstellungsformen“ und „meinungsäußernden Darstellungsformen“ unterschieden wird, kümmert sich das vermutlich einzige wirkliche Leitmedium des deutschsprachigen Internets um solche Petitessen nicht: Auf Spiegel Online werden Hintergrund und Urteil beinahe grundsätzlich gemeinsam serviert. Das hat durchaus Vorteile: Der mühsame Prozess, sich selbst eine Meinung zu bilden wird ebenso abgekürzt wie das oft ein wenig trockene Recherchieren und Referieren von Fakten und Inhalten. Gefällt das Ergebnis dem Leser nicht, kann der ja im Forum zur Gegenrede ansetzen – auch das ist durchaus erwünscht. Vielleicht findet sich ja auch noch ein Blogger, der sich aufregt – umso besser. Und ganz nebenbei kann ein Autor in einem Kommentar stets das gesamte Arsenal seiner Rhetorik auffahren und sprachlich brillieren – statt bloß aufzuschreiben, was eben der Fall ist.

Das Phänomen betrifft selbstverständlich nicht Spiegel Online allein: Quer durch die Presse zum anstehenden „Superwahljahr“ zieht sich etwa eine Berichterstattung an der sprichwörtlichen Oberfläche. Anstatt tatsächlich politische Analysen, so schwierig diese gerade aktuell auch sein mögen, zu versuchen, begnügen sich immer mehr Beobachter mit einer Art Stilkritik der Politik – man betrachtet die Inszenierung und mutmaßt über die Auswirkungen (hier beispielsweise auf Carta). Ja, das mag eben dabei herauskommen, wenn an den Journalistenschulen der Anteil an Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftsabsolventen höher ist als jener der VWLer – führt aber zwangsläufig dazu, dass Politik tatsächlich nur noch als das betrieben wird, was kritische Journalisten dem Politischen ohnehin seit Jahren vorwerfen zu sein: ein Kasperletheater. Substanzielle Kritik, umfassende Recherche und Erläuterungen komplexer Sachverhalte? Fehlanzeige.

Einen strukturell artverwandten, vielleicht sogar prototypischen Fall aus England beschrieb Mercedes Bunz vor Kurzem in ihrem Blog: Da hatte Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur von Kalifornien, unlängst angesichts der extremen finanziellen Engpässe, denen sich Kalifornien ausgesetzt sieht, den Vorschlag unterbreitet, die Schulen mögen doch bitte prüfen, inwieweit sie Schulbücher durch digitale Quellen ersetzen können, um freiwerdenden Finanzmittel in Lehrkräfte zu investieren. Nun mag man von der Idee halten was man will, viel interessanter sind hier die Reaktionen der englischen Presse:
•    Daily Mail : „Rise of the machines: Arnold Schwarzenegger terminates school book and tells pupils to go digital“
•    Financial Times: „School textbooks near digital doomsday“
•    Telegraph: „California’s ban on printed textbook“

Die Boshaftigkeit mit der da vermeintlich seriöse Berichterstattung die Realität so lange dreht bis „to terminate“ und „Schwarzenegger“ in der Überschrift nebeneinander stehen können, grenzt an Vorsätzlichkeit. Ganz ähnlich aufgebaut war das, was der Tagesspiegel-Autor Joachim Huber nach den Europawahlen über die Piratenpartei schrieb. In beiden Fällen schienen die Autoren keinen Deut informiert oder auch nur im Ansatz an Tatsachen interessiert zu sein. Man mag den Fall Schwarzenegger ./. englische Presse als Tiefpunkt einer anhaltenden Tendenz betrachten oder den Fall Huber ./. Piratenpartei als Fortschreibung eines Generationskonfliktes – Ausrutscher in einem sonst einwandfreien Systems sind diese Fälle allerdings eher nicht.

Woher kommt nun und wozu dient dieses Rumgemeine? Woher die Hinwendung zum Eindruck und woher das Zurücklassen der Faktenlage? Gerade wo gemeinhin konstatiert wird, dass die Zusammenhänge der Welt durch die Globalisierung von Wirtschaft, Politik und Lebensformen einerseits und durch die Individualisierung von Lebensläufen und Werten andererseits, zunehmen komplex geworden sei, scheint es so, als würde die Berichterstattung über diese immer komplexere Welt anstatt Schritt zu halten, bevorzugt meinungsstarke, einfache, schnelle Antworten geben wollen. Wo kurzfristige Aufmerksamkeit die einzige Währung ist, ist Wissen der expliziten, undifferenzierten Meinung bloß lästig. Dass der Lauteste nicht immer der Klügste ist, ist zwar altbekannt – ändert aber leider nichts daran, dass auch dem Dümmsten die volle Aufmerksamkeit zuteil wird, so er nur laut genug ist.

Wenn nun aber die Berichterstattung, egal ob nun in Blogs oder Zeitungen, die lästige Chronistenpflicht und das Handwerk des Verstehens und Erklärens zunehmend aufgeben und sich nur noch der Gegenrede widmen – auf welcher Grundlage soll dann geurteilt werden? Auf welcher Grundlage soll und kann ich als Leser mir tatsächlich: meine Meinung bilden? Oder anders gefragt: Wenn alle nur noch Meinungen anbieten – wo kann ich mich dann bitte informieren?

93 Gedanken
  1. 50
    Tobias says:

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