Arabella Kiesbauer

23 Mai 04
23. Mai 2004

Arabella wird abmoderiert. Die frühere Starmoderatorin muß zusehen, wie ihr Sender ohne sie plant.

Es ist ja nicht so, daß es an Kandidaten mangeln würde für den Titel des traurigsten Menschen des deutschen Fernsehens. Wolfgang Lippert, der sich kurz einmal die Moderation von „Wetten, daß …?“ von Thomas Gottschalk ausleihen durfte und dann selbst im Baumarkt eine Zange auslieh, ist sicher in den Top Ten. Peter Imhof, der einmal 24 Stunden am Stück talkte, um ins „Guinness-Buch der Rekorde“ zu kommen und heute im MDR die Sendung „Hier ab vier“ wegmoderiert, hätte Chancen. Ach, und Thomas Ohrner natürlich, der als „Thommi“ ein Talent war, dann die abgelegten Formate „Dingsda“ und „Glücksrad“ bis zur Einstellung moderierte und heute vom ZDF regelmäßig an die Abgründe der volkstümlichen Fernsehmusik geschickt wird.

Vielleicht muß man alles, was Arabella Kiesbauer in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat, vor dem Hintergrund dieser Karrieren sehen. Als Versuch, nicht zur traurigsten Frau im deutschen Fernsehen zu werden, wobei ihr bewußt sein muß, wie nahe sie diesem Titel schon gekommen ist. Vielleicht merkt sie gerade, daß sie den Zeitpunkt verpaßt hat, an dem sie noch als unangefochtene „Talk Queen“ hätte abtreten können. Vielleicht versucht sie verzweifelt, sich ein bißchen Würde zu bewahren, bei dem Abstieg, auf dem sie sich gerade befindet. Das ist ja schon vielen nicht gelungen.

Seit zwei Jahren ist ihre tägliche Talkshow „Arabella“ auf Pro Sieben eine offene Baustelle. Nachdem die Zeit des großen Schmuddels, an dem auch sie mitwirkte, vorbei war, versuchte sie es mit ernsthafterem Talk, mit Ballermannvarianten und Kuppelshows, Service und IQ-Tests. Als sie sich öffentlich noch über die Konkurrenz mit ihren Laiendarstellern statt echten Gästen empörte, hatte sie selbst schon eine eigene, besonders dreiste Variante im Programm: Die „Abschlußklasse“, bei der Schüler sich selbst beim Leben filmten — ein Fake, leider erfolgreicher als ihr vermeintlich echter, ehrlicher Talk.

Zuletzt bestand eine Hälfte ihrer Sendung aus „Das Geständnis“, einer irren Variante der fiktiven, schlecht geschriebenen und schlecht gespielten Geschichten, die das deutsche Fernsehen gerade überfluten (siehe unten) und euphemistisch „scripted reality“ genannt werden. Ab dem Herbst wird Arabella nur noch dieses Format moderieren — oder genauer: die Moderatorin darin spielen -. Die letzte neue Ausgabe der Talkshow „Arabella“ läuft schon Anfang Juni, zum zehnjährigen Jubiläum.

Kiesbauer sagt, sie selbst habe am vergangenen Wochenende den Beschluß gefaßt, mit dem Herumgedoktere aufzuhören und sich nicht mehr gegen den Trend zur Fiktion zu stemmen: „Man kann eine Frisur nicht jahrelang gegen den Scheitel kämmen.“ Es soll so klingen, als hätte sie das Heft noch in der Hand, aber wie wenig freiwillig der Schritt ist, hört man aus jedem Satz: „Ob die Sendung ‚Arabella — Das Geständnis‘ des Rätsels Lösung für meine Zukunft auf dem Bildschirm ist, wage ich im Moment nicht einzuschätzen. Ich habe da meine eigene Meinung dazu. Aber ich ergebe mich mal in den Lauf der Dinge und schaue, was dabei herauskommt. Ich habe lange gegen den Strom gekämpft. Jetzt schwimm‘ ich mal kurz mit, schau‘ mir das an und werde mir dann im Herbst ein Bild machen.“

So etwas hat vermutlich noch nie jemand gesagt, der seinen Zuschauern eigentlich voll Überzeugung seine neue Sendung ans Herz legen müßte. Vielleicht ist das eben Arabellas Versuch, sich einen Rest von Glaubwürdigkeit zu bewahren und nicht zu werden wie Thomas Ohrner, der — kaum hatte das ZDF ihn für seine Volksmusik-Sendungen engagiert — brav seine Liebe zu der Szene bekundete. Arabella dagegen trauert: „Ich hab‘ den Talk geliebt — da blüh‘ ich auf! Es wird sich zeigen, ob ich mit Mit ‚Das Geständnis‘ warm werden kann. Früher habe ich Anteil genommen an den Geschichten und Gästen, dann nehme ich natürlich keinen Anteil mehr an den Gästen, weil sie ja nur Rollen spielen.“

Nun fragt man sich, warum sie sich das dann überhaupt antut, diese neue Sendung, wenn sie ihr so gegen den Strich geht. Die Antwort ist bitter: Weil sie darauf hofft, daß sie auch in Deutschland einmal erfolgreich den Sprung ins Abendprogramm schaffen könnte, wie es ihr in Österreich gelungen ist. Die bisherigen Versuche waren Flops, und neue Chancen gibt es garantiert nicht, wenn sie einmal nicht mehr auf dem Bildschirm ist. Im Grunde wird Arabella „Das Geständnis“ moderieren, damit sie nicht in Vergessenheit gerät.

Ist das nicht traurig?

Gut, daß in solchen Zeiten wenigstens der Sender und die Produktionsfirma zu einem stehen. Oder? Die Geschäftsführer der Constantin Entertainment, die „Arabella“ und „Das Geständnis“ produziert, haben vergangene Woche dem Branchendienst „Kress“ ein Interview gegeben. Ulrich Brock und Otto Steiner hatten die Idee, einfach mal ungefragt zu erzählen, daß sie für Arabellas Sendeplatz „für 2005 etwas Neues“ entwickeln: „Da gibt’s einige Ideen.“ Auf die Frage „Ohne Arabella Kiesbauer?“ antwortete Steiner: „Arabella hat natürlich eine gewisse Tradition auf dem Sendeplatz. Daher überlegen wir uns auch Ideen, in denen Arabella eine Rolle spielt.“

Ah, „auch“. Na, da wird Arabella sich aber gefreut haben.

Zur Schadensbegrenzung schoben Brock und Steiner am Freitag eine lustige Erklärung nach, daß der Sender und sie „mit der Quotenentwicklung von ‚Arabella‘ sehr zufrieden“ seien (was gelogen ist) und „keinen Anlaß sehen, an der erfolgreichen Zusammenarbeit zu zweifeln“ (was offensichtlich auch nicht stimmt). Arabella kontert, sie sei „nicht an die Constantin, sondern an Pro Sieben gebunden“, und der Vertrag laufe bis Ende des Jahres. Danach werde der Sender prüfen, ob und wie es weitergeht, nicht die Constantin.

Der Sender. Noch am Mittwoch wollte man in der dortigen Pressestelle nichts von dem längst beschlossenen Aus für den Talk wissen, am Freitag sah man sich auch dort veranlaßt, Selbstverständlichkeiten zu veröffentlichen. „In zehn Jahren hat Arabella Kiesbauer unseren Sender und die Fernsehlandschaft geprägt wie kaum ein anderer, was wir im Juni ausgiebig feiern“, erklärte Unterhaltungschef Jobst Benthues. Zu allem Unglück nannte ein Sprecher als Beispiel für den „neuen, hoffentlich ebenso erfolgreichen Weg“, den man mit „Das Geständnis“ gehen werde, das Thema: „Ich habe den Hund meiner Freundin verscharrt“. Arabellas Manager sagt, das Beispiel sei erst nach seiner Intervention widerrufen worden.

Vielleicht ist Arabella für ihren Sender längst eine Last geworden. Sie hat vieles mitgemacht, was von ihr erwartet wurde, aber nicht alles. Ohne sie ließen sich für den 14-Uhr-Sendeplatz sicher leichter Sendungen entwickeln, die noch billiger sind, noch trashiger, noch sinnloser. „Heute regieren Zicken und Deppen den Bildschirm mit programmlichen Inhalten, die eigentlich keine sind“, hatte Arabella vor drei Wochen in der „Abendzeitung“ gesagt. Vermutlich war das schon im Verteidigungskampf.

Alles zu spät. Wenn die Leute erst einmal Mitleid haben mit ihr, hat sie verloren. Wolfgang Lippert kennt das.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung