Von den Regeln in die Traufe

11 Jan 08
11. Januar 2008

Am Ende des Abends gab es sogar so etwas Ähnliches wie eine Nachricht: Der Pressekodex soll in Zukunft auch für die Online-Angebote von Zeitungen und Zeitschriften gelten. Bislang ist der Presserat ausdrücklich nur für gedruckte Medien zuständig — und für „digitale Beiträge“ ausschließlich dann, wenn sie „zeitungs- oder zeitschriftenidentisch“ sind. Schon vor über einem Jahr hatte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in einem bizarren öffentlichkeitswirksamen Appell bei einem Festakt zum 50. Geburstag des Gremiums das Ausklammern des Internet als „gespenstisch“ bezeichnet und die Ausweitung der Freiwilligen Selbstkontrolle gefordert.

Nun scheinen sich die Verlegerverbände und die Journalistengewerkschaften, die den Presserat tragen, endlich darauf verständigt zu haben, und als dessen Geschäftsführer Lutz Tillmanns bei der Diskussion des Deutschen Journalistenverbandes über „Regeln oder Anarchie? — Journalismus im www“ stolz diesen Durchbruch bekannt gab, bin ich geplatzt.

Denn der Deutsche Presserat ist kein Gremium, das für die Einhaltung journalistischer Mindeststandards sorgt. Der Deutsche Presserat ist ein Gremium, das dazu dient, den Eindruck zu erwecken, es gebe ein Gremium, das für die Einhaltung journalistischer Mindeststandards sorgt.

Würde man das Beste annehmen und unterstellen, dass der Presserat die Printmedien tatsächlich kontrollieren will, müsste man feststellen, dass er mit dieser Aufgabe hoffnungslos überfordert ist. Es ist ein Organ von erschütternder Anspruchs- und Wirkungslosigkeit, und wenn sich der Geschäftsführer nun hinstellt und bedeutungsschwanger bekannt gibt, dass man jetzt auch für Online zuständig wird, heißt das nur: Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir in Zukunft in einem noch größeren Bereich als bisher scheitern werden.

Keine Frage: Es ist absurd, dass der Pressekodex bislang für „Spiegel Online“ und sueddeutsche.de, faz.net und Bild.de nicht gilt. Und richtig ist auch, dass Regeln selbst dann sinnvoll sein können, wenn sie nicht eingehalten werden. Es ist zum Beispiel auch dann gut, dass es die Genfer Menschenrechtskonvention gibt, wenn die Vereinigten Staaten sich nicht an sie halten — immerhin bietet sie eine Richtschnur, mit der es möglich ist, die Abweichung von diesen Regeln überhaupt zu messen. In diesem Sinne benutzen wir den Pressekodex gelegentlich auch bei BILDblog: Als Maß, um zu zeigen, wie weit sich die „Bild“-Zeitung in ihrer Berichterstattung außerhalb dieser fixierten Standards bewegt, obwohl jeder weiß, dass diese Standards für „Bild“ ohnehin keinerlei praktische Relevanz haben.

So gesehen ist es also schön, wenn man also in Zukunft sagen kann, dass die Formen der Schleichwerbung, wie sie sich zum Beispiel auf sueddeutsche.de finden lassen, gegen einen Kodex verstoßen, der auch für sueddeutsche.de gilt. Davon geht aber die Schleichwerbung auf sueddeutsche.de noch nicht weg. Denn warum sollte sueddeutsche.de die Gültigkeit eines Kodex brauchen, um auf die Idee zu kommen, dass redaktionelle und werbliche Inhalte klar voneinander getrennt werden müssen?

Ich unterstelle: Es geht den Verlagen und Journalistenverbänden, die den Presserat tragen, nicht darum, dass die Online-Medien besser werden, sondern darum, behaupten zu können, besser zu sein. Mathias Döpfner sorgt zwar nicht dafür, dass die in seinem Verlag erscheinende „Bild“-Zeitung sich an ethische Mindeststandards hält, will aber, dass sie in Zukunft auch für Bild.de gelten. Das ist nur scheinbar paradox. Döpfner will sagen können: Bild.de ist ein Qualitätsmedium, weil für uns (anders als für web.de oder ein Nachrichtenportal von AOL oder wen auch immer) der Pressekodex gilt.

Weite Teile der Angriffe von Vertretern etablierter Medien auf Blogger folgen einer ähnlichen Prämisse: Sie seien besser, weil für sie Regeln gälten, während im Internet jeder (vermeintlich) tun könne, was er wolle. Die Behauptung der qualitativen Überlegenheit klassischer Medien beruht darauf, dass Regeln existieren — nicht dass sie eingehalten werden. Die Debatte ist entsprechend fruchtlos: „Für uns gelten Regeln!“ — „Aber ihr haltet Euch nicht dran!“ — „Aber ihr habt nicht mal welche!“ — „Na und?“

Die klassischen Medien haben in den vergangenen Jahren nicht nur das Monopol darauf verloren, die Bevölkerung zu informieren. Sie haben auch das Monopol darauf verloren, vor einem breiten Publikum Lügen zu verbreiten, Menschen zu verunglimpfen und Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Manchmal kommt es mir so vor, als kämpften sie gerade verzweifelt darum, beide Monopole zu verteidigen. Voller Abscheu zeigen sie mit dem Finger auf den Dreck im Internet, fordern, das wegzumachen, und ignorieren dabei, dass es noch lange dauern wird, bis das deutschsprachige Internet die „Bild“-Zeitung als größter Verbreiter von Schmutz jeder Art eingeholt hat. Jahrelang gab eine Tochter des Heinrich-Bauer-Verlages das Lügenwichsblatt „Coupé“ heraus. Das hat offenbar die Journalisten- und Verlegerelite nicht groß gestört, sie fanden nicht einmal etwas dabei, sich von diesem Verlag mit einem Preis auszeichnen zu lassen. Und sie hatten ja recht: Wenn da etwas Schlimmes drinstünde, in Heinrich Bauers „Coupé“, dann würde sich ja der Presserat schon drum kümmern und in aller Härte womöglich sogar eine Pressemitteilung herausgeben.

Eine der grundlegendsten und selbstverständlichsten Forderungen des Pressekodex ist nach meiner Erfahrung im deutschen Journalismus weitgehend bedeutungslos: Die Pflicht, Fehler zu korrigieren. Das macht man in Deutschland nicht. Auch in seriösen Blättern sind die dominierenden Gedanken, wenn ein Fehler passiert ist: Wie können wir das verschleiern? Und: Wie können wir den Geschädigten beruhigen, ohne uns korrigieren zu müssen? Das klare Eingeständnis: War falsch, tut uns leid, ist immer noch die Ausnahme.

Ein feines Beispiel dafür hat mir Michael Konken, der Bundesvorsitzende des DJV, bei der Diskussion gestern geliefert. Konken äußert sich quasi ununterbrochen öffentlich zu irgendeinem Thema aus der weiten Welt der Medien. Qualifiziert ist er dazu durch sein Amt; Sachkenntnisse sind optional.

Im vergangenen Sommer gab der DJV eine Pressemitteilung über den Stellenabbau bei ProSiebenSat.1 heraus, in der es hieß:

DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken bezeichnete es als medienpolitischen Skandal, dass die Senderkette offensichtlich ihr komplettes Informationsangebot streichen und auf diese Weise rund 250 Arbeitsplätze im Bereich des Fernsehjournalismus vernichten wolle.

Der DJV beharrte damals auch auf Nachfrage darauf, dass das stimme.

Ich habe Konken gestern damit konfrontiert, dass seine von vielen Medien verbreitete Aussage, die gesamte Sendergruppe ProSiebenSat.1 wolle alle Informationssendungen einstellen, falsch war und ist. Und er antwortete zuerst:

Wir haben nicht gesagt „alle“. Die wollen das reduzieren, haben wir gesagt.

Und dann:

Das ist jetzt auch nicht der Punkt.

Und schließlich:

Aber es kam zum rechten Zeitpunkt, weil dann doch nicht alles eingestellt wurde. Vielleicht wäre es ja alles eingestellt worden…

Und das ist der Mann, der eine Qualitätsdebatte über Online-Journalismus führen und quasi amtlich „Müll von Qualität trennen“ lassen will?

Wir können gerne lange darüber diskutieren, welche Qualitätsstandards wünschenswert sind, aber es gibt nur einen Weg, sie durchzusetzen, und der gilt für kleine Blogger wie für große Medien: sich selbst dran halten.

[Die gestrige Diskussion kann man sich hier anschauen, einen Überblick über andere Beiträge zum Thema gibt onlinejournalismus.de.]

56 Gedanken
  1. 1
    Jemand says:

    Ich sehe schon den ersten Blog-Eintrag vor mir, den du mit dem Wort „Richtigstellung“ oder den Worten „Der Presserat rügt Stefan Niggemeier“ beginnst…

  2. 2
    robert says:

    Unabhängig von den Motivationen, die Du hier sehr schön aufgezeigt hast, empfinde ich den Presserat in Deutschland vergleichsweise lachhaft. Nicht, weil ich die Idee dahinter nicht gut fände – sie ist famos. Nur leider finde ich, dass ein Presserat, dem als höchstes „Strafmaß“ eine Rüge zur Verfügung steht, die dem Großteil der Menschen in diesem Land egal sein dürfte (wohl leider auch mangels Informationen), eher einem zahnlosen Tiger ähnelt denn dem Wächter über Pressequalität.

    Diesem Umstand ist man sich sicher auch in den gewissen Etagen bewußt und zusammen mit den von Dir beschriebenen „Unterstellungen“ (ich nenn das mal so, da man ja die Beweggründe nur erahnen kann) ergibt das ein traurig belustigendes Bild dieser Entscheidung.

    Wo beginnt eigentlich ein Online-News-Medium, als das man sich dem „Kodex“ unterwerfen muss?

  3. 3
    Stefan says:

    @robert: Das weiß ich nicht. Ich nehme an, die Pläne beziehen sich ausschließlich auf Online-Ableger von Zeitungen und Zeitschriften.

  4. 4
    md says:

    Stefan, ansonsten langweilen mich knappe Beifallsbekundungen in den Kommentaren eher, aber hier muss ich es sagen: Großartig. Und diese Aussage von Dir hier ist die beste, die ich zu dem Thema bislang gehört habe:

    >

    Wäre schön, wenn Du in die Überschrift noch eine Pluralflexion einbauen könntest: „Von den Regeln in die Traufe“ oder irgendetwas Sinngemäßes. Bei der aktuellen Überschrift denkt man doch, es gehe um die weibliche Menstruation.

  5. 5
    md says:

    Da hat mein Zitieren nicht geklappt. Ich meinte nur diese Passage:

    Die Behauptung der qualitativen Überlegenheit klassischer Medien beruht darauf, dass Regeln existieren – nicht dass sie eingehalten werden. Die Debatte ist entsprechend fruchtlos: „Für uns gelten Regeln!” – „Aber ihr haltet Euch nicht dran!” – „Aber ihr habt nicht mal welche!” – „Na und?”

  6. 6
    Stefan says:

    @md: Stimmt vielleicht, mit der Überschrift. Ich änder’s mal.

  7. 7
    schlevian says:

    Stefan, daß der Presserat weit mehr Bettvorleger denn Tiger ist, haben Sie ja schon mehrfach belegt. Daß die Rügen jedenfalls bisweilen doch eine gewisse Wirkung erzielen, hat andererseits das Aufjaulen der „Bild“-Zeitung für die Rüge der Berichterstattung im Fall al Masri gezeigt (vielleicht bin ich da aber auch zu blauäugig). Jedenfalls: Die Ausdehnung des Pressekodex auf die online-Angebote ist, wie Sie richtig bemerken, als Leitlinie hilfreich – und zwar (um das blöde Wort jetzt endlich auch mal zu benutzen) im „Web 2.0“-Zeitalter nicht nur für den Presserat, sondern insbesondere auch für die watchblogs. Denn die können jetzt neben der inhaltlichen Kritik an den online-Angeboten auch konkrete Verstöße gegen den Pressekodex rügen. BILDblog tut das schon, ich hoffe, viele andere blogs auch. Und, wer weiß (wieder meine blauen Augen), vielleicht hat das ja auch irgendwann mal Einfluß auf die Arbeit des Presserats.

  8. 8
    LeipzigerJournalistik says:

    Erst Mittwoch hast du in einer kleinen Leipziger Runde von Don A. gesprochen und einen Tag später trefft ihr aufeinander.
    Nur: Warum taucht dein Name nicht bei den Podiumsmitgliedern von gestern auf? Hat man dich etwa nicht mitdebattieren lassen und stattdessen u.a. lieber deinen Spezi Don Alphonso als Experte engagiert? Bevorzugten die Organisatoren Polemik statt Sachlichkeit?
    Hattet ihr wenigstens eine konstruktive Unterhaltung oder seid ihr euch dezent ausgewichen?

  9. 9
    Bruno Taut says:

    Schlimm dieses aufgeblasene Gesabbel und Meinungsaustauschen von Journalisten, die sich für wichtig halten.

  10. 10
    KarlaKolumna says:

    Der Link zu Konkens Rede ist ja wunderbar. Als Polizeireporter (Polizeireporter, nicht Witwenschüttler) begrüße ich seinen Standpunkt zum Presseausweis grundsätzlich. Aber dass ich als DJV-Mitglied ein besserer Mensch bin, wusste ich bislang noch nicht („Es gibt viele pseudojournalistische Vereinigungen, die ganz normale Menschen mit dem Wort „Journalismus“ ködern […]“). Da ich mich eigentlich als nichts anderes als einen „ganz normalen Menschen“ betrachte, ist der Austritt aus dem DJV dann wohl unumgänglich und die erste gute Tat im neuen Jahr.

  11. 11
    marcel weiß says:

    Die Reaktion von Konken auf Deine Frage war wirklich unfassbar. Offensichtlicher sich selbst blossstellen ging wirklich nicht. Was für ein Typ.

  12. 12
    Gregor Keuschnig says:

    Ich finde loben eigentlich auch eher langweilig. Aber dieser Text ist wirklich grossartig.

  13. 13
    Bundesjoker says:

    Der KodeX bedeutet etwas für Journalisten die Ehrgefühl in sich tragen. Alleine schon dafür lohnt er sich.

  14. 14
    Stefan says:

    @LeipzigerJournalistik: Er war auf dem Podium, ich nicht, und das geht sehr in Ordnung. Ich war übrigens auch mit vielem einverstanden, was er gesagt hat, und fand ihn ausnahmsweise nicht übertrieben, äh, donalphonsoesk.

  15. 15
    Robert says:

    Sag mal Stefan, allmählich wirst du der Oberethiker des Netzes. Hast DU nicht selber nichts dabei gefunden Dein Buch bei Stefan Raab anzupreisen, dem Verantwortlichen einer Sendung, die ihre Opfer („Maschendrahtzaun“) wirklich ruiniert hat? Du hast hier immer nur Zustimmung und lebst in dieser warmen Welle. Aber du wirst eindeutig hybrid.

  16. 16
    Andre says:

    „Und das ist der Mann, der eine Qualitätsdebatte über Online-Journalismus führen und quasi amtlich „Müll von Qualität trennen” lassen will?“

    Der DJV wird quasi zum Grünen Punkt des Journalismus :-)

  17. 17
    Lukas Fischer says:

    Ich finde es gut, dass die Bildblogger die Bildzeitung mit Argusaugen beobachten und ich wünsche mir noch viel mehr Watchblogs. Von einem Pressekodex halte ich genauso viel wie von Wahlkampf-Fairness-Abkommen der Parteien, nämlich gar nichts.
    Ich lese aufmerksam, was Herr Niggemeier hier zu sagen hat. Aber meine Meinung bilde ich mir selber. Es wäre schlimm, wenn er irgendeine Macht hätte, etwas in der Medienlandschaft zu verändern, außer seiner Feder bzw. Tastatur.
    Schafft den Presserat ab und schmeißt den Pressekodex in den Schredder!

  18. 18
    bastian says:

    Naja, jetzt habe ich mal so ne ganze Podiumsdiskussion verfolgt und bin kein bisschen schlauer. Verdammt.

    Haben die nicht alle genau ganz knapp am Thema vorbeigeredet, oder ist mir was entgangen?

    Wenn mich die (Print-)Medien schon dazu erzogen haben, nicht mehr alles zu glauben, was in ihnen steht, warum sollte es mir dann im Internet, oder speziell in Blogs anders gehen?

    Bei Blogs ist es doch geradezu offensichtlich, dass subjektiv Bericht erstattet wird.

    Süß finde ich, dass die netten Verlage ihre dummen Leser davor schützen wollen, Kommentare anderer dummer Leser zu lesen, anstatt lieber selbst die Wahrheit zu schreiben, oder ernsthaft objektiv zu berichten.

    Oder irre ich mich? Falls ja, bitte korrigieren.

  19. 19
    scipio says:

    @bastian
    Natürlich sind Blogs subjektiv. Gottseidank. Und darum sind sie auch nicht so verlogen wie die gewerbliche Presse. Die verschwurbelt nämlich Meinungen und Nachrichten derartig, dass der Leser die Indoktrinationen eines Journalisten schließlich für eine seriöse Nachricht hält. Wahrhaftigkeit, Objektivität, und Vollständigkeit verlangt Konken in seiner Rede. Ein echter Witzbold, liest der denn nicht mal das, was seine durch Mülltrennung erschaffenen Qualitätsjournalisten täglich verzapfen?

  20. 21
    Arnonym says:

    Der zahnlose, überlastete Tiger ist jetzt auch für die Weiten des Internet zuständig. Toll.

    Heißt das, das bild.t-online, faz.net, spiegelonline, ard.de, etc. jetzt endlich mal vernünftige Presse macht? Keine Berichte über Suizid mehr? Keine falschen oder ungeprüften Meldungen? Vor allem: Keine Vermischung von Werbung und Inhalt mehr???
    Kann es kaum erwarten…

    manueller Trackback: http://dermitdempinguintanzt.blogspot.com/2008/01/qualitt-im-internet.html

  21. 22
    bastian says:

    @scipio
    Genau das meine ich ja. Ob ich Nachrichten aus einer Zeitung oder im Blog ist wurscht, weil überall Scheiße drinstehen kann.
    Ein guter Blogger ist inzwischen allemal mehr wert, als eine schlechte Zeitung, die ungeprüft Meldungen übernimmt.

    Schlimm ist, dass der Leser, keine Sicherheit für die Qualität der Information hat.

    Wo ist die echte, korrekte, ordentlich recherchierte Information?

    Vielleicht HIER!

  22. 23
    Dietmar says:

    Sollen sie doch kodifizieren, bis sie schwarz werden, es könnte einem ja eigentlich wurscht sein. Das Problem ist der permanente, weiter wachsende institutionelle Übergriff und die Anmaßung, mit der versucht wird, in alle Lebensbereiche hineinzuregieren und persönliche Entscheidungsfreiheit zu diffamieren. Ob es dabei um die fürsorgliche Qualitätslüge verlagseigener Lobbyeinrichtungen oder des öffentlich-rechtlichen Rundfunks handelt, ist letztlich egal. Die Motive sind dieselben, nur daß der etatistische Erziehungsansatz einen nachhaltiger stranguliert.

  23. 24
    Marc | Wissenswerkstatt says:

    Die Diskussion ist in weiten Strecken einfach nur müßig, da seitens mancher (!) Journalisten schlicht unlauter und im Prinzip nur schizophren argumentiert wird. Stefan skizziert diese perfide Argumentationslogik (der „anderen“ Seite die Nichteinhaltung von Standards vorwerfen, die man selbst stillschweigend permanent unterläuft) sehr schön.

    Klasse Beitrag!

  24. 25
    Gregor Keuschnig says:

    @22+27/bastian + @23/scipio
    Blogs unterscheiden sich in ihrer Parteilichkeit oft genug gar nicht mehr so stark vom Meinungsjournalismus, der sich als Nonplusultra (= „Qualitätsjournalismus“) setzt. Insofern ist die Diskussion wider die subjektiven Blogs Unsinn. Selbst in vermeindlich „objektiven“ Beiträgen vieler professioneller Journalisten schwingt immer ein meinungsgetönter Unterton mit.

    Man kann das anhand der Magazine der ARD sehr gut festmachen. Jeder weiss den Tenor von „Report München“ oder „Monitor“. Wenn sich diese Magazine (bzw. die Redaktionen) eines Themas annehmen, dann kann man mit 80%iger Sicherheit die Tendenz schon absehen, bevor man überhaupt den Beitrag gesehen hat. Und auch eine Koryphäe wie Leyendecker ist in seinen Vor-Urteilen ziemlich stabil…

  25. 26
    Jörg Friedrich says:

    Objektivität ist gar nicht anzustreben, weder Online noch in Print-Medien. Sachlichkeit, Fundiertheit und Bereitschaft, Kritik anzunehmen und zu veröffentlichen, würde schon reichen.

  26. 27
    scipio says:

    @Jörg Friedrich

    Akzeptiert. Trotzdem: Man muß eine saubere Trennung zwischen Meinung und Nachricht verlangen. Das ist doch kleines 1×1. Ich habe keine Lust mehr Nachrichten zu lesen, die durch das hinzufügen oder weglassen eines Adjektivs eine völlig neue Bedeutung erlangen. Diese Manipulationen sind einfach eine Beleidigung des Lesers.

  27. 28
    Gerald says:

    Der Presserat ist das Schaf, das sich die Wölfe halten, um den Schäferhunden zu demonstrieren, wie harmlos sie sind. Außerdem lenkt es von dem großen Haufen Knochen in ihrem Review ab.

  28. 29
    Stefan says:

    Das ist mal ein schönes Bild!

  29. 30
    Gregor Keuschnig says:

    @32/scipio
    D’accord. Insbesondere, was das hinzufügen oder weglassen eines Adjektivs abgeht. Das ist die Perfidität, die (zunächst einmal) nicht auffällt.

  30. 31
    Helga@LG says:

    Ein Journalist mit Berufsehre braucht keinen Pressekodex, ein Journalist ohne Ehrenkodex kümmert sich auch nicht um einen Pressekodex.

  31. 32
    robert says:

    @scipio:
    das sollte dann aber auch für bildblog.de gelten…
    ein gutes statement dazu findet sich übrigens hier:
    http://www.thilo-baum.de/lounge/die-wunderbare-welt-der-medien/politische-korrektheit/

  32. 33
    Ute says:

    Stefan, das ist ein großartiger Artikel!!! Danke dafür und mehr davon :-)

  33. 34
    Jörg Friedrich says:

    @32 und 35: Das ist ja der Vorteil von uns Bloggern: Von uns erwartet man gar keine Nachrichten, nur Meinungen. Darum haben wir es auch leicht, Zeitungen u.ä. zu kritisieren.

  34. 35
    Inge says:

    Ich fasse es nicht: Jetzt wollte ich mir die Diskussion vom vergangenen Donnerstag unter angegebenem Link einmal ansehen und der DJV hat auf seiner Seite das Video und jegliche Informationen zur Veranstaltung gekillt. Kann irgendjemand einen Mitschnitt auf Youtube stellen :-)? Als langjähriges DJV-Mitglied frage ich mich ernsthaft, was mich in diesem Verein eigentlich noch hält.

  35. 36
    Steffen (mit 2 f und e) says:

    Ich will es auch sehen. :(

  36. 37
    Inge says:

    Zu früh beschwert?
    Link funktioniert wieder!

  37. 38
    Harald says:

    Der arme Herr Jörges als Vertreter des Qualitätsjournalismus in der Diskussion: Von seinen Lesern „zugeschissen mit Mails“ (wörtlich) und Stern.de Foren die mit „rechtsradikalen Kommentaren volllaufen“ und in der Folge mangels Moderatorenpersonal geschlossen werden müssen. Und währenddessen ersäuft der arme Leser auf Stern.de in belanglosen Fotostrecken und nicht gekennzeichneten Werbefilmchen die auch ein Online-Presserat nicht kontrollieren könnte.

  38. 39
    Rico Schubert says:

    Ich verstehe die Diskussion hier nicht ganz. Warum regt ihr sich so darüber auf, dass der Presserat seine Kompetenzen ausdehnt, wenn er doch nichts bewirkt? Kann es mir dann nicht egal sein, wenn er seine Ziele in einem größeren Rahmen nicht erreicht?
    Das schränkt mich doch nicht ein. Die Diskussion geht meiner Meinung nach an einem wichtigen Punkt vorbei. Ist dieser Schritt des Presserats vielleicht nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer Kontrolle der Bloggerszene? Das mag ein wenig weit hergeholt klingen, aber ich denke, dass ist es nicht (http://www.message-online.com/blog/2008/07/05/werden-blogger-durch-einen-kodex-gegangelt/).

    Vielleicht sollte man sich auch darüber einmal Gedanken machen.

  39. 40
    nona says:

    Im Januar, als dieser Blogeintrag geschrieben wurde, galt also „…soll in Zukunft…“. Da fragt sich der geneigte Leser vielleicht, wann diese Zukunft denn eintritt.

    Naja, wir haben ja auch gerade erst November, das Jahr ist noch nichtmal voll.

  40. 42
    nona says:

    Gut Ding will Weile haben. Die brüten bestimmt was *ganz super tolles* aus, das uns alle vom Hocker haut.

    .
    .
    .

    Na okay, vielleicht auch nicht.

Trackbacks & Pingbacks

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