Claus Jacobi hat ein Problem mit Schwulen. Vermutlich nicht nur mit Schwulen — wenn man seine samstägliche Kolumne in „Bild“ liest, kommt man leicht zu dem Schluss, dass er auch mit Ausländern, Frauen und der Wahrheit ein Problem hat, vielleicht auch nur mit der Moderne. Aber das mit der Homosexualität scheint ein besonderes zu sein.

2004 erzählte er in seiner Kolumne folgende Anekdote:

Vorsicht

Ein Mann mit Koffer hastete durch Berlins Flughafen Tegel. „Wohin so eilig?“, fragte ein Freund. Der Mann setzte seinen Koffer ab und sagte: „Im NS-Reich wurde es verfolgt. Unter Adenauer war es verboten. Unter Kohl wurde es erlaubt. Jetzt werden sie als Pärchen in der Kirche gesegnet.“ Er nahm den Koffer wieder: „Ich will weg sein, bevor es Pflicht wird.“

Bei BILDblog kommentierten wir damals:

Die Anekdote handelt offensichtlich von Homosexualität. Im Dritten Reich wurden rund 100.000 Menschen wegen ihrer Homosexualität in Konzentrationslager verschleppt und gefoltert, zwei Drittel davon ermordet. Viele weitere wurden zwangskastriert. Bis 1969 stellten die Paragraphen 175 und 175a homosexuelle Handlungen unter Strafe und trieben viele Schwule in die Isolation oder den Selbstmord. Erst 1994 wurde das Sonderstrafrecht für Homosexuelle abgeschafft.

Und Claus Jacobi erzählt einen Witz darüber, dass die Situation nicht 1933, nicht 1945, nicht 1954, nicht 1969 zum Weglaufen war, sondern heute, wo Schwule und Lesben viele Rechte haben und sichtbar in verantwortlichen Positionen sind. Was will er uns damit sagen?

Im November 1998 schrieb Claus Jacobi:

Schöne neue Welt? Neue deutsche Wirklichkeit: Er nimmt Viagra. Sie schluckt die Pille. Beate Uhse liefert zünftiges Zubehör. Die Tochter ist überzeugt, ihr Bauch gehört ihr. Der Sohn zieht in die romantischste Nacht seines jungen Lebens mit einem Kondom bewaffnet. Sexual-Unterricht in der Schule. Schwule und Lesben werden in der Kirche gesegnet. Die Bundesregierung arbeitet an Renten für Huren. Eine Kleinanzeige verheißt: „Frischfleisch aus Polen eingetroffen.“ Alle drei Minuten wird in diesem, unserem Land eine Frau vergewaltigt. Das Fernsehen unterweist in Sado und Maso. Auf der Bühne wird kopuliert. Kinder-Porno boomt. Abtreibung ist erlaubt

Das geht noch viele Absätze so weiter und mündet in die Sätze:

Millionen Eltern aber lieben bei uns ihre Kinder immer noch mehr als alles sonst auf der Welt, behüten und umsorgen sie. Mögen sie sich nie beirren lassen. Sie, nicht die anderen, sind Baumeister einer wirklich schönen Welt.

Immer wieder zählt Jacobi in seinen Kolumnen die Indizien für den Untergang des Abendlandes auf, und immer wieder gehört die Emanzipation von Schwulen und Lesben dazu. Im Mai 1998 schrieb er:

Jeder achte Deutsche glaubt, daß die Sonne sich um die Erde dreht. Schwule Paare dürfen Kinder adoptieren. Kunst kommt ohne Fellatio und Cunnilingus nicht mehr aus. Eine Bischöfin verlangt einen Staat „ohne Militär und ohne Grenzbewachung“, eine Universität schlägt vor, eine Straße nach Rudi Dutschke zu benennen. Und immer mehr wollen immer mehr Geld und Genuß, immer mehr Rechte und immer weniger Pflichten. „So kann es doch nicht weitergehen“, meinte eine alte Dame, die neu an Bord des „Narrenschiffs“ war. „So wird es auch nicht weitergehen, Gnädigste“, tröstete der Kapitän: „Es wird noch schlimmer werden.“ Ehe es besser werden kann — und bis dahin reisen Deutsche auf dem großen „Narrenschiff“ weiter in der Ersten Klasse.

Und im Januar 2006:

Das ist die Welt, in der wir leben: In Hamburg kann jeder fünfte Schulanfänger nicht richtig Deutsch. Das Fernsehen plant Serien über Schwule und Lesben. „Ich wollte ihn nur essen, nicht töten“, verteidigt sich ein Angeklagter vor Gericht. Manager, die Konzerne an den Rand der Pleite führten, erhalten zum Abschied Millionen Euro und Limousinen auf Lebenszeit. Deutsche Atomkraftwerke, die zu den sichersten der Welt zählen, sollen abgeschaltet werden. Die grüne Claudia Roth schwärmt von „Interkulturalität“. Eine Blinde möchte mit ihrem Blindenhund ins Kino. Susanne Osthoff wird für den Grimme-Preis vorgeschlagen. Schöne neue Welt …

Im April 2005 schrieb Claus Jacobi:

Die Medien berichteten über die Trennung des Schlagerstars Patrick Lindner von seinem Lebensgefährten Michael Link. Besonderes Mitgefühl galt dem siebenjährigen Jungen Daniel. Patrick Lindner hatte ihn in Rußland adoptiert, aber auch an Michael Link hatte der Junge sich angeschlossen. Interessante Psycho-Frage am Rande: Adoptieren Schwule eigentlich auch Mädchen? Selbst das Statistische Jahrbuch gibt da keine Auskunft.

Das ist ein typischer Jacobi. Und das Widerliche daran ist, dass er es gar nicht aussprechen muss, und es doch für jeden, der es lesen will, klar da steht: Schwulen vergehen sich im Zweifelsfall an kleinen Kindern. Nein, das hat Jacobi nicht geschrieben, und vermutlich würde er es auch weit von sich weisen, wenn man ihn mit dieser Interpretation konfrontierte. Aber was sonst soll die scheinbar unschuldige Frage bedeuten, ob Schwule auch Mädchen adoptieren? Der Unterschied zwischen schwulen und heterosexuellen Männern ist nicht, dass Schwule sich nicht für Frauen interessieren oder sie nicht mögen. Der Unterschied ist, dass sie mit ihnen in der Regel keinen Sex haben wollen.

Was, glaubt Jacobi, ist der Grund für Schwule, Kinder zu adoptieren?

Es war nicht sein erster Text, der Schwule subtil mit Pädophilen gleichsetzte. Im September 1998 schrieb Claus Jacobi:

Der deutsche Staat ist progressiv. Schwule Paare können Knaben adoptieren und 16jährige wählen. Müll geht als Kunst durch, mal sortiert, mal unsortiert. Sexualverbrecher erhalten Ausgang aus der Haft, und Junkies werden in staatlichen Fixerstuben umsorgt. Soldaten dürfen Mörder genannt werden, aber Raumpflegerinnen nicht Putzfrauen. Der deutsche Staat ist tolerant. Graffiti oder Gewalt gegen Sachen sind Kavaliersdelikte. Der Ladendieb ist Opfer des Konsum-Terrors. Wer einmal als Baby vom Nachttopf gefallen ist, darf bei Raub vor Gericht mit Nachsicht der Psycho-Sachverständigen rechnen.

Nicht Kinder, nicht Jungen und Mädchen: „Knaben“ können von schwulen Paare adoptiert werden, und Jacobi scheint eine klare Vorstellung davon zu haben, warum sie das tun wollen.

Im September 2006 schrieb Claus Jacobi:

Ab Juni 2007 wird in Berlin ein Mahnmal an die „im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“ erinnern. Nach dem Entwurf soll im Innern ein Filmbild zwei einander küssende Männer zeigen. (…) Sogleich warnte der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit in „Emma“ davor, „weibliche Homosexuelle“ auszugrenzen und die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Griefahn (SPD), die den Mahnmal-Entwurf „schlicht unangebracht“ findet, möchte auch „ein küssendes Frauenpaar“ sehen. Und das ist dann gut so?

Im November 2006 schrieb Claus Jacobi:

Ein Gericht im nahen New Jersey hat entschieden, dass zwei zusammenlebende Lesben als Eltern eines Neugeborenen anerkannt werden können. Und das ist auch gut so. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Unbeantwortete Nebenfrage: Wie kam die eine Lesbe zu dem Kind?

Ja, das würde Jacobi gerne wissen. Aber solche Dinge liegen nicht nur jenseits seiner Moral, sie übersteigen auch sein Vorstellungsvermögen. Er lebt in einer sehr kleinen Welt.

Im Juli 2009 schrieb Claus Jacobi:

Abgeordnete meiner Heimatstadt Hamburg haben in eindrucksvoller Weise dargestellt, wozu Volksvertreter fähig sind. Mit ihrer Hilfe soll an Schulen eine „Pixi“-Broschüre verbreitet werden. Es geht dabei nicht nur um Subventionen, sondern auch um Inhalte. Für die Auflage, die in ein paar Wochen erscheinen soll, sind bereits jede Menge Fortschritts-Korrekturen vorgesehen: Der deutsche Name Bruno soll durch den türkischen Namen Aydan ersetzt werden. Das Foto einer Schülergruppe wird durch einen Jungen im Rollstuhl bereichert. Ein Afro-Amerikaner zieht ins Parlament ein. Und das „Rednerpult“ soll künftig „Redepult“ heißen, damit Frauen nicht benachteiligt werden. Folge des Vorgehens der Politiker: Nun haben auch Hamburgs Homosexuelle Änderungswünsche bei Pixi angemeldet.

Fast muss man ihn dafür bewundern, dass man seinen Texten anliest, wie es ihn beim Schreiben geschüttelt hat.

Ich würde mich schämen, bei einem Medium zu arbeiten, das die Texte dieses Mannes veröffentlicht. Aber bei „Welt Online“ hielt man es für eine gute Idee, Günter Kießling, einem Mann, der vermutlich nicht schwul war, aber die Schwulenfeindlichkeit dieser Republik mit aller Wucht erfahren musste, mit der Wiederveröffentlichung eines alten Textes des homophoben Claus Jacobi zu würdigen. General Kießling ist gestorben, und die „Welt“ lässt Jacobi noch einmal dessen Rehabilitation als Heterosexueller mit den Worten zusammenfassen:

Kein Vorwurf gegen ihn hielt Stand. Seine Unschuld wurde erklärt.

Johannes Kram fasst die Logik dahinter bündig zusammen:

„Unschuld“ meint also „Nicht schwul“.

Ja. Im Sinne der Anklage. Und im Sinne Claus Jacobis.

Nobert Körzdörfer schwurbelte in seiner Inkarnation als David Blieswood: „Claus Jacobi ist ein Mann, wie sie nicht mehr gemacht werden vom lieben Gott.“ Schön wär’s.