ZDF.reporter

23 Jul 05
23. Juli 2005

Tatütata, das ZDF ist da. Die “ZDF.reporter”, die nächste Woche ihre 150. Sendung feiern, kämpfen unermüdlich für Recht und Ordnung

Zu den wirklich drängenden Problemen unserer Zeit gehört der Mittelspurschleicher. Tag für Tag blockieren sie die Autobahn: junge Frauen, die Angst haben, die Spur zu wechseln; alte Männer, die glauben, die rechte Spur sei nur für Laster; blöde Mercedesfahrer, die meinen, sie hätten es nicht nötig. Egal, wie dicht wir auffahren oder wie knapp vor ihnen wir demonstrativ auf die rechte Spur ziehen, sie werden nicht weniger: die Mittelspurschleicher.

Im Mai nahm sich „ZDF.reporter“ des heiklen Themas an. Ein Reporter fuhr mit zwei Polizisten auf der A5 und war erschüttert: „Schon nach kurzer Zeit haben sie einen Kleintransporter im Visier, der partout nicht wieder auf die rechte Spur einscheren will. Ein typischer Mittelspurschleicher.“ Wenig später: „Ein Mercedesfahrer blockiert seit sechs Kilometern die Mittelspur.“ Und dann: „Ein Golf bleibt stur in der Mitte, und das schon seit mehr als acht Kilometern. Ein notorischer Mittelspurschleicher.“ Alles doppelt auf Video festgehalten: von der Polizei und vom ZDF. Junge Frauen, alte Männer, blöde Mercedesfahrer. Neun Minuten Mittelspurschleicher pur.

So was sieht man ja sonst nicht im Fernsehen. Auch nicht bei „ZDF.reporter“. Sonst jagen die mit der Polizei Raser und Drängler, Motorradfahrer, böse Laster und betrunkene Jugendliche, wieder Raser und Drängler, noch mal Motorradfahrer und sicherheitshalber ein weiteres Mal Raser und Drängler. Kaum eine Ausgabe, in der die Reporter nicht mit der Polizei auf Streife gehen: im Videowagen oder zu Fuß, in Uniform oder in Zivil. Und wenn es keine Polizisten sind, die begleitet werden, dann andere Kontrolleure.

„ZDF.reporter“ ist das mit Abstand monotonste Magazin im deutschen Fernsehen. Es nimmt die Welt fast ausschließlich aus der Perspektive von Ordnungshütern wahr. Andere Menschen kommen nur als reuige Sünder oder uneinsichtige Missetäter vor, bestenfalls als Zeugen oder zu Unrecht Verdächtige. Es sind oft Bagatelldelikte, die im Mittelpunkt stehen, aber bei „ZDF.reporter“ ist klar, daß es keine Bagatelldelikte gibt: Es geht um Recht und Ordnung, im Kleinen wie im Großen, und wenn man genug Sendungen gesehen hat, beginnt man selbst zu glauben, daß der Unterschied zwischen einem Menschen, der achtlos eine Bananenschale wegwirft, und einem Terroristen möglicherweise nur in Nuancen besteht.

Die Reportage „Sommer, Sonne, Sittenwächter: Ordnung muß sein — auch beim Sommerspaß“ beginnt am Isarufer. „Grillen ist hier nur in ausgewiesenen Bereichen erlaubt, Lagerfeuer grundsätzlich verboten“, erklärt der Reporter. Er begleitet zwei Wachleute: „Ihnen entgeht nichts. Die Sicherheitsleute nähern sich vorsichtig. Pirschen sich im Schutze der Bäume an die illegalen Griller heran.“ Natürlich werden sie gestellt. Der Bericht endet mit den Worten: „Die Grill-Sheriffs aus München haben das Isarufer im Griff. Hier wird diesen Sommer wohl niemand ein illegales Feuer entfachen.“ Es gibt keinen Hauch von Distanz oder Ironie in den Kommentaren, auch nicht am Ende einer Reportage über Schwarze Nordsee-Sheriffs: „Die Leute vom Wachdienst übernehmen wieder. Ihr Strand soll schließlich sauber bleiben.“

Die Off-Texte klingen wie Sätze aus dreißig Jahre alten „Aktenzeichen XY“-Sendungen oder frühen „Derrick“-Folgen: In der Wohnung eines jungen Kriminellen riecht es „wie in einer Marihuana-Höhle“ (was immer das sein mag). Ein „Sozialschmarotzer“ schläft bis mittags und würde nie putzen, „nicht mal bei sich zu Hause“. Zwei Sechzehnjährige nachts um zwei weit von ihren Wohnungen, klarer Fall: Die müssen Böses im Schilde führen. „Lautes Hundegebell in der Wohnung, nicht gerade ein Zeichen für gute Erziehung.“ Immer heißt es: „Für die Beamten ist er kein Unbekannter“, „die Dunkelziffer ist hoch“ oder: „Frank ist kein Einzelfall“. Und wenn ein Ertappter sprachlos ist, reicht es den Reportern nicht, seine Sprachlosigkeit zu zeigen. Sie müssen sagen: „Er ist sprachlos.“

Die Reportagen übernehmen konsequent die Perspektive der Ordnungshüter. Wie zweifelhaft ihre Entscheidungen sein mögen, wie problematisch die Vorschriften, daran verschwendet „ZDF.reporter“ keinen Gedanken. Hintergründe oder Zusammenhänge gibt es nicht, nur das Hier und Jetzt.

Gejagt werden die Kleinen. Notfalls wird der ZDF-Reporter selbst zum Ordnungshüter: In einem Bericht über eine Gruppe polnischer Fliesenleger genügt es ihm nicht, durch eine Indizienkette zu belegen, daß sie wohl illegal arbeiten, nein, er muß sie auch noch persönlich befragen („Wir haben eigens eine eigene Dolmetscherin mitgebracht!“), was, wie zu erwarten, nichts bringt, außer die Polen noch einmal gründlich bloßzustellen. Das persönliche Elend eines Mannes, der im Supermarkt vier Gänsekeulen geklaut hat, weil er seine Familie kaum zu ernähren weiß, wird von „ZDF.reporter“ gnadenlos ausgestellt. Ein Familienvater und Hartz-IV-Empfänger, an dem es ausnahmsweise nichts zu kontrollieren gibt, putzt für einen Euro die Stunde im Zoo, und der Reporter behauptet, er sei für viele Besucher damit selbst eine merkwürdige Spezies, die man begafft, und filmt ihn in einer Art, daß ihn auch die Fernsehzuschauer so erleben müssen: als ganz armes Schwein.

Daß die Reportage einmal eine journalistische Form war, die den Menschen zeigte, was sie nicht kannten, die Neues erzählte, Überraschendes, Wichtiges, läßt sich bei „ZDF.reporter“ nicht mehr erahnen. Hier passiert nichts, was man nicht erwartet: Motorradfahrer rasen, österreichische Polizisten zocken deutsche Urlauber ab, in Kreuzberg lauert an jeder Ecke die Gefahr, Haschischraucher sind Verbrecher, Verbrecher rauchen Haschisch. Jeder zweite Satz aus dem Off ist wohlfeile Empörung und Verurteilung.

„ZDF.reporter“ ist eine öffentlich-rechtliche Kapitulation. Die Sendung fragt nicht mehr: „Welches Thema hatten wir noch nicht?“, sondern: „Welches Thema sollten wir noch einmal machen, weil es gute Quote brachte?“ Norbert Lehmann, der Redaktionsleiter und Moderator, nennt sein Magazin eine „Nahaufnahme Deutschland“ mit Reportagen „aus dem deutschen Alltag, aus der deutschen Lebenswirklichkeit“. Irgendwie hat er recht: „ZDF.reporter“ ist auf eine sehr kleinkarierte Art das deutscheste Fernsehmagazin. Vielleicht stimmt auch deshalb die Quote einigermaßen: Weil sich die Zuschauer in diesen ungewissen Zeiten zurücklehnen können in dem guten Gefühl, daß wenigstens noch Fahrkarten und Mittelspurschleicher kontrolliert werden.

Ein Thema der Jubiläumssendung am Mittwoch ist der angeblich massive Mißbrauch bei Hartz IV. Es fehle vor allem an: Kontrollen.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

5 Gedanken
  1. 1
    Robert says:

    Danke, Herr Niggemeyer, dass sie ihr Artikelportfolio im Internet ausstellen. Ich haben den Kommentar bewusst weit hinten gesetzt, damit sie wissen, dass sie gerne gelesen werden.
    :)

  2. 2
    Torsten ohne H says:

    Bei verachtenswerten Formaten, die die Kleinen jagen und bloßstellen, kann man einem Format jawohl kaum das Wasser reichen: „Achtung Kontrolle“ auf Kabel 1! Dort ist es exakt dasselbe: Alles wird nur aus Sicht von Ordnungshütern gezeigt, auf deren Seite man sich natürlich immer stellt, selbst wenn es die kleinste Bagatelle ist.
    Ich gebe zu, dass ich das früher gelgentlich gesehn habe, da es ja teilweise durchaus interessant ist, solchen Leuten über die Schulter zu sehen. Seit ein paar Wochen habe ich es mir aber abgewöhnt. Anlass war ein Bericht über Fahrkartenkontrolleure in Stralsund.
    Das war ja noch nicht das Schlimme, aber der Kommentar dazu war an Verständnislosigkeit und Überheblichkeit nicht mehr zu überbieten: Sobald sich mal jemand versucht hat zu rechtfertigen, hieß es sofort: „Um Ausreden sind Schwarzfahrer nie verlegen“, o.ä.. Dabei handelte es sich um eine bedauernswerte junge Studentin, die eine durchaus plausible Erklärung hatte.
    Als sich eine ältere Frau verständlicherweise über die Pingeligkeit der Kontrolleure und darüber, dass sie den Kleinen das Geld aus den Taschen ziehen, beschwerte, hieß es: „Jetzt muss [der Kontrolleur, Name weiss ich nicht mehr] ruhig bleiben und sich nicht provozieren lassen“, als ob er gerade die dümmste Pöbelei zu hören bekommen hätte. Sowas finde ich einfach nur das Allerletzte. Vielleicht kannst du dazu ja mal einen Artikel schreiben.

  3. 3
    Ein Mensch says:

    Das mit der deutschesten aller Sendungen stimmt nicht ganz. Das englische Fernsehen zeigt die gleiche Sorte Mist. Wahrscheinlich ist das „Format“ sogar aus UK importiert.

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  1. […] Ok, ich kann den Frust nachvollziehen. Selbst bei “ZDF-Reporter” zu scheitern muss hart sein. […]

  2. […] und dem Sat.1-Mittagsmagazin war) durchaus geschickt vor. Anders als das ZDF, das mit “ZDF-Reporter” schon vor Jahren ein verachtenswertes Format etabliert hat, das den deutschen Alltag fast […]

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