LiebesLeben

25 Okt 05
25. Oktober 2005

Diese Serie hat eine Seele. So sind sie, die jungen, modernen Großstadtmenschen: „LiebesLeben“ bei Sat.1.

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„Kannst du dir zum Beispiel vorstellen“, fragt die liierte junge Frau in Torschlußpanik kurz vor dem drohenden Heiratsantrag ihre beste Freundin, „von jetzt an bis ans Ende deines Lebens nur noch Sex mit einem einzigen Partner zu haben?“ Und die partnerlose Freundin antwortet: „Sex, ja, das wär toll.“

So sind sie, die jungen, modernen Großstadtmenschen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Und wie es ist, ist es verkehrt.

Auf der nach oben offenen Weltproblemskala sind die Sorgen dieser jungen, modernen Großstadtmenschen in einem kaum meßbaren Bereich. Aber es sind ihre Sorgen, und das macht sie zu den wichtigsten der Welt. Sicher, Malte könnte froh sein, so wie er aussieht und die Frauen auf ihn fliegen. Und Caren und Björn, als junges Paar, das gerade zusammengezogen ist. Und Edwin hat ja seine süße Tochter, die „Prinzessin“, die ihn bedingungslos liebt. Und Verena ist Paketfahrerin von Beruf, da klingelt sie täglich bei so vielen fremden Männern an der Tür, da muß doch irgendwann der richtige dabeisein.

Andererseits hat es Malte so satt, daß diese attraktiven jungen Dinger sich ihm alle vor die Füße werfen und nur auf sein Äußeres abfahren, wo er sich doch eigentlich nur wünscht, daß ihm seine Ex-Freundin noch eine letzte Chance geben würde (leider weiß genau die am besten, daß der Sex mit ihm gut funktioniert, sonst aber auch nichts). Caren und Björn merken, daß das mit dem Zusammenziehen zwar theoretisch eine gute Idee war, aber die ganzen Unterschiede zwischen den beiden, die vorher so spannend schienen, sich dadurch plötzlich in echte Beziehungskiller verwandeln. Edwin leidet wie ein Hund, daß die Frauen dauernd auf seinen Kumpel Malte abfahren und nie auf ihn, und fragt sich, ob es dem Pech nicht irgendwann langweilig wird, immer nur ihn zu verfolgen. Und Verena hängt sich so verkrampft an jede nur halbwegs aussichtsreich erscheinende Beziehung, daß sie jeden Bewerber schon dadurch in die Flucht schlägt.

„LiebesLeben“ erzählt die Geschichten dieser fünf, ihre endlose Suche nach dem kleinen bißchen Glück, das dann aber bitteschön perfekt sein soll, weil es sonst doch nur eine andere Form von Elend ist. Und daß daraus so eine wunderbare leichte, aber nicht flache Serie geworden ist, liegt nicht zuletzt daran, daß ihr das Kunststück gelingt, diese Dreißigjährigen in ihrem subjektiven Unglück ernst zu nehmen und sich gleichzeitig über die Absurdität dieser Probleme lustig zu machen. Seinen Witz zieht das Buch von Tommy Jaud vor allem daraus, daß die Angehörigen dieser Generation ja tatsächlich viele Probleme haben, die ihre Eltern und Großeltern nicht kannten. Daß es viele Situationen gibt, die zu ihrem Alltag gehören, für die es aber keine Verhaltensknigge irgendeiner Art gibt.

Wie geht man mit dem neuen Mann der Ex-Freundin um, der offenbar sehr viel Geld hat und ein arrogantes Arschloch ist, mit dem sich aber ein Zusammentreffen nicht vermeiden läßt, weil die kleine Tochter in seinem Haus wohnt? Wie teilt man ihm mit, daß es schön wäre, wenn er die Tochter nicht mit siebentausend Stofftieren in zwei Spielzimmern bestechen würde, wenn man sich selbst finanziell gerade mal so durchschlagen kann? Oder was ist die sozial akzeptable Art, einem One-night-Stand am nächsten Morgen zu sagen, daß eigentlich nicht nur eine Wiederholung ausgeschlossen ist, sondern auch ein gemeinsames Frühstück? Unter welchen Voraussetzungen darf man sich als Mensch in glücklicher Partnerschaft mit einem früheren Partner treffen, einfach nur so? Und wie kriegt man raus, ob die Table-Tänzerin wirklich Interesse an einem hat oder nur ihren Job richtig gut macht? (Okay, das letzte ist eine Spezialfrage.)

„LiebesLeben“ erzählt die Versuche der Frauen und Männer, diese und andere Fragen zu beantworten, teils fortlaufend, teils episodenhaft. Und auch wenn die Serie meist den kürzesten Weg zur nächsten trockenen Pointe ansteuert, geht sie doch auf eine ungewohnt zärtliche Art mit ihren Protagonisten um und gibt ihnen Tiefe und Aufrichtigkeit. Ihre Beziehungsgeschichten sind nicht nur lustig und bizarr, sondern auch wahr. Sat.1 hat diese Mischung offenbar aus Verlegenheit auf der Suche nach einem passenden Genrebegriff mit „Romantic Comedy“ bezeichnet, doch sie hat nichts von dem Süßlichen, das man mit diesem Begriff verbinden kann, sondern eher eine abgründige Komponente.

Es ist eine der innovativsten Comedyserien seit langem. Nicht nur, weil sie diese zweite, ernste Ebene hat. Sondern auch durch die Art, wie sie erzählt ist. Die Protagonisten sprechen mit dem Zuschauer aus dem Off und in die Kamera, in Einschüben wird Vergangenes, Erhofftes und Befürchtetes visualisiert, und wenn eine fast vergessene Nebenfigur am Ende einer Folge plötzlich wiederauftaucht, kann es sein, daß sie sagt, sie sei der Mann „vom Anfang der Folge“. Die Macher hatten offenkundig Spaß an kleinen Gags und daran, mit der Erwartung des Publikums zu spielen.

Und man muß zum Beispiel nur sehen, wie liebevoll der Stadtalbtraum Köln in Szene gesetzt wurde, mal kalt und großstädtisch, mal romantisch und attraktiv, um zu erkennen: Dieses Programm hat eine Seele. Vorspann, Musikauswahl, Schnitt, Regie (Tobi Baumann) – alles strahlt Leidenschaft aus. Und in den besten Momenten schaffen es die Schauspieler, ihre Charaktere von Comedyfiguren zu echten Menschen werden zu lassen, mit denen man fühlt. Allen voran Michael Lott als depressives Knautschgesicht Edwin, der zwischen Witzfigur und tieftraurigem Loser changiert. Julia Stinshoff als Caren darf endlich mehr als süß gucken, Florian David Fitz mehr als ein Serienschönling sein, und Bettina Lamprecht macht als schroffe Barfrau Sanne aus einer Nebenrolle ein Highlight.

Und dann steht Edwin samstags morgens wieder unter der nicht eingeschalteten Dusche und fragt sich, warum er sich überhaupt die Mühe macht aufzustehen, an einem Tag, von dem er doch nichts zu erwarten hat. Weil er doch wieder keine Frau treffen wird, die ihn akzeptiert, so wie er ist: ungeduscht und depressiv. Und entscheidet sich dann, sich trotzdem zu waschen, „denn wenn ein Mann schon abends allein und traurig nach Hause kommt, soll er dabei wenigstens gut riechen“.

(c) Frankfurter Allgemeine Zeitung

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