Generation Keramik

von Christoph Schultheis
16 Mrz 08
16. März 2008

Außer mit Interviews und PR-Auftritten, in denen die beiden Autoren des Sachbuchs „Generation Doof — Wie blöd sind wir eigentlich?“ (derzeit Platz 1 der Spiegel-Taschenbuch-Bestsellerliste) unablässlich andere und — bemerkenswert freimütig — auch sich selbst für doof verkaufen, bewirbt der Lübbe-Verlag seinen Bestseller auch mit ein paar hauseigenen „Kolumnen“ auf der Lübbe-Website, in denen die beiden Autoren sich und andere für doof verkauften, als sie noch nicht wussten, dass das Buch erfolgreich genug werden würde, um’s auch in Interviews, Interviews und PR-Auftritten tun zu können.

Na, jedenfalls schreiben die beiden in ihrer dritten Kolumne „Gläsern im Netz oder Der durchsichtige Doofe“, dass „viele aus der Generation Doof (…) ihren Mangel an Gehirn als gläserne Bürger im Internet“ zeigen würden, indem sie bereit seien, ihre „persönlichen Daten der Weltöffentlichkeit preiszugeben“. Und sie sind darin ziemlich entschieden.

Angst davor, ein Bürger aus Glas zu sein, hat offenbar kaum einer von uns virtuellen Selbstdarstellern. Kein Wunder, bei so wenig Innenleben. Wer interessiert sich schon ernsthaft dafür wie wir heißen, wo wir wohnen und welche ansteckenden Krankheiten und sexuellen Vorlieben wir haben – etwa Firmen, bei denen wir uns bewerben, unsere Versicherungsgesellschaft, unsere zukünftigen Liebhaber, anständige Betrüger von nebenan oder gar James Bond? Hirngespinste von gestern, sagt sich die Generation Doof und fühlt sich mit großer Gleichgültigkeit wie in Watte gepolstert.

Die „Kolumne“ endet mit einem Bekenntnis:

Da wir beide auch zur Generation Doof gehören und uns alles egal ist: Frau Weiss heißt Anne mit Vornamen, Herr Bonner Stefan. Wir sind beide Mitte dreißig, überwiegend hetero, teilweise trinkfest, haben an Aschermittwoch zuletzt in die Keramik geguckt, lieben Pasta mit Pesto, haben zurzeit 0,0 Euro auf dem Konto und unsere Lieblingstiere sind Thunfische in Dosen.

Unser Tipp: Wer sich so gläsern fühlt und gibt, sollte sich vielleicht nicht allzuweit weit aus einem Fenster lehnen. Denn Frau Weiss heißt nicht Weiss mit Nachnamen, Herr Bonner nicht Bonner. Das sind nur Pseudonyme.* Und woher wissen wir das? Man mag es gar nicht glauben: aus dem Internet.

*) Angeblich wurden die Pseudonyme gewählt, weil die Autoren eigentlich „Lektoren in einem großen deutschen Publikumsverlag“ (so der große deutsche Publikumsverlag Lübbe über Weiss und Bonner) sind und andere verlagseigene Autoren sich ungern von Lektoren betreuen ließen, die selber Bücher schreiben. So jedenfalls schildert es auf Nachfrage die Co-Autorin. Und eine gute Nachricht hat sie auch: Der ungeprüft übernommene und unwidersprochen weiterverbreitete doofe Fehler in ihrer „Generation Doof“ wird aus den kommenden Auflagen getilgt.

29 Gedanken
  1. 1
    Sascha Lobo says:

    Ehrlich gesagt ist mir dieses Selbstvermarktungsgetöse der beiden Sachbuchautoren zuwider. Sein Gesicht in wirklich jede Kamera zu halten, nur weil man ein pressefreundliches Generationen-Schlagwort erfunden hat – armselig. Würde mich nicht wundern, wenn die Autorin und der Autor bald die bescheuertesten Sachen machten, nur um ins Fernsehen zu kommen.

  2. 2
    Incontinece says:

    Wers denn wirklich wissen will: Am schnellsten ergoogelt man sie mit [EDIT] Mehr wird hier aber nicht verraten …

  3. 3
    Christoph Schultheis says:

    @ Incontinece
    @ Hasenfarm-Trackback

    Betr. [EDIT]: Ja, ich weiß. Man kann die beiden ergooglen, wenn man will. Hab‘ ich ja auch gemacht. Aber ich habe sie hier ja nicht deshalb anonymisiert, DAMIT man sie findet. Und schon gar nicht, damit jemand aufschreibt, WIE man sie findet. Wer Weiss und Bonner sind, ist doch wurscht.

    Wäre echt nett, wenn wir hier auf weitere Googletipps etc. verzichten könnten. Danke.

    Nachtrag, 22.14 Uhr: Inzwischen wurde der Eintrag auf der Hasenfarm geändert (und der EDIT im Trackback hier wieder entfernt).

  4. 4
    Marcus says:

    Dieses Machwerk hat ungefähr die gleiche Relevanz wie ein Witzebuch von Fips Asmussen.

  5. 5
    Sebastian says:

    Was war denn der große Hit davor?

    Deutsch Frau

    Wobei man für die „Generation Doof“ dann

    Deutsch – Frau
    Frau Deutsch

    drauf schreiben muß, weil sie es sonst nicht kapiert, von wegen Doppelpfeil und so.

    Es hat wirklich was von Riesenmaschine. Da berichten zwei Menschen davon, wie doof die Welt doch ist, und auf stefan-niggemeier.de muss die Intelligenz der Autoren beschworen werden, damit die Weissagung sich nicht selbst erfüllt.

    Zu spät.

  6. 6
    dude says:

    Klingt on target, aber nimm dir doch ein bisschen mehr Zeit zum Textabfassen, Christoph. Der erste Satz/Absatz, ist unlesbar und syntaktisch mehrfach fehlerhaft.

  7. 7
    Christoph Schultheis says:

    @ dude
    Das überflüssige sich ist gestrichen, ein s ergänzt, und auch an der Unlesbarkeit habe ich noch ein bisschen gefrickelt. Danke.

  8. 8
    weltherrscher says:

    frechheit!
    ich bin doch nicht doof.
    kein bisschen.
    überhaupt nicht.
    ich bin nur bluna..

  9. 9
    Andre says:

    Ich denke auch das viele Leute sozusagen „gläserne Bürger“ sind oder werden, weil sie es nicht besser wissen!
    Von wem kann man denn verlangen, sich ellenlange AGBß´s durch zulesen und irgendwo im vorletzten Absatz, diesen einen kleinen entscheidenden Satz zu finden?

  10. 10
    Christoph Schultheis says:

    @ Andre
    Naja, aber DAS stimmt schon:
    Unwissenheit schützt vor Doofheit nicht.

  11. 11
    Pepe says:

    ich finde das buch nicht schlecht und ja ich finde es absolut ok für pr sein sein gesicht in jede kamera zu halten.

  12. 12
    unbekannt(da nicht doof) says:

    Kann man dann jetzt auch sagen „Der Ehrliche ist der Doofe!“ ?

  13. 13
    Stefan says:

    @unbekannt: Ja. Oder: „Der Unehrliche ist der Doofe“.

  14. 14
    Stefan says:

    Ich hätte zu dem Buch noch eine ganz andere Frage: Kann mir jemand erklären, was das Cover bedeutet? Ist der Goldfisch doof, weil er sich so ein kleines Glas ausgesucht hat? Sind Goldfische generell doof? Oder Goldfischbesitzer? Sascha?

  15. 15
    h says:

    Goldfische haben eine Gedächtnisspanne von 3 Sekunden.

    Und da der Kreis im Goldfischglas in 4 Sekunden durchschwommen wird, leben sie darin relativ glücklich, weil ihnen immer alles neu vorkommt.

  16. 16
    Ommelbommel says:

    Ich finde es ja grundsätzlich gut, Goldfischgläser als das zu bezeichnen, was sie sind, nämlich doof (naja, eigentlich eher grausam).
    Vielleicht dachten sich die Autoren aber auch nur „Guck mal, wie blöd der guckt, den nehmen wir.“
    Was dann die Frage aufwirft, warum in dem Goldfischglas nicht Günther Beckstein schwimmt, aber das war wahrscheinlich eine Frage des Budgets.

  17. 17
    Iago says:

    Oder des Magels an passenden Goldfischgläsern…

  18. 18
    Jörg Friedrich says:

    @Stefan(15) Ich nehme an, das Bild soll ein Symbol für Doofheit sein, weil es ziemlich doof ist, einen so großen Fisch in so ein kleines Glas zu sperren. Es wurde halt ein Symbol für doofes Verhalten gesucht.

  19. 19
    Das_Wunder_von_Bern says:

    @ 16: Das ist ja auch irgendwo ein glückseliger Zustand…muss man nicht andauernd neuen Technikkram kaufen um Glückshormone freizusetzen. :-)

  20. 20
    Jeeves says:

    @15 In einer Kritik irgendwo (SpOn? SZ? Berliner Zeitung? Tagesspiegel?) las ich, dass das Umschlag-Bild eine Anspielung (oder ein Zitat, oder Verarschung) sein soll auf ein ähnliches „Generation…“-Buch (das ich aber nicht kenne)

  21. 21
  22. 22
    Jeeves says:

    Hast recht. Ich versteh’s auch nicht.

  23. 23
    doppeldoof says:

    im Welt-Interview steht „Gülcan Kaharanci“,
    sie heisst aber „Gülcan Karahanci“.

  24. 24
    polyphem says:

    Es wächst ein Fisch solang er lebt.
    Bis er dann an der Scheibe klebt.

  25. 25
    marc says:

    @15,22,23: Goldfisch ist offenbar eine Metapher für Mangel an Gedächtnis und somit im weiteren Sinne für Dummheit. Ein Beispiel für die Verwendung des Begriffs Goldfisch: http://blog.redled.de/?p=14

  26. 26
    Christian says:

    „Angst davor, ein Bürger aus Glas zu sein, hat offenbar kaum einer von uns virtuellen Selbstdarstellern. Kein Wunder, bei so wenig Innenleben. Wer interessiert sich schon ernsthaft dafür wie wir heißen, wo wir wohnen und welche ansteckenden Krankheiten und sexuellen Vorlieben wir haben – etwa Firmen, bei denen wir uns bewerben, unsere Versicherungsgesellschaft, unsere zukünftigen Liebhaber, anständige Betrüger von nebenan oder gar James Bond? Hirngespinste von gestern, sagt sich die Generation Doof und fühlt sich mit großer Gleichgültigkeit wie in Watte gepolstert.“
    Ein Kern Wahrheit steckt trotzdem in dieser Aussage. Solcherart Pauschalisierung ist natürlich widerwärtig, manch einer weiß sich halt nicht anders weiter: Provozieren, um Aufmersamkeit zu erregen.

  27. 27
    karina marlena sareyka says:

    dem letzten Satz kann ich nur zustimmen. aber es funktioniert ja!

  28. 28
    Felix says:

    @21
    Vielleicht war „wenn ich mal groß bin – Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche“ gemeint.
    Meine Meinung zum Generationending:
    http://www.real-satire.de/satire.php?id=36

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