Belgrad Calling

Herr Heinser, Sie haben sich alle 43 Teilnehmer des Grand-Prix 2008 vollständig angehört. Wie würden Sie diese Erfahrung beschreiben?

Es war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber eine große Herausforderung für einen einzelnen Menschen mit nur zwei Ohren.

In Belgrad wird schon seit Tagen geprobt, in Deutschland ist die Jagdsaison für Käseigel eröffnet und zwischen Baltikum und Kaukasus macht man sich bereit, sich die Punkte schneller zuzuschanzen, als man „Ostblockmafia“ sagen kann: Es ist Grand-Prix-Zeit!

Nach dem neuen Modus müssen sich alle Länder außer den vier großen Geldgebern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien) und dem Vorjahressieger (Serbien) erst in einem von zwei Halbfinals für das Finale am Samstag qualifzieren. Im ersten Halbfinale am Dienstag dürfen auch die deutschen Fernsehzuschauer mitstimmen.

Wenn es einen neuen Trend gibt in diesem Jahr (neben dem weiteren Vormasch von dramatischen Balladen mit osteuropäischem Gefühl), dann ist es der zu gewolltem Trash (im Gegensatz zu dem unfreiwilligen, unvermeidlichen Trash, der seit Jahrzehnten elementarer Bestandteil des Grand-Prix ist). Die Masse des Feldes aber teilt sich ungefähr gleichmäßig auf in weniger oder weniger geglückte Versuche, internationale Poptrends zu kopieren, und eigenartige Kompositionen, die man nur beim Eurovision Song Contest zu hören bekommt, was ebenso für wie gegen die Veranstaltung spricht. Vom singenden Truthahn (Irland) über Dschinghis-Khan-Wiedergeburten (Lettland), einen Opernsänger (Rumänien), harte Rocker in Leder (Finnland) bis hin zur Hiphop-Reggae-Pop-Fusion (Bulgarien) ist gegen jeden Geschmack etwas dabei.

Lukas von Coffee & TV und ich haben uns auch dieses Jahr vorab durch die Videos der Teilnehmer gekämpft und versucht, die Spreu von der anderen Spreu zu trennen. Unseren großen Grand-Prix-Führer 2008 finden Sie hier (nicht erschrecken: mit Fotos!).

Beim britischen Buchmacher William Hill liegen aktuell übrigens Russland, Serbien, die Ukraine und Armenien vorne und Deutschland weit abgeschlagen im Mittelfeld, aber das muss nichts zu bedeuten haben.

Und hier ist ein erstes Votum der Jurys aus Bochum und Berlin:
 

Bochum Berlin
Titel, die man sich wirklich anhören kann Schweiz Serbien
Dänemark Moldau
Frankreich Kroatien
Favoriten Schweden Serbien
Polen Albanien
Kroatien Rumänien
So schlecht, dass es schon wieder gut ist Belgien Bulgarien
Andorra Schweden
Malta Malta
Nur schlecht Island Zypern
Lettland Lettland
Spanien Weißrussland

Sendetermine:
1. Halbfinale: Dienstag, 21 Uhr, NDR-Fernsehen
2. Halbfinale: Nacht auf Freitag, 0.45 Uhr, NDR-Fernsehen (Aufzeichnung)
Finale: Samstag, 21 Uhr, Das Erste

Die Videos aller Kandidaten kann man sich auf der offiziellen Seite eurovision.tv ansehen.

39 Replies to “Belgrad Calling”

  1. „wir“ werden wieder gewinnen, wie immer.

    und dann schimpfen, über die ungerechtigkeit die uns geschieht… und dass das kein mensch sieht…

    .~.

  2. Puh, leider habt ihr Unrecht. Der Sieger steht schon fest, wie ich auf meiner Homepage schon längst geschrieben habe.

    Aber eigentlich steht nur eines fest. Die 4 großen geldgeber, die sich direkt ins Finale bugsieren tun sich damit keinen Gefallen. Es gewinnt nur, wer auch schon im Halbfinale zu hören war.

  3. Jetzt bin ich aber etwas enttäuscht…wo ist Dustin in der Tabelle? Oder ist das der Überraschungssieger, der vorher nicht gewettet wird? Wir werden extra Truthahnsteaks grillen am Samstag!

  4. Gibt’s eigentlich auch diesmal wieder ein Liveblogging? (war das überhaupt hier? *grübel* – sonst das »diesmal wieder« streichen :D)

  5. @grey²³, Patrik: Puh, ich bin noch etwas unentschlossen. Die technischen Probleme des Livebloggings sind ja noch immer nicht gelöst und es macht das eigene Angucken so ein bisschen unentspannt… Ich überleg’s mir und gebe Bescheid!

  6. Ich sehe schon, der Auto hat ein genauso beschissenes Verhältnis zum Grand Prix wie ich und kann es trotzdem nicht lassen, immer wieder darüber zu schreiben. Ich verbrenne mir auch immer wieder die Finger. Ich verbringe auch immer wieder einen Abend im Mai vor der Glotze und ärgere mich hinterher und schwöre mir, es im nächsten Jahr nicht zu machen. Und ich tue es trotzdem. Und dann blogge ich und ärgere mich die verschwendete Zeit des Fernsehens und des Bloggens.

    Irgendein Staat aus dem Baltikum oder Balkan wird schon gewinnen. Da müssen wir uns sicher keine Sorgen machen. In diesem Sinne viel Spaß beim Aufregen!

  7. Mir ist es ein Rätsel, wie ein durchaus angesehener Medienjournalist sich Jahr für Jahr über die immer gleichen Geschmacksirrungen und -wirrungen dieser „Europameisterschaft für Schwule“ auslassen kann:

    Ich habe nichts dagegen, ab und zu mal ein lockereres Thema anzusprechen – aber doch keins, zu dem in den letzten Jahren nun wirklich schon alles irgendwann mal geschrieben worden ist.

  8. @Kixx: Aber weder ärgere ich mich hinterher darüber, es gesehen zu haben, noch über das Ergebnis. Ich rege dann eher über die auf, die sich darüber aufregen (siehe ganz oben den Link unter „Ostblockmafia“).

  9. Genau, irgendeiner aus dem Basilikum gewinnt doch eh‘ immer – und Ihr seid Euch auch nicht sehr einig, der Herr Heinser und Du.

    Ich lege mich nach dem Betrachten der Bilder und dem Lesen Eurer Kommentare fest: Die Schweiz mit Paolo Meneguzzis „Era Stupendo“ wird’s machen. Alles andere wäre Spekulation.

  10. @Stefan(18): Ja, das Phänomen beobachte ich jetzt schon eine ganze Weile. Die Rezeption der Rezeption wird rezipiert. Ich lese das total gern, besonders auf dieser Seite, in diesem Blog. Aber irgendwie kann ich nicht glauben, dass man diese Zirkusveranstaltung schauen kann, ohne sich aufzuregen. Wie geht das? Ja, den Ablauf kennt man seit Jahren oder Jahrzehnten. Aber muss da nicht die Hoffnung sein, dass sich irgendwann etwas ändert? Ok, etwas salbungsvoll jetzt..

  11. @Kixx: Nö. Ich hab den Grand-Prix ein paar Jahre als Kind mit größter Anteilnahme verfolgt, und dann vor ein paar Jahren nochmal als Journalist. Inzwischen verfolge ich das mit weniger Leidenschaft und mehr Distanz einfach als skurilles, oft sehr unterhaltsames Event. Und in den meisten Jahren gibt es dabei neben der Konträrfaszination des Schrecklichen auch Dinge zu entdecken, die einfach toll sind. Eine Ska-Band aus der Türkei zum Beispiel.

  12. Das ist ja eine Form der Spielverderberei.
    Die, die keine Schlager mögen, schauen sich das an, so wie man früher ins Panoptikum ging, Bucklige kucken, Siamesische Zwillinge, den Mann mit drei Ohren.

    Wer sich das anhört, solange die Stones noch touren, ist selbst schuld.
    Da waren doch Bill Haley und Elvis weiter.

    Senile Zombies allerorten – ts, ts, ts.

  13. Ich bin traurig! Gestern habe ich einen sehr wohlwollenden und differenzierten Post geschrieben (irrtümlicherweise in der Annahme, ich sei der erste Poster, dabei saßen alle Kommentare nur noch in der Approve-Warteschleife), und Stefan hat ihn abgelehnt. *schluchz*

  14. Weder gefällt es mir, dass Sie mein Pseodonym verballhornen, noch dass Sie mich „Kleiner“ nennen. Habe ich da wohl einem Niggemeier-Hörigen auf die Füße getreten? Andersherum werden ins Beleidigende abdriftenden Kommentare hier ja auch schon mal schnell gelöscht, manche genießen aber wohl ein paar Privilegien.

    Was ist die Lehre: Eine vernünftige Position zu Unholden wie denen von PI macht immer noch keine achtenswerte Persönlichkeit. Dazu fehlt es hier immer noch an zu vielem.

  15. Äh… welche Deiner (ruhrpottjunge) Aussagen soll denn dazu geeignet gewesen sein, jemandem auf die Füße zu treten?
    Und dafür, wie häufig Du hier kommentierst, solltest Du langsam mal das „Niggemeier-Hörigen“-Vokabular austauschen, es ist das dümmlichste und meiststrapazierte Argument in diesem Blog – und nervt!!!
    Im Übrigen bin ich auch erstaunt, dass der Hausherr den Grand Prix (und das Dschungelcamp) mag, aber… es ist sein Blog, und da darf er schreiben, worüber er will

  16. @Manuel: Auf die Gefahr hin, schrecklich altklug zu klingen: Die einfachste Art, so eine Debattiererei zu verhindern, ist, sich einfach selbst nicht an ihr zu beteiligen.

    @ruhrpottjunge: Sie müssen meine Persönlichkeit nicht achten (was immer das bedeuten mag). Wenn Sie sich für ein Thema nicht interessieren, könnten Sie es z.B. einfach ignorieren. Ich fand Manuels Antwort herablassend, aber nicht beleidigend. Und das Bedürfnis, auf Ihren Kommentar herablassend zu antworten, kann ich gut nachvollziehen.

  17. Warum lädt mein Kommentar zu einer herablassenden Antwort ein? Schreib ich selbst etwas Herablassendes? Oder schreibe ich nicht durchaus von einem „angesehenen Medienjournalisten“?

    Ist es so ungewöhnlich, nicht nur über die Themen, sondern auch über die Auswahl von Themen nachzudenken? Ist es nicht vielleicht sogar ein Kompliment, wenn ich den Eindruck habe, dass jemand zu mehr befähigt ist als zum Kommentieren einer durch und durch irrelevanten Veranstaltung?

    Nun, manche Reflexe passieren einfach so, manchmal springt der Leibweichter über alle Maßen dienstbeflissen herbei, auch wenn in Wirklichkeit niemand den Star angreifen wollte.

    A-NON-riverderci.

  18. Das „ruhrpottmafia“ tut mir leid. Das war nicht als Beleidigung gedacht, sondern ich dachte, tatsächlich Du heisst so, weil ich zu faul war, nochmal hoch zu scrollen.

  19. Und angesichts der dauernden Diskussionen um eine „Ostblockmafia“ lag dieser Fehler ja auch nahe, oder?

    ;-)

    Ich entschuldige mich auch, für die Unterstellung, du hättest Stefan Niggemeier nur reflexartig verteidigt. Vielleicht hast du seine Themenauswahl auch verteidigt, weil du sie für gelungen/angemessen/seine Sache hältst.

    Mich interessieren andere Themen mehr. Und diese werde ich in Zukunft lesen, in anderen lasse ich zumindest das Schreiben.

  20. #37 ACK. Kroatien hat dieses „DJ dreht Ton ab und alle singen den Refrain mit“ feeling für alle Bildungsschichten von 18-49. Mal gucken.

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