FTD-Online: Intel inside

Was für eine schöne Idee: Die „Financial Times Deutschland“ (FTD) schickt einen Journalisten und einen Kameramann durch die Bundesrepublik und lässt sie innovative Unternehmen besuchen. In einer liebevoll produzierten Videoreihe auf „FTD-Online“ porträtieren sie die „Innovationsführer aus Deutschland“, die zum Beispiel wegweisende Medizintechnik entwickeln.

Hm?

Ja, richtig: Die „FTD“ hatte dieselbe Idee, die die „Welt“ schon hatte, nämlich die von und für Intel produzierten PR-Filme des Projektes „Deutschlandreise“ als redaktionellen Content zu verwenden.

Allerdings war „FTD-Online“ (anders als „Welt Online“) nicht so dreist, ihren eigenen FTD-TV-Vorspann vor oder das eigene Logo auf das Intel-Video zu bappen. Und, wichtiger Unterschied: Der Auftraggeber wird im Artikel selbst genannt, wenn auch etwas versteckt im vierten Absatz und mit einer Formulierung, die die Beziehung zwischen Intel und den Videos auf „FTD-Online“ eher verschleiert als erklärt:

Der Versuch, sich diese Konstruktion von der „FTD“ erklären zu lassen, gestaltete sich erstaunlich schwierig. Die Pressestelle beantwortete meine am Dienstagmittag gestellten Fragen am Mittwochabend zunächst wie folgt:

Was bedeutet die Formulierung, FTD-Online „präsentiert“ diese Filme?

„Präsentiert“ heißt, dass wir die Unternehmen auf ftd.de zeigen.

Ist FTD-Online in irgendeiner Weise redaktionell an der Produktion dieser Filme beteiligt?

Die Online-Kollegen waren im Vorfeld an der Auswahl der Unternehmen beteiligt, die auf der Deutschlandreise besucht werden sollen. Sie entscheiden auch, welche Filme und welche Unternehmen auf FTD.de vorgestellt werden und welche nicht.

Ist es üblich, dass die FTD PR-Filme von Unternehmen in dieser Form in ihren Online-Auftritt einbaut?

Wir betrachten die Videos des „Projekt Deutschlandreise“ nicht als PR-Filme. Wir behalten uns grundsätzlich vor, ggf. Sequenzen von Unternehmensvideos zu verwenden, wie dies auch bei TV-Sendern üblich ist. Wenn wir dies tun, kennzeichnen wir sie entsprechend, so wie wir die Quellen generell kennzeichnen.

Hat Intel für die Platzierung ihrer Filme im Online-Angebot der FTD Geld gezahlt?

Nein. Es gibt auch keine Intel-Werbung in den Videos. Aktueller Werbepartner des FTD-Videoplayers ist der Softwareanbieter Sage.

Ich bezweifle sehr, dass das stimmt: dass Redakteure von „FTD-Online“ „im Vorfeld an der Auswahl der Unternehmen beteiligt“ waren. Wie plausibel ist es, dass die „FTD“ ein Projekt mit Intel plant, das dann aber monatelang nur auf der Intel-Seite und dann zunächst auf „Welt Online“ erscheint?

Ein bisschen konterkariert wurde die Antwort der „FTD“ an mich auch dadurch, dass ungefähr gleichzeitig die Seite mit dem Video aus dem Angebot von FTD-Online verschwand und mir aus der Chefredaktion der „FTD“ bedeutet wurde, man sei alles andere als glücklich über das Projekt und die Art der Kooperation.

Deshalb habe ich gestern abend noch einmal offiziell nachgefragt, warum man das Angebot gleichzeitig verteidigt und beseitigt. Heute mittag bekam ich folgende Antwort:

Die Online-Kollegen waren im Vorfeld an der Auswahl der Unternehmen beteiligt, die auf der Deutschlandreise besucht werden sollen. Wir haben aber letztlich nur ein Video auf FTD.de gezeigt, da wir mit der Umsetzung nicht glücklich waren. Mittlerweile haben wir das Video von der Site genommen. Geld ist dabei nicht geflossen. Die Kooperation war rein redaktionell.

Ich halte den Anfang dieses Statements für eine Lüge, den Mittelteil für eine Ausrede und das Ende für rätselhaft.

Auch bei Intel widerspricht man der Darstellung der „FTD“. Die Liste der zu besuchenden Unternehmen habe allein der Chip-Hersteller bestimmt; die „FTD“ habe allein bestimmt, wann und in welcher Reihenfolge sie selbst die (gegenüber dem Original anders geschnittenen) Filme zeigt.

Dass die Zusammenarbeit nun abrupt beendet ist, bedauert Intel-Sprecher Hans-Jürgen Werner. Mit dem „Projekt Deutschlandreise“, in dem viel Herzblut stecke, habe das Unternehmen Neuland betreten. Die Wirren um die Zusammenarbeit mit „Welt Online“ und „FTD-Online“ verbucht er als Lernerfahrungen im Umgang mit einem neuen Medium. Es sei nicht darum gegangen, verdeckt Inhalte zu platzieren.

Falls die „Financial Times Deutschland“ noch weitere Versionen des Ablaufes auftreibt, werde ich sie natürlich hier nachtragen.

18 Replies to “FTD-Online: Intel inside”

  1. Ich denke mal so sieht die Zukunft der Werbeindustrie aus. Tricksen und Betrügen gehört ja schon seit längerer Zeit dazu aber Verschleiern klappt noch nicht so gut. Naja noch 5 Jahre Verdummung und keiner regt sich mehr drüber auf. dann löst sich das Problem von alleine…

    Ps: ich meine es gab in einigen skandinavischen Ländern eine funktionierende Werbeaufsicht. Utopie oder Legende?

    Gruß
    Anita B.

  2. Ich bin mir nicht sicher, ob man hier Intel einen Vorwurf machen kann. Auf der Homepage „Projekt Deutschlandreise“ ist der Absender klar und deutlich angegeben.

  3. Ich reime mir das mal so zusammen:

    1. die Macher haben die Idee zur Deutschlandreise
    2. Sie klopfen bei diversen Redaktionen an
    3. Redaktionen sagen: Ist ja interessant, brainstormen ein wenig mit – und dann: ist uns zu teuer.
    4. Macher finden in Intel einen Sponsor
    5. Redaktionen sagen: Ist ja prima, packen wir auf unsere Seite

  4. Ich glaube auch, Intel ist der große Gewinner bei dieser Sache. Soviel Aufmerksamkeit ohne selbst kritisiert zu werden, im Umfeld eines Blogs ist die perfekte Werbung ;)

    Dieser Kommentar wurde ihnen präsentiert von „Coca Cola“.

  5. Stefan: Schade, die Puzzleteile passten so schön zusammen. Das darfst Du mir jetzt nicht kaputtrecherchieren. :-P

  6. Ja, ja.

    Geld ist dabei nicht geflossen.

    Nur ein paar neue Laptops für die Redaktion, eine Weltreise für den Chefredakteur und ein paar Essen für die Ressortleiter. Oder so.

  7. Intel hat sich nichts vorzuwerfen. Das ist zwar PR, aber schöne PR. Ich finde es schade, dass die (bisher zwei) Onlinezeitungen es schaffen, die Aktion so ins Zwielicht zu ziehen.

  8. Wie man sieht, PR steht immer unter Generalverdacht. Muss wohl was unmoralisches sein.

  9. @1. „Ich denke mal so sieht die Zukunft der Werbeindustrie aus. Tricksen und Betrügen gehört ja schon seit längerer Zeit dazu“
    Hm, ist „T. und B.“ nicht sogar der einzige Inhalt, der alleinige Sinn und Zweck von Reklame?

  10. ich würde sagen, da spielt ein Gutteil Überheblichkeit bei den Redaktionen rein – man präsentiert ja nicht einfach Inhalte eines Dritten, das sähe ja aus als wäre man nicht selbst toll. Nen ordentlichen Aufkleber drauf (Vorspann/Text geschickt formulieren) und schon ist es was eigenes.

    Schade, man könnte das einfach klar und deutlich als von Intel gesponsort ausweisen und m.E. hätte kein Leser ein Problem damit, solange der Inhalt gut ist.

    Ein ähnliches Phänomen beobachte ich auch immer wieder, wenn’s um’s Zitieren geht; viele Medien tun gerne so, als hätten sie selbst etwas rausgefunden, oder verstecken sich hinter Formulierungen wie „Gegenüber einem Nachrichtenmagazin sagte…..“ oder so. Aber niemals würde der SPIEGEL schreiben, „wie der STERN recherchierte….“.

  11. kleiner Rechtschreibfehler..
    …und mir aus der Chefredaktion der „FTD” bedeutet wurde,..
    und dann das hier bitte löschen, alleine schon damit sich die Leute wieder freuen können, die beweisen können, dass hier alternative Meinungen zensiert werden.
    Oder sowas künftig per mail?

  12. Wenn Sie mal schauen mögen:
    Unter dem Titel „vwsds“ zeigt Spiegel online einen „Schrägen Mitarbeiter Songcontest“, den man getrost als mühsam kaschiertes Werbevideo für den Scirocco und den ach so coolen Wolfsburger Autokonzern verstehen kann. Hier der Link:
    http://www.spiegel.de/video/video-30660.html

  13. Siehste Stefan: Diesmal haste nett gefragt und eine Antwort erhalten. :-)
    –Auch wenn’s ’ne Lüge war: Ich hab’s ja gleich gesagt: Der Ton macht’s —

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