Lena

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Ich sag das nicht oft, aber Sie hätten mich sehen sollen, am Freitagabend, auf meinem Fernsehsofa, als Lena „Love Me“ sang, einen ungemein gut gelaunten Popsong, den ihr Stefan Raab geschrieben hatte und den sie mit einer unbändigen Lust präsentierte: Ich saß da mit einem drei Minuten anhaltenden, breiten, sinnlosen Grinsen.

Das Publikum hat sich dann für ein anderes Lied entschieden, mit dem Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest antreten soll, aber das nimmt dem Moment nachträglich nichts von seinem Zauber.

Momente zu schaffen, das ist das, was Unterhaltungsfernsehen am besten kann. Wie die erste Begegnung mit dieser 18-jährigen Kandidatin, ihrem Auftritt in der Premierenshow vor Wochen mit „My Same“ von Adele, mit dem sie allen innerhalb von Sekunden den Kopf verdrehte. (Und das sie übrigens gegen den Rat von Raabs Band durchsetzte, indem sie schlicht mit Abreise drohte.) Oder ihr Satz „Mein ganzer Körper ist voll mit kleinen guten Sachen“ am Anfang der Finalshow. Oder auch nur die Szene, in der sie erklärte, wie sie sich aus zwei Lippenstiften mit Fanta- und Cola-Geschmack ihre Lieblingssorte Mezzo-Mix zusammenschminkt. Lena ist Momentezaubermeisterin. „Hussa, das wird ein Spaß“, sagte sie.

„Unser Star für Oslo“ sollte „nachhaltiger“ werden als Dieter Bohlens Demütigungs- und Kandidatenverbrennshow „Deutschland sucht den Superstar“, hieß es. Dabei wurde in Raabs Sendung viel seltener behauptet, es gehe darum, durch einen Sieg die Erfüllung eines Lebenstraumes und eine dauerhafte Karriere zu gewinnen (was ohnehin nicht einmal mehr das RTL-Publikum glaubt). Es ging eigentlich immer nur um zwei Momente: Den einen, hier, jetzt, auf der Bühne, bei dem der Funke überspringen muss. Und einem Moment Ende Mai in Oslo, wenn in einem absurd großen Rahmen zig Millionen Zuschauern verzaubert werden wollen.

Was dann passiert und danach, weiß niemand. Genau so wenig, ob diese erstaunliche, polarisierende junge Frau, für die man das Wort „keck“ mal vom Sechziger-Jahre-Muff befreien müsste, das Zeug hat, auf Dauer die Menschen für sich und ihre verquer-lässige Art, Musik zu machen, zu begeistern.

Dafür ist dann aber das Fernsehen nicht mehr zuständig. Dort muss sie nur ein paar Europäern für einem Moment ein ähnliches Glücksgefühl verschaffen, sie entdeckt zu haben, wie es ihr in Deutschland gelang. Das ist schon alles.