Von Unschulds- und anderen Vermutungen

23 Mrz 10
23. März 2010

In viele Berichte über die Vorwürfe gegen Jörg Kachelmann mischt sich ein merkwürdiges Bedauern: Ja, es sei nicht auszuschließen, dass der Mann unschuldig ist, aber man müsse wohl davon ausgehen, dass seine Karriere in jedem Fall erledigt ist, auch wenn er freigesprochen wird oder es gar nicht zur Anklage kommen sollte, leider, die Welt ist da nicht gerecht.

Wie verlogen ist das, bitte?

Wenn das stimmt, wenn also schon die Berichterstattung über einen Verdacht gegen einen Prominenten sein Leben zwangsläufig zerstört, dann kann es daraus doch nur eine einzige Konsequenz geben: nicht über diesen Verdacht zu berichten. Die Abwägung zwischen den Interessen der Öffentlichkeit und denen des Betroffenen fiele in diesem Fall leicht. Wenn über jemanden nicht berichtet wird, der sich später als schuldig herausstellt, wäre das Opfer der Öffentlichkeit nur, spät davon erfahren zu haben. Wenn über jemanden berichtet wird, der sich später als unschuldig herausstellt, wäre sein Opfer seine ganze Karriere.

Die Medien tun so, als müssten sie über den Fall berichten, auch um den Preis, einen Unschuldigen zu ruinieren. Das ist wieder die alte Diskussion, ob Journalisten nur für den Inhalt dessen, was sie schreiben, verantwortlich sind, oder auch die Folgen. Zum Berufsethos von Journalisten gehört es, die Verantwortung für die Folgen ihrer Berichterstattung abzulehnen.

An einigen Stellen wird jetzt sogar nicht mehr darüber diskutiert, ob es erlaubt ist, über den Fall zu berichten, sondern ob es erlaubt ist, nicht über den Fall zu berichten. Stefan Winterbauer macht auf „Meedia“ der „Tagesschau“-Redaktion Vorwürfe, weil sie (aus guten Gründen, wie ich finde) den Fall nicht in der Sendung behandelte. „Spätestens, als Kachelmanns Anwalt sich öffentlich zur Sache geäußert hat, war der Fall ein Thema für jedes Medium“, schreibt er, und er meint damit offenbar, dass nicht nur jedes Medium berichten durfte (was auch zweifelhaft ist), sondern musste. Eine Informationspflicht hat, wenn ich ihn richtig verstehe, schon deshalb bestanden, weil sich Zuschauer, die die Dienstpläne von Meteomedia kennen, sich hätten wundern können, warum Kachelmann nicht den Wetterbericht macht. Ja, klar, dafür kann man natürlich schon mal die Karriere eines Menschen aufs Spiel setzen.

Als mahnendes Beispiel dafür, wie gefährlich genau das ist, was die Medien gerade tun, nennen dieselben Medien dann den Namen Andreas Türck. Das ist vermutlich gut gemeint, denn der Fall ist tatsächlich ein mahnendes Beispiel. Aber dadurch, dass man es erwähnt, macht man eigene Berichterstattung in Sachen Kachelmann noch nicht besser. Und womöglich geschieht auch der Hinweis, dass Kachelmanns Karriere vor der Kamera nun bestimmt ebenso zuende ist, wie sie es bei Türck trotz seines Freispruchs damals war, in bester Absicht. Aber der Effekt könnte der gegenteilige sein: Solche Sätze haben den Hang zur self-fulfilling prophecy. Wenn alle sich einig sind, dass es das ja wohl war mit Kachelmann als Wettermann, dann ist es das schnell tatsächlich gewesen mit Kachelmann als Wettermann.

Auf die Gefahr hin, dass meine Haltung paradox klingt: Ich bin nicht der Meinung, dass die Medien über den Fall Kachelmann hätten berichten sollen geschweige denn müssen, denn der tatsächliche und potentielle Schaden für den möglicherweise Unschuldigen ist riesig. Aber ich bin auch nicht der Meinung, dass jetzt schon fest steht, dass Kachelmanns Karriere damit beendet ist. Bei aller Misanthropie, die mir nicht fremd ist: Das wäre schon sehr erschütternd, wenn die Mahnung „irgendwas bleibt immer hängen“ zwingend eine so unausweichliche, folgenreiche Tatsache wäre.

Bei Andreas Türck übrigens war es nicht irgendein Naturgesetz, das dazu führte, dass er bis zu seinem Freispruch und auch noch danach wie ein Schuldiger behandelt wurde. Es war die Folge einer verachtenswerten Kampagne vor allem von „Bild“ und „Bild am Sonntag“, auf deren Höhepunkt ein Mann namens Stefan Hauck, der auch heute noch für „Bild am Sonntag“ arbeitet, über Türcks Leben richten und es als „erbärmlich“ abtun durfte. (Nicht zu vergessen die lustige Kolumnistin Evelyn Holst, die den Moderator nach seinem Freispruch noch zur „peinlichen Person“ erklärte.)

Der von vielen Medien häufig mit einem Experten verwechselte In-Mikrofone-Sprecher Jo Groebel hat laut dpa im Radio gesagt, es gebe „einen schweren Imageschaden“ für Kachelmann, und wie zum Beiweis hinzugefügt: Auch bei Roman Polanski werde nach 30 Jahren immer noch darüber geredet. Irgendwie scheint Groebel vergessen zu haben, dass Polanski damals unbestritten Geschlechtsverkehr mit einem 13-jährigen Mädchen hatte, dass er vor dem Urteilsspruch aus den USA geflohen ist und dass über die Sache deshalb gerade wieder geredet wird, weil er erst vor kurzem aufgrund eines internationalen Haftbefehls verhaftet wurde.

Aber wenn er Kachelmann nicht gerade mit Polanski vergleicht, ist sicher auch Jo Groebel total dafür, niemanden vorzuverurteilen.

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235 Gedanken
  1. 102
    Sebastian says:

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