Ist Merkel noch zu retten?

Gerade zufällig auf der „Spiegel Online“-Startseite den Link ins Archiv zu einer alten „Spiegel“-Ausgabe entdeckt:

Helmut Kohls Kanzlerschaft steht zur Disposition.

(…) Beklagt werden Kohls mangelnde Entscheidungskraft und Verläßlichkeit, das Fehlen einer Konzeption, Mißmanagement in der Regierungszentrale. Die Diskussion spitzt sich, nach dem CDU-Wahldebakel an Rhein und Ruhr, bei Christ- und Freidemokraten auf die Frage zu: Ist mit Kohl 1987 die Bundestagswahl noch zu gewinnen? Ist die Koalition aus CDU und den sich bekriegenden kleinen Partnern CSU und FDP überhaupt noch regierungsfähig? (…)

Das Deutsche Fernsehen verbreitete letzten Freitag neueste Zahlen des Infas-Instituts, wonach nur noch 38 Prozent Kohl als Kanzler sehen wollen – ein Prozent weniger als den letzten SPD-Bewerber Hans-Jochen Vogel. Und die CDU/CSU würden heute nur noch 43 Prozent wählen – 5,8 Prozent weniger als am letzten Wahltag und ebensoviel wie jetzt die SPD (1983: 38,2 Prozent). (…)

Weizsäcker könnte Kanzler werden. Der Schwenk der „Bild“-Zeitung von der Kohl-Wahlhilfe zur Anti-Kohl-Kampagne.

(…) Entsetzt sichteten Kohl-Helfer harte Kritik von der „FAZ“ bis hin zu Springer-Blättern wie der „Welt“ und dem „Hamburger Abendblatt“, das am Mittwoch mit der Schlagzeile erschien: „Kohl hat die Erwartungen nicht erfüllt“. Der „Abendblatt“-Kommentar begann mit dem vernichtenden Satz: „Des Kanzlers betuliche, oft selbstgefällige Art kommt nicht mehr an.“

Als geradezu katastrophal werten Parteistrategen die radikale Wende, die Axel Springers „Bild“ vollzog. Das Boulevard-Blatt, mit zwölf Millionen täglichen Lesern bislang wichtigste publizistische Stütze Kohls, verfolgt den Oggersheimer neuerdings ähnlich gnadenlos wie einst den SPD-Kanzler Brandt. (…)

Dem Wahlschock in der Westregion folgte Dienstag letzter Woche die „schreckliche Umfrage“ („Bild“): Fast 60 Prozent der Bevölkerung seien, so Emnid, mit Kohls Leistung unzufrieden. „Bild“-Schlagzeile: „Kohl – der Riese wankt“.

Zugleich machte sich „Bild“-Kolumnist Mainhardt Graf Nayhauß über Kohls Entschlußlosigkeit lustig. Kohl habe zwar begriffen, „daß er etwas gegen seinen rapiden Ansehens-Verlust tun“ müsse, sei aber nicht in der Lage, „etwa ruckzuck“ zu handeln: „Er sitzt die bisher schwerste Krise seiner Kanzlerschaft wieder aus.“

Das Heft ist von 1985. Helmut Kohl regierte danach noch 13 Jahre.

69 Replies to “Ist Merkel noch zu retten?”

  1. Moin
    er regierte 13 Jahre, aber doch nur, weil die Mauer fiel und er die Chance darin genutzt hat (und Cola Dosen mit den Worten: „Wählt uns, wir bringen die D-Mark!“ verteilt wurden).

    Wenn also nichts epochales geschieht, wird uns Merkel keine 13 Jahre mehr erhalten bleiben.

    Grüße
    Der Dingens

  2. Merkel scheint das selbe Glück, wie damals Kohl zu haben. Es ist nich der starke Mann, schon gar nicht die starke Frau zu sehen, dem/der mehr zugetraut wird…oder kann sich irgendwer Frank-Walter oder Siggi Pop ernsthaft als Kanzler vorstellen…

  3. @Dingens

    Das zitierte Heft ist von 1985, drei Jahre war Kohl zu dem Zeitpunkt im Amt. Seine erste Wiederwahl kam 1986, seine zweite 1990 – nur eine von diesen beiden hatte mit seinem unbestritten guten Händchen bei der Vereinigung Deutschlands zu tun. 1994 wurde Helmut Kohl wiederum im Amt bestätigt – und ich bezweifle jetzt doch sehr ernsthaft, dass es dabei immer noch um die Aufhebung der deutschen Teilung ging.

    Wir haben uns damals immer wieder gewundert, was für ein Stehaufmännchen er doch war, was er, bezogen auf Macht schaffen und erhalten, zwischen 1969 und 1998 geleistet hat. Immer wieder verlor er, um einige Zeit später noch mächtiger wieder da zu sein. Während seiner Kanzlerschaft war er praktisch nie strahlend anerkannter Sieger, er stand unter konstantem Sperrfeuer jener, die, wie der Spiegel im Beispiel, meinten, nun sei es bald vorbei.

    Kohl hat bisher die längste Kanzlerschaft Deutschlands geschafft – Bismarck nicht eingerechnet. Wollen wir hoffen, dass tot gesagte [in diesem Fall Kohls Mädchen] nicht länger leben …

  4. Ihr müßt euch mal die Tageschauen vor 20 Jahren anschauen, ich bin immer wieder überrascht wie die Themen eigentlich immer noch die selben sind!
    Ich finde das zum teil dermaßen erschreckend, weil das heißt ja das wir auf der stelle treten. Okay, bevor mich jeder verbessert, zum teil sind wir ja schon mehre schritte zurück gegangen. :)

  5. Ich würde selbst Kai Diekmann als Bundespräsident akzeptieren, damit Merkel nur noch drei Jahre bleibt.

    @ SvenR

    Siggi ist doch ein Politiker, wie er im Buche steht. Erst jahrelang Lobbyarbeit für die Autoindustrie betreiben, um dann als Umweltminister eingesetzt zu werden. Inhalte sind dem völlig egal, solange es Geld und/oder Stimmen gibt. Das Schlimmste ist, dass ihm sein „Umweltbewusstsein“ abgenommen wird.

  6. Gruselige Vorstellung, aber wohl gar nicht mal so abwegig bei unserer momentanen Parteienkonstellation mit ihren denkbaren Koalitionen.

  7. also da spricht jetzt sicherlich auch sehr die hoffnung aus mir, aber das waren auch andere zeiten…würde heute irgendjemand eine partei mit „nur noch 43%“ in der krise sehen? wo steht denn merkel gerade?

    und eine regierung steht und fällt ja auch mit dem koalitionspartner, und die FDP von damals (mit zig jahren praktischer regierungserfahrung im rücken) ist wohl kaum zu vergleichen mit der gurkentruppe von heute, die gerade ein komplettes regierungsjahr erstmal mit einem reality check nach gut einem jahrzehnt opposition verbracht hat.

    mag schon was dran sein an deiner beobachtung, aber bitte, noch über 10 jahre merkel?? mal doch nicht derart den teufel an die wand, da versaust du ja einem den tag mit ;-)

  8. Klasse Beitrag, beim Lesen des aktuellen SPIEGELs dachte ich mir auch, die spitzen das auch sehr stark zu.

    @9/ Eszett: wo kann ich mir die tagesschau von vor 20 Jahren im Netz anschauen?

  9. Dann sind es realistischerweise noch fünf Jahre bis Merkel weg vom Fenster ist. Denn bei allem guten Willen: Sie wird, anders als Kohl, keinen vernachlässigten und ruinierten Landesteil finden, der sich vereinigen mag und dessen Einwohner sich von ein paar hohle Phrasen noch acht Jahre lang einlullen lassen. Auch wenn die Vertriebenenverbände sich schon Ideen im Schrank haben – ich zähle sehr auf die polnische Regierung. Und die französische. Und die tschechische. Und…

  10. Nicole und LML sind unvergleichbar. Armes Schland. Was hätte aus Dir werden können, wärst Du nur ein Deut besser.

    P.S.: „Sprengsatz“ ist ein Nobel-Blog.

  11. In dem Zusammenhang passt auch das Weltuntergangsszenario aus dem SPIEGEL vom 13.05.1974: „Noch niemals in der Nachkriegsgeschichte waren so viele europäische Regierungen gestürzt, vom Sturz bedroht oder handlungsunfähig. Noch niemals war Europas größte Nachkriegsleistung, die Wirtschaftsgemeinschaft, so sehr in ihren Grundfesten bedroht wie jetzt. Bonns Ertl: „Es kann sein, daß der ganze Laden noch in die Luft fliegt.“

  12. Na ja, natürlich lag der Spiegel damals falsch, aber schon die Schlagzeile ist doch als „Frage“ formuliert, d.h. der Spiegel war sich nicht sicher. Wenn die Schlagzeile gelautet hätte :“Das Ende von Kohl“, dann könnte man sich drüber mokieren. Es sprach aus der
    damaligen Sicht wohl einiges für die Schlussfolgerung, dass die
    Regierung Kohl nicht mehr zu retten sei. Der Spiegel lag – wie auch andere Zeitschriften/Zeitungen – oft falsch mit seinen Einschätzungen.
    Was ist aus dem in den 80er Jahren heraufbeschwörten „Waldsterben“ in Deutschland geworden ? Was ist aus der Einwanderungswelle von Spaniern und Portugiesen geworden, die man beim EU-Beitritt beider Länder prophezeit hatte ? Was ist aus der Hysterie um SARS, die Vogel- und die Schweinegrippe und um BSE geworden ? (Herrgott, müssten wir alle nicht schon längst tot sein ?) Redet noch irgendjemand über Ozonlöcher ? Was ist aus dem Russen geworden, der bedrohlich nah vor der Tür stand ? (Ach ja, ich erinnere mich wieder: Die Sowjetunion wurde insolvent und Deutschland kaufte zu einem überteuerten Preis die DDR aus der Insolvenzmasse der Sowjetunion.)

  13. Bei mir auf’m Monitor seh‘ ich am Schluss des Beitrags, nach „…danch noch 13 Jahre.“ in einer neuen zeile zwei englische Wörter, und das auch noch ziemlich groß:
    No input.

    Hat das was zu bedeuten?

  14. Wenn Wulff nicht zum Bundespräsidenten gewählt wird, kann Merkel schneller weg sein als sich manche vorstellen können. Ich glaube nicht, dass sich eine derart lange Kanzlerschaft wiederholen kann. Auch nicht unter Merkel, gerade nicht in diesen ernsten Krisenzeiten, die die meisten wohl noch gar nicht realisiert haben. Das System steht vorm finalen Kollaps!

  15. Da wird Josef Ertl. zitiert: “Es kann sein, dass der ganze Laden noch in die Luft fliegt.” und anschließend fragt Erich von Halaz (sic!): „… was ist aus dem Waldsterben geworden.“ Dieses Blog wird gespeist von Nihilisten, Surrealisten, Visionisten, Parodisten und – Medienjournalisten. (Nix für ungut)

    @SvenR: Können Sie sich KTvuzG als Kanzler vorstellen? Wenn nicht, sollten Sie schon mal üben.

  16. @24 Wissen Sie’s nicht? oder wollen Sie nicht?
    Da es mir a) keine Ruhe lässt und da es b) beim Spiegelfechter ebenfalls auftaucht (aber bei vielen andern Blogs nicht), hab ich’s mal mit ’nem anderen Browser und ohne irgendwelche Filter versucht: Ha!
    = Da wo bei mir „no input“ steht, ist bei Nichtgebrauch von Filtern & Firefox ein putziges „Flattr“-Knöpfchen.

  17. @jeeves: Bin auch zuerst über „No input file“ gestolpert, liegt aber an einer Umstellung bei flattr. Einfach den Browser-Cache leeren, dann geht’s wieder mit dem Button.

  18. Auf die Einheit, die Kohls Kanzlerschaft „gerettet“ haben dürfte, ist ja schon hingewiesen worden. Dieses Mal könnte die Euro-Krise indirekt Frau Merkels Rettung sein.

    Ich kann den konstruktiven Willen, die Regierung zu übernehmen, bei der Opposition derzeit nicht erkennen. Rot-Rot-Grün im Bund ist definitiv noch nicht so weit ist. Neuwahlen sind illusorisch (das Grundgesetz sieht das schlichtweg nicht vor; schon Schröders Manöver war bedenklich). Allenfalls könnte man eine Situation wie 1966 vorhersagen. Damals verließ die FDP die Koalition, weil CDU/CSU Steuererhöhungen wollten. Da kam es zur Grossen Koalition. Vorher drückt uns Merkel aber noch Wulff auf und entlarvt die FDP als Stimmvieh.

  19. Ob Wulff nun gewählt wird oder nicht rüttelt doch nicht an Merkels Kanzlerschaft. Die FDP kratzt gerade an der 5%-Hürde, die CDU ist ebenfalls im Tief, warum sollten die Neuwahlen ausrufen? Auch die SPD ist daran nicht interessiert, da ihr Regenerationsprozess noch lange nicht abgeschlossen ist und dieser in der Opposition um eines leichter von statten geht – gerade bei dieser Regierung.

    Wenn es jetzt zu Neuwahlen kommen würde, hätten wir wieder die Große Koalition an der Backe, das will eigentlich niemand.

  20. @polyphem #25: Das ist eines meiner Probleme, ich kann mir so ziemlich alles vorstellen, und dann sind da Bilder in meinem Kopf, die keiner haben will…wobei ich das mit den Bildern nicht auf KTvuzG beziehen möchte. Vor allem, weil mein Kollege – der dem verarmten ungarischen Landadel entstammt – aussieht und spricht, als ob er sein eineiiger Zwillingsbruder wäre.

  21. @polyphem #25: Schade, dass man seine Kommentare erklären muss. Mir ging’s nicht primär um das Waldsterben, sondern wie oft schon irgend etwas prophezeit, gar heraufbeschwört wurde und dann doch nicht eintrat. Die Medien sind da meist auf dem gleichen Niveau wie ein geistig verwirrter Clochard, der mit einem selbstgebastelten Schild in der Fußgängerzone steht und herumbrüllt, dass das „Ende nah sei“, die Apokalypse bevorstehe etc. Die Unterschied ist vielleicht: Die Journalisten sitzen im wohlgeheizten Büro und werden für das Verfassen von derlei Untergangsphantasien auch noch bezahlt, während der geistig verwirrte Clochard nur mitleidig belächelt wird.

  22. @Erich von Halacz

    Chefredaktuere setzen Fragezeichen ans Ende einer Überschrift, nicht um eine echte Frage zu stellen, sondern um sich nicht festnageln zu lassen [cover your ass, sagt der Amerikaner]. In der Rede nennt man das ‚rhetorische Frage‘.

    Natürlich war sich die Spiegel-Redaktion damals sicher, dass Kohl abgewirtschaftet hatte, man war nur nicht blöd genug [oder frech genug, je nach Standpunkt], eine nachprüfbare Prophezeiung auf den Titel zu packen. Könnte ja jemand 25 Jahre später kommen und sich lustig machen …

    @Gregor Keuschnigg: Sorry, es war immer noch nicht die deutsche Einheit, die 1985/1986 Kohls Kanzlerschaft rettete.

  23. Ach das war mit -ist Kohl noch zu retten- gemeint. Ich habe nur das Bild aus ´SPON´ gesehen und dachte an seinen aktuellen Gesundheitszustand.
    Tja, wie man sich doch irren.

  24. Wir brauchen gar nicht so weit zurück zu gehen. Nach der vergangenen Bundestagswahl war die SPD doch sowas von abgeschrieben. Und jetzt spricht man eher von der SPD als der CDU, wenn es um die künftige NRW-Landesregierung geht.

    Und als Rot-Grün 1998 drankam, haben die es ja auch erstmal in den Sand gesetzt, so dass Hessen an Roland Koch ging. (Erstaunlich ist nur, dass Schwarz-Gelb das nach der Regierungsübernahme 2009 mit NRW so ähnlich hinbekommen hat.)

  25. @Peter
    Nee, lass mal gut sein. In einen Land in der die Religionsfreiheit nur noch für ausgewählte Gruppe gilt und in dem 16 Jährige erlaubterweise Porno-Darsteller sein bzw. auf dem Strich gehen dürfen ist nichts für mich. ;-)

  26. #15/ #28:
    Ostpreussen/Kaliningrad wäre bekanntlich noch zu haben. Aber vielleicht ist der Putin-Freund Schröder dann wieder Kanzler.

  27. Wo steht eigentlich geschrieben das die Bank mit meinem Geld, was ich dort deponiere machen kann was sie will? Wenn ich der Bank mein Geld zum aufbewahren und schützen gebe, willige ich doch nicht gleichzeitig an eine Weitergabe an wildfremde Dritte ein! Ich kann mich nicht daran erinnern der Bank erlaubt zu haben das diese mit MEINEM Besitz machen können was sie wollen. Wenn ich mein Auto an meinen Freund verleihe gehe ich davon aus das dieser nicht einfach mein Auto weiterverleiht. Im Bereich Geld und Banken scheint dieses ungeschriebene Gesetz von Anstand und Moral aufgehoben. Schlimmer noch: Um im Bild zu bleiben, ich verleihe mein Auto an meinen Freund umsonst und dieser verleiht MEIN Auto nicht nur einfach skrupellos weiter sondern nimmt auch noch dreist Geld dafür. Alleine an diesem Beispiel kann man sehen wie krank die Bankwirtschaft ist. Jeder weiss es, jeder akzeptiert es. In der Realität verleihe ich ja nicht nur umsonst sondern zahle zudem noch drauf, denn ich muss ja für das sichere aufbewahren meines Geldes auchnoch Gebühren zahlen, die die Zinsen mehr als auffressen. Meine Mutter hat mir schon beigebracht das man nicht mehr Geld ausgeben kann als man hat. Was für eine gescheite Frau. Ich habe das immer beherzigt. Von den Verantworlichen unseres Landes (um endlich zum Thema zu kommen), also den Leuten, die das Geschick eines ganzen Volkes in Verantwortung tragen, sehe ich allerdings, und das seit ich denken kann, das völlig gegenteilig agiert wird. Es wurde und wird mehr Geld ausgegeben als vorhanden ist. Warum gilt im grossen Massstab nicht das was auch im kleinen gilt? Warum schieben die Politiker die Misere, der unter ihrer Verantwortung in die Grütze gefahrenen Haushalte an Spekulanten, windige Finanzinvestoren und Heuschrecken ab? Ist denen nicht klar das ein solider, d.h. schuldenfreier Haushalt NICHT erpressbar ist? Wir werden doch seit Jahren, ja Jahrzehnten von unseren Volksvertretern an der Nase herumgeführt und für dumm verkauft. Es ist ja sogar schon soweit das ganz vereinzelt Bürgermeister kleiner Gemeinden und Komunen, die eine schuldenfreie Bilanz ihrer Haushalte vorzuweisen können als Exoten im Fernsehen vorgeführt werden. Warum ist das so selten? Anstand und Moral ist etwas, was bei Politikern, zumindest wenn diese eine gewisse Höhe ihrer Karriereleiter überschritten haben, nicht mehr vorzufinden ist. Es wird durch etwas anderes ersetzt. Was das Andere genau ist kann man nicht mal genau sagen, aber die Auswirkungen können wir jeden Tag in der Tagesschau und den unvermeidlichen Polittalkrunden im Fernsehen bestaunen. Und ich meine bestaunen. Und zwar diese unfassbare Ignoranz und überheblichkeit mit der jeder Skrupel ohne auch nur mit der Wimper zu zucken über Bord geworfen wird. Das beginnt bei den den persönlichen Bereich betreffenden äusserst fragwürdigen Vorgängen wie der automatischen Dietenanpassung, den unfassbar dreisten Rentenberechnungsgrundlagen für Parlamentarier und geht weiter über Wahlkampfkostenerstattung, Parteispendendeklarierung (Kohl, Koch, Schäuble um nur drei Namen zu nennen), geht weiter über Postengeschacher betreffend Aufsichtsräten und Vorstandsposten bei den öffentlich rechtlichen Medien und grossen Firmen der Industrie und Wirtschaft und die daraus resultierenden Nebeneinkünfte, die dort ohne Gewissensbisse eingesteckt werden, Sitzungsgelder in diversen Parlamenten, Beraterverträge in unfassbarer Höhe, denen durch keinerlei Gegenleistung entsprochen wird, usw. usw. Dann der ausserpersönliche Bereich, also die Gelder (Steuern/Abgaben), die vertrauensvoll an die Verantworlichen weitergegeben werden damit diese sinnvollen Zwecken zugeführt werden. Auch hier zeigt sich das in hohem Masse unverantwortlich mit diesen Mitteln umgegangen worden ist. Da werden Texte von Lobbyverbänden den Politikern in die Gesetzbücher diktiert, dubiose Geldgeschäfte mit ausländischen Anlegern initiiert (Verkauf von Gemeindeeigentum und Rückmietung), da werden Prestigeobjekte geltungssüchtiger Verantwortlicher, oft gegen den Willen der Bevölkerung, durchgedrückt, usw usw. Ich will das hier gar nicht weiter ausführen. Wo kommt den die unglaubliche Staatsverschuldung her? Wer gibt denn ständig mehr Geld aus als vorhanden ist? Und warum wird uns zum dank auch noch gebetsmühlenartig Politikerverdrossenheit von eben diesen Subjekten der Verantwortlichkeit geradezu vorgeworfen? Warum wird denn die Gruppe der Nichtwähler immer grösser? Es wird nicht nur gegen jeden vernünftigen Menschenverstand verstossen, uns, dem kleinen Mann, wird auch noch vorgehalten vernünftig zu sein. Wenn Kapitalismus bedeutet Schulden zu machen und dafür Zinsen zu zahlen dann allerdings möchte ich damit nichts zu tun haben. Mit einem Gang zur Wahlurne erfüllt man schon lange nicht mehr seine Pflicht als Mitglied einer Demokratie, nein, man wird zu einem Mittäter. Man macht sich schuldig an einem mafiösen System das sich nur noch schwerlich den Schein einer demokratischen Legitiamtion geben kann sobald der Wahlzettel in der Urne verschwunden ist. DESHALB gehen die Leute nicht mehr wählen.

  28. @36: „Weltuntergangsszenarien“ werden natürlich auch gerne genommen um aufzurütteln. Wer weiß schon, wie’s dem deutschen Wald heute ginge, hätte man seinerzeit nicht Filteranlagen gesetzlich vorgeschrieben? Das Ozonloch gibt es auch immer noch, aber es fängt aber – seit verhältnismäßig kurzer Zeit – langsam zu schrumpfen an, seit außer China kaum ein Land noch FCKWs verwendet. Verhinderte Katastrophen sind nur keine großen Nachrichten mehr. Hätte man 1985 AKWs verboten hätte es 1986 sicher keine „GAU in Tschernobyl durch AKW-Verbot verhindert!“-News gegeben und man würde heute fragen, was das Verbot gebracht hat, es ist doch nie ein AKW hochgegangen…

    Gut, dass der Spiegel seinerzeit die CDU-Regierung „wachrütteln“ und zur Wiederwahl verhelfen wollte, kann angezweifelt werden… ;)

  29. Auffällig ist, dass die TINA-Prediger jetzt keine Lust mehr haben und sich verdünnisieren, weil sie spüren, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind.

    Koch gibt auf, Wulff und von der Leyen interessieren sich für einen Posten, der politisch egal ist, Stoiber setzt sich nach Europa in Ruhe. Früher waren das Positionen zum Karriereschluss, heute für Politiker auf dem Höhepunkt ihrer politischen Laufbahn. Viel anders ist es SPD und Grün auch nicht: siehe Schröder, Fischer, Steinbrück.

  30. @37/Dierck
    Natürlich rettete die deutsche Einheit nicht 1985 Kohl die Kanzlerschaft. Das besorgte schon die SPD. Das entscheidende Jahr der Kanzlerdämmerung war 1989. Kohl war gesundheitlich angeschlagen und es formierte sich Widerstand innerhalb der CDU. Ohne die Einheit wäre das mittelfristig schiefgegangen. Danach war von Kohl wenig zu bemerken; 1995/96 war er praktisch politisch wirkungslos.

  31. der regierte noch 13 jahre weil dazwischen der große PR-gag Mauerfall und Wiedervereinigung geschah. Merkel regiert noch weil die WM grad läuft.

  32. Es ist überfällig, dass mal jemand in die Vergangenheit schaut. Als Jugendlicher hatte ich bei jeder dramatischen Meldung eines schwarz-gelben Koalitionskraches die Hoffnung auf das vorzeitige Aus von Helmut Kohl. Es kam anders. Koalitionskräche sind dann doch nicht so bedeutend, wie es die Medien gerne schreiben. Da wird gerne so getan, als sei Streit an sich bereits ein zentrales Versagen der Demokratie. Dabei ist es das zentrale Element. Es ist völlig normal, dass eine Koalition aus drei Parteien auch miteinander streitet, um ihre Interessen miteinander auszutarieren. Eher unnormal war die rot-grüne oder die großkoalitionäre Disziplin.

  33. Ist ganz einfach: Totgesagte leben länger. Woraus man aber nicht ableiten darf, dass es lebensverlängernd wirkt, wenn man jemanden totsagt.

  34. @Mirko #45: Das mit „Waldsterben“ wird heute von vielen Leuten als das bezeichnet, was es war: Eine Hysterie. Ich empfehle hierzu mal folgenden Text: http://mayago.lu/de/s/2/23/74
    Das ist doch Käse: Wer hätte denn bitteschön ein weltweites Verbot von AKWs durchsetzen sollen ? Ich erinnere nur: Tschernobyl liegt in der Ukraine und war damals eine „Unionsrepublik“ der Sowjetunion. Ferner ist es utopisch, dass ein solches Verbot zur Stillegung von AKWs von heute auf morgen geführt hätte. Es hätte eine „Auslaufzeit“ gegeben und die wäre deutlich länger als nur ein Jahr gewesen. Der Reaktorunfall in Tschornobyl wäre dennoch passiert. Mal davon abgesehen, dass solch ein weltweites Verbot unrealistisch ist. Dies war damals unrealistisch und ist es heute immer noch. Ich erinnere nur an die letzten Klimakonferenzen: Die beteiligten Länder konnten sich auf kein allgemeines Ziel einigen. Wie sollten sich da alle Länder auf sowas wie ein Verbot von AKWs einigen ? Da gäbe es genug Industrieländer die deutlich dagegen wären.(Man kann nicht von heute auf morgen mal so eben ein AKW stilllegen. Würde man mehrere gleichzeitig stilllegen, bleibt die Frage woher der Strom stattdessen kommen soll. Steinkohlekraftwerke z.B. kann man auch nicht von heute auf morgen errichten, um damit die stillgelegten AKWs zu ersetzen. (Bevor das falsch verstanden wird: Ich bin kein AKW-Befürworter, sondern nur realistisch.))
    Die Argumentation ist einfach infantil. Das ist genau auf dem gleichen Niveau wie die Argumentation:“Ja, hätte die Wiener Kunstakademie den Herrn Hitler aufgenommen, dann wäre der Menschheit der 2. Weltkrieg und der Holocaust erspart geblieben.“
    Das Problem mit den Weltuntergangsszenarien ist: Wenn zu viele dieser nicht eintreffen und alles nur Hysterie war, braucht man sich nicht wundern, wenn man irgendwann nicht mehr ernst genommen wird. Andererseits: die breite Masse hat ein sehr kurzes Gedächtnis.

  35. @Erich fon Halacz, #52

    „Die Argumentation ist einfach infantil.“, was Sie von Ihrer Argumentation offenbar nicht denken,

    Wer hat denn so ein schlichtes Weltbild, dass man die Atomenergie einfach von heute auf morgen verbieten könnte, und das auch gleich noch weltweit. Und klar: selbst dann wären die Hinterlassenschaften noch da.

    Es wäre aber beispielsweise einfach möglich, Exporte der Technologie zu verhindern (statt sie mit staatlichen Bürgschaften auch noch zu fördern).

    Aber klar; Sie sind Realist und alles was ist, beweist seine Notwendigkeit durch seine Existenz.

  36. @Erich von Halacz:
    Sie müssen mir nichts erklären. Falls Sie die „Aussage“ meines Kommentars #25 nicht verstehen, kann Ihnen diese vielleicht niemand verdeutlichen.

    Zum „Waldsterben“ aber trotz alle dem noch einmal für alle, die auf dem Holzweg sind, der Versuch einer Erklärung: Politik hat damals vermutlich einmal voraus schauend und richtig gehandelt, indem Regeln zur Schonung der Umwelt (Luft, Wasser, Erde) eingeführt wurden. Die Einhaltung dieser Vorgaben hat sicher den Wald geschont. Wie viel des Waldes gestorben wäre, wenn „wir“ den Umweltschutz nicht ernst genommen hätten, lässt sich nicht ermitteln. Prozentual (vom Gesamtbestand gerechnet), ist der Wald heute „gesünder“ als in den 1980er Jahren, was aber auch daran liegt, dass kranker Wald abgeholzt wurde und somit die Basis des prozentualen Gesundholzes kleiner ist….

    Interessant ist auch, dass die Erhaltung der Wälder ebenso eine Maßnahme zum Schutz der verbreiteten Art der Waldschrate war, die sonst auch mit dem Wald ausgestorben wären. Glück gehabt. So können diese „schrägen Vögel“ weiterhin mit ihrem Ruf „Wo bleibt das Waldsterben“, kreischend im Blätterwald ihre Runden drehen.

  37. Rein historisch gesehen hätte Kohl die letzten Regierungsperioden ohne die Umbrüche von 89 wohl kaum überlebt. Insofern sehe ich bei Merkel nur dann eine Chance, wenn ihr die Wiedervereinigung mit Polen gelingt (die ich sicher nicht anstrebe). Ansonsten ist das Kasperletheater hoffentlich bald zu Ende und wir dürfen wieder wählen.

  38. Deshalb ist der aktuelle Spiegel-Titel ja auch nicht als Frage formuliert, sondern als Aufforderung, als verzeifelter Hilfeschrei: „Aufhören!“

  39. Was waren das nur für wundervoll sorgenfreie Tage, damals, vor dem ESC. Vorbei und vergessen; jetzt kann uns nur noch Georg Schramm retten. Bis 2023 stehe ich das nicht durch.

  40. Sicher wird der Spiegel die Sätze nicht nur in einer der nächsten Ausgaben, sondern auch in 20 Jahren recyclen. Halt Spitzenjournalismus, vierte Gewalt, so kontrolliert man Herrschende.
    Weil nach Fusionspartnern gefragt wurde: Afghanistan. Stückchen weit weg, aber die lokale Polizei kriegt deutsche Werte vermittelt, wenn ich es recht verstanden habe. Neuer Markt, Arbeitskräfte braucht man eh nicht (wie 1990), und die räumliche Distanz ist so groß, dass die Bewohner schwerlich die 16 alten Bundesländer besuchen können. Bleibt die Frage: Würden dankbare Muslime eine Frau wählen, um ihr zu folgen?

  41. Nachdem ich die Bepreisung dieser alten Spiegelausgabe im SPON gesehen hatte, bin ich auf den Dachboden gestiegen und nach einiger Suche fand ich sie in einem Stapel alter Ausgaben aus den 80ern. Das war eine ganz nette Erinnerung an einen Klassiker des Spiegel’schen Kampagnenjournalismusses, der damals noch so etwas wie Niveau hatte, kein Vergleich zu dem Geschwurbel von heute. Dennoch brachte mich die unverholene politische Einseitigkeit 1989 schließlich zur Kündigung des Abonnements.

    PS: Beim durchlesen einiger Feuchtträume über das angeblich bevorstehende Ende der aktuellen Koalition wünsche ich mir direkt nochmal 13 Jahre Merkel – mindestens! Die Alternative hierzu ist gerade in NRW zu bewundern – und davor graust es mir weitaus mehr.

  42. Heute über die Wiederwahl Merkels zu spekulieren ist wie Kaffeesatz lesen. Der Post lässt sich natürlich so interpretieren, als könnten aus der Regierungszeit Kohls Schlüsse für die Zukunft der heutigen Kanzlerin gezogen werden. Aber: gemach, gemach – und nicht den Satz vergessen, der da lautet: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“

  43. Herr Niggemeier ist genervt von Gezicke u. Witzeleien,
    auch wenn zwischendurch ‚mal amüsiert. Die Resonanz auf dieses Thema ( Kohl — > Merkel ) ist ernüchternd. Wohlbei: historische Vergleiche doch anregend sind u. nicht nur Kaffesatzleserei.
    Sicherlich kein „Blockbuster“ wenige Stunden vor dem dramatischen Endgame England vs. Germany. Gentlemen , get redddddy for the match!
    Herr Niggemeier, schlagen Sie doch mal einen Diagonalpaß über ’s ganze Feld, bis in den Strafraum – dann kommt Stimmung auf!

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