Olle Geschichten & journalistische Reflexe

Man müsste mal ausrechnen können, wie hoch der Anteil der journalistischen Inhalte ist, die automatisch generiert werden. Und ich meine damit nicht nur die massenhafte maschinelle Übernahme von Agenturmeldungen in den Online-Medien. Sondern auch Texte, die unreflektiert durch einen schlichten Reflex entstehen.

Ein kleines Beispiel dafür ist die Information, dass der Lobby-Verband der Privatsender VPRT fordert, dass ARD und ZDF weniger Geld ausgeben. Das ist nach ungefähr allen journalistischen Kriterien keine Nachricht. Der VPRT fordert seit Jahren, dass ARD und ZDF weniger Geld ausgeben. Dafür ist der Verband ja da. Er wird auch in Zukunft fordern, dass ARD und ZDF weniger Geld ausgeben, vermutlich unabhängig davon, ob und wieviel ARD und ZDF bis dahin gespart haben.

Weil auch der VPRT weiß, dass es auf Dauer langweilig wird, wenn man immer dasselbe fordert, hat er die Sache in diesem Jahr etwas konkretisiert. „Gigantische Einsparpotentiale“ von mindestens einer Milliarde Euro seien bei ARD und ZDF vorhanden:

So könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk ganz auf Werbung verzichten, ohne dass die Programmqualität leide, unterstrich Verbandspräsident Jürgen Doetz erneut die Lieblingsforderung des VPRT. Der Verband empfahl ARD und ZDF, Digitalkanäle und Radioprogramme einzustellen oder zusammenzulegen sowie die Ausgaben für Sportrechte und Spielfilme zu reduzieren. So ließen sich rund 600 Millionen Euro sparen. Hinzu kämen 300 Millionen Euro Einsparmöglichkeiten bei Übertragungskosten, zum Beispiel von Regionalprogrammen in landesfremden Sendegebieten sowie 145 Millionen Euro Kürzungen bei Personalkosten.

So berichtete die Nachrichtenagentur dpa am 22. Juli (und aus den Formulierungen „erneut“ und „Lieblingsforderung“ kann man fast eine gewisse Müdigkeit des Autors lesen, dem langjährigen Medienredakteur Carsten Rave).

Eine größere Welle entstand damals nicht. Warum auch?

Am Samstag veröffentlichte der „Spiegel“, wie jeden Samstag, seine „Vorabmeldungen“ mit vermeintlich exklusiven Nachrichten aus dem neuen Heft – und damit sind wir beim Thema Reflexe. Was der „Spiegel“ vorab veröffentlicht, gilt automatisch als Nachricht. (Zu Recht, wie „Meedia“-Chefredakteur Georg Altrogge sagen würde, denn der „Spiegel“ ist ein Leitmedium, und wer heute die Qualität von Leitmedien in Frage stellt, isst morgen kleine Kinder.)

Jedenfalls war unter den Vorabmeldungen auch diese mit der Überschrift: „Privatsender sehen bei ARD und ZDF eine Milliarde Euro Sparpotential“. Neu daran war die Information, dass der VRPT seine „Sparvorschläge“ als „zehnseitiges Schreiben an eine neue Arbeitsgruppe der Unionsländer unter dem Vorsitz der Sächsischen Staatskanzlei“ geschickt habe. Der Rest wiederholte im Wesentlichen, was dpa vor zwei Wochen gemeldet hatte.

(Auf meine Frage, warum das trotzdem zur (Vorab-)Meldung des „Spiegel“ taugte, schrieb mir Medienredakteur Markus Brauck: „Neu ist, dass der Verband am 27. Juli  diesen Brief an die Arbeitsgruppe der Länder geschrieben hat, der uns vorlag. Wenn die Arbeitsgruppe demnächst mit Ergebnissen an die Öffentlichkeit kommt, ist es doch gut zu wissen, aus welchen Quellen interessierter Seite sich deren Arbeit gespeist hat.“ – Als ob sich auch nur ein Journalist dann daran erinnern würde!)

Wie wenig selbst der „Spiegel“, der sonst auf alles mitschießt, was öffentlich-rechtlich ist, die VPRT-Forderung für eine echte Nachricht hielt, kann man daran erkennen, dass er die Kürzungsvorschläge sogar in der Vorabmeldung selbst als „relativ willkürlich“ kommentiert und dem Verband die Prämisse, dass die Programmqualität nicht leide, nicht abnimmt.

Aber „Spiegel“-Vorabmeldung ist „Spiegel“-Vorabmeldung und Reflex ist Reflex, und so fand die olle VPRT-Forderung plötzlich weite Verbreitung. Die Nachrichtenagentur AP übernahm sie („Privatsender fordern Milliardeneinsparung von ARD und ZDF“), die Branchendienste „Meedia“, „Kress“, „Turi2“, „DWDL“, „Horizont.net“ und viele andere behandelten sie als aufregende Neuigkeit, der Medienredakteur des „Handelsblattes“ verbrämte die Pi-mal-Daumen-Rechnung gleich zur „Finanzanalyse“.

Besonders anschaulich zeigt der Berliner „Tagesspiegel“, wie willenlos und reflexhaft Medien oft auf das reagieren, was ihren Posteingang erreicht und alle äußerlichen Zutaten einer meldenswerten Nachricht hat („‚Spiegel‘-Vorabmeldung“!!!). Der „Tagesspiegel“ hatte nämlich am 23. Juli schon ausführlich über die aktuelle Strategie des VPRT im Kampf gegen ARD und ZDF berichtet und geschrieben:

Der Verband empfiehlt ARD und ZDF, Digitalkanäle und Radioprogramme einzustellen oder zusammenzulegen und die Ausgaben für Sportrechte und Spielfilme zu reduzieren. So ließen sich rund 600 Millionen Euro an Ausgaben vermeiden. Aus diesen und weiteren Maßnahmen wird ein Sparpotenzial von einer Milliarde errechnet.

Als die Nachricht jetzt noch einmal die Runde machte, meldete er stumpf noch einmal:

In einem zehnseitigen Schreiben an eine neue Arbeitsgruppe der Unionsländer unter dem Vorsitz der Sächsischen Staatskanzlei sieht der PrivatsenderverbandVPRT laut Spiegel online bei den öffentlich-rechtlichen Sendern Einsparpotenziale „von mindestens einer Milliarde Euro“, sogar „unter der Prämisse, dass die Programmqualität nicht leidet“. In dem Hintergrundpapier schlagen die Privatsender zudem die radikale Einstellung aller sechs Digitalkanäle vor, was gut 220 Millionen Euro brächte.

Vielleicht verschickt der VPRT angesichts des großen PR-Erfolges seine Forderungen in Zukunft gar nicht mehr an Journalisten, sondern gleich an die Politik, damit der „Spiegel“ das dann groß aufdecken kann.

(In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, in der ich auch kurz darüber berichtet habe, habe ich übrigens behauptet, dpa hätte die VPRT-Forderung im Juli gleich zweimal als Neuigkeit verkauft. Das ist falsch.)