Eine Zeitung, die über dem Gesetz steht

Dass die britische Sonntagszeitung „News Of The World“ den spektakulären Prozess gegen den Fia-Chef Max Mosley verloren hat, ist das beste, was ihr passieren konnte. Sicher, im Fall eines Sieges hätte man etwas Geld gespart und den Triumph zelebrieren können. Aber das wäre für die Selbstinszenierung nicht halb so wirkungsvoll gewesen wie diese Niederlage.

Deshalb hat die „News Of The World“ diese Niederlage in ihrer gestrigen Ausgabe auch nicht klein geredet, sondern groß. Verloren hat laut „News Of The World“ nicht eine Zeitung, sondern die britische Gesellschaft als ganzes, oder konkret: Jeder einzelne von Ihnen, liebe Leser, denen die Reichen und Mächtigen das Recht versagen wollen, die Wahrheit zu erfahren. Und unter dieser Voraussetzung ist die „News Of The World“ natürlich nicht eine der widerlichsten publizistischen Dreckschleudern des Landes. Sondern eine Freiheitskämpferin.

Mit diesem Credo:

The News of the World will not be gagged by the rich and the powerful.

Or judges.

Or the courts.

Or politicians.

Ich fürchte, die meinen das ernst.

24 Replies to “Eine Zeitung, die über dem Gesetz steht”

  1. Dann können wir ja froh sein, dass wir „nur“ die Bild und die B.Z. haben.

    Nein ernsthaft: Besonders widerlich wird diese Selbstdarstellung der Murdoch-Presse, wenn man sich anschaut, welche Leute die Murdoch-Medien in UK und den USA nach oben gespült haben. Und wenn man sich verdeutlicht, wie viele Menschen das glauben, was sie in The Sun / News of the World lesen.

  2. Aber etwas positives gibt es…
    (off topic)
    —>
    Mit Urteil vom 16.07.208 hat das AG Frankfurt/Main sich mit bemerkenswert deutlichen Worten dazu geäußert, dass der Betrieb eines Internetforums oder Blogs dem Schutz der Presse- und Meinungsäußerungsfreiheit unterliegt und deshalb generelle “Vorab-Zensur-Pflichten” (so das AG Frankfurt/Main wörtlich) abzulehnen seien, was insbesondere auch bei Blogs mit “kritischen Inhalten und Diskussionen” gelten müsse.

    Das Gericht wörtlich:

    Soweit die Klägerseite dagegen einwendet, dass gerade bei Blogs mit kritischen Inhalt und Diskussionen mit provozierenden Inhalt eine generell Prüfpflicht besteht, ist dies abzulehnen. Dabei ist zu beachten, dass das Betreiben eines lnternetforums unter dem Schutz der Presse und Meinungsäußerungsfreiheit steht, und dass die Existenz eines derartigen Forums bei Überspannung der Überwachungspflichten gefährdet wäre (vgl. [OLG Hamburg, Urteil vom 22.08.2006 – 7 U 50/06]). Bei der Annahme einer generellen Vorab-Zensur-Pflicht bei der Einstellung von Artikeln mit kritischen Stellungnahmen oder brisanten Inhalt, würden zwangsläufig auch zulässige Meinungsäußerungen erfasst und das Modell des lnternetforums/blogs insgesamt in Frage stellen (so auch [AG München, Urteil vom 06.06.2008 – 142 C 6791/08]).

    Zugleich hat das AG Frankfurt/Main in dieser Entscheidung klargestellt, dass der im Impressum eines Blogs benannte “technische Betreuer und Adminstrator” ohne konkrete Kenntnis von einem rechtsverletzenden Beitrag oder Kommentar im Blog nicht als Störer auf Unterlassung haftet, solange er nach Kenntniserlangung die Rechtsverletzung unverzüglich beseitigt.

    Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig (AG Frankfurt/Main, Urteil vom 16.07.2008 – 31 C 2575/07-17).

    (lawblog.de)

  3. Ich konnte nur die hälfte von NotW lesen, danach fühlte ich mich dreckig und vergewaltigt…bäh

  4. Als während der Fussball-EM eine Pressekonferenz mit dem deutschen Bundestrainer Löw und dem Spieler Gomez aus Gründen des Zeitplans nur zehn statt dreissig Minuten dauerte und abgebrochen wurde, schwang sich Frank Menke im ARD-Sportblog auch zum Grashüter des „Informationsbedürfnisses der Öffentlichkeit“ auf (und suggerierte gar eine Art Verschwörungstheorie der UEFA gegen den DFB, Löw und Deutschland insgesamt).

    Das ist natürlich mindestens zwei Nummern unter diesem Mosley-Skandälchen. Aber ich wage die Prognose, dass in einem ähnlichen Fall in Deutschland „Spiegel“, „Stern“, sogar „Zeit“ ähnlich reagiert hätten (vielleicht – hoffentlich – mit ein bisschen weniger Pathos).

  5. Es entbehrt ja nicht einer gewissen Komik, dass die NotW im Rahmen eines Prozesses, bei dem es um Fotos aus einer SM-Session geht, mit der Formulierung „The News of the World will not be GAGGED“ hantiert *schmunzel*

  6. Die Haltung von NotW und die Vorlieben von Max Mosley finde ich auch ekelhaft, bzw. interessieren mich nicht.

    Die Frage die ich mir aber stelle: Müssen wir damit nicht leben, wenn wir eine Presse haben wollen, die wirklich wichtige Dinge ans Tageslicht zerrt? Wir erwarten von der Presse ja, die vierte Gewalt zu sein und denen auf die Finger zu schauen, die politisch, intelektuell und kulturell Einfluss ausüben.

    Für jeden Hans Leyendecker haben wir eben auch einen Baby Schimmerlos.

  7. @8/Patrick
    Die Frage ist nur, nach welchen Kriterien sich diese „vierte Gewalt“ definiert. Zählt dazu auch ein Hervorkramen des Doppellebens eines Politikers, dessen Homestory vorher präsentiert wurde? Und wie sieht es mit den ökonomischen Interessen des Konzerns aus, der das Presseerzeugnis herausgibt, für das der Journalist recherchieren soll? Ein wichtiges Kriterium einer „Vierten Gewalt“ wäre die Unabhängigkeit. Diese ist jedoch inzwischen bei der Verflechtung der Medienkonzerne in eine globalisierte Ökonomie höchst zweifelhaft.

    Der Ausdruck der „Vierten Gewalt“ ist irreführend. Er führt unter Umständen in seiner Pervertierung zu dem, was Stefan Niggemeier hier schreibt: Eine Zeitung, die sich über dem Gesetz stehend wähnt.

    Ich werde bei zwei Attitüden von Journalisten immer enorm skeptisch: 1. Wenn sie alles für „ihre Leser“ tun und 2. wenn sie den Journalismus als vierte Gewalt definieren. Das ist oft ein Zeichen dafür, dass ihnen die Argumente ausgehen. (Das ist jetzt nicht persönlich gemeint.)

  8. Und egal ob vierte Gewalt oder nicht – auch für Medien muss es Gesetze geben, siehe Persönlichkeitsrecht und Blöd-Zeitung.

    Denn jede Gewalt hat ihre klar definierte Aufgabe, wenn nur eine davon tun und lassen kann was sie will, funktioniert das ganze System nicht mehr.

  9. @Gregor:

    Ich hab meinen Post auch gar nicht auf einer argumentativen Ebene verstanden wissen wollen.

    Ich stelle mir das als Gegenüberstellung zweier Extreme vor. Auf der einen Seite das ehrenhafte Ziel / die Idealvorstellung als „vierte Gewalt“, auf der anderen Seite die Niederungen des Schlammspritzens.

    Mir ist bewusst, dass gerade die letzeren immer das Recht auf Information der Öffentlichkeit auf ihr Wappen schreiben. Als Journalist möchte man wirklich das Kotzen kriegen, das man mit den Anderen die gleiche Berufsbezeichnung teilen muss.

    Ich als Leser schlucke einfach, dass es eine dunkle Seite gibt. Unabhängig davon, ob ich mich hier oder auf Stefans anderem kleinen Blog darüber informiere, wie man als Journalist nicht arbeiten sollte.

  10. SM ist nicht ekelhafter als andere Sachen.

    Nur weil man etwas nicht mag bzw. versteht, muss man deshalb selbiges nicht herunter machen.

    Das „Ekelhafte“ war, dass dort einfach irgendwelche Nazi-Verbindungen glasklar ersichtlich erfunden wurden, weil man sich als Reporter mit SM nicht auseinander setzen wollte oder konnte und aus mangelndem Verständnis für die Materie und dem Wissen, dass es beim Leser ebenfalls nicht existiert, der Ansicht war, sich eine schöne Geschichte zusammenspinnen zu können.

    Das ist ungefähr auf dem Niveau von „Bolzenschneider“ und nicht weniger, Moment, was hat Herr Keese mich da gestern gelehrt? Ach ja, das ist nicht weniger „bloggend“.

  11. „Sehr geehrter ‚News of the World‘-Chefredaktuer,

    Was machen Sie so den ganzen Tag? Wann fahren Sie zur Arbeit? Was essen sie zum Frühstück und wann gehen Sie ins Bett? Was sind ihre Hobbies, wieviele Frauen hatten Sie mitlerweile und wieviel Geld ist derzeit auf ihrem Konto? Haben Sie ein dunkles Geheimnis?

    Bitte sagen Sie es mir, denn es interessiert mich und bestimmt auch viele andere Leser ihrer Zeitung. Und schließlich haben wir ja auch ein recht darauf, das zu erfahren.

    Herzlichst
    Torsten S.“

    ;-)

  12. Bisher war es immer so das ein Herrscher oder ein Medium das sich zuviel hervorgehoben hat früher oder später mächtig auf die Nase gefallen ist und so wird es auch jetzt sein. Und wenn es damit beginnt das jemand ein „Zeitungsnamehier“ kritisches Blog aufmacht und so mehr und mehr Leute zum nicht kaufen animiert.

  13. @ Henning (14):
    Naja, aber bei z.B. der B**D-Zeitung geht zwar die Auflage bergab, aber sie wird immer noch extrem viel gelesen und vorallem halten viele Leute in wichtigen Positionen sie für mächtig.
    An ihren schmutzigen Methoden hat sich jedoch seit Jahrzehnten nichts geändert.

  14. Seit wann ist eine Zeitung das wahrheitsliebende Sprachrohr ihrer Leser? (was für ne fiction)

    Die letzte Stimme die eine Zeitung zu Wort kommen lässt, ist die ihrer potentiellen Leser, die maximal kaufen, wenn dessen mächtig zu lesen und dann die Klappe halten dürfen.

  15. #16:
    „wenn dessen mächtig zu lesen und dann die Klappe halten dürfen“
    Tut mir leid, mir erschließt sich der Sinn dieser Worte nicht.

  16. @ Nobilitatis #17:

    Ich glaube, GlowingHeart meint, dass diejenigen, die tatsächlich lesen können, dass dann auch tun dürften, aber ihre Klappe zu halten hätten. Oder so.

  17. Und ist das dann als Argument gemeint? Das klingt zwar sprachlich sinnvoller, aber argumentativ nicht.

  18. Natürlich meinen die das so. Genauso wie die BILD es meint, wenn sie ähnliches schreibt. Die ticken einfach so, wie sie ticken. Und deswegen komme ich immer wieder auf die Frage zurück: Warum gibt es keine Journalisten-Lizenz, die einem nach vielleicht fünf unausgewogenen, reißerischen, verleumderischen Artikeln entzogen werden kann. Mann, hätten wir eine Ausbildungsmühle… Und die Menschheit würde vielleicht endlich einmal beginnen, die Welt anders zu rastern, zu diskutieren.
    Oder auch nicht. Denn sie lässt sich ja leider Gottes nun mal eben wirklich nicht umkrempeln. Und das ist die bitterste Erkenntnis: Dass das Volk „so“ ist, deswegen jedweden Mist konsumieren will (will…) und es deshalb BILD und SUN und News of the world gibt. Da gibt’s ne Nachfrage und ein Angebot. Und nichts auf dieser Welt wird das ändern. Und jetzt geh ich heulen.

  19. #21: „Warum gibt es keine Journalisten-Lizenz, die einem … entzogen werden kann.“

    Wegen Artikel 5 Grundgesetz. Und das ist gut so.

    Was hätten wir wohl für Journalisten, wenn der Staat denen eine Lizenz geben (oder nicht geben) würde?

  20. Die Lektüre des Urteils lohnt sich: http://www.bailii.org/ew/cases/EWHC/QB/2008/1777.html
    Nachdem der Autor sehr direkt zugegeben hatte, die beteiligten Frauen erpresst zu haben:

    Q You are giving them a choice?
    A Yes.
    Q Between cooperating, giving you an interview and getting paid.
    A Yes.
    Q And if they don’t they get their pictures in the newspaper in the most embarrassing and humiliating circumstances?

    Q Let’s be direct about this. There is a clear threat here that if they don’t cooperate they will expose them in the News of the World?
    A No, I don’t accept that. I think there was a clear choice here but there was no attempt to threaten them.
    Q Let’s get this straight. If the blackmailer says to the victim, ‚Either you pay up or I’ll put your picture in the newspaper‘ he’s offering him a very fair choice?
    A No.

    Nachdem sich der Autor des Artikels in Widersprüche verwickelt hatte, ob den nun jemand zu ihm gesagt habe, es kämen Nazi-Elemente vor.

    Mr Price (Mosleys Anwalt) invited me to conclude that the witness was inventing much of his evidence spontaneously in the witness box, since it would be highly unlikely that material of this kind would not have been passed to the solicitor taking his statement or incorporated within it. … The real problem, so far as Mr Thurlbeck is concerned, is that these inconsistencies demonstrate that his „best recollection“ is so erratic and changeable that it would not be safe to place unqualified reliance on his evidence as to what took place as between him, Woman E and her husband.

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