Autor: Stefan Niggemeier

Rolf Clement, der besonders versierte Sicherheitskorrespondent des DLF

Können wir noch einen Moment über Rolf Clement reden, den Korrespondenten für Sicherheitsthemen beim Deutschlandfunk, der sich einfach nicht vorstellen konnte oder wollte, dass gegen die Journalisten von netzpolitik.org wegen Landesverrates ermittelt wird, und es deshalb heute Morgen auf dem Sender schlicht abstritt?

Der Deutschlandfunk bezeichnet Clement als einen „erfahrenen und respektierten Kollegen mit einer großen sicherheitspolitischen Expertise“. Er pflege „selbstverständlich professionelle Kontakte sowohl zum Bundesamt für Verfassungsschutz wie zu den Landesämtern für Verfassungsschutz“. Ob der Sender Bedenken über eine zu große Nähe Clements zum Gegenstand hat, über den er berichtet, hat mir der DLF ebenso wenig konkret beantwortet wie die Frage, ob etwa die Moderation einer Veranstaltung für den Verfassungsschutz genehmigungspflichtig ist.*

Im Archiv finden sich interessante Artikel über Clement, zum Beispiel dieses Stück aus der „Süddeutschen Zeitung“ vom 6. Dezember 2006, schon achteinhalb Jahre alt also, aber mit einer verblüffend aktuell wirkenden Überschrift:

Unbedingt abwehrbereit

Clement war damals laut SZ sowohl Leiter der Abteilung Hintergrund im Deutschlandfunk, Themenschwerpunkt Verteidigungspolitik und Bundeswehr, als auch Chefredakteur der Zeitschrift „Loyal“, dem Zentralorgan der Reservisten, finanziert von der Bundeswehr. Die SZ fragte:

Sieht so die verfassungsrechtlich vorgeschriebene Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus? Handelt es sich um einen Fall von Interessenskollision?

Die Beteiligten weisen Vorwürfe zurück. Es gebe eine „offizielle Nebentätigkeitsbestätigung“ für Clement, sagt ein Sprecher des Deutschlandfunks. Dass der eigene Journalist nun Chefredakteur des Magazins ist, sei dem Sender „so noch nicht bekannt“ gewesen. Clement selbst erklärt, er sehe zwar das Problem einer möglichen Verquickung unterschiedlicher Tätigkeiten, achte aber jederzeit auf kritische Distanz zur Politik.

Die SZ hatte daran erhebliche Zweifel. Sie beschrieb die vielen Rollen von Clement, der damals auch Mitglied des Beirates für Fragen der Inneren Führung bei der Bundeswehr war. In dieser Funktion habe er mit den anderen Mitgliedern des Gremiums gutachterliche Stellungnahmen für den Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) geschrieben, der gleichzeitig gewissermaßen indirekt auch Clements Arbeitgeber in dessen Chefredakteursrolle bei „Loyal“ gewesen sei.

Und darüber hinaus ist der Verteidigungsminister ab und an Clements Gesprächspartner für Sendebeiträge im Deutschlandfunk. Am 5. Juni zum Beispiel bemerkte Clement in seinem Radio-Interview mit Jung: „Herr Minister, in Ihrem Haus gibt es den Entwurf für ein Weißbuch. Der eine oder andere hat ihn schon, der eine oder andere hat ihn offiziell gekriegt, der eine oder andere hat ihn so bekommen.“

2008 dokumentierte Uwe Krüger in der Fachzeitschrift „Message“, wie Clement vier Jahre zuvor im Deutschlandfunk einen Beitrag über Uranmunition verhindert habe.

Im vergangenen Jahr hatte Clement im Deutschlandfunk fälschlicherweise behauptet, es habe „massive“ Verletzungen des „europäischen Luftraums“ durch russische Flugzeuge gegeben, und eskalierte munter:

Noch hat die NATO diese Maschinen nicht abgeschossen, sondern eskortiert und abgedrängt. Wie lange die Allianz das aber so gestalten wird, ist offen. Denn die hier eklatante Verletzung des Luftraums würde auch schärfere Maßnahmen erlauben.

Als Reaktion auf eine Beschwerde über Clements Beitrag entschuldigte sich DLF-Intendant Willi Steul dafür, dass sich Clement im vorliegenden Fall „wahrlich nicht korrekt ausgedrückt“ hat. Das schmerze Clement selbst am meisten. Steul fügte hinzu:

Rolf Clement hat selbstverständlich nicht bewusst wider besseres Wissen gehandelt. Herr Clement ist ein versierter, profunder und sorgfältig recherchierender Kollege, dem diese Fehlleistung allerdings niemals hätte unterlaufen dürfen.

*) Nachtrag, 1. August. Inzwischen hat mir der Deutschlandfunk eine verlängerte Version seiner Stellungnahme geschickt, in der es heißt:

Im Mai hat Herr Clement im Rahmen einer Nebentätigkeit mit Genehmigung von Deutschlandradio ein Fachsymposium des Bundesamtes für Verfassungsschutz unter dem Titel „Islamistischer Terrorismus in Europa“ moderiert. Es handelte sich dabei um eine Folgeveranstaltung aus dem Jahr 2014. Deutschlandradio sieht hierin keinerlei Grund zu der Annahme, Herrn Clements journalistische Unabhängigkeit stünde infrage.

Deutschlandfunk-Experte leugnet Ermittlungen wegen Landesverrat gegen netzpolitik.org

Seit gestern Nachmittag ist bekannt, dass die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen die Verantwortlichen von netzpolitik.org wegen des Verdachts auf Landesverrat und die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen eingeleitet hat. Das entsprechende Schreiben, in dem der Generalbundesanwalt Markus Beckedahl diese Tatsache mitteilt, kann man sich seit gestern Nachmittag ansehen.

Aber der vermeintliche Sicherheitsexperte des vermeintlich seriösen Deutschlandfunks, ein verfassungsschutznaher Mann namens Rolf Clement, erzählt den Hörern noch heute Morgen, dass gar nicht gegen netzpolitik.org ermittelt werde, sondern gegen Unbekannt. Und dass die ganze Aufregung darüber, dass nach Jahrzehnten in Deutschland wieder gegen Journalisten wegen „Landesverrates“ ermittelt wird, schon deswegen unbegründet sei, weil gar nicht gegen Journalisten ermittelt werde und es dem Verfassungsschutz und der Bundesanwaltschaft nur um die Quellen der vertraulichen Dokumente gehe.

Lesen und staunen Sie. Deutschlandfunk, heute früh, 7:38 Uhr, die Sendung „Informationen (sic!) am Morgen“ (Hervorhebungen von mir):

Moderatorin: Es wurden Ermittlungen eingeleitet, genau genommen gegen Verantwortliche des Internetblogs „Netzpolitik“, und zwar wegen des Verdachtes auf Landesverrat. Der Paragraph stellt nicht nur die Weitergabe von Staatsgeheimnissen an eine, so wörtlich, fremde Macht unter Strafe, sondern auch, wenn man diese öffentlich bekannt macht, um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen, Zitat Ende. Unser Korrespondent für Sicherheitsfragen, Rolf Clement, hatte diese Geschichte schon vor einigen Wochen recherchiert und wir sind jetzt mit ihm verbunden. Herr Clement, was genau ist jetzt der Hintergrund für dieses Strafverfahren?

Clement: Also, es ist zunächst einmal ein Strafverfahren gegen Unbekannt, nicht gegen Journalisten, weil es nämlich um folgenden Sachverhalt geht: Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz hat festgestellt, dass geheime Unterlagen, die operative Rückschlüsse zulassen, in der Öffentlichkeit aufgetaucht sind. Und da geht es also um Fragen des Haushaltes, und aus dem Haushalt ablesen kann man Arbeitsweisen des Verfassungsschutzes, wenn man solche Haushalte richtig lesen kann.

Und das kann man nicht, wen man einfach über ein solches Papier berichtet, das kann man aber, wenn man das Papier selber in der Hand hat. Die Zielrichtung dieses Verfahrens – angeregt, wie gesagt, durch den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz – ist nicht so sehr die Presse an sich, sondern ist derjenige, der uns informiert. Also sozusagen die Stufe vorher. Dass wir, wenn wir solche Informationen haben, diese verbreiten, ist sicherlich etwas, wo die Politiker und die Leute in der Administration sagen: „Das ist euer Job, das müsst ihr machen“, aber die Weitergabe, das ist das Problem, und das ist auch das, was den Präsidenten des Bundesamtes für den Verfassungsschutz sehr ärgert. Und soweit ich weiß, spielt das eine Rolle, dass manchmal oder sehr häufig solche Informationen in dem Moment weitergegeben werden an Medien, in dem sie im Bundestag angekommen sind. Das ist der Eindruck, den viele im Verfassungsschutz und in anderen Gremien haben. Und da vermutet man, dass aus dieser Ecke die Weitergabe erfolgt und das möchte man mal aufgeklärt haben.

Moderatorin: Sie sagen, Ermittlungen gegen unbekannt, zunächst einmal. Weshalb lesen wir jetzt überall, dass Strafanzeige eben gegen genau diese Verantwortlichen dieses Blogs erhoben wurde?

Clement: Also, ich habe die Sache, wie gesagt, recherchiert. Und mir haben alle gesagt, mit denen ich darüber gesprochen habe, die Strafanzeige geht gegen Unbekannt. Weil man nämlich genau herausbekommen will, wo sind denn die Löcher? Und das führt dazu, dass die Generalbundesanwaltschaft anfängt zu ermitteln, zunächst einmal bei dem, der das Papier erstellt hat, also im Verfassungsschutz. Dann, wohin geht ein solcher Haushaltsplan dann. (…) Und diesen ganzen Weg sollten nach dem Wunsch des Verfassungsschutzes und auch nach normalen Ermittlungsmethoden die Ermittler dann durchgehen.

Und die werden, daraus schließe ich nun die jetzige Bekanntgabe oder die jetzige andere Zielrichtung, die werden an die Kollegen von dem Internetdienst herangegangen sein und gesagt haben: „Sacht mal Leute, sagt ihr uns denn woher ihr das habt?“ Denn das wäre natürlich das Einfachste, wenn man es über die bekäme. Und daraufhin haben die [bei Netzpolitik] geschlossen: Mensch, die ermitteln gegen uns. Das ist nicht die erste Zielrichtung, soweit ich das bisher beobachtet habe, aber uns Journalisten steht ja auch ein Zeugnisverweigerungsrecht zu. Wir sagen auch nicht, woher wir sowas haben.

Moderatorin: Es geht einerseits um die Quellen; auf der anderen Seite um diejenigen, die sie verbreiten. Was könnte denn Journalisten drohen, die das veröffentlichen?

Clement: Naja gut, wenn man solche Unterlagen veröffentlicht und man zu dem Ergebnis kommt, das ist Geheimnisverrat, dann kann natürlich daraus ein Strafverfahren entstehen. Und dann kann man theoretisch deswegen auch verurteilt werden. Aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass die Gefahr konkret besteht in diesem Fall. Wobei es immer noch etwas anderes ist, wissen Sie, wenn wir Informationen bekommen, wo auch mal ein Stempel drauf ist, dass das vielleicht geheim ist, dann erschrecken wir da nicht vor. Sondern dann sagen wir, das berichten wir auch. Ich würde es aber nie machen, dass ich ein ganzes Dokument irgendwo veröffentliche, sondern ich würde über das Dokument berichten. Und das ist immer noch was anderes, als wenn ich das Dokument selber reinstelle. Denn Experten, Fachleute, auch andere Dienste, können daraus Dinge lesen, die für die Operation von Geheimdiensten ganz wichtig sind und in operative Abläufe dann eingreifen.

Der Deutschlandfunk-Experte für Sicherheitsfragen hat also völlig verpasst, was seit gestern Nachmittag passiert ist und dass seine Meldung von vor vier Wochen, wonach sich die Ermittlungen nicht gegen die Medien richten, hinfällig ist. Wenn nun überall zu lesen ist, dass doch gegen Journalisten ermittelt wird, muss das für den Deutschlandfunk-Korrespondenten ein Fehler sein, ein Missverständnis der jungen Blogger-Kollegen, die nicht kapiert haben, dass die Ermittler einfach nur mal freundlich bei ihnen nachhören wollten, ob sie ihre Quelle nicht einfach verraten wollen, spart ja allen viel Arbeit sowas. Und am Ende distanziert er sich noch von den netzpolitik.org-Leuten, weil die Dokumente einfach veröffentlichen, anstatt das zu tun, was erfahrene Kollegen wie er täten, wenn sie sie bekämen: Nur darüber zu berichten. Und dagegen könne ja niemand etwas haben.

Der Deutschlandfunk-Experte Rolf Clement ist schön früher auffällig geworden. Im vergangenen Jahr hat er fälschlicherweise behauptet, es habe „massive“ Verletzungen des „europäischen Luftraums“ durch russische Flugzeuge gegeben. Der DLF-Intendant hat sich dafür später entschuldigt. Clement vertritt auch sonst durchaus extreme Positionen.

Im Mai hat Clement ein Symposium des Verfassungsschutzes moderiert.

Auf Twitter verbrämt der Deutschlandfunk die ausdauernd und systematisch falsche Darstellung Clements als „Versprecher“.

Hereingefallen auf die Falschdarstellung des Deutschlandfunks ist übrigens Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Auf Twitter antwortete er heute früh auf die Frage des Grünen Politikers Malte Spitz, warum sich „Bild“ zurückhalte bei der Berichterstattung über den Fall:

Nachtrag, 16:30 Uhr. Der Deutschlandfunk hat eine Stellungnahme veröffentlicht:

Zur Kritik am Gespräch mit Rolf Clement in den „Informationen am Morgen“

Der Deutschlandfunk hat Kritik und verschiedene Anfragen erhalten zu einem Gespräch, das die Moderatorin der „Informationen am Morgen“ heute mit unserem Sicherheitsexperten Rolf Clement geführt hat. Thema waren die Ermittlungen des Generalbundesanwalts gegen zwei Journalisten des Blogs „Netzpolitik.org“ und gegen Unbekannt. Grund der Kritik ist, dass Rolf Clement mehrfach und anders als die Moderatorin lediglich von einer „Strafanzeige gegen Unbekannt“ gesprochen hat.

Diesen Fehler bedauern der Deutschlandfunk und Herr Clement sehr. Rolf Clement ist ein erfahrener und respektierter Kollege mit einer großen sicherheitspolitischen Expertise. Wir werden die Situation intern besprechen und Rückschlüsse für die redaktionelle Arbeit ziehen.

Seit Bekanntwerden der Ermittlungen gegen „Netzpolitik.org“ gestern am späten Nachmittag hat der Deutschlandfunk ausführlich darüber berichtet. Es war ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Thema in unseren Nachrichten, in unserem übrigen Programm und auf unserer Seite deutschlandfunk.de.

In der gesamten Berichterstattung hat der Deutschlandfunk durchgängig auf die Ermittlungen gegen Journalisten verwiesen. Die Nachrichtenmeldung von gestern, 19:00 Uhr, etwa begann mit dem Satz „Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts auf Landesverrat gegen Journalisten“. Im Internet war dieser Meldung als Bild ein Screenshot von der Seite von Netzpolitik.org beigefügt, mit dem Text, in dem die Kollegen des Blogs über die Ermittlungen gegen sie informieren. Es kann also kein Zweifel daran bestehen, dass der Deutschlandfunk bis auf diese Ausnahme korrekt berichtet hat. Das gilt auch für die heutigen „Informationen am Morgen“ – bis auf dieses eine Kollegengespräch.

Herr Clement berichtet seit Jahren als festangestellter sicherheitspolitischer Korrespondent u.a. über Themen der Inneren Sicherheit. In dieser Funktion pflegt er selbstverständlich professionelle Kontakte sowohl zum Bundesamt für Verfassungsschutz wie zu den Landesämtern für Verfassungsschutz.

Im Mai hat Herr Clement im Rahmen einer Nebentätigkeit mit Genehmigung von Deutschlandradio ein Fachsymposium des Bundesamtes für Verfassungsschutz unter dem Titel „Islamistischer Terrorismus in Europa“ moderiert. Es handelte sich dabei um eine Folgeveranstaltung aus dem Jahr 2014. Deutschlandradio sieht hierin keinerlei Grund zu der Annahme, Herrn Clements journalistische Unabhängigkeit stünde infrage.*

Deutschlandradio hat interne Richtlinien für Aufträge an Journalisten, die sicher stellen, dass einheitliche Standards bei Recherche und Berichterstattung gewahrt bleiben. Deutschlandradio wird diese Richtlinien in Form eines „Journalistischen Selbstverständnisses“ in Kürze veröffentlichen.

Das erklärt meiner Meinung nach nichts.

Nachtrag, 19:20 Uhr. Mehr über Rolf Clement hier.

*) Nachtrag, 1. August. Dieser Absatz fehlte in der Antwort, die mir der Deutschlandfunk geschickt hat, zunächst.

Mehr Flüchtlinge sind besser für die Überschrift – und für den Alarm

Die „Berliner Morgenpost“ schlägt Alarm:

„Mehr als 400 Flüchtlinge pro Tag in Berlin“. Oder, wie es in der Online-Version heißt, „Mehr als 400 Flüchtlinge kommen pro Tag nach Berlin“.

Das sind ganz schön viele. Und die kommen gerade im Durchschnitt jeden Tag nach Berlin?

Nein. Im Durchschnitt waren es im Juli bis einschließlich vergangenen Freitag 213 Flüchtlinge, die pro Tag nach Berlin gekommen sind. „Mehr als 400“ kamen nur an drei einzelnen Tagen.

So steht es auch im Artikel der „Morgenpost“ selbst. Aber für die Überschrift war das wohl nicht dramatisch genug.

In der „Morgenpost“ heißt es:

In Berlin kommen zurzeit teilweise mehr als 400 neue Flüchtlinge pro Tag an. Am 6. Juli waren es 435, am 21. Juli mehr als 460, am 13. Juli sogar 473. Die Mehrzahl wird in Berlin aufgenommen und durchläuft hier das Asylverfahren. Der Anteil der Menschen, die auf andere Bundesländer verteilt werden, reichte an diesen Tagen von 125 bis 225. Das bestätigte Sozialstaatssekretär Dirk Gerstle der Berliner Morgenpost. An sieben weiteren Juli-Tagen wurden in der Zentralen Aufnahmestelle an der Turmstraße (Moabit) jeweils mehr als 250 Flüchtlinge registriert. Insgesamt kamen in diesem Monat bis einschließlich vergangenen Freitag mehr als 5100 Flüchtlinge nach Berlin, von denen rund 3200 vorerst in der Stadt bleiben.

5100 Flüchtlinge, von denen rund 3200 vorerst in der Stadt bleiben – das ergibt einen Schnitt von ungefähr 213 Neuankömmlingen pro Tag, von denen 133 vorerst bleiben. Ja, womöglich sind die immer noch ein Anlass für den Senat, „Alarm zu schlagen“.

Populisten und Rechtsradikale machen Stimmung gegen Flüchtlinge, und fast täglich werden Anschläge auf Unterkünfte verübt. Und in diesem Klima erweckt die „Berliner Morgenpost“ für eine möglichst knallige Schlagzeile auf der Titelseite den Eindruck, die Zahl der hier ankommenden Menschen sei noch viel größer, als sie tatsächlich ist. Das ist schon von besonderer Fahrlässigkeit.

[via Falk Steiner]

Nachtrag, 14:10 Uhr. Online hat die „Morgenpost“ die Überschrift geändert zu: „Teilweise mehr als 400 neue Flüchtlinge pro Tag in Berlin“. Unter dem Text merkt sie an: „Die ursprüngliche Überschrift dieses Artikels war ungenau und wurde geändert.“

Häkelmütze im Pegida-Land

Von Ulrich Wolf

Ulrich Wolf arbeitet seit 2000 bei der „Sächsischen Zeitung“ in Dresden. Nach elf Jahren in der Wirtschaftsredaktion wechselte er als Spezialist für Hintergründe und komplexe Reportagen in das Ressort Gesellschaft/Seite 3. Dieser Text von ihm ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft, „Communicatio Socialis“, erschienen.

Sie wusste um meine Fußball-Leidenschaft, und es war nur eine Geste. Kurz vor der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr schenkte eine Nachbarin mir eine schwarz-rot-goldene, von ihr gehäkelte Mütze. „Als Sonnenschutz beim Public Viewing für dein spärlich behaartes Haupt“, sagte sie. Ich fand das nett, habe das Ding dann aber doch nicht getragen und mir stattdessen eine Deutschland-Fahne um die Schultern gehängt. Die Mütze landete in der „Freizeitkiste“ im Keller. Bis zum Herbst.

Am 27. Oktober berichte ich erstmals über eine Demonstration der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, die als „Pegida“ berühmt werden sollten. Gut tausend Menschen ziehen da um die Dresdner Frauenkirche, üppig ausgestattet mit Nationalflaggen. Hooligans sind darunter, jede Menge Leute aus der Dresdner Gastronomie- und Rotlichtszene, ein paar stadtbekannte Nazis, dauernörgelnde Rentner und einige Gesichter von der Patriotischen Plattform der sächsischen AfD. Sie pöbeln, sie nennen mich „linksversifft“. Einige rufen nur: „Lügenpresse!“

Eine Woche später kommt die Häkelmütze ins Spiel. Sie wirkt wie eine Tarnkappe. Es gibt keinen Ärger mehr, wenn ich einen Block zücke, um mir Notizen zu machen oder mit dem Smartphone fotografiere. Ich kann meine Recherchen vor Ort Montag für Montag mit denen im Internet abgleichen. Die Kontaktversuche zum Pegida-Gründer Lutz Bachmann aber laufen ins Leere. Er reagiert nur einmal, per Telefon, Ende November: „Sind Sie Herr Wolf?“ – „Ja.“ – „Unterlassen Sie es, mich und meine Familie zu belästigen!“ – „Ich habe niemanden belästigt, ich habe nur versucht, Sie zu erreichen.“ – „Es wird kein persönliches Gespräch geben. Nehmen Sie das zur Kenntnis.“ Ich schicke ihm Fragen, er stellt sie auf die „Facebook“-Seite von Pegida. Und kommentiert: „Werter Herr Wolf, seriöser Journalismus sieht anders aus! Was hat meine Vergangenheit mit Pegida zu tun? Ich bin nur ein ganz kleines Zahnrad in einem Getriebe, welches Sie mit Ihren medialen Methoden der Diffamierung und Diskreditierung nicht zerstören werden.“

Einen Tag nach der siebten Pegida-Demonstration am 2. Dezember erscheint das Porträt „Pegida persönlich“ über Lutz Bachmann. Es zeichnet einen Mann, der wirtschaftlich wenig bis gar nichts auf die Reihe bekam. Der während seiner Zeit im Rotlicht-Milieu die Welt der grapschenden Autohändler, Immobilienmakler, Versicherungsvertreter und Anlageberater kennenlernte. Es ist das Porträt eines Mannes, der unbedingt dazugehören will: weniger zum Bildungsbürgertum als viel- mehr zur Schickeria. Politische Ignoranz kompensiert er mit Bauernschläue sowie der Fähigkeit, Menschen zu begeistern mit Parolen, die an die Refrains deutscher Schlager erinnern.

Der Artikel schlägt Wellen. „Zeit“, „Stern“, „Spiegel“, „Focus“ – alle rufen an. Die Zahl der Journalisten bei der Pegida-Demo eine Woche später schnellt empor, die der Mitläufer auch. Bachmann schafft es in die „New York Times“, Pegida in die „Tagesschau“. Das mediale Bashing wirkt in der Bewegung identitätsstiftend, denn der Großteil der Journalisten reduziert Pegida auf eine tumbe rechtsradikale Masse. Viele wollen nicht wahrhaben, dass sich ein außerparlamentarischer Protest von rechts entwickelt, der in der fremd-fremdelnden Bürgerschaft Dresdens auf fruchtbaren Boden fällt.

Am Morgen des 22. Dezembers erscheint die zweite große Geschichte: „Pegida – wie alles begann“. Am Abend dieses Tages habe ich wieder meine Häkelmütze auf und stehe unter 20 000 Pegidisten auf dem Theaterplatz. Bachmann verliest ein Ranking der Lügenpresse. Die „Sächsische Zeitung“ landet nach „Spiegel“ und „NDR-Panorama“ auf Rang drei. Ich bin der einzige, dessen Namen er ausruft. Die Zeitung wird mit Leserbriefen überschwemmt, bis Mitte Januar sollten es fast 4000 Briefe und Mails werden. Im Online-Auftritt schalten wir unter Artikeln, in deren Überschriften Pegida auftaucht, die Kommentarfunktion ab. Die Flut der dort eingehenden Meinungen hätte rund um die Uhr moderiert und kontrolliert werden müssen, dafür fehlt das Personal. Abonnenten, die in einem zutiefst beleidigenden Ton mit der Kündigung drohen, schreibt der Chefredakteur zurück: „Dann kündigen Sie doch.“

Nahezu ohnmächtig müssen wir mit ansehen, wie viele Menschen für Fakten und Argumente nicht mehr zugänglich sind. Sie haben ja „Facebook“, den größten Stammtisch im Land. Dort tauschen sie ihre Wahrheiten ungestört aus. Das soziale Netzwerk ersetzt bei Pegida fehlende Organisations- und Kommunikationsstrukturen. Rund 160.000 Menschen mögen diese „Facebook“-Seite, rund 500 000-mal ist dort bislang kommentiert worden. Die Seite lässt das Ausmaß an Hass erahnen, das in den Köpfen der Nutzer steckt. Dabei scheuen sich immer weniger Menschen, unter Klarnamen ihre Ressentiments kundzutun: „Hauptsache, der Dreck verschwindet von unseren Straßen. Wie, ist mir mittlerweile egal.“ – „Können wir nicht mal einen Lkw voll mit solchen Fach-Sexkräften im Regierungsviertel abladen?“ „Ich würde dem die Eier so zerschmettern, dass er nie wieder eine Frau anschaut.“ „Schmeißt die Arschlöcher raus aus Deutschland!“ Offenbar gilt nun: Durfte in der DDR kaum jemand sagen, was er denkt, so darf seit Pegida jeder alles sagen, ohne dabei zu denken.

Muss die demokratische öffentlichkeit diesen Radikalismus aushalten? Natürlich muss sie das. Aber Aushalten hat ja nichts mit Nichtstun zu tun. Wenn es etwas Positives an Pegida gibt, dann zumindest das: Die westdeutsche Wohlfühl-Demokratie hat in Sachsen ausgedient. Hier muss man kämpfen um den Grundkonsens, auch Mainstream genannt.

Sicher, Pegidas „Facebook“-Welt samt seiner radikal-rhetorischen Inhalte ist eher als verlängerter Kneipentresen nach 20 Uhr zu betrachten, denn als Plattform ernsten politischen Dialogs. Doch Pegida ist auch nach seiner Spaltung im Januar sowie tendenziell rückläufiger Teilnehmerzahlen nicht tot. Im Gegenteil. Das gesellschaftliche Klima wird weiter vergiftet durch Demokratiegegner, die ernster zu nehmen sind als Bachmann und sein Partyszenen-Team. Es geht um jene, die als Neue Rechte fungieren. Ihre Mitglieder sind die Stichwortgeber für Pegida, aus ihren Federn stammen die im Ton gemäßigten Forderungen und Thesen von Pegida, auf ihren Internet-Plattformen formulieren sie eine zielgruppenorientierte Dauerberieselung. Das sind ihre medialen Waffen:

  • Die „Politically Incorrect (PI) News“ sind das Leitmedium. Einer der führenden Köpfe ist der Ex-CDU-Politiker René Stadtkewitz, der mehrfach bei Pegida in Dresden geredet hat. über ihn lief der Kontakt zum niederländischen Rechtsaußen-Politiker Geert Wilders, der auf einer Kundgebung im April vor 15.000 Menschen sprach. Als „mutigsten Journalisten Deutschlands“ bezeichnet „PI-News“ den Heilbronner Karl-Michael Merkle (Pseudonym: Michael Mannheimer). Für ihn wird „Sachsen das Epizentrum eines politischen Rucks, auf den wir Deutsche lange haben warten müssen“.
  • Der Kopp-Verlag in Rottenburg am Neckar vereint rechte Esoterik mit Verschwörungstheorien. Dort schreibt der frühere Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Udo Ulfkotte. Dessen Buch „Gekaufte Journalisten“ ist so etwas wie die Bibel der Lügenpresse-Fans. Ulfkotte trat ebenfalls bei Pegida in Dresden auf.
  • Die rechtspopulistische Zeitschrift „Compact“ von Jürgen Elsässer verfügt über gute Kontakte zu russischen Nationalisten. Die staatlich-russische Video-Nachrichtenagentur „Ruptly“ überträgt Pegida-Demos regelmäßig live. Russische Fahnen sind auf Pegida-Protesten allgegenwärtig, die angebliche Kriegstreiberei gegen Russland ist eines der wichtigsten Themen.
  • Das Magazin „Sezession“ von Götz Kubitscheck ist das intellektuelle Vorzeigeblatt. Der Mann redete bei Pegida unmittelbar nach dem Auftritt von Wilders. Er betreibt im Süden von Sachsen-Anhalt ein Institut für Staatspolitik (IfS). Dieses gehört zum Umfeld der Wochenzeitung „Junge Freiheit“, der Bachmann ausführliche Interviews gewährt. Zum Dunstkreis des IfS zählt die „Blaue Narzisse“ des Vereins Journalismus und Jugendkultur. Vorsitzender Felix Menzel studierte Kommunikationswissenschaft in Halle, sein Credo lautet: „Wir brauchen Niemanden. Das deutsche Volk kann gesundschrumpfen.“
  • Das Internetportal „Blu-News“ betreibt ein gleichnamiger Verein in München, geführt vom ehemaligen bayerischen Landesvorsitzenden der Partei Die Freiheit, Christian Jung. „Blu-News“ interviewt Pegida-Organisatoren, darunter auch deren Kandidatin für die Dresdner Oberbürgermeis- terwahlen im Juni, die ehemalige AfD-Frau Tatjana Festerling. Der Vorsitzende der Freiheits-Partei, der frühere CSU-Pressesprecher Michael Stürzenberger, ist regelmäßig Gast bei Pegida und betreut mehrere Ableger in Süddeutschland.
  • Hinter dem Blog „Journalistenwatch“ steht der Berliner Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit. Der ehemalige „taz“-Journalist Thomas Böhm betreibt das Portal von Jena aus. Die von ihm angegebene Adresse ist identisch mit der des Landesverbands der Freiheits-Partei in Thüringen. Zum Auftritt von Wilders bei Pegida stellt Böhm fest: „Nach dem Motto ‚Wer schreit, hat Recht‘ pöbeln die linken Journalisten ungehindert herum.“
  • Beliebt bei Pegidisten ist zudem die rechtskonservative Wochenzeitung „Weltwoche“ aus der Schweiz. Ihr Verleger Roger Köppel war von 2004 bis 2006 Chefredakteur der „Welt“. Zu seinen Autoren zählt unter anderem Henryk M. Broder. Für die „Weltwoche“ schrieb Pegidas OB-Kandidatin Festerling eine Eloge über Hooligans. Indirekt lernte sie dadurch Ignaz Bearth kennen, den Gründer der Rechtsaußen-Partei Direktdemokratische Partei Schweiz. Auch Bearth spricht bei Pegida in Dresden.

In der Summe entfalten „PI-News“, „Blu-News“, „Compact“ und Co. eine beträchtliche Wirkung. Als ich im März darüber berichte, dass Bachmanns Hitler-Bild im Netz manipuliert worden sein könnte, schaffe ich es als „Quasi-Kronzeuge“ der Neu-Rechten auf die erste Seite der PI-News. Bachmann lädt mich zu einem Hintergrundgespräch ein, bei den autonomen Linken aber gerate ich in einen Shitstorm. Meine Quellen bei „Dresden nazifrei“ versiegen. Auch meine Häkelmütze werde ich los: Als ich nach dem Wilders-Auftritt in eine Gruppe von Gegendemonstranten gerate, reißt sie mir ein Vermummter mit den Worten „Du Nazi-Schwein“ vom Kopf.

Ob links- oder rechtsextreme Nischen-Publizistik im Internet: Sie bedroht den auf seriösem Journalismus basierenden Diskurs. Das zeigen zahlreiche Leserreaktionen. Hier ein repräsentatives Beispiel: „Seit Längerem bemerke ich, dass Ihr Blatt Tatsachen verfälscht oder verändert oder beeinflusst. […] Ihren unterschwelligen Ton gegen Pegida nehme ich zum Anlass, mein Abonnement zu kündigen. Ich hoffe, dass Ihre Rezipienten Ihnen in Scharen davon laufen.“ Der Verfasser dieses Leserbriefes ist auch auf „Facebook“ unterwegs. Dort mag er Gruppen wie „Der Lügenpresse den Kampf ansagen“, „Töchter und Söhne Germaniens“ oder „Merkel stressen“. Sachsens evangelischer Landesbischof Jochen Bohl konstatiert: „Es hat sich eine gefährliche Mischung aus geschürten Ängsten, persönlichem Scheitern und des Verdrusses an demokratischen Prozeduren zusammengebraut, die uns nicht ruhig lassen darf.“

Doch der Großteil ruht. Ein öffentlicher Aufschrei gegen Pegida ist im Osten kaum zu hören. Die westdeutschen Leitmedien haben sich zurückgezogen. Im Hintergrund aber arbeiten Pegidas Stichwortgeber zusammen. So treffen sich „Sezession“-Chef Kubitscheck und „Compact“-Macher Elsässer Mitte April mit 150 Gleichgesinnten in Dresden. Beide sehen in Pegida eine „echte Volksbewegung“, deren Aufgabe es sei, „Systemkritik in jedweder Form zu artikulieren“. Pegida-Anhänger sollten Initiativen gründen. „Ob Bürgerbündnisse gegen die Einrichtung von Asylheimen, ob Stammtische oder Debattierklubs: Man muss die Vernetzung fördern und den Impuls dahinter zum Thema machen. Er lautet: Die Lage der Nation ist bedrohlich.“ Zwei Tage nach dem Treffen gibt Pegida seine Zukunftsstrategie bekannt. Demnach werde man „als Bürgerbewegung zu allererst auf kommunaler Ebene Missstände benennen“. Das Pegida-Netzwerk solle „durch eine zentralere Betreuung“ gestärkt werden. Perspektivisch sei eine parlamentarische Arbeit auf kommunaler Ebene ab 2016 angedacht. Der letzte Satz des Papiers lautet: „Pegida ist gekommen, um zu bleiben.“

Mit freundlicher Genehmigung von „Communicatio Socialis“. Die aktuelle Ausgabe der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift für Medienethik hat das Thema „Glaubwürdigkeit & Vertrauen – Journalismus zwischen Ressourcenkrise und entfesseltem Publikum“.

Teletext: Lars Reichow

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die beste Erklärung für die Existenz der „Lars-Reichow-Show“ ist, dass es sich um so eine Yin-Yang-Sache handelt. Dass das ZDF in den vergangenen Jahren so viele moderne, schlaue Unterhaltungssendungen am späteren Abend in sein Programm genommen hat, dass aus Gründen des kosmischen Ausgleichs eine Sendung hermusste, die den Muff und die Bräsigkeit längst vergangener Humorjahrzehnte atmet.

Die erste Ausgabe am vergangenen Dienstag hatte das Thema „Urlaub“, und Reichow begann sie damit, dass er, noch vor dem Vorspann, im Bademantel Handtücher auf die Sessel legte, um sie für seine Gäste Verona Pooth und Lutz van der Horst zu reservieren, Handtücher, haha, wie die Deutschen im Urlaub immer, bohoho. Fast möchte man die Verantwortlichen dieser Sendung dafür beschimpfen, dass sie sich für die erstbeste Idee entschieden haben. Andererseits handelt es sich mit etwas Pech auch um die letztbeste Idee dieser Redaktion. Vermutlich besteht sie aus Überresten der „Wetten, dass“-Abteilung im ZDF, der zu „Bremen“ auch nach jahrelangem Nachdenken nichts einfiel als „Stadtmusikanten“. (Eine Rubrik, in der die Gäste Geräusche erkennen und kommentieren sollen, heißt – wie sonst? „Hört, hört“.)

Reichow erzählt dann eine nicht enden wollende Geschichte darüber, wie eng es in Wohnmobilen ist, deren Höhepunkt die Stelle ist, an der er seine Frau, die zu ihm nachts in den winzigen Alkoven will, anfährt: „Wie? Ich denk‘, du schläfst in der Küche?“ Er fragte Lutz van der Horst, den man als Reporter aus der „Heute Show“ kennt, ob er im Urlaub auch Leuten immer ein Mikro ins Gesicht hält, und nächste Woche fragt er Sabine Lisicki, die Tennisspielerin, die in Florida lebt, ob sie dort in einer Tennisanlage lebt, und am Ende singen alle immer gemeinsam schrecklich schief ein Lied, und Reichow kommt am Klavier aus dem Rhythmus, und dass er laut Wikipedia ein „Musikkabarettist“ ist, muss irgendetwas anderes bedeuten, als man denken könnte.

Fürs noch Gröbere hat er Wolfgang Trepper, der rätselhafterweise in den Zoo geht und so tut, als wären die Pinguine Italiener. Als er einen trifft, der „nur das Maul aufmacht und sich alles reinfüttern lässt“, fügt Trepper hinzu: „Das ist der einzige griechische Pinguin, den wir finden konnten.“ In der zweiten Folge zum Thema „Partnerschaft“ ist Trepper auf einer Hochzeitsmesse und freut sich, als er eine Schaufensterpuppe sieht: „Frau zum Heiraten. Sacht nix, fragt nix, nervt nicht.“

Viele harte Schnitte deuten darauf hin, dass es nicht so leicht war, die Aufzeichnung so zu kürzen und neu zusammenzusetzen, dass es wirkt, als hätte sich wenigstens das Studiopublikum blendend amüsiert. Nach der selig vergessenen Verbrauchershow „Ohne Garantie“ im vergangenen Jahr ist es schon der zweite Versuch des ZDF, Reichow aus seinem natürlichen Lebensraum beim SWR herauszuholen. Es ist ein überaus rätselhafter Ehrgeiz.

Fotos: ZDF/Pascal Amos Rest

Die Premium-Community von stern.de

Bei stern.de wünschen sie sich, dass die Leute mit ihnen diskutieren. Auf vier Artikeln auf der Startseite haben große Bapperl geklebt mit der Aufforderung: „Diskutieren Sie mit“!



Die Gesamtzahl der unter diesen Artikeln abgegebenen Kommentare: null.

Das klingt jetzt erstmal nicht so viel, muss man aber natürlich durch die Zahl der Artikel teilen. Die so ermittelte Diskussionswilligkeit pro gefeatureten stern.de Artikel liegt dann ziemlich genau bei: null.

In einem Interview mit der Fachzeitung „Horizont“ zum Relaunch der Seite vor vier Wochen hatte „Stern“-Online-Chef Philipp Jessen gesagt:

Wir wollen Premium-Inhalte und wir wollen auch eine Premium-Community. Der Community-Bereich soll eine Bereicherung darstellen und einen echten Mehrwert bieten. Das heißt, wir werden nicht alle Artikel kommentierbar machen, sondern nur die, bei denen wir das Gefühl haben, da lohnt es sich. Die Diskussionen werden immer von einem Community-Manager, dem Autor selbst oder einem Experten begleitet. Das Ziel ist eine lebhafte Debatte, bei der vernünftig miteinander geredet wird, und die auch für die Teilnehmer und die Autoren einen echten Mehrwert bietet. Wir wollen keine Abladestelle für Frust oder für Trolle aus Osteuropa sein. Zum Start werden wir lediglich ein bis drei Artikel zur Diskussion freigeben, aber ich will das natürlich schnell ausweiten. Wir müssen aber unsere Qualitätsstandards sicherstellen.

Und das mit dem Qualitätsstandards scheint ja soweit geklappt zu haben.

Forsa-Chef Güllner entkräftet Kritik von drei Leuten an seiner Umfrage

Manfred Güllner, der Chef des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, hat am Wochenende im Deutschlandfunk Stellung genommen zur Kritik an den Methoden einer „Stern“-Umfrage. Unter dem Hashtag #forsafragen hatten sich viele Menschen auf Twitter über die Art der Fragestellung lustig gemacht, bei der man nur zwischen den Alternativen wählen konnte, Merkel für ihre Griechenland-Politik zu loben oder für einen erzwungenen Grexit zu sein. Auch renommierte Sozialforscher hatten Forsa handwerkliche Fehler vorgeworfen.

Martin Zagatta, Deutschlandfunk: (…) Ihr Institut ist ja zu dem Ergebnis gekommen in der jüngsten Umfrage, glaube ich, die Mehrheit hier in Deutschland sei mit Merkels Griechenland-Kurs zufrieden und vor allem vielen Anhängern der Grünen gefalle die Griechenland-Politik von Frau Merkel. Das ist von Experten ganz heftig kritisiert worden. Bleiben Sie bei diesen Aussagen oder war da die Fragestellung doch etwas verkürzt?

Manfred Güllner: Nein. (…) Wir haben ja hier tatsächlich danach gefragt, ob das, was Merkel an dem konkreten Wochenende gemacht hat, von der Mehrheit der Menschen gebilligt wird, und das ist eindeutig gebilligt worden, da gibt es ja auch andere Zahlen. Und die Kritik kam ja nur von drei Leuten, wenn ich das richtig sehe. Das eine war Herr Niggemeier, nun, dem haben wir mal versucht …

Zagatta: Ein Blogger.

Güllner: Ja, der schreibt ab und zu mal irgendwas …

Zagatta: Ja, der bekannteste Blogger in Deutschland.

Güllner: Ja, was heißt Blogger? Wir müssen auch immer sehen, repräsentieren die Blogger nun auch 80 Millionen Menschen in Deutschland und über 60 Millionen Wahlberechtigte. Und wenn da Herr Niggemeier mal ein paar Leute lesen, ist das ja weiß Gott nicht die Mehrheit.

Zagatta: Ja, aber Ihre Umfrage ist ja auch kritisiert worden von relativ renommierten Universitätsprofessoren.

Güllner: Ja, das sind zwei Leute. Ich habe gerade einen davon, das Buch hier, das ist der Herr Diekmann, der ein Buch über empirische Sozialforschung geschrieben hat, was ich meinen Studenten immer nicht empfehle zu lesen, weil es ein merkwürdiges Buch ist. Der sagt beispielsweise, um 1.000 Leute zu befragen, braucht man drei Wochen. Stellen Sie sich mal vor, wir würden für Sie eine Umfrage machen und würden Ihnen in drei Wochen Ergebnisse liefern, dann ist das doch schon längst im Hut! Nein, das sind Leute, die ich natürlich kenne und wie gesagt …

Zagatta: Ja, Herr Güllner, in diese Fachdiskussion will ich mich auch gar nicht einmischen!

Ein Anwalt für die Leser

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Ombudsleute vermitteln weltweit zwischen Redaktion und Leser. In Deutschland aber selten.

Der „Spiegel“ Titel der vergangenen Woche war etwas kontrovers. „Unsere Griechen“, stand da, „Annäherung an ein seltsames Volk“. Ein Angehöriger dieser merkwürdigen Gattung war darunter gezeichnet, schnurrbärtig, dickbäuchig, Zigarette im Mund, Ouzo in der Hand, Sirtaki tanzend, im Arm einen rotgesichtigen, widerwilligen Deutschen im Fußballtrikot, der krampfhaft sein Geld festhält.

Als auf Twitter und Facebook Kritik an dem Cover laut wurde, reagierte Chefredakteur Klaus Brinkbäumer mit einem Eintrag im „Spiegel-Blog“. Er fragte die Leserinnen und Leser: „Darf man in Krisenzeiten dennoch Humor haben? Karikaturen drucken? Auf einem Titelbild?“ Rhetorische Fragen, aber sicherheitshalber schrieb er die richtige Antwort dazu: „Ja, natürlich.“

Er forderte die Kritiker dazu auf, genauer hinzusehen, und erklärte, dass es sich eben um eine Karikatur handele. Auf inhaltliche Kritik, auch an den Titelzeilen, ging er nicht ein.

Nicht alles, was wie ein Dialog aussieht, ist eine gelungene Kommunikation. Eine Debatte mit dem Publikum oder den Kritikern kam nicht zustande. Es hätte geholfen, wenn Brinkbäumer anders reagiert hätte. Es hätte aber vielleicht auch geholfen, wenn jemand anderes reagiert hätte. Wenn der „Spiegel“ eine Instanz hätte, die in solchen – und ungleich brisanteren – Fällen vermitteln könnte zwischen Lesern und Journalisten. Wenn es jemanden geben würde, der sich die Entscheidungen von der Redaktion erklären lässt, und die Kritik der Leser zusammenfasst.

Er müsste am Ende nicht einmal unbedingt, wie ein Schiedsrichter, ein Urteil fällen. Es würde reichen, wenn er ein konstruktives, kontroverses Gespräch ermöglichen könnte.

Man müsste eine solche Instanz nicht einmal neu erfinden. Sie ist vor Jahrzehnten schon erfunden worden. Es gibt sie in vielen Redaktionen auf der Welt. Es ist die eines Ombudsmanns oder einer Ombudsfrau. In Deutschland ist sie allerdings weitgehend unbekannt, und es gibt kaum Anzeichen dafür, dass sich das ändern wird. Dabei könnte gerade sie in Zeiten, in denen Glaubwürdigkeit für Medien eine so kritische Größe ist, ein gutes Mittel sein, um Vertrauen zu schaffen. Wenn man, wie der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, eine akute Beziehungskrise zwischen Publikum und Medien diagnostiziert, scheint es naheliegend, bei der Therapie auf Vermittler zu setzen.

„Ombudsleute können sehr viel erreichen: Verständnis wecken, Brücken bauen, Glaubwürdigkeit stärken“, sagt Stephan Ruß-Mohl von der Universität Lugano. Der Publizistik-Professor wirbt schon lange dafür und gerät fast in Rage, wenn man mit ihm darüber redet. Chefredakteure und Verlage nämlich seien „erstaunlich unsensibel“, was das Thema der Media Accountability, der Rechenschaftspflicht von Medien, angehe. Insofern „geschieht es ihnen recht“, wenn sie feststellen, dass es mit dem Vertrauen des Publikums nicht weit her sei. Und Vertrauen sei Voraussetzung für Zahlungswillen. „Deshalb wundere ich mich umso mehr, dass es nicht gelingt, die simple Wahrheit an den Mann zu bringen.“ Schon rein ökonomisch spreche viel für Ombudsleute: „Sie kosten nicht viel und können viel bewirken.“ Anton Sahlender bezeugt das gerne. Er ist „Leseranwalt“ der Würzburger „Main-Post“. Als Redakteur der Zeitung und langjähriger Stellvertreter des Chefredakteurs ist er seit kurzem im Ruhestand, aber als Ombudsmann macht er noch weiter: „Da bin ich Überzeugungstäter.“ Die Zeitung erklärt die Funktion, die er seit elf Jahren innehat, kurz so: „Als Leseranwalt vertritt er die Interessen der Leser in der Redaktion.“

Sahlender erklärt in seinen Kolumnen, warum die Redaktion Polizisten auf einem Foto unkenntlich gemacht hat (und warum das eigentlich rechtlich gar nicht nötig gewesen wäre). Er diskutiert die heikle Berichterstattung über den 16-jährigen Sohn von Michael Schumacher als Rennfahrer. Er kritisiert Fehler in der Zeitung, wägt Argumente von Beschwerdeführern ab, erläutert die Entscheidungsprozesse und Motive der Redaktion. Und zwischendurch schreibt er noch eine Ode an die Leserbriefschreiber an sich.

Unter der Überschrift „Zur Neutralität des Leseranwaltes zwischen zwei Stühlen, von denen einer dem Brötchengeber gehört“ erklärt er ausführlich, wie er seine Rolle versteht. Seine Antwort auf die Frage: „Könnte mir bitte jemand erklären, warum Leser einen Anwalt brauchen?“ beendet er damit, dass er sich mit dem Wunsch eines Lesers identifiziert, der schrieb: „Mir reicht es, wenn die Redaktion zusätzlich zum Pressekodex das Gewissen als eigene Instanz einschaltet.“ Sahlender fügt hinzu: „Dabei will ich helfen.“

Ein wesentlicher Teil seiner Arbeit findet nicht in der Öffentlichkeit statt, sondern in Gesprächen mit Kollegen. „Es gibt einen Effekt nach innen“, sagt er. „Die ganze Redaktion verändert ihr Handeln; das Nachdenken über die Arbeit nimmt zu.“ Darüber hinaus gehe es um etwas, das im Journalismus erstaunlicherweise manchmal weniger selbstverständlich erscheint als in anderen Branchen: „Beschwerdemanagement“. Leser bekä- men schneller Antwort; oft entschärfe er einen Streit, auch die Anrufung des Presserates erübrige sich manchmal. „Ich pflege auch auf Idioten zu antworten“, sagt Sahlender, denn wenn man Beschimpfungen und Unterstellungen abziehe, bleibe oft genug ein sachlicher Anlass für den Ärger. Was genau er erreicht hat für die Wahrnehmung der „Main-Post“, kann er nicht sagen. „Aber wenn es sinnlos wäre, hätte ich längst hingeschmissen.“

Sahlender war der erste Ombudsmann in Deutschland. Inzwischen leitet er eine „Vereinigung der Medien-Ombudsleute“, die gerade einmal elf solche Institutionen umfasst, darunter auch den „Leserbotschafter“ des „Hamburger Abendblattes“, obwohl der sich vor allem um Beschwerden der Leser über Behörden und Unternehmen kümmert. Gruppen wie die „Initiative Qualität im Journalismus“ fordern schon lange mehr Ombudsleute in den Medien – aber es tut sich fast nichts, nicht einmal jetzt, wo viele ein zerrüttetes Verhältnis zwischen Teilen des Publikums und der Medien beklagen. „Ombudsleute wären mehr denn je notwendig, obwohl das Konzept so altmodisch klingt“, sagt Sahlender. „Aber viele Chefredakteure fürchten, die Deutungshoheit zu verlieren.“

Allerdings geschieht das heute ohnehin schon, in Form von Kritik, die Leser im Internet, in Kommentaren und Blogs, auf Facebook und Twitter üben. Ombudsleute und andere Formen der Selbstreflexion wären eine Chance, den Lesern eine eigene Stimme hinzuzufügen, „nicht den Trolls und Hasspredigern das Feld zu überlassen“, wie Ruß-Mohl es formuliert.

Um der Idee von Ombudsleuten in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen, müsste ein großes Leitmedium sie aufnehmen, meint Ruß-Mohl, aber damit ist vorerst nicht zu rechnen. Der stellvertretende Chefredakteur des „Spiegels“, Alfred Weinzierl, sagt zwar, dass man mehr „in den Dialog“ mit den Lesern geht als früher – aber von der Einrichtung eines Ombudsmannes bei Medien hat er noch nie etwas gehört. Bei der „Süddeutschen Zeitung“ gibt es einen Mann, der sich im Lokalen um Anliegen von Abonnenten kümmert, und „Leserdialogteams“ – das erklärte Ziel sei es, dass inhaltliche Bedenken und Fragen angenommen würden und dass jeder Leser eine Antwort bekomme. Berthold Kohler, einer der Herausgeber dieser Zeitung, sagt, die Einsetzung eines Ombudsmanns sei bisher kein Thema in der F.A.Z. gewesen. „Daraus schließe ich, dass ich nicht der Einzige in unseren Reihen bin, der auch in Streitfällen den direkten Kontakt mit den Lesern bevorzugt.“

Die „Welt“ lässt ausrichten, man finde die Idee von Ombudsleuten „generell gut“ und beschäftige sich auch damit. Aktuell setze man den Dialog mit den Lesern vor allem über Social Media um. Der Chefredakteur der „Welt“ habe dar- über hinaus einen Referenten, zu dessen Aufgaben es gehört, mögliche Konfliktfälle im Dialog zwischen Chefredaktion, Redaktion und Leser zu klären.

Das ZDF verweist darauf, dass in Programmfragen der Fernsehrat „das maßgebliche Kontrollorgan“ sei und sich dessen Vorsitzender Ruprecht Polenz als „Anwalt des Zuschauers“ verstehe. Dafür gebe es auch die „Programmbeschwerde“ über den Fernsehrat – ein streng formales Verfahren, das das Gegenteil dessen ist, was ein guter Ombudsmann tun könnte: unbürokratisch, schnell und formlos für einen Ausgleich der Interessen sorgen, Verbündeter der Öffentlichkeit sein und sie als Verbündeten nutzen.

Natürlich sind Ombudsleute nicht die einzige Möglichkeit, sich der Kritik zu stellen, Rechenschaft abzulegen, Diskussionen über Maßstäbe für Qualität zu organisieren. Aber sie können eine besonders elegante, wirkungsvolle Möglichkeit sein. In den Vereinigten Staaten beweist das Margaret Sullivan, „Public Editor“ der „New York Times“. Sie beschäftigt sich kritisch-abwägend mit Beschwerden über die Berichterstattung der Zeitung und führt einen eigenen Kampf gegen den inflationären Gebrauch von anonymen Quellen.

Hierzulande scheitert es oft auch daran, eine geeignete Person zu finden; jemand, dessen Wort sowohl in der Redaktion Gewicht hat, als auch von außen anerkannt ist, jemand, der „nicht auf der Wassersuppe daherkommt“, wie Sahlender sagt. „Es müsste jemand sein, der im Haus sitzt, aber nicht zum Haus gehört“, meint Lorenz Maroldt, einer der beiden Chefredakteure des Berliner „Tagesspiegels“. „Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, wenn es nicht nur ein Grüßaugust sein soll.“ Anders als vor Jahren, als schon die Einrichtung regelmäßiger Korrekturen von Lesern nicht als Ausweis von Qualität, sondern ihrem Gegenteil bewertet wurde, glaubt er, dass heute diese Form der Selbstkritik funktionieren könnte.

Nötig wäre es, insbesondere wenn hochwertige Medien ihre Leser angesichts der vielen kostenlosen Alternati- ven davon überzeugen wollen und müssen, dass es sich lohnt, Geld für sie auszugeben. „Wer hochwertige Produkte verkaufen will, muss spezielle Strategien entwickeln, um die Qualität der Angebote zu kommunizieren“, sagt Ruß-Mohl. Dazu gehöre es auch, mit dem Publikum über die Maßstäbe der eigenen Arbeit ins Gespräch zu kommen.

Jörg Kachelmann und die Verbrecher von kabel eins

Schalten wir um zu kabel eins. Dort läuft am Sonntag eine neue Doku des Grauens: „Die spektakulärsten Kriminalfälle – dem Verbrechen auf der Spur“.

Der Sender bewirbt sie mit einem dreißigsekündigem Trailer, in dem es heißt:

Dunkle Geheimnisse.

Undurchschaubare Abgründe.

Verhängnisvolle Taten.

Diese Menschen sind bis zum Äußersten gegangen und wurden zu Verbrechern, die jeder kennt.

Welche Motive hatten sie? Und warum ziehen uns wahre Kriminalfälle so in ihren Bann?

Die Faszination des Grauens in der neuen Doku.

„Die spektakulärsten Kriminalfälle – dem Verbrechen auf der Spur“. Am Sonntag um 20:15 Uhr.

Man muss es im Original gesehen und die Stimme des Sprechers und die dramatische Musik gehört haben, um es angemessen würdigen zu können:


 

Im Bild, unter anderem: Hans-Jürgen Rösner und O.J. Simpson, Marianne Bachmeier und Jürgen Harksen – und Jörg Kachelmann, der Wettermoderator, der von dem Vorwurf, eine Frau vergewaltigt zu haben, freigesprochen wurde.


Und kabel eins zeigt den — noch einmal: rechtskräftig freigesprochenen — Moderator als Verbrecher, den jeder kennt – was auf eine ironische Weise fast schon wieder treffend ist, angesichts der Vorverurteilung und der anhaltenden Folgen des Prozesses und der Berichterstattung für Kachelmann.

Kachelmanns Anwalt hat die Sendergruppe ProSiebenSat.1, zu der kabel eins gehört, abgemahnt. Die „Behauptungen“ über Kachelmann seien „allesamt unwahr“: Es habe schon keine Tat gegeben, deshalb auch kein Motiv und kein „Grauen“, das faszinieren könnte. Die Behauptung, Kachelmann sei ein „Täter“ bzw. „Verbrecher“ werde „in ehrenrühriger Weise und wider besseres Wissen aufgestellt“.

ProSiebenSat.1 bestätigte auf Anfrage, die geforderte Unterlassungserklärung abgegeben zu haben und den Trailer nicht mehr zu zeigen. In der Sendung selbst werde Kachelmann selbstverständlich in keiner Weise als Verbrecher dargestellt.

Kachelmann behält sich vor, eine Geldentschädigung zu verlangen.

Wer gegen den „Grexit“ ist, muss für Merkel sein: Wie der „Stern“ und Forsa Stimmung für die Union machen

Die Nachrichtenagenturen dpa und AFP meldeten am Dienstagnachmittag, dass die Mehrheit der Deutschen mit Angela Merkels Griechenland-Verhandlungen zufrieden sei. Sie liefern sogar noch ein bemerkenswertes Detail: Ganz besonders einverstanden mit Merkel seien die Anhänger der Grünen. Und selbst unter Wählern der Linken gebe es eine Mehrheit für Merkels Kurs.

Das scheint erstaunlich. Aber nur, wenn man nicht die besondere Art kennt, wie das Institut Forsa im Auftrag von „Stern“ und RTL die Frage gestellt hat. Forsa fragte nämlich nicht, wie man annehmen könnte, ob man mit Merkels Vorgehen in Sachen Griechenland ganz / ein bisschen / kaum / gar nicht zufrieden ist. Die Umfrage bot laut „Stern“-Politikchef Lorenz Wolf-Doettinchem als Alternative, dass man entweder Merkels Griechenland-Politik gut findet. Oder meint, dass sie Griechenland aus dem Euro hätte zwingen sollen.

Die Möglichkeit, Merkels Politik zu kritisieren, weil sie zu hart gegenüber Griechenland auftrat, bot die Umfrage nicht.

Wenn die Grünen-Anhänger sich in einem besonders hohen Maß für die Antwort-Option entscheiden, dass Merkel gut verhandelt habe, kann das also auch bloß bedeuten, dass besonders viele von ihnen gegen einen erzwungenen „Grexit“ sind.

Forsa hat die Frage so formuliert, dass jeder, der einen erzwungen „Grexit“ ablehnt, seine Zufriedenheit mit Merkel ausdrücken – oder „weiß nicht“ sagen muss. Das wäre auch die Option, die zum Beispiel jemand wie der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman wählen müsste, der – nicht als einziger – von Merkel forderte, einen „weniger zerstörerischen“ Plan für Griechenland vorzulegen. In der Welt von „Stern“ und Forsa kann man nur noch härter mit Griechenland umgehen als die Bundesregierung.

Schon die Formulierung der beiden Antwortmöglichkeiten ist unseriös und manipulativ. Noch irreführender wird es aber, wenn man die Alternative weglässt, wie es die Nachrichtenagentur AFP getan hat. Die vermeldete die vermeintlichen Forsa-Erkenntnisse heute so:

Merkels Griechenland-Politik gefällt vielen Grünen-Anhängern – Umfrage zeigt parteiübergreifende Unterstützung

Hamburg (AFP) – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekommt für ihr Vorgehen in der Griechenland-Krise gute Noten von den Wählern – vor allem von den Anhängern der Grünen. In einer am Dienstag veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag von „Stern“ und RTL bescheinigten 55 Prozent aller Befragten der Kanzlerin, sich beim Krisenmanagement alles in allem richtig verhalten zu haben. Von den befragten Grünen-Anhängern waren sogar 75 Prozent mit Merkels Vorgehen zufrieden – und damit mehr als in Merkels eigener Partei: Unter den Anhängern der Union gaben 66 Prozent der Kanzlerin gute Noten.

Dass Merkel sich in der Griechenland-Krise richtig verhalten habe, fanden auch 62 Prozent der SPD-Anhänger und immerhin 53 Prozent der Linken-Sympathisanten.

Dass die Befragten sich entscheiden sollten zwischen einer Zustimmung für Merkel und einem „Grexit“, ließ AFP einfach weg.

Bei dpa liest es sich immerhin so:

Mehrheit mit Merkels Griechen-Kurs zufrieden – Auch Grüne und Linke

Berlin (dpa) – Nach der jüngsten Einigung in der griechischen Schuldenkrise ist die Mehrheit in Deutschland mit dem Kurs von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zufrieden. 55 Prozent der Bundesbürger sind nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Magazins „Stern“ der Auffassung, dass sich Merkel alles in allem richtig verhalten habe. 31 Prozent meinen, sie hätte Griechenland zum Ausstieg aus dem Euro zwingen sollen, 14 Prozent haben dazu keine Meinung.

Dass es auch Menschen geben könnte, die zu der Frage nicht keine, sondern eine andere Meinung haben, ist auch in der dpa-Welt nicht vorgesehen.

Die genaue Fragestellung, die kritischen Beobachtern immerhin die Möglichkeit geben würde, eine Erklärung für die merkwürdigen Umfrage-Ergebnisse zu finden, hat keiner der Beteiligten veröffentlicht. Wolf-Doettinchem, der Ressortleiter Politik und Wirtschaft beim „Stern“, sieht darin auch keine Notwendigkeit. Auf Nachfrage twitterte er lapidar:

Wolf-Doettinchem verteidigte die Fragestellung als seriös; es handle sich „um ein erstes Stimmungsbild“. Zur Auswahl hätten für die von Forsa Befragten „die beiden Alternativen“ gestanden, „über die in Brüssel verhandelt wurde“.

CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn nahm die Vorlage dankbar auf:

[via Andreas Kappler, Pressesprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag]

Korrektur, 1:00 Uhr. Anders als ich geschrieben hatte (und als AFP meldet), war RTL nicht an diesem Teil der Umfrage beteiligt.

Nachtrag, 13:10 Uhr. Die Agentur dpa hat eine berichtigte und ergänzte Version ihrer Meldung versandt. Darin erläutert sie unter Bezug auf „Stern“-Ressortleiter Wolf-Doettinchem die Fragestellung der Umfrage und zitiert ausführlich die Kritik daran von Grünen-Politikern.

Auf Twitter erklärte dpa:

Nachtrag, 18:25 Uhr. Forsa-Chef Manfred Güllner verteidigt auf und für stern.de die Fragestellung und wirft mir „ideologische Verbohrtheit und Ignoranz“ vor.

Nachtrag, 16. Juli. „Hannoversche Allgemeine“, „Neues Deutschland“, „Handelsblatt“, „taz“, „Süddeutsche Zeitung“ zum Thema.