Autor: Stefan Niggemeier

Warum der ZDF-Korrespondent eine Demo in Athen unmöglich richtig beschreiben konnte

ZDF-Intendant Thomas Bellut gibt Entwarnung: Alles nicht so schlimm mit der vermeintlichen Glaubwürdigkeitskrise der deutschen Medien, schreibt er in der FAZ. Die Forschungsgruppe Wahlen hat repräsentativ ausgewählte Menschen gefragt und laut Bellut herausgefunden,

dass die regionalen und überregionalen Tageszeitungen, die wöchentlichen Nachrichtenmagazine sowie die öffentlich-rechtlichen Sender von der großen Mehrzahl der in Deutschland Lebenden als glaubwürdig angesehen werden und weiterhin unverzichtbar sind.

Aus der Tatsache, dass das Publikum unterschiedliche Medien unterschiedlich glaubwürdig findet („Bild“ liegt weit im negativen Bereich), folgert Bellut:

Folgt man der These, dass Leser, Zuschauer, User vertrauenswürdige, unabhängige, sorgfältig geprüfte Informationen wollen, dann liegt der Schluss nahe, auch in dem Programm selbst das Zustandekommen von Informationen und die Quellen nachvollziehbar zu machen. Wir müssen Fehler, deren völlige Vermeidung unmöglich ist, zugeben und korrigieren, entweder direkt auf dem Bildschirm oder zumindest in der Rubrik „Korrekturen“ auf unserer Website, die wir vor kurzem eingerichtet haben.

Ja, das ist richtig: Nur knapp neun Jahre, nachdem die „Bild“-Zeitung öffentlichkeitswirksam eine (längst wieder vergessene) Korrektur-Rubrik eingeführt hat, hat auch das ZDF dafür ein Eckchen auf seiner Internetseite gefunden.

Der aktuelle Eintrag dort geht so:

In den heute-Nachrichten vom 29. Juni berichtete unser Korrespondent in Athen in einem Schaltgespräch, dass die Demonstranten, die hinter ihm zu sehen waren, Euro-Befürworter seien. Tatsächlich hielten Demonstranten Banner hoch, auf denen „Europe all together“ und „Euro our future“ zu lesen war.

Es handelte sich allerdings um eine große Demonstration für den Kurs der griechischen Regierung und gegen die Spar- und Reformvorschläge der Gläubiger.

Interessant. Und rätselhaft. Irgendetwas hat der ZDF-Korrespondent in Athen wohl falsch gemacht, aber man weiß nicht genau, was es war. Wird nicht so wichtig gewesen sein.

Es hilft, sich die „heute“-Sendung selbst anzuschauen, die das ZDF sicherheitshalber nicht verlinkt. Am Montag vergangener Woche berichtete Alexander von Sobeck live aus Athen, wie kompliziert die Frage auf den Stimmzetteln des Referendum formuliert ist:


Screenshot: ZDF

Ohne die beiden Dokumente versteht das kaum ein Fachmann geschweige denn ein griechischer Bauer irgendwo auf dem Land.

(sic!)

Dieses Referendum entwickelt sich immer mehr zu einer Farce. Letztendlich geht es dann um die Frage, wollen die Griechen im Euro bleiben, in der Euro-Zone. Und wenn ich mich hier mal umschauen würde, was heute sich auf dem Platz vor dem Parlament abstimmt, das ist die größte Demonstration seit Tagen – und das sind alles Leute, die gerne im Euro bleiben würden.

Thomas Bellut sagt, die „völlige Vermeidung“ von Fehlern sei „unmöglich“, aber dieser Fehler hier ist schon bemerkenswert – und symptomatisch. Der ZDF-Korrespondent steht in Athen vor einer großen Demonstration von Syriza-Anhängern und tut so, als handele es sich um eine große Demonstration von Syriza-Gegnern – er betont extra noch, es sei die größte. Dieser Fehler scheint unerklärlich, ist aber fast unvermeidlich. Die zutreffende Beschreibung, dass die Demonstranten hinter ihm nicht (unbedingt) aus dem Euro wollen, aber trotzdem für den Kurs der Syriza-Regierung sind und mit „Nein“ stimmen wollen, hat von Sobeck unmittelbar zuvor nämlich ausgeschlossen, indem er behauptete, in diesem Referendum gehe es darum, ob die Griechen im Euro bleiben wollen.

Das hatten viele Vertreter der europäischen Institutionen und der deutschen Regierung behauptet, mutmaßlich auch um das Votum der Griechen entsprechend zu beeinflussen. Indem sich von Sobeck diese Behauptung voller Entrüstung (eine „Farce“!) zu eigen machte, konnte er nicht mehr zutreffend beschreiben, gegen was die Leute hinter ihm demonstrierten: gegen die Vorgaben der Gläubiger, aber eben nicht zwingend gegen den Euro. Tsipras hatte das auch vorher behauptet: Dass ein „Nein“ beim Referendum nicht notwendigerweise die Aufgabe des Euro bedeute.

Ich finde das einigermaßen dramatisch, weil es kein Flüchtigkeitsfehler ist: Der ZDF-Korrespondent beschreibt nicht, was – für jeden sichtbar – vor Ort passiert, weil es seiner Interpretation der Realität widerspricht. Er hat die Komplexität dessen, was in Griechenland passiert, soweit reduziert (mutmaßlich damit sie auch die Bauern irgendwo in Rheinland-Pfalz besser verstehen), dass sie mit den Bildern hinter ihm nicht mehr in Einklang zu bringen ist.

Und das ZDF meint, das mit einer läppischen, kryptischen „Korrektur“-Bemerkung angemessen berichtigt zu haben, und sein Intendant behauptet auch noch, das sei ein wichtiges, vorbildliches Mittel, um das Vertrauen in das ZDF wiederherzustellen?

Nein, das ZDF hat diese Korrektur-Ecke nicht, um sich zu berichtigen und kritisch mit der eigenen Berichterstattung auseinanderzusetzen. Sondern um auf Podien und in Gastbeiträgen in Zeitungen behaupten zu können, dass man das jetzt täte.

Gefunden: Die Frau, die schuld ist, dass die Euro-Krise nicht gelöst wird

Die „Welt“ schreibt, dass die französische Zeitung „Le Canard enchaîné“ schreibt, dass Gesprächspartner des französischen Staatspräsidenten François Hollande sagen, dass François Hollande sagt, dass der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras sagt, dass er, wenn er den Forderungen der Gläubiger seines Landes zu sehr nachgibt, nicht nur seine Partei, sondern auch seine Partnerin verlieren wird.

Die „Welt“ ist sich nicht sicher, ob Tsipras das wirklich gesagt hat, und wenn er das gesagt hat, ob es nicht womöglich im Scherz war. (Man kann sich das ja gut dahingesagt vorstellen, so im Smalltalk: „Jaha, nee nee, das ist nicht nur wegen meiner Partei undenkbar, sondern auch wegen meiner Frau.“) Aber all das ist natürlich kein Grund, aus der Sache keine große Sache zu machen. Und so erschien am Freitag prominent auf „Welt Online“ eine ausführliche Analyse der Lage aus der Wirtschaftsredaktion des Blattes:

Das ist doch immerhin mal ein neuer Aspekt in der Griechenland-Krisen-Berichterstattung, die sich ansonsten seit Wochen, Monaten, Jahren in einer Dauerschleife zu befinden scheint. Und es bedient in ganz wunderbarer Weise ein Klischee von der bösen linken Frau, die ihrem Mann sagt, was er zu tun hat. Es erklärt auch, warum Tsipras so unnachgiebig ist, was deutsche Journalisten sonst kaum erklären können: Es ist letztlich keine politische Frage, kein rational zu erklärendes Vorgehen im Interesse seines Landes oder wenigstens seiner Partei, sondern eine private Geschichte. Und die Frau ist erstens stramm links, also eine verblendete Ideologin, und zweitens eine Frau, neigt also naturgemäß schon zu Irrationalität. Endlich ist eine Erklärung gefunden, warum die Verhandlungen mit Griechenland nicht voran gehen.

Aber folgen wir doch den Erläuterungen von „Welt“-Wirtschaftsredakteur Klaus Geiger. Der erklärt uns, dass Tsipras‘ Lebensgefährtin Betty Baziana eigentlich gar nicht die Öffentlichkeit sucht.

Nun aber steht die studierte Elektro- und Computeringenieurin doch im Zentrum der Aufmerksamkeit, gegen ihren Willen, darf man vermuten. Zu verdanken hat sie das Frankreichs Präsident François Hollande. Der hat Brisantes über die politische Gemengelage des Paares Tsipras/Baziana erfahren, zumindest wenn man dem französischen Satire- und Enthüllungsmagazin „Le Canard Enchainé“ glaubt, das für gewöhnlich exzellent informiert ist.

Dort wird Hollande mit den Worten zitiert, Tsipras habe ihn informiert, „dass, wenn er den Forderungen der Troika zu sehr nachgibt, er nicht nur seine Partei, sondern auch seine Partnerin verlieren werde“. Denn die sei „eine Hardlinerin und steht weit links von ihm“.

„Brisant“!

Wenn Tsipras diese Worte tatsächlich gesagt hat, hat er es dann im Scherz gemeint? Oder war es sein voller Ernst, dass bei den Euro-Verhandlungen seine Partnerschaft auf dem Spiel steht? Das bleibt offen.

In der Tat. Der Artikel endet hier trotzdem nicht, sondern geht weiter:

Die Vorstellung aber, dass Betty Baziana im Hause Tsipras die politischen roten Linien zieht, klingt jedenfalls nicht abwegig, nach allem, was über Tsipras‘ Partnerin bekannt ist.

Dass es, selbst wenn das kolportierte Zitat von Tsipras stimmt, dieselben „roten Linien“ sind, die auch seine Partei vorgibt, ist irgendwie jetzt unter den Tisch gefallen. Aber wer würde schon über eine Partei schreiben, wenn er über eine Frau schreiben kann?

Denn Betty Baziana, deren Taufname eigentlich Peristera lautet, gilt als die Frau, die Alexis Tsipras erst zu einem stramm linken Politiker gemacht hat. Die ihm schon zu Schulzeiten jene Ideen nahegebracht hat, mit denen er zwei Jahrzehnte all jene Menschen begeisterte, die sich von den Herrschenden des Landes enttäuscht und von den Euro-Partnern gedemütigt fühlten.

Die Frau ist, kurz gesagt, an allem schuld, erst die Verführung des Mannes, nun die Erpressung, unter der ein ganzer Kontinent leidet. Das ist fast schon biblisch!

Tsipras und Baziana sind etwa gleich alt, lernten sich in der Schule kennen und lieben. Tsipras soll, als er Baziana begegnete, an Sport weit mehr interessiert gewesen sein als an Politik. Baziana war es demnach, die schon damals ein sehr politischer Mensch gewesen sein soll.

Tsipras könnte heute Sportler sein! Marathonläufer oder Diskuswerfer! Was wäre uns (im Sinne von: Angela Merkel und Wolfgang Schäuble) alles erspart geblieben!

Ob tiefe Überzeugung oder politisches Kalkül – heute jedenfalls tut das Paar alles, um den Anschein eines luxuriösen oder auch nur bürgerlichen Lebensstils zu vermeiden. Zunächst: Tsipras und Baziana haben nie geheiratet – ein Affront für das konservative griechische Establishment, aber nicht unpopulär bei jungen Wählern.

Skandal!

Und sie leben bis heute in Verhältnissen, die für eine Premiers-Familie äußerst bescheiden anmuten. Die Villa Maximos, den traditionellen Sitz des griechischen Premiers, meidet das Paar. Sie blieben in einem simplen Apartmentblock, mit ihren beiden Söhnen im Kindergartenalter.

Sympathisch, aber sind wir womöglich ein bisschen vom Thema abgekommen?

Ansonsten gibt es nur jene unbestätigten Informationen zum Privatleben des Paares, die aus dem Umfeld von Tsipras verlauten.

Ah, dann endet der Artikel sicher hi- ach nee:

Was daran stimmt, was politisch kalkuliert durchsickert, ist schwer zu sagen. Was man hört, lässt Tsipras jedenfalls in bestem Licht erscheinen: Man esse gerne zusammen zu Hause, am liebsten mit engen Freunden, wird oft kolportiert, der Vater lese trotz seines engen Euro-Krisen-Terminplans den Söhnen eine Gutenachtgeschichte vor, wann immer es gehe.

Wahnsinnig interessant. Und womöglich, wie die „Welt“ einräumt, gar nicht zutreffend. Man weiß anscheinend nicht mal, ob die Frau auch bestimmt, was es zu essen gibt, welche Freunde kommen, welche Gutenachtgeschichten gelesen werden. Sind es linke Gutenachtgeschichten? Leben die Herrscher in ihnen auch nicht in irgendwelchen Villen, sondern in schnöden Hochhäusern, nachdem die Frau ihren Mann mit Politik vom Sport weggelockt hat?

(…) Betty Baziana selbst kümmert sich demnach vor allem um Haus und Kinder, angeblich arbeitet sie aber auch sporadisch noch in der Computerbranche.

Angeblich! Sporadisch!

Sieht man sie an der Seite ihres Mannes, so wirkt die Frau mit den schulterlangen dunklen Haaren ruhig, fast schüchtern. Sie hält sich diskret abseits, wenn ihr Mann mit dem charmanten Tsipras-Lächeln auf die Menschen zugeht, Hände schüttelt und freundliche Worte austauscht.

Hammer. Aber gleich kommen bestimmt noch die weiteren Hinweise, dass die Frau ihrem Mann die „roten Linien“ vorgibt und somit eine Einigung mit den Gläubigern verhindert.

Auch ihren Kleidungsstil hat Betty Baziana nicht geändert, seit sie an der Seite des Premiers steht. Das hatte ihr das französische Modemagazin „Vogue“ nahegelegt, nach der Amtsübernahme ihres Mannes. Sie solle doch die vielen Farben und großen Aufdrucke ihrer Kleider aufgeben. Zu einer raffinierten Farbpalette und zu klaren Schnitten wurde ihr geraten.

Zu Kleidung, die man häufig tragen könne, wie die der amerikanischen First Lady Michelle Obama oder von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Äh, ist das nicht ein bisschen Quatsch, wenn die Frau eh fast nie öffentlich zu sehen ist? Ah, der „Welt“-Redakteur hat aufgepasst:

Nur dass sich die „Vogue“ da doppelt täuschte in Betty Baziana. Erstens braucht eine Premiers-Partnerin, die fast nie öffentlich zu sehen ist, natürlich überhaupt keine Garderobe, die häufig getragen werden kann. Und selbst wenn – die „Vogue“ wäre wohl die letzte Publikation, von der Baziana solche Ratschläge annehmen würde.

Aber schön, dass wir drüber geredet haben.

Man könnte jetzt noch fragen, ob das Privatleben einer Frau, die sich so sehr aus der Öffentlichkeit fernhält, wirklich von den Medien erörtert werden muss. Andererseits hat die Wirtschaftsredaktion der „Welt“ ja den perfekten Vorwand gefunden, durch den die Berichterstattung legitim wird: den Verdacht, dass die Frau ihren Mann aus dem Schutz der Nichtöffentlichkeit politisch steuert und schuld ist, dass sich in den Verhandlungen nichts bewegt.

Die „Huffington Post“ empfahl den „Welt“-Artikel mit der Zeile: „Sie ist die derzeit zweitmächtigste Frau Europas – und sie könnte die Eurokrise entscheiden“.

Wie George W. Bush nicht über den „Spiegel“ lachte

Irgendwie sind sie stolz beim „Spiegel“. Denn auf Fotos, die jetzt veröffentlicht wurden, sieht man den George W. Bush im Weißen Haus, wie er mit seinem Vize Dick Cheney über einen „Spiegel“-Titel lacht.


Quelle: U.S. National Archives

Aber irgendwie ist der auch doof, der Bush. Denn der amerikanische Präsident kam in dem Heft damals „denkbar schlecht weg“, wie „Spiegel Online“ verblüfft feststellt.

Der SPIEGEL-Titel vom 27. Oktober 2008 zeigt einen schwer angeschlagenen George W. Bush in Rambo-Outfit, den Arm in einer Patronenschlinge, die linke Hand auf einer Maschinenpistole abgestützt. Hinter ihm steht sein missmutig dreinblickender Vizepräsident Dick Cheney, hinter diesem wiederum eine amazonenhafte Außenministerin Condoleezza Rice mit zerborstenem Schwert.

Ein desolates Panorama mit eindeutig negativer Botschaft. In dem Artikel „Ende der Vorstellung – Die Bush Krieger“ ging es um den misslungenen Feldzug der Vereinigten Staaten gegen „das Böse“. Vertreter der Bush-Regierung hatten im Vorfeld selbst gravierende Fehler im Irak-Krieg zugegeben.

Hunderttausende Iraker und Tausende US-Soldaten starben in dem Krieg, der die Region nachhaltig destabilisierte. Doch Bush-Junior scheint sich wider Erwarten beim Betrachten der Illustration prächtig amüsiert zu haben.

Bloß: Das ist gar nicht der beschriebene „Spiegel“, den Bush auf dem Foto in der Hand hält. Das Titelbild von 2008 griff ein Titelbild von 2002 wieder auf, als die „Bush-Krieger“ noch gar nicht „schwer angeschlagen“ und „völlig abgehalftert“ dargestellt wurden, sondern wild entschlossen, in Saft und Kraft. Statt der Zeile „Ende der Vorstellung“ stand auf dem „Spiegel“-Titel „Amerikas Feldzug gegen das Böse.“

2002:

2008:

Dieser Titel von 2002 wird im „Spiegel Online“-Artikel auch erwähnt. Aber der anonyme Autor hat unerklärlicherweise nicht gemerkt, dass es das Cover dieses Heftes ist, das Bush amüsiert in der Hand hält. Kein Wunder: Das Foto ist aus dem Jahr 2002.

[entdeckt von Mathias Schindler]

Nachtrag, 21:30 Uhr. „Spiegel Online“ hat sich korrigiert – und entsprechend den ganzen Artikel umgeschrieben.

Folge 3911 der Serie „Der irre Varoufakis“ ist eine Wiederholung

Es muss, um es mit dem Online-Liveticker des Nachrichtensenders n-tv zu sagen, ein wirklich denkwürdiges Treffen der Euro-Finanzminister gewesen sein am Donnerstag:

Zumindest, wenn man einem Bericht der

Die Kollegen vom Online-Liveticker des „Focus“ finden es fast schon nicht mehr denkwürdig in seiner Denkwürdigkeit:

Der Auftritt von Janis Varoufakis beim Treffen der Finanzminister scheint einem Bericht der

Und so steht es auch in der „Welt“, auf die sich „Focus Online“ und n-tv.de beziehen. Jedenfalls im Vorspann und auf der Startseite:

Athens Reformliste ist eine Sammlung von Stichworten. Mit einem Kamerateam im Schlepptau und einer 30-minütigen Rede erschien Janis Varoufakis beim Finanzministertreffen. Doch seine Vorschläge reichen den Euro-Kollegen nicht. Sie setzen ihm eine Frist.

Im Artikel selbst zeigt dann aber eine interessante Sollbruchstelle:

Der griechische Finanzminister Janis Varoufakis schätzt es, Licht in die Treffen der Amtskollegen zu bringen, die doch eigentlich hinter verschlossenen Türen stattfinden. Zu seinem ersten Treffen mit den Finanzministern der Euro-Gruppe erschien er Schilderungen zufolge mit einem Kamerateam im Schlepptau, was ihm eine Rüge von Euro-Gruppe-Chef Jeroen Dijsselbloem einbrachte. Und wie man hört, neigt er zu langen Reden in dem Gremium.

So auch am Donnerstag. …

Da steht genau genommen gar nicht, dass Varoufakis jetzt ein Kamerateam mitbrachte, sondern dass er das bei „seinem ersten Treffen mit den Finanzministern“ tat. Der „Welt“-Korrespondent hat das nur nochmal erzählt, um zu illustrieren, was für ein bizarrer Typ dieser Varoufakis ist (neigt zu langen Reden!), der Dinge gern für die Öffentlichkeit dokumentiert, wie er das auch diese Woche tat, indem er seinen Redetext „auf seinem Internetblog“ veröffentlichte.

Tatsächlich ist die Geschichte mit dem Kamerateam alt. Am 17. Februar, vor über vier Monaten also, berichtete dpa:

Der forsche Stil der neuen griechischen Regierung sorgte beim Eurogruppen-Treffen für reichlich Irritationen. Als Varoufakis erst eine halbe Stunde nach Verhandlungsbeginn den Raum betrat, sprach gerade der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi. Varoufakis platzte nach Angaben aus Verhandlungskreisen mit einem Kameramann im Schlepptau ins Zimmer – der dann zügig herauskomplimentiert wurde.

Oder in der Schilderung der „Stuttgarter Zeitung“ von damals:

Zu Sitzungsbeginn um 15 Uhr, berichten Diplomaten übereinstimmend, fehlte die Hauptperson. Als der griechische Kollege Giannis Varoufakis auch nach einer halben Stunde noch nicht erschienen war, weil er die Ergebnisse seiner Vorgespräche mit Premier Alexis Tsipras besprach, fing die Runde ohne ihn an. Athens Vertreter betrat erst um 15.58 Uhr den Saal, entgegen den Gepflogenheiten verfolgt von einem Kameramann. Sitzungspräsident Jeroen Dijsselbloem musste den gerade redenden Zentralbankchef Mario Draghi unterbrechen und Varoufakis darum bitten, den Fernsehmenschen abzuschütteln. „Das kam gar nicht gut an“, berichtet einer, der die Sitzung verfolgen konnte. Dann habe Varoufakis „wieder nur lange geredet, statt endlich etwas Konkretes auf den Tisch zu legen“.

Der „Welt“-Korrespondent hat gestern einfach die alte Geschichte noch einmal erzählt, und in der Redaktion haben sie nicht gemerkt, dass das eine alte Geschichte ist und sie als neue Geschichte verkauft, und in den Newsticker-Abteilungen von n-tv.de und „Focus Online“, wo man vermutlich ohnehin nicht viel merkt, wurde das gleich ein aufregender neuer Punkt.

Und bei „Focus Online“ haben sie bei der Gelegenheit noch Varoufakis‘ Äußerung, das einzige Gegenmittel gegen „Propaganda und bösartige Informationslecks“ sei Transparenz, die sich auf die Veröffentlichung des Redetextes in seinem Blog bezog, in den falschen Kontext mit dem Kamerateam gestellt.

Nur ein weiteres, winziges falsches Detail in der besinnungslosen Berichterstattung über die Griechenland-Krise. Falls es Ihnen also so vorkommt, als würde seit Monaten immer wieder dasselbe vermeldet, kann es auch daran liegen, dass es tatsächlich so ist.

Der Ehrgeiz des Stefan Raab


Foto: ProSieben

Erstaunlich: Innerhalb von Minuten, nachdem die Nachricht kam, dass Stefan Raab Ende des Jahrs mit dem Fernsehen aufhören will, macht sich Wehmut breit, Sentimentalität, ein Was-soll-denn-jetzt-werden-Gefühl.

Dabei ist es erst ein paar Wochen her, dass ich zuletzt versehentlich „TV Total“ eingeschaltet habe, und verblüfft feststellte, dass Raab das Unmögliche geschafft hatte und noch lustloser, fahriger, desinteressierter war, als ich ihn Erinnerung hatte.

Ich habe ihm in der Zeitung vorgeworfen, dass er sein Versprechen, sich vom Fernsehen zu verabschieden und die Welt zu umsegeln, auf unbestimmte Zeit verschoben hätte, und ihm gehässig vorgehalten, er könne, „anders als beteuert, wohl doch nicht genug bekommen von der täglichen Präsenz in seiner erstarrten Show ‚TV Total'“. Das war 2003. Das ist zwölf Jahre her.

Ganz so erstarrt kann sie nicht gewesen oder geblieben sein. Jedenfalls funktionierte sie immer wieder als Keimzelle für neue Ideen Raabs, als Rahmen für sportliche oder musikalische Wettbewerbe, als Promotion- oder Nachbereitungsshow für andere Sendungen. Und wenn es gerade nichts Interessantes gab, war ihre Funktion tatsächlich einfach, zu existieren, als Platzhalter, um zu verhindern, dass ProSieben auch diese Fläche mit Serienwiederholungen zupflastert, als Ritual natürlich, bei dem Raab immer noch auf Knöpfe mit Schnipseln drückte und mit seiner Sitzgarnitur hin- und herfuhr und die Begrüßung von einem Menschen aus dem Publikum vorlesen ließ. Selbst die geniale Stefan-Raab-Parodie von Max Giermann, in der peinliche Huster die Stille nach den mühsamen Pointenversuchen Raabs unterbrachen und betonten, ist inzwischen acht Jahre alt, und seitdem hat sich scheinbar nichts verändert.

Seit „Circus HalliGalli“ mit Joko und Klaas auf Sendung ging, gab es am Montagabend immer wieder diesen Übergang zu „TV Total“, der auf besonders schmerzhafte Weise zeigte, wie sehr Raabs Sendung in die Jahre gekommen war. Auf zwei überambitionierte, leidenschaftliche Rumalberer voller Energie folgte ein müder Routinier, der machte, was er immer schon gemacht hatte. Vom Shiny Floor der modernen Bühne ging es in das olle „TV Total“-Studio, von dem es hieß, dass es teilweise nur noch mit Klebestreifen zusammengehalten wurde.

Wenn Raab keine besondere Lust hatte, war es eine Qual, ihm zuzusehen. Wobei man ihm zugute halten muss, dass er dafür, dass er offenkundig so oft keine Lust hatte, ganz gut durchgehalten hat. Sicher, oft hätte man sich gewünscht, er würde dann den Platz räumen für jemanden, der noch Lust hätte, aber andererseits ist das eben auch ein Wesen des Fernsehens und insbesondere des Genres der täglichen „Late Night Talkshow“, dessen letzter Vertreter Raab erstaunlicherweise war: Dass es darum geht, das jeden Tag zu machen, als Routine, zur Not eben lustlos, gemeinsam mit dem Publikum alle endlosen Tiefebenen der Uninspiriertheit durchschreitend, bis der nächste Einfall, das nächste Highlight, die nächste große Idee kommt.

Stefan Raab ist (war, hätte ich fast geschrieben) angetrieben von einem beunruhigenden Ehrgeiz. Ich saß einmal in der Garderobe bei „TV Total“ und hörte, wie Mitarbeiterinnen stöhnten, dass der alljährliche Betriebsausflug anstünde, sie würden wieder Kartfahren, und eigentlich hätten sie gar keine Lust, weil der blöde Raab die anderen immer ohne Rücksicht auf Verluste aus der Bahn schubsen würde, und das sei echt. kein. Spaß.

Wenn es in seiner täglichen Show mal wieder nichts gab, was seinen Ehrgeiz weckte, dann passierte da nichts. Aber immer, wenn man ihn gerade abgeschrieben hatte, fand sich da plötzlich etwas, was seinen Ehrgeiz weckte, wo er sich und allen etwas beweisen wollte, und fast immer war das Ergebnis große Unterhaltung.

Auch dabei nahm er regelmäßig keine Rücksicht darauf, ob jemand Blessuren davontrug (und sei es, wie zum Beispiel beim Kampf gegen Boxerin Regina Hallmich, er selbst). Ich war 1998 dabei, als er beweisen wollte, dass der Eurovision Song Contest gar nicht so eine lahme schwule Schlagersache sein muss. Das war, beim Vorentscheid in Bremen, als er mit Guildo Horn ins Rennen ging, eine feindliche Übernahme. Sie stürmten die Veranstaltung, schafften es, die gesamte mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und aus dem traditionsreichen, trostlosen Event ihre Veranstaltung zu machen.

Es war der letzte Grand-Prix, in dem es noch ein Live-Orchester gab, weshalb Raab sich sogar noch unverschämt stolz mit breitem Grinsen als Dirigent inszenieren konnte.

Zwei Jahre später bewies er dann nochmal, dass er auch selbst da auf der Bühne stehen kann, und danach zeigte er noch einmal allen, dass sich das sogar mit echtem musikalischen Ehrgeiz verbinden lässt, mit der Lust (und dem Talent), gute Talente zu finden und zu fördern.

Seine Sendung „Schlag den Raab“ funktioniert nur wegen seines Ehrgeizes, weil es in keiner Sekunde der vielen, vielen Stunden auch nur den Hauch eines Zweifels gibt, dass er unbedingt gewinnen will, und es ihm ganz egal ist, ob das peinlich wirken könnte, wie er um jeden Punkt feilscht und gegen jede Schiedsrichterauslegung zu seinen Lasten und wie er sich über jeden Fehler ärgert und über jeden Erfolg freut. Ganz bestimmt weiß Raab auch theoretisch, wie sehr die Sendung von diesem Ehrgeiz lebt, weil er eine Voraussetzung für die Spannung ist (ebenso wie die scheinbar übertriebene Gewinnsumme von 500.000 Euro, die er und die Produktionsfirma gegenüber dem Sender durchgesetzt haben). Aber praktisch, in der Sekunde, ist da kein Raum für einen theoretischen Gedanken, sondern eben nur dieses unbedingte Gewinnenwollen – und deshalb ist es so gutes Entertainment.

Und wenn Wolfgang Link, der Geschäftsführer von ProSiebenSat.1, in der Pressemitteilung zum Abschied mit den Worten zitiert wird, „‚Schlag den Raab‘ hat die Samstagabend-Unterhaltung verändert“, ist das sogar eine Untertreibung. „Schlag den Raab“ hat gezeigt, dass sich das totgeglaubte Genre der Samstagabendshow wiederbeleben lässt. Er hat ein Gemeinschaftserlebnis geschaffen, wie man es dem Medium Fernsehen sonst kaum noch zugetraut hätte, wenn viele Menschen gemeinsam nachts um 1 zusehen, wie zwei Leute vermeintlich unspektakuläre, theoretisch unendlich dröge Geschicklichkeitsspiele gegeneinander spielen, bei denen nichts passiert außer alles.

Oder seine Teilnahme an der nur alle vier Jahre stattfindenden Show des Kanzlerduells. Die absurde Aufregung im Vorfeld, ob man damit nicht eine ernstzunehmende Veranstaltung lächerlich machen würde – als handele es sich um eine ernstzunehmende Veranstaltung und als würde Raab es nicht auch bei dieser Gelegenheit allen beweisen wollen. Er brachte Witz in die Routine dieser Sendung, Leben und Direktheit, und ich erinnere mich noch an Zweierlei: Wieviel Spaß Anne Will hatte, ihm beim Fragen zuzusehen, die das Glück hatte, nicht ins Team eines steifen blassen Mannes namens Peter Kloeppel zugelost worden zu sein, und wie Raab seinen Übergang von der Vorberichterstattung auf ProSieben, wo er als Gast war, in die Gemeinschaftssendung, wo er hinter dem Fragepult stand, inszenierte. Die Vor-Show war offensichtlich aufgezeichnet, so dass er es sich leisten konnte, scheinbar ganz entspannt in der allerletzten Sekunde das Studio zu verlassen, um dann schon unmittelbar darauf hinter dem Pult gegenüber von Angela Merkel und einem SPD-Mann aufzutauchen. Und ich bin mir fast sicher, dass er beim Abschied aus dem Studio dasselbe Grinsen hatte wie als Dirigent in Birmingham 1998.

Als Jan Böhmermann ihn im vergangenen Jahr grandios verlud, fiel Raab dazu nichts ein. Es gab keine Retourkutsche, kein zerknirschtes Irgendwieumgehen mit der lustigen Blamage, nur Schweigen, und das war traurig, denn dass Stefan Raab sehr ungern verliert, heißt ja nicht, dass er ein schlechter Verlierer sein muss. Aber auch als Matthias Opdenhövel ankündigte, zur ARD zu gehen, um die „Sportschau“ zu moderieren, reagierte Raab unsouverän und trennte sich sofort von ihm als Moderator von „Schlag den Raab“. Dieser Ehrgeiz, er hat auch Schattenseiten.

Aber er wird dem Fernsehen fehlen. Sein Ehrgeiz, sein Talent – und natürlich auch: seine außergewöhnliche Machtposition gegenüber dem Sender, die es ihm erlaubte, seine Ideen auch durchzusetzen (Das muss aber live sein! Da müssen aber 500.000 Euro ausgespielt werden! Zur Not bis zwei Uhr früh!). Andererseits: Eigentlich hätte er sich eh schon vor vielen Jahren verabschieden wollen.

Dafür hat er dann doch lange durchgehalten, und heute würde ich sagen: zum Glück.

Archiv:

In eigener Sache: Die Krautreporter und ich

Vor gut einem Jahr endete das Crowdfunding für „Krautreporter“. In den nächsten Tagen bekommen die Unterstützter von damals Post: Sie sollen angeben, ob sie auch in Zukunft Mitglied bleiben wollen. Mindestens 6000, sagt Sebastian Esser, sind nötig, damit es in irgendeiner Form weitergehen kann.

Ich wünsche den Krautreportern viel Glück, aber ich werde nicht mehr dabei sein.

Ich bereue es nicht, mitgemacht zu haben, und ich finde es nach wie vor richtig, auszuprobieren, ob und wie ein Online-Journalismus funktionieren kann, der sich nicht der oft zerstörerischen Logik der Klick-Optimierung unterwerfen muss. „Krautreporter“ war und ist ein richtiger Versuch – aber für mich ist er nicht geglückt.

Der größte einzelne Fehler war meiner Meinung nach, eine eigene Software programmieren zu lassen, was viel Zeit, Geld und Nerven gekostet hat – und teilweise auch jetzt noch nicht richtig funktioniert.

Aber das zentrale Problem ist ein anderes: Uns trieb die Lust an, ein neues Geschäftsmodell auszuprobieren, aber nicht unbedingt eine gemeinsame redaktionelle Idee. Wir taten uns schwer damit, zu definieren, worüber wir berichten wollen und wie. „Krautreporter“ bietet großartige Freiheiten, Geschichten aufzuschreiben, die woanders so nicht erscheinen könnten, aber das ist noch keine Antwort auf die Frage, was für Geschichten wir dann aufschreiben wollen und sollen und welche Geschichten unsere Leser von uns erwarten können. Es fehlte etwas, das diese Geschichten verbindet – für uns Autoren und für die Leser vermutlich auch.

In den vergangenen Wochen hat sich dann stärker herausgestellt, was ein anderer „Krautreporter“-Ansatz sein könnte: Weniger getragen von den unterschiedlichen (Spezial-)Interessen der einzelnen Autoren, mehr bestimmt durch Themenschwerpunkte, die aus einer festen Redaktion entwickelt und produziert werden. Vielleicht ist das eine Chance für das Projekt, zur Not in kleinerem Stil.

Und ich? Ich bin wild entschlossen, aus den „Krautreporter“-Erfahrungen zu lernen und etwas eigenes auf die Beine zu stellen: eine Plattform für Medienkritik, unterstützt von den Lesern. Demnächst mehr!

Nachtrag, 21. Juni. Sebastian Esser erklärt, was aus seiner Sicht gut und schlecht gelaufen ist, erklärt die Zukunftspläne und fragt: „Bleibst du Krautreporter?“

„die aktuelle“-Bingo (9)

Lange schon nicht mehr ein „die aktuelle“-Bingo gespielt. Und der aktuelle Skandal um Joachim Gauck ist ein guter Anlass, das mal wieder zu tun. Die Frage lautet: Was ist das Unglaubliche, das sich der Bundespräsident erlaubt hat?

Bonus-Tipp: Der Artikel im Inneren trägt folgende Überschrift.

Auflösung:

Joachim Gauck hat zwei „Mädchen“ (19 und 21 Jahre alt) bei einem Termin unglaublicherweise mit dem Vornamen angesprochen. Sie durften als Anerkennung für ihre Leistungen bei mehreren Geschichtswettbewerben ihn zu einer Gedenkfeier begleiten. Die „aktuelle“ schildert, was dann geschah, so:

Lachend posierte der Präsident zwischen den jungen Frauen. Aber offenbar ging er dann zu weit! „Mich hat erstaunt, dass Joachim Gauck uns plötzlich mit den Vornamen ansprach und wissen wollte, was wir für Pläne haben“, sagte Isabell der „Oberbergischen Volkszeitung“. Es klingt unangenehm berührt.

Vielleicht empfanden die jungen Frauen diese Vertraulichkeit als plumpe Anbiederung!

Jaha, vielleicht! Dass die junge Frau der Zeitung auch sagte, dass Gauck ein respektvoller, aufmerksamer Zuhörer sei, ein höflicher Mann und ein perfekter Gastgeber, muss die „aktuelle“ irgendwie überlesen haben.

Aber sie weiß ja, was der Gauck für einer ist. „Kein Kostverächter“ nämlich. In einer Biographie über ihn fanden sie ein Zitat von irgendwelchen „Bekannten“ aus den achtziger Jahren, wonach er „attraktiven jungen Frauen besonders zugewandt“ gewesen sei. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte: „[Gauck] las, nach eigener Aussage, viele Beziehungs-Ratgeber.“ Bäm.

[eingesandt von Jens H.]

Das griechische Renteneintrittsalter liegt nicht bei 56 Jahren

Bei „Günther Jauch“ diskutieren sie gerade mal wieder über Griechenland und den „Grexit“. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach sagt, Griechenland lebe auf Kosten anderer Staaten, und illustriert das mit zwei besonders eindrucksvollen Zahlen:

„Der Griechische Ministerpräsident hat jetzt angeboten, das reale Renteneintrittsalter in Griechenland, das bei uns bei fast 64 Jahren liegt, auf 56 Jahre anzuheben.“

Das ist falsch, aber das ist vermutlich nie wieder aus der Welt zu kriegen.

Die Zahl 56,3 steht, um es noch einmal so knapp wie möglich zu erklären, tatsächlich in einem Papier der griechischen Regierung, und sie steht in einer Tabelle, in der es um das reale Renteneintrittsalter geht. Aber die Spalte, in der sie steht, bezieht sich auf den öffentlichen Dienst, nicht auf alle Griechen.

Wenige Zentimeter rechts davon steht schon eine deutlich höhere Zahl. Sie bezieht sich auf einen der wichtigsten Rententräger für Privatangestellte. Wenn man Äpfel mit Äpfel vergleicht, unterscheiden sich die Renteneintrittsalter in Griechenland und Deutschland vermutlich nicht sehr. (Die Zahl 64 gibt nämlich auch nicht das reale Renteneintrittsalter der Deutschen an, sondern berücksichtigt ausschließlich Personen, die wegen ihres Alters in Rente gegangen sind.)

Die Zahl macht gerade Karriere. Sie stand am Dienstag in der FAZ. Am Donnerstag – zum ersten Mal in der Kombination mit der 64 – in „Bild“, dort sogar in einer Überschrift. Am Freitag, diesmal in derselben attraktiven Kombination, noch einmal in der FAZ. Und nun nennt sie Wolfgang Bosbach vor einem Millionenpublikum als Beleg für das Schmarotzertum der Griechen.

Noch einmal: Die Quelle für die Zahl ist bekannt. Aus ihr geht eindeutig hervor, dass sie nicht so zu interpretieren ist, wie es FAZ, „Bild“ und Bosbach tun.

Spricht man den „Bild“-Mann Dirk Hoeren auf die Zahl an, verweist der u.a. höhnisch auf die FAZ. Ich habe auch bei der FAZ nachgefragt, auch in Mails an mehrere Wirtschaftsredakteure. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie das korrigieren wird – mei, die griechische Regierung, die ist eh chronisch unzuverlässig. Und Bosbach, naja. Hätte etwa Jauch ihm widersprechen sollen? Jauch?

Nein, die Zahl ist vermutlich nie wieder aus der Welt zu kriegen. Muss man sich eigentlich auch Don Quichotte als glücklichen Menschen vorstellen?

[mit Dank an Twipsy!]

Steht am Band: Der aserbaidschanische Präsident bei der Arbeit

Nachher werden in Aserbaidschan im Beisein von Präsident Ilham Aliyev die ersten Europaspiele eröffnet, und man mag ja viel gegen den Mann sagen, aber das kann er: Sachen eröffnen.

Im Wesentlichen scheint sein Präsidentenalltag seit Jahren daraus zu bestehen, irgendwo Bänder durchzuschneiden, die zu diesem Zweck vor Straßen, Krankenhäusern, Parks und Schachschulen gespannt wurden. Ich bin ein bisschen überrascht, dass Bänderdurchschneiden keine Disziplin bei diesen olympiaähnlichen Spielen ist, denn da wäre Präsident Aliyev der Titel kaum zu nehmen. Er scheint vor allem auf rote Bänder spezialisiert zu sein, beherrscht aber auch grüne, blaue und sogar goldgemusterte Absperrungen.

Irgendjemand hat sich die Mühe gemacht, der Ausdauer Aliyevs ein Denkmal zu setzen, in Form eines Tumblrs: Ilham Aliyev Cutting Ribbons. Eine winzige Auswahl daraus:

http://aliyevcuttingribbons.tumblr.com/post/121294221892/president-ilham-aliyev-attended-the-opening-of

http://aliyevcuttingribbons.tumblr.com/post/121294075267/ilham-aliyev-his-spouse-attend-opening-of

http://aliyevcuttingribbons.tumblr.com/post/121294385902/president-ilham-aliyev-attended-the-opening-of

Ich glaube, mein Favorit ist dieses Motiv, in dem der Präsident scheinbar einen Zebrastreifen einweiht, was aber sicher täuscht:

http://aliyevcuttingribbons.tumblr.com/post/121281284067/ilham-aliyev-took-part-in-the-opening-of-tovuz