War’s das?

Bald wird unser »Internet-Manifest« ver­mut­lich auch in den letz­ten süd­phil­ip­pi­ni­schen Regio­nal­dia­lekt über­setzt und vom letz­ten ame­ri­ka­ni­schen Blog­ger ret­wee­tet wor­den sein, und nach über 400 Kom­men­ta­ren ver­si­ckert die Dis­kus­sion hier im Blog (und drü­ben beim ix) all­mäh­lich in Sei­ten­strän­gen wie der Frage, ob Mer­ce­des Bunz, die dar­über beim »Guar­dian« geb­loggt hat, pro­mi­nen­ter als nur in einer dezen­ten Vier-Wort-Klammer im drit­ten Absatz hätte dar­auf hin­wei­sen müs­sen, dass sie selbst zu den Auto­ren gehört. Ich finde: ja. Aber ich finde auch: geschenkt.

Aber was pas­siert jetzt?

Wir haben dar­über beim Zusam­men­fin­den und beim Ver­fas­sen die­ses Tex­tes nie gere­det. Wir haben ihn geschrie­ben, weil wir das Gefühl hat­ten, dass er geschrie­ben wer­den muss. Weil wir es nicht mehr aus­ge­hal­ten haben, was die Ver­le­ger der Medien, für die wir oft­mals arbei­ten und auf die wir eigent­lich auch in Zukunft nicht ver­zich­ten wol­len, Woche für Woche für gefähr­li­chen, him­mel­schrei­en­den Unsinn über das Inter­net in die Welt posaunt haben.

Die erste Mail von Mario Six­tus, die alles anstieß, begann mit den Sätzen:

Liebe Leute, es reicht!

Ich glaube ich bin nicht der ein­zige, der mit sei­ner Geduld am Ende ist, was Ver­le­ger, Jour­na­lis­ten­ge­werk­schafts­schwaf­ler, Kul­tur­teil­dumm­schwät­zer und ihre [Städtenamen]-Pamphlete in Sachen Inter­net angeht. Ich finde, wir müs­sen etwas tun. Was könnn Jour­na­lis­ten tun? Etwas schrei­ben. Yeah!

Kein Wun­der, dass wir uns keine Gedan­ken über das Danach gemacht haben und wir über das Wozu gar nicht grü­beln muss­ten. Wir woll­ten alle etwas sagen, und damit es auch wirk­lich gehört wird, woll­ten wir es gemein­sam sagen. Und wie das so ist, wenn man Sachen auf­schreibt: Wenn man Glück hat, sto­ßen sie etwas an, lösen etwas aus, haben sicht­bare oder unsicht­bare Fol­gen. Und wenn man Pech hat, ver­puf­fen sie irgend­wie. Aber man kann eigent­lich in den sel­tens­ten Fäl­len eine kon­krete Wir­kung ein­pla­nen oder gar die Grün­dung eines Ver­ban­des (was für mich eine der abwe­gi­ge­ren Unter­stel­lun­gen im Zusam­men­hang mit die­sem Text war).

Es klingt nach einer Plat­ti­tüde, wenn ich auf die Frage, was wir mit die­sem »Mani­fest« eigent­lich errei­chen woll­ten, ant­worte: eine Dis­kus­sion ansto­ßen. Aber genau so ist es. Ich wollte ver­su­chen — und ich glaube, den ande­ren ging es genau so — in der Debatte über die Zukunft des Jour­na­lis­mus einen Wider­part zu ver­an­kern, einen Punkt, auf den andere sich bezie­hen kön­nen, wenn wie­der ein­mal von Lob­by­is­ten irgend­eine Erklä­rung in irgend­ei­ner Stadt ver­ab­schie­det wird, in der sie zur Ret­tung des Publi­zie­rens auf Papier auf­for­dern statt zur Ret­tung des Jour­na­lis­mus. Wenn wie­der ein­mal jemand das Inter­net auf Diebe, Ruf­mör­der, Kin­der­schän­der redu­ziert. Wenn wie­der ein­mal jemand glaubt, dass man an dem Medium, in dem ein Text ver­öf­fent­licht wird, seine Qua­li­tät able­sen kann.

Was wir wirk­lich schlecht gemacht haben beim Ver­öf­fent­li­chen unse­res »Mani­fes­tes«: sei­nen Adres­sa­ten zu nen­nen. Es muss bizarr wir­ken auf Men­schen, die in die­sem Medium in einem ganz ande­ren Maße zuhause sind als ich, wenn da plötz­lich 15 Berufs-Publizisten ankom­men und ihnen erklä­ren wol­len, wie das Inter­net funk­tio­niert. Viel­leicht erklärt sich ein Teil der Ableh­nung, den die­ser Text gerade bei ein­ge­fleisch­ten Onlinern erfah­ren hat, aus die­ser wahr­ge­nom­me­nen Anma­ßung, die von uns nie beab­sich­tigt war.

Natür­lich ist unser »Mani­fest« auch anma­ßend (und mit dem Wort fängt es schon an), natür­lich kommt es in vie­len Punk­ten rela­tiv breit­bei­nig daher, aber einem ganz ande­ren Ansprech­part­ner gegen­über: Den­je­ni­gen, die das Inter­net immer noch bekämp­fen oder glau­ben, es gehe weg, wenn man es nur ange­strengt genug igno­riert. Den­je­ni­gen, die es für eine Phase hal­ten, einen Hype, der vor­über­ge­hen wird. Den­je­ni­gen, die glau­ben, ein solch revo­lu­tio­nä­res Medium würde nichts ändern, sie müss­ten sich nicht ändern, und wenn über­haupt, müsste sich das Netz gefäl­ligst ihnen anpas­sen und nicht umge­kehrt, denn sie sind doch die Ver­le­ger, die jahr­zehn­te­lang den Men­schen gesagt haben, was die Men­schen wis­sen müs­sen, und das waren gute Zei­ten für sie und für die Men­schen und für die Demo­kra­tie, also vor allem: für sie.

Unsere Arro­ganz ist auch eine Art Not­wehr, eine Reak­tion auf die maß­lose Selbst­über­schät­zung die­ser Leute, die glau­ben, dass das, was sie tun, gut ist und unver­zicht­bar, weil sie es tun, und nicht, weil es gut und unver­zicht­bar ist. Die glau­ben, einen Anspruch dar­auf zu haben, min­des­tens so viel Geld zu ver­die­nen im Inter­net wie Google, weil sie ja tolle und wich­tige Inhalte ins Inter­net stel­len und Google nur dafür sorgt, dass Leute sie auch fin­den. Die immer noch glau­ben, dass sich diese ganze Inter­net­welt um sie dre­hen müsse, und nicht gemerkt haben, dass sie ihre Wich­tig­keit, Not­wen­dig­keit, Ver­läss­lich­keit plötz­lich jeden Tag neu bewei­sen müs­sen, weil sie ein Mono­pol ver­lo­ren haben und die Zei­ten vor­bei sind, in denen Men­schen eine Zei­tung lasen vom Abitur bis zur Rente. Die es erreicht haben, dass der »Beauf­tragte für Kul­tur und Medien« der Bun­des­re­gie­rung, ein trau­ri­ger Mensch namens Bernd Neu­mann, eine »Natio­nale Intia­tive Print­me­dien« gegrün­det hat und keine »Natio­nale Initia­tive Qua­li­täts­jour­na­lis­mus«. Die allen Erns­tes for­dern, dass ihre Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, dar­un­ter auch die gan­zen Lügen-, Quatsch– und Wichs­blät­ter, steu­er­lich güns­ti­ger gestellt wer­den als das täg­li­che Brot.

Wir sind nicht die Geg­ner der guten eta­blier­ten Medien, im Gegen­teil. Wir schreien auf, weil wir die Sorge haben, dass viele von ihnen ihre Zukunft ver­spie­len, wenn sie glau­ben, die Leser müss­ten zu ihnen kom­men und nicht sie zu den Lesern. Wir sor­gen uns um diese Medien, aus ganz eigen­nüt­zi­gen Grün­den, weil wir für sie arbei­ten, und aus ganz anders eigen­nüt­zi­gen Grün­den, weil wir glau­ben, dass eine Gesell­schaft auch in Zukunft guten Jour­na­lis­mus braucht.

Ich weiß, dass das jetzt merk­wür­dig pathe­thisch und eitel klin­gen mag, aber: Wenn ich tag­ein tag­aus in die­sem Blog die Medien kri­ti­siere, dann tue ich das nicht, um Argu­mente gegen die Exis­tenz­be­rech­ti­gung und Not­wen­dig­keit die­ser Medien zu sam­meln, son­dern im Gegen­teil: Weil ich glaube, dass wir drin­gend Jour­na­lis­ten brau­chen, die uns so wahr­haf­tig und trans­pa­rent wie mög­lich infor­mie­ren über das, was in der Welt pas­siert. Und weil ich es uner­träg­lich finde, dass die Hel­mut Mark­worts die­ser Welt ganz andere Prio­ri­tä­ten haben als die wahr­heits­ge­mäße Infor­ma­tion sei­ner Leser, näm­lich nur ihre ver­damm­ten eige­nen Inter­es­sen. Und weil ich es nicht glau­ben kann, dass die Medien, jetzt wo sie Kon­kur­renz von Ama­teu­ren bekom­men haben, aus­ge­rech­net an dem spa­ren, was sie von die­sen unter­schei­det. Und weil es mich wütend macht, wenn in vie­len Online-Redaktionen keine Jour­na­lis­ten mehr sit­zen, son­dern Trat­sch­wei­ber, Abschrei­ber und Klickstreckenbauer.

Ich finde es schlimm, wie viele Kom­men­ta­to­ren im Inter­net die Pro­bleme des pro­fes­sio­nel­len Jour­na­lis­mus beju­beln und glau­ben, es könnte eine blü­hende Zukunft ohne ihn geben. Aber ich kann das nicht den Kom­men­ta­to­ren vor­wer­fen — den Beweis für seine Rele­vanz und Zuver­läs­sig­keit muss der Jour­na­lis­mus schon selbst brin­gen. Auch und gerade online. Patri­cia Rie­kel, die Chef­re­dak­teu­rin der »Bun­ten«, wird von der Fach­zeit­schrift »Hori­zont« mit den Wor­ten zitiert, sie glaube nicht, dass Jour­na­lis­ten »gleich­zeitg [sic!] für Online und eine Zeit­schrift arbei­ten kön­nen. Geschich­ten in der ›Bun­ten‹ ver­lan­gen Spit­zen­schrei­ber«. Das sind die Äuße­run­gen, das sind die Leute, gegen die ich unser »Mani­fest« set­zen möchte: Leute, die sug­ge­rie­ren, dass man online keine »Spit­zen­schrei­ber« braucht, dass online nur eine gewal­tige Müll­halde ist mit merk­wür­di­gen Leu­ten, die merk­wür­dige Par­teien wäh­len und Kin­der­por­no­gra­phie verteidigen.

Die Leute, die uns vor­wer­fen, nur All­be­kann­tes und Bana­les wich­tig­tue­risch in The­sen­form gebracht zu haben, über­se­hen die Rea­li­tät des Online-Journalismus in Deutsch­land. Natür­lich ist es lächer­lich, im Jahr 2009 zu schrei­ben: »Das Netz ver­langt nach Ver­net­zung.« Aber wie viele Online-Medien in Deutsch­land, die über einen Bericht, ein Inter­view in einem ande­ren Medium schrei­ben, set­zen den Link zu die­ser Quelle?

Natür­lich ist es banal, im Jahr 2009 zu schrei­ben, »das Inter­net macht es mög­lich, direkt mit den Men­schen zu kom­mu­ni­zie­ren, die man einst Leser, Zuhö­rer oder Zuschauer nannte – und ihr Wis­sen zu nut­zen«. Aber wie viele Medien tun das tat­säch­lich? Bei sueddeutsche.de wer­den, trotz gegen­tei­li­ger Ankün­di­gun­gen, bis heute noch jeden Abend um 19 Uhr die Kom­men­tar­bür­ger­steige hoch­ge­klappt. Natür­lich ist es ein Witz, im Jahr 2009 die These »Was im Netz ist, bleibt im Netz« in ein bedeu­tungs­schwan­ge­res Papier zu schrei­ben. Aber bis heute glau­ben viele Jour­na­lis­ten, das Inter­net sei ein »flüch­ti­ges Medium« und könne ent­spre­chend behan­delt wer­den, wäh­rend es in Wahr­heit für den Nor­mal­bür­ger die gedruckte Zei­tung ist, die schon einen Tag spä­ter nicht mehr auf­zu­trei­ben ist, wäh­rend der Online-Artikel (mit all sei­nen Tipp­feh­lern und unre­cher­chier­ten Inhal­ten) immer noch abruf­bar ist.

Also: Ja, unser »Mani­fest« steckt vol­ler Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, von denen ich wünschte, sie wären wirk­lich selbstverständlich.

Es gibt eine kon­träre Kri­tik an dem Text, näm­lich die, dass unsere The­sen ver­dammt steil sind. Die kann ich bes­ser nach­voll­zie­hen. Ich habe mir — mit tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung der Feuille­ton­kol­le­gen um Clau­dius Seidl, bei denen sowas gar nicht gut ankam — erst vor weni­gen Jah­ren mei­nen viele Jahre gepfleg­ten Kul­tur­pes­si­mis­mus abge­wöhnt, und man­che opti­mis­ti­sche »Behaup­tun­gen«, die wir da auf­stel­len, gehen an die Gren­zen des­sen, was ich glaube.

Ich habe sie den­noch unter­schrie­ben, weil ich glaube, dass eine mög­li­che Über­trei­bung in posi­ti­ver Sicht ein not­wen­di­ger Aus­gleich zu all den Unter­gangs­pro­phe­ten ist, die die unend­li­chen Chan­cen, die mit dem neuen Medium ver­bun­den sind, nicht sehen wol­len. Ich bestreite gar nicht, dass das Inter­net mit sei­nen Frei­hei­ten und Mög­lich­kei­ten der Anony­mi­tät auch das Schlech­teste in Men­schen her­vor­bringt, aber das fest­zu­stel­len, hilft nichts. Es hilft nur, das Inter­net zu umar­men und all das Gute, das es ermög­licht, her­aus zu holen, und das ist unend­lich viel. Natür­lich kann an auf­zäh­len, was für Män­gel ein Ange­bot wie die Wiki­pe­dia hat. Aber dann nimmt man ver­mut­lich nicht wahr, wie viele Men­schen aus rein altru­is­ti­schen Moti­ven daran mit­ge­wirkt haben. Ich sehe das ja täg­lich an den Dut­zen­den Hin­wei­sen, die wir bei BILD­blog bekom­men: Die Leute krie­gen im Zwei­fels­fall noch nicht ein­mal eine freund­li­che Absage, ver­die­nen tun sie ohne­hin nichts. Sie tei­len uns Dinge mit, weil sie glau­ben, dass das eine gute Sache ist.

ix schreibt, ihm fehlt in unse­rem Text die Euphorie:

mehr will ich mich jetzt eigent­lich nicht mit dem mani­fest aus­ein­an­der­set­zen. ich würde mich jetzt lie­ber wie­der für das inter­net begeis­tern und an dem was das inter­net eigent­lich ist berau­schen: pures, über­bor­den­des potenzial.

Das trifft mich beson­ders, denn genau aus die­sem Grund habe ich (haben, glaube ich, wir) die­sen Text ver­öf­fent­licht: Aus dem Gefühl, dass das Netz so viel ermög­licht, das bis­her nicht mög­lich war.

Natür­lich kann man lamen­tie­ren, dass das Geld­ver­die­nen (und womög­lich sogar das Qua­li­täts­jor­na­lis­mus­fi­nan­zie­ren) in der ana­lo­gen Zeit leich­ter war. Aber was bringt die­ses Lamento, wenn diese Zeit ein­fach vor­bei ist?

Schall­plat­ten sind toll, und ich kann gut nach­voll­zie­hen, dass es Lieb­ha­ber gibt, die sie sam­meln, und Spe­zia­lis­ten, die die­ses Medium wei­ter pfle­gen, aber wol­len wir Jour­na­lis­ten ernst­haft die Leute sein, die dafür kämp­fen, die Schall­platte zu erhal­ten, wenn die CD erfun­den wurde und Musik sich längst ganz ohne Daten­trä­ger ver­trei­ben lässt? Wol­len wir Pfer­de­kut­schen­be­trei­ber sein, die staat­li­che Hilfe for­dern, damit uns das schreck­lich schnelle, stin­kende Auto nicht das Geschäft kaputt macht?

Ich weiß nicht, ob Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten aus­ster­ben wer­den, ich glaube es nicht und hoffe es auch nicht — ich liebe Zei­tun­gen. Aber man muss schon sehr ver­blen­det sein, wenn man glaubt, dass auch nach der Ankunft eines Medi­ums, das so viel schnel­ler, viel­fäl­ti­ger, zugäng­li­cher ist, das auf­wän­dige Dru­cken und Ver­schi­cken von Papier die natür­li­che, die domi­nante Form der Infor­ma­ti­ons­ver­mitt­lung blei­ben wird.

Ich finde in Zei­tun­gen wie der »FAZ« (für die ich arbeite) und eini­gen ande­ren immer wie­der her­aus­ra­gende Texte, was kein Zufall ist, weil sie von Men­schen geschrie­ben wer­den, die dafür aus­ge­bil­det wur­den und dafür gut bezahlt wer­den, weil sie von ande­ren redi­giert wur­den, weil sie in einem Umfeld ent­stan­den sind, das dar­auf ange­legt ist, beste Bedin­gun­gen für die Pro­duk­tion guter Texte zu schaf­fen. Die Zei­tun­gen müs­sen alles dafür tun, diese Qua­li­tä­ten zu bewahren.

Aber das wird nicht rei­chen. Sie müs­sen es schaf­fen, diese Qua­li­tä­ten ins Inter­net zu brin­gen, dort­hin, wo schon heute die jun­gen Leute sind, und in Zukunft unge­fähr alle.

Schon wahr: Die Frage, wie Qua­li­täts­jour­na­lis­mus im Inter­net finan­ziert wer­den kann, ist noch nicht umfas­send beant­wor­tet. Aber dar­aus zu schlie­ßen, dass Qua­li­täts­jour­na­lis­mus im Inter­net nicht finan­ziert wer­den kann, ist falsch. Ein Grund, warum »Spie­gel Online« eine so domi­nante Posi­tion in Deutsch­land hat, ist der, dass man dort auch in schlech­ten Zei­ten, als viele Kon­kur­ren­ten ihr Internet-Angebot her­un­ter­fuh­ren, wei­ter inves­tiert hat.

Nein, wir haben auch nicht für alle Her­aus­for­de­run­gen und Pro­bleme, die die­ser Medi­en­um­bruch gerade mit sich bringt, kon­krete Lösun­gen, und ver­mut­lich hät­ten die 15 sehr unter­schied­li­chen Auto­ren, die an dem »Mani­fest« mit­ge­wirkt haben, auch sehr unter­schied­li­che Lösungs­vor­schläge. Wir haben kein 17-Punkte-Programm zur Lösung der Medi­en­krise vorgelegt.

Es ging mir (und ich nehme an: uns) nicht zuletzt um eine Hal­tung. Um die For­de­rung an die Ver­le­ger, Lob­by­is­ten, Poli­ti­ker, zu sehen, wie anders das Inter­net ist und was es alles ver­än­dert, und sich dar­auf ernst­haft ein­zu­las­sen. Das klingt furcht­bar banal und ist total revo­lu­tio­när. Und es ging uns darum, ein paar Pflö­cke ein­zu­schla­gen (ein paar zen­trale Eck­pfei­ler sozu­sa­gen, jaha), nein: Mar­kie­run­gen, an denen wir sagen: Hier geht es nicht wei­ter. Wir kön­nen nicht ernst­haft dar­über dis­ku­tie­ren, dass man Men­schen als Bestra­fung für Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen das Recht ent­zie­hen will, online zu gehen, wir kön­nen nicht ernst­haft dar­über dis­ku­tie­ren, dass Links und Zitate geneh­mi­gungs– oder kos­ten­pflich­tig sein müs­sen, und so weiter.

Ich bin ein biss­chen abge­schwif­fen. Die Frage war: Was pas­siert jetzt?

Die Ant­wort liegt doch auf der Hand: Jetzt reden wir drü­ber. Es ist ein merk­wür­di­ger Vor­wurf, der uns gemacht wurde, dass wir mit dem fer­ti­gen »Mani­fest« an die Öffent­lich­keit gegan­gen seien anstatt vor­her das kol­la­bo­ra­tiv mit allen Inter­es­sier­ten zu ent­wi­ckeln. Ers­tens zeigt sich, dass schon 15 Leute eher zu viele als zu wenige sind, um gemein­sam und ohne Hier­ar­chien einen poin­tier­ten Text zu ent­wi­ckeln. Und zwei­tens ist die­ser Text nicht in Stein gemei­ßelt oder an irgend­wel­che Kir­chen­tü­ren geschla­gen, son­dern er lebt im Inter­net. Er kann sich wei­ter ent­wi­ckeln (man kann sogar pein­li­che Stil­blü­ten aus ihm strei­chen), es kann durch die Betei­li­gung vie­ler Leute und kon­struk­tive Kri­tik etwas Neues, Grö­ße­res, Bes­se­res dar­aus wer­den — und man kann ihn neh­men, um sich an ihm zu rei­ben und Gegen­ent­würfe, Par­odien, Ver­risse zu formulieren.

Und wir? Wir müs­sen das nur ernst neh­men, was wir selbst geschrie­ben haben: »Nicht der bes­ser­wis­sende, son­dern der kom­mu­ni­zie­rende und hin­ter­fra­gende Jour­na­list ist gefragt.« Von den »sozia­len Grund­funk­tio­nen der Kom­mu­ni­ka­tion« haben wir gespro­chen: »Zuhö­ren und Rea­gie­ren, auch bekannt als Dia­log.« Ich gebe zu, dass wir darin selbst nicht beson­ders gut waren in den ver­gan­ge­nen Tagen, und ich finde es auch ein biss­chen pein­lich, dass es so aus­sieht, als sei uns die welt­weite Ver­brei­tung des Tex­tes wich­ti­ger als die Dis­kus­sion hier.

Aber das kann sich ja ändern. Und auch das ist doch eine gute Sache an so einem Text: Wir müs­sen uns jetzt daran mes­sen lassen.

Übri­gens ist das Wort »Behaup­tun­gen« im Titel des »Mani­fests« kein koket­tes Under­state­ment, son­dern nicht ande­res als die Auf­for­de­rung, sich mit Wider­sprü­chen und Bele­gen daran abzu­ar­bei­ten. Ich will gerne dazu bei­tra­gen und in Zukunft noch mehr als bis­her über über die kon­kre­ten Fra­gen dis­ku­tie­ren, die sich aus den sich ändern­den Bedin­gun­gen erge­ben, unter denen sich Jour­na­lis­mus bewäh­ren muss.

Kurz gesagt: Das »Internet-Manifest« soll nicht das Ende der Debatte sein, son­dern ihr Anfang. Auf meine Fra­gen zur Ham­bur­ger (Bankrott-)Erklärung der Ver­lage habe ich übri­gens von den Papier-Lobbyisten des Zeitschriftenverleger-Verband VDZ bis heute keine Ant­wort bekommen.