Ich weiß nicht, ob Peter Alt­maier schwul ist. Aber ich finde es — anders als die Chef­re­dak­teu­rin der »taz« — legi­tim, dar­über zu spekulieren.

Der neue Umwelt­mi­nis­ter hat die »Bild am Sonn­tag« wie zuvor schon ande­ren Medien zu sich nach Hause ein­ge­la­den. Er hat sich »am hei­mi­schen Herd« mit einer Pfanne Brat­kar­tof­feln foto­gra­fie­ren las­sen. Und er hat die Frage der »Bild am Sonntag«-Leute beant­wor­tet, warum man »in den Archi­ven nichts von einer Part­ne­rin findet«:

»Ich bin ein sehr gesel­li­ger und kom­mu­ni­ka­ti­ver Mensch. Doch der liebe Gott hat es so gefügt, dass ich unver­hei­ra­tet und allein durchs Leben gehe. Des­halb kann in den Archi­ven auch nichts über eine Bezie­hung ste­hen. Ich hadere nicht mit mei­nem Schick­sal. Wenn es anders wäre, wäre ich längst ver­hei­ra­tet oder in einer fes­ten Bezie­hung. Aber ich hatte und habe immer eine kleine Zahl guter Freunde, mit denen ich über alles reden kann.«

Das sind bemer­kens­wert apo­dik­ti­sche For­mu­lie­run­gen: »Der liebe Gott hat es so gefügt« und »mein Schick­sal«. For­mu­liert so jemand, der bloß noch keine Part­ne­rin gefun­den hat? Oder spricht hier jemand ver­schlüs­selt über seine Homosexualität?

Das schwule Online-Portal queer.de ent­schied sich für letz­te­res und gewann dar­aus eine schöne Pointe:

Nicht der »liebe Gott«, son­dern er selbst hat es schließ­lich (mit) so gefügt, dass er unver­hei­ra­tet durchs Leben gehen muss — näm­lich als er Ende Juni im Bun­des­tag gegen die Öff­nung der Ehe für gleich­ge­schlecht­li­che Paare stimmte.

»taz«-Redakteur und Geschwurbel-Spezialist Jan Fed­der­sen stieß sich eben­falls an Alt­mai­ers Coming-Out als »Dau­er­sin­gle«. Er for­derte ihn auf, Klar­text zu reden, schaffte es aber dabei nicht, Klar­text zu reden, und for­mu­lierte stattdessen:

Das klingt alles so unei­gent­lich, so vage: unty­pisch Alt­maier. Also begin­nen wir hier mit der Dechif­frie­rung, die sich not­ge­drun­gen mit Fra­gen behel­fen muss: Spricht Alt­maier so, weil in der CDU gute Laune und Nicht­ver­ehe­li­chung nicht zusam­men­ge­hen dür­fen? Stellt er sich mora­lisch für den Bun­des­tags­wahl­kampf auf, um das Thema des Nicht­ver­hei­ra­tet­seins nicht ange­hef­tet zu bekom­men — vor allem nicht durch krass kon­ser­va­tive Wäh­ler? Oder mei­det er even­tu­ell das Thema H … und das schlimme Sch …-Wort, weil er keine Lust haben könnte, der erste offene H … sei­ner Par­tei im Bun­des­mi­nis­ter­rang zu sein?

Auch Bild am Sonn­tag hat sich nicht getraut, die direkte Frage zu for­mu­lie­ren: »Herr Minis­ter, bei aller Liebe zu Gor­le­ben und zur End­la­ger­frage, aber: Sind Sie sch …?« Da die taz weder outet noch demen­tiert, gleich­wohl den Sprech­ton ver­stopf­ter Flö­ten nicht schätzt, hät­ten wir gern Erläu­te­rung. Denn irgend­wie passt die­ses pseu­do­ba­ro­cke Schwur­beln nicht zu die­sem Minis­ter: Er, die ein­zige gute Idee, die Mer­kel noch hatte, hat es nötig, so zu hüs­teln und zu brüs­teln? Kaum zu glauben.

Dass »wir« gern »Erläu­te­rung« hät­ten, ob Alt­maier nun schwul (oder wie Fed­der­sen sagen oder nicht sagen würde: sch…) ist, stellte sich im Nach­hin­ein als grö­ße­rer Irr­tum her­aus. Die »taz«-Chefredakteurin Ines Pohl ließ den Text auf taz.de nicht nur ent­fer­nen. Sie ent­schul­digte sich sogar für Fed­der­sens Arti­kel. Sie schrieb:

poli­tisch wie mora­lisch ist die sexu­elle Ori­en­tie­rung eines Men­schen irre­le­vant. Sie ist Pri­vat­sa­che. Ent­spre­chend sollte sich die taz weder an Zwangsou­tings noch an Gerüch­ten über die sexu­elle Ori­en­tie­rung beteiligen.

Die »taz« soll nicht fra­gen dür­fen, was der Umwelt­mi­nis­ter meinte, als er es als sein von Gott gewoll­tes Schick­sal bezeich­nete, unver­hei­ra­tet blei­ben zu müs­sen? Das halte ich für falsch. Ebenso wie die Behaup­tung, die sexu­elle Ori­en­tie­rung eines Men­schen sei Privatsache.

2001 ver­öf­fent­lichte der »Bund les­bi­scher & schwu­ler Jour­na­lis­ten« (BLSJ) einen »Köl­ner Appell«, in dem er zu einem »neuen Umgang der Medien mit sexu­el­ler Ori­en­tie­rung und Pri­vat­le­ben von Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens« auf­rief. Darin heißt es unter anderem:

Der BLSJ for­dert Jour­na­lis­tIn­nen und Medien auf, die sexu­elle Ori­en­tie­rung von les­bi­schen, schwu­len und bise­xu­el­len Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens nicht län­ger zu tabui­sie­ren. Die Erwäh­nung der sexu­el­len Ori­en­tie­rung ist ins­be­son­dere dann wich­tig, wenn sie für das Ver­ständ­nis einer Nach­richt oder Geschichte bzw. zur Beur­tei­lung der Glaub­wür­dig­keit einer Per­son erfor­der­lich ist.

Der BLSJ appel­liert an Jour­na­lis­tIn­nen und Medien, in der Bericht­er­stat­tung über Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens zwi­schen sexu­el­ler Ori­en­tie­rung und Pri­vat­le­ben zu unter­schei­den und dabei alle Men­schen gleich zu behandeln.

Denn die »sexu­elle Ori­en­tie­rung« von Men­schen gilt in den Medien nur dann als »Pri­vat­sa­che«, wenn die betref­fen­den Men­schen schwul oder les­bisch sind. Die Infor­ma­tion, dass ein Mann mit einer Frau zusam­men oder ver­hei­ra­tet ist, gilt hin­ge­gen kei­nes­wegs als schüt­zens­werte »Privatsache«.

Dadurch, dass man Homo­se­xua­li­tät — anders als Hete­ro­se­xua­li­tät — als etwas beson­ders Inti­mes, Pri­va­tes, Ver­heim­li­chens­wür­di­ges dar­stellt, trägt man zur Dis­kri­mi­nie­rung von Schwu­len und Les­ben bei. Dadurch, dass sie eine legi­time Dis­kus­sion über die mög­li­che Homo­se­xua­li­tät des Umwelt­mi­nis­ters unter­drückt, trägt die Chef­re­dak­teu­rin der »taz« zur Dis­kri­mi­nie­rung von Schwu­len und Les­ben bei.

Ganz abge­se­hen davon, dass sie offen­bar ihr eige­nes Blatt nicht liest. Als schwul benannt wurde Peter Alt­maier näm­lich schon min­des­tens zwei­mal in ihrem Blatt, in Elmar Kraus­haars Kolumne »Der homo­se­xu­elle Mann«. Darin hieß es im Juni über eine Dis­kus­sion der »Les­ben und Schwu­len in der Union« (LSU):

Der ange­kün­digte Dritte im Bunde, Umwelt­mi­nis­ter Peter Alt­maier, fehlte ent­schul­digt, seine Nähe zum Thema wurde gekonnt ver­klemmt umschrie­ben: Er habe »für uns als Les­ben und Schwule in der Union stets ein offe­nes Ohr für den Kul­tur­wan­del in unse­rer Mut­ter­par­tei« und — so kann man es auch sagen — »ist gern und regel­mä­ßig unser Gast.«

In der nächs­ten Aus­gabe der Kolumne benannte Kraus­haar vor nicht ein­mal einer Woche Alt­maier als Teil der »lesbisch-schwulen Pro­mi­nenz der Regie­rungs­ko­ali­tion«. Wenn Ines Pohl tat­säch­lich der Mei­nung ist, dass die sexu­elle Ori­en­tie­rung eines Men­schen »poli­tisch irre­le­vant« und seine »Pri­vat­sa­che« sei, sollte sie diese Arti­kel wie­der ein­mal schnell löschen las­sen — und am bes­ten die schwule Kolumne nach 17 Jah­ren ganz abschaffen.

Natür­lich ist es poli­tisch rele­vant, ob Peter Alt­maier schwul ist, wenn Peter Alt­maier im Par­la­ment gegen die Gleich­stel­lung von Schwu­len stimmt. Und natür­lich muss es erlaubt sein, die merk­wür­di­gen For­mu­lie­run­gen des Umwelt­mi­nis­ters zu hin­ter­fra­gen, den sicher nie­mand gezwun­gen hat, sich die »Bild am Sonn­tag« für eine Home­story in die Woh­nung zu holen und mit ihr über sein Pri­vat­le­ben zu reden.

Es ist selbst­ver­ständ­lich emi­nent poli­tisch, ob und wie schwule Poli­ti­ker und Pro­mi­nente zu ihrem Schwul­sein ste­hen. Guido Wes­ter­welle hat in all den Jah­ren, als er sich wei­gerte, öffent­lich zu sei­ner Homo­se­xua­li­tät zu ste­hen, ein ver­hee­ren­des Zei­chen gesetzt. Er hat der Welt demons­triert, dass Schwul­sein etwas ist, das man am bes­ten ver­heim­licht, etwas Pri­va­tes, Pein­li­ches, Schmud­de­li­ges, Gefähr­li­ches. Noch 2003 hat er der »Bun­ten« ein Inter­view mit fol­gen­der Pas­sage gegeben:

BUNTE: Nach dem Schill-Eklat in Ham­burg for­dern immer mehr Ihrer Kol­le­gen, homo­se­xu­elle Poli­ti­ker soll­ten dem Bei­spiel von Klaus Wower­eit in Ber­lin fol­gen und sich öffent­lich zu ihrer sexu­el­len Nei­gung bekennen …

Wes­ter­welle: In der FDP ist das Schlaf­zim­mer unse­rer Spit­zen­po­li­ti­ker noch nie ein Thema gewe­sen und wird es auch nicht wer­den! Viel­leicht, weil wir die ein­zige libe­rale Par­tei sind. Aber bitte: Jeder soll das machen, wie er es will. Ich per­sön­lich habe Hans-Dietrich Gen­scher und Otto Graf Lambs­dorff als Vor­bil­der. Es ist unvor­stell­bar, dass einer der bei­den seine Pri­vat­sphäre zum poli­ti­schen Nut­zen umfunk­tio­niert. Mei­ner Mei­nung nach ist das der bes­sere Weg. Das Schlaf­zim­mer eines Poli­ti­kers ist kein Aus­wahl­kri­te­rium in der Demo­kra­tie. Das Arbeits­zim­mer zählt! Ich per­sön­lich inter­es­siere mich nicht für das Intim­le­ben ande­rer. Als Libe­ra­ler lebe ich nach der Devise: Erlaubt ist, was gefällt und kei­nem ande­ren scha­det. Jeder, der sich so nach außen öff­net, wird wis­sen, warum er das tut. Viel­leicht muss er auf diese Weise das eine oder andere selbst verarbeiten …

Er hat seine eigene Homo­se­xua­li­tät ver­schwie­gen und den poli­ti­schen Geg­ner Wower­eit als jeman­den dar­ge­stellt, der einen psy­chi­schen Defekt hat, jeden­falls eine Art Exhi­bi­tio­nist ist, der andere mit sei­nem »Intim­le­ben« behel­ligt, »seine Pri­vat­sphäre zum poli­ti­schen Nut­zen umfunk­tio­niert«. Wann hat Wes­ter­welle vor­her auf­ge­schrieen, wenn Poli­ti­ker sich mit ihren Ehe­frauen gezeigt haben? Wes­ter­welle ver­steckt aus Feig­heit und poli­ti­schem Kal­kül sein Leben vor der Öffent­lich­keit und wirft ande­ren, die irgend­wann aus der Selbst­ver­ständ­lich­keit eine Selbst­ver­ständ­lich­keit machen, poli­ti­sches Kal­kül vor?

Und noch knapp zehn Jahre spä­ter gibt ihm die »taz«-Chefredakteurin indi­rekt Recht?

Die »Bunte« hat sich damals schon für die Heu­che­lei Wes­ter­wel­les gerächt und ihr Inter­view so überschrieben:

Der Jung­ge­selle und das Meer

Auch die »Bild«-Zeitung spielte das offene Ver­steck­spiel natür­lich mit. Ihr Redak­teur Einar Koch nannte Wes­ter­welle zum Bei­spiel 2002 unter einem Inter­view zusam­men­hangs­los einen »Jung­ge­sel­len«. Fast möchte man da im Ver­gleich einen Mann wie den »Bild«-Kolumnisten Claus Jacobi vor­zie­hen, der seine Homo­pho­bie wenigs­tens kaum ver­brämt aus­lebt. Er begann noch 2009 eine Schmä­hung des Außen­mi­nis­ters in »Bild« mit dem bedeu­tungs­vol­len Satz:

Jung­ge­selle Wes­ter­welle, 47, macht es gern anders als die anderen.

Ver­mut­lich emp­fin­den die heu­ti­gen Ver­ant­wort­li­chen der »Bild«-Zeitung nicht mehr soviel Ekel beim Gedan­ken an schwule Män­ner wie der greise Claus Jacobi. Aber wenn sie Peter Alt­maier über sein Pri­vat­le­ben aus­fra­gen und sich dabei nicht trauen, die nahe­lie­gende Frage zu stel­len, tra­gen sie wei­ter zur Tabui­sie­rung von Homo­se­xua­li­tät und damit zur Dis­kri­mi­nie­rung von Schwu­len bei.

Und die »taz«-Chefredakteurin Ines Pohl auch.

Peter Alt­maier ist ent­we­der jemand, der glaubt, dass seine Homo­se­xua­li­tät etwas ist, das er ver­schwei­gen muss. Oder er wird für schwul gehal­ten, obwohl er es gar nicht ist. Wenn er selbst nicht bereit ist, für Auf­klä­rung zu sor­gen, muss man wenigs­tens dar­über dis­ku­tie­ren dürfen.

Hier im Blog eben­falls irgend­wie zum Thema: