09 Mai

Der große Grand-Prix-Führer 2007

42 hoffnungsvolle Kandidaten singen in Helsinki über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Eine Handreichung von Lukas Heinser und Stefan Niggemeier.

Teilnehmer, die sich für das Finale qualifiziert haben, sind farblich markiert.

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Albanien
Frederik Ndoci: Hear My Plea

Nachdem der Berufsmarkt für Rudolf-Moshammer-Lookalikes vor zwei Jahren zusammenbrach, musste sich Frederik Ndoci eine neue Beschäftigung suchen und fand sie offenbar in der Popmusik. „Hear My Plea“ vereint einen Peter-Gabriel-Klangteppich mit Balkanfolklore und der Intonation eines Pizzeriabäckers, der zwischen Cappuccino und Ramazotti für seine Gäste singt.

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Andorra
Anonymous: Let’s Save The World

Copyright: eurovision.tvBei ungefähr keiner anderen Veranstaltung (den Musikantenstadl mal ausgenommen) wäre eine Gruppe Jungs, die in der Tradition von Punk-Rock-Poppern wie Blink 182 und ähnlich vielen ähnlichen Bands eine sympathische kleine Schrebbelgitarren- und Mitgrölnummer aufführen, irgendwie auffällig. Außer beim Grand Prix, wo das Genre in diesem Jahr Premiere feiert – und zweifellos zwischen all dem schweren Ethnopop positiv aus dem Rahmen fällt. Und auf katalanisch hat man so eine Nummer ja tatsächlich noch nie gehört, wobei der Unterschied, wenn sie ins Englische wechseln, auch nur marginal erscheint. Max Frisch wäre trotzdem stolz.

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Armenien
Hayko: Anytime You Need

Beim Grand Prix wird nach wie vor live gesungen – das ist lobenswert, hat aber für die Zuschauer den Nachteil, dass sie die teils aufwändig und kunstvoll produzierten Musikvideos verpassen. Der armenische Beitrag (eine nicht weiter störende Ethnoballade mit den üblichen Trommeln und Flöten) kommt beispielsweise mit einem visionären Clip daher, der sich von der völlig veralteten Vorstellung verabschiedet, Gesang und Lippenbewegung des Sängers müssten in irgendeiner Weise synchron sein. Außerdem hat man seit Madonna keine Gürtelschnalle mehr so prominent ins Licht gesetzt. Schade, dass die Oberhausener Kurzfilmtage gerade vorbei sind.

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Belgien
The Krazy Mess Groovers: Love Power

Hat die Welt auf eine belgische Reinkarnation von Earth Wind and Fire gewartet? Okay, das ist vielleicht die falsche Frage, und natürlich kann man die 70er wieder und wieder und wieder neu entdecken, und irgendwie ist „Love Power“ auch nicht peinlich oder unprofessionell oder völlig missraten. Nur glatt und unoriginell und wenig inspiriert – exakt so wie die Idee, einen 70er-Jahre-Retro-Titel „Love Power“ zu nennen und „Crazy“ mit „K“ zu schreiben.

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Bosnien-Herzegowina
Marija Šestic: Rijeka bez imena

Jedes Jahr sind ein, zwei Teilnehmer dabei, bei denen man sich fragt, ob der Grand Prix überhaupt in diesen Ländern übertragen wird. Statt anbiedernden Krempels, der die Vorjahressieger imitiert, schicken sie echte Volksmusik aus ihrer Heimat ins Rennen, die vermutlich überall auf taube Ohren stoßen wird. Der Beitrag aus Bosnien-Herzegowina klingt nach dunklem Wein und Schwermut, man möchte in den Wald rennen und sich erdolchen. Nun ja, so tragisch ist es dann natürlich auch wieder nicht, aber: Zwei Punkte für Aufrichtigkeit.

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Bulgarien
Elitsa Todorova & Stoyan Yankulov: Water

Lange nichts vom Safri Duo gehört. Nun kommt’s raus: Anscheinend sind die Trommler auf Osteuropa-Tournee gegangen und haben sich dort ortsübliche Ethno-Klänge, einen Maultrommelspieler, den Drachen Fuchur samt Flugausrüstung und Chers abgelegte Stimmenverfremdungseffekte andrehen lassen. Und das ebenso Wunderbare wie Tragische am Resultat ist, dass es keine, aber auch wirklich gar keine Ohrwurm-Qualitäten hat.

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Dänemark
DQ: Drama Queen

Copyright: eurovision.tvEs gibt sie noch, die klassische Grand-Prix-Hymne. Schlichte Melodie, erwartbare Harmonien, tanzbarer Rhythmus, bekannte Textversatzstücke, eine Rückung im letzten Drittel und ein Ta-da-da-da ganz am Schluss. Anstatt zehn solcher Nummern im Wettbewerb gibt es heute nur noch eine – und vorgetragen von einer Drag Queen mit all der Leidenschaft und dem Augenzwinkern, der ernsthaften Lust am Unernst, die diese Selbst- und Fremddarsteller, wenn sie gut sind, mitbringen. Das Abschneiden von „Drama Queen“ wird auch ein Test, wie schwul der Song Contest noch ist. Als gay anthem und Mitsingnummer auf Parties und in Clubs ist die Nummer nicht zu schlagen.

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Deutschland
Roger Cicero: Frauen regier’n die Welt
Die Belgier kommen mit klassischem Funk, die Ungarn mit klassischem Blues, warum soll Deutschland nicht mit klassischem Swing antreten? Die musikalische Qualität des Songs und die Bühnenpräsenz von Roger Cicero geben eigentlich keinen Anlass, sich zu verstecken. Direkt vorher läuft allerdings Russland, einer der modernsten Beiträge des Abends, was den deutschen Titel doch alt aussehen lässt. Bis kurz vor Schluss die Band alle Erinnerung an den vorherigen Titel endgültig weggeblasen hat.

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Estland
Gerli Padar: Partners In Crime

Eine Frau singt eine beatlastige Midtempo-Nummer, die im Refrain mit ein paar „düsteren“ Gitarren aufgehübscht wird. Das ist alles: Keine Masken, keine Ethno-Einflüsse, keine Feuerspucker. Nur ein Song, den Tina Turner, Bonnie Tyler und Kim Wilde wohl abgelehnt hätten. Eigentlich könnte man das Lied als die graue Maus im Wettbewerb bezeichnen, aber das könnte auf die Sängerin, deren Bruder den Grand Prix 2001 gewann, selbst bezogen werden. So lernen wir immerhin, dass in Estland Tonträger offenbar teflonbeschichtet werden – damit auch ja nichts hängen bleibt.

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Finnland
Hanna Pakarinen: Leave Me Alone

Nach dem Vorjahressieg mit Lordis “Hard Rock Hallelujah” scheinen sich die Finnen jetzt auf … äh: Alternativerock-Titel festlegen zu wollen. Statt hässlicher Monster gibt es eine gutaussehende Sängerin, der Song liegt irgendwo zwischen Kelly Clarkson und Evansescence. Das klingt arg kalkuliert? Nun ja, natürlich, aber ist das nicht das Ziel der ganzen Aktion? Außerdem ist es einer der an einer Hand eines Sägewerkarbeiters abzählbaren Grand-Prix-Songs, die auch im ganz normalen Formatradioprogramm nicht weiter auffielen.

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Frankreich
Les Fatals Picards: L’amour à la française

Copyright: eurovision.tvWie negative Emotionen auf Französisch aussehen, kann man dieser Nächte in Pariser Vorstädten sehen. Menschen mit positiven Emotionen hingegen singen nicht nur französisch, sondern auch englisch (wenn sie dafür mal nicht mit einem Radiobann belegt werden), tragen die absurdesten Frisuren der Achtziger auf und hüpfen Popowackelnd durch diesen Rock’n’Roll-Schunkler. Unsere Frage an Heiko Engelkes: „Was bedeutet diese Wahl für Frankreich?“

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Georgien
Sopho Khalvashi: Visionary Dream

Ungefähr bis zur Hälfte könnte es sich Georgiens Beitrag um ein wunderbar fremdes, aber leicht zugängliches Stück von Kate Bush handeln – genau die richtige Dosis traditioneller Klänge und Rhythmen Osteuropas, die auch in Westeuropa ankommen könnte. Aber dann beginnt ein Dance-Teil, der aus gefühlt achtundsiebzig Wiederholungen derselben Tonfolge besteht, und die Faszination weicht: Genervtheit. Trotzdem ein bemerkenswerte Premiere eines Landes, das nicht so ganz zentral in Europa liegt.
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Griechenland
Sarbel Yassou: Maria

Was für ein schreckliches Missverständnis: „We need you for Greece“, sagten die Produzenten, aber der Musikvideoregisseur verstand „Grease“ und inszenierte einen Möchtegern-Travolta auf einem Cabrio. Dabei hatten die Komponisten schon kein allzu glückliches Händchen bewiesen, als sie die Strophen aus „Summer Jam“ des Underdog Projects mit dem Refrain von Ricky Martins, äh: „Maria“ zu kreuzen versuchten. Aber wenn die Griechen am Samstag auch brennende Ölfässer auf die Bühne stellen und damit die Sprinkleranlage auslösen, kommt mit dem Song vielleicht doch noch Leben in die Bude.

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Großbritannien
Scooch: Flying The Flag

Copyright: eurovision.tvNehmen wir ausnahmsweise das Beste an und gehen davon aus, dass das extra so entsetzlich ist. Dass das hier keine schlimme Dancetrash-Nummer ist, die die große britische Poptradition verrät, sondern eine kalkulierte Geschmacksverirrung, die der unbewiesenen Theorie folgt, dass Dinge, wenn sie nur furchtbar genug sind, schon wieder toll sind, und dass Scooch mit ihrer Trolleyschubs-Choreographie gleichzeitig die Europhilie und das Schwule am Song Contest zelebrieren und parodieren. Wäre es gut, würde man es „camp“ nennen. Aber die Dänen machen das in diesem Jahr ungleich charmanter. Und die Ukrainer ungleich grotesker. Und dann ist die britische Variante, egal wie tongue-in-cheek sie gemeint war, doch nur peinlich.

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Israel
Teapacks: Push The Button

Copyright: eurovision.tvEine als Soziologiestudenten verkleidete Truppe singt das politischste und deshalb im Vorfeld meistdiskutierte Lied: Sind ständige Terrorgefahr und drohende iranische Atombombenangriffe ein Thema für einen schunkelnden Zigeunerrocksong mit französischsprachiger Rap-Einlage? Ha! Allein das ist doch spannender als so manch kompletter Song Contest der letzten Jahre. Der direkte (textliche wie musikalische) Vergleich mit „Ein bisschen Frieden“ lehrt uns viel über die Veränderungen, denen Grand Prix und Welt in den letzten 25 Jahren ausgesetzt waren.

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Irland
Dervish: They Can’t Stop The Spring

Copyright: eurovision.tvEin strenges Gesetz scheint die Iren zu verpflichten, beim Song Contest ausschließlich das Glück des vereinigten Europas zu besingen. Immerhin ist offenbar das jahrelange Experiment abgebrochen worden, die Grenzen der Völkerverständigung durch unzulässig hohe Konzentrationen von billigem Pathos und zähflüssigem Schmalz in Popballaden zu testen. Stattdessen besinnt sich Irland diesmal auf die andere Tradition des Landes: Schunkelfolk mit der Originalität und Bissfestigkeit irischer Markenbutter. Und jetzt alle: „A continental choir / Singing hand in hand.“

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Island
Eiríkur Hauksson: Valentine Lost
Klingt, als würden Him “Summer Wine” von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra covern. Halt! Aber doch, die singen ja sogar was von „no summer wine“, das ist ja drollig. Glücklicherweise klingt es ab dem Refrain, als würden Him Meat Loaf covern – das passt wenigstens zum Aussehen von Eiríkur Hauksson. Mit unverbrauchten Metaphern setzt sich das Lied mit Einsamkeit auseinander: „A tiger trapped inside a cage / An actor on an empty stage“. Die Chancen, dass man zukünftig neben Björk und Sigur Rós weitere Musiker aus Island kennen könnte, stehen in diesem Jahr schlecht.

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Kroatien
Dragonfly feat. Dado Topic: Vjerujem u ljubav

Die Frage, wo Chris Rea eigentlich steckt, hat sich wohl in den vergangenen Jahren niemand gestellt. Die Antwort aber lautet: Er hat sich rasiert und kroatisch gelernt. An seiner Seite eine etwas hüftlahme Antwort auf Shakira. Und genau so klingt das Ergebnis auch: Nach erdigem, ehrlichen Reibeisenrock.

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Lettland
Bonaparti.lv: Questa notte

Copyright: eurovision.tvAm Anfang scheint es, als singe ein Duett eine durchschnittlich kitschige Schlagerhymne, aber dann gesellt sich ein weiterer Sänger zu ihnen, der offenbar aus „Lettland sucht den Super-Pavarotti“ gelacht wurde und dann noch einer und noch einer und noch einer. (Dass es am Ende doch nicht, wie man zwischendurch fürchten könnte, die „Ten Thousand Tenors“ werden, liegt wohl nur an einer Grand-Prix-Vorschrift, die die Zahl der Menschen auf der Bühne auf sechs begrenzt.) Wenn man wenigstens wüsste, dass es eine Parodie auf italienische Operetten sein soll und also witzig gemeint…

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Litauen
4Fun: Love Or Leave

Den Einfluss, den Chris Rea auf die Musikgeschichte hatte, hätte ich bis gestern als geringfügig eingeschätzt. Neben Kroatien wartet aber auch Litauen mit Gitarrengegniedel auf, das schon vor fünfzehn Jahren nur noch von lederbejackten Schnurrbartträgern knorke oder urst gefunden worden wäre. Nebenbei singt sich eine Frau durch einen Grand-Prix-typischen Text über vergangene Liebe und versucht den Eindruck zu erwecken, Litauen läge in Lateinamerika.

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Malta
Olivia Lewis: Vertigo

Es klingt zwar kein bisschen nach Wagner (dafür um so mehr nach Hans-Zimmer-Filmmusik), eine Walküre tritt trotzdem auf. Endlich mal ein Lied, bei dem die Folklore (so es sich denn tatsächlich um solche handelt) authentisch erscheint – und dessen Melodie sich deshalb nicht so recht in westliche Ohren schleichen will. Der Gesang erinnert ein bisschen an … ja: Abba. Vom Song bliebe aber vielleicht mehr übrig, wenn man das Orchester auf einer Nachbarinsel spielen ließe.

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Mazedonien
Karolina: Mojot svet

Copyright: eurovision.tvWas die knappberockte Sängerin hier nach einem Orff’schen Klimperintro vorträgt, hat gerade den richtigen Grad an Exotik, um auch World-Music-abholde Menschen anzusprechen. Wenn ich irgendwo als DJ arbeiten würde, wäre ich wohl stark versucht, diesen Song irgendwann zu vorgerückter Stunde einmal aufzulegen und mir einen Ast zu freuen über die verzweifelten Versuche der alkoholisierten Tänzer, diesen Rhythmen irgendwie zu folgen. Die Ergebnisse gäbe es dann bei YouTube zu sehen.

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Moldau
Natalia Barbe: Fight

Auch im fernen Moldau hat man sich im Jahr 1 nach Lordi an vergleichsweise rockige Töne getraut. „Fight“ klingt ein bisschen nach Tatu und Evanescence, könnte aber auch die gelungene Version des Titels sein, mit dem Gracia vor zwei Jahren so grandios baden ging. Ob es ein Vor- oder ein Nachteil ist, dass das Stück zwar vergleichsweise modern ist, aber niemandem wirklich wehtut — wer weiß es schon?

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Montenegro
Stevan Faddy: Ajde kroci

Es ist ja mittlerweile leider zur Ausnahme geworden, beim Grand Prix Lieder zu hören, dessen Inhalt sich einem mangels Sprachkenntnissen beim besten Willen nicht erschließt. Was also singt dieser Florian Silbereisen des Hausfrauenrocks da über diese freie Interpretation des „My Sharona“-Riffs? Vielleicht über die Trennung von Serbien, die Montenegro die erste einzige Grand-Prix-Teilnahme ermöglicht. Vielleicht auch über das Mädchen, das er liebt, das aber nicht seins ist. Oder darüber, dass ihm die Spiegeleier beim Mittagessen angebrannt sind. Ich will mehr solcher Lieder! Dieser Rückfall in Zeiten, als man im Radio noch kein Lied wirklich verstanden hat, hat übrigens auch noch eine ziemliche Ohrwurm-Penetranz, deswegen: Ein Grand-Prix-Titel wie aus dem Bilderbuch!

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Niederlande
Edsilia Rombley: On Top Of The World

Wenn man sich vorstellt, Whitney Houston sänge “I Will Survive”, aber ihre Stimme sei ein bisschen dünner und der Song ein bisschen langweiliger, dann kommt man dem niederländischen Beitrag recht nahe. Witze, wie man denn im flachsten Land der Welt deren Spitze erreichen will, sollen andere machen. Ähnlich originell wäre nur noch die Idee, den Refrain kurz vor Schluss um ein paar Halbtöne zu erhöhen.

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Norwegen
Guri Schanke: Ven a bailar conmigo

Copyright: eurovision.tvKlauen ist erlaubt beim Song Contest, und dass Nordeuropäer sich an einer Latino-Nummer versuchen, fast schon die Regel. Bisschen blöd halt nur, sich als Vorbild einen fünf Jahre alten Siegertitel auszusuchen und zu versuchen, ihn bis in die Choreographie und den lustigen Kleiderwechsel originalgetreu nachzustellen, nur mit einer Sängerin, die aussieht, als sei sie die Großmutter der damaligen Sängerin Marie N. und versuche, durch einen Grand-Prix-Sieg das nötige Kleingeld für eine Klage gegen ihren Schönheitschirurgen zusammenzubekommen. (Lieber Gott, lass das nicht die Stiefschwester von Wencke Myhre sein.)

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Österreich
Eric Papilaya: Get A Life – Get Alive

Copyright: eurovision.tvHier also der Kandidat, der in diesem Jahr traditionell keine Punkte von Deutschland bekommen wird: Jon Bon Jovi! Quark. Es handelt sich um den Fünftplatzierten der dritten Staffel von „Starmania“, dem österreichischen Pendant zu allen Castingshows dieser Welt, der ein Lied vorträgt, das ursprünglich für Anastacia gedacht war (kein Witz!). Damit dürfte alles gesagt sein …

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Polen
The Jet Set: Time To Party

Na, wie klingt wohl ein Grand-Prix-Titel, der „Time To Party“ heißt? Reingefallen: Gar nicht nach Scooter. Aber nach den Black Eyed Peas, Christina Aquilera und Gwen Stefani. Durchschnittliche Radioware, die mit einer mitunter wüsten Kombination verschiedener Rhythmen für viel Gelächter und blaue Flecken auf dem Dancefloor sorgen dürfte.

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Portugal
Sabrina: Dança comigo

Ach herrje. Ob es wohl schwer ist, ein Stück zu schreiben, das sich so durch und durch nach Plastik anhört, dass selbst die Musik eines DJ Bobo dagegen „authentisch“ wirkt? Das so leblos ist, so tausendmal gehört und so billig arrangiert, dass es auch eine dieser peinlichen voreingestellten Handy-Klingeltonmelodien sein könnte? Und dann noch eine Sängerin zu finden, die noch farbloser und uninspirierter ist als dieses Stück? Portugal ist das Kunststück gelungen. Und es ist nicht einmal – wie so vieles andere beim Grand-Prix – schön schrecklich, sondern nur schrecklich.

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Rumänien
Todomondo: Liubi, Liubi, I Love You

Als klinge die Vorstellung nicht erschreckend genug, das eine sechsköpfige rumänische Boyband eine Art russisches Volkslied singt, haben sich die Jungs von Todomondo etwas ganz tolles völkerverständigendes ausgedacht: Jeder von ihnen symbolisiert ein anderes europäisches Land und interpretiert die Strophe, die er singen darf entsprechend, von vermeintlich landestypischen Klängen begleitet. Plumper kann man sich wirklich nicht an das internationale Publikum ranschmeißen – ach halt: Letztes Jahr schafften die Litauer mit „We are the Winners of Eurovision“ einen erstaunlichen sechsten Platz.

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Russland
Serebro: Song #1

Copyright: eurovision.tvDie Frage, was die junge Frau uns mit den Worten „Put your cherry on my cake / And taste my cherry pie“ sagen will, lassen wir jetzt mal außen vor. Wichtiger ist vermutlich auch, dass die Chefsängerin von SEREBRO die niedlichste Zahnlücke nach Ronaldo hat und auch die Wettervorhersage für Sibirien so vorsingen könnte, dass es nach einer Aufforderung zum Geschlechtsverkehr klänge. „Song #1“ hört sich an, als hätte Britney Spears das vor fünf Jahren schon gesungen, mit einem Break, der aussieht, als hätte ihn Michael Jackson schon vor 15 Jahren getanzt – und ist trotzdem einer der modernsten Kandidaten im Feld.

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Schweden
The Ark: The Worrying Kind

Schweden, das ja wegen Abba immer noch als Vorzeigeland des Grand Prix gilt, schickt eine Band ins Rennen, von der man sogar vorher schon mal was gehört hatte: „One Of Us Is Gonna Die Young“ war vor ein paar Jahren ein kleiner Hit für The Ark. Ihr Bühnenoutfit mit Glitzer und Federboas bedient lustvoll die üblichen Klischees, das Grand-Prix-Publikum betreffend, ihr glamrockiger Plunderpop wühlt in der Klamottenkiste von T-Rex, Kiss, Queen und … äh: Bucks Fizz.

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Schweiz
DJ Bobo: Vampires Are Alive

DJ Bobo, der Untote der Eurodance-Welle der Neunziger! Wer, wenn nicht er, sollte den letztjährig losgetretenen Horror-Hype beim Grand Prix bedienen? Klingt eigentlich genauso, wie Songs von DJ Bobo immer schon klangen, aber die Streicher könnten echt sein. Die gute Nachricht: DJ Bobo „rappt“ nicht mehr; die schlechte: er singt! Ob man mit so was Vampire aufweckt, ist fraglich – zum Füße einschlafen lassen reicht’s aber.
Copyright: eurovision.tv

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Serbien
Marija Šerifovic: Molitva
Vielleicht ist es kein Zufall, dass das serbische Fernsehen seine Vertreterin im Video meist nur aus großer Entfernung oder gar nicht zeigt. Aber wen kümmert das – singen kann sie jedenfalls. Ihre Ballade klingt für westliche Ohren wie ein Standard-Grand-Prix-Teilnehmer vor zehn, zwanzig Jahren. Aber vielleicht haben die Osteuropäer da noch Nachholbedarf. Oder sie entdecken in dem Pathos eine zeitlose Schönheit. Bei den britischen Buchmachern ist Serbien Favorit. Das muss aber auch nichts heißen.

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Slowenien
Alenka Gotar: Cvet z juga

Gäbe es beim Song Contest eine eigene Unterkategorie PPP (Pomp, Pathos und Pose) – die Slowenen gewännen sie fast jedes Jahr. Diesmal schicken sie eine Opernsängerin, die eine gewagte Mischung aus billigem Pop, Folklore-Einsprengseln und einer großen Hymne singt. Und wenn man sehr, sehr freundlich wäre, könnte man die Kombination zwischen ihrer großen Stimme und der banalen Bumm-Tschak-Rhythmen, die darunter liegen, sogar als reizvollen Kontrast beschreiben. Und so ein großes Finale, bei dem die Sängerin am Schluss allen noch mal zeigt, wo der Hammer hängt (ganz oben) hört man ja heute auch nicht mehr alle Tage.

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Spanien
D’Nash: I Love You Mi Vida

Ich wusste gar nicht, dass sich spanische und osteuropäische Folklore so ähnlich sind – da sieht man mal wieder, dass Europa einfach zusammengehört. Völkerverständigung ist ja auch ein wichtiges Ziel dieses europäischen Musikwettbewerbs. Äh, ja: Klingt wie Ricky Martin oder Enrique Iglesias zu Beginn ihrer jeweiligen Karrieren. Für den Mainstream kommt es also zehn Jahre zu spät, für den Grand Prix könnte es noch reichen. Ein sommerlicher Popsong, bei dem es einen nicht nachhaltig stören würde, wenn er zum Sommerhit würde. (Mal sehen, ob ich den Satz nicht noch bitter bereue. Aber dafür müsste das erst mal ein Sommerhit werden.)

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Tschechische Republik
Kabát: Mála dáma

Das wird man die Jungs von Lordi dann auch mal fragen müssen, ob sie das wirklich gewollt haben. Dass der Eurovision Song Contest nun nicht mehr nur eine Bühne für unzeitgemäßen Pop und abwegige Ethnoballaden ist, sondern auch für traurigen Hardrock. Den Gesang von Kabát könnte man als „kehlig“ bezeichnen, aber erstens klingt das spannender, als es ist, und zweitens ist das Problem vielleicht eher das Wort „Gesang“. Am unterhaltsamsten kann man diese drei Minuten verbringen, indem man sich fragt, ob diese Rockopas nicht noch mehr in der Tradition von Lordi stehen, als es scheint, und in Wahrheit auch Gruselmasken tragen.

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Türkei
Kenan Dogulu: Shake It Up Shekerim

Da hat wohl jemand zu viel Justin Timberlake gehört und dachte sich, das könnte man doch – mit ein bisschen Folklore angereichert – einfach nachmachen: „Shake It Up Shekerim“ hat zwar einen nervigen Refrain und das seit Jahren obligatorische Getrommel, aber auch irgendwie „was“. Ich kann mir gut vorstellen, dieses Lied noch einige hundert Male aus Mercedes-Cabrios und Gemüseläden scheppern zu hören; würde aber auch nicht ausschließen, dies bereits einige hundert Male getan zu haben.

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Ukraine
Verka Serduchka: Dancing Lasha Tumbai

Copyright: eurovision.tvEin Transvestit, das gab’s ja noch nie beim Grand Prix! Eine „Ukrainerin“, die mehr „tanzt“ als „singt“, total progressiv! Ein Lied, vorgetragen in einer Phantasiesprache, in der auch „Eins, zwei, drei“ vorkommt: Mal was anderes! Falls je ein irrer Wissenschaftler auf die Idee gekommen sein sollte, alle Exoten der letzten zehn Jahre zu einem einzelnen Act zu destillieren: Hier ist das Ergebnis. Wenn die Alkoholpegel der Fernsehzuschauer am Samstag hoch genug sind (und bei Startnummer 18 sollte das der Fall sein), findet der Grand Prix nächstes Jahr wieder in Kiew statt – vorausgesetzt, man kann betrunken noch abstimmen.

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Ungarn
Magdi Rúzsa: Unsubstantial Blues

100 Bonuspunkte bekommt Ungarn für den Mut, die treffende Beschreibung des Beitrag gleich in den Titel zu nehmen: Substanzloser Blues. Und jeder, der sagt, die Nummer sei ja wohl uralt, die habe man ja schon millionenmal gehört, muss sich entgegnen lassen: Ja, aber nicht beim Grand Prix. Das könnte sogar nicht ganz uncool sein, würde sich Frau Rúzsa nicht so schrecklich verausgaben, nur weil sie irgendein Kerl verlassen hat, mit dem sie, wenn wir den Text richtig verstanden haben, eigentlich eine Herrenboutique in Jameson Town aufmachen wollte.

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Weißrussland
Dimitry Koldun: Work Your Magic

Copyright: eurovision.tvDas Intro schreit “Ich ware so gerne ein James-Bond-Titelsong!”, die erste Strophe klingt ein bisschen nach Linkin Park, der Rest nur noch nach *N Sync mit etwas Gothic-Schminke. Reicht es denn nicht mehr, sich nur bei einer Zielgruppe einschleimen zu wollen? Dafür sieht Dimitry Koldun aus wie der Traum-Schwiegersohn von Alexander Klaws und singt in dem Tonfall, den finanziell bessergestellte Studenten der Ingenieurswissenschaften anschlagen, wenn sie auf einer Party eine Frau ansprechen.

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Zypern
Evridiki: Comme ci, comme ça

Weil letztes Jahr eine Hardrockband gewonnen hat, glauben die Komponisten offenbar, der Grand Prix habe sich im Untergrund neue Zuschauerschichten erschlossen, die man nun bequem abgreifen könne. Deswegen rennt jeder zweite Act mit Kajalgeschminkten Augen rum und macht einen auf EBM – oder versucht es zumindest. Zypern schickt deshalb einen tumben 80er-Jahre-Stampfer ins Rennen, der damals schon als beliebige Massenware durchgegangen wäre. Da sagt der Titel eigentlich alles.

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