Was bis­her geschah: Am Mitt­woch behaup­tet der »Tages­spie­gel« in einem Arti­kel, die BBC habe die Bezeich­nun­gen »vor / nach Chris­tus« in Zeit­an­ga­ben aus über­trie­be­ner Poli­ti­cal Cor­rect­ness abge­schafft. Rich­tig ist, dass die Reli­gi­ons­sei­ten des Online-Angebotes der BBC auf diese Begriffe ver­zich­ten. Eine all­ge­meine Vor­gabe gibt es laut BBC aber nicht. Nach­dem ich im BILD­blog den »Tagesspiegel«-Artikel als »Urbane Legende von der Poli­ti­cal Cor­rect­ness« kri­ti­siert habe, ant­wor­tet nun der »Tagesspiegel«-Autor auf tagesspiegel.de.

Schon der Vor­spann ist falsch. Da steht:

Der Jour­na­list Ste­fan Nig­ge­meier wirft in sei­nem »Bild­blog« dem Tages­spie­gel vor, falsch über den Ver­zicht der BBC auf die zeit­li­che Ein­ord­nung »vor Christus«/»nach Chris­tus« berich­tet zu haben. Unser Kor­re­spon­dent Mat­thias Thi­baut nimmt Stellung.

Es gibt aber gar kei­nen Ver­zicht der BBC auf die zeit­li­che Ein­ord­nung »vor Chris­tus« / »nach Christus«.

Danach wird es nicht bes­ser. Mat­thias Thi­baut nimmt in sei­ner Erwi­de­rung nichts zurück. Er kor­ri­giert kei­nen sei­ner Feh­ler. Er »erin­nert« statt­des­sen daran, dass er in sei­nem »Tagesspiegel«-Bericht über die angeb­lich zum Orwell­schen Minis­te­rium der Wahr­heit ver­kom­mende BBC aus­drück­lich die »Daily Mail« als Quelle der Berichte genannt habe.

Immer­hin, soll das wohl hei­ßen, hat er sich die Feh­ler nicht selbst aus­ge­dacht. Er hat sie sich aber zu eigen gemacht.

Aber, schreibt Thi­baut, er habe doch den von ihm zitier­ten Behaup­tun­gen der »Daily Mail« fol­gende Sätze hinzugefügt:

Die BBC selbst betont, es gebe kei­nen Erlass von oben — jede Redak­tion könne selbst entscheiden.

Aber Mit­ar­bei­ter wur­den nach­drück­lich daran erin­nert, was für ein mul­ti­eth­ni­sches Publi­kum ange­mes­se­ner sei.

Er meint wohl, mit dem Ali­bi­satz mit der BBC-Stellungnahme sei­ner jour­na­lis­ti­schen Sorg­falts­pflicht genüge getan zu haben. Für die unmit­tel­bar fol­gende Behaup­tung, die sie ent­wer­tet, nennt er keine Quelle.

Mit kei­nem Wort geht Thi­baut dar­auf ein, dass auch die Geschichte falsch ist, die er eben­falls aus dem Lügen­blatt »Daily Mail« abge­schrie­ben hat, »dass in eini­gen Gemein­den Weih­nach­ten bereits durch das Kunst­wort ›win­ter­val‹ (Win­ter­fes­ti­val) ersetzt wurde, um Nicht­chris­ten nicht zu ver­let­zen«. Und er nimmt auch nicht seine fal­sche Behaup­tung zurück, dass »die BBC eine Nach­rich­ten­spre­che­rin abmahnte, die an einer Hals­kette ein Kreuz trug«. Statt­des­sen schreibt er: »Ich habe die schöne Fiona Bruce, die ich sehr bewun­dere, schon lange nicht mehr mit Kreuz gese­hen«, als beweise das irgend­et­was, außer dass Thi­baut den Grund­kurs »Weni­ger offen­sicht­lich erbärm­lich argu­men­tie­ren« geschwänzt hat.

In einem Punkt hat Thi­baut Recht: Selbst­ver­ständ­lich ist mein BILDblog-Eintrag kein »Aus­bund an objek­ti­ver Bericht­er­stat­tung«. Er ist pole­misch, was daran liegt, dass ich wütend bin. Weil sich seit Jah­ren immer das­selbe Mus­ter wie­der­holt: Win­zig­kei­ten, Halb­wahr­hei­ten und Kom­plett­lü­gen wer­den zu Schein­be­le­gen dafür gemacht, dass Ver­fech­ter der Poli­ti­cal Cor­rect­ness dabei seien, das Abend­land zu ver­nich­ten, indem sie im angeb­li­chen Kul­tur­kampf gegen den Islam Selbst­mord aus Angst vor dem Tode begingen.

Kein Anlass ist dafür zu klein (und zu falsch), keine Über­in­ter­pre­ta­tion zu groß. Die »Daily Mail«, die der Lon­do­ner Kor­re­spon­dent des »Tages­spie­gel« offen­bar mit Bil­li­gung sei­ner Redak­tion als eine seriöse Quelle behan­delt, hat auf­grund der BBC-Zeitenwendenbenamsungs-Sache einen Arti­kel ver­öf­fent­licht, der die ver­meint­li­che Umbe­nen­nung in einen Kon­text von Her­bert Mar­cuse bis zur RAF stellt und in ihr Teil eines »mar­xis­ti­schen Plans« sieht, »die Zivi­li­sa­tion von innen zu zerstören«.

Ich bin wütend, weil es mich fas­sungs­los macht, wie die Lügen der »Daily Mail« und ähn­li­cher Hass­pre­di­ger immer wie­der um die Welt gehen und unaus­rott­bar wer­den, wie die Mär vom angeb­lich christ­li­che Tra­di­tio­nen ver­drän­gen­den »Win­ter­val«. Man sollte den­ken, dass Jour­na­lis­mus eine Bar­riere bei der Ver­brei­tung die­ser Urban Legends dar­stellt; statt­des­sen wer­den sie von Jour­na­lis­ten wie Thi­baut begeis­tert weitergetragen.

Thi­baut spricht von den »Dik­ta­ten der poli­ti­schen Kor­rekt­heit« und merkt nicht die Iro­nie. Tat­säch­lich ver­zich­tet die BBC ja gerade auf das Dik­tat einer For­mu­lie­rung. Sie stellt, im Gegen­teil, ihren Redak­tio­nen frei, wel­che Begriffe sie ver­wen­den wol­len — die­je­ni­gen, die sich expli­zit auf Christi Geburt bezie­hen, oder neu­tra­lere. Was die BBC hier pre­digt, ist die Frei­heit der Wahl. Ist es nicht erstaun­lich, dass aus­ge­rech­net die Kämp­fer gegen die »Dik­tate der poli­ti­schen Kor­rekt­heit« diese Frei­heit nicht aus­hal­ten? Die­je­ni­gen, die gegen die BBC wet­tern und for­dern, sie müsse immer und jedes­mal Chris­tus‹ Namen gebrau­chen, sind es, die einen bestimm­ten Sprach­ge­brauch dik­tie­ren wollen.

Thi­baut schreibt:

(…) ich halte es wirk­lich nur für eine Frage der Zeit, bis als Bei­spiel erfolg­rei­cher Inte­gra­tion eine mus­li­mi­sche Nach­rich­ten­spre­che­rin im bri­ti­schen TV mit Kopf­tuch auf­tre­ten wird — so wie sei­ner­zeit der erste schwarze Nach­rich­ten­spre­cher Tre­vor McDo­nald in Eng­land eine Bar­riere durchbrach.

Ich weiß nicht, ob er bedau­ert, dass Schwarze in Groß­bri­tan­nien Nach­rich­ten lesen dür­fen. Die Aus­sicht auf eine Nach­rich­ten­spre­che­rin mit Kopf­tuch jeden­falls hatte er in sei­nem ursprüng­li­chen Arti­kel noch als düs­tere Vision »zyni­scher Kri­ti­ker« dargestellt.

Nun sagt Thi­baut, er würde mus­li­mi­schen Frauen das Mode­rie­ren mit dem Kopf­tuch gerne erlau­ben, wenn sie eine Gegen­be­din­gung erfüllen:

Wenn wir, als Gegen­leis­tung für die­sen Inte­gra­ti­ons­akt, in der BBC und anderswo, dann wie­der, so wie die längst selbst­ver­ständ­li­chen Witze und Läs­te­run­gen über Jesus und die Bibel, in der BBC auch wie­der Späße oder gar Kri­tik über Moham­med und den Koran hören dürf­ten, hätte ich per­sön­lich nicht ein­mal etwas dagegen.

Immer­hin kann man dem »Tages­spie­gel« also keine feh­lende Tole­ranz vor­wer­fen: Er beschäf­tigt sogar Kor­re­spon­den­ten, die keine freund­schaft­li­chen Bezie­hun­gen zur deut­schen Spra­che unter­hal­ten — Ver­zei­hung, ich bin immer noch und schon wie­der wütend.

Für Thi­baut hat Frei­heit offen­bar nichts mit unver­äu­ßer­li­chen Men­schen­rech­ten zu tun. Sie wer­den nur gegen Pfand ausgeliehen.

Wir kön­nen uns gern dar­auf eini­gen, dass meine Kri­tik an Thi­baut und sei­nem »Tagesspiegel«-Bericht pole­misch, unsach­lich und nicht objek­tiv ist. Auf der ande­ren Seite: Seine Behaup­tun­gen sind falsch. Er wei­gert sich, sie zu korrigieren.

Übri­gens: Die Erklä­rung im Religions-Ressort der BBC-Webseite, es ver­zichte auf die Ver­wen­dung der Begriffe »vor / nach Chris­tus«, steht da seit min­des­tens vier Jah­ren.