Warum das RTL-Dschungelcamp nicht annä­hernd so men­schen­ver­ach­tend ist wie die Bericht­er­stat­tung darüber.

Lori­elle Lon­don hatte sich die bor­deauxfar­be­nen Haare mit selbst­ge­bas­tel­ten Span­gen zu zwei lan­gen Zöp­fen zusam­men­ge­bun­den und es geschafft, durch geschick­tes Auf– und Hoch­schla­gen sogar die Dschun­ge­l­ein­heits­klei­dung ein klei­nes biss­chen femi­nin wir­ken zu las­sen. Mit den geschmink­ten Augen in ihrem extrem auf weib­li­che For­men ope­rier­ten Gesicht wirkte sie nach fünf Tagen im Camp gleich­zei­tig über­trie­ben auf­ge­don­nert und schreck­lich her­un­ter­ge­kom­men. Neben ihr saß eine ver­gleichs­weise bur­schi­kose Gun­dis Zámbó und hörte zu, was Lori­elle ihr über sich erzählte: »Du musst dir vor­stel­len, du gehst dein gan­zes Leben lang durchs Leben und wirst von allen nur gehän­selt, geschla­gen, von so gut wie kei­nem gemocht. Dann glaubt man auch selbst irgend­wann, dass man nicht so toll ist.«

Lori­elle Lon­don wurde vor 24 Jah­ren als Lorenzo Woo­dard gebo­ren und hat sich in den ver­gan­ge­nen Mona­ten vor diver­sen Fern­seh­ka­me­ras in eine Frau ver­wan­delt. Sie hat viele Ope­ra­tio­nen hin­ter sich, aber eine ent­schei­dende noch vor sich. In ihrem knap­pen Bade­an­zug zeich­net sich zu ihrem Miss­ver­gnü­gen ihr Penis ab. Und weil die Tage lang sind im Dschun­gel und die übli­chen Hem­mun­gen irgend­wann fal­len, stellte Gun­dis Zámbó ihr ein paar Fra­gen, die man für blöd hal­ten kann, aber direkt und ehr­lich waren: »Trans­se­xu­elle, haben die nor­ma­ler­weise auch andere Trans­se­xu­elle als Part­ner? Ganz ehr­lich: Jemand, der mit die­ser Szene nichts zu tun hat und sich in dich ver­liebt und nicht weiß, dass du da unten­rum noch was hast — was ist denn dann?« Lori­elle erklärte spä­ter noch, dass sie sich schon als »hete­ro­se­xu­ell« bezeich­nen würde, und dann dis­ku­tier­ten die Frauen ent­spannt und ernst­haft, was das im kon­kre­ten Fall bedeutet.

Es war eine fast anrüh­rende Szene in der RTL-Show »Ich bin ein Star — holt mich hier raus«: So unge­lenk und direkt, so freund­lich scho­nungs­los, und wer weiß, wann je zuvor so viele Fern­seh­zu­schauer in einer Unter­hal­tungs­sen­dung so viel über Trans­se­xua­li­tät erfah­ren haben. Wie absurd, dass aus­ge­rech­net in die­ser bizar­ren, künst­li­chen Extrem­si­tua­tion im aus­tra­li­schen Dschun­gel Gesprä­che ent­ste­hen, die dem schwie­ri­gen Thema ange­mes­se­ner sind als die übli­che Bou­le­vard­be­richt­er­stat­tung. Lori­elle, deren ganze trau­rige Medi­en­kar­riere bis­lang dar­auf auf­ge­baut war, ein Freak zu sein, wirkt plötz­lich im bes­ten Sinne des Wor­tes nor­mal: mensch­lich, ver­letz­lich, echt.

Das ahnt man nicht, wenn man nicht die Show ver­folgt, son­dern die Bericht­er­stat­tung über die Show. Dort geht es aus­schließ­lich um Freaks und Dep­pen. Der mediale Umgang mit der Sen­dung hat sich seit der Pre­miere der ers­ten Staf­fel 2004 dra­ma­tisch ver­än­dert. Wurde sie anfangs noch ver­teu­felt oder igno­riert, sprin­gen viele Medien jetzt hem­mungs­los auf den Zug auf und ver­su­chen, von ihrem erstaun­li­chen und sogar noch zuneh­men­den Erfolg zu pro­fi­tie­ren. Bei »Welt Online« sieht das dann so aus: Neben dem lan­gen Arti­kel, in dem Groß­kri­ti­ker Hell­muth Kara­sek mit vie­len Aus­ru­fe­zei­chen und auf dem Niveau eines mit­tel­gu­ten Schul­auf­sat­zes beschreibt, wie schlimm es gewe­sen sei, dass ihn die Redak­tion gezwun­gen habe, sich eine Folge anzu­se­hen, sind zig­tei­lige Bil­der­ga­le­rien ver­linkt; ein eige­nes Dos­sier ver­spricht, »alle Ekel-Prüfungen und Läs­te­reien« zu doku­men­tie­ren; »Welt-TV« zeigt, wie Giulia Sie­gel sich für ihre Halb­nackt­auf­nah­men im »Play­boy« ver­renkt; und eine Auto­rin berich­tet jeden Tag aufs aus­führ­lichste, was in der Sen­dung zu sehen war (und hat, haha, »auf sämt­li­che mög­li­chen Ansprü­che auf Schmer­zens­geld sowie die Erstat­tung even­tu­ell anfal­len­der Fol­ge­kos­ten für eine psy­cho­lo­gi­sche Nach­be­hand­lung vorab schrift­lich« verzichtet).

Die angeb­lich so ordi­näre und niveau­lose Show ist für man­che der Vor­wand, ein­mal so rich­tig ordi­när und niveau­los sein zu dür­fen. Das untere Ende des Spek­trums mar­kiert dabei kon­se­quent der Online-Auftritt des »Sterns«. »In den Augen Pipi, im Hös­chen Kaker­la­ken«, titelte er am Diens­tag. Die Redak­tion treibt (anders als die Show selbst) eine unhei­lige Fas­zi­na­tion von Fäka­lien und Geni­ta­lien. Die erste Tages­zu­sam­men­fas­sung auf »Stern.de« hieß »Kot und Spiele«, spä­ter folg­ten Titel wie: »Mit Penis und Schwanz ins Dschun­gel­camp«, »Män­ner, wo sind eure Eier«.

Die maden­reichs­ten Prü­fun­gen im aus­tra­li­schen Dschun­gel sind nicht halb so eklig wie diese Texte, die ihre sprach­li­che Hilf­lo­sig­keit und gedank­li­che Armut durch Dras­tik wett­zu­ma­chen ver­su­chen. Giulia Sie­gel habe sich von Rat­ten anna­gen las­sen, »damit van Ber­gen, die olle Hexe, nicht ver­reckt«, heißt es da. Und für Lori­elle (von »Bild« gerne »er/sie/es« genannt) hat »Stern.de« nur Begriffe wie »die Staf­felt­unte«, »die Quo­ten­t­unte«, »die Tränen-Transe«, die »Tran­sen­trä­nen« weint — ins­ge­samt: »Eine unan­sehn­li­che Ner­ven­probe, wie sie schlim­mer kaum sein kann.«

Sie schla­gen einen absur­den Dop­pel­pass, ver­su­chen gleich­zei­tig, sich über die angeb­lich men­schen­ver­ach­tende Sen­dung zu empö­ren und sie an Men­schen­ver­ach­tung zu über­tref­fen. Dabei geht die Show selbst mit ihrem Per­so­nal zwar auch nicht immer pfleg­lich, aber ungleich dif­fe­ren­zier­ter um. Lori­elle ist dort zum Bei­spiel längst nicht mehr die Witz­fi­gur. »Ich bin ein Star — holt mich hier raus« gelingt es auf ver­blüf­fende Weise, die Kan­di­da­ten sowohl zu Kari­ka­tu­ren ihrer selbst zu machen, als auch zu ver­mensch­li­chen. Gerade die kras­sen Prü­fun­gen, an denen sich die Kri­ti­ker beson­ders sto­ßen, spie­len dabei eine wich­tige Rolle.

Lori­elle war in der zwei­ten Sen­dung von den Zuschau­ern aus­ge­wählt wor­den, ihren Ekel zu über­win­den und eine Abfolge von Cock­tails mit teils noch leben­di­gen Tier­ein­la­gen zu trin­ken. Es war nicht leicht, sich das anzu­se­hen, aber das sonst so über­kan­di­delte Wesen wurde in die­ser Situa­tion nicht noch über­kan­di­del­ter, son­dern ver­wei­gerte sich der ver­mut­lich von grö­ße­ren Tei­len des Publi­kums erhoff­ten hys­te­ri­schen Rolle als Ultra-Daniel-Küblböck, riss sich zusam­men, kämpfte, war tap­fer — und plötz­lich war es viel leich­ter, mit die­ser Frau mit­zu­füh­len, als sie zu verachten.

Bei Ross Ant­ony gab es im ver­gan­ge­nen Jahr eine ähn­li­che Ent­wick­lung. Am Anfang war er ein ner­vö­ses Wrack und erschien wie das fleisch­ge­wor­dene übelste Tunten-Klischee. Am Ende lachte das Publi­kum nicht mehr nur über ihn, son­dern auch mit ihm, und er gewann als stol­zer schwu­ler tun­ti­ger Mann.

Es ist ein biss­chen beun­ru­hi­gend, dass es so viele Dreiviertel-Prominente zu geben scheint, die sich offen­bar unter einem Zwang sehen, der Welt zu bewei­sen, wie tough und echt sie sind. Und es ist noch beun­ru­hi­gen­der, dass sie glau­ben, dass der Gang in das Dschun­gel­camp der rich­tige Weg dafür ist. Aber so unwahr­schein­lich es klingt: In dem Moment, in dem Lori­elle diese Cock­tails trank, ver­lor sie nicht, son­dern gewann an Würde.

Im Gegen­satz zu der Bericht­er­stat­tung außer­halb der Show. In sei­nem Online-Auftritt zeigte RTL genau das, was vie­len ande­ren Medien auch am nahe­lie­gends­ten erschien: Ein gro­ßes Foto von Lori­elle in dem Moment, als ihr etwas, das aus pürier­ten Kän­gu­ru­pe­nis­sen beste­hen sollte und »Penis Colada« genannt wurde, aus dem Mund quoll. Es sah aus wie Sperma.

Die Show spielt ein per­fi­des Spiel mit uns. Sie ist über weite Stre­cken intel­li­gent gemacht — aber sie bie­tet die Vor­lage für die dümmst­mög­li­che Bericht­er­stat­tung. Sie balan­ciert durch­aus gekonnt auf dem schma­len Grat zwi­schen einer fai­ren Dar­stel­lung der Kan­di­da­ten, ihrer Sor­gen und Nöte, und der Maxi­mie­rung der Scha­den­freude und Häme durch ihre Redu­zie­rung auf reine Witz­fi­gu­ren. Aber sie weiß, dass sie damit den Vor­wand lie­fert, nur die Witz­fi­gu­ren zu sehen, und pro­fi­tiert natür­lich von dem Hype und der Skandalisierung.

Die Show hat eine Dis­tanz zu sich selbst, die der Bericht­er­stat­tung über sie fehlt. So ist sie selbst erstaun­li­cher­weise auch der Ort, an dem die wenigs­ten schlech­ten Wort­spiele über den Nach­na­men des Models Nico Schwanz gemacht wer­den. Wäh­rend »Spie­gel Online« vor­aus­ei­lend einen Arti­kel mit sämt­li­chen nahe­lie­gen­den Asso­zia­tio­nen ver­öf­fent­lichte, ging die Show selbst das Thema sofort auf der Meta-Ebene an: Mit einem Spar­schwein, in das die Mode­ra­to­ren Dirk Bach und Sonja Ziet­low für jede anzüg­li­che Anspie­lung fünf­zig Cent wer­fen müssen.

Zum Geheim­nis des über­wäl­ti­gen­den Erfol­ges von »Ich bin ein Star — holt mich hier raus« gehört, dass die Show nicht nur an die nie­ders­ten Instinkte appel­liert (aber natür­lich auch), son­dern auch das Gehirn intel­li­gen­ter Men­schen anspricht. Sie ist her­vor­ra­gend pro­du­ziert, von Men­schen, die offen­sicht­lich Spaß an der Arbeit haben, und viel­schich­tig — im Gegen­satz zu den Tritt­brett­fah­rern in den ande­ren Medien mit ihren ein­fäl­ti­gen Nach­er­zäh­lun­gen und Hau-drauf-Witzen bei gleich­zei­ti­ger Dis­tan­zie­rung vom schreck­li­chen Pro­gramm. Die Show nimmt sich selbst viel weni­ger ernst, als es zum Bei­spiel »Bild« oder auch die ande­ren RTL-Magazine tun, die bei jeder Wen­dung ins Hyper­ven­ti­lie­ren gera­ten, erlaubt sich aber genau dann, wenn es ange­mes­sen ist, auch Ernsthaftigkeit.

Als Ingrid van Ber­gen eines Abends am Lager­feuer erzählte, wie es war, als sie ihren Lebens­ge­fähr­ten im Affekt tötete, war es eine fas­zi­nie­rende, etwas ver­stö­rende Erzäh­lung, die einen Ein­blick in das Innen­le­ben eines Men­schen gewährte, für den Rein­hold Beck­mann ver­mut­lich töten würde. »Ich bin ein Star — holt mich hier raus« zeigte das aus­führ­lich, ruhig, ohne Effekte, und hin­ter­her sagen die Witz­bolde Sonja Ziet­low und Dirk Bach genau das Rich­tige: nichts.