Der Mythos ist nicht auszurotten: Wenn rechtsextreme Parteien in die Parlamente einziehen, liege das vor allem an der niedrigen Wahlbeteiligung. Der Gedanke zieht sich durch die Wahlberichterstattung fast aller Medien. Und durch die hilflosen Appelle der etablierten Parteien an das Volk, bitte wählen zu gehen.

Der Gedanke ist aber auch zu bequem. Denn dahinter steht die Logik, dass die Zahl der Menschen, die bereit sind rechtsextrem zu wählen, verschwindend gering ist. Und dass die große Zahl der Wähler ihre Stimme natürlich anständig abgibt und nur manchmal den Fehler macht, nicht zur Wahl zu gehen.

Schön wenn es so wäre. Aber die Statistik spricht dagegen.

Dass 2004 zum Beispiel die NPD in Sachsen mit 9,2 Prozent der Stimmen drittviertstärkste Partei im Landtag wurde, nur hauchdünn hinter der SPD, lässt sich durch eine niedrige Wahlbeteiligung nicht erklären: Sie lag bei 59,6 Prozent — nur knapp unter der vorherigen Landtagswahl, sogar leicht über der davor.

In Brandenburg lag die Wahlbeteiligung 1998 bei außerordentlich hohen 71,5 Prozent. Bei dieser Wahl bekam die DVU nicht weniger als 12,9 Prozent der Stimmen.

In Wahrheit müssten sich die etablierten Parteien wohl wünschen, dass möglichst wenig der frustrierten Wähler in Mecklenburg-Vorpommern und anderswo sich doch noch aufraffen und ihre Stimme abgeben. Wie der immer lesenswerte Toralf Staudt in der »Zeit« schreibt:

Die üblichen Aufrufe zu einer hohen Wahlbeteiligung dürften nicht mehr helfen gegen einen Einzug der NPD in den Schweriner Landtag, vielleicht bewirken sie gar das Gegenteil: Unter den Politikverdrossenen wird es nämlich viele potenzielle NPD-Wähler geben, und das weiß auch die Partei. „Kopf hoch — nicht in den Sand“, heißt ein Flugblatt, mit dem sich die NPD an Nichtwähler wendet. „Ein Rentner, der sich in Wahlverweigerung übt, bettelt förmlich um eine weitere Kürzung seiner Altersbezüge, und ein Hartz-IV-Bezieher schreit regelrecht nach Hartz V.“

Dass nur genug Leute zur Wahl gehen müssen, um den Einzug der NPD zu verhindern, ist eine gefährliche Illusion. Und verschiedene Wahlforscher haben das in den letzten Tagen auch schon erklärt. Aber das ist ja kein Grund für Journalisten, nicht einfach das zu schreiben, was sie immer schon geschrieben haben: