»Was sagen Sie zu Katha­rina Blum«, fragt eine Frau aus dem Publi­kum spitz, als hätte Hein­rich Böll seine Erzäh­lung über eine fik­tive große deut­sche Bou­le­vard­zei­tung, die mit ihrer Bericht­er­stat­tung eine Frau zur Mör­de­rin wer­den lässt, gerade erst ver­öf­fent­licht. Kai Diek­mann, Chef der rea­len gro­ßen deut­schen Bou­le­vard­zei­tung, im blauen samt­ar­ti­gen Anzug mit rosa Hemd ohne Kra­watte, ist nicht beein­druckt. »Ich weiß nicht, wann Sie das Buch zum letz­ten Mal gele­sen haben«, fragt er in die Runde ein­fluss­rei­cher Ham­bur­ger Kauf­leute, denen er gerade den »Erfolg der Marke BILD« erklärt hat. »Ich habe es vor zwei Jah­ren getan.« Und er müsse sagen: Immer­hin habe Katha­rina Blum ja einen Ter­ro­ris­ten ver­steckt! »Ich kann bis heute nicht ver­ste­hen, was falsch daran sein soll, dass man sich mit einer sol­chen Figur publi­zis­tisch beschäf­tigt.« Er halte die geschil­der­ten jour­na­lis­ti­schen Metho­den für »völ­lig zulässig«.

Die Ant­wort ist typisch für Kai Diek­mann: Sie ist nicht grüb­le­risch und defen­siv, son­dern selbst­be­wusst und angriffs­lus­tig, über­ra­schend, unter­halt­sam und beim Publi­kum erfolgreich.

Und falsch. Denn der Mann, den Katha­rina Blum ver­steckt, ist kein Ter­ro­rist. Er wird nur ver­däch­tigt, einer zu sein. Für alle, die den Unter­schied nicht ver­ste­hen, hat Böll in einem Nach­wort spä­ter hin­zu­ge­fügt: »Es gibt in die­ser Erzäh­lung kei­nen ein­zi­gen Ter­ro­ris­ten.« Was es aller­dings gibt, in sei­ner Erzäh­lung, ist ein Repor­ter, der Tat­sa­chen erfin­det und ver­dreht, der lügt und ver­leum­det, der der Blum vor­schlägt, »dass wir jetzt erst ein­mal bum­sen«, und ihre Mut­ter sehen­den Auges in den Tod treibt.

Ver­mut­lich sollte man Kai Diek­mann also in sei­nem eige­nen Inter­esse nicht glau­ben, wenn er sagt, dass er an die­sen, nun ja: fik­ti­ven Recher­che­me­tho­den nichts aus­zu­set­zen habe. Sicher hat er das nur gesagt, weil es in die­sem Moment die ein­drucks­vollste Ant­wort war. Da unter­schei­det sich der Chef­re­dak­teur nicht von sei­ner Zei­tung, die auch die Wahr­heit im Zwei­fels­fall so opti­miert, dass sie kurz­fris­tig beson­ders ein­drucks­voll wirkt.

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Die Epi­sode ist aus dem Jahr 2006. Sie stammt aus einem län­ge­ren Text über Kai Diek­mann, den ich im Auf­trag des »SZ-Magazins« geschrie­ben habe, das ihn dann aber nicht dru­cken wollte.

Heute kommt mir das unver­öf­fent­lichte Stück von damals merk­wür­dig aktu­ell vor. Denn die Methode des »Bild«-Chefredakteurs, die ich darin zu beschrei­ben ver­su­che, hat er in den ver­gan­ge­nen 99 Tagen in sei­nem Blog, das er am Mitt­woch wie­der abschal­ten will, auf die Spitze getrieben.

Damals fragte ich mich, ob das viel­leicht eine Berufs­krank­heit ist: Viel­leicht lässt einen die Macht, die man als »Bild«-Chef täg­lich erlebt und demons­triert, grö­ßen­wahn­sin­nig wer­den. Viel­leicht ver­liert man im täg­li­chen Spiel mit Halb– und Vier­tel­wahr­hei­ten irgend­wann den Über­blick. Viel­leicht muss der Chef­re­dak­teur einer Zei­tung, die einen Poli­ti­ker angreift, weil er angeb­lich »Geld mit ›tabu­lo­sen Girls‹ macht«, und auf der­sel­ben Seite eine drei­stel­lige Zahl von Anzei­gen von tabu­lo­sen Girls druckt, zu einem gewis­sen Grad schi­zo­phren wer­den. Kai Diek­mann sagt, »nur Mora­lis­ten kön­nen gute Jour­na­lis­ten sein«.

Heute würde ich Diek­manns Schi­zo­phre­nie nicht mehr als »Berufs­krank­heit« bezeich­nen. Sie ist sein Erfolgsrezept.

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Screen­shot: kaidiekmann.de

Im Jour­na­lis­mus gilt im Zwei­fels­fall die alte Kobold-Regel: Was sich reimt, ist gut. Und weil Kai Diek­mann seine Kri­tik an der »Süd­deut­schen Zei­tung« und der Jury des »Medium Maga­zin« in sei­nem Blog in Form einer Büt­ten­rede vor­trug, ging eine kleine La-Ola-Welle durch die Fach­presse. Fazi­niert doku­men­tier­ten »Mee­dia«, »Turi2«, »DWDL«, und »w&v« die Rede im Wort­laut, und kei­ner fragte, ob das über­haupt stimmt, was er sich da zusammenreimt.

Es ging um die Frage, auf wes­sen Konto die wich­ti­gere Ent­hül­lung über den Ein­satz der Bun­des­wehr gegen die von den Tali­ban ent­führ­ten Tank­last­züge in Kun­dus ging: »Bild« oder die »Süd­deut­sche Zei­tung«. Das ist eine Frage, die außer­halb der klei­nen Jour­na­lis­ten­welt nur wenige inter­es­siert. Aber Kai Diek­mann hätte gerne, dass sein Blatt neu­er­dings als Ort für inves­ti­ga­tive Recher­che respek­tiert wird. Dabei geht es nicht nur um die Aus­zeich­nung »Jour­na­list des Jah­res« des »Medium Maga­zins«, son­dern auch um den »Henri-Nannen-Preis«, den der »Stern« und Gruner+Jahr im Mai wie­der ver­ge­ben — und nach Mög­lich­keit nicht an »Bild« ver­ge­ben möch­ten. Hin­ter den Kulis­sen geht es da wohl schon rund.

Jeden­falls beschloss das »Medium Maga­zin«, in Sachen Kun­dus einen »Son­der­preis für poli­ti­sche Bericht­er­stat­tung« zu ver­ge­ben. An Ste­fan Kor­ne­lius, weil er in der »Süd­deut­schen Zei­tung« am 12. Dezem­ber 2009 ent­schei­dende Details des »Schlüs­sel­do­ku­ments in der Auf­klä­rung des Bombardement-Befehls in Kundus/Afghanistan« öffent­lich gemacht habe: dass der Angriff laut dem gehei­men Bericht von ISAF-Kommandeur Stan­ley McChrys­tal nicht den Fahr­zeu­gen galt, son­dern den Menschen.

Diek­mann kotzte. Sei­ner Mei­nung nach hätte die »Bild«-Zeitung die­sen Preis ver­dient, weil sie (als Teil einer PR-Kampagne für den neuen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theodor zu Gut­ten­berg) zwei Wochen zuvor Details aus einem ande­ren Bericht öffent­lich gemacht hatte, die zu meh­re­ren pro­mi­nen­ten Rück­trit­ten führ­ten. »Bild« ent­hüllte auf der Grund­lage eines Feld­jä­ger­be­rich­tes, dass Oberst Georg Klein vor dem Befehl zum Angriff zivile Opfer nicht aus­schlie­ßen konnte und Infor­ma­tio­nen über sol­che Opfer früh­zei­tig vorlagen.

Nun kann man dar­über strei­ten, wel­che der bei­den Zei­tun­gen damit den grö­ße­ren, den wich­ti­ge­ren Bei­trag zur Auf­klä­rung über den kon­kre­ten Angriff und die Natur des Bundeswehr-Einsatzes ins­ge­samt geleis­tet hat. Unbe­streit­bar ist aller­dings, dass das, was Kor­ne­lius in der SZ berich­tete, eine Neu­ig­keit war, die er aus »Bild« schon des­halb nicht abschrei­ben konnte, weil sie nicht in »Bild« stand.

Genau diese Lüge aber ver­brei­tet Diek­mann in sei­ner Büt­ten­rede:

Denn die Recher­che war echt schwer.
Zum Kiosk hin in München-Mitte
»Ein­mal die Bild — doch heim­lich, bitte« (…)

So wurde aus der Bild-Geschichte,
Gewinn für Münch­ner Leicht­ge­wichte.
Doch trotz der Kränze, Freu­den­mär­sche
Ein Makel haf­tet der Recher­che:
Denn für die Infos floss a Geld
An irgend­ei­nen Kiosk-Held.
Denn für die Bild, da muss man ble­chen
Will man kopie­ren, kos­tets Zechen.

Dass das eine Ver­leum­dung ist, hat aber kei­nen inter­es­siert. Viel wich­ti­ger ist doch: Geil. Der Diek­mann. Reimt. Höhö.

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Als Kai Diek­mann mit dem Blog­gen begann, habe ich mich gefragt, was wohl der Aus­lö­ser für ihn war, plötz­lich zum Selbst­dar­stel­ler zu wer­den. In den Jah­ren zuvor hatte er sich nicht in die Öffent­lich­keit gedrängt, im Gegen­teil. Er ist nicht durch die Talk­shows getin­gelt, ging nur ein­mal in eine Gesprächs­sen­dung des SWR, deren Mode­ra­to­rin Bir­gitta Weber sich gleich meh­rere Schich­ten Samt­hand­schuhe über­ein­an­der ange­zo­gen hatte. Er mied Auf­tritte, bei denen mit allzu kri­ti­schen Fra­gen zu rech­nen war. Nach einer Podi­ums­dis­kus­sion beim öku­me­ni­schen Kir­chen­tag 2003, bei der das Publi­kum nicht auf sei­ner Seite war, soll er diese Ent­schei­dung gefällt und gesagt haben: »Wenn ich da keine Chance habe, mache ich das nicht mehr.«

Die Kon­fron­ta­tion mei­det er nach wie vor. Alle Anfra­gen, öffent­lich mit jeman­dem von BILD­blog zu dis­ku­tie­ren, lehnt er immer noch ab. Aber mit einem Mal tourt er durch die Medien, wird schein­bar zum Show­mann, den man fast mit sei­nem lang­jäh­ri­gen Freund Die­ter Boh­len ver­wech­seln könnte. Was ist da passiert?

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Womög­lich nicht viel. Viel­leicht ist es gar nicht erstaun­lich, dass Diek­mann plötz­lich eine Unter­hal­tungs­of­fen­sive als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie für sich ent­deckte. Viel­leicht ist das Erstaun­li­che, dass er so lange dafür gebraucht hat.

In gewis­ser Weise hat sich mit dem Diek­blog ein Kreis geschlos­sen. Als wir vor fünf­ein­halb Jah­ren mit BILD­blog anfin­gen, wehr­ten wir uns vor allem gegen die weit ver­brei­tete Hal­tung, die »Bild«-Zeitung als »lus­ti­ges Quatsch­blatt« zu lesen; zu sagen: Hey, das ist doch lus­tig, ist doch egal, ob das stimmt, geile Über­schrift jeden­falls. Man amü­sierte sich auf einer iro­ni­schen Meta­ebene mit »Bild« und über­sah dabei die Fol­gen ihrer jour­na­lis­ti­schen Feh­ler, die ethi­schen Abgründe und die Opfer, die »Bild« produzierte.

Genau diese Hal­tung hat sich Diek­mann mit sei­nem Blog wie­der zunutze gemacht. Er hat gemerkt, dass es eine viel bes­sere Mög­lich­keit gibt, sich kri­ti­schen Nach­fra­gen zu ent­zie­hen, als sich hin­ter der Schwei­ge­mauer der Springer-Pressestelle zu ver­ste­cken: näm­lich die Jour­na­lis­ten durch Unter­halt­sam­keit und Unbe­re­chen­bar­keit von den Inhal­ten abzulenken.

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Diek­mann beherrscht eine Art Zau­ber­trick. Sein Standard-Vortrag, mit dem er vor drei Jah­ren vor ihm gewo­ge­ne­ren Zuschau­ern auf­trat, war in wei­ten Tei­len ein Appell zur Selbst­kri­tik. Er sagte darin Sätze wie: »Beim Bou­le­vard ist Hal­tung und der Mut, Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen, beson­ders wich­tig.« Er zählte dann viele, viele Feh­ler auf. Kein ein­zi­ger war von ihm.

Und wer nicht genau auf­ge­passt hat, ging mit dem Gefühl nach Hause, dass die­ser Diek­mann ein wirk­lich vor­bild­lich selbst­kri­ti­scher Jour­na­list ist, ohne dass er es tat­säch­lich sein musste.

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Ich habe bis heute nicht ver­stan­den, warum so viele Kol­le­gen mei­nen, Diek­manns Blog sei »selbst­iro­nisch«. Ja, gele­gent­lich demons­triert er eine gut­ge­launte Dis­tanz zu sich selbst, und manch­mal kari­kiert er auch die Kari­ka­tur, die seine Kri­ti­ker von ihm zeich­nen. Aber das waren nur Spu­ren­ele­mente und Ablen­kun­gen in einem Blog, das im Wesent­li­chen dazu diente, mit sei­nen Geg­nern abzu­rech­nen. Man muss schon sehr geblen­det sein von der bun­ten, fröh­li­chen, spie­le­ri­schen Ober­flä­che des Gan­zen (und dem unbe­streit­ba­ren Charme sei­nes Namens­ge­bers), um hin­ter der Fas­sade einen locke­ren Spaß­ma­cher zu sehen und nicht einen rach­süch­ti­gen Mann mit Macht, der min­des­tens fünf­stel­lige Rechts­kos­ten in Kauf nimmt und neh­men kann, um seine Geg­ner anzugreifen.

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So funk­tio­niert Jour­na­lis­mus heute, und natür­lich nicht nur in die­sem Fall: Poli­tik wird von den Mas­sen­me­dien vor allem als Sym­pa­thie– und Schönheits-Wettbewerb wahr­ge­nom­men und insze­niert (die Über­hö­hung Gut­ten­bergs ist gutes Bei­spiel). Ganz ähn­lich redu­zie­ren die klas­si­schen Medien die Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die Diek­mann in sei­nem Blog ange­zet­telt hat, auf Box­kämpfe, bei denen sie ihre Auf­gabe darin sehen, die Tref­fer zu zäh­len und Hal­tungs­no­ten zu ver­tei­len. Als Diek­mann sich an der »taz« abar­bei­tete, war er von einer vir­tu­el­len Traube von Schau­lus­ti­gen umringt, die ihn anfeu­er­ten, wäh­rend er einen Tref­fer nach dem ande­ren lan­dete, und sein Geg­ner ori­en­tie­rungs­los vor sich hintau­melte und sich noch nicht ein­mal über die Kampf­re­geln im Kla­ren war. Nun war die Art, wie sich die »taz« von Diek­mann vor­füh­ren ließ (und vor allem den Feh­ler machte, sich über­haupt auf seine Art von »Spiel« ein­zu­las­sen), sicher keine Glanz­stunde für die alter­na­tive Tages­zei­tung. Aber es war auch ein unglei­cher Kampf: Auf der einen Seite eine Viel­zahl von Idea­lis­ten, die Über­zeu­gun­gen haben und in auf­rei­ben­den Debat­ten dafür kämp­fen, das Rich­tige zu tun. Auf der ande­ren Seite die selbst­ge­schaf­fene Kunst­fi­gur eines Chef­re­dak­teurs, der keine Skru­pel hat und keine Werte kennt; der heute das Gegen­teil von dem tun kann, was er ges­tern gefor­dert hat; der kei­nen Ruf zu ver­lie­ren hat.

Wer in die­sem Kampf bes­ser aus­se­hen würde, war von vorn­her­ein klar.

Oder die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ber­li­ner Rechts­an­walt Johan­nes Eisen­berg. Natür­lich kann man inter­es­siert das juristisch-publizistische Ping-Pong-Spiel ver­fol­gen und sich, wenn man will, dar­über amü­sie­ren, wie Diek­mann Eisen­berg immer wie­der mit dem Stin­ke­fin­ger pro­vo­ziert. Aber man kann doch dar­über nicht ver­ges­sen, was den Kern des Ver­hält­nis­ses aus­macht: Eisen­berg ist des­halb Diek­manns Geg­ner, weil er regel­mä­ßig erfolg­reich Men­schen ver­tritt, die Opfer der Metho­den der »Bild«-Zeitung wur­den. Und weil er Diek­mann bei des­sen Ver­such, die »taz« wegen einer Satire zu einem Schmer­zens­geld zu ver­ur­tei­len, eine emp­find­li­che Teil-Niederlage zuge­fügt hat. Das ver­sucht »Bild« dem Rechts­an­walt seit Jah­ren heimzuzahlen.

Die­ser Hin­ter­grund spielt aber gar keine Rolle mehr bei der Kom­men­tie­rung des von Diek­mann ange­zet­tel­ten Kamp­fes, als des­sen Sie­ger er ohne­hin fest­steht. Wenn er juris­tisch ver­liert, gewinnt er, dass er sich als Opfer insze­nie­ren kann.

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Man muss Diek­mann dazu gra­tu­lie­ren, wie erfolg­reich seine Stra­te­gie war und wie sehr ihm die unter­hal­tungs­süch­ti­gen Jour­na­lis­ten auf den Leim gegan­gen sind. Er steht nun sogar tat­säch­lich als Kämp­fer für das unbe­dingte Recht auf Satire da, was sehr abwe­gig ist, nicht nur, weil er selbst noch vor weni­gen Mona­ten einen Volon­tär teuer abmah­nen ließ, der in harmlos-satirischer Form sein Foto ver­wen­dete, um als »Der­Chef­red« zu twittern.

Das Spiel ist fast erschüt­ternd leicht: Diek­mann muss nur plötz­lich nach Jah­ren des Schwei­gens einen win­zi­gen Bruch­teil sei­ner Feh­ler zuge­ben, um für seine Offen­heit gefei­ert und mit dem Rest nicht mehr behel­ligt zu wer­den. Natür­lich ist es eine tolle Idee, wenn sich Diek­mann eine Mini-Kamera auf die Brille mon­tie­ren lässt und sei­nen Arbeis­tag filmt und ver­öf­fent­licht. Und er muss nicht ein­mal die Stelle her­aus­schnei­den, in der man sieht, wie eine Schlag­zeile for­mu­liert wird, von der der Chef selbst annimmt, dass sie falsch ist. Der Auf­merk­sam­keits­wert der Kamera-Aktion an sich ist viel grö­ßer ist als das, was man dadurch tat­säch­lich erfährt.

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Vor drei Jah­ren schrieb ich: Der ganze Grö­ßen­wahn der »Bild«-Leute, sich alles erlau­ben zu kön­nen, ver­bin­det sich mit einem Min­der­wer­tig­keits­kom­plex, von nie­man­dem wirk­lich gemocht oder geschätzt zu wer­den. Fragt man Leute, die ihn ein biss­chen ken­nen, was Diek­mann eigent­lich antreibt, ob er Macht will, die Welt ver­än­dern, berühmt wer­den, sagen einige auch: Er will geliebt wer­den. Er kann sich mit den gan­zen Wich­ti­gen schmü­cken, die mit ihm reden, aber wie viele davon tun es wirk­lich frei­wil­lig und gerne? Natür­lich kann ein »Bild«-Chef eigent­lich nicht geliebt wer­den. Natür­lich weiß Diek­mann das auch. Aber das Wis­sen genügt halt nicht immer.

Das war der Stand damals. Mit dem Blog­gen hat er sich einen Traum erfüllt. Jetzt wird er ein biss­chen geliebt und musste dafür nicht ein­mal ein bes­se­rer Mensch werden.