And­rew Sul­li­van ver­sucht es jetzt allein. Er will zei­gen, dass sich ein Blog wie seins dau­er­haft finan­zie­ren lässt: ohne Wer­bung, ohne Inves­to­ren, ohne Medi­en­part­ner. Nur durch die Unter­stüt­zung der Leser.

Sul­li­van ist einer der pro­mi­nen­tes­ten und erfolg­reichs­ten Blog­ger der Welt. Der Eng­län­der lebt in den USA, ist schwul, katho­lisch, kon­ser­va­tiv, HIV-positiv, Bärenlieb­ha­ber, Anhän­ger von Mar­g­ret That­cher und Barack Obama. Er ist kein Par­tei­gän­ger, von nie­man­dem. Er ist unbe­quem, unab­hän­gig und läs­tig, klug, aggres­siv und amüsant.

Seit über zwölf Jah­ren schreibt er manisch ins Netz, zeit­weise für »Time« und »Atlan­tic Monthly«, zuletzt für Tina Browns »The Daily Beast«. Sein Blog »The Dish« zeigt, welch fas­zi­nie­rende neue Mög­lich­kei­ten die­ses Medium bie­tet. Sul­li­van ist mei­nungs­stark, aber seine Posi­tio­nen ste­hen nicht für sich allein — er ver­weist auf die Argu­mente sei­ner Geg­ner und setzt sich mit ihnen aus­ein­an­der; regel­mä­ßig ver­öf­fent­licht er Kom­men­tare von Lesern, die ihm wider­spre­chen. Seine Posi­tio­nen sind nicht fest­ge­mau­ert — er zögert nicht, Feh­ler zu kor­ri­gie­ren und Mei­nun­gen zu revi­die­ren. Der Jour­na­lis­mus, den Sul­li­van in sei­nem Blog pflegt, hat nichts Sta­ti­sches. Es ist ein fort­wäh­ren­der Strom von neuen Infor­ma­tio­nen und Argu­men­ten, eine end­lose Kon­ver­sa­tion mit sei­nen Lesern, sei­nen Geg­nern, der Welt.

Die anhal­tende Fas­zi­na­tion der Unab­hän­gig­keit des Blog­gens beschreibt er so:

For the first time in human history, a wri­ter — or group of wri­ters and edi­tors — can instantly reach rea­ders — even hund­reds of thousands of rea­ders across the pla­net — with no inter­me­diary at all.

Und die anhal­tende Fas­zi­na­tion der Kon­ver­sa­tion mit den Lesern so:

We have an offi­cial staff of 7, and an unof­fi­cial one of around a mil­lion unpaid obsessives.

Ver­gan­gene Woche hat er mit sei­nen bei­den engs­ten Mit­ar­bei­tern eine eigene Firma gegrün­det, und von Februar an will er wie­der unter andrewsullivan.com blog­gen, finan­ziert allein von den Zuwen­dun­gen der Leser.

Es ist eine Mischung aus dem Metered-Modell der »New York Times«, bei dem der Leser eine bestimmte Zahl von Zugrif­fen frei hat, und dem »Freemium«-Modell, bei dem Premium-Inhalte kos­ten­pflich­tig sind. Beim »Daily Dish« soll man unbe­grenzt häu­fig ohne zu zah­len auf die Seite gehen kön­nen. Allein, wer bei län­ge­ren Tex­ten auf »Wei­ter­le­sen« klickt, muss nach einer bestimm­ten Häu­fig­keit zahlen.

Eine klas­si­sche Bezahl­schranke gibt es nicht, der »Daily Dish« will unbe­dingt offen blei­ben für die Dis­kus­sion mit Lesern und ande­ren Blogs, aber die Stamm­le­ser sol­len 19,99 Dol­lar jähr­lich zah­len — oder mehr.

Die Seite soll mög­lichst auf Dauer frei von Wer­bung sein, weil Wer­bung nervt und weil Online-Werbung dafür gesorgt hat, dass es wich­ti­ger ist, Klicks zu gene­rie­ren als Qualitätsinhalte.

If the money doesn’t come in, we’ll have to find ano­ther way to make a living.

Equally, the more you give us, the more we will be able to do.

Sul­li­van schreibt, er träume davon, lange jour­na­lis­ti­sche Stü­cke in Auf­trag geben zu kön­nen und viel­leicht ein monat­li­ches Maga­zins fürs Tablet her­aus­zu­ge­ben. Und in dem radi­ka­len Ver­such, nur auf Leser­fi­nan­zie­rung zu set­zen, sieht er ein Expe­ri­ment, auch als Vor­rei­ter für andere:

If this model works, we’ll have proof of prin­ciple that a small group of wri­ters and edi­tors can be paid directly by rea­ders, and that an inde­pen­dent site, if ten­ded to dili­gently, can grow an audi­ence large enough to sus­tain it indefinitely.

The point of doing this as sim­ply and as purely as pos­si­ble is pre­ci­sely to forge a path other smal­ler blogs and sites can fol­low. We believe in a bottom-up Inter­net, which allows a thousand flowers to bloom, rather than a corporate-dominated web where the pro­mise of a free space beco­mes co-opted by large and power­ful insti­tu­ti­ons and intrusive adver­ti­sing algo­rithms. We want to help build a new media environ­ment that is not solely about adver­ti­sing or pro­fit above ever­y­thing, but that is dedi­ca­ted first to con­tent and quality.

(Klingt ein biss­chen, als hätte er Johnny Haeus­ler gelesen.)

Die Paid-Content-Abwicklung über­nimmt die Firma Tiny­Pass, was mich daran erin­nert, dass der Geschäfts­füh­rer der FAZ neu­lich öffent­lich geklagt hat, dass sich seine Zei­tung keine eigene Pay­wall leis­ten könne, weil es so viel Geld koste, sie zu entwickeln.

Abschluss­pa­thos von Sullivan:

We have no mar­ke­ting, no ads, no cor­po­ra­tion behind us now. We only have you.

Von einer »Lawine« von Mit­glied­schaf­ten schreibt er ein paar Stun­den nach der Ankün­di­gung; aktu­ell sol­len es 36 pro Minute sein, was min­des­tens 43.200 Dol­lar pro Stunde ent­sprä­che. Natür­lich bedeu­tet die­ser erste Rausch noch keine Garan­tie, dass Sul­li­vans Hoff­nung auf­ge­hen wird und er sei­nen »Dish« auf Dauer kom­for­ta­bel finan­zie­ren kann. Aber ich hoffe und traue ihm zu, dass das gelingt.

Die Leser wer­den nicht nur nicht auf die­ses Blog ver­zich­ten wol­len, das so manisch und per­sön­lich, so rele­vant und abwe­gig und so offen für Wider­spruch betrie­ben wird. Sie wer­den es unter­stüt­zen wol­len. Und diese Leser als Unter­stüt­zer zu haben, wird nicht nur den »Dish« stär­ken, son­dern auch die Bezie­hung zwi­schen beiden.

Das Modell, das And­rew Sul­li­van mit dem »Dish« pro­biert — ich glaube, das wird eine Zukunft sein.