Die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Jea­nette Hof­mann hat vor dem Land­ge­richt Ham­burg eine einst­wei­lige Ver­fü­gung gegen die »Zeit« erwirkt. Die Wochen­zei­tung darf vor­erst nicht mehr behaup­ten, die Direk­to­rin des Alexander-von-Humboldt-Instituts für Inter­net und Gesell­schaft halte das Urhe­ber­recht für »über­flüs­sig« und stelle sich »ein­deu­tig auf die Seite derer, die mit ille­ga­len Film­ko­pien Geld verdienen«.

Das große Raubkopien-Dossier aus der »Zeit« vom 7. Februar 2013, ist des­halb nicht mehr online und in den Archi­ven gelöscht.

Die »Zeit« hatte Hof­mann für eine per­fide Pointe in einer drei­sei­ti­gen Titel­ge­schichte »Der gestoh­lene Film« benutzt. Kers­tin Koh­len­berg, die stell­ver­tre­tende Lei­te­rin des 2011 gegrün­de­ten »Investigativ-Ressorts«, beschreibt darin am Bei­spiel von »Cloud Atlas«, wie ille­gale Kopien von Kino­fil­men ent­ste­hen und ver­brei­tet wer­den und das Geschäft der Pro­du­zen­ten bedrohen.

Es ist ein Arti­kel, der mit größ­tem Auf­wand zwei­fel­hafte Ergeb­nisse pro­du­ziert. Die »Zeit« ist zum Bei­spiel eigens nach Belize in Zen­tral­ame­rika gereist, um die dor­tige Flug­piste (»stau­big«), eine Straße (»löch­rig«) und das Innere einer Suite (»weiß geflies­ter Boden, schwere dunkle Holz­mö­bel, Bil­der von der Akro­po­lis«) beschrei­ben zu kön­nen. Hier ist die Firma regis­triert, die einen Ser­ver betreibt, auf dem viele ille­gale Film-Kopien lie­gen. Ergeb­nis der Vor-Ort-Recherche, Über­ra­schung: Hier sitzt gar keine Firma, son­dern nur jemand, der sei­nen Brief­kas­ten für dubiose Fir­men zur Ver­fü­gung stellt.

Über meh­rere Absätze beschreibt die »Zeit« mit größ­ter Detailfreude, wann und wie ein »Inter­net­pi­rat« in Mos­kau in einem Kino eine Vor­füh­rung von »Cloud Atlas« abfilmt, um dann den Satz hin­zu­zu­fü­gen: »So in etwa muss es gewe­sen sein.« Hin­ter­her rät die Auto­rin noch, wie der Mann, den sie nicht kennt, sich dann zuhause am Com­pu­ter gefühlt hat, wäh­rend er den Film bear­bei­tet: »Womög­lich ist er ein wenig auf­ge­regt, viel­leicht stolz.«

Alles in dem Arti­kel sug­ge­riert, dass hier keine Kos­ten und Mühen der Recher­che gescheut wur­den, um den Leser gut zu infor­mie­ren. In Wahr­heit ist der Text vol­ler Unge­nau­ig­kei­ten, Feh­ler und zwei­fel­haf­ten Behaup­tun­gen, die Tors­ten Dewi in sei­nem Blog aus­führ­lich auf­ge­lis­tet hat.

Vor allem ist die zen­trale Behaup­tung des Dos­siers nicht halt­bar: dass die ille­ga­len Kopien ver­hin­dert hät­ten, dass »Cloud Atlas« ein Erfolg wurde; dass der teure Film nur des­halb gefloppt sei. Schon in der Unter­zeile über dem Arti­kel heißt es entsprechend:

Der Pro­du­zent Ste­fan Arndt hat mit »Cloud Atlas« den teu­ers­ten deut­schen Film aller Zei­ten her­aus­ge­bracht. Er braucht Zuschauer, die Kino­kar­ten und DVDs kau­fen. Das Geschäft funk­tio­niert — bis Pira­ten ille­gale Kopien des Films ins Inter­net stel­len. Auf­zeich­nung eines Raubzugs

Das »Zeit«-Dossier opfert eine dif­fe­ren­zierte Dar­stel­lung der Tat­sa­chen der Absicht, die behaup­tete zer­stö­re­ri­sche Kraft der ille­ga­len Kopien zu demons­trie­ren. Das Werk der Pira­ten ist auch für den Pro­du­zen­ten Ste­fan Arndt, dem die »Zeit« voll­stän­dig auf den Leim geht, eine bequeme Erklä­rung für den Miss­er­folg sei­nes Filmes.

Am Schluss des Tex­tes kommt die »Zeit« auf Google:

Auf der Pira­ten­web­site moviez.to fin­det sich der Name eines wei­te­ren bekann­ten Unter­neh­mens. Es ist der des mäch­tigs­ten Inter­net­kon­zerns der Welt. Google.

Das Unter­neh­men schal­tet aller­dings keine Wer­bung bei den Pira­ten. Sein Name fin­det sich ledig­lich im ver­steck­ten soge­nann­ten Quell­text der Web­site. Zwei Toch­ter­un­ter­neh­men von Google sind dort als Wer­be­ver­mitt­ler auf­ge­führt. Der Inter­net­kon­zern hilft den Film­pi­ra­ten dabei, Unter­neh­men zu fin­den, die bei ihnen Wer­bung schal­ten. (…) Nach einer Unter­su­chung der Uni­ver­si­tät von South Caro­lina in den USA ver­dient welt­weit kaum ein ande­res Unter­neh­men so viel Geld mit der Ver­mitt­lung von Wer­bung auf Pira­ten­sei­ten wie Google.

Google wollte sich gegen­über der »Zeit« angeb­lich nicht äußern, aber das Blatt fand eine Art Stroh­mann: Jea­nette Hofmann.

Hof­manns Haupt­thema ist das Urhe­ber­recht. Es geht um eine der größ­ten Ver­än­de­run­gen in der Geschichte der Markt­wirt­schaft. Bis­her basierte die­ses Sys­tem dar­auf, dass ein Pro­dukt dem­je­ni­gen gehört, der es her­ge­stellt hat, egal, ob es sich um ein Auto han­delt, eine Glüh­birne oder einen Kino­film. Die Her­stel­ler die­ser Pro­dukte wur­den vom Gesetz geschützt, vom Eigen­tums­recht, vom Urhe­ber­recht. Wenn es gut lief, wur­den sie reich mit dem, was sie geschaf­fen hatten.

Jetzt wer­den auf ein­mal Leute mit Din­gen reich, die sie ille­gal kopiert haben.

Das ist es, womit sich die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann beschäf­tigt. Sie hat dazu eine poin­tierte Mei­nung: Man brau­che gar kein Urhe­ber­recht. Sie sagt, es exis­tiere ja auch kein Urhe­ber­recht für Witze oder Koch­re­zepte. Den­noch bestehe auf der Welt kein Man­gel an Wit­zen und Koch­re­zep­ten, sie habe das selbst unter­sucht. Außer­dem gebe es eine Stu­die, wonach ohne­hin kaum ein Künst­ler von sei­ner Kunst leben könne. Trotz­dem werde wei­ter­hin Kunst pro– duziert. Warum muss man Künst­ler also schüt­zen? Warum ist es schlimm, ihre Pro­dukte zu kopieren?

Man kann es über­ra­schend fin­den, dass die Wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann sich so ein­deu­tig auf die Seite derer stellt, die mit ille­ga­len Film­ko­pien Geld ver­die­nen. Aller­dings nur für einen Moment. Bis man fest­stellt, dass Hof­mann und die 26 wei­te­ren For­scher des im ver­gan­ge­nen März gegrün­de­ten Insti­tuts nicht von der Humboldt-Universität bezahlt wer­den, obwohl sie ihre Büros in deren juris­ti­scher Fakul­tät bezo­gen haben. Son­dern von einem gro­ßen inter­na­tio­na­len Unter­neh­men. Von Google. Der Kon­zern ist der­zeit der allei­nige Geld­ge­ber des Insti­tuts, 4,5 Mil­lio­nen Euro hat er inves­tiert, für die ers­ten drei Jahre. Man kann sagen, ein Teil des Gel­des, das Google mit den Raub­ko­pien erwirt­schaf­tet, fließt in wis­sen­schaft­li­che Stu­dien, die zu dem Ergeb­nis kom­men, dass Raub­ko­pien keine schlechte Sache sind.

Es ist eine kal­ku­lierte Ruf­schä­di­gung, die die »Zeit« hier vor­nimmt. Sie unter­stellt, dass Google Ein­fluss hat auf die For­schung des Humboldt-Institutes — obwohl die Kon­struk­tion der Finan­zie­rung des­sen Unab­hän­gig­keit sicher­stel­len soll. Sie unter­stellt, dass die renom­mierte Wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann sich von Google hat kau­fen las­sen und bestellte wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nisse lie­fert. Und sie redu­ziert die dif­fe­ren­zierte Hal­tung Hof­manns zum Urhe­ber­recht auf eine plumpe, fal­sche For­mel, damit sie als per­fekte Pointe für ein plump ein­sei­ti­ges Dos­sier taugt.

Das Land­ge­richt Ham­burg hat der »Zeit« einst­wei­lig unter­sagt, zu behaupten:

  • »(Jea­nette Hof­mann forscht zum Urhe­ber­recht.) Sie hält es für überflüssig.«
  • »(Jetzt wer­den auf ein­mal Leute mit Din­gen reich, die sie ille­gal kopiert haben. Das ist es, womit sich die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann beschäf­tigt.) Sie hat dazu eine poin­tierte Mei­nung: Man brau­che gar kein Urheberrecht.«
  • »Man kann es über­ra­schend fin­den, dass die Wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann sich so ein­deu­tig auf die Seite derer stellt, die mit ille­ga­len Film­ko­pien Geld verdienen.«

Außer­dem darf die »Zeit« nicht mehr den Ein­druck erwe­cken, Jea­nette Hof­mann habe an Stu­dien zu ille­ga­len Film­ko­pien mitgewirkt.

Die »Zeit« hat die Mög­lich­keit, Wider­spruch gegen den Beschluss einzulegen.

Nach­trag, 24. April. Fort­set­zung hier.