Elmar The­veßen, der vom ZDF ernannte »Ter­ro­ris­mus­ex­perte«, hat sich in einem ZDF-Blog über »selbst­er­nannte Fern­seh­kri­ti­ker« beschwert, die von sei­nen Auf­trit­ten am Frei­tag nach den Anschlä­gen in Nor­we­gen nicht beein­druckt waren. Sie wür­den sich »Gesag­tes für einen flo­cki­gen Arti­kel gern ein wenig zurecht­bie­gen«, meint The­veßen. Da ich in der »Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung« einen Arti­kel geschrie­ben habe, in dem The­veßen eine pro­mi­nente nega­tive Rolle ein­nimmt, fühle ich mich ein­fach mal angesprochen.

The­veßen wider­spricht der Kri­tik, sich vor­schnell auf einen isla­mis­ti­schen Hin­ter­grund fest­ge­legt zu haben. Er schreibt:

Tat­säch­lich waren die nor­we­gi­schen Sicher­heits­be­hör­den am Frei­tag ziem­lich über­zeugt, dass Isla­mis­ten hin­ter den Anschlä­gen steckten (…).

Des­halb war die Arbeits­hy­po­these der Behör­den in Nor­we­gen — Isla­mis­mus — ein­deu­tig, ohne andere Mög­lich­kei­ten aus­zu­schlie­ßen: Orga­ni­sier­tes Ver­bre­chen, Rechtsx­tre­mis­mus, Amok­läu­fer. Genauso haben wir am Frei­tag berich­tet und dabei Quel­len genannt, Fak­ten von Ver­mu­tun­gen getrennt und auch die ande­ren mög­li­chen Täter­grup­pen besprochen.

Schön wär’s gewe­sen. Im Gespräch mit The­veßen in der »heute«-Sendung um 19 Uhr kam die Mög­lich­keit, dass es sich nicht um Isla­mis­ten han­delt, mit kei­nem Wort vor:

Petra Gers­ter: Bei mir im Stu­dio ist jetzt Elmar The­veßen, unser Terrorismus-Experte. Elmar, wer könnte denn über­haupt als Urhe­ber für diese Tat in Frage kommen?

The­veßen: Wir hat­ten heute am Nach­mit­tag Kon­takt mit nor­we­gi­schen Sicher­heits­be­hör­den. Und diese Behör­den gehen davon aus, dass Al-Qaida oder isla­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten hin­ter die­sen Anschlä­gen ste­cken. (…) Das sieht auch nach Sicht der Behör­den nach einer orga­ni­sier­ten Ter­ror­welle in Nor­we­gen aus. (…) Wir wis­sen, dass ein füh­ren­der Hass­pre­di­ger in Nor­we­gen seit vie­len Jah­ren resi­diert. Und wir wis­sen auch, dass in der isla­mis­ti­schen Szene in Nor­we­gen die Betei­li­gung an den Angrif­fen in Libyen in den ver­gan­ge­nen Mona­ten sehr viel Hass und Ärger und Wut ver­ur­sacht haben.

Auch das »heute jour­nal«, das um 22 Uhr begann, ging von einem isla­mis­ti­schen Hin­ter­grund aus. Daran lie­ßen schon die ein­lei­ten­den Worte von Mode­ra­to­rin May­brit Ill­ner kei­nen Zweifel:

Ill­ner: Das ist ein bit­te­rer Tag für Nor­we­gen, und ein bit­te­rer Tag für Europa. Der Ter­ror ist zurück.

Das Gespräch mit The­veßen ver­lief dann so:

Ill­ner: Und bei uns im Stu­dio ist jetzt Elmar The­veßen, der ZDF-Terrorismusexperte. Elmar, die Poli­zei hat gerade bestä­tigt, dass diese bei­den Taten in einem Zusam­men­hang ste­hen. Macht das die Suche nach dem Täter oder den Tätern leichter?

The­veßen: (…) Inso­fern [ist es] völ­lig mög­lich, dass ein ein­zel­ner Täter beide Taten ver­übt hat. Das heißt noch nicht, dass er nicht Hel­fer und Unter­stüt­zer hatte. Die Poli­zei sagte auch, dass man davon aus­geht, dass es sich bei die­sem Mann um einen Nor­we­ger han­delt, einen Mann nor­di­schen Aus­se­hens auch, und das nährt natür­lich den Ver­dacht, dass es sich um eine lokale, ört­li­che Gruppe han­deln könnte. Das hat auch die Poli­zei gesagt, ohne aber detail­liert dann zu sagen, ob es auch isla­mis­ti­sche Kreise inner­halb des Lan­des sein kön­nen oder poli­tisch ori­en­tierte Grup­pie­run­gen — inter­na­tio­nal orga­ni­sier­ter Ter­ro­ris­mus scheint zuneh­mend unwahrscheinlich.

Ill­ner: Und den­noch gibt es ja ein Bekennerschreiben.

The­veßen: Ja. Es gibt ein Beken­ner­schrei­ben. Das ist eine Gruppe, die sich auf den ein­schlä­gi­gen Foren im Inter­net zu Wort gemel­det hat, eine isla­mis­ti­sche Gruppe, deren Namen man bis­her nicht kannte. Und die bekennt sich zu die­sen Anschlä­gen. Sie behaup­tet, dass sie zu tun hät­ten mit den nor­we­gi­schen Sol­da­ten, die in Afgha­nis­tan Dienst leis­ten, und auch mit Belei­di­gun­gen gegen den Pro­phe­ten. Das heißt, es wurde zumin­dest der Ein­druck erweckt, dass ein isla­mis­ti­scher Hin­ter­grund da ist. Das ist auch nach wie vor nicht aus­ge­schlos­sen. Die Poli­zei gibt keine wei­te­ren Details zum Täter der­zeit bekannt, und inso­fern muss man die Ermitt­lun­gen abwarten.

Ill­ner: In bei­den Fäl­len erscheint es ein geziel­ter Angriff auf die nor­we­gi­sche Regie­rung zu sein, also muss man poli­ti­sche Gründe vermuten?

The­veßen: Davon geht die Poli­zei auch nach jet­zi­gem Stand aus, dass es eher poli­ti­sche Gründe hat. Das könnte einer­seits natür­lich Isla­mis­mus sein, der Ein­satz in Afgha­nis­tan bei­spiels­weise, die mas­sive Betei­li­gung Nor­we­gens an den Luft­an­grif­fen in Libyen bei­spiels­weise, im Rah­men der Nato-Einsätze, das alles hat in Islamisten-Kreisen für jede Menge Hass und Ärger gesorgt. Einer der füh­ren­den Hass­pre­di­ger der Isla­mis­ten in Nor­we­gen sel­ber ist vor zwei Wochen ange­klagt wor­den, hat wüste Dro­hun­gen gegen die Regie­rung aus­ge­sto­ßen. Aber es gibt offen­bar auch andere Berei­che in der Gesell­schaft, die wegen einer Poli­tik in der Welt auch mas­siv Wut und Ärger emp­fin­det über die Poli­tik die­ser Regie­rung, auch da aus die­sem Umfeld. Man will es nicht genauer qua­li­fi­zie­ren, Rechts­ex­tre­mis­mus mög­li­cher­weise, da ist die Poli­zei sehr vor­sich­tig, aber auch aus die­sem Umfeld wären sol­che Angriffe vorstellbar.

Ill­ner: Die letzte große Ter­ror­welle hat es in Schwe­den im letz­ten Jahr gege­ben. Nun Nor­we­gen. Warum kon­zen­triert sich das auf Skan­di­na­vien, wenigs­tens möchte man den Ein­druck haben?

The­veßen: Naja, momen­tan sagt die euro­päi­sche Poli­zei­be­hörde, kon­zen­triert es sich in der Tat auf Skan­di­na­vien. Wir hat­ten einen Anschlags­ver­such in Stock­holm, wir hat­ten Fest­nah­men in Nor­we­gen. Wir hat­ten eine Fest­nahme auch in Kopen­ha­gen. Isla­mis­ten gerade in die­sen Län­dern sind sehr stark, fin­den frucht­ba­ren Boden, um junge Leute zu rekru­tie­ren. Aber, und hier liegt das große Fra­ge­zei­chen, es ist eben nicht klar, ob es Isla­mis­ten­kreise waren, die hin­ter die­sen schreck­li­chen Atta­cken heute stecken.

The­veßens Thema an die­sem Tag ist: Isla­mis­mus. Jedes­mal, wenn das Gespräch für einen Moment auf eine der ande­ren Mög­lich­kei­ten schwenkt, bringt er es zum Isla­mis­mus zurück. Wenn die Poli­zei sagt, die Taten hät­ten wohl einen nor­we­gi­schen Hin­ter­grund, sagt The­veßen, das könn­ten ja auch isla­mis­ti­sche Nor­we­ger sein. Wenn die Poli­zei sagt, man müsse die Ermitt­lun­gen abwar­ten, deu­tet The­veßen das als Auf­for­de­rung, solange wei­ter über einen isla­mis­ti­schen Hin­ter­grund zu spe­ku­lie­ren. Nach der win­zi­gen Andeu­tung, es könn­ten auch rechts­ra­di­kale Motive hin­ter den Anschlä­gen ste­cken, folgt erneut ein Aus­flug in Häu­fung isla­mis­ti­scher Akti­vi­tä­ten in Skan­di­na­vien. Das »große Fra­ge­zei­chen«, das The­veßen aus­macht, ist bei ihm ein win­zi­ger Satzzeichenkrümel.

Das setzt sich auch am Ende der Sen­dung fort, als eigent­lich Zeit genug ver­gan­gen wäre, um sich als Ter­ro­ris­mus­ex­perte zu fra­gen, wie plau­si­bel es ist, dass Isla­mis­ten aus­ge­rech­net ein Mas­sa­ker unter sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Jugend­li­chen anrich­ten sollten.

Ill­ner: Elmar, noch­mal die Frage, wenn es sich dann eher um regio­nale oder gege­be­nen­falls eben natio­nale Täter han­delt, ist damit die Spe­ku­la­tion um einen isla­mis­ti­schen Hin­ter­grund perdü? Eher nein.

The­veßen: Die Poli­zei ist da sehr vor­sich­tig. Man muss noch den Hin­ter­grund die­ses Man­nes erkun­den, es gibt tat­säch­lich Hin­weise dar­auf, dass der­selbe Mann, der auf der Insel so viele Jugend­li­che getö­tet hat, auch der­je­nige ist, der in Oslo sel­ber für das Bom­ben­at­ten­tat heute ver­ant­wort­lich ist. (…) Also, ganz aus­ge­schlos­sen ist nicht, dass er in Netz­werke ein­ge­schlos­sen ist. Wel­cher Art diese Netz­werke sind, Isla­mis­ten oder nicht, das kön­nen nur die Ermitt­lun­gen der nächs­ten Tage zeigen.

Ill­ner: Und inso­fern kann die­ses Beken­ner­schrei­ben auch schlicht ein Fake gewe­sen sein?

The­veßen: Abso­lut mög­lich, dass es Tritt­brett­fah­rer waren. Schon ein­mal haben wir ja eben gesagt, dass diese Gruppe bis­her unbe­kannt war. Man weiß, dass Isla­mis­ten Skan­di­na­vien im Visier haben, inso­fern passt das alles zusam­men. Auch die Sicher­heits­be­hör­den, mit denen wir heute am Tag gere­det haben, gin­gen erst­mal deut­lich von einem Al-Qaida-Hintergrund aus, weil alles zusam­men­passte. Aber wir mer­ken, dass jetzt im Inter­net bei­spiels­weise in den Chat-Rooms, gerade Isla­mis­ten sich sehr freuen über diese schreck­li­che Tat, sie nut­zen das für ihre eigene Pro­pa­ganda und spor­nen momen­tan im Inter­net ihre Mit­glie­der an, sel­ber auch aktiv zu wer­den. Wenn es denn am Ende sich her­aus­stellt, dass die­ses dann doch ein Isla­mist wäre, dann würde das umso mehr oben­drein auch noch ein Propaganda-Erfolg für die Isla­mis­ten sein.

Ill­ner: Wie groß ist, alles in allem, die Gefahr, dass Teile die­ser Bewe­gung, Teile die­ser Anschlags­se­rie auch Deutsch­land errei­chen in irgend­ei­ner Form?

The­veßen: Es hängt wirk­lich von die­sem Hin­ter­grund ab. Ist es ein Ein­zel­tä­ter, der in der Lage war, all das vor­zu­be­rei­ten und durch­zu­füh­ren, dann ist die Bedro­hung für Deutsch­land natür­lich gering. (…) Aber das Sze­na­rio, was wir heute gese­hen haben, eine Bom­ben­at­ta­cke mit einer Auto­bombe und dann einer Schie­ße­rei, das ent­spricht den Sze­na­rien, die in den ver­gan­ge­nen Mona­ten Gegen­stand von Ter­ror­war­nun­gen in Europa, auch in Deutsch­land, gewe­sen sind, und die Sicher­heits­be­hör­den sind über­zeugt, dass ähn­li­che Pla­nun­gen auch in Deutsch­land in Gange sind, aber ganz offen­bar bis­her nicht aus­ge­führt wer­den konn­ten. Also erhöhte Wach­sam­keit, aber nicht not­wen­di­ger­weise aus dem, was heute in Nor­we­gen pas­siert ist, rück­fol­gern, dass auch in Deutsch­land Anschläge geschehen.

Ill­ner: (…) Glau­ben Sie, dass das jetzt auch [in Skan­di­na­vien] zu einer zusätz­li­chen Alarm­si­tua­tion füh­ren wird?

The­veßen: Also, wir wis­sen, das die skan­di­na­vi­schen Behör­den gerade im ver­gan­ge­nen Jahr sehr wach­sam gewor­den sind. Weil sie gemerkt haben, Skan­di­na­vien steht im Visier isla­mi­scher Ter­ro­ris­ten. Es gab meh­rere Anschlags­ver­su­che, nicht erfolg­reich, Gott sei dank. Es gab eine Menge von Fest­nah­men. Aber man hat viel­leicht auch zu sehr in diese Rich­tung geguckt — genau so wie man heute Nach­mit­tag ver­mu­tete, aha, isla­mis­ti­scher Hin­ter­grund. Und des­we­gen wer­den die Sicher­heits­be­hö­ren in Skan­di­na­vien jetzt sehr genau hin­gu­cken, wer viel­leicht noch in einer sol­chen Gesell­schaft in Frage kommt, sol­che schreck­li­chen Angriffe durchzuführen.

Man hört es im Nach­hin­ein förm­lich Knir­schen im Gebälk der Isla­mis­ten­these, die sich The­veßen zusam­men­ge­zim­mert hat. Sicher, sagt er, das Beken­ner­schrei­ben könnte falsch sein, aber es würde schon alles gut zusam­men pas­sen. Und ob es sich nun bei die­sen Anschlä­gen um isla­mis­ti­schen Ter­ror han­delt oder nicht, ist fast egal, denn der isla­mis­ti­sche Ter­ror plant genau sol­che Anschläge wie diese.

Ganz am Schluss, im Zusam­men­hang mit der Tat­sa­che, dass Skan­di­na­vien beson­ders im Visier von Isla­mis­ten stehe, kriegt The­veßen die Kurve und deu­tet an, was im Kon­text sei­ner völ­li­gen Fixie­rung auf Isla­mis­mus para­dox wir­ken muss: Dass »man viel­leicht auch zu sehr in diese Rich­tung geguckt« habe. In sei­nem Blog­ein­trag erklärt er, wie er die­sen win­zi­gen Schlen­ker ver­stan­den wis­sen will:

Schon im heute jour­nal rede­ten wir über die Mög­lich­keit, dass die Sicher­heits­be­hör­den und wir alle — nicht nur an die­sem Tag, son­dern auch längst vor­her — zu sehr in nur eine Rich­tung geschaut hätten.

Und hier, als Ver­gleich zu dem oben doku­men­tier­ten Ablauf der Gesprä­che in »heute« und »heute jour­nal« noch ein­mal, wie der Ter­ro­ris­mus­ex­perte den Abend und seine Auf­tritte im ZDF-Blog erinnert:

Des­halb war die Arbeits­hy­po­these der Behör­den in Nor­we­gen — Isla­mis­mus — ein­deu­tig, ohne andere Mög­lich­kei­ten aus­zu­schlie­ßen: Orga­ni­sier­tes Ver­bre­chen, Rechtsx­tre­mis­mus, Amok­läu­fer. Genauso haben wir am Frei­tag berich­tet und dabei Quel­len genannt, Fak­ten von Ver­mu­tun­gen getrennt und auch die ande­ren mög­li­chen Täter­grup­pen bespro­chen. Thema war auch das fak­tisch vor­lie­gende Beken­ner­schrei­ben einer »unbe­kann­ten« Grup­pie­rung, die wir im ZDF aber als »mög­li­che Tritt­brett­fah­rer« qua­li­fi­ziert haben. Dass wir den­noch am Ende nicht rich­tig lagen, ist ärger­lich — zumal auch bei frü­he­ren Anschlä­gen manch­mal schnell fal­sche Annah­men die Runde mach­ten: Nach den Anschlä­gen von Okla­homa City in Rich­tung Isla­mis­mus und nach denen von Madrid in Rich­tung ETA. In bei­den Fäl­len aber geschah dies auf Basis der Infor­ma­tio­nen von Regie­rungs– und Sicher­heits­be­hör­den. Solange diese Quel­len genannt wer­den — wie bei uns gesche­hen — und auch ansons­ten vor­sich­tig for­mu­liert wird, war die jour­na­lis­ti­sche Arbeit sauber.

The­veßen hat hier offen­bar sei­nen Terrorismusexperten-Hut gegen sei­nen Stellvertretender-Chefredakteur-Hut aus­ge­tauscht und beschei­nigt sich selbst, »jour­na­lis­tisch sau­ber« gear­bei­tet zu haben. Das heißt wohl soviel wie: Wir haben uns zwar kom­plett ver­fah­ren, aber immer die Geschwin­dig­keits­be­gren­zung eingehalten.

Außer­dem, fügt er hinzu, habe das ZDF schon 2007 über die Gefahr der Islamhasser-Szene berich­tet; zumin­dest bei The­veßen scheint das aber ja kei­nen blei­ben­den Ein­druck hin­ter­las­sen zu haben.

The­veßens Blog­ein­trag ist ein pam­pi­ges »Wohl!« oder »Sel­ber!« ohne eine Spur von Selbst­kri­tik. Und viel­leicht der beun­ru­hi­gendste Gedanke ist der, den er gleich am Anfang formuliert:

Kreuz­züg­ler oder Isla­mis­ten — wenn wir am Frei­tag­nach­mit­tag und –abend diese bei­den Mög­lich­kei­ten als Hin­ter­grund der bru­ta­len Anschläge in Nor­we­gen dis­ku­tiert hät­ten, dann hät­ten viele gesagt: »Die sind ja verrückt«.

Ich glaube nicht, dass The­veßen am Frei­tag über­haupt auf die Idee gekom­men wäre, diese bei­den Mög­lich­kei­ten zu dis­ku­tie­ren, dazu war er viel zu fixiert auf eine von bei­den. Aber mit sei­ner Sorge, dann für ver­rückt gehal­ten wor­den zu sein, trifft er einen Kern des Pro­blems: Die Medien sind viel zu sehr dar­auf bedacht, die (ver­meint­li­chen) Erwar­tun­gen des Publi­kums zu erfül­len, und sie nicht mit Din­gen zu kon­fron­tie­ren, die sie nicht hören wol­len. Das Publi­kum erwar­tet, dass die Medien (und zumal ihre »Ter­ror­ex­per­ten« mit Zugang zu pri­vi­le­gier­ten Infor­ma­tio­nen) ihnen unmit­tel­bar nach einem sol­chen Anschlag sagen, wer dahin­ter­steckt. Und natür­lich haben viele Medien-Rezipienten den­sel­ben Reflex wie die Medien-Produzenten: Gro­ßer Bom­ben­an­schlag? Al-Qaida!

Es wäre eine erste gute Kon­se­quenz aus dem kol­lek­ti­ven Medi­en­ver­sa­gen am Frei­tag, wenn der Gedanke Raum fände, dass eine wich­tige Auf­gabe von Jour­na­lis­mus in sol­chen Situa­tio­nen wäre, den Wunsch des Publi­kums nach schnel­len und ein­fa­chen Ant­wor­ten zu ent­täu­schen. Nicht Wis­sen und Exper­ten­tum zu simu­lie­ren und nicht unmit­tel­bar mit der The­sen­pro­duk­tion zu begin­nen. Und in Sät­zen wie »Die Ermitt­lun­gen müs­sen abge­war­tet wer­den« nicht Flos­keln, son­dern Hand­lungs­auf­for­de­run­gen zu sehen. Das wäre eine tolle Auf­gabe für echte Ter­ro­ris­mus­ex­per­ten in den Medien: Mit gro­ßer Beharr­lich­keit dem Drän­gen der Mode­ra­to­ren, sofort Ant­wor­ten und Erklä­run­gen parat zu haben, zu wider­ste­hen, und als reta­die­ren­des Moment im Breaking-News-Hysterie zu funk­tio­nie­ren: »Nein, Frau Ill­ner, man kann das wirk­lich noch nicht sagen / Es ist zu früh dafür / Wir wis­sen es noch nicht / Seriös lässt sich das nicht beant­wor­ten / Las­sen Sie uns da nicht spekulieren.«

Ich bin kein Ter­ro­ris­mus­ex­perte. Ich weiß nicht, was die nor­we­gi­schen Sicher­heits­be­hör­den, die am Frei­tag­nach­mit­tag Zeit fan­den, mit der Ter­ro­ris­mus­ex­per­ten­re­dak­tion des ZDF zu spre­chen, zu die­sem Zeit­punkt wirk­lich annah­men. Offi­zi­ell haben sie sich nicht geäu­ßert. Es liegt in der Natur des Jour­na­lis­mus, gerade auch Dinge her­aus­fin­den zu wol­len, die (noch) nicht öffent­lich und offi­zi­ell gemacht wur­den. Aber The­veßen scheint auch im Nach­hin­ein nicht auf die Idee zu kom­men, dass es Situa­tio­nen gibt, in denen es gute Gründe für Behör­den gibt, unbe­stä­tigte Annah­men noch nicht öffent­lich zu machen, und es dann auch gute Gründe für Jour­na­lis­ten geben könnte, sol­che Spe­ku­la­tio­nen zumin­dest nicht zur Grund­lage für ihre Bericht­er­stat­tung zu machen.

Es muss eine schmerz­hafte Erkennt­nis für die The­veßens der Welt sein, dass die Men­schen am Frei­tag bes­ser infor­miert gewe­sen wären, wenn es sie nicht gege­ben hätte. »Exper­tise oder Spe­ku­la­tion?« hat The­veßen sei­nen Blog­ein­trag über­schrie­ben. Ich fürchte, er hält das für eine rhe­to­ri­sche Frage.