Es heißt ja, am Ende des Prozesses gegen Jörg Kachelmann seien wir so schlau wie zuvor, und auf »Bunte«-Chefredakteurin Patricia Riekel trifft das sicher zu.

Im März 2010, nur Tage nach der Verhaftung Kachelmanns, schrieb sie in ihrer wöchentlichen Fotobetrachtung:

Seit zehn Tagen kann man in Deutschland erleben, warum Frauen, denen Gewalt angetan wurde, oft lieber schweigen, als zur Polizei zu gehen.

In dieser Woche, nach dem Freispruch, schrieb sie an gleicher Stelle:

Der Kachelmann-Prozess wird viele Frauen abschrecken, erzwungene Sexualität in einer Beziehung, wie immer sie geartet ist, anzuzeigen.

Ich halte das für schlicht dahinbehauptet. Am Fall Kachelmann ist ungefähr alles besonders: seine Prominenz, die Vielzahl der mehr oder weniger gleichzeitigen Beziehungen, die sexuellen Spielarten, die Lügen der Frau, die ihn anzeigte, die groteske Aufmerksamkeit der Medien.

Warum sollte dieser Prozess mehr Vergewaltigungsopfer davor abschrecken, zur Polizei zu gehen, als, sagen wir, all die Zeitungs– und Zeitschriftenartikel, die behaupten, dieser Prozess würde Vergewaltigungsopfer davor abschrecken, zur Polizei zu gehen?

Im Grunde gibt es Frau Riekel mit ihrer doppelten Diagnose vor und nach dem Prozess ja auch zu: dass die Hemmschwelle für Opfer hoch, zu hoch ist, ganz unabhängig von dem Kachelmann-Prozess. Dass sie und ihre Zeitschrift unermüdlich behauptet, der Prozess habe solche Auswirkungen, ist bloß der Versuch, der eigenen Berichterstattung, dem unstillbaren Interesse an allen Details des Privatlebens des Beschuldigten, eine gesellschaftliche Relevanz und Legitimation zu geben.

Es gelingt ihr nicht gut. Riekel schreibt:

Denn in diesem Prozess ging es um den intimsten Bereich zwischen Mann und Frau, um Sexualität und die schwierige Frage, wann sie noch erwünscht und wann schon erzwungen ist.

Nein. Es ging in diesem Prozess nicht um unterschiedliche Interpretationen desselben Geschehens. Es ging um zwei grundsätzlich unterschiedlich behauptete Abläufe.

Riekel weiter:

2010 wurden 7724 Fälle von sexuellen Übergriffen angezeigt. Nach einer Studie hat jede vierte Frau mindestens einmal in einer Partnerschaft Sex gegen ihren Willen erlebt. Offizielle Stellen gehen übrigens von einer Dunkelziffer aus, die 100-mal höher liegen soll.

Offenbar werden Frau Riekels Texte von niemandem gegengelesen, sonst hätte vielleicht jemand gemerkt, dass sie mit dieser Satzfolge behauptet, 2500 Prozent aller Frauen (100 mal 25 Prozent) hätten in einer Partnerschaft Sex gegen ihren Willen erlebt. Das kann selbst Frau Riekel nicht meinen.

Aber der Satz mit der Studie ist ohnehin falsch. Riekel meint sicher die »Repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland«, die das Bundesfrauenministerium 2004 vorgelegt hat. Sie kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass:

mindestens jede vierte Frau (25%) im Alter von 16 bis 85 Jahren, die in einer Partnerschaft gelebt hat, körperliche (23%) oder — zum Teil zusätzlich — sexuelle (7%) Übergriffe durch einen Beziehungspartner ein– oder mehrmals erlebt hat.

Riekels Satz müsste also richtig lauten: »Nach einer Studie hat jede vierzehnte Frau mindestens einmal in einer Partnerschaft Sex gegen ihren Willen erlebt.«

Der Schluss von Riekels Kolumne ist erstaunlich:

Der Kachelmann-Prozess wird viele Frauen abschrecken, erzwungene Sexualität in einer Beziehung, wie immer sie geartet ist, anzuzeigen. Denn in einem Prozess wird ihr vielleicht nicht nur nicht geglaubt, sondern sie wird zur rachsüchtigen Täterin stigmatisiert. Man fragt sich nach diesem Prozess: Was mag für eine Frau schlimmer sein — eine Vergewaltigung oder der Spießrutenlauf danach?

Mal abgesehen davon, dass sie verschweigt, dass die Frau, die Kachelmann beschuldigt hat, durch ihr Verhalten erheblichen Anlass dazu gegeben hat, sie (zu Recht oder zu Unrecht) für eine rachsüchtige Täterin zu halten. Und mal abgesehen davon, dass in diesem Fall eben nicht klar ist, ob es überhaupt eine Vergewaltigung oder »erzwungenen Sex in einer Beziehung« gegeben hat. Ein Spießrutenlauf soll schlimmer sein als eine Vergewaltigung?

Dass es für Opfer einer Vergewaltigung furchtbar ist, wenn ihnen nicht geglaubt wird oder sie noch diffamiert werden, steht außer Frage. Aber ist es nicht eine gefährliche Verharmlosung von Vergewaltigungen, sie für möglicherweise nicht so schlimm zu halten wie einen Spießrutenlauf?

PS: Fast elf Seiten widmet die »Bunte« in ihrer am Freitag erschienenen »aktualisierten Ausgabe« in gewohnter Einseitigkeit dem Prozess und zitiert dabei ausführlich aus der Urteilsverkündung. Dass das Gericht der »Bunten« in eben dieser Urteilsverkündung vorwirft, »ohne Zweifel dem Ablauf der Hauptverhandlung geschadet« zu haben1, dieses kleine Detail fand sie nicht erwähnenswert.

  1. Für alle, die die vergangenen Monate im Ausland verbracht haben: Die »Bunte« hatte drei Zeuginnen bis zu 50.000 Euro dafür gezahlt, dass sie — noch vor ihren Aussagen vor Gericht — intime Details aus ihren Beziehungen zu Kachelmann verraten. []