Ich muss Sie warnen. Das Bild, das gleich folgt, ist nichts für schwache Nerven. Es ist ein schauriges Bild.

Ist das nicht ein schauriges Bild? Doch, es ist ein schauriges Bild. Fragen Sie mal die Leute von »RTL Explosiv«. Die haben am Montag einen Beitrag mit diesem Bild begonnen. Der Sprecher sagt dazu:

Ein schauriges Bild. Ein Spielplatz, auf dem scheinbar keine Kinder mehr spielen. Der Grund könnte vielleicht sein, dass seit ein paar Tagen gleich nebenan ein mutmaßlicher Kinderschänder wohnt.

Da möchte man sich doch sofort bewerben, in der RTL-Redaktion, in der man solche Beiträge produzieren kann. Wo man nicht mühsam in der Nachbarschaft rumfragen muss, warum auf dem Spielplatz keine Kinder mehr spielen. Weil man sich einfach ausdenken kann, woran es liegt, nein: vielleicht liegt, nein: vielleicht liegen könnte. Noch besser: Wo es nicht einmal stimmen muss, dass auf dem Spielplatz keine Kinder mehr spielen. Wo der RTL-Reporter eventuell auf dem Platz herumtollende Kinder sogar einfach wegschicken konnte, um in Ruhe einen Spielplatz drehen zu können, auf dem »scheinbar« keine Kinder mehr spielen.

Es geht dem »RTL Explosiv«-Reporter Karl Wirz und seinem Kollegen Olaf Schenk, der als Autor des Beitrages genannt wird, in Wahrheit natürlich nicht um den Spielplatz. Es geht ihnen um den mutmaßlichen Kinderschänder. Das Wort »mutmaßlich« bedeutet für sie aber offenbar nicht, dass der Mann wahrscheinlich der Täter ist, möglicherweise aber auch unschuldig. Es bedeutet für sie offenbar, dass er der Täter ist, aber noch nicht verurteilt wurde.

Alles, was die beiden RTL-Journalisten in ihrem Beitrag mit Bestimmtheit sagen können, habe ich der Übersicht halber einmal in folgendem Schaubild zusammengefasst:

Nicht einmal der zentrale Vorwurf gegen den Mann lässt sich ohne ein Wort der Relativierung formulieren:

Ein 67-jähriger Lehrer aus Hessen sitzt mit zwei vermeintlich minderjährigen Jungs auf dem Bett in einem Touristenappartement in Pattaya / Thailand.

Ja, mit der Sprache haben sie’s nicht so bei »RTL Explosiv«. Wären die Jungs tatsächlich nur »vermeintlich« minderjährig, wären sie es tatsächlich vermutlich nicht, und es gäbe gar keinen Fall.

Der Beitrag erweckt dann zunächst den Eindruck, der Verdächtige sei aus Thailand geflüchtet (schon die Moderatorin hatte in ihrer rehäugigen Anmoderation gesagt: »Jetzt ist dieser Mann zurück in seiner Heimat in Deutschland. Einfach so, scheint es«). Der Mann bestreitet das gegenüber dem RTL-Reporter. Nach einigen rhetorischen Umwegen geben ihm die RTL-Leute Recht:

Wir erfahren, dass das Verfahren gegen Rolf E. in Thailand eingestellt wurde.

Und fügen hinzu:

Angeblich reichen die Beweise gegen ihn nicht aus. Und die einzigen Zeugen, die beiden mutmaßlich 13– und 15-jährigen Jungen, sind verschwunden. Wurden sowohl Zeugen als auch Beamten [sic] vielleicht bestochen?

Ja, vielleicht?

Falls die »RTL Explosiv«-Leute Anhaltspunkte für diese Spekulation haben sollten, behalten sie sie für sich. Aber Karl Wirz, der mit all der Arschlochhaftigkeit auftritt, die angemessen ist, wenn ein »RTL Explosiv«-Mann einen »mutmaßlichen Kinderschänder« zur Rede stellt, konfrontiert Rolf E. an dessen Wohnungstür:

»Haben Sie denn irgendwelche Beziehungen, dass Sie da so leicht rauskamen dann aus Thailand, weil: Normalerweise sind die doch da viel rigider in der Durchsetzung solcher Sachen.«

Der Verdächtige sagt: »Ich kann jederzeit jedem in die Augen schauen.« Und der RTL-Sprecher fügt mit entwaffnender Offenheit hinzu: »Ob das stimmt, wissen wir nicht.« Aber es gibt ja Indizien. Er zählt mit knarzender Stimme hinzu:

Pattaya ist das Reiseziel Nummer 1 für Sextouristen. Auch bekannt in der Pädophilenszene. Der ehemalige Religionslehrer hielt sich in den letzten acht Jahren immer wieder für längere Zeit in Pattaya auf.

Nach viereinhalb Minuten endet der »Explosiv«-Beitrag endlich mit folgenden Sätzen:

Die [deutsche] Staatsanwaltschaft lässt sich jetzt alle Unterlagen aus Pattaya schicken, die dann mühsam und detailliert übersetzt werden müssen. Ob sie dann noch vollständig und verwertbar sein werden, wird sich zeigen. Das kann Wochen oder sogar Monate dauern. Ob Rolf E. jemals vor einem deutschen Gericht stehen wird, muss die Staatsanwaltschaft klären. Deshalb gilt der 67-jährige als unschuldig. Und wohnt bis auf weiteres neben einem scheinbar verwaisten Spielplatz.

In der Tat:

Der »Explosiv«-Beitrag auf »RTL Now«.