Gag-Academy

Stern

Lachen nach Lehrplan. Seit aus dem Comedy-Boom eine Industrie geworden ist, hungert die Branche ständig nach neuen Witzen. Mit Seminaren werden jetzt erstmals Nachwuchstalente auf den ernsten Beruf des Gag-Schreibers vorbereitet.

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Fischhaltefolie. Fischlein deck dich. Woran erkennt man das Geschlecht eines Fisches? An Brust- oder Schwanzflosse. Seit 45 Minuten sammelt eine Gruppe junger Humor-Azubis Wortspiele mit Fisch. Inzwischen haben sie mehrere Blätter gefüllt, aber eine witzige Angel-Szene für Bastian Pastewka ist nicht entstanden. Sie lernen: 97 Kalauer machen noch keinen guten Sketch. Der steht heute auf dem Lehrplan. In Theorie und Praxis. Mit Referat und Gesprächsrunde. 13 Comedy-Schüler und zwei Schülerinnen sitzen in einem humorlos eingerichteten Seminarraum in Köln. Vorne die Lehrer: Regisseure und Autoren der „Harald Schmidt Show“, „Sieben Tage, sieben Köpfe“, „TVTotal“ — und Pastewka selbst, der Brisko Schneider aus der „Wochenshow“.

Jeder von ihnen sagt, die Möglichkeit, an einem Expertengespräch namens „Der gute Sketch“ teilzunehmen, sei ein Traum. Nicht nur, weil sich das selbst nach einem Stück Comedy anhört. Sondern auch, ganz ernsthaft, weil sie so etwas selbst gern gehabt hätten, als sie ihre ersten Schritte in Richtung Fernseh-Humor machten.

Zum Beispiel 1992, als Martin Keß anfing, für die erste Late Night Show mit Thomas Gottschalk zu schreiben. Damals schaute sich Keß Stunde um Stunde einschlägige US-Sendungen an. Schrieb jeden Witz auf, analysierte ihn, kategorisierte ihn. Aber das wirkliche Wissen, was zündet und was im Rohr krepiert, kam erst mit den Jahren. Heute ist Keß 34, Chefautor der TV-Produktionsfirma „Brainpool“, und aus dem Comedy-Metier ist längst eine Industrie geworden. Immer hungrig nach neuen Lachern.

Da muß Nachwuchs und Ausbildung her. Seit wenigen Wochen gibt es drei Versuche, aus Humor ein Lehrfach zu machen. Die Kölner Comedy-Schule etwa, mit RTL im Boot, kümmert sich um Talente vor der Kamera; zwei anderen Comedy-Unternehmen geht es um Autoren: „Frühstyxradio“ schult in Hannover für den Hörfunk; „Brainpool“ lud potentielle TV-Mitarbeiter zur „Gag-Academy“ nach Köln.

Sie sind in der Regel zwischen 20 und 30 Jahre alt. Etwas Erfahrung haben die meisten, echten Erfolg die wenigsten. Vier Academy-Teilnehmer aus Recklinghausen haben es immerhin schon geschafft, für die Chaos-Sendung „Viva Family“ zu schreiben — aber die ist eingestellt worden. Roland Slawik ist es gelungen, dem ZDF eine Sitcom zu verkaufen. Die vom Sender überarbeitete Fassung hat er gerade zurückbekommen: „Jetzt versuche ich, die Witze wieder reinzuschreiben.“ Tanja Sawitzki ist erst 18, hat aber schon mit 13 bei Stefan Raab als „Zuschauerin der Woche“ den Kopf hingehalten und seitdem zwei humorige Bücher veröffentlicht.

Witzigsein lohnt sich. Ralf Husmann zum Beispiel, einer der Referenten bei der Gag-Academy, 34 Jahre alt, früher Chefautor bei Harald Schmidt, heute für Anke Engelke, hat sich schon vor Jahren mit eigenem Kabarett seinen Lebensunterhalt verdient. „Mit freiem Theater“, sagt er, „wäre das viel schwieriger gewesen.“ Vor allem der Verkauf einzelner Witze bringt Geld: Bei einer guten Handvoll TV-Shows gibt es etwa 200 Mark pro Pointe. Wer würde dagegen einen einzelnen Bühnendialog, einen genialen Reim kaufen?

Wo Scherze industriell produziert werden, zählt nicht Kunst, sondern vor allem Handwerk. Harald Schmidts Monologe, sagt sein Ex-Chefschreiber Husmann, beruhten letztlich nur auf der Kombination immer gleicher Standards mit aktuellen Themen. Mal treten Figuren wie Jürgen Drews in den Witzen als Sexmonster auf, mal Bill Clinton. Und wenn eine Susan Stahnke kommt, darf an ihr das ganze Repertoire von Blondinenwitzen durchgespielt werden.

Handwerk heißt auch, zu einer bestimmten Zeit Brauchbares abzuliefern. Wer auf den Kuß der Muse wartet, hat verloren. Deshalb sieht der Radio-Nachwuchskomiker Rene Steinberg gerade gar nicht amüsiert aus. Noch zwei Stunden: Dann muß er einen Hörfunksketch produziert haben. Und die Schlußpointe fehlt immer noch. Mit seiner Grundidee ist er ganz zufrieden: Ein Professor wird interviewt, der alte Tonbandaufnahmen von Goethe gefunden hat, auf denen der Meister sich als Schweinigel outet. Aber wie das Ding zum Ende bringen?

Das „Frühstyxradio“-Team um Oliver Kalkofe kennt Tricks für Notfälle: sich dreimal versprechen und im Chaos enden. Lachen, bis alle mitlachen. Eine Katze platzen lassen. Steinberg entscheidet sich am Ende dafür, Goethes Sauereien ins Absurde zu steigern. Nicht genial, aber sendbar. Die Schüler lernen: Irgendwas geht immer, wenn es gehen muß.

In den USA ist Comedy-Autor bereits ein Büro-Job wie jeder andere. Er kommt um neun und geht um fünf. In Deutschland können immerhin schon um die 100 Leute vom TV-Gagschreiben leben, schätzt Martin Keß. Und der Bedarf nach frischen Albernheiten ist groß: „Ich kenne keine Sendung, die Beiträge von neuen Autoren ablehnt, weil sie genug Material hätte“, sagt Husmann. Das ist für die jungen Comedy-Macher, die bislang allein vor sich hingewitzelt haben, durchaus eine ermutigende Erfahrung.
Die wenigsten von ihnen sind mit dem Vorsatz nach Hannover oder Köln gefahren, aus der Begeisterung für Comedy einen Beruf zu machen — nicht, weil sie davon nicht träumten, sondern weil sie es nur für einen Traum hielten. Wie Rene Steinberg: Plötzlich ärgert er sich, daß er gerade im Uni-Prüfungsstreß steckt und nicht sofort die offenen Türen einrennen kann, die er entdeckt hat.

Doch die Anforderungen sind hoch, gerade beim Hörfunk, wo man am liebsten fertige Serien-Dauerbrenner bekäme. Und bei allen Schulregeln: Humor bleibt eine Frage des Geschmacks — im Zweifelsfall hat der entscheidende Redakteur einen anderen.

Für solche Fälle gibt „TV Total“-Moderator Stefan Raab seinen Schülern die vermeintliche Antwort, warum jemand über etwas lacht oder nicht. Seine Mitarbeiter haben sie — als steten Quell von Trost und zugleich Verzweiflung — – in ihrem Büro aufgehängt. Sie lautet: ‚Witzig ist witzig.“ Das erklärt nichts und stimmt immer. Und der Nachwuchs erkennt: Alles kann man eben doch nicht lernen.