Er muss sich kein Frei­se­mes­ter neh­men, der Hen­ryk M. Bro­der, wenn er für »Spie­gel Online« wie­der ein­mal einen lan­gen Text über die angeb­lich fort­schrei­tende Isla­mi­sie­rung West­eu­ro­pas ver­fasst. Unge­fähr alles, was er zu dem Thema zu sagen hat, hat er schon viele Male gesagt, auch auf »Spie­gel Online«. Es ist ein fröh­li­ches Copy & Paste, und dage­gen wäre nicht ein­mal etwas zu sagen, wenn nicht einige die­ser recy­cel­ten Text­bau­steine ent­we­der falsch oder zumin­dest unbe­legt wären. Oft sind die ein­zi­gen Quel­len, die sich für die Infor­ma­tio­nen fin­den las­sen, fana­ti­sche und noto­risch unwahre Sei­ten wie »Poli­ti­cally Incor­rect«. Oder Bro­der selbst. Oder »Poli­ti­cally Incor­rect«, das Bro­der zitiert. An man­chen Stel­len wird der viel­fa­che Zir­kel­schluss so über­zeu­gend, dass ich wet­ten würde, dass Bro­der selbst am Ende die Dinge glau­ben würde, die er selbst erfun­den hätte.

Heute schreibt Bro­der also:

Der­weil gab die BBC in ihrer Internet-»Section on Islam« eine Neue­rung bekannt: Wann immer der Name des Pro­phe­ten erwähnt werde, solle sogleich der Zusatz fol­gen: »Peace be upon him«, der Friede sei mit ihm. Das, erklärte ein Spre­cher der BBC, sei man einer »fai­ren und aus­ge­wo­ge­nen« Dar­stel­lung des Islam schuldig.

Vor nicht ein­mal acht Wochen for­mu­lierte er an glei­cher Stelle:

Wesent­lich wei­ter geht die BBC in ihrer Internet-»Section on Islam«. Wird der Name des Pro­phe­ten erwähnt, folgt sofort der Zusatz: »Peace be upon him«, der Friede sei mit ihm. Das sei man einer fai­ren und aus­ge­wo­ge­nen Dar­stel­lung des Islam schuldig.

Damals fügte er noch hinzu:

Einen auf­re­gen­den Pra­xis­test dürfte die Sprach­re­ge­lung beste­hen, wenn die BBC über einen Selbst­mord­an­schlag gläu­bi­ger Mus­lime berich­tet, deren letzte Worte ihrem barm­her­zi­gen Gott Allah und sei­nem Pro­phe­ten, Peace be upon him, galten.

Anders als Bro­ders Text behaup­tet, stammt diese Pra­xis nicht aus dem Jahr 2007, son­dern gilt min­des­tens seit März 2006. Vor allem aber wird es zu Bro­ders »Pra­xis­test« nicht kom­men, denn die Sprach­re­ge­lung bezieht sich aus­schließ­lich auf die BBC-Seiten, auf denen die isla­mi­sche Reli­gion sich, ihre Prak­ti­ken und ihren Glau­ben erklärt und vor­stellt. Auf Nach­rich­ten bezieht sie sich nicht. Die BBC schreibt unmiss­ver­ständ­lich:

We deci­ded that a less bia­sed and more con­sis­tently fair approach would be to write about each faith from the point of view of that faith — so that our expla­natory pages were in essence, a par­ti­cu­lar reli­gion explai­ning its­elf to the rea­der. From that posi­tion it made sense to use pbuh [peace be upon him] on pages explai­ning Islam.

Ein wei­te­rer Fall aus Bro­ders Zwischenablage:

Etwas wei­ter süd­lich, in Zürich, wur­den die Poli­zis­ten auf­ge­for­dert, sich mit der isla­mi­schen Kul­tur ver­traut zu machen, indem sie im Rama­dan frei­wil­lig einen Tag lang auf Essen und Trin­ken verzichten.

Oder wie er vor zwei Mona­ten schrieb:

Auch die Poli­zis­ten der Stadt Zürich sind auf­ge­for­dert wor­den, sich mit der isla­mi­schen Kul­tur ver­traut zu machen, indem sie im Monat Rama­dan frei­wil­lig einen Tag lang fas­ten. Das Inter­esse an die­sem Vor­schlag soll aber ange­sichts des kuli­na­ri­schen Ange­bots in Zürich gering gewe­sen sein.

Wur­den die Poli­zis­ten wirk­lich »auf­ge­for­dert«, einen Tag zu fas­ten? Rich­tig ist: Die Poli­zei­che­fin hatte ihre Leute zu einem gemein­sa­men Fas­ten­bre­chen mit Mus­li­men ein­ge­la­den. Der »Tages­an­zei­ger« berich­tete:

Auf dem Pro­gramm ste­hen eine Anspra­che der Poli­zei­se­el­sor­ge­rin, die Erfah­run­gen eines mus­li­mi­schen Poli­zis­ten, der Ruf des Muez­zins sowie ein gemein­sa­mes Abend­ge­bet samt Abend­es­sen mit Sufi-Musik.

«Der Anlass gibt die Mög­lich­keit, sich mit ansäs­si­gen Mus­li­min­nen und Mus­li­men zu unter­hal­ten und über ihren All­tag mehr zu erfah­ren», schreibt Maurer.

Das klingt für mich sehr unskan­da­lös, und wenn es so war, ist Bro­ders Witz, dass »ange­sichts des kuli­na­ri­schen Ange­bots in Zürich« nie­mand gekom­men sei, beson­ders dumm. Es ist ein Fest­mahl, das im Rama­dan nach Son­nen­un­ter­gang auf­ge­fah­ren wird!

Ich würde auch gerne eine ver­trau­ens­wür­dige Quelle für diese Aus­sage Bro­ders finden:

Zugleich [vor dem 11. Sep­tem­ber 2007] wur­den die Brüs­se­ler Poli­zis­ten ange­wie­sen, wäh­rend des Fas­ten­mo­nats Rama­dan nicht in der Öffent­lich­keit zu rau­chen oder zu essen, um die reli­giö­sen Gefühle der Mus­lime nicht zu verletzen.

Auch die stand schon vor zwei Mona­ten auf »Spie­gel Online«:

(…) zugleich hat seine Ver­wal­tung die Poli­zis­ten in der Haupt­stadt Euro­pas ange­wie­sen, wäh­rend des Fas­ten­mo­nats Rama­dan nicht in der Öffent­lich­keit zu rau­chen oder zu essen, um die reli­giö­sen Gefühle der Mus­lime nicht zu verletzen.

Und bei der Suche nach der Quelle fin­det man vor allem: Bro­der. Ein Inter­view im Deutsch­land­funk, ein Gespräch mit blauenarzisse.de. Ich habe im Inter­net nur einen mög­li­chen Urhe­ber der Geschichte gefun­den: Chris­tian Ort­ner, einen Kolum­nis­ten der »Wie­ner Zei­tung«. Er schrieb am 31. August 2007:

Brüs­sel hat mitt­ler­weile eine so umfang­rei­che mus­li­mi­sche Wohn­be­völ­ke­rung, dass etwa bie­dere flä­mi­sche Poli­zis­ten ohne jeden »Migra­ti­ons­hin­ter­grund« von ihren Vor­ge­setz­ten ange­hal­ten wer­den, wäh­rend des Rama­ddan nicht in der Öffent­lich­keit zu essen oder zu rauchen.

Auf Ort­ners Arti­kel schei­nen sich viele rechte und anti-islamische Sei­ten zu beru­fen, die die Geschichte wei­ter­er­zäh­len. Aber auch Ort­ner nennt keine Quelle.

Um es deut­lich zu sagen: Ich kann nicht aus­schlie­ßen, dass sie stimmt. Womög­lich tut sie es. Ich finde es aber erstaun­lich, dass sich dafür in den Nach­rich­ten­agen­tu­ren oder Zei­tungs­ar­chi­ven kein Hin­weis fin­den sollte. Nur Bro­der erzählt sie so lange, bis sie Tat­sa­che gewor­den ist. Wie das Mär­chen von den Ban­ken, die keine Spar­schweine mehr aus­ge­ben, um die Gefühle von Mos­lems nicht zu verletzen.

Nach­trag, 22:00 Uhr. Spu­ren­su­che in Sachen Ess­ver­bot für Brüs­se­ler Poli­zis­ten im Rama­dan. Es könnte sein, dass es sich nicht um eine Erfin­dung han­delt, aber dann gilt es offen­bar nicht in ganz Brüs­sel, wie Bro­der schreibt, son­dern nur im Vor­ort Molen­beek, und stammt nicht aus dem ver­gan­ge­nen Jahr, wie Bro­der schreibt, son­dern von 2005.