Geht sterben (5)

Im August, passend zu den Olympischen Spielen, wies ein Leser die Redaktion von „Welt Online“ auf einen Fehler hin. Er schrieb:

Betreff: Franziska vAn Almsick

Liebe welt.de-Redaktion,

wenn aus der Wikipedia der Artikel über Franziska van Almsick übernommen wird, wäre es schön, wenn die Überschrift dabei auch von van Almsick und nicht von von Almsick redet…

http://www.welt.de/…/FRANZISKA_VON_ALMSICK.html

Mit freundlichen Grüßen

Steffen Banhardt

Am nächsten Tag erhielt er folgende Antwort:

Sehr geehrte Banhardt,

vielen Dank für Ihre Lesermail und Ihr damit verbundenes Interesse an WELT ONLINE.

Wir haben Ihre Mail aufmerksam gelesen.

Schreiben Sie uns auch weiterhin damit wir auch in Zukunft über die Meinung unserer Leser informiert sind.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr WELT ONLINE Team.

Einmal dürfen Sie raten, ob der Artikel danach korrigiert wurde.

Nachtrag, 15:40 Uhr. Jetzt ist der Fehler korrigiert.

Aber, um es noch einmal deutlich zu sagen: Es geht mir nicht um den blöden Fehler. Es geht mir um die Unfähigkeit, mit den Lesern zu kommunizieren. Es geht mir um das Denken, das sich in der Antwortmail der „Welt Online“-Redaktion zeigt. Da hat irgendwer anscheinend hausintern die Parole ausgegeben, dass es wichtig ist, den Lesern das Gefühl zu geben, dass man ihre Kritik ernst nimmt. Und um ihnen dieses Gefühl zu geben, schreibt man ihnen eine Standardmail — und ignoriert, was sie schreiben. Sie haben nichts begriffen. Leser sind für sie entweder Klickvieh oder lästig.

Aber wenn ich das hier notiere, wird es berichtigt? Wie erbärmlich.

44 Replies to “Geht sterben (5)”

  1. Die Fotounterschriften der Bildergalerie sind alle korrekt. Das Problem ist wohl der letzte, kuriv gedruckte Satz: Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Franziska von Almsick aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. (Hervorhebung von mir).

    Vermutlich hat die Wikipedia früher einmal bei falscher Schreibweise automatisch auf die richtige Seite geroutet (inzwischen nicht mehr).

    Viel interessanter: Warum schreibt man bei welt online Wikipedia-Artikel ab?

  2. Welt.de gehört zu Springer und die zeugen nunmal erfahrungsgemäß von großer Beratungsresistenz, das weißt Du doch. :)

    Auch wenn es thematisch vielleicht nicht ganz passt:
    Gestern berichtete Welt.de über den Mitternachtsverkauf des Spiels World of Warcraft und über das Spiel selbst. Dabei war der Artikel so miserabel recherchiert, dass eigentlich gar nicht dieses Spiel beschrieben wurde. Entsprechende sachliche(!) Kommentare der Leser wurden zwar veröffentlicht, der Text wurde aber nicht geändert. Und heute? Der längste Kommentar, in dem sehr sachlich und in gepflegtem Deutsch explizit auf viele Fehler im Artikel eingegangen wurde, wurde über Nacht komplett gelöscht.
    Woher ich das weiß? Ich habe ihn geschrieben. :)

  3. Die Antwort von WELT ONLINE sagt doch alles. Sie lesen die Mails, sie wollen über die Meinung ihrer Leser informiert sein, aber sie scheren sich einen Dreck um die erbetenen Meinunsäußerungen.
    Aber mal ehrlich, mit solchen Antworten erstickt man doch jede Beteiligung der Leser im Keim.
    „Geht sterben“ gilt natürlich auch für „Journalisten“, die nicht mehr mehr tun, als nur Wikipedia-Artikel in ihr eigenes Angebot zu kopieren.

  4. „Sehr geehrte Banhardt“ ist auch toll. Warum aber kommt diese Geschichte erst jetzt und nicht schon im August, September oder Oktober? Und wer genau soll wegen eines „o“ sterben gehen?

  5. @5/braco56
    Sie lesen die Mails..
    Das glaube ich fast nicht mehr. Der Empfang ist wohl längst schon – wie die Standardantwort – automatisiert. Da könnte man vermutlich auch die nächsten Lottozahlen reinschreiben, ohne das der Jackpot geknackt würde.

  6. @8 Gregor Keuschnig
    Gut, WELT ONLINE hat bestimmt eine automatisierte Standardantwortmailmaschine im Einsatz (der Praktikant, der das früher mal gemacht hat, war wohl zu teuer).
    Manchmal schlägt mein Glaube an das Gute im Menschen eben doch arge Kapriolen.

  7. Gerade in diesem Moment bin ich dabei ein CMS für einen deutschen Fernsehsender zu entwickeln. Eines der Haupt-Features soll die Integration von Wikipedia-Artikeln sein. Dies scheint ja ganz gross in Mode zu sein. Man glaubt, dadurch per Google gefunden zu werden, was natürlich ziemlicher Blödsinn ist, denn Google mag es überhaupt nicht, wenn man Content nahezu 1:1 kopiert. „Geht sterben“, Medienmanager, IVW und hirnlose Werbebranche.

  8. Liest dort überhaupt jemand?
    Oder fällt es nur mir altem Mann auf?

    Klicken Sie weiter, um zu sehen, welche Karriere die 30-Jährige im Schwimmen hingelegte.

  9. Bei Kritik reagieren eigentlich irgendwie die wenigsten Redaktionen. Oder eben standardisiert. Umgekehrt ist es seltsamerweise anders. Ich hab mal vor Jahren an den Autor eines Spon-Artikels geschrieben, weil er den selben Namen hatte wie ein Fußballspieler und wollte wissen, ob ers ist, und der hat geantwortet.
    Kritik an sachlichen und inhaltlichen Fehlern wurde irgendwie nie beantwortet. Deshalb erspar ich mir solche Mails und Kommentare, interessiert ja doch keinen. Außerdem werden da Leute für bezahlt, das ihnen die Fehler auffallen… oder.. auch… nicht.

  10. Die besserwisserischen Praktikantenwitze hier bin ich wirklich leid. Es findet sich immer wieder ein I…., der meint, damit beim Stelldichein der vermeintlichen Kommentar-Intellektuellen punkten zu können. Und der Verweis auf Springer ist angesichts der Fehler bei Spiegel Online, dessen Vorreiterrolle im Web und der Personalstärke, nunja, Populismus pur. Mein Vorschlag: Geht sterben …

  11. Die Welt hört nicht auf ihre treuen Leser, aber auf ihren Kritiker, Herrn Niggemeier. Ist er etwa doch der wichtigste Deutsche?

  12. Die Praktikantenwitze sind in diesem Fall allerdings eher Kabinettstück“chen“.. Stereotype werden eben niemals langweilig (etwa so wie meine Zwanziger-Wortspielchen.. hallo Stefan! *g*) und es kann gar nicht genug davon geben. Qualität von Journalismus hat in meinen Augen nicht in erster Linie mit dem Verlag, sondern mit Charakter und Ausprägung der Journaille zu tun – in aller Regel ist das in jedem Berufszweig so.. es gibt keine Firmen, die ihre Mitarbeiter zwingen, besonders schlecht zu sein – wohl aber Sammelbecken des praktizierten Wahnsinns. Klar, dass die sich hier und da mal treffen als vielmehr konzentrieren – in Deutschland muss das aber nicht zwingend beim Springer-Verlag sein.. die haben auch sehr wohl ernstzunehmende (Fach-)Formate und erstklassige Redakteure. Geht wohl in diesem Fall im Kommentarfeuer eh unter.. letztendlich finde ich die gnadenlose Kopie eines Wiki-Artikels trotz Quellennennung wesentlich verwerflicher als ein o für ein a – für was wird der Herr bezahlt, powersurfing und copypaste?

    Nicht meine Auffassung vom Mitarbeiter des Monats..

    Zynik

  13. @Zynik
    Der Hieb auf Springer kam ja von mir und das eigentlich nur aus dem Grund, weil meine Korrekturhinweise auf die gravierenden Fehler eines Artikels nicht nur ignoriert sondern, nachdem sie erst online gestellt wurden, komplett und wortlos gelöscht wurden. Das habe ich dort leider schon öfter erlebt. Mit Kritik innerhalb des BILD-Kommentarsystems, was ja meines Wissens wieder abgeschafft wurde, wurde ähnlich verfahren und andere Springer-Redaktionen reagieren nicht anders.

    Wir haben aber in der deutschen Medienlandschaft durchaus auch Online-Magazine, die damit etwas besser umgehen. Bei FTD und FAZ setzten sich sogar schon Redakteure direkt mit mir in Verbindung, nachdem ich auf inhaltliche Fehler hingewiesen hatte. Wobei der FTD-Redakteur besonders findig war: er hat mich zunächst angemailt und anschließend angerufen, um etwas genauer nachzufragen.
    Und ich bin noch nicht mal Journalist…

  14. Leider nicht. Ich habe den Fehler begangen, keinen Screenshot zu machen. Wer kommt denn auch darauf, dass ein Kommentar, der ja schon die Vorkontrolle durchlaufen hat und veröffentlicht wurde, nachträglich dann doch wieder gelöscht wird?
    Ich hätte dann schon eher damit gerechnet, dass der Kommentar bereits die Freischaltung nicht geschafft hätte.
    Es fehlt übrigens nicht nur mein Kommentar. 3 weitere Kommentare mit Fehleraufzählungen sind ebenfalls verschwunden.

  15. @Matthias
    Bei Google ist die Seite zum aktuellen Zeitpunkt zwar zu finden, aber sie wurde noch nicht gecached. Dementsprechend ist auch der Kommentar nicht vorhanden.

  16. @Stefan: Aber haben Journalisten vor Veröffentlichung nicht eine besondere Sorgfaltspflicht? Klar, niemand ist gefeit vor Fehlern, aber wenn man einen Artikel über eine prominente Persönlichkeit veröffentlicht sollte der Name schon richtig geschrieben sein.

  17. „… den Lesern das Gefühl zu geben, dass man ihre Kritik ernst nimmt. …“

    Wer das von einem öffentlichen Medium denkt, sei es Zeitung, TV, Internet (Blogs), Politik und Recht, der soll lieber weiter im Wunderland von Alice flanieren oder klickt auf dem „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ (Vanity Fair), weiter stundenlang die „Eitelkeit in Person“ nach oben und gebt sie der Lächerlichkeit preis.

  18. […] Stefan Niggemeier zitiert einen Fall aus dem August: Ein Leser weist die Redaktion auf einen Schreibfehler im Angebot von Welt Online hin. Welt Online antwortet auch: Mit einem Standardbrief a la “vielen Dank fuer den Hinweis”. Sonstige Folgen: Keine. […]

  19. „Wir haben Ihre Mail aufmerksam gelesen.“
    Da wurde wohl einfach nur Perfekt und Futur II vertauscht. – Sowas passiert schon mal.

  20. Ich habe einen gewissen Einblick in eine Online-Redaktion (nicht die von Welt Online…). Von daher weiß ich, dass User/Besucher wirklich nur Klick-Vieh sind. An erster Stelle stehen die Pageimpressions. Scheiß auf den User. Hauptsache, er klickt! In dem Zusammenhang gilt übrigens auch: Es ist egal, ob der User mit Blinckeblincke-Werbung, Pop-Ups und Flashlayern vombadiert wird. Hauptsache das Vieh klickt. Ein angenehmes Surfvergnügen? Bullshit!

  21. Sowas ist in der Tat schon äusserst erbärmlich, auch wenn es natürlich umgekehrt für dieses Blog spricht und wie es wahrgenommen wird. Riecht entfernt nach dem gängigen Phänomen, dass Kundenbeschwerden bei Behörden/Stromversorgern/Telekomikern/Sonstigengrossenunternehmen weitgehend komplett ignoriert werden, solange bis mal ein Kamerateam von irgendeiner Verbraucherservicesendung anklopft und die Sache öffentlich macht. Plötzlich geht dann zuuufällig alles ganz schnell und die Sache wird im Sinne des beschwerdeführenden Verbrauchers erledigt. Sowas aber auch.

    Exkurs:
    Wegen der just erstmals abgelichteten Exoplaneten habe ich eben spasseshalber mal bei bild.de nach einer Meldung dazu geschaut (sonst fasse ich die Seite nichtmal mit spitzen Fingern an). Der Artikel ist relativ fehlerarm (für Bild-Verhältnisse), auch wenn sie Astronomen schonmal zu Astronauten machen. Wäre es nicht grundsätzlich lustig, wenn es bei bild.de eine Kommentarfunktion gäbe?

    Okay, dumme Idee. Wäre es vermutlich nicht.

  22. Natürlich ist es ärgerlich, wenn Journalisten Standardmails verschicken. Dennoch sollten wir uns mal vor Augen halten, wie die Situation in den meisten Redaktionen – vielleicht nicht unbedingt bei der FAZ – aussieht: Da, wo ich arbeite, in einer Printredaktion, sind wir froh, wenn es jeder Redakteur am Abend geschafft hat, zwei Seiten zu bauen und drei bis vier mittellange Beiträge bis Aufmacher zu schreiben; Tag für Tag. Ich kann dort gar nicht auf jeden Leserhinweis reagieren, weil sonst der Andruck in Gefahr wäre. Und ich fürchte, so stressig geht es in den meisten Redaktionen zu, ob Print oder Online. Allerdings bringen wir am nächsten Tag bei berechtigter Kritik seitens der Leser eine Berichtigung ins Blatt.
    Nur mal so als Hinweis von mir, mehr oder weniger zum Thema.

  23. Mmmm, ich wette mal vitale Körperteile darauf, dass kein Journalist den Kommentar gelesen hat. Standardmails werden in der Regel vom Servicecenter verschickt. Das arbeitet billiger als Redakteure, professioneller als Praktikanten und ist 18 Stunden am Tag per mail erreichbar – so lange, wie die anderen beiden zusammen.
    Was natürlich bezeichnend ist, wenn Leserkommentarlesen eine Zeitung maximal die 10€/Stunde kosten darf, die der Student im Serviccenter für seine Arbeit bekommt.

  24. Ich weiß, es ist jetzt pingelig, aber „Es geht mir um das Denken, das sich in der Antwortmail der „Welt Online”-Reaktion zeigt.“ <- sollte da nicht statt Reaktion Redaktion stehen oder verstehe ich nur den Satz nicht?

  25. Ist zwar nicht Journalismus-bezogen, aber auf diese Art arbeitet der Support der größten Unternehmen heutzutage. Mit Glück wird die Überschrift der Mail noch beachtet – Thema „Mausprobleme“, „Auto startet nicht“ etc. Daraufhin wird auf den „wahrscheinlichste Lösung“ Button geklickt – voilá Standardmail. Oder nicht mal gelickt, vielleicht erledigt das auch schon ein Skript.

  26. Hallo Herr Niggemeier,

    stand in der WO-Mail wirklich:
    „Sehr geehrte Banhardt,“?

    Zu köstlich. Das erinnert mich irgendwie an die Übersetzungen von Gebrauchsanweisungen / Produktinformationen fernöstlicher Billigwaren.

    „Wir haben Ihre Mail aufmerksam gelesen.“
    Das mag durchaus sein. In Abwandlung eines bekannten italienischen Sprichworts könnte man sagen: Tra il leggere e il fare, c’è di mezzo il mare. Mit anderen Worten: Lesen und dementsprechend handeln sind zwei Paar Stiefel.

    Danke für diesen erheiternden Blog-Eintrag.

  27. Nicht wirklich schlimm, aber gerade so passend:
    Habe eben den Artikel „Deppendorfs Tag“ beim tagesschau-blog kommentiert, weil da von „Barrack Obama“ die Rede war. Mein erster Kommentar „Hier hat sich wohl ein Sarkozy eingeschlichen“ (Zitat sinngemäß) wurde genauso wenig veröffentlicht wie der zweite „Da sich hier scheinbar kein Sarkozy einzuschleichen hat, heißt Barack Obama immer noch „Barrack Obama““ (Zitat sinngemäß).
    Allerdings ist es jetzt korrigiert. Immerhin lesen sie die Kommentare… So gibt man sich halt nicht die Blöße, den Namen des künftigen Präsidenten falsch geschrieben zu haben.
    (Screenshot hab ich allerdings nicht und der google cache ist für mich nur ein abstrakter Begriff, dessen Bedeutung ich zu kennen glaube, den ich aber nicht durchschaue)

  28. Ich bin ab und an auf der neuen Seite news.de unterwegs und habe bislang vier Kommentare hinterlassen, die wie auf news.de üblich sofort veröffentlicht wurden, aber offenbar ignoriert werden:

    http://www.news.de/sport/1216727999819/riberys-sensationelle-pink-panther-show.html

    (drei faktische Fehler im Text)

    http://www.news.de/sport/1216726988029/werden-aus-der-niederlage-lernen.html

    (dpa-„Interview“ als eigenes ausgegeben)

    Auf den Kommentar zum BVB-Spiel (http://www.news.de/sport/1216727712475/zidan-schiesst-ksc-noch-tiefer-in-die-krise.html) wurde immerhin insofern reagiert, dass jetzt auch dpa als Quelle angegeben wurde. Vorher stand da nur voc/news.de.

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