Grand Prix Eurovision de la Manipulation: ESC zu kaufen?

23 Mai 13
23. Mai 2013

Sagen wir so: Wenn in den nächsten Tagen Mitglieder der diesjährigen aserbaidschanischen Eurovisions-Jury leblos ans Ufer des kaspischen Meeres angespült würden, wäre es keine große Überraschung. Die sind nämlich offenkundig verantwortlich für das schändliche Null-Punkte-Votum Aserbaidschans für den russischen Beitrag. Der aserbaischanische Außenminister musste sich dafür vom russischen Außenminister öffentlich heftige Vorwürfe anhören.

Das Regime sieht die Schuld allerdings anscheinend bislang noch beim Ausrichter des Grand-Prix, der EBU. Die habe Russland um die Stimmen Aserbaidschans betrogen.

Die Politiker haben sogar etwas, das wie ein Beweis aussieht: Die aserbaidschanische Regierung hat sich bei den Telefongesellschaften des Landes die Abstimmungsergebnisse besorgt, und danach lag der russische Beitrag in der aserbaidschanischen Publikumsgunst auf dem zweiten Platz. Dass das Land trotzdem keinen einzigen Punkt an Russland vergab, ließe sich nur durch eine skandalöse Verschwörung oder wenigstens einen Fehler bei den westlichen Verantwortlichen erklären.

Die Nachrichtenagentur AFP (blind übernommen von „Spiegel Online“ und anderen) macht sich die aserbaidschanisch-russische Regierungspropaganda gleich zu eigen, spricht vom abweichenden „tatsächlichen“ Abstimmungsergebnis der Aserbaidschaner und einer „jetzt publik gewordene[n] Panne“, als handele es sich tatsächlich um eine solche.

Die EBU bestreitet das aber vehement und glaubwürdig. Denn das Votum des Publikums macht nur die Hälfte der zu vergebenen Punkte eines Landes aus. Die andere Hälfte wird von fünf Juroren bestimmt. Denen muss der russische Beitrag so wenig gefallen haben, dass sie ihn weit nach unten platzierten. In der Addition von Jury– und Zuschauer-Votum sei Russland nicht unter die Top-Ten Aserbaidschans gekommen, sagt die EBU. Das Votum der Juroren sei notariell beglaubigt.

Das ist natürlich undenkbar in einem Land wie Aserbaidschan: dass Juroren bei einem solchen internationalen Wettbewerb ihrem eigenen Urteil folgen und nicht der Staatsraison. Genau so erwartet die EBU das zwar von den Beteiligten. Aber sie könnte die Betroffenen nun, nachdem sich der Staat die Televoting-Ergebnisse besorgt hat und daraus das Jury-Urteil rekonstruieren kann, auch nicht vor Repressionen schützen. Dass die Leute in ihrem Land nie wieder in irgendeiner offiziellen Jury sitzen werden, darf man als sicher annehmen — es ist aber auch die harmloseste mögliche Folge.

So politisch ist der Grand-Prix in machen Ländern, so wichtig. Ich komme gleich nochmal drauf zurück.

Vorher aber ein Ausflug in die Statistik. Dass ein Beitrag, der beim Publikum weit vorne landet, trotzdem ohne Punkte ausgehen kann, ist nämlich Folge einer im Vorfeld kaum beachteten Regeländerung. Bislang wurden für jedes Land die Jury– und Televoting-Ergebnisse einzeln in die üblichen ESC-Punkte 12, 10, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 umgerechnet und dann addiert, um die Gesamtreihenfolge zu bestimmen. Dadurch wurden beim Mitteln jeweils nur die zehn Favoriten von Jury bzw. Publikum berücksichtigt.

In diesem Jahr wurden erstmals alle 26 Länder in die Reihenfolge ihres jeweiligen Abschneidens bei Jury und Publikum gebracht, bevor sie addiert wurden. Das klingt nach einer marginalen Änderung, aber die Wirkung ist erheblich, wenn Jury– und Publikums-Votum sich deutlich unterscheiden.

Ein Titel, der bei der Jury komplett durchfiel, lag früher rechnerisch vor der internen Addition nicht schlechter als auf Platz 11. Dadurch hatte er, wenn das Publikum ihn liebte, immer noch gute Chancen, insgesamt unter den Top Ten und also im Punktebereich zu landen. Das ist nach der neuen Rechenmethode nicht mehr unbedingt der Fall. Setzt die Jury den Publikumsliebling zum Beispiel auf Platz 18 oder 26, hat er trotz einer Höchstwertung von den Zuschauern kaum eine Chance, insgesamt in den Bereich der Punkte eines Landes zu kommen.

Genau das ist offenkundig in Aserbaidschan passiert: Ein Platz sehr weit hinten in der Jury-Rangliste sorgte dafür, dass Russland trotz eines zweiten Platzes im Publikumsvoting keine Punkte aus Aserbaidschan bekam — so unwahrscheinlich das klingen mag.

In Italien ist etwas ähnliches passiert. Die RAI hat freundlicherweise die Televoting-Ergebnisse veröffentlicht. Danach haben im Finale sagenhafte 23,2 Prozent der Anrufer in Italien für Rumänien gestimmt. Trotzdem bekam der rumänische Beitrag nur einen Punkt. Bei den Juroren muss er auf einem der letzten Plätze gelandet sein.

Dieses Maß an Relativierung ist von der EBU gewollt: Extrem populäre Geschmacksausreißer wie Lordi 2006 sollen keine Chance mehr haben. Die neue Additionsweise der Jury– und Zuschauer-Stimmen pro Land begünstigt Konsenskandidaten — aber eben auch Verschwörungstheorien wie die in Aserbaidschan und ein zumindest gefühltes Gerechtigkeitsproblem: Soll ein Beitrag, der in einem Land auf so breite Unterstützung bei den Anrufern stößt wie Rumänien jetzt in Italien wirklich von fünf Einzelpersonen in der Jury so heruntergestuft werden können?

Helfen würde es, wenn die EBU die nationalen Einzelergebnisse von Jurys und TED getrennt veröffentlichen würde, damit man das Gesamtvotum wenigstens nachvollziehen kann. Andererseits wäre dann der Druck auf die Jurys in undemokratischen Ländern wie Aserbaidschan, sich für ein politisch unabhängiges Votum rechtfertigen zu müssen, noch größer.

Die Eurovisions-Verantwortlichen haben noch andere Gründe, solche Transparenz abzulehnen. Sie würde auch andere Unzulänglichkeiten im Abstimmungsprozess gnadenlos öffentlich machen. Zum Beispiel, wenn die Teilnahme am Televoting in einem Land so niedrig war, dass die Zuschauerstimmen nicht in die Wertung eingingen. Die EBU gibt weder die Höhe des notwendigen Quorums bekannt noch die Länder, die daran jeweils gescheitert sind. Es ist aber angeblich kein seltener Fall, dass aus diesem Grund nur das Jury-Ergebnis eines Landes gewertet wurde.

Wären die Fälle mit so niedriger Abstimmungs-Teilnahme konkret bekannt, so die Argumentation der EBU, würde man es potentiellen Betrügern zu leicht machen. Sie könnten sich diese Länder herauspicken, um zu versuchen, mit relativ wenigen zusätzlichen, gekauften Stimmen das Ergebnis zu beeinflussen.

Ein mit versteckter Kamera gefilmtes Video soll zeigen, wie Aserbaidschan das in Litauen versucht hat. Auffällige (und nicht allein durch Nachbarschaft oder kulturelle Ähnlichkeiten erklärbare) Abstimmungsergebnisse gibt es einige. So gibt Malta seit vier Jahren plötzlich Aserbaidschan im Finale konsequent zwölf Punkte.

Die Kölner Firma digame, die für die Abwicklung des Votings zuständig ist, hat Mechanismen eingebaut, die Manipulationen erschweren sollen. Das System registriert ungewöhnliche Zusammenballungen, wenn, sagen wir, in einem kleinen Ort in Irland plötzlich abweichend vom Trend Hunderte Anrufe für Aserbaidschan abgegeben werden. Solche Stimmen werden aussortiert. EBU-Verantwortliche räumen allerdings ein, dass das System bei einem gut und geschickt organisierten Stimmenkauf machtlos ist — und in kleineren Ländern ist der Aufwand dafür für jemanden, der daran interessiert wäre, durchaus überschaubar.

Es sind wohl weniger die Fernsehsender oder Staaten selbst, die hinter solchen Manipulationsversuchen stehen. Ein Interesse daran, ein Land mit allen Mitteln zum Sieg zu bringen, könnten vor allem regierungsnahe Organisationen oder Wirtschaftsverbände haben, die sich davon Vorteile von der Aufmerksamkeit und dem möglichen Imagegewinn versprechen. Länder mit schlechtem Image oder EU-Anwärter sind besondere Kandidaten dafür.

Unabhängig davon, ob sich die Berichte aus Litauen als zutreffend herausstellen, scheint die EBU ein echtes Problem darin zu sehen, diese Form der Manipulation des Ergebnisses zuverlässig zu verhindern.

Anstatt Zuschauerstimmen zu kaufen, bietet sich natürlich auch der Versuch an, die Jurys zu beeinflussen. Wenn es da Verdachtsfälle gibt, schickt die EBU nach eigenen Angaben unangekündigt einen Wirtschaftsprüfer bei der Jury-Sitzung vorbei. Bei begründeten Zweifeln soll es auch möglich sein, dass das Jury-Votum eines Landes nicht gewertet wird. Ob das schon einmal vorgekommen ist, wollte man mir nicht sagen.

Nach der Aufmerksamkeit, die die verschiedenen Vorwürfe in diesem Jahr bekommen haben, bis hin zur Außenministerebene, will die EBU in den nächsten Wochen über die notwendigen Konsequenzen diskutieren. Dass sie in der Folge auf größere Transparenz setzt, gilt allerdings als unwahrscheinlich. Immerhin will sie das Gesamtergebnis in der Aufteilung nach Jury und Televoting in diesem Jahr nicht erst nach Wochen veröffentlichen, sondern schon in diesen Tagen.

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53 Gedanken
  1. 1
    Tim Landscheidt says:

    Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie (oder ist es nur der fehlende Hinweis auf die eigene ESC-Verbundenheit?), sich über die Demokratiedefizite Aser­baid­schans zu beklagen, andererseits die abstrusen Regeln für einen solchen Sangeswettbewerb gewissermaßen als gottgegeben anzusehen. Alleine die Vorstellung, dass da eine Organisation (noch dazu ein kommerzielles Unternehmen) gleichsam als „Wächterrat“ Stimmen nach ihrer „Güte“ klassifiziert und gegebenenfalls verwirft (!), ist doch meschugge. Aliyev muss wenigstens noch Wahlen fälschen, die EBU hat das nicht nötig.

  2. 2
    Sibirischer Tiger says:

    In der Haut der diesjährigen aserbaidschanischen ESC-Juroren möchte ich nun wirklich nicht stecken, der EBU hingegen gönne ich dieses — mit Verlaub — Kasperletheater, mit dem sie sich nun herumzuschlagen hat, von Herzen! Nämlich als gerechte Strafe für ihr raffiniertes Herumwerkeln daran, den ESC scheibchenweise wieder zu entdemokratisieren.

    Denn ich finde, der Wettbewerb hat gerade in den Jahren, da sämtliche Teilnehmerländer ihre Punkte ausschließlich anhand der Ergebnisse von Telefonabstimmungen vergeben haben,wirklich wunderbar funktioniert, indem er Sieger aus ganz verschiedenen Teilen Europas mit stilistisch höchst unterschiedlichen Liedern hervorgebracht hat.

    (Dass Verschwörungstheorien ob einer „Osteuropa-Connection“ dummes Zeug waren, sind und bleiben hat der BILDblog jenen Leuten, für die etwa das Baltikum und der Balkan schon nicht mehr näher unterscheidbar sind, bereits 2007 mal vorgerechnet, und dass keiner Deutschland lieb hat stimmt auch nicht, wie Lena 2010 bewiesen hat, die auch bei einer Stimmvergabe rein nach den Ergebnissen von Telefonabstimmungen gewonnen hätte.)

    Aber weil Italien und Österreich so schön kindisch geschmollt, und Deutschland und Frankreich ein Gesicht gemacht haben, als würden sie sich dem bald anschließen, betreibt man jetzt eben wieder die immer weitergehende Rückkehr zu Juryentscheidungen. Nächster Schritt wird es wahrscheinlich irgendwann sein, dass die nationalen Jurys die Punkte im Prinzip wieder allein vergeben, bloß „unter Betrachtung des Ergebnisses einer nationalen Telefonabstimmung“, oder so ähnlich.

    Dass man Telefonabstimmungen in sehr kleinen Ländern (San Marino, Malta, Island … ), oder solchen mit geringem Publikumsinteresse am Wettbewerb, oder solchen mit möglicherweise wenigen Telefonanschlüssen bzw. aktiven Mobiltelefonen theoretisch durchaus manipulieren kann, ist sicherlich richtig.

    Es erfordert dann aber doch ungleich mehr Aufwand, als eine fünfköpfige Jury zu instruieren, wie sie abzustimmen hat …

  3. 3
    Lesenswertes 24/05/2013 | Sebastian Booch says:

    […] Grand Prix Eurovision de la Manipulation: ESC zu kaufen? Auffällige (und nicht allein durch Nachbarschaft oder kulturelle Ähnlichkeiten erklärbare) Abstimmungsergebnisse gibt es einige. So gibt Malta seit vier Jahren plötzlich Aserbaidschan im Finale konsequent zwölf Punkte. […]

  4. 4
    Thomas K. says:

    Bin auf die Veröffentlichungen gespannt, damit ich weiß, ob ich den Jurys oder den Anrufern das suboptimale deutsche Ergebnis ankreiden darf ;D

    Aber ernsthaft: Es wäre doch das beste, wenn man irgendwie gleichzeitig die Punkte der Jury und Anrufer verkünden könnte.

    Jedes Jahr das gleiche Theater in vielen Landesmedien: „Das Land/die Zuschauer mögen uns nicht“ usw. Dass da eben die Hälfte der Punkte von einer Jury kommen, wird von den meisten Zuschauern völlig vergessen, schätze ich mal. Und diese Intransparenz finde ich fragwürdig und gefährlich. Tage oder gar Wochen später interessiert sich doch kein Mensch mehr für die Jury-Ergebnisse. Sieht man doch in Deutschland: Hier hat man sich schon Stunden später darauf eingeschossen, dass Europas Zuschauer Cascada sch**** finden.

  5. 5
    SvenR says:

    Wieso bist Du der einzige Journalist, der bei dieser wahrscheinlich unwichtigsten Nebensache der Welt einen kühlen Kopf bewahrt, und solche faktenbasierenden und schlüssigen Artikel schreibt?

    Anyway, auch ich bin für die Rückkehr zum reinen Televoting.

  6. 6
    polyphem says:

    @Thomas K.:
    Hier hat man sich schon Stun­den spä­ter dar­auf ein­ge­schos­sen, dass Euro­pas Zuschauer Cascada sch**** finden…

    Wären Sie begeistert von einer Sängerin, die daher kommt wie eine Angela Merkel auf Speed? (hsqmip)

  7. 7
    Torsten Dewi says:

    Mal abgesehen davon, dass ich es für den falschen Modus halte, wenn die „Volksabstimmung„vom Jury-Voting negiert werden kann — die skandalöseste Information ist hier in einem Nebensatz versteckt: „So gibt Malta seit vier Jah­ren plötz­lich Aser­baid­schan im Finale kon­se­quent zwölf Punkte“. DAS gehört mal untersucht, weil es sich um eine statistische Anomalie handelt, die praktisch auszuschließen ist.

  8. 8
    Dingenskirchen says:

    Dass da eben die Hälfte der Punkte von einer Jury kommen, wird von den meisten Zuschauern völlig ver­gessen, schätze ich mal. Und diese Intransparenz finde ich fragwür­dig und gefährlich.

    Das ist doch aber nicht anders als beim deutschen Vorausscheid. Cascada hatte 10 Punkte von den Radiohörern und 12 von den TV-Zuschauern. La Brass Banda 12 von den Radio-Hörern und 10 von den TV-Zuschauern [1]. Und die tolle Jury gab 8 Punkte an die Wursttrulla und einen an La Brass Banda. Und stellte so das Ergebnis gründlich auf den Kopf.

    Sieht man doch in Deutschland: Hier hat man sich schon Stunden später darauf einge­schossen, dass Europas Zuschauer Cascada sch**** finden.

    Nun, das Lied von Cascada war scheisse. Ein langweiliger Aufguss des letztjährigen Siegertitels. Dass man damit keinen Blumentopf gewinnt, war Einigen vorher klar.

    gefußnotet:
    [1]: Die Abstimmung der TV-Zuschauer lief noch, nachdem Radio– und Jury-Ergebnis bekanntgegeben wurden. Es kann also durchaus sein, dass bei einem vernünftigen Abstimmungsmodus La Brass Banda von den T-Zuschauern ebenfalls auf Platz 1 gewählt worden wäre (wer noch für La Brass Banda hätte voten wollen, konnte dies nach der Bekanntgabe des Jury-Ergebnisses sein lassen, da wäre eh nichts mehr zu machen gewesen)

  9. 9
    Thomas K. says:

    @polyphom:

    Das ist ja alles Geschmackssache, darum geht es mir nicht.
    Das Problem bei diesem „Bashing“, ob gerechtfertigt oder nicht, ist doch, dass wir gar nicht wissen, wie die ZUSCHAUER abgestimmt haben.

  10. 10
    Tilman_s says:

    Gefühlt glaube ich dass der rumänische Beitrag quer durch die Bank vom Publikum besser eingestuft wurde als von der Jury. Ich selbst habe auch für ihn abgestimmt, Punkte aus D bekam er keine.

  11. 11
    Stefan Niggemeier says:

    @Dingenskirchen: Nein. Beim Radio-Online-Voting haben lächerlich wenig Leute teilgenommen. Cascada ist von den Zuschauern gewählt worden.

  12. 12
    Thomas K. says:

    @Dingenskirchen:

    Ja sicher, die Abstimmung im Vorentscheid war genauso eine Katastrophe.

    Über das Lied kann man auch streiten, klar. Mein Favorit war es sicherlich auch nicht.

    Ich finde es beim ESC einfach immer nervig, ohne die Ergebnisse der Zuschauer zu kennen, alles im Nachhinein schlecht zu reden. Eben weil Jury– und Zuschauerurteile oft so weit auseinandergehen.

  13. 13
    polyphem says:

    Ich habe das wohl verstanden. Überall fehlt es an Transparenz. Beim ESC-Voting, bei den Methoden von VG-Wort und GEMA usw. usw. Das ist wohl Standard in pseudodemokratischen Organisationen. Leider wirken diese Zu– und Umstände auch in unsere reale Staatsform der Demokratie zurück, die so zur Postdemokratie verkommt.

  14. 14
    BlueKO says:

    Irgendwie ist diese Regeländerung doch gar nicht so schlecht. Sie verhindert schließlich auch diese elendige automatische Punktevergabe von Deutschland in die Türkei, nur weil die hier lebende große Anzahl von Türken anrufen darf (was ihnen in ihrer Heimat nicht möglich wäre). Was war ich in diesem Jahr froh, daß wir endlich mal wieder richtige Punkte vergeben konnten.

    (Is ja gut, zur Buße für den PC-Verstoß gehe ich gleich fünf Portionen Döner kaufen.)

    Bei Regeländerungen ist die EBU doch auch sonst sehr flexibel. Jahrelang galt: Wer am ESC teilnehmen will muß das Vorjahresfinale übertragen haben. Als sich die Türkei wegen der küssenden Finninen weigerte das diesjährige Finale zu übertragen hat die EBU flux am Finalwochenende die alte Regel außer Kraft gesetzt, damit der Türkei die Teilnahme in 2014 wieder möglich ist.

    Im übrigen wäre es auch mal spannend zu sehen wie z.B. Rußland und Aserbaidschan mit den vielen homosexuellen Momenten in der diesjährigen Sendung umgegangen sind. Die BBC hat eine ganz andere Sequenz dieses Jahr nicht gesendet weil man Anstoß genommen hat.

  15. 15
    Stefan Niggemeier says:

    @BlueKO: Dass Deutschland der Türkei in diesem Jahr keine Punkte gegeben hat, lag aber nicht an irgendeiner Regeländerung, sondern daran, dass die Türkei nicht teilnahm.

    (Was das mit der vermeintlichen „Political Correctness“ zu tun hat, müssen Sie mir erklären. Bzw.: nicht.)

    Die BBC hat eine ganz andere Sequenz die­ses Jahr nicht gesen­det weil man Anstoß genom­men hat.

    Welche?

  16. 16
    Wolf says:

    In einem demokratischen Europa sollte man sich trauen, das Zuschauervoting zu akzeptieren, auch wenn es einem nicht gefällt. Daher wäre ein zurück zu reinem Zuschauervoting ein Signal für Demokratie.

  17. 17
    Jerry says:

    An dieser Stelle sicher nur eine Randnotiz, aber wenn, wie am Rande im Artikel vermerkt, komplette Länder wegen mangelnder Beteiligung oder bestimmte Regionen wegen ungewöhnlichen Abweichungen nicht in die Wertung eingehen, bestünde dann nicht (und besonders, da keinerlei Hinweis darauf im Wettbewerb eingebracht wird) ein Recht auf Rückerstattung der Telefonkosten?

  18. 18
    Stefan Niggemeier says:

    @Jerry: Ja, habe ich mich auch schon gefragt.

  19. 19
    BlueKO says:

    @Stefan: Der Einspieler mit dem ausdiskutierten Krieg vor dem Schwedenmusical der Moderatorin wurde in UK durch einen Einspieler über Bonnie Tyler ersetzt.

    Und natürlich kann man keine Punkte an ein Land vergeben, das nicht teilnimmt. :-)

  20. 20
    marco says:

    @BlueKO:
    1) Die Regel, wonach ein Land den ESC des aktuellen Jahres live übertragen muss, um im darauffolgenden Jahr selbst teilnehmen zu können, wurde bereits vor vielen Jahren abgeschafft. Jedes Land, das aktives EBU-Mitglied ist, kann sich bis November des Vorjahres für die ESC-Teilnahme anmelden, völlig unabhängig davon, ob der ESC dort jemals im Fernsehen gezeigt wurde.
    2) Die Türkei hat sich bereits im November 2012 entschieden, am ESC 2013 weder teilzunehmen noch ihn zu übertragen. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand etwas von küssenden finnischen Frauen auf der Bühne in Malmö.

    Man kann zwar der EBU in vielerlei Hinsicht Rumgeeier mit dem Regelwerk vorwerfen, aber in diesem konkreten Punkt nicht. Und auch dem türkischen Fernsehen kann man eventuell politische Hintergedanken vorwerfen, aber diese haben wiederum nichts mit finnischen Küssen zu tun. Die Wahrheit ist in diesem Fall nur ein wenig zu langweilig für die Boulevardpresse, also musste man in manchen Redaktionen eben ein wenig nachhelfen in Sachen Dramatik…

  21. 21
    Z. says:

    Gibt es einen Beleg für die Aussage, die neue Regel solle, nach mehr als einem halben Jahrzehnt übrigens, einen Sieger wie Lordi 2006 in Zukunft verhindern? Sicher ist, ob die Türkei gerade teilnimmt oder nicht, daß die Regeländerung die Effekte des Diasporavotings eingrenzt, wie an dem Beispiel der rumänischen Diaspora in Italien deutlich zu sehen: 23 % der Publikumsstimmen, 1 Punkt.

  22. 22
    Lukas says:

    Im übri­gen wäre es auch mal span­nend zu sehen wie z.B. Ruß­land und Aser­baid­schan mit den vie­len homo­se­xu­el­len Momen­ten in der dies­jäh­ri­gen Sen­dung umge­gan­gen sind.

    Aserbaidschan hat den Beitrag mit den beiden Männern, einer davon in einer Plexiglasbox, die sich anschmachten, meines Wissens übertragen.

  23. 23
    BlueKO says:

    @Lukas: Da dies innerhalb eines Beitrags passierte MUSSTEN das russische Fernsehen das auch zeigen um nicht vom nächsten Wettbewerb ausgeschlossen zu werden.

    Ich meinte viel mehr die schwule Hochzeit im Schwedenmusical, die nicht so leicht auszublenden waren wie „I know a drag queen when I see one“ und die zahllosen ähnlichen Sprüche.

  24. 24
    Thomas K. says:

    Anderes Thema, aber:
    Sind diese Filmchen zwischendurch nicht sowieso hauptsächlich dafür da, damit die Privatsender Werbung bringen können? Oder gilt das nur für die Musik-Acts während der Abstimmung?

  25. 25
    Thorium says:

    Das russ. TV hat den Intervall Akt nicht gezeigt. Die BBC hat Teile nicht gezeigt (das Video mit dem „Reporter“) Auch das span. TV hat sich immer wieder ausgeblendet. RTE in Irland hat sich über den Drag Queen Witz echauffiert, die BBC hat den „#MILF“ Kommentar ausgeblendet. Soviel Zensur gab es lange nicht. Aber der Intervallakt muss nicht gezeigt werden, die Beiträge schon, daher war auch der finnische Kuss überall zu sehen. Die Kommentatoren in bestimmten Ländern sollen es teils aber abwertend bewertet haben.

  26. 26
    Ospero says:

    @2: Wer hat denn zu reinen Televotingzeiten und bei ESCs mit etwa ebenso vielen Teilnehmern wie heutzutage (also ab 2004) gewonnen? In Reihenfolge bis zur Wiedereinführung der Jurys (2009): Ukraine, Griechenland, Finnland, Serbien, Russland.

    Fällt da was auf? Drei Mitglieder starker osteuropäischer Stimmblocks (ein gesamtosteuropäischer Block ist Blödsinn, stimmt, aber die kleineren Blocks innerhalb Osteuropas — und nicht nur da, hallo Skandinavien — sind ein Fakt) und einer der größten Diasporaprofiteure (GR). Finnland hat dieses Muster durchbrechen können, weil sie eine grandiose Nummer mit einer grandiosen Show und massiver europaweiter Medienberichterstattung hatten.

    Außerdem waren die Sieger nie das Problem — wie dieses Jahr auch gezeigt hat, gewinnt man nur, wenn man den ganzen Kontinent hinter sich hat. Aserbaidschan hatte mehr Zwölfer als Dänemark, aber auch deutlich mehr schwache Wertungen, und die kamen zum überwiegenden Teil aus Westeuropa. (Hätte nur Osteuropa abgestimmt, also die Länder, die erst nach 1992 zum ESC stießen, wären wir 2014 wieder in Baku.)

    Das Problem, das zur Wiedereinführung der Jurys führte, waren die massiven Unterbewertungen von Beiträgen auf den weiter hinten liegenden Rängen, wie Andorra 2007 oder Island und Portugal 2008, wenn solche Beiträge nicht aus einem der großen Blöcke stammten, und umgekehrt die Überbewertung durchschnittlicher bis schlechter Lieder aus solchen Ländern. Der eigentliche Auslöser dürften tatsächlich die beiden genannten Jahre gewesen sein, die ein Festival der Osteuropäer und Diasporaprofiteure waren, die 19 von 20 Liedern der beiden Top 10 stellten, wobei es 2008 besonders auffiel, weil in den Semis bereits Jury-Televoter-Split galt und die massiven Bewertungsunterschiede augenfällig wurden (Portugal war in seinem Semi Zweiter und versandete dann im Finale auf Platz 13).

    Das dieses Jahr eingeführte Nivellierungssystem ergibt aus meiner Sicht keinerlei Sinn, aber das Stimmsystem als Ganzes ist ein Kompromiss, mit dem ich wunderbar leben kann. Kappt die Jurys meinetwegen auf ein Drittel der Stimme, und führt eine sinnvolle Anrufbeschränkung ein (ein Anschluss = eine Stimme), aber bitte nicht wieder zurück in die Zeiten, wo die Westeuropäer kollektiv der Meinung waren, es hätte ja sowieso keinen Zweck, und deswegen Jahr um Jahr Lieder schickten, die diese selbsterfüllende Prophezeiung immer wahrer werden ließen. Eine Top 10 wie 2007 reicht mir fürs Leben.

  27. 27
    Lars says:

    Wenn die Abstimmung in Malta tatsächlich so offensichtlich getürkt … äh, aserbaidschant ist, was sagen dazu die Malteser ? Was sagt TV Malta dazu?

  28. 28
    Twipsy says:

    Hilfe.
    Also seit der Einführung der Jury gabs dann als Sieger Norwegen, Schweden Dänemark und mit Deutschland einer der…ach, egal. So, und wer regt sich nun über die Nordeuropaconnection auf und will die Jury wieder abschaffen??
    Ich wage mal nen Blick in die Zukunft: Nächstes Jahr sind die Eurokrisenländer weg vom Fenster, de Maizière lässt über Mitteleuropa die Eurovision-Hawk-Drohne kreisen und kapert die Telefonnetze. Es siegt dann Angela Merkel mit einer „My Way“-Karaoke-Version. Ich sag euch, der nächste Krieg findet statt wegen dem Eurovision.
    digame, das sind auch die, die so lustige Sachen wie das Pferderennen gallopstars in der Nacht bei RTL durchgeführt haben. Diesen Klitschen trau ich nicht übern weg, aber das ist meine persönliche Meinung.
    Ach, ist das hier eigentlich geklärt?
    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/die-aserbaidschan-connection-von-dapd/
    Könnt man mal nachfragen, vielleicht findet sich ja ein Ex-dapd-Mitarbeiter der was weiß.

  29. 29
    Christoh says:

    @22/Lukas: Das ist sicher irgendwie unglücklich ironisch gemeint, oder? Die Tanzperformance mit dem Typen in der Plexiglas-Box hatte doch nicht wirklich was Homosexuelles. Okay, ja, es waren zwei Männer, aber ey…

  30. 30
    Thomas K. says:

    Nein, Herr de Maizière wird nächstes Jahr sicher keine Drohne kreisen lassen, da bin ich mir sehr sicher.

  31. 31
    Reisender says:

    Es ist und bleibt erstaunlich, wie vehement einige Menschen versuchen, einen „Wettbewerb“, der per se alles andere als ausgewogen oder gerecht ist, durch minimale, wenig systematische Änderungen zu korrigieren.
    Es gibt gar keinen Grund dafür, auf Basis der Bevölkerungszahlen z. B. eine Wertung eines Landes wie Malta mit einem Land wie Frankreich zu vergleichen.
    Also: Sehen und dabei — unabhängig von Wertungen — Spaß haben oder abschalten.

  32. 32
    Sibirischer Tiger says:

    @Ospero (# 26):

    Ich habe mir einmal den Spaß gemacht, und für die Wettbewerbe der Jahre 2004 bis einschließlich 2008 nur die von den politisch Westeuropa zuzurechnenden Ländern — also ohne die Staaten der ehemaligen UdSSR nebst Verbündeten, sowie ohne die Staaten Ex-Jugoslawiens — vergebenen Punkte zusammengezählt.

    Hier die jeweiligen Top 5 (in Klammern die tatsächlich erreichten Platzierungen):

    2004

    Serbien und Montenegro (2.)
    Ukraine (1.)
    Griechenland (3.)
    Türkei (4.)
    Zypern (5.)

    2005

    Griechenland (1.)
    Malta (2.)
    Rumänien (3.)
    Israel (4.)
    Dänemark (9.)

    2006

    Finnland (1.)
    Bosnien-Herzegowina (3.)
    Rumänien (4.)
    Russland (2.)
    Schweden (5.)

    2007

    Serbien (1.)
    Ukraine (2.)
    Türkei (4.)
    Russland (3.)
    Bulgarien (5.)

    2008

    Griechenland (3.)
    Armenien (4.)
    Ukraine (2.)
    Russland (1.)
    Norwegen (5.)

    Damit kann der Einfluss hypothetisch natürlich nach wie vor denkbarer „Stimmblöcke“ in Osteuropa auf die Bestimmung des Siegers in diesen Jahren wohl sicher ausgeschlossen werden.

    Bleibt die Frage nach Einfluss von Migrationsbewegungen auf das Ergebnis des ESC. Denn ganz ohne Frage fallen die häufigen Top 5-Platzierungen Griechenlands, der Türkei sowie Serbiens bzw. Serbiens und Montenegros zwischen 2004 und 2008 auf.

    Aber dazu ist ebenfalls festzustellen: In den fünf untersuchten Jahren haben nur zwei dieser Länder jeweils einmal gewonnen, eines hat es insgesamt dreimal unter die Top 5 geschafft, die anderen beiden jeweils zweimal.

    Das bestätigt meines Erachtens eine These, die Herr Niggemeier in diesem Blog bereits anhand einer Analyse des Stimmverhaltens beim ESC 2011 aufgestellt hat (Link füge ich unten an): Entscheidend sind nicht einige wenige hohe oder Höchstwertungen, ultimativ kommt es darauf an, aus möglichst vielen Ländern jeweils einige Punkte zu bekommen!

    Und das wiederum relativiert den vermeintlichen Vorteil bestimmter „Auswanderungsländer“, weil ethnische bzw. nationale Minderheiten in den anderen Ländern ja erstens höchst ungleich verteilt sind, und zweitens überhaupt nur in wenigen Ländern jeweils nennenswerte Anteile an der Gesamtbevölkerung stellen.

    Nein, weder dank Nachbarn noch Auswanderern allein gewinnt man den ESC, auch wenn die Punkte ausschließlich auf Grund der Ergebnisse von Telefonabstimmungen vergeben werden nicht.

    Dazu braucht es nachweislich einen Beitrag, der in möglichst vielen Ländern zumindest positiv aufgenommen, und darum mit jeweils wenigstens einigen Punkten bedacht wird.

    (Der zitierte Blogartikel von Herrn Niggemeier zur Bedeutung des Punktegewinns aus möglichst vielen Ländern: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/der-mittelgrose-gemeinsame-nenner/ )

  33. 33
    Eurovisionsvoting: wie Konsenzzwang zum Streit führt says:

    […] Guido Westerwelle kritisierte den 21. Platz für Cascada! Unangenehme Konsequenzen fürchtet nun  Stefan Niggemeier: “Wenn in den nächs­ten Tagen Mit­glie­der der diesjährigen […]

  34. 34
    Johannes says:

    Es gab doch irgendwo mal diese nette Europakarte, aus der man das „ewige“ Stimmverhalten der Länder, was die 12 Punkte angeht, ablesen konnte. Weiß jemand zufällig, was ich meine?
    In diesem Zusammenhang kamen mir in diesem Jahr vor allem die 4 Punkte für Italien aus San Marino etwas SEHR dürftig vor; dabei war das Lied ÜBER-RA-GEND…

  35. 35
    Ospero says:

    @32: Wie ich ausgeführt habe: es ging nicht um die Sieger, sondern um die Plätze dahinter, und da war der Einfluss deutlicher spürbar. Mir kann niemand erzählen, dass alle westeuropäischen Beiträge im Semi 2007 durch die Bank so schlecht gewesen sein sollen, dass es nicht ein einziger davon verdient hatte, im Finale wieder aufzutauchen, und ebensowenig waren die Westeuropäer im Finale durchweg so grottig, dass Platz 17 (für Finnland) das legitime beste Ergebnis darstellte (wobei der letzte Platz für Irland in dem Jahr absolut in Ordnung ging). Die Wettbewerbe in dieser Zeit wurden durch die Stimmblocks und die Diaspora massiv verzerrt — nicht ganz oben, da steht, wie hier richtigerweise angemerkt wurde, eigentlich immer ein Konsenskandidat, sondern auf den Plätzen darunter. Genau das scheint sich heutzutage wieder etwas eingerenkt zu haben — wenn die Niederlande und Malta, die ganz entschieden außerhalb jeglicher Blöcke stehen, die Top 10 knacken, ist irgendwas richtig gelaufen; gleiches gilt für Estland 2012, Spanien 2012, Belgien 2010 oder Frankreich 2009. Das alles sind Ergebnisse, die ohne die Jurys so nie zustande gekommen wären, und in allen diesen Fällen bin ich dankbar für das Korrektiv. (Letzteres gilt unter Umständen nicht für die Resultate von 2013, aber zumindest im Fall der Niederlande bin ich ziemlich sicher, dass die Jurys Anouk höher auf dem Zettel hatten als die Televoter.)

  36. 36
    Christian says:

    Verständnissfrage: Die EBU veröffendlicht Jury– und Televotingergebnisse, veröffendlich aber NICHT in welchen Ländern besagtes Quo­rum verfehlt wurde — korrekt?

    Selbst wenn ein Beitrag wie in Italien eine (quasi) absolute Mehrheit im Televoting erhalten hat — weiss man gar nicht ob in Italien überhaupt besagtes Quorum erreicht wurde — sprich ob überhaupt etwas anderes am Ende gezählt hat als die Stimmen die Jury?
    Also könnte die Jury (wie in diesem Fall) Rumänien gar nicht „ganz nach hinten“ gewählt haben, sondern vieleicht einfach auf den undankbaren 11. Platz?
    Hab ich das soweit richtig verstanden oder hab ich da irgendwas übersehen?

  37. 37
    sascham says:

    @Ospero: Die im Semifinale 2007 ausgeschiedenen westeuropäischen Beiträge wären fast alle auch dann raus geflogen, wenn man nur die Stimmen der Westeuropäer berücksichtigt hätte. Lustigerweise bekamen damals die meisten dieser Länder sogar mehr Stimmen aus Osteuropa als aus dem Westen.

    Das gute Abschneiden der Osteuropäer in den 2000ern hat nur ganz wenig mit Blockvoting oder Migration zu tun. Tatsächlich waren einfach deren Beiträge „unseren“ qualitativ weit überlegen. V.a. jene Länder, die gerade einen Krieg hinter sich hatten (Balkan, Armenien/Aserbeidschan) sahen im ESC die ultimative Chance, ihr Image international wieder aufzupolieren. Deshalb schickten sie auch das Beste, was Ihr Land an Popmusik zu bieten hat, dort hin.

    Im Westen galt der ESC im gleichen Zeitraum *bestenfalls* noch als letzte verbleibende Plattform für 70er-Jahre-Schlager. Entsprechend sahen die Beträge auch aus: alte Säcke, deren letzter TV-Auftritt 30 Jahre zurück lag, erfolglose Pop-Sternchen, die nicht singen können aber aus irgendwelchen Gründen trotzdem noch eine Chance bekommen sollten etc. Und natürlich (haha) die ganzen Jux-Nummern — weil ernst nehmen, da war sich Westeuropa einig, kann man den ESC sowieso nicht.

    Inzwischen schneiden die Westeuropäer wieder gut ab, weil hier ein Umdenken statt gefunden hat. Naja, von Großbritannien mal abgesehen. Wir Deutschen beispielsweise schicken nicht mehr die Letztplatzierte von DSDS zum ESC (Stichwort Gracia), sondern auch mal die Erstplatzierte einer Casting-Show (Stichwort Lena). Die Schweden probierens mit aktueller Popmusik statt mit dem x-ten Aufguß von „Waterloo“. Das ist das ganze Geheimnis.

  38. 38
    Peter S says:

    Die einzige Lösung: Ein Telefonanschluss nur eine Wahl für nur einen Titel. Manipulation ausgeschlossen. Jury abschaffen. Und die das nicht wollen, sollen zu Hause bleiben.
    Wenn das nicht klappt, den Wettbewerb einstellen. Das haben die Teilnehmer selbst in der Hand, ob sie fair sein wollen oder die Veranstaltung eben nicht mehr stattfindet.

  39. 39
    theo says:

    „Das gute Abschnei­den der Ost­eu­ro­päer in den 2000ern hat nur ganz wenig mit Block­vo­ting oder Migra­tion zu tun.“

    Was aber nicht bedeutet, dass National-Chauvinisten mit ihrem fanatischem Drücken auf die Wahlwiederholungstaste gar keine Rolle spielen — auch, wenn das nicht über den Gesamtsieg entscheidet.

  40. 40
    Stefan Niggemeier says:

    @theo: Auch fanatische Wahlwiederholungstastendrücker können nur 20 Stimmen abgeben.

    (Bislang kamen mir in der Diskussion eher die Leute als Chauvinisten vor, die am liebsten Einwanderer von der Abstimmung ausschließen würden.)

  41. 41
    theo says:

    Stefan:
    „nur“ 20 (pro Anschluss). ;-)

    (das Eine schließt das Andere nicht aus.)

  42. 42
    Kai says:

    soooo.. wir haben die ergebnisse.. wenn auch nur durchschnittswerte.… Die EBU ist schnell dieses Jahr :-)

    http://escxtra.com/2013/05/split-results-released/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=split-results-released

  43. 43
    Martin Achterdiek says:

    O wei! Und gestern ist auch noch in Holstein ein Spaten umgefallen!

  44. 44
    amfenster says:

    @Martin/43:
    Und haben Sie das auch schon kommentiert? Sonst sollten Sie das schleunigst nachholen.

  45. 45
    Eurovision Song Contest » Blog Archive » Ein bisschen Transparenz says:

    […] den Regularien würde bedeuten, sich möglichen Manipulationen nicht erwehren zu können. Kollege Stefan Niggemeier hat das in einem Blog-Beitrag nach seinen eigenen Recherchen wiederholt, was auch hier schon mal zu lesen war: Das Verfahren werde nicht in den ESC-Ländern bestimmt, […]

  46. 46
    Christian says:

    Jurys sind wichtig. Denn wo kämen wir hin, wenn die Europäer wirklich das von ihnen beliebteste Lied wählen könnten? Nein, da müssen Experten her, die das aufsässige Volk wieder auf Linie trimmen.

    (Nebenbei, Lordi war 2006 auch objektiv gesehen einer der besten Beiträge, meiner Meinung nach sogar das mit einigem Abstand beste. Aber ohh, Metal, sowas ist böse und wird nur von Satanisten gehört, das darf man doch nicht beim ESC bringen. Entsprechend schicken wir ja auch nur Singer/Songwriter wie Tim Bendzko und die Tante von Frida Gold in die Jury. Damit so ein Schund bloß keine Punkte aus Schland bekommen kann…)

    Ich finde den gesamten Modus mit Jury zum Kotzen. Das nimmt einen großen Teil des Reizes aus dem Wettbewerb.

  47. 47
    Echo Chamber #25 | biotechpunk says:

    […] Grand Prix Eurovision de la Manipulation: ESC zu kaufen? […]

  48. 48
    Ospero says:

    @37: Äh…Armenien und Aserbaidschan hatten in keinem Sinne „gerade einen Krieg hinter sich“, als sie das erste Mal auf der ESC-Bühne standen. Wahlweise ist dieser Krieg 1995 zu Ende gegangen (elf Jahre vor der Premiere Armeniens und dreizehn vor der Aserbaidschans) oder läuft bis heute, was an den gegenseitigen Punkteergebnissen dieser beiden Länder auch klar erkennbar ist. Aber richtig, diese Länder gehen natürlich mit einer ganz anderen Einstellung an die Sache heran.

    Das Semi 2007 nach Ost und West getrennt bestätigt meinen Punkt übrigens eher. Die Länder mit den ganz hohen Punktzahlen hätten sich natürlich so oder so qualifiziert (wobei es bei Weißrussland schon massiv auffällt, dass das Land weit über zwei Drittel seiner Punkte aus dem Osten bekam), aber am unteren Ende der Tabelle sieht das schon anders aus. Während sich IRL Georgien, Moldawien und Mazedonien durchsetzen konnten, hätten sich nach dem Willen des Westens (inklusive der eher im Osten zu findenden Staaten, die vor 1992 teilnahmen, wie Griechenland oder Israel) Island, Portugal und Andorra im Finale wiedergefunden. Das wäre ein qualitativer Unterschied gewesen, der vielleicht die Wiedereinführung der Jurys verhindert hätte — es gibt doch einen massiven Unterschied zwischen „drei von zehn“ und „kein einziger“. (Es hätte außerdem die in meinen Augen ungerechtfertigtste Nicht-Qualifikation der letzten zehn Jahre verhindert, die Andorras, aber das ist persönlicher Geschmack, auch wenn ich absolut nicht nachvollziehen kann, wie man „Mojot svet“ oder „Fight“ besser finden kann als „Salvem el món“.)

  49. 49
    DaW says:

    @ Christian, # 46:

    So rein von der Wortbedeutung her: wie kann denn etwas „objektiv das beste“ sein?

  50. 50
    Ospero says:

    @49: Das geht schon — aber nur bei Dingen, die man einem objektiven Vergleich unterziehen kann; die Stiftung Warentest ist ja quasi nur dazu da, solche Vergleiche zu tätigen. Das ist bei Popsongs allerdings etwas schwieriger…

  51. 51
    DaW says:

    @ Ospero, # 50:

    Selbst die Bewertung der Stiftung Warentest ist nicht vollständig objektiv (kann es nicht sein): sie basiert ja auf Indikatoren, die ausgewählt und gewichtet werden müssen. Und einige dieser Indikatoren sind ja wiederum subjektiv, z.B. der Geschmack von Lebensmitteln (wenn es dann mehrere Tester gibt, kann man allenfalls von Intersubjektivität sprechen, aber nicht von Objektivität).

    Das soll die Arbeit der Stiftung Warentest, der ich auch vertraue, nicht in Frage stellen. Aber vollständige Objektivität kann es bei keiner Bewertung geben.

  52. 52
    Jani says:

    Hi Folks,
    ihr macht euch zu viele komplizierte Gedanken. Es ist alles viel einfacher — und schlimmer. Und es wird rauskommen, ihr werdet es erleben. Fernsehen ist Unterhaltung — nicht mehr und nicht weniger. Nehmt es nicht ernst, sonst irrt ihr euch gewaltig. Versprochen.

  53. 53
    Ospero says:

    @51: Stimmt schon, aber bei Musik haben die subjektiven Kategorien mehr Einfluss auf den Gesamteindruck als bei den meisten anderen Dingen.

    @52: Bitte? Was will uns der Künstler damit sagen?

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