Die deut­schen Ver­le­ger haben einen über­ra­schen­den Durch­bruch im Kampf ums Über­le­ben erzielt. Ihre For­de­rung, im Inter­net bes­ser behan­delt zu wer­den, ist offen­bar auf euro­päi­scher Ebene erfüllt wor­den. In einem »inter­na­tio­na­len Abkom­men« wurde fest­ge­legt, »geis­ti­ges Eigen­tum« künf­tig bes­ser zu schüt­zen. Das berich­tet bereits seit vor­ver­gan­ge­nem Don­ners­tag das große deut­sche Online-Portal Bild.de:

Das ist… öhm, wie sag ich’s? Unsinn.

Es hat eine fast beru­hi­gende Kon­se­quenz, dass die Dep­pen von Bild.de es nicht ein­mal bei einer Pres­se­mit­tei­lung ihres eige­nen Ver­la­ges und einem Thema, das der Axel Sprin­ger AG augen­blick­lich am Her­zen liegt wie kein zwei­tes, schaf­fen, kor­rekt zu berich­ten. Sie haben das Unter­schrei­ben einer For­de­rung mit einem »Abkom­men« ver­wech­selt und die Über­gabe die­ser For­de­rung mit ihrer Erfül­lung — Gott, das ist aber auch schwer aus­ein­an­der zu halten.

Hel­mut Hei­nen, der Prä­si­dent des Zei­tungs­ver­le­ger­ver­ban­des BDZV, und sein Haupt­ge­schäfts­füh­rer Diet­mar Wolff wer­den also wohl noch eine Weile Zeit haben, ihre Leis­tun­gen im Syn­chron­spre­chen zu per­fek­tio­nie­ren. (Hei­nen: »Wir wer­den es nicht län­ger hin­neh­men, dass auf­wän­dig pro­du­zierte Qua­li­täts­in­halte der Ver­lage von Drit­ten kom­mer­zi­ell genutzt wer­den, ohne dass dafür auch nur ein Cent an die Ver­lage zurück­fließt.« Wolff: »Wir kön­nen nicht län­ger hin­neh­men, dass unsere teuer pro­du­zier­ten Qua­li­täts­in­halte von Drit­ten be­denkenlos kom­mer­zi­ell genutzt wer­den, ohne dass dafür auch nur ein Cent an die Ver­lage gezahlt wird.«)

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Ver­le­ger mit »Qua­li­täts­in­hal­ten« auch das mei­nen, was die Pro­duk­tion bei Bild.de täg­lich so aus­stößt. Weni­ger klar ist, wer eigent­lich die Leute sind, die ihnen diese Inhalte so »kom­mer­zi­ell« oder gar »beden­ken­los kom­mer­zi­ell« wegnehmen.

Die Firma Google, die sich — wohl nicht zu unrecht — ange­spro­chen gefühlt hat, hat schon lapi­dar dar­auf hin­ge­wie­sen, dass kein Autor oder Ver­le­ger es hin­neh­men muss, dass seine Inhalte mit­hilfe von Such­ma­schi­nen für die Öffent­lich­keit auf­find­bar gemacht wer­den. Ein ein­fa­cher Befehl ver­wehrt Google den Zugriff und damit die kom­mer­zi­elle Ver­mark­tung die­ser Such­er­geb­nisse durch Google (redu­ziert aller­dings auch die Zahl der Leser dramatisch).

Die bloße Mög­lich­keit der Ver­wei­ge­rung ist natür­lich ange­sichts der markt­be­herr­schen­den Stel­lung des Unter­neh­mens und sei­ner beun­ru­hi­gen­den Intrans­pa­renz keine befrie­di­gende Ant­wort. Aber sie zeigt, dass die Behaup­tung eines unzu­läs­si­gen, unge­woll­ten Zugriffs auf Ver­lags­in­halte abwe­gig ist. Die Ver­lage stö­ren sich nicht am Zugriff, im Gegen­teil, sie sind abhän­gig davon. Sie sind nur nicht mehr zufrie­den damit, dass sie von Google nur Leser bekom­men. Sie wol­len auch Geld.


Foto: Axel Springer

Die »Ham­bur­ger Erklä­rung« (Foto: inter­na­tio­nale Ver­sion), auf die sich die ein­gangs erwähnte Falsch­mel­dung von Bild.de bezieht, ist am 8. Juni 2009 von den sechs Ham­bur­ger Ver­la­gen Bauer (»Coupé«), Sprin­ger (»Bild«), Ganske (»Für Sie«), Gruner+Jahr (»Stern«), »Spie­gel« und »Zeit« unter­schrie­ben wor­den. Seit­dem gibt es eine Art Wett­lauf, mög­lichst viele wei­tere Unter­zeich­ner zu ver­sam­meln. In der Erklä­rung heißt es:

Zahl­rei­che Anbie­ter ver­wen­den die Arbeit von Auto­ren, Ver­la­gen und Sen­dern, ohne dafür zu bezahlen.

Ich habe bis heute nicht ver­stan­den, wer sich hin­ter die­sen »zahl­rei­chen Anbie­tern« ver­birgt. Aber die vie­len Unter­zeich­ner kön­nen mir das ja bestimmt erklä­ren. Und bei der Gele­gen­heit gleich mit, wen sie mei­nen, wenn sie schreiben:

»Wir wider­spre­chen all jenen, die behaup­ten, dass Infor­ma­ti­ons­frei­heit erst her­ge­stellt sei, wenn alles kos­ten­los zu haben ist.«

Also mal bei ein paar Unter­neh­men nachgefragt:

  • Beim »Spie­gel« sind lei­der gerade alle Leute, die mir meine Fra­gen offi­zi­ell beant­wor­ten könn­ten, im Urlaub.
  • Bei der Nach­rich­ten­agen­tur dpa betont man, die Erklä­rung nicht unter­zeich­net zu haben, son­dern sie nur zu »unter­stüt­zen«, wes­halb man man auch nicht für jede For­mu­lie­rung ein­ste­hen könne. Auch kon­krete Bei­spiele für die »zahl­rei­chen Anbie­ter«, die die Arbeit ande­rer im Inter­net ver­wen­den, möchte Spre­cher Jus­tus Dem­mer nicht nen­nen. »Aber dass es das gibt, ist unstrit­tig.« Ist es?
  • Die Spre­che­rin des »Zeit«-Verlages ist erst im Urlaub. Ihre Ver­tre­tung emp­fiehlt, falls die Zeit drängt, sich mit den Fra­gen »an einen der Haupt­in­itia­to­ren der ›Ham­bur­ger Erklä­rung‹, bei­spiels­weise Axel Sprin­ger AG, zu wen­den«. Als die Spre­che­rin selbst wie­der zurück ist, bit­tet sie, sich mit den Fra­gen »direkt an die Ver­bände« zu wen­den, die Aus­kunft geben, »also EPC bzw. WAN-IFRA oder VDZ«.
  • Der Ver­lag Axel Sprin­ger bedankt sich bei mir für das »Inter­esse an Axel Sprin­ger«, möchte aber die Fra­gen nicht beant­wor­ten: Man solle sich mit ihnen »direkt an die Ver­bände: VDZ/BDZV für Deutsch­land oder EPC/WAN-IFRA auf inter­na­tio­na­ler Ebene« wenden.
  • Die Ver­lags­gruppe Han­dels­blatt möchte zwar eben­falls keine Bei­spiele für die angeb­lich »zahl­rei­chen Anbie­ter« nen­nen. Spre­cher Georg Wall­raf erklärt aber:

    Wie bei­spiels­weise dpa mit einer spe­zi­el­len Soft­ware Attri­bu­tor durch­fors­ten auch wir — der­zeit noch anhand von Such­wor­ten — sys­te­ma­tisch das Inter­net, um die Nut­zung unse­rer Arti­kel zu ver­fol­gen. Dabei stel­len wir einer­seits häu­fig Ver­stöße gegen das Urhe­ber­recht fest, die heute schon auf­grund der Rechts­lage ver­folgt wer­den kön­nen. Dar­über hin­aus gibt es aber auch eine Viel­zahl von Adap­tio­nen unse­rer Inhalte, die wir nicht mit urhe­ber­recht­li­chen Mit­teln bekämp­fen kön­nen. Es han­delt sich dabei z.B. um sol­che Sei­ten, die z.B. durch eine Inhalts­be­schrei­bung unse­rer Arti­kel und unter Aus­nut­zung unse­res Logos unsere Stel­lung als Ver­lags­haus nut­zen, um die Infor­ma­tio­nen auf ihren Sei­ten auf­zu­wer­ten und dem Leser ent­spre­chende Ori­en­tie­rung zu ver­mit­teln. Kon­krete Bei­spiels­fälle will ich hierzu nicht nen­nen, weil sie nicht Thema einer grö­ße­ren öffent­li­chen Aus­ein­an­der­sez­tung sein sollen.

    Auf die Frage, wer denn behaupte, dass »alles kos­ten­los zu haben« sein muss, ver­weist er »auf eine auch im Rah­men des Urhe­ber­rech­tes geführ­ten Dis­kus­sion, die eine noch deut­li­chere Ent­spre­chung auf euro­päi­scher Ebene hat« und nennt als ein­zi­ges Bei­spiel den Heise-Artikel über den Vor­trag des Müns­te­ra­ner Urheberrechts-Experten Tho­mas Hoe­ren mit der Über­schrift: »Infor­ma­ti­ons­frei­heit hat Prio­ri­tät vor dem Urhe­ber­recht«.

    Der Arti­kel ist sie­ben­ein­halb Jahre alt. Er stammt vom 29. Januar 2002. Ich bezweifle auch, dass man der Posi­tion von Pro­fes­sor Hoe­ren gerecht wird, wenn man ihm die For­de­rung unter­stellt, alles müsse kos­ten­los sein. Gegen­über der »Welt« hat er erst vor weni­gen Tagen unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen für ein Leis­tungs­schutz­recht für Buch-Verleger plä­diert — genau das, was die Pres­se­ver­lage auch for­dern.

  • Der Burda-Verlag tut sich schwer, meine Fra­gen spon­tan zu beant­wor­ten, bie­tet aber nach ein­ein­halb Tagen Bedenk­zeit fol­gende Zitate:

    In der Erklä­rung heißt es: »Zahl­rei­che Anbie­ter ver­wen­den die Arbeit von Auto­ren, Ver­la­gen und Sen­dern, ohne dafür zu bezah­len.« Kön­nen Sie mir Bei­spiele für sol­che Anbie­ter nennen?

    Zum Bei­spiel die zahl­rei­chen Ange­bote, die Online-Inhalte aggre­gie­ren — allen voran selbst­ver­ständ­lich Google.

    In der Erklä­rung heißt es: »Wir wider­spre­chen all jenen, die behaup­ten, dass Infor­ma­ti­ons­frei­heit erst her­ge­stellt sei, wenn alles kos­ten­los zu haben ist.« Kön­nen Sie mir sagen, wer sol­che For­de­run­gen vertritt?

    Die Debatte um die kos­ten­lose und freie Nut­zung aller Online-Inhalte — auch jener, die der­zeit bereits aus­rei­chen­den Schutz genie­ßen — zieht ja mitt­ler­weile weite Kreise bis hin zu poli­ti­schen Initia­ti­ven (weit­rei­chende For­de­run­gen in die­sem Sinne z.B. http://www.piratenpartei.de/navigation/politik/unsere-ziele.)

    Gut, das mit der Pira­ten­par­tei habe ich kom­men sehen. Dazu ließe sich jetzt inhalt­lich eini­ges sagen, was die wirk­lich for­dert. Aber man darf ver­mut­lich nicht ver­ges­sen, dass die »Ham­bur­ger Erklä­rung« am Tag nach der Euro­pa­wahl ver­ab­schie­det wurde, bei der die Pira­ten erd­rutsch­ar­tige 0,9 Pro­zent der Stim­men erzielten.

  • Gruner+Jahr hat mir eigent­lich eine Ant­wort ver­spro­chen (am Mon­tag­nach­mit­tag habe ich zum ers­ten Mal ange­fragt), das scheint aber noch zu dauern.

    Nach­trag, 23. Juli: Anstelle einer Ant­wort schreibt mir Gruner+Jahr:

    Zu Frage 1:
    Damit sind alle Anbie­ter gemeint, die ohne aus­drück­li­che Zustim­mung von Ver­la­gen Inhalte redak­tio­nel­ler Web­sites kopie­ren und auf ihren eige­nen Sei­ten ver­öf­fent­li­chen. Nicht gemeint ist die Ver­lin­kung auf redak­tio­nelle Websites.

    Zu Frage 2:
    Dies spricht vor allem die­je­ni­gen an, die einen uni­ver­sel­len Zugang, den auch wir befür­wor­ten und prak­ti­zie­ren, mit zwin­gend kos­ten­lo­sem Zugang verwechseln.

  • Und der Zeit­schrif­ten­ver­le­ger­ver­band VDZ hat sich bis­lang nicht zurück­ge­mel­det, aber ich weiß nicht: Irgend­wie habe ich das Gefühl, es lohnt sich nicht, dar­auf zu warten.

Die Pres­se­ver­le­ger haben sich offen­kun­dig zum Ziel gesetzt, mit der »Ham­bur­ger Erklä­rung« den Erfolg des »Hei­del­ber­ger Appells« nach­zu­ah­men — einem Pam­phlet, das Dinge ver­mischt, die nichts mit­ein­an­der zu tun haben, und als Dis­kus­si­ons­grund­lage völ­lig untaug­lich ist, aber inzwi­schen von Hans und Franck unter­schrie­ben wurde. Unter der Hand las­sen man­che kei­nen Zwei­fel daran, was für ein grau­en­haf­tes Doku­ment diese »Ham­bur­ger Erklä­rung« ist, die offen­bar aus dem Bereich des Axel-Springer-Außenministers Chris­toph Keese stammt (und deren eng­li­sche Über­set­zung, die der EU-Kommission über­ge­ben wurde, bizar­rerweise nicht ein­mal mit dem Ori­gi­nal über­ein­stimmt).

Es ist ein Doku­ment der Hilf­lo­sig­keit, ein ziellos-hysterisches »So tu doch einer was«, bei dem es auf Inhalte nicht ankommt, solange nur mög­lichst viele mit­schreien. Kein Wun­der, dass die ein­zel­nen Ver­lage nicht wis­sen, was sie genau da unter­schrie­ben haben, oder keine Lust haben, sich dazu öffent­lich zu äußern. Es eint sie das Gefühl, dass irgend­wer jetzt aber echt mal irgend­was tun muss — und es hilft sogar, die For­de­run­gen nicht zu kon­kret zu for­mu­lie­ren, sonst fällt noch jeman­dem auf, wie radi­kal sie sind.

Burda deu­tet es wenigs­tens an: Es geht nicht nur um Google, son­dern um Aggre­ga­to­ren all­ge­mein. In Wahr­heit stört die Ver­le­ger zum Bei­spiel schon ein Ange­bot wie Turi2, das die Nach­rich­ten des Tages (mehr oder weni­ger gut) zusam­men­fasst. Mit etwas Pech reicht den Lesern schon der eine Satz, der bei Turi steht, und sie schen­ken dem Medium, das ihn (womög­lich auf­wän­dig) recher­chiert hat, nicht ein­mal mehr einen Klick, der sich in einen (mick­ri­gen) Wer­be­er­lös umwan­deln lässt.

Das ist ein Pro­blem, aber um es mit Google zu sagen: »Einige Vor­schläge der Nachrichten-Verleger haben die bes­ten Absich­ten, aber wür­den die Art, wie das Netz funk­tio­niert, grund­le­gend ver­än­dern — zum Schlechten.«

Ja, da gibt viel zu dis­ku­tie­ren und zu beden­ken, und man­che Mecha­nis­men des Web, die es erleich­tern, Zugang zu Nach­rich­ten und hoch­wer­ti­gen Inhal­ten zu bekom­men, erschwe­ren gleich­zei­tig die Pro­duk­tion die­ser Nach­rich­ten und hoch­wer­ti­gen Inhalte. Und die Ant­wort der Ver­lage auf diese Her­aus­for­de­rung ist es, eine »Ham­bur­ger Erklä­rung« zu unter­schrei­ben, deren wirre Behaup­tun­gen man auf Nach­frage nicht ein­mal bele­gen kann oder mag? Wirklich?

 

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