Ein Fluch liegt auf dem deut­schen Fern­se­hen, der Ter­ror der nahe­lie­gends­ten musi­ka­li­schen Unter­ma­lung. Egal ob ein Bauer seine Frau sucht, ein Restau­rant sei­nen Rach oder ein Aus­wan­de­rer sein Glück — unter jeder Szene liegt ein Musik­ti­tel, der das Gesche­hen oder die aktu­elle Stim­mung dop­pelt. Die Aus­wahl scheint sich auf eine Doppel-CD mit den größ­ten Hits der 80er und 90er zu beschrän­ken (plus »Viva la Vida« von Cold­play). Fast immer han­delt es sich um die nahe­lie­gendste Idee oder den ers­ten Tref­fer bei der Titel­su­che. Keine Kornfeld-Szene ohne Jür­gen Drews; wenn jemand sagt, dass ihm etwas egal ist, kommt Shakespeare’s Sis­ter mit »I Don’t Care«, und wenn Hilfe naht, naht sie nicht ohne die Beat­les und »Help!« Manch­mal ist die Text­zeile, die das Gese­hene exakt wie­der­holt, sogar nur für drei Sekun­den zu hören.

Zu den unter­schätz­ten Qua­li­tä­ten von »Ich bin ein Star, holt mich hier raus!« gehört es, anders mit Musik umzu­ge­hen. Zum Abschluss der letz­ten Staf­fel, als die Kan­di­da­ten das Camp ver­lie­ßen, in der vagen Hoff­nung, ihrer Kar­riere neues Leben ein­ge­haucht zu haben, und mit der rea­lis­ti­schen Aus­sicht, ihr den end­gül­ti­gen Todes­stoß ver­setzt zu haben, war »Viel­leicht« von den deut­schen Indiero­ckern Madsen zu hören: »Viel­leicht ist das der Anfang / Viel­leicht ist das das Ende…«

Wenn Giulia Sie­gel Peter Bond zärt­lich im Teich wäscht, liegt »Under­wa­ter Love« von Smoke City dar­un­ter. Und das intime Gespräch zweier Män­ner am Lager­feuer wird vom Sound­track zu »Bro­ke­back Moun­tain« begleitet.

Die Titel sind oft hin­ter­grün­dige Kom­men­tare zum Gezeig­ten — und die Inter­pre­ten­liste kann sich sehen las­sen: Am Diens­tag unter­mal­ten die Sma­shing Pump­kins, The Verve, Sigur Rós, Feist, Babysham­bles, Jus­tin Tim­ber­lake, Air, Amy Mac­Do­nald und die Dust Bro­thers das Gesche­hen im Dschungel.

Anlass für einen Anruf in Aus­tra­lien: bei Mar­kus Kütt­ner, 37, dem Res­sort­lei­ter Come­dy­show bei RTL.

Das Fern­seh­blog: Sind Sie der Mann, der die Musik für die Dschun­gel­show aussucht?

Mar­kus Kütt­ner: Nicht jede Musik für jede Sen­dung, das sind ja hun­dert Titel. Aber ich sorge schon dafür, dass wir nicht zu jedem Son­nen­auf­gang »Morning has bro­ken« spie­len, dass nicht immer »Money« von Pink Floyd zu hören ist, wenn über Geld gere­det wird, und nicht die Miss-Marple-Musik kommt, wenn eine alte Frau durchs Bild geht.

Das heißt, es gibt eine bewusste Vor­gabe von RTL, es anders zu machen als in der typi­schen Doku-Soap?

Das ist eine Vor­gabe von mir.

Manch­mal ent­schei­den Sie sich aber auch für die nahe­lie­gendste musi­ka­li­sche Illus­tra­tion. Wenn die Öster­rei­che­rin »Mausi« Lug­ner ins Bild kommt, erklingt zum Bei­spiel »Der dritte Mann« oder Fal­cos »Vienna Calling«.

Die Pro­du­cer, die den Film geschnit­ten haben, als Mausi auf der Dach­ter­asse im Hotel erscheint, hat­ten ursprüng­lich Wie­ner Wal­zer dar­un­ter gelegt — das war mir doch eine Num­mer zu hart. »Vienna Cal­ling« war dann der kurz­fris­tige Ersatz — das fand ich noch ganz okay.

Wie läuft das ab bei der Produktion?

Die Pro­du­cer sit­zen hier in Aus­tra­lien ganz nor­mal an Schnitt­pro­gram­men wie sonst auch — nur wenn man hier vor die Tür geht, ist nicht ein trau­ri­ges Indus­trie­ge­biet, son­dern Dschun­gel. Die Pro­du­cer arbei­ten dann ziem­lich unab­hän­gig und legen unter den Roh­schnitt schon Musik­vor­schläge. Inzwi­schen wis­sen alle, in wel­che Rich­tung wir da gehen wol­len — da schlägt kei­ner mehr »Money« vor.

Haben Sie eine ganze Digital-Bibliothek dabei? Oder haben Sie Hun­dert CDs in den Dschun­gel mitgenommen?

Das haben wir tat­säch­lich bei den ers­ten bei­den Staf­feln gemacht. Das Inter­net hier war damals noch sehr lang­sam, und wenn man mor­gens um sechs eine Live­sen­dung hat und um vier anfängt, bei iTu­nes einen Song run­ter­zu­la­den und es nur mil­li­me­ter­weise vor­wärts geht — dann wird man wahn­sin­nig. Ich habe mein iTu­nes kom­plett mit­ge­nom­men, was schon mal ganz gut ist, und viele Pro­du­cer haben ihre Samm­lun­gen mit­ge­bracht. Wir kau­fen aber auch viel spon­tan. Gerade für die Eröff­nungs­se­quenz, vor der Begrü­ßung durch Sonja und Dirk, da lie­gen ziem­lich bom­bas­ti­sche Titel drun­ter. Da ist oft auch Film­mu­sik drauf, die man nicht unbe­dingt parat hat.

Zum Ein­zug, als alle sich zum ers­ten Mal in dem Lage­platz mit dem Teich umsa­hen, war Peter Fox zu hören mit »Haus am See« — aller­dings nur der Instru­men­tal­teil. Sol­che Anspie­lun­gen funk­tio­nie­ren also nur für Leute, die das Lied ken­nen. Was ist die Idee dahinter?

Zunächst ein­mal hat die Musik gut zu der Szene gepasst. Selbst wenn das Stück einen ganz ande­ren Text gehabt hätte, hätte die Musik alleine trotz­dem gepasst. Das ist natür­lich die Haupt­sa­che. Aber wenn man noch einen klei­nen Insider-Gruß für, ich weiß nicht, fünf­zehn Pro­zent unse­rer Zuschauer mit hin­ein­pa­cken kann, die es erken­nen und sich freuen: um so bes­ser. Die ganze Show ist viel­schich­ti­ger als ein Groß­teil derer, die dar­über berich­ten, über­haupt erken­nen. Es steckt viel mehr drin.

Als Giulia Sie­gel klagte, dass sie ohne eine auf­ge­stockte Ziga­ret­ten­ra­tion nicht im Dschun­gel blei­ben könnte, lief »Bet­ter Living Through Che­mis­try« von Queens Of The Stone Age.

Ja. Und in der letz­ten Staf­fel hat­ten wir Julia Bie­der­mann, die gleich­zei­tig im »Play­boy« mit Hoch­glanz­bil­dern war und im Camp aus­sah wie Rod Ste­wart nach einer durch­sof­fe­nen Nacht. Dar­un­ter haben wir von den Ster­nen »Was hat dich bloß so rui­niert« gelegt — lus­ti­ger­weise auch erst nur das Intro, ohne Text. Wir haben auch gerne mal schöne Intros von Radio­head, aller­dings eher die älte­ren Sachen. Die neuen sind selbst für abge­fah­re­nere Shows ein biss­chen zu hart.

Ist es eine bewusste Ent­schei­dung, so stark auf für RTL unty­pi­sche Musik­far­ben zu setzen?

Ich weiß nicht, ob die Musik­far­ben wirk­lich so unty­pisch für RTL sind. Ich bin zum Bei­spiel auch für die Doku-Soap »Teen­ager außer Kon­trolle« zustän­dig. Da nehme ich nicht so viel Ein­fluss und wir haben mehr Film­mu­si­ken, aber das geht in eine ähn­li­che Rich­tung. Auch bei der »Super-Nanny«. Ich bin seit Jah­ren gro­ßer Radiohead-Fan, und immer wenn Radio­head in der Show zu hören ist, bekomme ich inner­halb von drei Minu­ten 15 SMS von Freun­den, die sagen: Du Idiot, was spielt ihr Radio­head im RTL-Programm?!

Schöne Situa­tion: Sie müs­sen sich vor RTL recht­fer­ti­gen, dass sie Radio­head spie­len, und vor den Radiohead-Fans, dass sie es bei RTL spie­len? Sie machen bei­den das Pro­gramm kaputt!

Viel­leicht bringe ich da Wel­ten zusam­men, die in Wahr­heit zusam­men gehö­ren… Nein, das macht ein­fach Spaß, und am Ende geht es immer um die Sendung.

Haben Sie, so weit weg von der Zen­trale, mehr Frei­hei­ten als sonst?

Frei­heit habe ich sonst auch. Aber hier im Dschun­gel gibt es nur wenige Stel­len mit Han­dy­emp­fang. Da ist man nicht immer erreich­bar, das kann schon mal prak­tisch sein. Wir haben uns in frü­he­ren Staf­feln zum Bei­spiel über die wun­der­ba­ren Dschun­gel­songs lus­tig gemacht. Soviel Selbst­iro­nie muss erlaubt sein, schließ­lich machen Sonja und Dirk bei ihren Sprü­chen auch vor sich selbst nicht halt.

Und trotz­dem hat­ten sie den schreck­li­chen aktu­el­len Song, die Zip­fel­bu­ben mit »Hier im Dschun­gel« neu­lich in die Sen­dung eingebaut.

Ach, das passiert.

Dann ist RTL Enter­pri­ses glücklich?

Ja. Aber der eigent­li­che Kampf als Pro­gramm­ver­ant­wort­li­cher beginnt eher jetzt, wenn die Sin­gle im Han­del erhält­lich ist und Promo dafür gemacht wird. Ich wehre mich natür­lich nicht grund­sätz­lich dage­gen, aber so, wie Sonja und Dirk die Sen­dung mode­rie­ren, würde es nicht pas­sen, das in der übli­chen Manier zu tun.

Warum ist es so schwer, in ande­ren Shows auch so ambi­tio­niert und über­ra­schend bei der Musik­aus­wahl zu sein? Ist es wirk­lich so, dass die Zuschauer eigent­lich nur den Wie­der­er­ken­nungs­ef­fekt wol­len, dass in jeder Szene genau die Text­zeile kommt, die sie ken­nen und die das Gesche­hen eins-zu-eins illustriert?

Tat­sa­che ist, dass bei­des funk­tio­niert. Es funk­tio­niert der typi­sche Doku-Soap-Stil genauso wie unser eher abwech­se­lungs­rei­ches Kon­zept. Es gibt eine Berech­ti­gung für beides.

Darf ich mir noch was wünschen?

Klar.

Echt?

Na, ich habe ja nicht gesagt, dass ich Ihren Wunsch erfülle.

(Aber was läuft am Abend, in Folge 7, nach 14 Minu­ten, wenn sich die Kan­di­da­ten auf ein uner­war­te­tes Beloh­nungs­früh­stück mit Toast und Mar­me­lade stür­zen? »When Will I Ever Get Home« von den Kilians!)