Während das Internet beständig weiter wächst, immer wieder Neuerungen hervor bringt und täglich etwa 31902 neue Startups (deren Namen entweder auf [fehlender Vokal]r enden oder mit Tw anfangen) um die Aufmerksamkeit der Nutzer/innen buhlen, wird gerne mal vergessen, was nebenbei hinten runter fällt. Deshalb folgen nun: 10 Dinge die durch das Internet getötet wurden oder auf dem Weg dorthin sind.
(Basierend auf und inspiriert von diesem Artikel von Matthew Moore.)

  • Konzentrationsvermögen

    Man kann … Text … nebenbei .… checken … Internet … da war … ach ja. Wo ist … noch mal gucken. Das Internet bietet so wunderbar viele Möglichkeiten sich nebenbei zu betätigen, dass es schlichtweg gar nicht mehr möglich ist, sich auf seine eigentliche Arbeit zu konzentrieren. Die bisherige Krone der Schöpfung, der menschlichen De-Evolution bezüglich Konzentration, dürfte wohl Twitter sein.

    Der folgende XKCD Comic beschreibt ganz fabelhaft, wie sich der regelmäßige Gebrauch von Internet auf die allgemeine Konzentrationsfähigkeit auswirkt:

  • Das Vertrauen in Ärzte

    Immer häufiger müssen sich Mediziner gegenüber Patienten die sich während ihrer ersten Schritte im Internet vorsichtshalber bereits selbst diagnostiziert haben, behaupten. Dabei wird forsch argumentiert und mit einem Zettel mit allen wichtigen Fakten gewunken: Ein Ausdruck, Comic Sans in lila, Schriftgröße 16 auf roséfarbenem Untergrund. Die nötige Würze erhält die Diskussion von Vornherein dadurch, dass 99,5% aller Internet-Selbstdiagnosen per Suchmaschine früher oder später zum Ergebnis kommen, dass man an einer tödlichen Krankheit leidet.

  • Brieffreundschaften
    Auch Linus van Pelt zieht mittlerweile Emails vor
    Keine knittrigen Polaroids mehr, die jahrelang Teil des stetig gedeihenden Bürobedarfskefirs auf dem Schreibtisch sind, gelegentlich auftauchen und an die einstige Brieffreundschaft in einem Land, dessen man Namen nur bedingt aussprechen kann, erinnern.

    Andererseits genießen Brieffreundschaften in jungen Jahren eine sehr viel bessere Reputation als Internetbekanntschaften. Erklärt man seiner Mutter ein Brieffreund käme zu Besuch, ist die Freude groß. Gedeckter Tisch mit Suppe mit extragroßen Klößchen und dem Geschirr mit Goldrand. Ist hingegen die Rede von einer Internetbekanntschaft, wird auf Abbruch der Operation hingearbeitet, garniert mit Informationen aus Fernsehmagazinen am Nachmittag.

  • Die Reputation nigerianischer Geschäftsmänner und Prinzen

    „Lieber Freund,
    Ich vermute das diese E-Mail eine Überraschung für Sie sein wird, aber es ist wahr.“

    Trotz all der angepriesenen Wahrheit dürfte der warme Geldregen aus dem Westen Afrikas stets ausgeblieben sein. Vielleicht der wahre Grund für die Wirtschaftskrise? Aber irgendwas muss wohl am Mythos dieser Spam-Mails dran sein. Hin und wieder scheint sich bei Beantwortung da doch etwas ergeben zu haben.

  • Ironie

    Diese Form des Humors ist natürlich nicht wirklich gestorben und (hoffentlich) auch nicht auf dem Weg dahin, nur scheint sie im Internet schlichtweg nicht zu funktionieren. Einmal angewandt, gibt es in der Auffassung 4 verschiedene Lager:

  1. Leute verstehen Ironie auch in geschriebener Form dank des entsprechenden Zusammenhangs. Alle freuen sich.
  2. Leute verstehen die Ironie halbwegs, sind aber der Meinung den Spaß daran noch einmal erklären zu müssen. Besinnen sich während des Erklärens aber darauf, alles doch nicht lustig zu finden und müssen dies eindeutig klar stellen. Mehrmals.
  3. Leute verstehen die Ironie nicht, gehen aber derart auf den betroffenen Teil des Inhalts ein, dass es fast schon unangeneehm ist, sie auf die ironischen Umstände hinzuweisen.
  4. Blanke Empörung.

  • Der Mythos über die Intelligenz von Katzen

    Die einst so eigenwilligen, charakterstarken und dadurch so intelligenten Haustiger haben einen, bezüglich ihrer Intelligenz, herben Imageschlag erlitten. Lolcats. Katzenbilder kombiniert mit knappen, lustigen, orthographisch und grammatikalisch eigenwilligen Sätzen. Natürlich besitzen sie noch immer die zuvor erwähnten Eigenschaften, nur macht man sich eben keine Gedanken mehr darüber, was wohl gerade Mysteriöses im Kopf der Katze vorgeht, da sie womöglich sowieso nur an Cheezburger denkt.

  • Die kribbelnde Ungewissheit bevor man jemanden nach langer Zeit wieder sieht

    Welche kribbelnde Ungewissheit, zum Beispiel über das Aussehen, soll denn auch bei einem ersten Treffen nach fünf Jahren existieren, wenn man sich eh die vergangenen 5 Jahre auf Facebook, StudiVZ und Ähnlichem gegenseitig gestalked hat?

  • Der Gedanke, der Tod eines C-Promis würde einem als Einzige/r nahe gehen

    Die Träne im Knopfloch für Anna Nicole Smith fühlt sich plötzlich doch nicht mehr so befremdlich an, hat man erstmal realisiert, dass es tausenden Menschen rund um den Globus genauso geht. Mit dieser Gewissheit kann man sich dann voll und ganz diversen Tribute Videos auf YouTube (Irgendwas von Enya + die ersten 100 Bildersuchergebnisse für die betroffene Person + alle verfügbaren Überblendeffekte) und Dergleichen hingeben.

  • Unentdeckte Talente
    For Those About To Rock ... We Salute You
    [Foto: Anton Kawasaki]

    Unentdeckt ist vielleicht das falsche Wort dafür, denn das können sie schließlich auch für den Rest des Lebens bleiben. Aber dennoch war es noch nie so einfach für junge schaffende Künstler, welcher Richtung auch immer, trotz Abgeschiedenheit in irgendeinem Dorf mitten im Wald fernab jeglicher Popkultur, sich der Welt mitzuteilen.

    Allerdings gibt es hier noch eine weitere Ebene. Folgendes Szenario: Man entdeckt durch Zufall eine dieser kleinen Bands weit weg vom Schuss. Die Musik gefällt so sehr, dass sie in den auserwählten Kreis der Lieblingsbands aufgenommen wird. Nur hat diese Band aber die Besonderheit, dass man sie selbst entdeckt hat und sie sonst noch absolut Niemand kennt. Und genau an diesem Punkt kommt die Ernüchterung. Tippt man einmal den Bandnamen in eine Suchmaschine ein, gibt es gleich mehrere Tausend Suchergebnisse: Musikblogs, geführt von Herren mit schmalen Schnauzbärten und noch schmaleren Hosen, die diesen besonderen Coolnessbonus der Entdeckung für sich beanspruchen, da sie die meisten Bands eh schon hören, bevor sie überhaupt existieren.

  • Videotext

    Sport auf der 200, Programm auf der 300 und Nachrichten auf der 110. 3 Ziffern als Schlüssel zu sämtlichem Weltgeschehen, gekürzt auf wenige Zeilen in pixeligen Buchstaben. Mit dem langsamen Aussterben des Videotexts bricht womöglich auch einer der am meisten unterschätzen, kreativen Arbeitszweige weg. Oder habt ihr euch jemals gefragt, wer eigentlich versucht, nackte Frauen aus wenigen Bildpunkten zu kreieren, welche potentielle Kundschaft derart erregen sollen, dass sie tatsächlich bei einer Telefonsex-Hotline anrufen.

    Des Weiteren dürfte der Videotext auch die mitunter bedeutendsten Horte der Einsamkeit bieten: SMS-Chats. Vielleicht entwickelt sich ja auch eines Tages mal eine Art Sport daraus, Bewerbungsgespräche ausschließlich mit Videotext-Werbesprüchen von Faxabruf-Beratungen zu führen. Und noch so eine Frage, die sich mir bis Heute noch nicht erschlossen hat: Wer ruft eigentlich bei Videotext-Telefonvotings an und stimmt (bei einem Preis von 49 Cent pro Anruf) für »Mir egal«? Und überhaupt: Entstehen Wurmlöcher oder Dergleichen, wenn man Videotext im Internet bedient?

    Aber aufgepasst! RTL und Philips arbeiten an einer neuen Form des Teletexts. Ein neuer, schnellerer, besserer, bunterer Videotext — der erste Sargnagel für das Internet?