Frank Schirr­ma­cher brauchte nur einen ein­zi­gen iro­ni­schen Satz, um deut­lich zu machen, wie wenig erstre­bens­wert eine Zukunft ist, in der es keine Zei­tungs­ver­lage mehr gibt, son­dern in der »Kon­sum­her­stel­ler ihre eige­nen Nach­rich­ten produzieren«:

Wir freuen uns schon, wenn Apple über die Arbeits­be­din­gun­gen in China berich­tet oder Coca-Cola über die Seg­nun­gen der Globalisierung.

Ja, das ist ein guter Test für die Qua­li­tät, für die Zuver­läs­sig­keit und Ver­trau­ens­wür­dig­keit eines Medi­ums: Wie es mit The­men umgeht, die es selbst betreffen.

Die deut­schen Zei­tun­gen ver­sa­gen gerade in spek­ta­ku­lä­rer Weise bei die­sem Test. Sie demons­trie­ren jedem, der es sehen will, dass sie uns im Zwei­fel nicht zuver­läs­si­ger infor­mie­ren, als es irgend­ein daher­ge­lau­fe­ner ame­ri­ka­ni­scher Kon­sum­her­stel­ler täte.

Es ist eine bit­tere Iro­nie, dass sie die­sen Beweis im Kampf für ein Gesetz lie­fern, des­sen Not­wen­dig­keit sie im Kern damit begrün­den, dass sie als zuver­läs­sige Infor­man­ten der Bür­ger unver­zicht­bar und uner­setz­bar sind.

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Am Don­ners­tag lobte die FAZ in einem Arti­kel den »vir­tuo­sen Eier­tanz«, den die »New York Times« gerade in ihrer Bericht­er­stat­tung über die Skan­dale bei der BBC voll­bringt. Mark Thomp­son, der darin ver­wi­ckelte frü­here Gene­ral­di­rek­tor der BBC, ist näm­lich seit kur­zem Vor­sit­zen­der der Geschäfts­füh­rung der »New York Times«. »Dem ame­ri­ka­ni­schen Ver­ständ­nis von jour­na­lis­ti­scher Objek­ti­vi­tät ent­spricht es«, staunte FAZ-Korrespondent Patrick Bah­ners, »dass ein Pres­se­or­gan eigene Ange­le­gen­hei­ten in glei­cher Form dar­stellt wie die Geschäfte Dritter.«

Mei­nem Ver­ständ­nis von jour­na­lis­ti­scher Objek­ti­vi­tät hätte es ent­spro­chen, wenn die deut­sche Presse ver­sucht hätte, ihre Leser fair, umfas­send und zutref­fend über das geplante Leis­tungs­schutz­recht für Ver­lage zu infor­mie­ren. Ich hätte es für selbst­ver­ständ­lich gehal­ten, sich darum zu bemü­hen, dass die nach­richt­li­che Bericht­er­stat­tung in eige­ner Sache bzw. über einen unmit­tel­ba­ren Kon­kur­ren­ten oder Geg­ner ganz beson­ders unan­greif­bar ist.

Auf der Grund­lage einer sol­chen aus­ge­wo­ge­nen, sach­li­chen Dar­stel­lung könn­ten die Redak­tio­nen dann natür­lich Kom­men­tare ver­öf­fent­li­chen, in denen sie für die eigene Posi­tion wer­ben, die anschei­nend mit der ihrer Ver­le­ger iden­tisch ist (auch wenn ich mir als Leser ver­mut­lich trotz­dem wün­schen würde, dass sie ohne den Kniff aus­kä­men, das kon­kur­rie­rende Unter­neh­men gleich als einen Agen­ten Ame­ri­kas zu dämonisieren).

Mei­nem Ver­ständ­nis von gutem Jour­na­lis­mus hätte es ent­spro­chen, die Gegen­seite min­des­tens so aus­führ­lich zu Wort zu kom­men wie die eigene Seite, und zum Bei­spiel Gast­kom­men­tare nicht aus­ge­rech­net von denen schrei­ben zu las­sen, die ohne­hin mei­ner Mei­nung sind. Das wäre kein Zei­chen von Maso­chis­mus, son­dern von Selbst­be­wusst­sein. Und es würde beim Leser offen­siv den mög­li­chen Ver­dacht aus­räu­men, dass man ihm in einer sol­chen Situa­tion abwei­chende Mei­nun­gen oder unlieb­same Tat­sa­chen ver­schweigt, wie man es offen­bar von Apple und Coca-Cola erwar­ten muss.

(Dass das nicht aus­schließt, sich kri­tisch mit Google und sei­nen höchst beun­ru­hi­gen­den Geschäfts­prak­ti­ken aus­ein­an­der­zu­set­zen, ver­steht sich von selbst.)

Statt­des­sen haben sich weite Teile der deut­schen Presse dafür ent­schie­den, Pro­pa­gan­da­or­gane in eige­ner Sache zu sein. Sie sehen es als ihre Auf­gabe, dazu bei­zu­tra­gen, dass sie ihr Leis­tungs­schutz­recht bekom­men. Sie sehen es nicht als ihre Auf­gabe, die Bür­ger gut zu informieren.

Nun kann man mir natür­lich Nai­vi­tät vor­wer­fen, dass ich etwas ande­res erwar­tet hatte. Das ändert aber am Ergeb­nis nichts: Die deut­schen Zei­tun­gen haben genau den Test nicht bestan­den, anhand des­sen die Untaug­lich­keit mög­li­cher Ersatz-Verleger wie Apple und Coca-Cola dar­ge­stellt wer­den sollte. Sie haben ihre eige­nen Leser ver­ra­ten, als wür­den sie die nicht mehr brau­chen, wenn sie nur Google besie­gen könnten.

Es fin­det keine kri­ti­sche Bericht­er­stat­tung statt über die Verleger-Kampagne und ihre Lobby-Arbeit, über die U-Boote, die in die Debatte geschmug­gelt wer­den, über die wür­de­lose Pra­xis, dass Chef­re­dak­teure zu nicken­den Stich­wort­ge­bern ihrer eige­nen Geschäfts­füh­rer wer­den, über das erbärm­li­che Agie­ren des frü­he­ren Jour­na­lis­ten Chris­toph Keese, der in die­ser Sache als Spre­cher der gesam­ten deut­schen Ver­lags­bran­che auf­tritt und sich offen­bar ent­schlos­sen hat, dass die Wahr­heit in die­sem Kampf nicht sein Ver­bün­de­ter ist.

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Neu­lich habe ich die Journalismus-Krisen-Berichterstattung der »Zeit« kri­ti­siert und als »Wohl­fühl­jour­na­lis­mus« bezeich­net. In sei­ner Erwi­de­rung ver­tei­digte Chef­re­dak­teur Gio­vanni di Lorenzo nicht nur aus­drück­lich einen sol­chen »Wohl­fühl­jour­na­lis­mus«. Er beschwerte sich zudem:

Man könnte ja auch sagen, dass wir weni­ger für die ZEIT, son­dern für die ganze Bran­che eine recht ordent­li­che Titel­ge­schichte hin­be­kom­men haben.

Ja, das hätte man auch sagen kön­nen. Ich wollte das aber nicht sagen, weil das nicht meine Mei­nung ist. Ich fand, es ist keine recht ordent­li­che Titel­ge­schichte geworden.

Bestür­zend an di Loren­zos Satz finde ich nicht nur, dass sich ein lei­ten­der Jour­na­list so nach Zustim­mung sehnt. Bestür­zend finde ich vor allem den Ver­such einer dop­pel­ten Ver­ein­nah­mung: Dass die »Zeit« da etwas für die ganze Bran­che geleis­tet hätte. Und dass ich das dann als Ange­hö­ri­ger die­ser Bran­che doch bitte zu schät­zen hätte.

Offen­kun­dig ist der »Zeit«-Chefredakteur in der Bran­che nicht allein mit dem Wunsch, den ich aus sei­nen Tex­ten her­aus­lese: Dass die Zei­tun­gen und der Jour­na­lis­mus von Kri­tik mög­lichst ver­schont wer­den sol­len. Er sug­ge­riert, dass es etwas Unan­stän­di­ges und Selbst­zer­stö­re­ri­sches ist, wenn aus­ge­rech­net Zeitungs-Mitarbeiter und Jour­na­lis­ten diese Kri­tik üben.

Dahin­ter steckt womög­lich der Gedanke, dass wir Jour­na­lis­ten ein­an­der in die­sen schlech­ten Zei­ten gegen­sei­tig scho­nen müs­sen. Dass wir zusam­men­rü­cken sol­len, zusam­men­hal­ten, gegen Google, zum Bei­spiel. Dass die Lage zu schlecht ist, um sich eine kri­ti­sche Beschäf­ti­gung mit sich selbst und eine wahr­haft unab­hän­gige Bericht­er­stat­tung über die eige­nen The­men leis­ten zu können.

Das Gegen­teil ist rich­tig. Jour­na­lis­mus hat nur dann eine Chance zu über­le­ben, unter wel­chen Rah­men­be­din­gun­gen auch immer, wenn die Men­schen ihn für unver­zicht­bar hal­ten. Wenn sie davon über­zeugt sind, dass sie ihm trauen kön­nen, auch und gerade dann, wenn es um The­men geht, die ihn selbst betreffen.

Der »New York Times«-Leser, der bemerkt, wie­viel Mühe sich das Blatt gibt, ihn trotz der Ver­wick­lung des eige­nen Chefs zuver­läs­sig über den BBC-Skandal zu berich­ten, der wird die­sem Blatt zutrauen, sich grund­sätz­lich darum zu bemü­hen, ihn gut zu infor­mie­ren. Der ist im Zwei­fel sogar bereit, für einen sol­chen Jour­na­lis­mus Geld aus­zu­ge­ben und für seine Exis­tenz zu kämpfen.

Ich finde das nahe­lie­gend und keine ame­ri­ka­ni­sche Eigen­art. Die deut­sche Presse aber scheint gerade zu jeder Unwahr­heit bereit, um zu bewei­sen, wie wahr­haf­tig ihre Bericht­er­stat­tung ist. Sie beteu­ert mit maxi­ma­ler Ein­falt ihre Vielfalt.

Der Kol­lege Richard Gut­jahr bringt es auf die tref­fende For­mel:

Jour­na­lis­mus. War das nicht genau das, was uns von Google unterscheidet?

Ich habe mich sel­ten so unwohl gefühlt, Mit­glied die­ser Bran­che zu sein.