Vom Blog­gen bin ich sehr ent­täuscht. Nicht von der Mög­lich­keit, aber von der Qua­li­tät. (…) Die bür­g­er­ei­gene Bericht­er­stat­tung wird den Lokal­jour­na­lis­ten nie­mals ersetzen.

Bodo Hom­bach, Geschäfts­füh­rer der WAZ-Mediengruppe

Die »West­deut­sche All­ge­meine Zei­tung« hat im Kem­na­der See süd­lich von Bochum ein Kro­ko­dil ent­deckt. Aber es ist nicht das da oben. Es ist das hier:

Nein, nicht das Weiße; das ist bloß der Pfeil, der auf das Kro­ko­dil zeigt. Ich zeig Ihnen das Tier mal in groß:

Das, äh, beein­dru­ckende Foto hat ein Volon­tär der Zei­tung gemacht, der beim Inline-Skaten mit sei­ner Freun­din um den See das Tier gese­hen haben will, und die WAZ nutzt die Gele­gen­heit, ihm und der stau­nen­den Öffent­lich­keit zu zei­gen, was die­ser Qua­li­täts­jour­na­lis­mus ist, von dem man neu­er­dings immer so viel hört — und wie viel pro­fes­sio­nelle Jour­na­lis­ten aus so ein biss­chen Stoff machen können.

Irgend­ein Ama­teur hätte das Han­dy­foto ver­mut­lich ein­fach bei Twit­pic hoch­ge­la­den mit der Unter­schrift: »Heute am Kem­na­der See Baum­stamm Kro­ko­dil ent­deckt«. Oder als Leser­foto an »Bild« geschickt, die nach ein­ge­hen­der Prü­fung fest­ge­stellt hät­ten, dass es sich nicht um ein Kro­ko­dil han­delt, son­dern ein Alien.

Bei der WAZ aber wurde rich­tig recher­chiert. Der Volon­tär sprach für sei­nen oben zu sehen­den gro­ßen Arti­kel mit einem Mann vom Bochu­mer Tier­park, einer Frau vom Frei­zeit­zen­trum Kem­nade, der Poli­zei und einer Frau, die mit ihrem Hund in der Nähe Gassi ging. Zwar hatte nie­mand das Tier gese­hen oder gehört, dass irgend­je­mand anders das Tier gese­hen hätte, aber aus den Spe­ku­la­tio­nen, was denn wäre, wenn es es gäbe, und der all­ge­mei­nen Ahnungs­lo­sig­keit lie­ßen sich erstaun­lich ver­wir­rende Absätze wie die­ser bauen:

Frag­lich, ob es sich bei dem Kro­ko­dil um ein arten­ge­schütz­tes Exem­plar han­delt. »Wenn es ein Kai­man ist (so sieht es nach der Beschrei­bung aus), dann wäre er arten­ge­schützt«, sagt Wer­ner. Häu­fig seien aber die Hal­ter mit nicht­ar­ten­ge­schütz­ten Exem­pla­ren über­for­dert. Er erin­nert an die Mül­hei­mer Gift-Cobra. »Lei­der gibt es keine Beschrän­kun­gen wie bei Hunden.«

Ein wei­te­rer Arti­kel des Volon­tärs im Online-Angebot der WAZ stellte klar, dass Kro­ko­dile eher scheu und Men­schen vor Angrif­fen sicher seien — ver­wir­ren­der­weise stand diese Ent­war­nung unter Über­schrift »Kai­man macht Kem­na­der See bei Bochum unsi­cher«.

Dann über­nah­men zwei WAZ-Kollegen die Bericht­er­stat­tung. Außer dem Volon­tär und sei­ner Freun­din hatte zwar immer noch nie­mand das Tier gese­hen, aber nun konn­ten sie titeln: »Ein Kai­man sorgt am Kem­na­der See für Auf­re­gung«. (Tref­fen­der wäre natür­lich gewe­sen: »WAZ sorgt am Kem­na­der See für Auf­re­gung«). Die WAZ will nicht aus­schlie­ßen, dass da gar kein Kai­man oder Kro­ko­dil war, warnt aber vor vor­ei­li­gen Schlüs­sen: Wenn ich es rich­tig ver­stan­den habe, wäre gerade die Tat­sa­che, dass das Tier von nie­man­dem mehr gese­hen wurde, ein Indiz für seine Exis­tenz, denn Kai­mane sind bekannt dafür, sich zu ver­ste­cken. (Ufo­lo­gen kön­nen hier noch was lernen.)

Außer mit dem Volon­tär und sei­ner Freun­din sprach die WAZ nun mit einem Schä­fer, dem Geschäfts­füh­rer der Kem­nade GmbH, einem Kapi­tän, einer Anbie­te­rin von Kanu­tou­ren, noch­mal der Poli­zei und dem Fach­arzt der Mün­che­ner Auf­fang­sta­tion für Rep­ti­lien, von dem die Jour­na­lis­ten erfuh­ren, dass sich aus­ge­wach­sene Kai­mane »von Was­ser­schwei­nen, Nagern und Affen, die am Ufer trin­ken« ernäh­ren. (Ob das Feh­len von trin­ken­den Affen am Ufer des Kem­na­der Sees ein Indiz für die Exis­tenz des Kro­ko­dils ist, ließ der Text offen.) Nie­mand hatte das Tier gese­hen, was die WAZ mit vie­len auf­ge­reg­ten Aus­ru­fe­zei­chen vermeldete.

Auch bei der Bochu­mer Poli­zei sind noch keine Hin­weise ein­ge­gan­gen — bis heute nicht. Dabei gehört zum Poli­zei­prä­si­dium Bochum durch einen glück­li­chen Zufall auch die Poli­zei­in­spek­tion Wit­ten, so dass beide Ufer­sei­ten des Sees abge­deckt sind. Oder wie Pres­se­spre­cher Vol­ker Schütte sagt: »Der See ist fest in unse­rer Hand!« Der Fall macht »immens Arbeit«, sagt er, nicht wegen tat­säch­li­cher Poli­zei­ar­beit, son­dern wegen der Medi­en­an­fra­gen, die nach dem ers­ten WAZ-Artikel »im Minu­ten­takt« kamen, u.a. von »Bild« und RTL.

Beson­ders groß stieg aber der WDR in die Bericht­er­stat­tung ein und berich­tete nicht nur in sei­ner »Lokal­zeit Ruhr« über das mög­li­che Tier im See, son­dern kam auch über­re­gio­nal in der »Aktu­el­len Stunde« sei­nem Infor­ma­ti­ons­auf­trag nach — samt Live-Schaltung zu einer Repor­te­rin vor Ort:


Die kri­ti­sierte, dass der Gesuchte »Kai« hei­ßen solle und nicht »Kemni«, konnte ihn aber auch nicht selbst nach sei­nem Namen fra­gen, weil sie ihn nicht gese­hen hatte. Sie äußerte sogar Zwei­fel, dass er über­haupt exis­tiert, berich­tete aber von vor Ort, dass die meis­ten Men­schen dort dem Thema »keine große Auf­merk­sam­keit wid­men« (ganz im Gegen­satz also zum WDR).

Den WAZ-Schwesterblättern »Neue Ruhr-Zeitung« (oben) und »West­fä­li­sche Rund­schau« (rechts) war die sen­sa­tio­nelle Geschichte sogar Platz auf den Titel­sei­ten wert. Und auf ihrer Szene-Seite fragte die WAZ im »Quiz des Tages«:

Im Kem­na­der Stau­see wurde ein Kai­man gesich­tet. Zu wel­cher Fami­lie gehö­ren Kaimane?

a) Nil­pferde
b) Haie
c) Krokodile

(Die nahe­lie­gende Ant­wort­mög­lich­keit »d) Enten« fehlt.)

Doch im gemein­sa­men Online-Angebot der WAZ-Zeitungen wuss­ten viele Kom­men­ta­to­ren den auf­op­fe­rungs­vol­len Ein­satz der Jour­na­lis­ten nicht zu schät­zen. Einer wies dar­auf hin, dass die Kaiman-Entdecker »zuerst sei­nen gro­ßen gel­ben Bauch, der im Was­ser platscht« gese­hen haben wol­len und stellte die berech­tigte Frage, ob das Tier Rücken­schwim­mer sei. Ein ande­rer schrieb, er habe sich »heute zum ers­ten mal echt geschämt, die­ses Blatt [die WAZ] aus­zu­tra­gen«, und schlug vor:

Die ein­zige Mög­lich­keit jetzt noch mit Anstand aus der Sache raus­zu­kom­men, sich bei den Lesern ent­schul­di­gen (wird einem ja sel­ten so klar­ge­macht für WIE doof man gehal­ten wird), oder sel­ber ein Kro­ko­dil am See aussetzen.

Ver­gleichs­weise kon­struk­tiv erscheint hin­ge­ge­gen fol­gen­der Kom­men­tar (der mög­li­cher­weise inzwi­schen gelöscht wurde, ich finde ihn jeden­falls nicht wieder):

Ich würd sagen: Kem­na­der­see weit­räu­mig absper­ren. Drei Meter hohe Zäune auf­stel­len, die A43 sper­ren und um ganz sicher zu gehen, auch den Luft­raum dicht machen.

dann das Was­ser des Sees abpum­pen und das Tier mit einem 1000 Mann star­ken Such­m­an­schaft in einen Hin­ter­halt drängen.

Doch die Kai­man­ka­ra­wane war schon wei­ter gezo­gen. Die WAZ berich­tet in einem wei­te­ren Arti­kel, das »Kro­ko­dil vom Kem­na­der See« sei nun von einem Leser im Hat­tin­ger Teil der Ruhr gese­hen wor­den, »in Höhe der Gast­stätte ›Zum Deut­schen‹«. Das wäre rund zwölf Kilo­me­ter fluss­ab­wärts und ein biss­chen unglück­lich für das Bochu­mer Foto­stu­dio, das in der Zwi­schen­zeit 250 Euro für das beste Kaiman-Foto aus­ge­setzt hatte, wie die WAZ mel­dete. Auch aus dem Zustän­dig­keits­be­reich der Bochu­mer Poli­zei wäre das Phan­tom­rep­til damit her­aus. Wobei deren Spre­cher Schütte nicht voll­stän­dig aus­schlie­ßen will, dass es Tier tat­säch­lich gibt. Nur habe sich bis­her nie­mand bei der Poli­zei gemel­det, was Schütte schon bei der Erst­sich­tung durch den WAZ-Volontär ein biss­chen erstaun­lich fand: »Wenn ich was in der Form erlebe, rufe ich 110 — und warte nicht einen Tag, um es dann in die Zei­tung zu schreiben.«

Der neue ver­meint­li­che Augen­zeuge jeden­falls berich­tet nun:

»Da waren zwei Höcker in der Mitte des Flus­ses – Holz kann es nicht gewe­sen sein, das schwimmt am Rand.«

Doch auch von die­sen über­wäl­ti­gen­den Bewei­sen lie­ßen sich ein­zelne Laien in den Kom­men­ta­ren nicht überzeugen:

Wenn er zwei Höcker im Fluss gese­hen hat, dann könnte es aber auch ein Kamel gewe­sen sein.….……oder Pamela Anderson.……

Das ist das Elend mit die­sem Qua­li­täts­jour­na­lis­mus: Die Leute wis­sen ihn ein­fach nicht zu schätzen.