
— 28. Februar 2010

Das Gute an der Sache war, dass man endlich einmal erfuhr, wie das eigentlich aussieht, was Frau Käßmann da überfahren hatte: eine „rote” „Ampel”. Der Fernsehsender n-tv hatte Filmaufnahmen von mehreren Exemplaren aufgetan und zeigte sie viele Dutzend Mal in einer Dauerschleife, zusammen mit Archivbildern von Autos, Polizisten, anderen Autos, anderen Polizisten und einer Szene, bei der jemand der Bischöfin ein Glas Wasser eingießt. Aufgrund einer Panne konnte n-tv am Mittwoch nicht live die Rücktritts-Pressekonferenz übertragen. Also schaltete der Sender nach Berlin statt nach Hannover und ließ dort Heiner Bremer in seiner gewohnt rostigen Art spekulieren, was Käßman wohl „gleich in der Pressekonferenz” tun wird, die längst auf N24 und Phoenix lief.
Nun erweckt der Rumpelsender schon an guten Tagen den Eindruck, man hätte vielleicht ein halbwegs ordentliches Nachrichtenprogramm machen können, wenn bloß nicht dauernd die Nachrichten dazwischen gekommen wäre. Dieses endlose Nichts aber hatte selbst für n-tv-Verhältnisse eine eigene Qualität. Bremer mutmaßte hinter dem Rücktritt einen Racheakt von Scheidungsgegnern in der Kirche und meinte, Käßmann hätte als Alkoholsünderin „glaubwürdiger vor Alkohol warnen können”. Moderatorin Petra Schwarzenberg analysierte ähnlich steil: „Der Schuss ist nach hinten losgegangen: Sie wollte Reue zeigen, und gleichzeitig bedauern jetzt alle den Verlust.” Expertenimitator Jo Groebel erklärte, es sei „von außen ganz schwer zu beurteilen”, ob der Rücktritt notwendig war, aber „wir werden’s ja gleich hören”, und man könne gar nicht spekulieren, wer Käßmann jetzt folgen werde, aber: „Wahrscheinlich eine moderatere Persönlichkeit.” Der n-tv-Internetreporter berichtete, dass es bei Twitter unterschiedliche Meinungen zum Thema gebe.
Nach zwanzig Minuten, in denen die Moderatorin um ebenso viele Jahre gealtert war, stand endlich die Leitung nach Hannover. Der Reporter berichtete live aus dem Raum, in dem Käßmann gerade ihren Rücktritt erläutert hatte, ihre Stimme sei „brüchig” gewesen. Petra Schwarzenberger sagte dann zu ihm: „Sie haben ja sicher schon Reaktionen der Bürger in Hannover eingefangen, bevor die Mitteilung bekannt war.” Und er erwiderte: „Die Reaktionen davor werden genau so sein wie sie jetzt auch sein werden: gespalten”. Es war wieder Alltag eingekehrt bei n-tv.







(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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— 21. Februar 2010
Von mir aus könnte das ewig so weitergehen mit diesem Olympia. Ungefähr immer, wenn ich gucke, läuft gerade Curling, eine Sportart, die von den Kommentatoren reflexartig „Schach auf Eis” genannt wird, obwohl ich „Mühle auf Haschisch” treffender fände. Die hypnotische Wirkung als Fernsehsendung, gerade in der Dämmerphase kurz vor dem Einschlafen, liegt irgendwo zwischen den „schönsten Bahnstrecken der Welt”, die die ARD sonst anstelle der nächtlichen Olympia-Sendungen abfährt, und einer Liveübertragung vom Trocknen frisch aufgetragener Farbe, und ich meine das positiv.
Sympathisch am Curling ist schon, wie sehr es sich den üblichen Inszenierungsmustern olympischer Spiele im Fernsehen entzieht. Mag zum Beispiel sein, dass diese Schrubber Hochpräzisionsgeräte sind, die durch technischen Fortschritt den Sport immer wieder in neue Dimensionen führen – aber dass eine ernsthafte, skandalträchtige oder gar stammtischtaugliche Diskussion wie um die Wunder-Bindung der Schweizer Skispringer ausbricht, ist dann doch eher unwahrscheinlich. Dramatische Slow-Motion-Aufnahmen sind unnötig, weil der Wettbewerb selbst freundlicherweise schon in Zeitlupe stattfindet. Gelegentlich versuchen die Fernsehleute, die Höhepunkte einer Partie trotzdem zu den klassischen Collagen mit whitneyhoustonesker Musik zusammenzuschneiden – aber da sieht man dann nur, wie Leute, die auch gerade aus dem Kegelclub in der Eckkneipe dahin geschlendert sein könnten, auf dem Eis knieen und Grimassen schneiden, die vermutlich die Curlingsteine einschüchtern sollen, und das wirkt entsprechend unangemessen.
Ich schreibe das natürlich aus der Perspektive pubertärer Ignoranz, die aber ganz angenehm ist beim entspannten Zuschauen und sich auch nicht so groß von den Fachkenntnissen der Fernsehkommentatoren zu unterscheiden scheint. Die Grundregeln sind in 20 Sekunden erklärt, obwohl sich die Sprecher alle Mühe geben, den Mythos einer verborgenen Komplexität aufzubauen und sie deshalb alle 30 Sekunden wiederholen. Und wenn sich die Kommentatoren mal nicht darauf beschränken, das zu beschreiben, was man eh sieht, sondern vorherzusagen, welche Strategie der Skip (!) als nächstes anwenden wird, kann man darauf wetten, dass der Mann oder die Frau das Gegenteil tut (woraus sich auch ein schönes Trinkspiel machen ließe, wenn das nicht viel zu anstrengend wäre).
Neulich ist einer der Wischer ausgerutscht. Ist aber nichts passiert.
(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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— 3. Januar 2010

Foto: Sat.1
Für Adeline, die siebenjährige Tochter des Schlagersängers Michael Wendler, ist so eine Doku-Soap über ihre Familie eine feine Sache. Sie wird sich in zwanzig Jahren viele Analysestunden sparen können, indem sie ihrem Therapeuten einfach die Videos zeigt. Die Szene zum Beispiel, in der sie in der eher zum Putzen als zum Kochen genutzten Küche einen Becher Kakao verschüttet, und ihre Mutter reagiert, als seien dem Kind auf dem Weg zur Schule drei Uranbrennstäbe aus dem Tornister gefallen. Dann kommt die Großmutter hinzu, markiert mit spitzen Fingern alle drei kleinen Kakao-Pfützen und ruft eine ganze „Wie konnte DAS denn passieren?”-Frage der Mutter lang „Iiiieh”. Dass die Mutter sogar noch ein zweites Küchentuch zum Wegwischen braucht, veranlasst Oma zu der Bemerkung, dass sie, solange sie ein Kind habe, nie zur Ruhe kommen werde. Adeline stellt nun die durchaus angemessen erscheinende Frage, warum ihre Mama sie überhaupt zur Welt gebracht habe, wenn sie sie gar nicht wolle, und Oma gibt sich ein bisschen zu viel Mühe, ihr beim Über-die-Haare-Streicheln zu erklären, sie sei doch ein „Wunschkind” gewesen.
Das ist das Aufregendste, das in den ersten 45 Minuten der sechsteiligen Serie „Der Wendler-Clan” passiert, die Sat.1 ab heute sonntags um 19 Uhr zeigt. Das Zweitaufregendste ist, wie sich Wendler darüber ärgert, dass ein Kollege ihn auf offener Bühne in Bottrop gefragt hat, ob er mit dem Hubschrauber, dem Lamborghini oder dem 600er Mercedes angereist sei – aus bloßem Neid, wie Wendler meint. (Könnte natürlich auch etwas damit zu tun haben, dass das eine, das Wendler noch mehr mag als den Disco-Fox und sich selbst, das Rumprotzen mit Reichtümern ist. In Oberlohberg, dem unsympathischen Teil Dinslakens, steht ein Baustellenschild: „Hier baut Michael Wendler, der König des Popschlagers, sein Märchenschloss.”)
Er ist ein Phänomen, vor allem in seiner ungebrochenen Begeisterung für sich selbst, die gleichzeitig so befremdlich und beneidenswert ist, dass man sie ihm nicht einmal richtig übel nehmen kann (solange er nicht singt). Als niedliche Figur aus einem Gruselkabinett hat er dem Fernsehen sogar schon unerwartete (und teils unfreiwillige) Glanzminuten beschert, im „perfekten Promi-Dinner” etwa und bei Ina Müller. Aber von dieser biederen und sehr gespielt wirkenden Doku-Soap bleibt bestenfalls eine Redensart: In Dinslaken ist ein Becher Kakao umgefallen.
(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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— 13. Dezember 2009
Quote ist alles. Wie sich RTL immer mehr zum Freaksender entwickelt.
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Es gab eine Zeit, da machte Tine Wittler den Menschen ihre Wohnungen schön. Sie ließ die Wände streichen, brachte Möbel und bunte Vorhänge mit, stellte Schränke um und arrangierte neue Kissen und alte Fotos. Gut sechs Jahre ist das erst her, dass „Einsatz in vier Wänden” so begann. Dann wechselte die Show ins Abendprogramm von RTL und übernahm in einer Sendestunde die Renovierung eines ganzen Hauses. Und wenn sie heute in Doppelfolgen „das Messiehaus” oder „den Schrotthof” rettet, dann sind nicht nur die Gebäude Härtefälle.
Im „Horrorhaus”, einem „Haus, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt”, wie der Sprecher erklärt, lebt eine traumatisiert wirkende Familie zwischen Kot und Ungeziefer. Und mit Onkel Helfried, einem „arbeitslosen Klauenschneider”, der sammelsüchtig ist. Knochen, Geweihe, Felle und Tierschädel schleppt er ins Haus. Der Mann scheint, zumindest in der Inszenierung von RTL, schwer gestört. Als Tine Wittler die Familie am Ende durch ihr neues Haus führt, einen bizarr deplaziert wirkenden Möbelhaustraum, und er wie ein Alm-Öhi Beleidigungen vor sich hinbrummelt, rastet die „Wohnexpertin” aus, beschimpft ihn als „Stinkstiefel” und lässt die abrupte versöhnliche Umarmung durch den schmuddeligen Mann über sich ergehen, als könnte er sie jeden Moment erwürgen.
Aus der Einrichtungssendung ist eine Freakshow geworden. Und aus RTL ein Freaksender.
In diesen Wochen deklassiert RTL die Konkurrenz wie seit Jahren nicht. Die steigenden Quoten gehen fast ausschließlich auf das Konto einer konsequenten Freakisierung: das Ausstellen seltsamer, beschränkter, verrückter, wahnsinniger Menschen.
RTL widerspricht dem natürlich, verweist auf sein vielfältiges Sendeangebot, auf Qualitätsserien wie „Dr. House” und Prestigeprojekte wie den Zweiteiler über die Hindenburg-Katastrophe, der gerade in Köln gedreht wird. Aber es sind nicht „Dr. House” oder „Wer wird Millionär”, die gerade alle Rekorde brechen. Es sind alle Formen von Freakshows.
An manchen Montagen sehen achteinhalb Millionen Leute zu, wie sich von RTL gecastete Bauern lächerlich machen (oder von RTL lächerlich gemacht werden). Die Dokusoap lebt davon, dass ein erheblicher Teil des Personals bizarr vertrottelt wirkende Menschen sind, und wenn einer nicht so gut singen kann, stellt der Sender ihn auf eine große Bühne, damit es auch jedem auffällt. „Schwiegermuttertochter gesucht” funktioniert nach demselben Prinzip, gerne auch mit erwachsenen Männern, die sich noch mit ihren Müttern ein Bett teilen, und Teilnehmern, bei denen man sich bei der schlimmen Frage ertappt, ob sie nicht ins Heim gehören statt ins Fernsehen.
Auch der Erfolg von „Das Supertalent” basiert nicht zuletzt darauf, dass es in Teilen keine Talent-, sondern eine Freakshow ist. Hilflos zurechtgemachte Menschen, die mindestens an einer grotesken Fehleinschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten leiden, unterhalten durch ihr Scheitern auf großer Bühne das Publikum. Den Leuten im Saal hat die Produktionsfirma sogar eine angemessene Reaktion beigebracht: Sie drehen sich mit dem Rücken zu den Freaks auf der Bühne und machen unter Buh-Rufen eine Daumen-runter-Geste. Irgendwie sinnbildlich schaffte es „Mr. Methan” ins Halbfinale, eine grün maskierte Witzfigur, die schon 1996 bei RTL zur Musik furzte, und pupste Moderator Daniel Hartwich einen mit Konfetti gefüllten Luftballon mit einem Pfeil vom Kopf.
Den Nachmittag hat RTL ganz zum Menschenzoo umgebaut. Hier bekommen weiße Ehepaare schwarze Babys, verprügeln fast cartoonhafte Furien ihre Männer, werden Mütter Kriminellen hörig. Wer von diesen Leuten wirklich verrückt ist und wer die Verrückten nur spielt, ist Publikum und Sender offensichtlich egal, in vielen Fällen scheinen einfach Bekloppte Bekloppte zu spielen. Die „Scripted Reality” genannten Formate wie „Verdachtsfälle” und „Familien im Brennpunkt” sind dabei gleich doppelte Freakshows: Das unglaubliche Geschehen ist so unglaublich schlecht gespielt, dass sich der Gruselkitzel noch verstärkt.
Die Zuschauerzahlen sind gigantisch, die Programme billig und niedrigstwertig. Die Shows verlangen immer extremere, abwegigere Charaktere und Geschichten – und abgesehen davon ist dem Publikum alles egal, vor allem, was davon fiktional ist und was real. Ein Verantwortlicher, der sich der Frage nach notwendigen Grenzen stellt, nicht nur im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung, sondern auch des Profils eines Senders, ist nicht zu erkennen.
Wie wenig sich RTL auf eine ernsthafte Diskussion einlässt über das, was das Fernsehen mit den Zuschauern und seinen Protagonisten macht, hat der Fall „Erwachsen auf Probe” in diesem Jahr gezeigt. Das Experiment mit Jugendlichen als Eltern hatte dann zwar schlechte Quoten. Aber vielleicht waren die Freaks und die Konstellation auch einfach nur nicht krass genug.
(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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— 22. November 2009
Es gibt sie noch, die Überraschungen im deutschen Fernsehen.
In der Nacht auf Samstag zeigte RTL ab 1.52 Uhr unerwartet zwei Folgen der bislang ungesendeten letzten Staffel der schönsten Comedyserie, die der Sender je produziert hat: „Mein Leben & ich” mit Wolke Hegenbarth. Angekündigt war für diese Zeit die bizarre Fake-Dokureihe „Verdachtsfälle”, und aus dem offiziellen Programmdienst von RTL im Internet geht bis jetzt noch nicht hervor, dass etwas anderes kam. Nur in den Videotext waren (versehentlich, muss man vermuten) Hinweise durchgesickert, und tatsächlich liefen dann die 62. und 63. Folge von „Mein Leben & ich” (in umgekehrter Reihenfolge natürlich). Weitere neue Folgen könnten in den nächsten Wochen zu sehen sein, teilweise hat RTL sogar schon Termine veröffentlicht (Samstag, 1.55 Uhr, Sonntag, 6.25 Uhr, Mittwoch, 2.20 Uhr), sicher ist nichts.
Selbst für einen Sender wie RTL, der viel Erfahrung damit hat, treue Serienfans zu ärgern, ist der Umgang mit „Mein Leben & ich” spektakulär. Drei Jahre lang lag die sechste Staffel fertig produziert im Schrank. Den Erfolg der Serie, die bei Kritikern und Publikum angekommen war, beendete der Sender, als er die originelle Idee hatte, die fünfte Staffel im Fußballsommer 2006 erst nur halb zu zeigen, aber teilweise parallel zu den WM-Spielen. Als die Geschichte ein halbes Jahr später weiterging, war das Zuschauerinteresse nur noch durchschnittlich.
Ein Sendersprecher erklärte, für eine Ausstrahlung am Hauptabend fehlten dazu passende Sendungen — was völliger Unsinn ist: In diesem Sommer hat RTL etwa am Montagabend erfolgreich Sitcoms gezeigt hat, darunter die Serie „Der Lehrer”, die vorher zwei Jahre im Sendekeller abhängen durfte und die RTL im Doppelpack wegsendete (was bei neun Folgen nicht aufgeht, RTL aber egal war: Die letzte Folge blieb halt ungesendet oder lief, wer weiß es, in Fünf-Minuten-Schnipseln rückwärts zwischen den Sex-Hotline-Spots in der Nacht).
Sie müssen sie wirklich hassen, bei RTL, die letzten Zuschauer, die noch ein paar Restansprüche an ihr Programm haben.
(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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