Medienlexikon: Liveticker

Live­ti­cker, online­jour­na­lis­ti­sche Form, die zuguns­ten des Gefühls, dabei zu sein, auf Kri­te­rien wie Rele­vanz und Erkennt­nis­ge­winn verzichtet.

12:05. Kaf­fee gemacht. Gleich geht es los mit dem Schrei­ben der Kolumne über Live­ti­cker.
12:07. Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramm gestar­tet, neue Datei geöff­net und »Kolumne Live­ti­cker« genannt.
12:08. War­ten auf Inspi­ra­tion.
12:09. Lus­ti­ges YouTube-Video gefun­den und auf Face­book gepos­tet.
12:11. War­ten auf Inspi­ra­tion.
12:58. Puh. Mal nach­se­hen, wie die Kol­le­gen das machen. Am Mitt­woch­abend um sie­ben hat Apple die neue Ver­sion sei­nes erfolg­rei­chen Mobil­te­le­fons vor­ge­stellt. Die Prä­sen­ta­tion wurde nicht direkt live über­tra­gen, son­dern nur über den Umweg der live­ti­ckern­den Jour­na­lis­ten. Um 18.50 Uhr notiert »Die Welt«: »Es sind noch 10 Minu­ten bis zum Start der Apple-Präsentation – und der Kon­zern ist erfah­rungs­ge­mäß sehr pünkt­lich damit.« 18.58 Uhr, Bild.de: »Ankün­di­gung: ›The Event will begin shortly‹! Es geht los!« 19:05 Uhr, sueddeutsche.de: »Apple-Chef Tim Cook hat pünkt­lich die Bühne in San Fran­cisco betre­ten.»
13:10. Da ist sie, die Inspi­ra­tion! Große Pointe ein­ge­fal­len!!
13:11. Doch nicht.
13:55. Anruf aus der Redak­tion, Nach­frage, wo die Kolumne bleibt.
14:02. Zwei­fel an der Idee. Sind im Vor­feld doch zu große Erwar­tun­gen geweckt wor­den? War das nicht alles längst bekannt? Wo ist der Witz?
14:25. Ver­zweif­lungs­tat Recher­che. Nach­le­sen diver­ser »Live­ti­cker« von der Ver­kün­dung des Urteils des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes zum Ret­tungs­schirm. Nicht so wich­tig wie das neue iPhone natür­lich, aber auch nicht ganz unbe­ach­tet. 10.02 Uhr, stern.de: »Die Anwe­sen­den erhe­ben sich. Die Ver­fas­sungs­rich­ter betre­ten den Saal. Es geht los.« 10.26 Uhr, stern.de: »Aus Ver­se­hen sagt Voß­kuhle die Eil-Anträge seien ›begrün­det‹. Gemur­mel. Er kor­ri­giert sich: ›unbe­grün­det‹.« 9.58 Uhr, Spie­gel Online: »Bei Pho­enix heißt es, das Urteil sei 85 bis 87 Sei­ten lang — die Urteils­ver­kün­dung werde wohl bis 11.15 oder 11.30 Uhr dau­ern.»
14:27. Tipp­feh­ler gefun­den und berich­tigt.
14:28. Länge des bis­her Geschrie­be­nen noch ein­mal nach­ge­zählt. Immer noch elf Zei­len zu kurz.
14:55. War­ten auf Inspi­ra­tion.
14:58. Plötz­lich kommt Span­nung auf: Wird der Text recht­zei­tig vor Redak­ti­ons­schluss fer­tig wer­den? Kommt am Ende doch noch ein Knal­ler?
14:59. »Eine Sache noch.»
15:00. Ja, das war dann wohl der Live­ti­cker vom Schrei­ben einer Kolumne über Live­ti­cker. Vie­len Dank für Ihr Inter­esse, wir blei­ben an der Sache dran.

Medienlexikon: Manfred Spitzer

Spit­zer, Man­fred, deut­scher Hirn­for­scher und der Thilo Sar­ra­zin unter den Psych­ia­tern; spricht in der Pose des ein­sa­men Mah­ners aus, was die meis­ten immer schon sagen und mei­nen: Com­pu­ter sind Teufelszeug.

Das Gute an Man­fred Spit­zer ist, dass man sich mit ihm nicht auf das eini­gen kann, auf das sich alle ande­ren sonst immer eini­gen kön­nen. Wie viele Dis­kus­sio­nen über Risi­ken neuer Medien enden mit einem wohl­fei­len gemein­sa­men Appell, mehr für die Medi­en­kom­pe­tenz zu tun, damit junge Men­schen ler­nen, ver­ant­wor­tungs­be­wusst mit Inter­net, Handy, Spiel­kon­sole umzu­ge­hen? Spit­zer aber sagt: »Medi­en­kom­pe­tenz ist ein Unbe­griff«. Wer nach Medi­en­kom­pe­tenz­trai­nings für Kin­der rufe, könne im Kin­der­gar­ten oder der Grund­schule auch gleich den ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang mit Alko­hol trainieren.

Die ein­zige Mög­lich­keit, die Gefah­ren der neuen Medien zu mini­mie­ren, besteht nach Spit­zer darin, uns und unsere Kin­der so voll­stän­dig wie irgend mög­lich davon fern­zu­hal­ten. Das hat im Ver­gleich zum all­täg­li­chen und all­ge­gen­wär­ti­gen Kul­tur­pes­si­mis­mus immer­hin eine fast erfri­schende Radi­ka­li­tät, die sich auch von der damit ver­bun­de­nen Rea­li­täts­ferne nicht beir­ren lässt. Spit­zer beginnt sein neues Buch »Digi­tale Demenz« mit dem Zitat einer Leser­zu­schrift: »Herr Spit­zer, Sie kämp­fen gegen Wind­müh­len — nein, gegen ganze Wind­far­men. Machen Sie bitte wei­ter!« Es ist nicht ganz klar, ob ihm die Iro­nie des Ver­gleichs mit Don Qui­jote bewusst ist.

Ohne­hin lässt sich der größte Gewinn aus der Aus­ein­an­der­set­zung mit Spit­zer und sei­nen The­sen schla­gen, wenn man ihn als als anschau­li­che War­nung vor einer wahn­haf­ten Fixie­rung nimmt. Er ist so über­zeugt vom Ziel sei­ner Argu­men­tion, dass ihm jeder Weg recht ist, es zu errei­chen, egal wie oft er dazu aus der Rea­li­tät abbie­gen muss.

Er ver­gleicht den Medi­en­kon­sum mit dem Auto­fah­ren: Das sei ja auch erst ab 18 erlaubt. Und zwar des­halb, sug­ge­riert Spit­zer, weil nur Erwach­sene in der Lage sind zu erken­nen, dass es schäd­lich ist, nicht zu Fuß zu gehen, und des­halb, wenn sie ver­ant­wor­tungs­be­wusst sind, zwi­schen­durch jog­gen gehen.

Er anti­zi­piert den Ein­wand von Kri­ti­kern, es gebe die von ihm dia­gnos­ti­zierte »Digi­tale Demenz« gar nicht, und pariert ihn dadurch, dass schon eine Google-Suche das Gegen­teil beweise: Dort gebe es tau­sende Tref­fer für den Such­be­griff. Man kann nur hof­fen, dass Spit­zer nie nach »Rosa Ele­fan­ten« googelt.

Medienlexikon: Sissifizierung

Sis­si­fi­zie­rung, Quo­ten­op­ti­mie­rung von Doku­men­ta­tio­nen durch Hof­be­richt­er­stat­tung und flä­chen­de­cken­den Streichereinsatz.

Es gehört zu den vor­nehms­ten Auf­ga­ben des öffentlich-rechtlichen Rund­funks, über Men­schen zu berich­ten, deren Lei­den allzu oft ver­ges­sen wird. Men­schen wie Georg Fried­rich Prinz von Preu­ßen. Ein jun­ger Mann, der tap­fer sein Schick­sal trägt, Urur­en­kel von Kai­ser Wil­helm II. zu sein.

Seine Kind­heit endete »jäh«: Mit »gerade mal 18″ Jah­ren wurde er Chef des Hau­ses Preu­ßen. »Auf sei­nen jun­gen Schul­tern las­ten jetzt Jahr­hun­derte wech­sel­vol­ler Geschichte. Und zum ers­ten Mal in sei­nem Leben muss er ohne den Rat des Groß­va­ters zurecht­kom­men.« Dra­ma­tisch, mit Anteil­nahme und Bewun­de­rung, schil­dert das ZDF am kom­men­den Diens­tag um 20.15 Uhr, wie Georg Fried­rich das Leben als Ade­li­ger in Deutsch­land meis­tert. Lässt ihn erzäh­len, dass man als »Prinz von Preu­ßen« nicht ein­fach zu spät kom­men kann, weil es sonst heißt, er nehme sich was her­aus. Zeigt, wie er den tolls­ten Edel­stein für Mil­lio­nen Euro ver­stei­gern muss. Staunt, wie »beschei­den« der Herr Prinz sich gibt: »Für ihn ist der Titel nur ein Name«, sagt der Spre­cher. Fürs ZDF nicht?

Georgs Frau Sophie, gebo­rene Prin­zes­sin von Isen­burg, schil­dert, wie »boden­stän­dig« ihre Kind­heit im Schloss Birstein war, mit bloß zwei Damen, die koch­ten, wuschen und putz­ten. Eigent­lich hätte sie ganz pri­vat hei­ra­ten wol­len. Aber »schließ­lich gibt das Paar dem öffent­li­chen Drän­gen doch noch nach« — und schenkte der Welt Auf­nah­men von ade­li­gen Herr­schaf­ten in Pots­dam, die sich nun vom ZDF mit Gei­gen unter­le­gen und als Doku­men­ta­tion ver­kau­fen lassen.

Es ist eh ein ein­zi­ges musi­ka­li­sches Gejuchze und Trom­pe­ten. Der zwei­tei­lige Film läuft in der Reihe »ZDF­zeit«, die der Chef­re­dak­teur Peter Frey zum Start als »fil­misch opu­lent, inten­siv, kri­tisch und ana­ly­tisch« ange­kün­digt hat. Hier solle es »um die gro­ßen Fra­gen unse­rer Zeit gehen: Wie leben wir? Was ver­än­dert unsere Gesell­schaft? Was ist uns wirk­lich wichtig?«

Was dem ZDF also wirk­lich wich­tig ist in die­sen Wochen: das Schick­sal von Char­lène und Kate, die Queen, die Höhen und Tie­fen des schwe­di­schen Königs­hau­ses. Und weil es so viel hof­be­richt­zu­er­stat­ten gibt, räumte der Sen­der auch Sams­tage dafür frei. Unter dem Namen »ZDF Royal« wurde dort nun eben­falls gejuchzt und trom­pe­tet: »Blaues Blut und schwarze Schafe«, »Dop­pel­glück in Däne­mark«, »Die klei­nen Köni­gin­nen kommen«.

Plötz­lich erschei­nen die lus­ti­gen Aben­teuer des Schim­pan­sen Charly, der sonst die­sen Sen­de­platz regierte, im Ver­gleich wie bri­sante zeit­ge­schicht­li­che Sozialdramen.

Medienlexikon: Breaking News

Brea­king News, Nach­rich­te­ner­eig­nis im Moment sei­ner größ­ten Unklarheit.

Stel­len wir uns vor: Sep­tem­ber 1989, deut­sche Bot­schaft in Prag. Außen­mi­nis­ter Gen­scher betritt den Bal­kon und sagt zu den DDR-Flüchtlingen: »Wir sind heute zu Ihnen gekom­men, um Ihnen mit­zu­tei­len, dass heute Ihre Aus­reise…« Jubel bran­det auf, Gen­scher fängt an, wild zu ges­ti­ku­lie­ren, bis er end­lich sei­nen Satz voll­en­den kann: »…lei­der noch nicht arran­giert wer­den konnte.«

Ein biss­chen so war es am Don­ners­tag, als John Roberts, der Oberste Rich­ter der USA, das Urteil über Oba­mas Gesund­heits­re­form ver­kün­dete. Als ers­tes wies er die Recht­fer­ti­gung für die darin ent­hal­tene Ver­si­che­rungs­pflicht zurück. Fast jeder, der sich in die­ser Sekunde hätte ent­schei­den müs­sen, hätte getippt, dass der Gerichts­hof das Gesetz für ver­fas­sungs­wid­rig erklä­ren würde. Die Repor­ter der Nach­rich­ten­sen­der CNN und Fox News mein­ten, sich in die­ser Sekunde ent­schei­den zu müs­sen, mel­de­ten Oba­mas Nie­der­lage — und lagen falsch.

Als sie den Feh­ler bemerk­ten, hat­ten sie längst begon­nen, die ver­meint­li­che Ent­schei­dung zu ana­ly­sie­ren und ihre monu­men­tale Bedeu­tung zu beto­nen. Die Nach­richt selbst ist zu einem win­zi­gen, läs­ti­gen Kie­sel­stein im end­lo­sen Schwa­fel­strom gewor­den, dem ein­zi­gen Rea­li­tät­scheck in einem Rausch von Vor­her­sa­gen und Inter­pre­ta­tio­nen. Die Nach­rich­ten­sen­der haben sich dar­auf spe­zia­li­siert, zu spe­ku­lie­ren, was pas­sie­ren könnte und was es bedeu­ten würde, wenn es pas­sierte. Sie kön­nen es nicht abwar­ten, dass es tat­säch­lich pas­siert (CNN hatte sogar einen Count­down ein­ge­blen­det), sind aber im sel­ben Moment schon wie­der beschäf­tigt, zu raten, was nun als nächs­tes passiert.

Es hätte des Feh­lers nicht bedurft, um zu wis­sen, dass Rich­tig­keit vor Schnel­lig­keit geht. Nach einem ähn­li­chen Fall vor ein paar Mona­ten hatte ein Jour­na­list die schöne Regel get­wit­tert: »Wenn du rich­tig liegst und ers­ter bist, erin­nert sich nie­mand dran. Wenn du ers­ter bist und falsch liegt, erin­nert sich jeder dran.«

Vor allem für CNN, das ohne­hin einen dra­ma­ti­schen Nie­der­gang erlebt, ist die Panne ein Desas­ter, das den behaup­te­ten Serio­si­täts­vor­sprung gegen­über der Kon­kur­renz ver­nich­tet. Die Nach­rich­ten­agen­tur AP musste sogar ihre Mit­ar­bei­ter auf­for­dern, sich nicht öffent­lich über die CNN-Leute lus­tig zu machen.

Die »New York Times« hatte ihre Leser online übri­gens in der Minute nach der »Brea­king News« ein­fach um einen Moment Geduld gebe­ten, wäh­rend ihre Exper­ten das Urteil analysieren.

Medienlexikon: Kentern

Ken­tern, das: Unter­gang in der Flut nau­ti­scher Sprach­bil­der über die Piratenpartei.

Es hätte, wie immer, schlim­mer kom­men kön­nen. Wenn etwa eine Par­tei in unser Bewusst­sein und die Par­la­mente drängte, die sich »Die Schlümpfe« nen­nen würde. Dann wür­den wir jetzt auf Jahre hin­aus jeden Mor­gen mit Schlag­zei­len auf­wa­chen, in denen jemand ein belie­bi­ges unschul­di­ges Verb durch das Wort »schlump­fen« ersetzt hätte.

Die Rea­li­tät ist kaum bes­ser. Man würde so gerne for­mu­lie­ren, dass der Auf­stieg der Pira­ten­par­tei auch die Fan­ta­sie der Jour­na­lis­ten ange­regt hat. Tat­säch­lich schei­nen sie sich eher zu einem Mara­thon her­aus­ge­for­dert zu füh­len, in dem der­je­nige gewinnt, der am längs­ten braucht, um von einer tot­ge­rit­te­nen Meta­pher abzusteigen.

Kaum ein Tag ver­geht, ohne dass die Pira­ten jeman­dem in einer Mel­dung »davon­se­geln«, auf einer »Erfolgs­welle« oder »mit Rücken­wind«, manch­mal »trotz Sturm­böen«. Gute Umfra­ge­werte füh­ren zur Über­schrift: »Mehr als eine Hand­breit Was­ser unter dem Kiel«, und wenn einer über eine unbe­dachte Bemer­kung stol­pert, las­sen die Pira­ten ihn »über die Planke gehen«.

Man möchte die Pira­ten schon dafür ver­flu­chen, dass sie durch ihren Namen, ihre Sym­bo­lik und einen Slo­gan wie »Klar­ma­chen zum Ändern« den poli­ti­schen Jour­na­lis­ten einen Zugang zu die­ser auf­re­gen­den Welt vol­ler bun­ter Sprach­bil­der geschenkt haben. Nun glau­ben die, sie könn­ten mit einem schnel­len Griff in diese Wört­er­kiste aus jeder tris­ten Poli­tik­mel­dung einen Mini-Abenteuer-Roman machen.

Kommt es zur »Meu­te­rei« gegen den Piraten-Chef, lau­tet die Schlag­zeile: »Segel gesetzt: Kapi­täns­wech­sel auf der Pira­ten­brü­cke« oder auch: »Bundes-Bernd auf Kaper­fahrt«. Je nach­dem, wie die Par­tei mit Extre­mis­ten umgeht, heißt es: »Pira­ten zei­gen Flagge gegen rechts« oder: »Augen­klappe rechts«. Eine Nach­rich­ten­agen­tur mel­det: »Auf dem Pira­ten­schiff knarzt es ordent­lich im Gebälk. … Der Kahn der Frei­beu­ter hat eine der­art rasante Fahrt auf­ge­nom­men, dass man­che Spit­zen­kräfte völ­lig über­las­tet die Segel streichen.«

Ver­mut­lich ist es nur geschei­ter­ten Hono­rar­ver­hand­lun­gen zu ver­dan­ken, dass bei Anne Will zum Thema »Pira­ten entern Ber­lin — Meu­te­rei auf der ›Deutsch­land‹« nicht auch Johnny Depp als Experte mit­dis­ku­tierte. Aber für den Sieg in der inof­fi­zi­el­len Meta­phern­misch­meis­ter­schaft hätte es eh nicht gereicht. Vorne müsste »Bild«-Mann Niko­laus Blome lie­gen, Erfin­der des Wor­tes von den »Freibier-Freibeutern«.

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