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Matthias Matussek

09 Feb 14
9. Februar 2014
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Der Klügere tritt nach, wird sich Matthias Matussek gedacht haben. Nach einer längeren Zeit in wechselnden Positionen hat er Ende Januar den „Spiegel“ verlassen und ihm zum Abschied ein kleines Geschimpfe hinterlassen.

Im Online-Magazin „The European“ redet er über die alten Kollegen: die „journalistische Vollniete“, das „sehr beschränkte Großmaul“ und den „eifernden Denunzianten“. Er erzählt die tragische Geschichte, wie sich in der Zeit, als er kurz mal Kulturchef war, einer seiner Untergebenen über ihn beim Chefredakteur beschwerte, nur weil er ihn bedroht hatte. Er lässt uns Anteil haben am Schicksal eines Menschen, der so genial und erfolgreich ist, dass es ihm die anderen neiden. Der die Ungerechtigkeit in der Welt kaum erträgt, dass Leute, die ihm etwas verdanken, trotzdem nicht glauben, alles von ihm hinnehmen zu müssen.

Und mit was für Kleingeistern er sich abgeben musste! Diesem Georg Diez zum Beispiel, einem „Neuankömmling“ beim „Spiegel“, der darauf bestanden habe, mit seinem „knallroten Angeber-Golf mit Heckflossen“ Matusseks gut gelegenen Parkplatz zu übernehmen. Aber er hätte diese „Tröte“ ja auch mal nicht eingestellt, „weil ich ihn zu halbseiden fand“.

„European“-Autor Alexander Wallasch reicht Matussek als Verehrer freundlich die Stichworte an. In den Kommentaren schwärmt er halb ohnmächtig von „dieser Lebensleistung“ und bekennt, beim Lesen von Matussek-Texten „schon nach wenigen Absätzen wackelige Knie“ zu bekommen.

Am besten kann man sich die Entstehung dieses Textes erklären, wenn man sich vorstellt, dass beide Partner beim Gespräch Erektionen hatten: der eine wegen Matussek, und der andere auch. Gemeinsam haben sie ein Stück Prosa produziert, das für aufgeregte Branchenmeldungen taugt („Matussek beschimpft Ex-Kollegen“, meldete „Meedia“), vor allem, weil man ihm nicht anmerkt, dass es sich in weiten Teilen um Fiktion handelt. Diez zum Beispiel fährt weder einen roten Golf, noch braucht er als Berliner „Spiegel“-Redakteur überhaupt einen Parkplatz in Hamburg. Und Matussek wollte ihn nicht nicht einstellen, sondern doch.

Andererseits ist leider nicht alles erfunden, was die Interpretation ein bisschen erschwert. Es hilft aber zweifellos, den Text als Versuch einer Satire zu lesen. Dann ist es plötzlich nämlich keine Ranwanzerei, wenn Matussek die „Spiegel Online“-Kolumne von Jan Fleischhauer als „das Brillanteste, was die konservative Publizistik in Deutschland zu bieten hat“, bezeichnet. Sondern schnöde böse Ironie.

Von nun an will Matussek freundlicherweise ausschließlich für die Tageszeitung „Die Welt“ schreiben. Am Freitag bewarb er sich hier öffentlich um ein Interview bei einem „Pop-Titan“. Sein Artikel endete: „Ja, Glückwunsch, Dieter Bohlen, Sie wären ein interessanter Gesprächspartner, im Grunde der interessanteste, den es in diesen Zeiten geben könnte. Vielleicht ein Gespräch über die ewige Jugend in einer alternden Gesellschaft oder auch das ewige Leben.“ Matussek fügte hinzu: „Nun ist er 60. Ich bin es in drei Wochen. Wie entsetzlich!“ Och. Gibt Schlimmeres.

(Aus der FAS-Kolumne „Die lieben Kollegen“.)

Medienlexikon: Liveticker

17 Sep 12
17. September 2012
Der Spiegel

Liveticker, onlinejournalistische Form, die zugunsten des Gefühls, dabei zu sein, auf Kriterien wie Relevanz und Erkenntnisgewinn verzichtet.

12:05. Kaffee gemacht. Gleich geht es los mit dem Schreiben der Kolumne über Liveticker.
12:07. Textverarbeitungsprogramm gestartet, neue Datei geöffnet und „Kolumne Liveticker“ genannt.
12:08. Warten auf Inspiration.
12:09. Lustiges YouTube-Video gefunden und auf Facebook gepostet.
12:11. Warten auf Inspiration.
12:58. Puh. Mal nachsehen, wie die Kollegen das machen. Am Mittwochabend um sieben hat Apple die neue Version seines erfolgreichen Mobiltelefons vorgestellt. Die Präsentation wurde nicht direkt live übertragen, sondern nur über den Umweg der livetickernden Journalisten. Um 18.50 Uhr notiert „Die Welt“: „Es sind noch 10 Minuten bis zum Start der Apple-Präsentation – und der Konzern ist erfahrungsgemäß sehr pünktlich damit.“ 18.58 Uhr, Bild.de: „Ankündigung: ‚The Event will begin shortly‘! Es geht los!“ 19:05 Uhr, sueddeutsche.de: „Apple-Chef Tim Cook hat pünktlich die Bühne in San Francisco betreten.„
13:10. Da ist sie, die Inspiration! Große Pointe eingefallen!!
13:11. Doch nicht.
13:55. Anruf aus der Redaktion, Nachfrage, wo die Kolumne bleibt.
14:02. Zweifel an der Idee. Sind im Vorfeld doch zu große Erwartungen geweckt worden? War das nicht alles längst bekannt? Wo ist der Witz?
14:25. Verzweiflungstat Recherche. Nachlesen diverser „Liveticker“ von der Verkündung des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes zum Rettungsschirm. Nicht so wichtig wie das neue iPhone natürlich, aber auch nicht ganz unbeachtet. 10.02 Uhr, stern.de: „Die Anwesenden erheben sich. Die Verfassungsrichter betreten den Saal. Es geht los.“ 10.26 Uhr, stern.de: „Aus Versehen sagt Voßkuhle die Eil-Anträge seien ‚begründet‘. Gemurmel. Er korrigiert sich: ‚unbegründet‘.“ 9.58 Uhr, Spiegel Online: „Bei Phoenix heißt es, das Urteil sei 85 bis 87 Seiten lang — die Urteilsverkündung werde wohl bis 11.15 oder 11.30 Uhr dauern.„
14:27. Tippfehler gefunden und berichtigt.
14:28. Länge des bisher Geschriebenen noch einmal nachgezählt. Immer noch elf Zeilen zu kurz.
14:55. Warten auf Inspiration.
14:58. Plötzlich kommt Spannung auf: Wird der Text rechtzeitig vor Redaktionsschluss fertig werden? Kommt am Ende doch noch ein Knaller?
14:59. „Eine Sache noch.„
15:00. Ja, das war dann wohl der Liveticker vom Schreiben einer Kolumne über Liveticker. Vielen Dank für Ihr Interesse, wir bleiben an der Sache dran.

Einer gegen die VG Wort: Martin Vogel und die zweifelhaften Ansprüche der Verlage

01 Sep 12
1. September 2012
Medium Magazin

Es ist ein ungleicher Kampf. Auf der einen Seite die deutschen Verlage, die großen Journalistenverbände und –gewerkschaften, die Verwertungsgesellschaften sowie womöglich sogar zigtausend Journalisten, die in diesem Sommer keinen Scheck von der VG Wort bekamen. Und auf der anderen Seite Martin Vogel, 65 Jahre alt, Urheberrechtsexperte und Patentrichter in München.

Die einen warnen davor, das bestehende System der Verwertungsgesellschaften zu gefährden, verweisen auf Tradition und Gewohnheit und darauf, dass doch alle irgendwie ganz gut damit fahren, so wie es ist. Und der andere sagt: So wie es ist, widerspricht es aber dem Gesetz.

Es geht um das Geld, das die VG Wort von Kopiergeräteherstellern und Copy-Shops einsammelt, um die Vervielfältigung urheberrechtlich geschützter Werken zu vergüten: die Reprographieabgabe. Diese Einnahmen schüttet sie nämlich nicht nur an die Urheber aus, sondern beteiligt daran mit 30 bis 50 Prozent auch die Verlage. Die Verlage haben die VG Wort mit begründet; die Gemeinsamkeit sollte sie auch stark machen.

Doch sie haben nach Ansicht von Vogel gar keinen Anspruch, der eine Beteiligung rechtfertigen würde. Das Geld, zig Millionen Euro jährlich, stünde allein den Urhebern zu.

Die Materie ist kompliziert, und es macht die Sache nicht leichter, dass viele Beteiligte schon seit vielen Jahren an dem Streit beteiligt sind. Die juristischen Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen verschiedener Interessen werden überlagert von persönlichen Verletzungen. Vogel ist in der Rolle eines einsamen Querulanten — oder wird, je nach Standpunkt, in sie gedrängt. Aber er gehört zu den renommiertesten deutschen Urheberrechtlern, und seine Positionen und Interpretationen sind keineswegs die exotischen Minderheitenmeinungen, als die seine Gegner sie darstellen.

Es ist ein bisschen anstrengend, mit ihm zu reden. Fast jede Frage, die auf die Gegenwart zielt, beantwortet er mit einem Exkurs in die Vergangenheit. Für ihn ist es so etwas wie seine Lebensaufgabe geworden. „Ich habe einen Großteil meiner Freizeit in diese Arbeit gesteckt, um für die rechtliche Besserstellung der Urheber zu kämpfen.“

Er hat für die damalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin am sogenannten „Stärkungsgesetz“ mitgewirkt, mit dem die rot-grüne Koalition 2002 die Position der Kreativen gegenüber den Verwertern verbessern wollte. In einem neuen Paragraph 63a wurde darin festgehalten, dass Urheber auf ihre Ansprüche aus der Reprographie-Vergütung nicht verzichten und sie nur an eine Verwertungsgesellschaft abtreten können. Damit konnten Verlage sich diese Rechte nicht mehr von den Autoren übertragen lassen und bei der VG Wort geltend machen. Als Folge wurde in einem Kompromiss — ebenfalls erst nach Druck von Martin Vogel — beschlossen, den Verlegeranteil an den Ausschüttungen zögernd und schrittweise zu reduzieren.

Doch die Verlagsvertreter erreichten es, dass der Paragraph 63a revidiert wurde. In einer Neufassung, die 2008 in Kraft trat, wurde ausdrücklich erlaubt, dass Urheber ihre Verwertungsrechte an Verleger abtreten können, wenn diese wiederum sie in die VG Wort einbringen. Dadurch sollte die langjährige Praxis der VG Wort, die Verlage nach vorgegebenen Pauschalanteilen an den Erlösen zu beteiligen, wieder legitimiert werden.

Martin Vogel kritisiert die Neufassung als Schwächung der Position der Urheber — meint aber, dass diese Neufassung es der VG Wort trotzdem nicht erlaubt, einfach zu ihrer alten Praxis zurückzukehren. Viele Urheber hätten einen Wahrnehmungsvertrag mit der VG Wort geschlossen, was die spätere Abtretung ihrer Vergütungsansprüche an einen Verlag ausschließe. Deshalb könne die VG Wort nicht einen Teil der Zahlungen, die den Autoren zustehen, einfach an die Verlage weiterreichen.

Nach mehreren Versuchen, eine außergerichtliche Regelung zu finden, klagte er. Der DJV, bei dem er Mitglied ist, lehnte es ab, ihm Rechtsschutz zu gewähren, aber Vogel fand einen Weg, den Streitwert und damit seine Kosten gering zu halten: Er klagte nur wegen acht Artikeln, die er selbst verfasst hatte, gegen die VG Wort. Im Mai gab ihm Landgericht München I in erster Instanz recht.

Die VG Wort scheint das Urteil völlig unerwartet getroffen zu haben — „obwohl ihr die Klage seit Dezember vorlag“, wie Vogel sagt. Die Entscheidung stellt ihre Praxis — obwohl es sich nicht um einen Musterprozess handelt — fundamental in Frage. Die VG Wort kündigte daraufhin an, bis nach einer genauen Prüfung zunächst gar kein Geld auszuschütten, was den Nebeneffekt hatte, dass Martin Vogel nun für viele Autoren nicht derjenige war, der für ihre Rechte stritt, sondern derjenige, der Schuld war, dass sie erst einmal kein Geld bekamen.

Interessensvertreter wie Gerhard Pfennig, bis Ende 2011 Vorsitzender der VG Bild-Kunst, versuchten, Stimmung gegen Vogel zu machen: „Dass die von vielen nicht beamteten, sondern freiberuflichen Urhebern dringend benötigten Zahlungen der VG Wort und der VG Bild-Kunst jetzt erst einmal auf längere Zeit ausbleiben werden, muss einen Patentrichter, für den die Zahlungen bestenfalls die Weihnachtsgans finanzieren, nicht weiter stören, sofern es nur der Wahrheitsfindung dient“, schrieb Pfennig im Mai in einem Leserbrief an die „Süddeutsche Zeitung“. Er versuchte darin, Vogels Kampf gegen die Verteilungspraxis der VG Wort als einen persönlichen Rachefeldzug darzustellen, weil ihm der „gewünschte Aufstieg in die Verwaltungsgremien versagt blieb“.

Auch Vertreter des Deutschen Journalistenverbandes schürten öffentlich die Wut auf Vogel. Michael Hirschler, Referent für Freie Journalisten, nannte das Urteil eine „Katastrophe für die freien Journalisten“ und spielte deren angenommene chronische Geldknappheit gegen das vermutete Auskommen des Patentrichters Vogel aus. „Wohlbestallter Richter kippt die Autorenzahlungen der VG Wort“, polterte Hirschler in einem DJV-Blogeintrag, nannte Vogel „mutmaßlich wohlversorgt“ und schimpfte, er dürfe „wohl weniger finanzielle Sorgen haben“ als die Urheber, die er um ihr Geld bringe — „und spielt zugleich den Unschuldigen“.

Es ist erstaunlich, in welchem Maß die Gewerkschaften für die Interessen der Verleger zu kämpfen scheinen. DJV-Justiziar Benno H. Pöppelmann aber bestreitet das und sagt, der Verband kämpfe bloß für den Erhalt der VG Wort in der jetzigen Form. „Es geht uns dabei um die Interessen der Autoren. Wenn dieses Urteil rechtskräftig wird, könnte die VG Wort so nicht weiter existieren.“ Bis ein Ersatz etabliert sei, könnte es Jahre dauern „und die ganze Ausschüttung zum Stillstand kommen.“

Zunächst läuft sie wieder. Ende August hat die VG Wort schließlich doch das Geld an Urheber (und Verlage) ausgezahlt — unter Vorbehalt und „unter Hinweis auf mögliche Rückforderungen“, falls die Entscheidung des Gerichtes Bestand hat. Tatsächlich kann es sein, dass in diesem Fall nicht nur die Verlage, sondern auch die Autoren Geld zurückzahlen müssen. Dann nämlich, wenn sie die ihnen eigentlich zustehenden Wahrnehmungsrechte schon an die Verlage abgetreten haben — was aber nach Meinung Vogels auch gegen geltendes Recht verstoßen kann.

Das Urteil, das Martin Vogel erstritten hat, kann also dafür sorgen, dass einige Urheber nicht mehr Geld von der VG Wort bekommen, sondern gar keins. Auch dafür wird er von Gewerkschaftsvertretern verantwortlich gemacht, dabei wäre das eine Folge der Neufassung des Paragraphen 63a, an der sie mitgearbeitet haben. „Ich bin der Sündenbock dafür, dass die diesen Mist gemacht haben und ich das aufgedeckt habe“, sagt Vogel.

Von „zivil– und urheberrechtlichem Formalismus“ spricht ver.di-Justiziar Wolfgang Schimmel. Martin Vogel sagt: „Die VG Wort muss ihre Strukturen dem Gesetz anpassen, nicht umgekehrt.“

Bestätigt sieht Vogel seine Position auch durch das sogenannte „Luksan“-Urteil des Europäischen Gerichtshofes, wonach die Zahlungen aus gesetzlichen Vergütungsansprüchen originär dem Urheber zustehen. Die Praxis der VG Wort, die Verleger daran pauschal zu beteiligen, wäre nach Vogels Ansicht demnach auch nach europäischem Urheberrecht unzulässig.

Gegenwind bekommen die Verwertungsgesellschaften auch aus Brüssel: Die EU-Kommission hat einen Richtlinienentwurf vorgelegt, der von ihnen viel größere Transparenz fordert.

Die VG Wort hat gegen das Münchner Urteil Berufung eingelegt. Für „zigtausend Euro“ habe sie dafür Gutachten eingeholt, sagt Vogel — Geld, das wiederum eigentlich den Urhebern zustehe. „Warum sollten die Urheber das mitfinanzieren“, fragt er, „wenn es doch nach der Lukas-Entscheidung und nach nationalem Urheberrecht allein um die vermeintlichen Rechte der Verleger geht.“

Medienlexikon: Manfred Spitzer

20 Aug 12
20. August 2012
Der Spiegel

Spitzer, Manfred, deutscher Hirnforscher und der Thilo Sarrazin unter den Psychiatern; spricht in der Pose des einsamen Mahners aus, was die meisten immer schon sagen und meinen: Computer sind Teufelszeug.

Das Gute an Manfred Spitzer ist, dass man sich mit ihm nicht auf das einigen kann, auf das sich alle anderen sonst immer einigen können. Wie viele Diskussionen über Risiken neuer Medien enden mit einem wohlfeilen gemeinsamen Appell, mehr für die Medienkompetenz zu tun, damit junge Menschen lernen, verantwortungsbewusst mit Internet, Handy, Spielkonsole umzugehen? Spitzer aber sagt: „Medienkompetenz ist ein Unbegriff“. Wer nach Medienkompetenztrainings für Kinder rufe, könne im Kindergarten oder der Grundschule auch gleich den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol trainieren.

Die einzige Möglichkeit, die Gefahren der neuen Medien zu minimieren, besteht nach Spitzer darin, uns und unsere Kinder so vollständig wie irgend möglich davon fernzuhalten. Das hat im Vergleich zum alltäglichen und allgegenwärtigen Kulturpessimismus immerhin eine fast erfrischende Radikalität, die sich auch von der damit verbundenen Realitätsferne nicht beirren lässt. Spitzer beginnt sein neues Buch „Digitale Demenz“ mit dem Zitat einer Leserzuschrift: „Herr Spitzer, Sie kämpfen gegen Windmühlen — nein, gegen ganze Windfarmen. Machen Sie bitte weiter!“ Es ist nicht ganz klar, ob ihm die Ironie des Vergleichs mit Don Quijote bewusst ist.

Ohnehin lässt sich der größte Gewinn aus der Auseinandersetzung mit Spitzer und seinen Thesen schlagen, wenn man ihn als als anschauliche Warnung vor einer wahnhaften Fixierung nimmt. Er ist so überzeugt vom Ziel seiner Argumention, dass ihm jeder Weg recht ist, es zu erreichen, egal wie oft er dazu aus der Realität abbiegen muss.

Er vergleicht den Medienkonsum mit dem Autofahren: Das sei ja auch erst ab 18 erlaubt. Und zwar deshalb, suggeriert Spitzer, weil nur Erwachsene in der Lage sind zu erkennen, dass es schädlich ist, nicht zu Fuß zu gehen, und deshalb, wenn sie verantwortungsbewusst sind, zwischendurch joggen gehen.

Er antizipiert den Einwand von Kritikern, es gebe die von ihm diagnostizierte „Digitale Demenz“ gar nicht, und pariert ihn dadurch, dass schon eine Google-Suche das Gegenteil beweise: Dort gebe es tausende Treffer für den Suchbegriff. Man kann nur hoffen, dass Spitzer nie nach „Rosa Elefanten“ googelt.

Medienlexikon: Sissifizierung

13 Aug 12
13. August 2012
Der Spiegel

Sissifizierung, Quotenoptimierung von Dokumentationen durch Hofberichterstattung und flächendeckenden Streichereinsatz.

Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, über Menschen zu berichten, deren Leiden allzu oft vergessen wird. Menschen wie Georg Friedrich Prinz von Preußen. Ein junger Mann, der tapfer sein Schicksal trägt, Ururenkel von Kaiser Wilhelm II. zu sein.

Seine Kindheit endete „jäh“: Mit „gerade mal 18″ Jahren wurde er Chef des Hauses Preußen. „Auf seinen jungen Schultern lasten jetzt Jahrhunderte wechselvoller Geschichte. Und zum ersten Mal in seinem Leben muss er ohne den Rat des Großvaters zurechtkommen.“ Dramatisch, mit Anteilnahme und Bewunderung, schildert das ZDF am kommenden Dienstag um 20.15 Uhr, wie Georg Friedrich das Leben als Adeliger in Deutschland meistert. Lässt ihn erzählen, dass man als „Prinz von Preußen“ nicht einfach zu spät kommen kann, weil es sonst heißt, er nehme sich was heraus. Zeigt, wie er den tollsten Edelstein für Millionen Euro versteigern muss. Staunt, wie „bescheiden“ der Herr Prinz sich gibt: „Für ihn ist der Titel nur ein Name“, sagt der Sprecher. Fürs ZDF nicht?

Georgs Frau Sophie, geborene Prinzessin von Isenburg, schildert, wie „bodenständig“ ihre Kindheit im Schloss Birstein war, mit bloß zwei Damen, die kochten, wuschen und putzten. Eigentlich hätte sie ganz privat heiraten wollen. Aber „schließlich gibt das Paar dem öffentlichen Drängen doch noch nach“ — und schenkte der Welt Aufnahmen von adeligen Herrschaften in Potsdam, die sich nun vom ZDF mit Geigen unterlegen und als Dokumentation verkaufen lassen.

Es ist eh ein einziges musikalisches Gejuchze und Trompeten. Der zweiteilige Film läuft in der Reihe „ZDFzeit“, die der Chefredakteur Peter Frey zum Start als „filmisch opulent, intensiv, kritisch und analytisch“ angekündigt hat. Hier solle es „um die großen Fragen unserer Zeit gehen: Wie leben wir? Was verändert unsere Gesellschaft? Was ist uns wirklich wichtig?“

Was dem ZDF also wirklich wichtig ist in diesen Wochen: das Schicksal von Charlène und Kate, die Queen, die Höhen und Tiefen des schwedischen Königshauses. Und weil es so viel hofberichtzuerstatten gibt, räumte der Sender auch Samstage dafür frei. Unter dem Namen „ZDF Royal“ wurde dort nun ebenfalls gejuchzt und trompetet: „Blaues Blut und schwarze Schafe“, „Doppelglück in Dänemark“, „Die kleinen Königinnen kommen“.

Plötzlich erscheinen die lustigen Abenteuer des Schimpansen Charly, der sonst diesen Sendeplatz regierte, im Vergleich wie brisante zeitgeschichtliche Sozialdramen.