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Teletext: Lars Reichow

26 Jul 15
26. Juli 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die beste Erklärung für die Existenz der „Lars-Reichow-Show“ ist, dass es sich um so eine Yin-Yang-Sache handelt. Dass das ZDF in den vergangenen Jahren so viele moderne, schlaue Unterhaltungssendungen am späteren Abend in sein Programm genommen hat, dass aus Gründen des kosmischen Ausgleichs eine Sendung hermusste, die den Muff und die Bräsigkeit längst vergangener Humorjahrzehnte atmet.

Die erste Ausgabe am vergangenen Dienstag hatte das Thema „Urlaub“, und Reichow begann sie damit, dass er, noch vor dem Vorspann, im Bademantel Handtücher auf die Sessel legte, um sie für seine Gäste Verona Pooth und Lutz van der Horst zu reservieren, Handtücher, haha, wie die Deutschen im Urlaub immer, bohoho. Fast möchte man die Verantwortlichen dieser Sendung dafür beschimpfen, dass sie sich für die erstbeste Idee entschieden haben. Andererseits handelt es sich mit etwas Pech auch um die letztbeste Idee dieser Redaktion. Vermutlich besteht sie aus Überresten der „Wetten, dass“-Abteilung im ZDF, der zu „Bremen“ auch nach jahrelangem Nachdenken nichts einfiel als „Stadtmusikanten“. (Eine Rubrik, in der die Gäste Geräusche erkennen und kommentieren sollen, heißt — wie sonst? „Hört, hört“.)

Reichow erzählt dann eine nicht enden wollende Geschichte darüber, wie eng es in Wohnmobilen ist, deren Höhepunkt die Stelle ist, an der er seine Frau, die zu ihm nachts in den winzigen Alkoven will, anfährt: „Wie? Ich denk‘, du schläfst in der Küche?“ Er fragte Lutz van der Horst, den man als Reporter aus der „Heute Show“ kennt, ob er im Urlaub auch Leuten immer ein Mikro ins Gesicht hält, und nächste Woche fragt er Sabine Lisicki, die Tennisspielerin, die in Florida lebt, ob sie dort in einer Tennisanlage lebt, und am Ende singen alle immer gemeinsam schrecklich schief ein Lied, und Reichow kommt am Klavier aus dem Rhythmus, und dass er laut Wikipedia ein „Musikkabarettist“ ist, muss irgendetwas anderes bedeuten, als man denken könnte.

Fürs noch Gröbere hat er Wolfgang Trepper, der rätselhafterweise in den Zoo geht und so tut, als wären die Pinguine Italiener. Als er einen trifft, der „nur das Maul aufmacht und sich alles reinfüttern lässt“, fügt Trepper hinzu: „Das ist der einzige griechische Pinguin, den wir finden konnten.“ In der zweiten Folge zum Thema „Partnerschaft“ ist Trepper auf einer Hochzeitsmesse und freut sich, als er eine Schaufensterpuppe sieht: „Frau zum Heiraten. Sacht nix, fragt nix, nervt nicht.“

Viele harte Schnitte deuten darauf hin, dass es nicht so leicht war, die Aufzeichnung so zu kürzen und neu zusammenzusetzen, dass es wirkt, als hätte sich wenigstens das Studiopublikum blendend amüsiert. Nach der selig vergessenen Verbrauchershow „Ohne Garantie“ im vergangenen Jahr ist es schon der zweite Versuch des ZDF, Reichow aus seinem natürlichen Lebensraum beim SWR herauszuholen. Es ist ein überaus rätselhafter Ehrgeiz.

Fotos: ZDF/Pascal Amos Rest

Eine Kampfansage an Nachrichtenmöbel

17 Mai 15
17. Mai 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„heute+“: Das ZDF erfindet seine Fernsehnachrichten neu — und denkt sie vom Internet her.

Am vergangenen Mittwoch brach beim ZDF eine wilde Twitterei aus. Der Sender hatte ein lustiges Werbevideo online gestellt, in dem Claus Kleber, umgeben von einem Tross von Lakaien, die seine Krawatten und Fernsehpreise tragen, auf Daniel Bröckerhoff trifft, einen der beiden Moderatoren der neuen Nachrichtensendung „heute+“. „Ihnen fehlt noch manches, aber das wird“, sagt Kleber zu dem „jungen Mann“ und reicht ihm gönnerhaft eine Krawatte. Später sieht er Bröckerhoff, wie er frei im sonst leeren Studio stehend moderiert. „Das sind die coolen Neuen“, sagt der Regisseur. „Ohne Krawatte und ohne Tisch?“, staunt Kleber. „Tja, Claus, der hält sich halt an Fakten fest.“ Schlussbild: Kleber sitzt auf dem seinem „heute journal“-Schreibtisch und sägt hektisch das Holz durch.

Die Beteiligten twitterten das Video und lösten damit ein anhaltendes, ausuferndes Gewitzel und Gefrotzel aus, das Kleber nur eine kleine Weile unterbrach, um den ukrainischen Präsidenten fürs „heute journal“ zu interviewen. Und bei aller demonstrativer Selbstironie konnte man den Eindruck bekommen, dass diese neue Welt, in der die Fernsehleute sich alle locker machen und ununterbrochen öffentlich kommunizieren, nicht ganz unanstrengend ist, auch nicht fürs Publikum.

Für die Verantwortlichen ohnehin nicht. Bröckerhoff hat größere Teile der vergangenen Wochen auf Facebook verbracht. Die Redaktion hat Beiträge von „heute+“, die sie für Probesendungen produziert hat, schon online veröffentlicht, und vor allem der Bröckerhoff, der die Sendung im Wechsel mit der Eva-Maria Lemke moderiert, verausgabte sich dabei, mit fast jedem einzelnen Kritiker in dem Netzwerk zu diskutieren, Beschwerden nachzugehen, Beleidigungen zu entschärfen und Anregungen einzusammeln.

Für große negative Aufmerksamkeit sorgte vor allem ein Stück über den Streik bei der Bahn. Die Redaktion hatte die schlechte Idee, ihn als „Geiselnahme“ der Kunden zu inszenieren, entsprechende Filmszenen inklusive. Der Beitrag lieferte keine neue Perspektive oder ungewohnte Einblicke, sondern wirkte wie eine bloße billige populistische Zuspitzung. Nach diversen heftigen Reaktionen veröffentlichte die Redaktion eine Stellungnahme, in der sie einräumte, dass ihr Umgang mit dem Begriff zu wünschen übrig ließ. Sie sagt, sie hat etwas gelernt.

Es war am Ende vielleicht ein Lehrstück dafür, wie man den Dialog mit den „Usern“ ernst nimmt. Aber auch, was dabei herauskommen kann, wenn man sich unbedingt vorgenommen hat, „Nachrichten neu zu erzählen“.

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Von Montag an läuft „heute+“ anstelle von „heute nacht“ im ZDF. Aber dahinter steckt nicht nur eine anders aussehende, präsentierte und benannte Nachrichtensendung im Fernsehen, sondern ein für den Sender erstaunlich radikaler neuer Ansatz. Die Ausstrahlung der Sendung im Fernsehen ist nicht mehr das Zentrum all der Aktivitäten der Redaktion, sondern nur noch ein Schlusspunkt, fast ein Nachtrag. Die Produktion versucht mindestens so sehr das Publikum im Netz zu erreichen. Die Sendung wird werktäglich um 23 Uhr in der ZDF-Mediathek ausgestrahlt — und irgendwann nach Mitternacht, noch einmal live, im sogenannten „Hauptprogramm“ des ZDF im Fernsehen.

Fertige Beiträge werden den ganzen Tag über schon veröffentlicht, teils über Links auf die Mediathek, teils als Videos direkt auf Facebook und in anderen Netzwerken. Jedes Element der Marke „heute+“ soll so gestaltet sein, dass es „auf jeder Plattform funktioniert, auf der es für andere potenziell Interessierte ‚geteilt‘ wird“, sagt Elmar Theveßen, der stellvertretende Chefredakteur.

Durch „heute+“ will das ZDF mehr junge Leute mit seinen Nachrichten erreichen. Wie nötig das ist, daran lässt Theveßen keinen Zweifel. Die „heute“-Sendung um 19 Uhr schauten zwar im Schnitt 3,7 Mio Zuschauer, sagt er, aber davon seien nur 160.000 jünger als 40. Beim „heute journal“ seien es noch ein paar weniger. Dabei erreiche der Sender in den Online-Netzwerken mit seinen Marken jetzt schon mehrere Hunderttausende Menschen in diesem Alter.

Eigentlich wollte die Mainzer Anstalt schon 2009 zum Start ihres Serien-, Comedy– und Wiederholungs-Ablegers ZDF.neo Nachrichten für ein jüngeres Publikum entwickeln — das hat die Politik damals aber abgelehnt. Vor drei Jahren gründete sie dann Arbeitsgruppen mit jungen Mitarbeitern aus verschiedenen Abteilungen, die sich Gedanken über das Thema machen sollten. Dass deren Ergebnis so viel mit dem Netz zu tun hat, sei nicht Auftrag gewesen, sagt Projektleiter Clas Dammann. „Eigentlich hatten wir erst in Richtung Fernsehen gedacht.“ Erst dann sei klargeworden, dass es wichtig sei „extrem in Richtung soziale Medien zu gehen“. Nicht nur junge, sondern auch kritische Menschen sollen hier besonders angesprochen werden.

„heute+“ ist Teil eines größeren ZDF-Projektes, in dem es darum geht, den Sender besser für crossmediales Arbeiten umzustellen — und dafür ein „Katalysator“. Die Redaktion ist durch interne Umschichtungen besser ausgestattet als die Vorgängersendung „heute nacht“, ausgerechnet im Social-Media-Bereich aber noch nicht so, wie es nötig wäre. Im Sommer soll sich das bessern. „Das schlimmste wäre, eine Interaktion anzubieten und dann nicht doch nicht zu antworten“, sagt Theveßen.

Der Aufwand zur Kommunikation mit den Zuschauern ist kein Selbstzweck, oder wie Theweßen es im Anstaltsdeutsch formuliert: „Wie gehen nicht fahrlässig in Mehraufwand.“ Schon in den Probewochen habe sich gezeigt, wie wertvoll und anregend das Feedback des Publikums sei.

Als Beispiel nennen die „heute+“-Leute einen Beitrag über einen syrischen Flüchtling in Oberhausen und die Langeweile, die ihn lähmt, weil er nicht arbeiten darf und nichts zu tun hat. Der Film sei mit relativ wenig Aufwand produziert worden, aber sehr gut angekommen. Doch die emotionale, persönliche Ebene, die dazu beitrug, stieß auch auf Kritik. Und so nahm die Redaktion das Thema ein paar Tage später wieder auf und beantworte viele faktische Fragen, die bei den Zuschauern aufgekommen waren, in einem im Gegensatz dazu sehr nüchternen und sachlichen Beitrag.

Weg vom „Verkündungsjournalismus“, hin zu einer Rolle als Vermittler, das ist das Ziel. Auch die anderen ZDF-Nachrichten versuchten immer wieder, ein Thema „gegen den Strich zu bürsten“, sagt Theveßen, aber bei „heute+“ sei das von vornherein Teil der DNA.

Es sei ein „hoher kommunikativer Aufwand“ betrieben worden, den Mitarbeitern auch in den Landes– und Auslandsstudios die neue Haltung für die Sendung zu vermitteln, sagt Clas Dammann, die gewünschte „Erzählhaltung“ der Beiträge. Die Person hinter einem Bericht darf und soll sichtbar werden. Geplant ist auch, zum Beispiel im Gespräch mit den Korrespondenten, die Bedingungen deutlich zu machen, unter denen ein Bericht entsteht, die Beschränkungen, die Arbeitsweisen.

Es gab Workshops und eine „Werkzeugkiste“ mit möglichen Beitrags-Macharten, und die Studios haben ein Paket bekommen mit all den hippen Gestaltungseffekten, die sie benutzen können — wenn auch idealerweise nach einer gewissen Lernkurve nicht mehr alle gleichzeitig. („Lernkurve“ ist mehr noch als „work in progress“ ein Begriff, der dauernd fällt, wenn man mit ZDF-Leuten über „heute+“ redet.)

ZDF heuteplus: Social Media First — wir wollen gemocht, geteilt, korrigiert und kritisiert werden. Hier ist unser Trailer — Film ab!

Posted by ZDF heuteplus on Freitag, 24. April 2015

 
„Am Ende kommt es aber immer auf die Substanz an“, beteuert Theveßen, „wir wollen keine Comedy machen oder uns krampfhaft an die Zuschauer ranrobben.“ Auch das wird vermutlich noch eine Lernkurve. Die Versuchung, einen Beitrag einfach durch Gimmicks aufzupimpen, ist sichtlich groß. In einem Stück über die Probleme des großen Fleischkonsums in der Welt halten die Gesprächspartner unmotiviert Teller mit Essen in der Hand. Und auch ein Vorstellungs-Film, in dem die Sendung selbst erklärt, wer sie ist und wie sie so tickt und in erster Person von sich spricht, ist eher ein abschreckendes Beispiel. „Klar, in der Glotze gibt es mich auch“, sagt „heute+“ da. „Aber eigentlich komme ich von online. So wie meine Zuschauer. News sind wichtig. Aber braucht’s diesen Oberstudienrats-Style? Die dunklen Ecken einer Geschichte ausleuchten, das ist mein Ding. Ich will mehr sein als Zappelbilder und Sprüche.“

Und dann heißt es da noch: „Schreibtisch raus, Ganzkörper rein. Raum für Inhalt und Haltung.“ Man könnte fast glauben, ein Möbelstück sei das Hauptproblem der Fernsehnachrichten heute.

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Fotos: ZDF

Die Antwort des WDR auf die Frage: Was darf Satire?

10 Mrz 15
10. März 2015
Frankfurter Allgemeine Zeitung


Foto: Protest-Aufkleber gegen Intendant Tom Buhrow auf einer Toilette im WDR.

Der WDR kürzt sein traditionsreiches Satiremagazin „Zugabe“. Die Radiosendung, die im vergangenen Jahr noch in einer Länge von drei Stunden am späten Samstagabend auf WDR 2 lief und seit Anfang dieses Jahres nur noch zwei Stunden lang ist, muss von April an mit einer Stunde Sendezeit auskommen. Sie wechselt auf den Freitag, 22.30 Uhr — ein „reichweitenstärkerer Sendeplatz“, wie der WDR sagt, allerdings auch in unmittelbarer Konkurrenz zur ZDF-„heute-Show“ im Fernsehen.

Seit zwanzig Jahren kommentiert die „Zugabe“ das Zeitgeschehen mit einer Mischung aus Satire, Kabarett und Comedy. In den ersten Jahren lief sie sogar täglich als einstündige Sendung. Dass das Angebot in der bisherigen Form Sparmaßnahmen zum Opfer fallen könnte, deutete sich seit dem vergangenen Sommer an; offiziell erfuhren die Moderatoren und Autoren allerdings erst in dieser der vergangenen Woche, dass die Sendung auf eine Stunde gekürzt wird. Ein neues Konzept für die reduzierte Länge soll die Redaktion „in Kürze“ diskutieren und beschließen.

Hintergrund der Veränderungen sei die „Neustrukturierung des Samstagabends“, lässt der Sender auf Nachfrage ausrichten: Zwischen 20 und 24 Uhr wolle WDR 2 „die Hörerinnen und Hörer mit einer moderierten Musiksendung in den Samstagabend begleiten.“ Moderator werde Thomas Bug. „Nicht zuletzt ist diese Umstellung auch eine kreative Weiterentwicklung des Programms in Zeiten knapper werdenden Geldes“, so der Sender.

WDR 2 werde in Zukunft „mehr Comedy und Kabarett in reichweitenstärkeren Strecken des Tagesprogramms senden“, heißt es. Die „Zugabe“-Mitarbeiter fürchten aber, dass das kein echter Ersatz ist: Im Tagesprogramm muss sich die Satire formal und inhaltlich in das Korsett des streng formatierten Radios zwängen. „Die Chance ist klein, dass das noch die Stücke sind, die wir am Samstagabend machen konnten“, sagt Henning Bornemann, der die „Zugabe“ im Wechsel mit Sigrid Fischer und Axel Naumer moderiert. Am späten Abend hatte die Satire noch vergleichsweise große Freiheiten, konnte sich Experimente und Unsinn leisten. Die dreistündige Sendezeit ermöglichte eine Vielfalt von Formen, darunter auch Gespräche mit Gästen und Live-Auftritte vor Publikum.

Axel Naumer sagt, dass man, seit es die „Zugabe“ gibt, und gerade auch in den letzten Wochen, immer wieder die Frage diskutiert habe, was Satire eigentlich darf. „Dass die Antwort darauf jetzt aber so einfach ist, hat uns hier allerdings schon etwas verblüfft: Was darf Satire? — Nichts kosten!“

Die 20-Uhr-Wirklichkeit

01 Feb 15
1. Februar 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die „Tagesschau“ inszeniert täglich ihre eigene politische Realität. Zweifel daran sind unerwünscht.

Da ist sie wieder, die Wolfsangel auf der schwarzen Sonne, das markante Symbol der rechtsextremen ukrainischen Asow-Miliz. Man sieht sie kurz als Abzeichen auf den Uniformen der Männer, von denen sich Udo Lielischkies gerade hat erklären lassen, was sie von der Ankündigung der Separatisten halten, eine Großoffensive auf Mariupol zu starten. „Wir haben keinen Anlass, den Terroristen nicht zu glauben, die ihre Pläne so offen aussprechen“, sagt einer der Kämpfer ins ARD-Mikrofon. „Früher oder später werden die Kämpfe anfangen, denn: Frieden kann es nur nach einem Sieg geben.“

Es ist Sonntag der vergangenen Woche, der Tag, nachdem Raketenangriffe von Separatisten auf ein Wohngebiet in Mariupol mindestens 30 Menschen getötet und viele verletzt haben. ARD-Korrespondent Lielischkies ist vor Ort.

Er zeigt noch einmal die Zerstörungen, spricht von einer „Welle der Solidarität“, die durch das ganze Land gehe, und sagt, man dürfe wohl vermuten, „dass dieser Raketenangriff und seine fürchterlichen Folgen die westlichen Staaten zwingen wird, vielleicht ihren Druck auf Moskau weiter zu erhöhen“. Dann folgt das kurze Gespräch mit dem Mann in Uniform, mit dem markigen Satz vom Frieden nur nach dem Sieg, der eine interessante, aber unbemerkte Parallele bildet zu der Meldung kurz zuvor, dass Außenminister Steinmeier den prorussischen Rebellen vorwerfe, den Konflikt militärisch lösen zu wollen.

Vorgestellt wird der Gesprächspartner nur als einer der „Kiew-treuen Verteidiger“. Um wen es sich bei dem Soldaten handelt, erfährt der „Tagesschau“-Zuschauer nicht. Auch nicht, dass er einem Freiwilligen-Bataillon angehört, das von Rechtsextremen gegründet wurde und von europäischen Neonazis unterstützt wird.

Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Kritiker, die ARD und ZDF eine einseitig anti-russische Berichterstattung vorwerfen, haben das mehrmals in den vergangenen Monaten daran festgemacht, dass das Wolfsangel-Symbol unkommentiert im Bild zu sehen war oder die Mitglieder des Asow-Bataillons, die es tragen, nicht entsprechend eingeordnet wurden.

Ein Leipziger Verein hat wegen der angeblich „bewussten Verharmlosung der Träger verbotener faschistischer Symbole und Kennzeichen“ mehrere Programmbeschwerden eingereicht, mit denen sich die Hierarchien in den Sendern auseinandersetzen mussten. An einer fehlenden Sensibilisierung kann es eigentlich nicht liegen.

Kai Gniffke, der Chefredakteur von „ARD-aktuell“, sagt, die politische Einordnung der Kompanie Asow sei „dann von besonderer Relevanz, wenn Mitglieder in einem politischen Kontext interviewt werden, etwa bei einer Demonstration vor der Rada in Kiew. Dann muss in jedem Fall deutlich gemacht werden, vor welchem Hintergrund Forderungen von Asow-Mitgliedern zu sehen sind. Im angesprochenen Fall befragte Udo Lielischkies, seit Tagen unter schwierigen Bedingungen im Kriegsgebiet, seinen Gesprächspartner zu rein militärischen Aspekten. Da diese Asow-Kompanie das Rückgrat der Mariupol-Verteidigung bildet und reguläre Armee-Einheiten nicht für eine Befragung zur Verfügung standen, gab es vor Ort zu dieser Zeit keinen alternativen, vergleichbaren Gesprächspartner.“

Wäre nicht gerade das, wenn es so war, eine interessante, wichtige Information gewesen? Und ändert diese Tatsache etwas an der Notwendigkeit, die Zuschauer darüber aufzuklären, mit wem man da redet?

Gniffke sagt: „Bei der gebotenen Verdichtung von Informationen für einen kurzen Nachrichtenbeitrag können nicht in allen Beiträgen alle Hintergundinformationen geliefert werden.“ Das steht außer Frage. Aber was sagt es aus über eine Nachrichtensendung, wenn sie die Informationen so „verdichten“ muss, dass sie ihren Zuschauern nicht einmal in einem Halbsatz eine Einordnung ihrer Gesprächspartner geben kann? Welchen Informationswert hat dann das Gesagte, wenn der Zuschauer nicht weiß, wer es eigentlich sagt?

Einige Kritiker unterstellen ARD und ZDF (und den Medien allgemein), dass sie Informationen etwa über die zwielichtigen ukrainischen Freiwilligen-Bataillone bewusst verschweigen — was die Beschuldigten vehement zurückweisen. Aber es geht nicht nur um angebliche Voreingenommenheit oder Parteilichkeit in der Berichterstattung. Die Auseinandersetzung wirft auch die Frage auf, welche Ansprüche man an Nachrichtensendungen im Fernsehen stellen darf — insbesondere an das fünfzehnminütige Format, das immer noch rund neun Millionen Menschen um 20 Uhr einschalten.

Die ARD schickt Korrespondenten wie Udo Lielischkies in den gefährlichen Einsatz in Kriegs– und Krisengebiete — und dann müssen die „Tagesschau“-Berichte, die sie von dort schicken, in ein Korsett passen, das so eng ist, dass nicht einmal elementare Fragen beantwortet werden können? Und auf Beschwerden, wegen irgendwelcher Unzulänglichkeiten, Ungenauigkeiten oder Fehler, heißt es dann, dass halt die Zeit nicht ausreiche, man aber selbstverständlich in anderen Sendungen im Programm ausführlich berichtet habe?

Die Fähigkeit der „Tagesschau“, aus Nachrichten ein Ritual zu machen, ist legendär. Die Verpackung hat sich in den vergangenen Jahren geändert, die Kamerafahrt durchs Studio am Anfang täuscht Bewegung vor, die Sprecherinnen und Sprecher dürfen die Zuschauer inzwischen freundlich begrüßen und verabschieden, und der Ton mag nicht mehr ganz so verlautbarungshaft sein. Aber der Kern der Sendung scheint über all die Jahre derselbe geblieben zu sein: vorfahrende Autos, sich hinsetzende Politiker, Bilder vom Krieg. Eine „Ikonografie der Macht und des Apparates und der Automatismen“, wie Georg Diez es auf „Spiegel Online“ genannt hat.

Die Menschen, die in Autos vor irgendwelchen Regierungs– oder Konferenzgebäude vorfahren, scheinen diejenigen zu sein, die die Nachrichten nicht nur machen, sondern von ihnen auch am meisten betroffen sind. Die Menschen, die vorfahren, ändern sich und die Orte. In diesen Tagen sind es vor allem Brüssel und Athen.

Wenn ein neuer Protagonist Teil dieses Rituals wird, würdigt die „Tagesschau“ auch, wie er sich dabei schlägt: „Der neue griechische Außenminister scheint es fast zu genießen, im Mittelpunkt zu stehen“, textet die Reporterin, während wir sehen, wie er vor den Kameras aus einem Wagen steigt.

Rätselhafte Sätze stehen hier unerklärt vor sich hin. „Der neue Mann an der Spitze des griechischen Finanzministeriums habe bereits mit mehreren EU-Kollegen gesprochen und sei auf ein Klima der Vernunft getroffen“, heißt es einmal, und man weiß nicht einmal, wer da in indirekter Rede spricht, geschweige denn, was ein „Klima der Vernunft“ konkret sein könnte.

Wenn alle Autos vor– und wieder abgefahren sind, kommt der Korrespondent ins Bild und sagt, was das zu bedeuten hat. Im Hintergrund sieht man immer die Akropolis, damit der Zuschauer weiß, dass er in Athen ist.

„Mit geschwellter Brust und geschwollenem Kamm geht diese Regierung an den Start“, sagt ARD-Mann Peter Dalheimer am Montag.

„Alexis Tsipras scheint alles andere als konfliktscheu zu sein“, stellt er am Dienstag an selber Stelle fest.

„Athen lässt die Säbel rasseln — stumpfe Säbel allerdings“, ergänzt seine Kollegin Mira Barthelmann am Mittwoch ebenda.

„Die Löwen in Athen und Brüssel hatten in den vergangenen Tagen gut gebrüllt“, erzählt ihre Kollegin Ellen Trapp am Donnerstag vor derselben Kulisse. „Wie gut, wenn man miteinander spricht.“ Ihre Analyse gipfelt in der Mahnung: „Er ist der neue griechische Ministerpräsident. Das müssen in Brüssel nicht alle gut finden, aber auf jeden Fall sollten sie ihn tolerieren.“

Sie stehen dort nicht, um uns Dinge zu sagen, die wir noch nicht wissen. Sie stehen dort, um uns Dinge zu sagen, die wir schon wissen; die sie uns am Tag vorher schon gesagt haben und am nächsten Tag wieder sagen werden; die unseren Blick auf eine komplexe Entwicklung auf eine einfache, vertraute, im Zweifel bequeme Position verengen. Und Politik oft auf das reduzieren, was sie mit Politikern macht.

Hintergründe, Zusammenhänge, Widersprüche darf man nicht erwarten von der 20-Uhr-„Tagesschau“, aber dafür gibt es ja viele andere, weniger gesehene Sendungen, in denen das womöglich gründlich behandelt wird, und tagesschau.de natürlich, worauf die Fernsehsendung seit Jahren auch schon wieder ritualhaft in jeder Sendung einmal hinweist.

Walter van Rossum hat schon 2007 in seinem Buch „Tagesshow“ geschrieben: „Im Laufe der Jahrzehnte hat man sich Generationen von Zuschauern herangezogen, die behaupten, durch die ‚Tagesschau‘ gut informiert zu werden. Und umgekehrt glaubt die ‚Tagesschau‘ deshalb, glänzend zu informieren. (…) Die ‚Tagesschau‘ macht ihre Zuschauer entschlossen zu Zaungästen einer Welt, indem sie sich ebenso entschlossen weigert, diese Welt auch nur andeutungsweise zu begreifen.“ Genau darauf beruhe ihr Erfolg.

Aber während die 20-Uhr-„Tagesschau“ bleibt, was sie war, hat sich die mediale Welt um sie dramatisch verändert. Plötzlich gibt es so viele Quellen, aus denen das Publikum sich selbst informieren kann, gute und üble, mit denen es die quasi-amtliche Fünfzehn-Minuten-Konfektionierung des Tages vergleichen und hinterfragen kann. Plötzlich kann man auch die Sendung selbst noch einmal anhalten und sezieren und die Widersprüche entdecken (und Wolfsangel-Symbole), die sich früher einfach versendet hätten.

Plötzlich formulieren Menschen öffentlich auf der Grundlage all dessen Ansprüche an die Sendung, und die Verantwortlichen scheinen sich konsterniert umzuschauen und zu fragen, wie sie die denn erfüllen können sollen.

Die Diskussion um die Bilder vom „Republikanischen Marsch“ in Paris vor drei Wochen war erhellend. Die meisten Nachrichtensendungen und Medien, auch die F.A.Z., zeigten die angereisten Spitzenpolitiker aus aller Welt so, als würden sie diese Demonstration tatsächlich anführen. Eine Totale, ein „establishing shot“, hätte gezeigt, dass sie aus Sicherheitsgründen mit großem Abstand zum Volk in einem abgesperrten Bereich liefen.

„ARD-aktuell“-Chef Kai Gniffke hat auf Kritik daran wütend reagiert — und im Grunde die Ansprüche, die Kritiker an die „Tagesschau“ formulierten, als unangemessen zurückgewiesen. In der Live-Übertragung hätte man ja die Politiker auch aus anderen Perspektiven sehen können. Im Übrigen sei das „immer eine Inszenierung“, wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen. Und man solle doch nicht versuchen, „solche Gesten“, wie den Auftritt der Politiker, „gleich als Inszenierung zu diffamieren“.

Die „Tagesschau“, soll das wohl heißen, kann es nicht leisten, solche Inszenierungen kenntlich zu machen, und eigentlich will sie es auch nicht. Sie macht sich stattdessen zum Teil dieser Inszenierungen, der kleinen Auftritte wie der großen Narrative, und zu Komplizen: self-embedded journalists.

Sie will die „große Geste“ der Politiker in Paris nicht dadurch stören, dass sie kurz zeigt, wie weit der Abstand zu den Massen war. Und vielleicht will sie auch die Erzählung vom Kampf tapferer, vereinter Ukrainer gegen skrupellos agierende Separatisten nicht dadurch stören und verkomplizieren, dass sie erwähnt, wie zweifelhaft einige der Verteidiger sind.

Amnesie vom Besten

05 Jul 14
5. Juli 2014
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Kerner plaudert sich mit seinen Top-Deutschen ins Nichts.

Im ZDF liefen in dieser Woche zwei große Shows, insgesamt 200 Minuten lang, in denen „Deutschlands Beste“ durchgezählt wurden. Ich habe beide gesehen und kann mich an nichts erinnern.

Angeblich saß in der einen Maria Höfl-Riesch auf dem Sofa, ich möchte aber schwören, dass sie in den eineinhalb Stunden nichts gesagt hat, außer einmal kurz, das habe ich aber sofort wieder vergessen. Ich weiß noch, dass ein kleiner Film über Anni Friesinger abrupt abriss, als die Kamera gerade auf ihren Ausschnitt schwenkte, das gab ein kleines Hoho. Am Ende bekamen die Frauen Blumen. Moderator Johannes B. Kerner entschuldigte sich bei Marietta Slomka fürs Überziehen. Und dann war es nicht nur vorbei. Es war, als wäre es nie gewesen.

Das ZDF hat es geschafft, zwei komplett rückstandslose Shows produzieren. Das muss ihm erstmal einer nachmachen.

Zum Glück habe ich mir während des Anschauens Notizen gemacht, so dass ich Teile des Nicht-Geschehens rekonstruieren konnte. Auf der obskuren Grundlage einer Forsa-Umfrage, einem Aufruf der „Hörzu“ und einem Online-Voting (Kerner: „insofern kann man das schon ‚n bisschen ernst nehmen“) wurden je einhundert vom ZDF ausgesuchte lebende deutsche Frauen und Männer in eine Reihenfolge gebracht und mit kurzen Schnipselcollagen gewürdigt. Die erste Sendung befasste sich mit Männern, weil man fand, wie Kerner erklärte: „Das schwache Geschlecht möge beginnen.“ Er freute sich über diesen Witz, und das Saal-Publikum lachte.

Kerner versprach „ganz tolle Gäste, die wir eingeladen haben; ganz wertvolle Filme, die wir produziert haben“, und tatsächlich gab es Gäste und Filme. Die Gäste waren fast alle selbst auf der Liste, was immer einen Sonder-Applaus gab, und freuten sich über ihre Platzierung und die Ranking-Nachbarn vor und hinter ihnen. Kerner siezte sie mit Vornamen und stellte ihnen Kerner-Fragen, etwa diese an Claus Kleber: „Klaus, wir haben Joschka Fischer geshen, auf Platz 37 ein Politiker, der sich jetzt aus der Öffentlickeit weitgehend zurückgezogen hat, vielleicht Vorträge hält und hier und da gefragt wird und auch mal was Kluges schreibt, sind die Politiker in Wirklichkeit doch ‚n bisschen näher an den Leuten als man so denkt? Weil wir so alle schimpfen auf die Politiker — sind sie wertvoller, als wir glauben?“ Günther Jauch fragte er: „Günther, aus Ihrer Erfahrung jetzt mit der Talkshow am Sonntag: Politiker — besser als ihr Ruf?“ (Jauch reagierte mit einem angestrengten Dreifachschnaufer, was ich auf die Frage bezogen hätte, alle anderen aber auf die Politiker, weshalb Kerner lachend rief: „Reicht schon!“, und das Publikum applaudierte.)

Die Kurzvorstellungen der 50 besten Besten waren so geschnitten, dass man all den Unsinn, der darin gesagt wurde, kaum registrieren konnte. Reinhard Mey wurde als „der Ikarus der deutschen Musik“ vorgestellt, Gregor Gysi als „das personifizierte soziale Gewissen“, und Horst Seehofer als der Name des Selbstbewusstseins. Caren Miosga sei „das charmante Aushängeschild in der toughen ARD-Nachrichtenwelt“, und zu Sandra Maischberger fiel den Textern der Satz ein: „So schön kann Journalismus sein.“

Ob die Video-Schnipsel inhaltlich passten, war ohne Belang, solange sie nur gut zu dem Gesagten aussahen. „Das Engagement für Gleichberechtigung und den Schutz von Minderheiten, das ist Claudia Roths großer Wurf“, sagte der Sprecher, während die Grünen-Politikern mit einem Ball einen Stapel Dosen abräumt — auf denen das Atomkraft-Logo prangt. Zur Illustration, dass Gerhard Schröder wegen des Kosovo-Einsatzes 1998 als Kriegs-Kanzler beschimpft wurde, lief sein Satz: „Die Logik des Krieges hat sich gegen die Chancen des Friedens durchgesetzt“, der allerdings von 2003 ist und sich auf den Irak-Krieg bezieht, dem er sich ja gerade verweigerte. Aber um sich daran zu stören, müsste man sich erst einmal erinnern.

Es war Wohlfühlfernsehen mit den Pointen der fünfziger Jahre, zeitgemäß verpackt als modernes Nichts. „Wir verplaudern uns, das ist schön“, rief Kerner an einer Stelle aus. Er ist beim ZDF wieder zuhause angekommen.