— 3. Juli 2011
Die große Stärke von Richterin Barbara Salesch ist ihre Fähigkeit, nicht zu urteilen. Vor ihr spielen sich die erschütterndsten Szenen ab: Arme werden in die Luft geworfen, Hände gerungen, Stimmen gepresst und überschlagen, Gesichter verzogen, Augen aufgerissen und gerollt. Doch all diese Gewalttaten, begangen im Auftrag eines Fernsehsenders von Menschen, die große Gefühle und dramatische Überraschungen ausdrücken sollen und dafür ungefähr so viel Talent haben wie eine Autobahnbrücke, bleiben ungesühnt. Barbara Salesch schafft es, im Angesichts dieses Grauens mit keiner Wimper zu zucken. Sie prustet nicht laut los, kichert nicht in sich hinein und bricht nicht weinend über dem Richtertisch zusammen. Sie spricht nicht einmal, was das Mindeste wäre, ein lebenslanges Fernsehauftrittsverbot aus. Nur ganz gelegentlich ruft sie die Zeugen und Angeklagten, Verwandten, Geliebten und Prostituierten, in einer Heftigkeit zur Ordnung, dass nicht ganz klar ist, ob das nur der Rolle gilt oder auch ihrem Darsteller.
Mit der Umstellung der täglichen Sat.1-Show »Richterin Barbara Salesch« von echten kleinen Fällen vor einem Schiedsgericht zu gespielten Verhandlungen über Mord– und Totschlag-im-Swingerclub-Dramen begann vor elf Jahren der Siegeszug der Darstellerlaien im deutschen Fernsehen. Viele spielen sich in ihren Rollen geradezu in einen Rausch (wobei genauso wahrscheinlich ist, dass sie den schon zu den Dreharbeiten mitgebracht haben), schaffen es aber trotz allem Bemühen regelmäßig nicht, auch nur annähernd so geistesgestört zu wirken wie Drehbücher.
Fürs Fernsehen entdeckt wurde Salesch, die richtige Richterin in Hamburg ist, ursprünglich, weil sie so munter, volkstümlich und extrovertiert ist. Inzwischen fällt sie eher dadurch auf, wie gleichmütig und unbeeindruckt sie das Beklopptheitengetöse in ihrem falschen Gerichtssaal hinnimmt. Leise fragt sie zum millionstenmal den Beruf eine Befragten ab und weist ihn darauf hin, dass er vor Gericht die Wahrheit sagen muss. Wenn sie selbst Fragen stellt (was sonst meist die Staatsanwälte und Verteidiger übernehmen, die echte Staatsanwälte und Verteidiger sind, die Laiendarsteller spielen, die Staatsanwälte und Verteidiger spielen), tut sie das mit einer Behutsamkeit und in einem Tonfall, als ob sie mit Drei– oder Hundertdreijährigen spricht.
Ähnlich routiniert beantwortet sie inzwischen Journalistenfragen. Ein zehn Jahre altes Zitat des ehemaligen Präsidenten des Bundesgerichtshofes muss immer noch als Beleg dafür dienen, dass ihre Justizparodie auch gut sein könnte für die Justiz. Noch länger bezeichnet sie sich als »Deutschlands bestbeobachtete Richterin« und schließt daraus, dass die Urteile über den Quatsch seriös sein müssten.
Nun hat sie bekanntgegeben, dass sie zum Ende des Jahres aufhören will. Sie will sich mehr der Malerei widmen. Ich hätte angenommen, dass sich das auch während der Show machen ließ, hinter dem Richtertisch, zwischen zwei Nichtvereidigungen von Zeugen. Irgendwas hat sie da immer schon vor sich hingekritzelt. Aktennotizen werden es ja nicht gewesen sein.
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— 26. Juni 2011
Wir werden nie erfahren, ob der Knautschpolizist Columbo auch eine solche Fernsehlegende geworden wäre, wenn Bing Crosby oder Lee J. Cobb die Rolle gespielt hätten, die angeblich zuerst gefragt wurden. Sicher ist, dass es ein sehr anderer Columbo gewesen wäre und womöglich nicht einmal ein Knautschpolizist. Peter Falk hat diese Rolle nicht nur durch sein Schauspiel geprägt. Er selbst hat das heruntergekommene Äußere des Lieutenant bestimmt, den alten Peugeot ausgesucht. Der schäbige Mantel, den Columbo trug, war sein eigener. Über zwanzig Jahre war es tatsächlich dasselbe Stück, bis es fast auseinanderfiel. Den Ersatzmantel mochte er nicht. Und über die Jahre wirkte Columbo selbst immer mehr wie diese alten, heruntergekommenen, abgeliebten Gegenstände und Accessoires, die ihn umgaben. »In mir stecken schon Unmengen von Patina«, sagte Falk einmal in einem Interview.
Auch die Idee, dass Columbo als ein Mann, der mit so wichtigen Dingen wie der Überführung von Mördern anhand kleinster Details beschäftigt ist, wirklich nicht auch noch den Überblick über so banale Dinge wie den Inhalt seiner Taschen behalten kann, stammt angeblich von Falk selbst. Ungeprobt habe er in einer Szene zum ersten Mal dem Täter statt des vernichtenden Beweises einen Einkaufszettel vorgelesen, den Columbo an seiner Stelle in seinem Regenmantel fand: »… Ein Brot und ein Karton Rosinen…«. Der Blick des Schauspielers, ähnlich überrascht wie es der Mörder gewesen wäre, sei unbezahlbar gewesen, sagt Falk.
Er hat andere Rollen gespielt, im Kino und im Theater, auch mit Erfolg, aber Peter Falk, der am Donnerstag im Alter von 83 Jahren gestorben ist, wird den Menschen auf der Welt als Columbo in Erinnerung bleiben. »Ich könnte in einer Eiswüste sein, pfeifender Wind, und wenn irgendwo hundert Meter entfernt vier Eskimos um die Ecke kämen, würden ihnen die Augen tränen vor Glück, mich zu sehen (nicht mich, Columbo)«, schreibt er in seiner Autobiographie. Das Kapitel trägt die Überschrift: »Gott hat niemals ein Menschen dafür gemacht, von zwei Milliarden anderen Menschen erkannt zu werden.«
In Wim Wenders‹ »Der Himmel über Berlin« spielt er einen ehemaligen Engel, oder vielleicht spielt er auch Columbo als ehemaligen Engel. Jedenfalls steht er an einer Imbissbude in Berlin und sagt zum Engel Damiel: »I can’t see you, but I know you’re there.« Das wirkt heute merkwürdig passend.
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— 15. Mai 2011
Man vergisst irgendwann, wie ungewöhnlich es ist, dass ausgerechnet
Anke Engelke auf dieser Bühne steht: eine Sat.1-Frau als Gesicht der wohl wichtigsten Show des Ersten Deutschen Fernsehens seit vielen Jahren. Man vergisst es, weil man sich beim besten Willen niemanden vorstellen kann, der hier an ihrer Stelle stehen sollte. Sie wirkt wie die geborene Moderatorin des Eurovision Song Contest, selbst wenn das eher wie ein Fluch denn wie ein Kompliment klingen mag.
Sie hatte — bei den Proben, den Halbfinalen und dem sogenannten »Jury-Finale« am Freitagabend, auf dessen Grundlage die Juroren in den 43 Ländern ihre Punkte abgeben — neben Judith Rakers und Stefan Raab eine fast unerhört gute Laune. Sie schaffte es scheinbar mühelos, die Rolle der würdevollen Gastgeberin mit Momenten des Slapstick oder auch nur des Augenzwinkerns zu mischen. Sie erstarrte nicht auf dieser großen Bühne mit dem engen Ablauf-Korsett, sondern erspielte sich kleine Freiräume, in denen sie ihre Begeisterung für diesen Wettbewerb zeigen konnte. Sie tanzte ausgelassen albern zu den Titeln, die es ins Finale schafften, und konnte spontan den italienischen Beitrag singen, als der (zufällig bestimmt) in der Generalprobe gewann. Sie jonglierte mit Namen und Sprachen, Haltungen und Rollen. Und wenn es nötig war und zum Beispiel eine Schaltung nicht funktionierte oder einer der Menschen, die die Punkte verlasen, sich im Versuch witzig zu sein verhedderte, konnte sie auch ein geduldiges Standard-Moderatorinnen-Lächeln einrasten lassen. Wer weiß, vielleicht hat sich da die Erfahrung als Volksmusikmoderatorinnenparodie Anneliese Funzfichler sogar ausgezahlt. Es ist jedenfalls ein großer Schatz an Charakteren, aus dem sie da auf der Bühne schöpfen kann. Dazu kommt offensichtlich noch das ganz eigene, private Fantum.
Sie scheint sich so zuhause zu fühlen auf dieser Bühne, dass man sich fast mit Gewalt daran erinnern muss, dass sie — anders als eben ihre Anneliese Funzfichler — gar nicht schon seit Jahrzehnten dauernd als Gastgeberin großer Fernsehshows auftritt. Warum ist das eigentlich so? Wieso hat diese Frau keine eigene Samstagabendshow, in der sie prominente und nicht-prominente Gäste empfängt und mit ihnen singt und herumalbert, mit Glamour und großer Pose, aber auch den komödiantischen Brüchen, die eine solche Rolle heute bräuchte?
Sie müsste sofort für Gottschalks Nachfolge bei »Wetten dass« verpflichtet werden — außer, dass das natürlich ein Job ist, den man womöglich gar nicht haben möchte. Vielleicht könnten wir uns für den Anfang und darauf einigen, dass sie jetzt jedes Jahr den Eurovision Song Contest moderiert. So als Mindestforderung.
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— 17. April 2011
Donnerstagabend bei n-tv. Das Publikum lacht aus vollem Hals, und er lacht mit offenem Mund zurück und saugt den Beifall gierig auf. Jemand hatte gesagt, der deutsche Außenminister hätte sich »dilettantisch« verhalten, und er hat widersprochen: »nicht dilettantisch, sondern dilettuntisch«. Weil Guido Westerwelle schwul ist und »Tunte« ein Schimpfwort für Schwule, lachen alle über das Wortspiel und den Schwulen.
Serdar Somuncu hat ein Problem mit Homosexuellen. Er macht daraus auch keinen Hehl. Aber weil er als Kabarettist auftritt, denken die, die nicht mitlachen, er meint das ironisch.
In der von Friedrich Küppersbusch produzierten n-tv-Talkshow »4 gewinnt« (einer Art »7 Tage 7 Köpfe« mit weniger Kopf) redet er sich in Rage: »Ich finde Westerwelle ekelhaft — der ist schwul und hat Narben im Gesicht.« In seinem Internetprogramm »Hate Night« erzählt er, wie sehr es ihn vor Hella von Sinnen und Anne Will ekelt. Er hetzt darin so überzeugend gegen Lesben, dass es egal ist, ob er da womöglich eine Rolle spielt und das demaskierend meint: Die Show ist geilster Porno für Lesbenhasser.
Somuncu wurde dadurch bekannt, dass er mit »Mein Kampf« auf Lesereise ging und Hitlers Werk demystifizierte. Heute jammert er, dass große Fernsehsender ihn nicht zeigen wollen, vergleicht das mit Faschismus und sagt: »Der neue Hitler heißt TV«. Es ist alles eine große Provokation. Manchmal glaubt man noch Anführungszeichen mitzuhören, wenn er, vielleicht aus reiner Langeweile, sich als Hardcore-Atomkraft-Fan ausgibt. Manchmal zweifelt man an den Anführungszeichen, wenn er überzeugend hasserfüllt gegen rauchende Hartz-IV-Empfänger wettert. Und manchmal betont er, dass da keine Anführungszeichen sind. Dass »hässliche Frauen« wie Angela Merkel eine Burka tragen müssen sollten, das meine er als Witz, sagt er, aber dass man die Verschleierung verbieten müsste, das sei sein Ernst. »Wer in Europa lebt«, sagt Somuncu, »muss sich den Gepflogenheiten der Europäer anpassen. Und wenn er das nicht will, soll er dorthin gehen, wo er herkommt.« Auf die Frage, ob er zwischen Burka und Tschador unterscheide, spuckt er: »Ich lerne nicht die Terminologie von Leuten, die ich für minderbemittelt halte.«
Es ist fast tragisch, dass die Partei, deren Parolen Somuncu so überzeugend verbreitet, ihn wegen seines Migrationshintergrundes wohl nicht aufnehmen würde.
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— 10. April 2011
Vermutlich arbeitet die ARD schon daran, die Kritik an der Flut der Talkshows dort zu behandeln, wo sie hingehört: in den Talkshows. Das Erste könnte zum Start von »Günther Jauch« im Herbst eine ganze Themenwoche mit täglichen Gegen-den-Talk-Talks veranstalten und dem prominenten Talkshow-Kritiker Hans-Ulrich Jörges darin einen festen Platz geben.
Jörges hatte Ende vergangenen Jahres in seiner Kolumne im »Stern« bemängelt, dass »die Talks wie ihre Diskutanten durch kollektiven Verschleiß und Übersättigung des Publikums gefährdet sind«. Eingeladen würden, formulierte er salopp, nur noch Gäste, die salopp formulieren und »auf den Pudding hauen«. Die überdrehte Zuspitzung, der Zwang zu »noch griffigeren, populäreren, quotenbaggernden Fragestellungen«, sei dabei eine Gefahr für die Politik, weil sie dem »Gelingen keine Chance mehr gibt«, schrieb Jörges — vermutlich aus dem Taxi auf dem Weg vom »Presseclub« zu »Anne Will« — unter der Überschrift »Oraler Overkill«.
In dieser Woche war er wieder einmal zu Gast bei »Hart aber fair« und sagte, dass der noch nicht einmal gewählte FDP-Vorsitzende Philipp Rösler wohl keine Chance hat. Er fragte puddingverachtend, ob »die FDP nur auf Standby ist oder sich ausgeschaltet hat«. In seinen jüngsten Kolumnen hatte er schon nüchtern resümiert: »Alles scheint sich aufzulösen.« Dies könnte »das Ende des Parteiensystems sein, das wir kennen«. Die Stimmenthaltung Deutschlands im Weltsicherheitsrat zur Libyen-Resolution sei der »erste Schritt in den Neutralismus« und »politische Selbstzerstörung«. Über seinem jüngsten »Stern«-Text steht: »In ihren Armen das Kind war tot«, wobei die Arme Angela Merkel gehören und das Kind die FDP ist.
Man ahnt, warum Menschen, die glauben, dass »Guido über Bord, Boygroup an Deck« ein guter Titel für eine politische Gesprächssendung ist, auch glauben, dass Hans-Ulrich Jörges ein guter Gesprächspartner ist. Am Mittwoch erklärte er — mit dieser Aura von jemandem, der ganz genau weiß, wie der Betrieb in Berlin funktioniert — dass die Vorgänge in der FDP zeigten, wie brutal es in der Politik zugeht. Das verwunderte den ebenfalls anwesenden Generalsekretär Christian Lindner, der sich keine Minute zuvor für das vermeintlich »Kuschelige« an dem »Putsch« in seiner Partei rechtfertigen musste und nicht ganz zu unrecht fragte, ob man sich nicht vielleicht für einen der beiden Vorwürfe entscheiden müsse.
Die Frage brachte Jörges nicht einmal für eine Nanosekunde aus dem Konzept. Aber wer weiß, vielleicht schreibt er schon an seiner nächsten Kolumne, in der er die Betriebsblindheit deutscher Kolumnisten anprangert.
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