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BILDblog

— 30. Mai 2005

Vom Glück, BILDblog zu machen.

Am 7. Januar erschien in »Bild« eine kleine Meldung auf der letzten Seite. Eine portugiesische Familie habe bei einem Picknick in Pamplona Fleischspieße grillen wollen, stand darin. Die 93-jährige Oma sei, während die anderen Holz suchten, auf einem Klappstuhl zurückgelassen worden, ins Feuer gefallen und verbrannt. »Bild« hatte eine vermutlich lustig gemeinte Überschrift darüber gesetzt: »Großmutter aus Versehen gegrillt«.

Die Geschichte war nicht nur eklig. Sie klang auch irgendwie unwahrscheinlich. Sie war sonst nirgends zu finden, jedenfalls nicht in deutsch– oder englischsprachigen Medien. Und mit unserem Spanisch ist es nicht so weit her. Wir konnten nicht beweisen, dass der Artikel falsch war. Aber wir wollten ihn auch nicht auf sich beruhen lassen. Dann hatten wir eine Idee, die uns revolutionär vorkam: Wir fragten in einem Eintrag unsere Leser, ob jemand vielleicht die Originalquelle für den »Bild«-Artikel ausfindig machen könnte. Innerhalb kürzester Zeit schrieben uns vier Leute und bestätigten mit Links und Übersetzungen unseren Verdacht: »Bild« hatte die Familien-Picknick-Geschichte erfunden. Es gab keine Grillspieße und keine Holzsuche. Die »gegrillte Großmutter« war eine obdachlose Frau, die schrecklich verbrannte, als sie sich an einem Feuer in einer Blechtonne wärmen wollte und sich die Decken entzündeten, in die sie sich gehüllt hatte.

Für langjährige Blogger mag das eine banale Anekdote sein; für einen klassischen Journalisten ist die Erkenntnis ein Kulturschock: Wir können ja unsere Leser fragen. Unter den vielen Tausend Unbekannten, die täglich auf BILDblog.de vorbeikommen, sind nicht nur Menschen, die spanisch sprechen, sondern auch Experten für Steuerrecht, für Astronomie und für die Feinheiten beim Rangieren von Eisenbahnen. Unsere Leser wissen alles. Wir müssen sie nur fragen. Und manchmal schreiben sie uns auch so.

Wir bekommen am Tag ungefähr zwanzig »sachdienliche Hinweise«. Manche davon sind Lappalien. Manche unbrauchbar, weil der Leser irgendetwas missverstanden hat. Manche genau richtig, aber zu speziell, als dass man daraus einen Eintrag machen könnte. Aber ohne die Mitarbeit unserer Leser könnten wir BILDblog nicht machen. Ein paar sind regelmäßige Lieferanten, so etwas wie Hilfs-BILDblogger, die mit großer Ausdauer und Energie »Bild« nach Bedenklichem und Falschem durchforsten. Andere melden sich, wenn ein »Bild«-Bericht in ihr eigenes persönliches oder fachliches Umfeld berührt.

Diese Nähe, die Kommunikation löst bei einem Journalisten, der sonst, wenn es hoch kommt, in der Woche einen Leserbrief, aber siebzehn »sachdienliche Hinweise« von PR-Agenturen bekommt, ein ungeahntes Glücksgefühl aus. Viele machen unser BILDblog zu ihrem BILDblog und zeigen uns das durch Beteiligung – und Kritik. Unsere Leser wissen nicht nur alles, sie wollen auch alles. Sie wollen einen RSS-Feed (selbstverständlich!), aber am liebsten auch einen Newsletter; sie wollen, dass die Seite auch im Ganzbildmodus von Opera 8.0 gut aussieht und dass sie auch als reine Feed-Leser informiert werden, wenn sich in der Link-Liste etwas tut; sie wollen, dass man einzelne Einträge auch ausdrucken kann (wörtlich: »Ich will ab morgen eine Funktion zum Ausdrucken implementiert haben aufstampf«), und wehe, man nimmt das Angebot wegen technischer Probleme wieder zurück.

Aber dafür schicken Sie uns auch hundertfach Entwürfe, wenn wir sie bitten, uns eine Gratis-Werbepostkarte zu gestalten. Als wir so unvorsichtig waren, sie um Erklärungen für eine besonders unerklärliche »Bild«-Formulierung zu bitten, hatten wir nach drei Minuten fünf E-Mail-Antworten und nach drei Stunden 170. Die meisten mit klugen Gedanken, und einige mit wunderbar abwegigen Theorien. Die Lust, mitzuwirken an BILDblog, scheint grenzenlos.

Und führt gelegentlich zu beunruhigenden Auswüchsen. Als wir einmal einen Beitrag über Hauke Brost brachten, einen »Bild«-Kolumnisten, der zu seinen Artikeln voller Klischees über Frauen und Ausländer nur stehen kann, indem er sie als Satire verstanden wissen will, war darin auch ein Link zu seiner Homepage enthalten. In kürzester Zeit hatten unsere Leser dem Mann sein Gästebuch, man kann es nicht anders sagen: vollgekotzt. Eine offenbar jahrelang aufgestaute Wut brach sich Bahn. Erschrocken verfolgten wir, wie sich – trotz unserer Bitten um Zurückhaltung – die Schreiber in immer groteskeren und abstoßenderen Beschimpfungen überboten. Ein Mitarbeiter von »Bild« sagte später: Da sehe man mal, wir sollten von unserem hohen moralischen Ross runterkommen. Unter unseren Lesern sei genauso ein »Mob« wie unter denen der Zeitung, für die er arbeitet. Wir hätten ihm den vermeintlichen Beweis für diese Illusion lieber nicht geliefert.

Als wir vor gut einem Jahr anfingen, ein paar Notizen über die »Bild«-Zeitung in einem Blog zu sammeln, hatten wir keinen Plan, wohin das einmal führen sollte. Wir hatten keine Vorstellung, wie viele Leute das lesen wollen würden, sondern nur das Bedürfnis, all das, was uns täglich in »Bild« begegnete, festzuhalten. Für uns. Und jeden, den es interessiert. Wir haben bis heute keine Werbung gemacht, es gibt nach über einem Jahr immer noch kein offizielles BILDblog-Banner (weshalb viele Leser sich rührenderweise selbst welche basteln), und trotzdem schauen an Werktagen inzwischen deutlich über 20.000 verschiedene Menschen vorbei, ob es etwas Neues bei uns gibt. Fast jede Woche kommen neue hinzu, und erstaunlicherweise bleiben die meisten.

Fast vom ersten Tag an bekamen wir Mails mit der Frage, ob wir Unterstützung gebrauchen könnten, Spenden oder so. Als wir dann endlich eine Kontonummer eingerichtet hatten, gaben uns viele Geld. Es kam nicht ganz so viel zusammen, wie wir uns erhofft hatten. Denn die, die etwas spendeten, gaben meistens kleine und kleinste Beträge – gelegentlich mit dem Hinweis, mehr sei leider nicht drin. Wir hatten gehofft, dass sich noch mehr Menschen mit kleinen Beträgen beteiligen, dass sich vielleicht ein paar Großspender finden würden, und vor allem: dass das Geld regelmäßiger fließen würde. Nachdem die erste Welle vorbei war und die Einnahmen nur noch tröpfelten, waren wir etwas ernüchtert. Aber dass überhaupt so viele Leute es Wert fanden, uns Geld zu geben, bleibt eine wunderbare Erfahrung.

Die meisten Leser stellen uns (und anscheinend auch sich) nicht die Frage, ob das etwas bringt, was wir da machen. Ob man an »Bild« etwas ändern kann, an ihrer Skrupellosigkeit, ihrer Fahrlässigkeit, ihrer Parteilichkeit, ihren Lügen– oder wenigstens an der Art, wie »Bild« wahrgenommen wird. Wir haben BILDblog nicht gegründet in der festen Annahme, damit bei anderen etwas bewirken zu können. Wir hätten uns nicht erträumt, eines Tages zu erfahren, dass viele »Bild«-Redakteure morgens im Büro als erstes mit mulmigem Gefühl bei uns nachsehen, ob es sie heute »erwischt« hat.

Nach einem Jahr BILDblog fühle ich mich gegenüber der größten und einflussreichsten deutschen Zeitung weniger ohnmächtig denn je. Es fängt damit an, dass ich mich früher nicht getraut hätte, der »Bild«- Zeitung »Lügen« zu unterstellen — aus Furcht vor juristischen Konsequenzen und aus dem Gefühl, das möglicherweise nicht beweisen zu können: dass »Bild« wissentlich Fakten falsch darstellt. Heute weiß ich: Mit dem Archiv, das BILDblog darstellt, kann ich es beweisen, wenn ich muss. Und jeder andere, der es will, kann es auch.

Viele Skeptiker nehmen an, dass wir mit unserem Projekt nur die Leute erreichen, die sich ohnehin keine Illusionen machen, was die Qualitäten von »Bild« angeht. Ich glaube, das ist doppelt falsch: Erstens liefern wir denen, die immer schon das Gefühl hatten, dass »Bild« häufig nicht die Wahrheit schreibt, erstmals aktuelle Argumente und Beweise. Und zweitens erreichen wir auch ganz andere Leute als die vielleicht anzunehmende Zielgruppe von Linken und Intellektuellen. Seit wir über ein paar grobe Schnitzer in der Fußballberichterstattung geschrieben haben, lesen uns zum Beispiel nachweislich viele Mitglieder von Fanclubs. Und zum Tollsten gehört es, in Internetforen zu beliebigen Themen die Kraft der Aufklärung am Werk zu sehen. Wenn irgendjemand eine »Tatsache« gepostet hat und auf »Bild« als Quelle verweist, findet sich oft schnell ein anderer, der mit einem dezenten Hinweis auf uns die Glaubwürdigkeit dieser Quelle in Frage stellt – und im Idealfall sogar auf einen Eintrag bei uns verlinken kann, der den Sachverhalt in ein anderes Licht rückt.

Auch das ist eine Form unmittelbarer Wirkung, von der ich als klassischer Journalist immer geträumt habe und als BILDblogger am Anfang nicht zu träumen gewagt hätte.

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Harald Schmidt

— 22. Mai 2005

Harald Schmidt? Welcher Harald Schmidt? Wie es passieren konnte, dass dem großen Satiriker Wichtigeres verlorenging als Erfolg: Bedeutung

Die Arbeiter waren Demoliseure; Niederreißen war ihr Beruf, für Aufbauen kamen sie niemals in Betracht. „Und das ist recht so”, sagten sie. „Jedem sein Beruf und jedem sein Verdienst! Dies ist der König der Demolierer”, sagte der jüngere. Der ältere lächelte. So heiteren Sinnes waren die Zerstörer; und ich mit ihnen. (Joseph Roth)

Diesen Mittwoch war da fünf Minuten vor Schluß wieder dieses Gefühl: Er ist durch. Am Ende des Stoffs, den er sich vorgenommen hatte, war noch etwas Sendung übrig. Natürlich ist er Profi genug, die Reste zu strecken, zu improvisieren, die Leere zu verplappern. Aber die Spannung war dahin.

Vor allem war die Gewißheit dahin, daß die ein, zwei Sendungen, die Harald Schmidt pro Woche noch macht, vor Ideen platzen müßten. Daß sich in der Woche so viel Material angestaut haben würde, das von ihm abgehandelt gehört, einsortiert, relativiert, lächerlich gemacht, ernst gemacht, daß man mit ihm nach einer halben Stunde sagen würde: Die Sendung kann jetzt einfach noch nicht vorbei sein. Harald Schmidt rettet sich über die Runden. Nicht mühsam, sondern routiniert, aber er rettet sich über die Runden. Das wollte ich eigentlich nicht sehen.

Es gab eine Zeit, da hatten viele Menschen das Gefühl: Die „Harald Schmidt Show” muß man sehen. Wer sie verpaßt, verpaßt etwas. Natürlich stimmte das nicht immer. Natürlich gab es Sendungen, die langweilig waren, uninspiriert, mißlungen. Aber oft genug stimmte es. Heute ist dieses Gefühl nicht mehr da. Wenn ich Schmidts ARD-Show sehe, zufällig, aus alter Gewohnheit, aus naiver Neugier, gehe ich hinterher nicht mit einem Grinsen ins Bett über eine grandiose Idee und wache morgens nicht mehr auf mit dem Gedanken, irgend etwas daraus nachher den Kollegen erzählen zu müssen.

Man kann sich Harald Schmidt immer noch angucken. Aber man muß nicht. Manchmal denke ich mir nach einer Sendung, daß sie vielleicht nicht fünf Minuten früher hätte zu Ende sein sollen, sondern eineinhalb Jahre.

Vielleicht gibt es einen psychologischen Effekt, wie bei einer Beziehung. Schmidt hat sich uns ein Jahr lang entzogen, und nach so einer Trennung ist nichts wie vorher. Man kann nicht einfach dort weitermachen, wo man die Beziehung unterbrochen hatte, die Natürlichkeit ist dahin. Selbst Schmidts größte Fans, die Redakteure des „Spiegels”, haben irgendwann gelernt, sich an das Undenkbare zu gewöhnen: Ein Leben ohne Schmidt. Jetzt ist er wieder da, aber das Beste daran scheint zu sein, daß der Phantomschmerz weg ist.

Würde man den Fehler machen, seinen Begriff von der „Kreativpause” wörtlich zu nehmen, welche Ideen hätte er aus dem Jahr mitgebracht? Nur eine: Schmidt genügt.

Alles, was nicht Schmidt ist, hat er abgeschafft: Natali, Suzana und Zerlett, Dr. Udo Brömme, Bernd Zeller und all die Ansprechpartner, Stichwortgeber und Nebenfiguren. Übriggeblieben ist nur der bräsige Jeansjackenträger Andrack. Auf Studiogäste glaubt Schmidt auch verzichten zu können. Klar: Viele der Gespräche mit den vorbeischauenden Viva-Moderatorinnen waren unwichtig. Aber sie zwangen ihn in interessante Konflikte zwischen den Pflichten eines Gastgebers und dem natürlichen Desinteresse des Satirikers. Und sie konfrontierten Schmidt mit etwas anderem als sich selbst.

Der Titel seiner ARD-Show nennt nicht nur den Namen des Moderators; er ist eine fast vollständige Inhaltsangabe. In „Harald Schmidt” redet Harald Schmidt über Harald Schmidt. Jede Geste ein Zitat. Wie zu Sat.1-Zeiten fährt die Kamera immer noch auf Schmidt zu, wenn er einen Schluck Wasser trinkt. Schmidt macht Anspielungen auf sein Gehalt, die früheren Werbepausen, die ehemaligen Gäste, die Diskussion um die geringe Zahl der Sendungen. Selbst der Begriff „Unterschichtenfernsehen”, den er in die Welt gebracht hat, war ein Verweis auf seine eigene Vergangenheit.

Harald Schmidt war nie Fernsehmoderator, er war Fernsehmoderatoren-Darsteller. Er hat Karriere gemacht, indem er bekannte Fernsehrollen gespielt und gebrochen hat, und das Revolutionäre daran war, daß er diese Parodien nicht in irgendeiner Kabarettsendung oder Comedyshow aufgeführt hat, sondern an der Stelle, an der eigentlich das Original erwartet wurde.

Als Moderator der kleinen Quizshow „Maz ab!” karikierte er 1988 die Gattung der Kleinen-Quizshow-Moderatoren, indem er das Gegenteil dessen tat, was von einem Kleinen-Quizshow-Moderator erwartet wurde. Wahllos warf er mit Punkten, ließ vorsagen, zerstörte lustvoll die Rituale des Genres. Mit den gleichen Mitteln gab er als Moderator von „Verstehen Sie Spaß?” ab 1992 die Travestie eines Moderators einer großen Samstagabendshow.

In der „Harald Schmidt Show” auf Sat.1 spielte er nacheinander einen schlechten deutschen Nachahmer von David Letterman, einen erfolglosen Moderator, der mit Tabubrüchen Quote oder wenigstens schlechte Presse bekommen will, einen intellektuellen Missionar, der gemeinsam mit dem deutschen Feuilleton gegen die allgemeine Unbildung kämpft. Schillernd wurden all diese Rollen dadurch, daß Schmidt sie abwechselnd spielte und brach. Wenn man wollte, konnte man in den Tabubrüchen von „Dirty Harry” ebenso eine Kritik an Tabubrüchen wie eine Lust an Tabubrüchen sehen.

Inzwischen hat er alle Rollen durch. Geblieben ist die des Harald Schmidt. Harald Schmidt spielt, parodiert, konterkariert Harald Schmidt. Er hat seine eigene Person so kunstvoll in immer neuen Varianten seiner „Schmidt”-Persönlichkeit verschachtelt, daß alles, was er sagt, immer auch das Gegenteil bedeuten kann. Oder das Gegenteil des Gegenteils, was möglicherweise nicht identisch ist mit der Ursprungsaussage.

Die „Welt am Sonntag” hat Schmidt in einem langen Interview scheinbar ernsthaft gefragt, warum er seiner ersten ARD-Sendung das Motto „Es geht aufwärts in Deutschland” gegeben habe. Schmidt antwortete: „Das ist das Motto, unter dem die ganzen zwei Jahre, die der Vertrag läuft, stehen werden. Jede Sendung! Es boomt, es brummt, es ist phantastisch. Willkommen im Jahr der Entschlossenheit. Aus dieser positiven Grundhaltung wird gejammert.” So. Und jetzt versuchen Sie mal, diesen Sätzen die ganzen Wollmäntel und Kostüme aus Pathos und Ironie auszuziehen, bis nur noch die nackten Worte dastehen, und zu erklären, was uns Herr Schmidt wirklich sagen wollte. Meine Vermutung: nichts.

Schmidt hat sich so oft gewendet, daß man sich die Mühe sparen kann, zu versuchen, ihn zu entziffern. Spricht da Harald Schmidt, „Harald Schmidt” oder gar „,Harald Schmidt‹”? Für Schmidt sind die Vielschichtigkeit und die ironische Brechung kein satirisches Mittel mehr, die Dinge klarer zu sehen, sondern Selbstzweck. Es ist müßig, darüber nachzudenken, ob Schmidt den Satz „Willkommen im Jahr der Entschlossenheit” sagt, weil alle das sagen oder keiner das sagt oder niemand das sagen sollte oder alle es denken und keiner es sagt. Schmidt hätte auch sagen können: „Willkommen im Jahr der fliegenden Meerschweine”, es hätte den gleichen „Höhö”-Effekt ohne weitere Bedeutung — nur ohne den falschen Anschein von Relevanz.

Schmidt hat jegliche denkbare Haltung schon eingenommen. Er hat Satire aus der Position des Quotenkillers gemacht, den man eigentlich sofort aus dem Programm nehmen müßte, und aus der Position des schließlich doch Erfolgreichen, der seinem Sender Ansehen bringt wie nichts sonst. Heute in der ARD ist er dort angekommen, wo er hingehört, kein Feigenblatt im Privatfernsehen mehr, sondern ein überbezahlter Fernsehstar, „Grundversorgung” für die Öffentlich-Rechtlichen. Er ist, in jeder Hinsicht, etabliert. Subversiv ist an seinen Sendungen nichts mehr, kann es auch nicht sein. Selbst wenn er das gleiche macht wie vor zwei, drei Jahren bei Sat.1 — es ist nicht mehr dasselbe.

Und aus welcher Position macht er in der ARD Witze über „Maischberger”, „Scheibenwischer”, „Polylux”? Seine Quoten sind kaum besser als die von „Maischberger”, seine Witze kaum origineller als die vom „Scheibenwischer”, und bei allem, was man am Lifestylemagazin „Polylux” aussetzen kann — daß dort Menschen arbeiten, die offensichtlich Lust haben, so Fernsehen zu machen, wie sie es tun, wirkt wahnsinnig sympathisch und entspannt gegenüber einem Harald Schmidt, der sich ununterbrochen von seinem eigenen Tun, seinem Sender, sich selbst distanzieren muß.

Alles, was er tun kann, hat er getan. Man sieht, wie er mit einem blauen ARD-Schal hantiert, und weiß: Das wird jetzt wieder so ein Running Gag wie mit den BSE-Schleifen. Man sieht, wie er in einer Parodie auf den Visa-Untersuchungsausschuß endlos langsam in einem Ordner blättert, und erinnert sich: Ja, das war toll bei „Verstehen Sie Spaß”, als er ein Metronom aufgestellt und minutenlang für viel Geld nichts gemacht hat.

Und alles, alles steht in Anführungszeichen. Schmidt erzählt einen mittelschlechten Witz in Dialekt, weil er weiß, daß man mit Dialekt auch schlechte Witze retten kann, und dann sagt er, daß er das im Dialekt erzählt, weil man damit auch schlechte Witze erzählen kann. Schmidt weiß, daß man auch schlechte Sendungen damit retten kann, daß man damit kokettiert, wie schlecht sie sind. Aber vielleicht weiß er nicht, daß dieser Trick nur eine begrenzte Zeit lang funktioniert. Er hat schon bei der vierstündigen Rheinfahrt nicht mehr funktioniert, im Sommer 2003 auf Sat.1, eine unfaßbar langweilige Fernsehsendung, die kein Stück weniger langweilig dadurch wurde, daß Schmidt während der Sendung immer wieder sagte, wie langweilig sie doch sei.

Die Zuschauerzahlen der ARD-Show sinken, aber das ist nicht das entscheidende. Die Bedeutung von Harald Schmidt hat sich nie an Quoten bemessen, aber seine Bedeutung geht gegen null. Hilfsweise wird dies damit erklärt, daß Schmidt besser wäre, wenn er häufiger käme. Wie absurd: Als Stefan Raab nur einmal die Woche auf Sendung ging, war „TV Total” regelmäßig ein Feuerwerk guter Ideen. Schmidt aber macht seine ein bis zwei Sendungen pro Woche nicht aus dem Gefühl heraus, eine Art Best-of einer imaginären täglichen Sendung zu produzieren, sondern als liefe morgen und übermorgen und überübermorgen noch eine Show von ihm, da komme es ja nicht so drauf an, ob diese heute wirklich so gelungen sei.

Vielleicht ist die Antwort auf die Frage, warum Harald Schmidt so egal geworden ist, also eine ganz einfache. Die Leute haben so lange applaudiert, egal, was er gemacht hat, daß er denkt, er muß gar nichts machen. Er gibt sich einfach keine Mühe mehr.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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Günther Jauch

— 12. Dezember 2004

Müssen Sie eigentlich alles machen, Herr Jauch? Der Fernsehmoderator über Geld, Werbung, Ehrgeiz und den Luxus, sich nicht alles leisten zu müssen, was man sich leisten kann.

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Herr Jauch, warum locken die Lotterien und Fernsehshows mit immer höheren Jackpots, die immer weniger Menschen gewinnen?

Aber das ist doch das sinnvolle Prinzip einer jeden Lotterie. Wenn Sie früher auf die Kirmes gegangen sind, hätten alle einen Plastikkugelschreiber gewinnen können oder einer den zwei Quadratmeter großen rosa Bären. Und Sie wollten, obwohl Ihr Kinderzimmer schon voll war, doch unbedingt den bescheuerten Bären haben, oder?

Aber können Sie erklären, warum mit immer größeren Summen gelockt wird, aber die Menschen, die sie gewinnen, schwärmen hinterher, daß sich nichts in ihrem Leben verändert hat?

Na ja, verändert hat sich, daß sie finanziell sorgenfrei sind. Die Abwesenheit von Angst ist ein Riesenwert. Unterschätzen Sie auch nicht die Erleichterung vieler Spieler, erstmals nach Jahrzehnten mal wieder auf plus/minus Null zu kommen. Man sollte sich keine Illusion machen, wie viele Leute richtig tief im Schuldensumpf stecken oder durch Hypothekenzinsen immer kurz vorm Tremens sind. Wenn die schuldenfrei sind, fällt von ihnen erst mal alles ab.

Dafür müßten es ja keine fünf Millionen Euro sein. Ist es vielleicht wichtiger, Millionen zu gewinnen, als Millionen zu haben?

Nein, es ist einfach eine Frage der Perspektive. Es gibt eine Erwartungshaltung gegenüber Menschen, die viel Geld haben oder gewinnen. Ich werde auch damit konfrontiert: Wenn ich mit meinem Opel zur Waschanlage fahre, wird immer gefragt: »Den Porsche haben Sie aber heute zu Hause gelassen, was?« Daß ich in meinem Auftreten und Konsumverhalten nicht meinem möglichen Kontostand entspreche, irritiert viele Leute. Mir persönlich geht es schlicht um die Unabhängigkeit, monatelang auf Kreuzfahrt zu sein oder es mir zu leisten, gerade das nicht zu tun. Ich erlaube mir die Freiheit, ein Leben zu führen, das nicht den Erwartungen anderer und schon gar nicht meinen eigentlichen materiellen Möglichkeiten entsprechen muß.

Sie haben die Wahl.

Richtig. Interessanterweise geht es »Neureichen« gelegentlich ganz genauso. Vor kurzem habe ich einem Gewinner einen Scheck über eine Million Euro überreicht. Der lebt mit seiner Frau in einem Plattenbau in Berlin-Hellersdorf. Drei Zimmer, siebzig Quadratmeter. Er ist bei der Stadtreinigung und fährt jeden Morgen um vier mit einem dieser Bürstenautos raus. Die Frau war arbeitslos. Er sagt: Selbstverständlich wird er seine Arbeit weitermachen. Die Frau sucht weiter nach Arbeit. Sie wollen in der Plattenbauwohnung bleiben, weil es die Kinder nur zehn Meter bis zum Spielplatz und achtzig bis zur Schule haben. Ein bißchen Geld wollen sie in ihre kleine Datsche in Schweden stecken, da können sie jetzt den Balkon endlich reparieren. So eine Reaktion auf Millionengewinne begegnet mir ganz oft.

Sie sind ja dann der ideale Moderator für solche Shows. Sie sind, vermute ich mal, Millionär. Aber Sie arbeiten, als müßten Sie einen Schuldenberg abarbeiten und endlich mal sehen, daß Sie ein bißchen bekannt werden.

Ich arbeite sicher nicht mehr, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Was wiederum nicht heißt, daß ich gratis tätig bin. Was und wer speziell beim Fernsehen nichts kostet, ist da auch ganz schnell nichts mehr wert. Und kommen Sie mir bitte nicht mit der Mallorca-Variante: Alles hinschmeißen und morgens um zehn den ersten Rotwein auf der Luxus-Finca entkorken. Das ist vier Wochen schön, danach öde und langfristig tödlich.

Wenn man so viel verdient hat wie Sie, funktionieren dann noch so Mechanismen wie bei Normalverdienern? Kann man Sie mit Geld überreden zu Dingen, die Sie eigentlich nicht machen wollen?

Sie können mich nicht mehr zu allem überreden. Etwas arrogant formuliert: Weil ich nicht billig bin, bin ich nicht käuflich.

Was meinen Sie damit?

Ich differenziere einfach rechtzeitig, was ich will. Inhaltlich und dann auch finanziell. Wem das nicht zusagt, dem bin ich nicht gram. Dabei verstehe ich, wenn jemand fragt: »Hast du es eigentlich nötig, Werbung zu machen?« Dann sage ich wahrheitsgemäß: Nein, das habe ich finanziell nicht nötig. Aber das hat von den Leuten, denen Sie da häufiger im Fernsehen begegnen, vermutlich keiner. Es geht da zum Teil auch schlichtweg um die Fragen: Habe ich Lust dazu? Schmeichelt einem die Tatsache, überhaupt gefragt zu werden? Zeigt sich nicht auch auf eine gewisse Weise die gesellschaftliche und ökonomische Wertschätzung, die einem mit einem Werbevertrag entgegengebracht wird? Nehmen Sie die Bundesbank. Die haben in einem halben Jahrhundert nur einmal mit einem Menschen anläßlich des Wechsels zum Euro eine Kampagne gemacht. Ich habe mich gefreut, als die mich gefragt haben. Außerdem sah ich auf dem Schlafmünzenfoto endlich mal halbwegs vernünftig aus.

Aber ist die Werbung nicht eine ständige Bedrohung der eigenen Glaubwürdigkeit?

Ach, Werbung ist Werbung ist Werbung. Manchmal wird ja so geraunt: Meinen Sie nicht, daß es da Vermischungen gibt? Daß man durcheinanderbringt, ob Sie in der Rolle des Moderators oder einer Werbefigur agieren? Ich bin der Meinung, daß die Leute das sehr genau unterscheiden können. Wenn Harald Schmidt für Hexal Werbung macht und sagt, daß ihm das Kreuz weh tut, dann realisieren die Leute, daß Harald Schmidt gerade erzählt, daß ihm das Kreuz weh tut, weil er Werbung für Hexal macht. Das merkt und weiß nun mittlerweile wirklich jeder.

Anfangs haben Sie besondere Werbung gemacht. Mit Krombacher für den Regenwald, mit der Beton-Industrie für das Potsdamer Stadtschloß. Das war clever.

Das war aber auch ganz normale Werbung.

Aber der gute Zweck war schon eingebaut. Das ist er bei der Werbung, die Sie heute machen, nicht.

Das stimmt deshalb nicht, weil ich das Geld, das ich mit der Werbung verdiene, sowieso komplett nicht behalte.

Wonach entscheiden Sie, für welches Unternehmen Sie werben?

Es sollten Firmen oder Institutionen sein, die eine gewisse Größe haben. T-Com ist ein Weltkonzern, Quelle ein angesehenes Traditionsunternehmen und die SKL eine öffentlich-rechtliche Einrichtung, für die sich fünf süddeutsche Bundesländer verbürgen.

Entscheiden Sie auch danach, wie genau die Werbeidee aussieht?

Ich rede mit und habe immer ein Vetorecht.

Finden Sie es nicht selbst nervig, wenn Sie durch Deutschland fahren, daß Sie sich selbst an jeder Ecke aus einer riesigen magentafarbenen Null anlachen?

Das passiert mir doch aber schon morgens beim Rasieren, daß mich eine Null anlacht …

Gucken Sie bei der Werbung mit sich selbst gar nicht hin?

Doch, aber da gibt’s wirklich größere Strafen. Es gibt ja auch diese Umfragen, welche bekannten Gesichter in der Werbung nerven und welche nicht. Mein Ergebnis ist da ziemlich eindeutig.

Lassen Sie mich raten.

Genau. Da habe ich noch einen fünfzigprozentigen Vorsprung vor dem Kollegen Gottschalk auf Platz zwei. Also, damit kann ich leben.

Entscheiden Sie so was wie die Frage, wieviel und für wen Sie werben, selber? Oder haben Sie eine Armada von Beratern?

Nein, hab‹ ich nicht, brauch‹ ich nicht. Mein persönlicher Eindruck: Neunzig Prozent der sogenannten Berater sind echte Landplagen und halten einfach nur den Betrieb auf. Sich auch um Details zu kümmern kann nervig sein, aber dafür weiß ich dann wenigstens selbst, worum es überhaupt geht. Die Leute sind überrascht, daß sie mich am Telefon haben, wenn ich irgendwo zu– oder absage. Aber es geht einfach viel schneller.

Das ist ein Geheimnis Ihres Erfolges: Daß Sie bei »Wer wird Millionär?« sitzen und jeder ahnt, was Sie verdienen, aber Sie sind in der Lage, mit Kandidaten darüber zu reden, was eine Tiefkühlpizza kostet. Daß Sie ausstrahlen, in der gleichen Lebenswelt zu leben wie die Leute vor dem Bildschirm.

Zum Teil ist die Lebenswelt identisch, zum Teil zugegebenermaßen nicht. Aber wenn Sie dieser Lebenswelt komplett entrückt wären, würde das auffallen. Wenn Sie sich ersparen, zumindest alle paar Wochen mal durch den Baumarkt zu gehen, »Autobild« zu lesen, oder wenn Sie sich weigern, beim Aldi an der Kasse anzustehen und lieber den »Käfer-Service« nach Hause liefern lassen — dann haben Sie in meinem Beruf ganz schnell ein richtiges Problem.

Machen Sie das gezielt: Ich muß mal wieder in den Baumarkt wegen der Zuschauernähe? Oder gehen Sie eh lieber in den Supermarkt, als bei Käfer zu bestellen?

Letzteres, wobei das eine das andere nicht ausschließt. Ich habe zum Beispiel eine kleine Automeise. Im Klartext: Ich habe ein großes und schönes Auto. Aber zum normalen Rumfahren habe ich einen Opel. Der ist praktisch. Variable Sitze, übersichtliche Karosserie, Automatikgetriebe. Kann auch das Au-Pair-Mädchen fahren. Ich bin, ich gebe es zu, da etwas konventionell und vielleicht auch ein bißchen sehr deutsch. Mit positiven und negativen Begleiterscheinungen. Aber es wäre mir wirklich zu anstrengend, krampfhaft darauf bedacht zu sein, einen möglichst volksnahen Eindruck zu machen.

Stellen Sie sich eigentlich nie bei einem Fernseh– oder Werbeangebot die Frage: Muß ich das jetzt auch noch machen?

Es ist ja gar nicht so viel. Ich habe zweieinhalb Werbeverträge. Ich mache »Stern TV« seit 15 Jahren. Na schön, und natürlich »Wer wird Millionär«, das gebe ich noch zu.

Und die »SKL-Show«.

Ja.

Und Skispringen.

Das wächst sich ja zu einer medienpolitischen Betriebsprüfung mit Verhörcharakter aus. Also bitte: Ja, ich bekenne, auch Skispringen seit fünf Jahren gerne zu moderieren.

Und den Jahresrückblick und die Uri-Geller-Show und alles.

Wenn Sie jetzt nicht aufhören, übernehme ich in diesem Jahr noch ein paar Formate, nur, um Sie noch besorgter zu machen. Und überhaupt: Johannes B. Kerner ist viel öfter im Fernsehen!

Das Fernsehen ist eine Branche, wo alles plötzlich zu Ende sein kann. Sind Sie da frei von Angst?

Ich habe festgestellt, daß speziell Leute, die sehr gut verdienen, nicht angstfrei sind, im Gegenteil. Die leben auf einem materiell hohen Niveau und haben immer mehr Angst, weil sie viel mehr zu verlieren haben. Andere fürchten im wahrsten Sinne des Wortes den Ansehensverlust, wenn sie nicht mehr auf dem Schirm sind. Da muß ich sagen, daß ich mit mir meinen Frieden gemacht habe. Ich habe in dieser Richtung absolut keine Ängste. Das empfinde ich als sehr befreiend. Es ändert allerdings nichts an Gefühlen wie Ehrgeiz oder Lust am Wettbewerb. Es könnte ja theoretisch sein, daß man viele Dinge nicht mehr so konzentriert angeht, wie man es vor fünfzehn Jahren gemacht hat. Aber da habe ich das Michael-Schumacher-Syndrom. Sich anzustrengen und sich immer wieder mit anderen zu messen ist das eigentlich reizvolle. Es gibt aber etwas, das sich im Vergleich zu früher geändert hat. Ich war bis vor vier Jahren im Grunde nur für meine Familie und mich verantwortlich. Seit ich eine eigene Produktionsfirma habe, hängen viele Existenzen, direkt oder indirekt, vom Wohl und Wehe des Betriebes ab. Das ist eine gewisse Belastung.

Warum haben Sie die Firma gegründet?

Vorher war die programmliche Flexibilität nicht mehr vollständig gesichert. Die Redaktion geriet durch wirtschaftliche Vorgaben inhaltlich so unter Druck, daß insbesondere »Stern TV« unter Umständen ein Qualitätsproblem bekommen hätte. Das wollte ich nicht und strebte nach einer Konstruktion, die uns sogar die Möglichkeit gibt, Geld in Projekte zu stecken, die sich vielleicht nicht sofort rechnen, die aber entweder Spaß machen oder uns aus anderen Gründen wichtig sind. Diese Freiheit haben wir jetzt.

Aber damit sind Sie eine große Ausnahme im Fernsehen.

Es gibt eine Entwicklung, der zumindest ARD, ZDF, RTL, Sat.1 und Pro Sieben nicht folgen sollten. Es funktioniert so: »Wir holen eine alte Krimiserie aus dem Keller oder produzieren zu absoluten Billigpreisen irgendein neues Schrottprogramm nach amerikanischem Vorbild. Selbst wenn wir damit nur eine schwache Quote schaffen, bleibt letztlich mehr in der Kasse, als wenn wir ein Qualitätsprogramm mit Quote produzieren.« Dann wäre die Quote sogar im kommerziellen Fernsehen nicht mehr so wichtig. An ihre Stelle tritt die Rendite — oder bei den Öffentlich-Rechtlichen die möglichst billige Produktion. Wenn keiner mehr den Ehrgeiz hat, Qualität zu machen, oder Quote — oder Qualität mit Quote zu verbinden, was durchaus geht –, dann krieg‹ ich als Journalist und Moderator, aber auch als Produzent ein Problem. Denn dann wird das Fernsehen richtig freudlos. Bisher war alles ganz einfach: »Mach ›ne schöne Quote«, das war das wichtigste, »und ›ne schöne Sendung haste auch noch gemacht, prima.« Danach wurde man bewertet. Da droht gerade ein Paradigmenwechsel, der für Leute, die auf Quote und Qualität setzen, zum Problem werden kann. Aber wissen Sie, was mich hoffen läßt? Ich kenne einen Senderchef, der das inzwischen erkannt und mir versprochen hat: »Da halten wir dagegen!« Mit dem werde ich mich jetzt öfter unterhalten.

Super, Sie wollen keinen Namen nennen. Kennen wir den Herrn?

Aber sicher.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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Dschungelcamp

— 17. Oktober 2004

Ich bin ein Nichts — bringt mich groß raus! Und wieder gehen Prominente in den Dschungel und lassen sich vorführen, verspotten und filmen. Aber warum?

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Natürlich würde man sich wünschen, daß Nadja Abd el Farrag Freunde hätte. Daß es da jemanden gäbe, der sie in einer ruhigen Minute, vielleicht zwischen der Eröffnung von zwei Schlecker-Filialen, beiseite nähme und ihr sagte: Du, Naddel. Du hattest jetzt die Sache mit Dieter Bohlen. Du hattest die Affäre mit Ralph Siegel,der sich öffentlich Kinder von dir wünschte, bevor du mit ihm per SMS Schluß gemacht hast.

Du hast eine kostenpflichtige Naddel-SMS-Hotline gestartet. Du hast „peep!“ moderiert. Du hast im Fernsehen deine Brust wiegen lassen. Komm, Naddel, jetzt machen wir ›nen Sekt auf, gucken uns noch mal die Witze an, die über dich gerissen wurden, und überlegen, ob es wirklich so eine gute Idee ist, all dem jetzt noch folgende Bilder hinzuzufügen: Naddel schweißnaß unter einem Berg Brennholz. Naddel im Schlamm. Naddel mit Kakerlaken. Naddel mit Carsten Spengemann. Naddel?

Es gibt, andererseits, eine Denkschule, die sagt: Wer nichts zu verlieren hat, hat nichts zu verlieren. Irgendwie muß sie ja Geld verdienen, und in die RTL-Show »Ich bin ein Star — holt mich hier raus!« zu gehen, ist immer noch besser, als eine Bank zu überfallen — na ja, wenigstens ist es legal. Für zwei Wochen gibt es 20.000 bis 60.000 Euro, eine Business-Class-Reise für zwei Personen nach Australien, Unterkunft (vor und nach dem Camp) im besten Hotel. Die Frage, ob der »Trash«-Faktor ihrem Image schaden könnte, stellt sich nicht. Im Gegenteil: Es könnte der krönende Abschluß einer Karriere sein, die auf dem Nichts aufgebaut ist. Die Vollendung. Man könnte auch sagen: Der Todesstoß.

Warum machen Menschen da mit? Lassen sich auf fiese Krabbeltiere und demütigende Psychospiele ein, treten unausgeschlafen, ungeschminkt, ungewaschen vor die Kameras, während ein paar Hundert Meter weiter zwei Moderatoren im trockenen Witze auf ihre Kosten machen? Die zehn mehr oder weniger prominenten Menschen, die an diesem Dienstag nach Australien fliegen, um an der RTL-Dschungelshow teilzunehmen, können nicht sagen, sie wüßten nicht, worauf sie sich einlassen.

Beim ersten Schwung war das anders. Hochspringer Carlo Thränhardt zum Beispiel, der sagt, er mache gerne Dinge, »von denen man vorher nicht genau weiß, worauf man sich einläßt«. Er hatte sich eher eine Art Survival-Training vorgestellt. Er bekam dann ein Video vom britischen Original, sah diverse Kakerlakenspiele und sagte: »Das ist aber nicht so schön.« — »Keine Sorge, es wird sportlich orientierter, weil das in Deutschland nicht so gerne gesehen wird«, lautete die Antwort.

»Ich war enttäuscht, daß es nichts mit Leistung zu tun hatte«, sagt Thränhardt. »Es war einfach langweilig und ging nur um Überwindung von Ekel.« Er habe Brennholz geschleppt ohne Ende — was aber natürlich im Fernsehen nie gezeigt wurde. Nein, er bereue nicht, da mitgemacht zu haben haben. Obwohl er, der als Referent über »Eigenmotivation zur Spitzenleistung« gebucht werden kann, anfangs weniger Anfragen für Seminare bekam, was schade sei, weil er doch trotz allem dort auch viele interessante Erfahrungen gemacht hat.

Für die Kabarettistin Lisa Fitz hatte die Show die sichtbarsten Folgen: Der Saarländische Rundfunk (SR) entzog ihr eine kleine Sendung, was unbedeutend wäre, wenn damit nicht die symbolische Aberkennung des Prädikats »seriöse Kabarettistin« verbunden gewesen wäre: »Das Entreißen der Krone vom SR hat mir mehr geschadet als der Dschungel selbst«, erzählt Fitz. Die gesamten Öffentlich-Rechtlichen hätten sich verbündet und bei allen Talkshows blockiert — und statt dessen fröhlich Küblböck, Böhm, Cordalis eingeladen. Persönlich und privat würde sie wieder in den Dschungel gehen, in den sie einfach die »Abenteuerlust« getrieben habe, »aber beruflich darf ich es leider nicht mehr. Kabarett– und andere Fans reagieren sehr mimosenhaft.«

Die Teilnahme hat ihr die Titelrolle in einer RTL-Serie eingebracht, vor allem aber Erfahrungen: »Ich habe die Niedertracht von Menschen erleben dürfen, die Häme von eitlen Kollegen und die maßlose Selbstgerechtigkeit und Schadenfreude von ›Daheimgebliebenen‹, den sinnlos aufgequirlten Medienhype um das geballte Nichts — und die Liebe von vielen Millionen Menschen, die mich, greislig, wie wir da drin ausgesehen haben, auf den zweiten Platz wählten. Das ist doch nett. Und ich weiß jetzt, daß ich im Wald überleben kann. Das wollte ich wissen.« Eine Forsa-Umfrage habe ihr einen großen Zuwachs an Bekanntheit und Beliebtheit vor allem bei 14– bis 29jährigen bestätigt. Ihr entspanntes Fazit: »Die Guten werden durch den Dschungel nicht schlecht, und die Schlechten werden qualitativ nicht besser. Man verliert als Kabarettistin in zwölf Tagen Dschungel weder Substanz noch Verstand.«

Bei Caroline Beil waren es die Veranstalter von Events, die sich zunächst mit Anfragen zurückhielten, ob die Moderatorin nicht diese oder jene Gala moderieren möge, nachdem sie vor Millionen Zuschauern in fiese Schlammbäder gestiegen war, sich von Emus hatte zerpicken lassen und über ihre Mitstreiterin Susan Stahnke gelästert hatte. Inzwischen aber, sagt ihre Managerin Nicole Mattig-Fabian, hätten sich die Vorbehalte »komplett gelegt«.

Beil ist vermutlich diejenige Teilnehmerin, die die genaueste Vorstellung davon hatte, was die Show ihr bringen könnte. Mattig-Fabian bestreitet zwar, daß die ganze Inszenierung als Lästerkönigin (Lisa Fitz spricht von »strategischem Mobbing«) verabredet gewesen sei. Aber Beil wußte zweifellos, was zu tun war, um aus der Gruppe herauszuragen. Und sie wußte, daß sie hinterher nicht mehr, wie über vier Jahre zuvor, jeden Abend ein Boulevardmagazin moderieren wollte — immer präsent und unsichtbar.

»Wenn sie nicht in den Dschungel gegangen wäre«, sagt Mattig-Fabian, »wäre sie in den Augen der Öffentlichkeit eine sympathische, schöne Moderationspuppe geblieben. Durch ihren Auftritt in der Show polarisiert sie — sie ist eine schillernde Persönlichkeit geworden. Sie hat jetzt einen populären Namen, und es ist nun an ihr, den mit Inhalten zu füllen.«

Mattig-Fabian hat keine Zweifel, daß sich für „Hacke-Beil“ („Bild“-Zeitung) die Teilnahme gelohnt hat: »Es ist optimal gelaufen. Hochangesehene Journalisten, die sie vorher nicht mit dem Hintern angeguckt haben, haben dann lange Interviews mit Caroline Beil geführt.« Sie moderiert seitdem Kabel-1-Reihen, sitzt im Panel von »Kenn ich — die witzige Serienshow«, hatte einen Auftritt beim »Red Nose Day«, war Beraterin bei »Hire or Fire« und spielte in »Beauty Queen«. Viele weitere Projekte seien in Arbeit; zehn Moderationsangebote habe Beil im Lauf des Jahres abgelehnt, weil ihr die Sendungen zu trashig waren.

Na, da haben sich die blauen Flecken doch gelohnt. Oder? Gaby Allendorf, die Künstler wie Stefan Raab und Wigald Boning vertritt, ist anderer Meinung. »Caroline Beil hat sich mit der Teilnahme an der Show keinen Gefallen getan«, sagt die PR-Expertin. Den Job bei »Hire or Fire«, das grandios gefloppt ist, habe Beil erst bekommen, nachdem die Barbara Eligmanns dieser Welt alle abgesagt hätten. Allendorf glaubt nicht, daß öffentliche Aufmerksamkeit der Art, wie sie die Dschungelshow schafft, auf Dauer zu gutbezahlten Jobs führt.

»Man kommt mit so einer Sache vielleicht ein Jahr über die Runden«, sagt sie. Für Schlagerstars wie Costa Cordalis zahle sich das aus: »Wenn man in dieser Branche einen Hit hat, kann man bei Auftritten die drei– oder vierfachen Gagen nehmen. Und Fernsehpräsenz ist wie ein Hit in den Charts.« Allendorf würde trotzdem keinem ihrer Kunden empfehlen, an der RTL-Show teilzunehmen; es sei aber auch keiner ihrer Künstler von der Produktion angefragt worden: »Ich kenne niemanden, der ein Image zu verlieren hätte, der gefragt worden ist. Das ist wie ein Ausverkauf: Ich mache mich als Künstler billig und hänge mir noch ein Schild um: ›Sonderangebot‹.«

Die Geschichte hat eine fast tragische psychologische Komponente. »Es gibt Leute, die werden nervös, wenn sie eine Woche lang nicht in den Medien auftauchen«, sagt Allendorf. Tatsächlich sind regelmäßige Partyberichte oder Privatgeschichten für viele Sternchen die einzige Chance, im Gespräch und im Geschäft zu bleiben — nur: die Hoffnung, durch diese Art von Präsenz morgen, spätestens nächstes Jahr ein richtig tolles Angebot zu bekommen, trügt halt meist.

Ein erfolgreicher PR-Mann erzählt von einer regelrechten Sucht nach dem Blitzlichtgewitter der Fotografen, das die eigene Bedeutung bestätigt — ganz egal, ob die entstandenen Fotos je eine Redaktion oder gar einen Leser erreichen. Für manche Promis scheint »Leben« nur das zu sein, was von einem Publikum wahrgenommen wird. Wer beim Leben rund um die Uhr von Dutzenden Kameras beobachtet wird, glauben sie, muß doch prominent sein. Das Gegenteil ist eher der Fall.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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Sandra Maischberger

— 29. August 2004

Ich sehe was, was ihr nicht seht. Sandra Maischberger glaubt fest daran, daß ihre bislang eher erfolglose ARD-Talkshow noch in vielen Jahren läuft

Am einfachsten beschreibt man »Menschen bei Maischberger« als eine endlose Serie von Niederlagen. Es sollte eine Talkshow werden, in der nicht die ewiggleichen Fernsehnasen sitzen, sondern immer mindestens ein Nicht-Prominenter mit einer spannenden Lebensgeschichte. Sandra Maischberger versprach vor einem Jahr einen »gewaltigen Anteil von nicht bekannten Gesichtern« — am Ende verirrte sich höchstens einmal im Monat so jemand in die Sendung (die Mutter von Uwe Ochsenknecht mal nicht mitgerechnet).

Es sollte eine Talkshow werden, die all dem Abgesprochenen, dem Erwartbaren und Glatten anderer Sendungen die Möglichkeit des Unerwarteten entgegensetzt — heute muß Sandra Maischberger einräumen, daß alles, was dann tatsächlich ungeplant passierte, Kleinigkeiten waren, wie das eine Mal, als Fredi Bobic so sehr schwitzte und sie ihm den Schweiß von der Stirn tupfte.

Es sollte eine Talkshow mitten aus dem Leben werden, nicht aus einem sterilen Studio in einem Vorort von Köln oder Hamburg, weil »man in der künstlichen Atmosphäre Gespräche nicht lebendig machen kann«, wie Maischberger sagte, sondern aus dem Tränenpalast in Berlin-Mitte, einem Ort mit Geschichte, wo sich vor der Tür die Punks mit ihren Hunden treffen — doch was warm und lebendig wirken sollte, kam kalt und angestrengt herüber. Das Publikum saß unbeteiligt in der Gegend herum, und nachdem man es ganz aus dem Gebäude verdammt hatte, wurde die Atmosphäre zwar besser, der Ort aber machte gar keinen Sinn mehr — die neue Staffel wird aus einem WDR-Studio in Köln kommen.

Es sollte eine Talkshow werden, in der jeder Gast einzeln befragt wird, damit der Politiker nicht noch blöd herumsitzt, wenn der Volksmusiker kommt — dann merkte man, daß das Kommen und Gehen nicht funktioniert, und nun bildete sich auch hier im Lauf der Sendung eine aberwitzige Runde aus Menschen, die sich nichts zu sagen haben.

Ach, und überhaupt: Es sollte eine andere Talkshow werden, eine kluge, journalistische, unterhaltsame — und irgendwann saßen da die Sabine Wussows und Nino de Angelos und Sascha Hehns und Verona Feldbuschs dieser Welt und eben Uwe Ochsenknecht mit seiner Mutter, und man wußte nicht, warum die nun auch noch bei Frau Maischberger saßen, und Frau Maischberger wußte es allem Anschein nach auch nicht immer. Man mußte das nicht sehen, und die meisten Leute taten es auch nicht.

Andererseits: Es gibt sie noch, die Sendung. Die Quoten-Mindestvorgabe hieß zehn Prozent, und was hatte sie im Schnitt? »Zehn plus x«, sagt Maischberger und lacht. Übernächste Woche kommt »Menschen bei Maischberger« aus der Sommerpause, vieles wird anders werden und alles gut. Sagt Sandra Maischberger.

Sie verbreitet bei diesem Gespräch vergangene Woche einen merkwürdigen Optimismus, der alles durchdringt und auf einem ebenso entspannten wie ausgeprägten Selbstbewußtsein zu beruhen scheint. Sie formuliert Sätze wie: »Ich glaube nicht, daß irgendein anderes Programm auf dem Sendeplatz mehr Zuschauer geholt hätte.« Oder: »Es gibt jenseits des Erfolges wenig Loyalität im Fernsehen, dazu ist es eine zu teure Angelegenheit. Ich finde aber, daß ich gut zur ARD passe, und habe das Gefühl, daß die ARD das auch so sieht.«

Die Zuversicht sickert aus Nebensätzen, in denen sie fast beiläufig wie selbstverständlich davon ausgeht, daß ihre Sendung »ja ein Dauerbrenner wird«. Nicht, weil sie jetzt endlich den Stein der Weisen gefunden hat, sondern aus dem Glauben an eine schlichte Fernseh-Logik: Jede Sendung, die lange genug Zeit hat, sich zu finden, werde sich irgendwann finden und dann durchsetzen. Und dann habe der Zuschauer ein Grundvertrauen und schalte auch bei gewagte Sachen nicht gleich ab. Bei unbekannten Gästen zum Beispiel. »Nicht-Promis sind zunächst ein ‚Quotenrisiko‹«, sagt Maischberger. »Der Zuschauer bleibt beim Zappen dort hängen, wo er ein Gesicht erkennt. Noch ist die Sendung kein Klassiker wie meine Sendung bei n-tv. Irgendwann wird sie das sein, dann können Sie alles machen.«

Nun ja, bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und gelegentlich speist sich Maischbergers Optimismus auch nur aus einem tröstlichen Fatalismus: »Jetzt haben wir alle Fehler, die man so machen kann, gemacht.« Daß »Menschen bei Maischberger« sich noch nicht gefunden hat, steht auch für die Moderatorin außer Frage: »Im ersten Jahr haben wir natürlich sehr nach einer Linie gesucht.« Vierzig Ausgaben gab es in dieser Zeit von »Menschen bei Maischberger«, nach vierzig Ausgaben ihrer täglichen Sendung auf n-tv waren gerade mal drei Monate rum, was im Vergleich die Evolution bei einer wöchentlichen Sendung natürlich sehr zäh wirken läßt. Viele Unstimmigkeiten hätten den Findungsprozeß außerdem verlangsamt und verhindert, daß die Sendung ein für den Zuschauer erkennbares Profil bekommen konnte, räumt Maischberger ein.

Zu den Unstimmigkeiten gehörten wohl nicht zuletzt Differenzen in der Redaktion. Michael Spreng, der frühere »Bild am Sonntag«-Chef und Stoiber-Trainer, verließ das Team bereits nach wenigen Monaten. Jetzt kommt schon der dritte Chef, aber der Neue ist ein Alter: Theo Lange, der bislang Redaktionsleiter von Maischbergers n-tv-Sendung war und den ARD-Sendeplatz am Dienstagabend von zwei Seiten kennt: Als Redakteur von »Friedman« und von »Boulevard Bio« — keine schlechte Voraussetzung eigentlich für den Spagat, den Maischberger immer noch machen will.

»Ich hatte schon bessere Jahre«, resümiert Sandra Maischberger und korrigiert sich: »Nein, das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich dachte vielleicht, es würde leichter und vor allem schneller gehen, eine neue Marke zu setzen und zu etablieren. Das war manchmal ein bißchen mühsam, aber es gab auch Sendungen, die mir richtig gut gefallen haben.«

Natürlich habe das, womit Biolek über Jahre den Sendeplatz geprägt hat, bei den Zuschauern am besten funktioniert: der »gepflegte Boulevard«. »Aber auch Sendungen wie die mit Helmut Schmidt oder Gesine Schwan waren erfolgreich, vielleicht, weil diese Gespräche eben mit mir am besten funktionieren. Mein Ehrgeiz besteht schon darin, eine Sendung zu machen, die sowohl gut ist, als auch eine gute Quote hat. Anders geht es ohnehin nicht.«

Wo ihr Platz ist neben und zwischen Beckmann und Kerner mit ihren Sendungen und was ihre eigene Haltung sein kann, ist immer noch nicht ganz klar. Klar ist, daß es wenig Sinn hat, sich jemandem wie Verona Pooth, geborene Feldbusch, in der typischen Maischberger-Haltung gegenüberzusetzen: aufmerksam, lauernd, weit über den Tisch gebeugt. Für das neue Studio in Köln werden in der kommenden Woche deshalb zwei Sitzanordnungen ausprobiert: Neben dem jetzigen Riesen-Küchentisch-Ensemble eine Variante mit drei Sofas im Karree, eine Art helle Variante des legendären »Club 2″ im ORF. Zum Zurücklehnen. »Um 23 Uhr abends ist man allein schon der Tageszeit geschuldet viel mehr laid back. Penetrantes Insistieren ist da zu anstrengend.«

Überhaupt Verona Feldbusch: Maischberger betont, daß sie sich mit ihr nicht über das Brautkleid unterhalten habe, was vielleicht die Kollegen getan hätten, sondern darüber, wie das ist, wenn man einen etablierten Markennamen wie »Feldbusch« aufgibt. Aber reicht das als Profil gegenüber Kollegen, deren Talks verläßlich zwischen locker-leichtem Boulevard und intensivem Seelenstriptease changieren? »Das Profil wird im Zweifelsfall meine Nase sein und meine Art, Menschen zu fragen«, sagt Maischberger. Sie beharrt darauf, daß sie für das ARD-Publikum ein unbeschriebenes Blatt gewesen sei. »Es ist in dieser Manege ja mein erster Auftritt. Man geht da hinein, zieht den Hut und sagt: Das bin ich, und stellt sich neu vor. Und das unter einem unglaublich starken Konkurrenzdruck, gegen den derzeitigen Marktführer.« Sie meint Johannes B. Kerner. »Der sendet jeden Tag, fängt eine Viertelstunde früher an und ist ja einfach nett.«

Es ist leicht zu erklären, warum der neue Bundespräsident Kerner für seine Fernsehvorstellung gewählt hat. Aber das ändert nichts daran, daß es ein Problem für Maischberger ist, wenn er nicht zu ihr kommt. »Alle wollen die besten Gäste zuerst haben. Mal wird der gewinnen, mal der.« Und wenn immer nur mal Beckmann gewinnt und mal Kerner? »Das ändert sich, keine Sorge. Wir sind die letzten, die in den Ring gestiegen sind, den Vorsprung der anderen mußten wir erst aufholen.«

Es wird also erst einmal noch weitergeschraubt an der Sendung. »Fernsehen ist nicht Konzept. Es ist learning by doing«, hat Maischberger gelernt. In Köln sind die Produktionskosten viel niedriger, das nimmt ein wenig den Druck. Jetzt wollen sie es vielleicht mit Sendungen probieren, in denen unterschiedliche Gäste — ähnlich wie bei »Bio« — zu einem Thema ins Gespräch kommen, und sei das Thema noch so vage. Für die erste Sendung sind Hitler-Darsteller Bruno Ganz und Guido Westerwelle eingeladen.

An einer Stelle im Gespräch hat Sandra Maischberger den Satz gesagt: »Nicht jedes Experiment endet glücklich.« Aber das ist nicht der Eindruck, der bleibt von dem Treffen mit ihr. Was bleibt, ist eine andere Stelle: »Ich habe keine Angst. Ich habe ein Bauchgefühl, und das sagt: venceremos.« Venceremos heißt: Wir werden siegen.

Manchmal ist das Selbstbewußtsein von Sandra Maischberger ein bißchen beunruhigend.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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