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Ein Anwalt für die Leser

19 Jul 15
19. Juli 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Ombudsleute vermitteln weltweit zwischen Redaktion und Leser. In Deutschland aber selten.

Der „Spiegel“ Titel der vergangenen Woche war etwas kontrovers. „Unsere Griechen“, stand da, „Annäherung an ein seltsames Volk“. Ein Angehöriger dieser merkwürdigen Gattung war darunter gezeichnet, schnurrbärtig, dickbäuchig, Zigarette im Mund, Ouzo in der Hand, Sirtaki tanzend, im Arm einen rotgesichtigen, widerwilligen Deutschen im Fußballtrikot, der krampfhaft sein Geld festhält.

Als auf Twitter und Facebook Kritik an dem Cover laut wurde, reagierte Chefredakteur Klaus Brinkbäumer mit einem Eintrag im „Spiegel-Blog“. Er fragte die Leserinnen und Leser: „Darf man in Krisenzeiten dennoch Humor haben? Karikaturen drucken? Auf einem Titelbild?“ Rhetorische Fragen, aber sicherheitshalber schrieb er die richtige Antwort dazu: „Ja, natürlich.“

Er forderte die Kritiker dazu auf, genauer hinzusehen, und erklärte, dass es sich eben um eine Karikatur handele. Auf inhaltliche Kritik, auch an den Titelzeilen, ging er nicht ein.

Nicht alles, was wie ein Dialog aussieht, ist eine gelungene Kommunikation. Eine Debatte mit dem Publikum oder den Kritikern kam nicht zustande. Es hätte geholfen, wenn Brinkbäumer anders reagiert hätte. Es hätte aber vielleicht auch geholfen, wenn jemand anderes reagiert hätte. Wenn der „Spiegel“ eine Instanz hätte, die in solchen — und ungleich brisanteren — Fällen vermitteln könnte zwischen Lesern und Journalisten. Wenn es jemanden geben würde, der sich die Entscheidungen von der Redaktion erklären lässt, und die Kritik der Leser zusammenfasst.

Er müsste am Ende nicht einmal unbedingt, wie ein Schiedsrichter, ein Urteil fällen. Es würde reichen, wenn er ein konstruktives, kontroverses Gespräch ermöglichen könnte.

Man müsste eine solche Instanz nicht einmal neu erfinden. Sie ist vor Jahrzehnten schon erfunden worden. Es gibt sie in vielen Redaktionen auf der Welt. Es ist die eines Ombudsmanns oder einer Ombudsfrau. In Deutschland ist sie allerdings weitgehend unbekannt, und es gibt kaum Anzeichen dafür, dass sich das ändern wird. Dabei könnte gerade sie in Zeiten, in denen Glaubwürdigkeit für Medien eine so kritische Größe ist, ein gutes Mittel sein, um Vertrauen zu schaffen. Wenn man, wie der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, eine akute Beziehungskrise zwischen Publikum und Medien diagnostiziert, scheint es naheliegend, bei der Therapie auf Vermittler zu setzen.

„Ombudsleute können sehr viel erreichen: Verständnis wecken, Brücken bauen, Glaubwürdigkeit stärken“, sagt Stephan Ruß-Mohl von der Universität Lugano. Der Publizistik-Professor wirbt schon lange dafür und gerät fast in Rage, wenn man mit ihm darüber redet. Chefredakteure und Verlage nämlich seien „erstaunlich unsensibel“, was das Thema der Media Accountability, der Rechenschaftspflicht von Medien, angehe. Insofern „geschieht es ihnen recht“, wenn sie feststellen, dass es mit dem Vertrauen des Publikums nicht weit her sei. Und Vertrauen sei Voraussetzung für Zahlungswillen. „Deshalb wundere ich mich umso mehr, dass es nicht gelingt, die simple Wahrheit an den Mann zu bringen.“ Schon rein ökonomisch spreche viel für Ombudsleute: „Sie kosten nicht viel und können viel bewirken.“ Anton Sahlender bezeugt das gerne. Er ist „Leseranwalt“ der Würzburger „Main-Post“. Als Redakteur der Zeitung und langjähriger Stellvertreter des Chefredakteurs ist er seit kurzem im Ruhestand, aber als Ombudsmann macht er noch weiter: „Da bin ich Überzeugungstäter.“ Die Zeitung erklärt die Funktion, die er seit elf Jahren innehat, kurz so: „Als Leseranwalt vertritt er die Interessen der Leser in der Redaktion.“

Sahlender erklärt in seinen Kolumnen, warum die Redaktion Polizisten auf einem Foto unkenntlich gemacht hat (und warum das eigentlich rechtlich gar nicht nötig gewesen wäre). Er diskutiert die heikle Berichterstattung über den 16-jährigen Sohn von Michael Schumacher als Rennfahrer. Er kritisiert Fehler in der Zeitung, wägt Argumente von Beschwerdeführern ab, erläutert die Entscheidungsprozesse und Motive der Redaktion. Und zwischendurch schreibt er noch eine Ode an die Leserbriefschreiber an sich.

Unter der Überschrift „Zur Neutralität des Leseranwaltes zwischen zwei Stühlen, von denen einer dem Brötchengeber gehört“ erklärt er ausführlich, wie er seine Rolle versteht. Seine Antwort auf die Frage: „Könnte mir bitte jemand erklären, warum Leser einen Anwalt brauchen?“ beendet er damit, dass er sich mit dem Wunsch eines Lesers identifiziert, der schrieb: „Mir reicht es, wenn die Redaktion zusätzlich zum Pressekodex das Gewissen als eigene Instanz einschaltet.“ Sahlender fügt hinzu: „Dabei will ich helfen.“

Ein wesentlicher Teil seiner Arbeit findet nicht in der Öffentlichkeit statt, sondern in Gesprächen mit Kollegen. „Es gibt einen Effekt nach innen“, sagt er. „Die ganze Redaktion verändert ihr Handeln; das Nachdenken über die Arbeit nimmt zu.“ Darüber hinaus gehe es um etwas, das im Journalismus erstaunlicherweise manchmal weniger selbstverständlich erscheint als in anderen Branchen: „Beschwerdemanagement“. Leser bekä- men schneller Antwort; oft entschärfe er einen Streit, auch die Anrufung des Presserates erübrige sich manchmal. „Ich pflege auch auf Idioten zu antworten“, sagt Sahlender, denn wenn man Beschimpfungen und Unterstellungen abziehe, bleibe oft genug ein sachlicher Anlass für den Ärger. Was genau er erreicht hat für die Wahrnehmung der „Main-Post“, kann er nicht sagen. „Aber wenn es sinnlos wäre, hätte ich längst hingeschmissen.“

Sahlender war der erste Ombudsmann in Deutschland. Inzwischen leitet er eine „Vereinigung der Medien-Ombudsleute“, die gerade einmal elf solche Institutionen umfasst, darunter auch den „Leserbotschafter“ des „Hamburger Abendblattes“, obwohl der sich vor allem um Beschwerden der Leser über Behörden und Unternehmen kümmert. Gruppen wie die „Initiative Qualität im Journalismus“ fordern schon lange mehr Ombudsleute in den Medien — aber es tut sich fast nichts, nicht einmal jetzt, wo viele ein zerrüttetes Verhältnis zwischen Teilen des Publikums und der Medien beklagen. „Ombudsleute wären mehr denn je notwendig, obwohl das Konzept so altmodisch klingt“, sagt Sahlender. „Aber viele Chefredakteure fürchten, die Deutungshoheit zu verlieren.“

Allerdings geschieht das heute ohnehin schon, in Form von Kritik, die Leser im Internet, in Kommentaren und Blogs, auf Facebook und Twitter üben. Ombudsleute und andere Formen der Selbstreflexion wären eine Chance, den Lesern eine eigene Stimme hinzuzufügen, „nicht den Trolls und Hasspredigern das Feld zu überlassen“, wie Ruß-Mohl es formuliert.

Um der Idee von Ombudsleuten in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen, müsste ein großes Leitmedium sie aufnehmen, meint Ruß-Mohl, aber damit ist vorerst nicht zu rechnen. Der stellvertretende Chefredakteur des „Spiegels“, Alfred Weinzierl, sagt zwar, dass man mehr „in den Dialog“ mit den Lesern geht als früher — aber von der Einrichtung eines Ombudsmannes bei Medien hat er noch nie etwas gehört. Bei der „Süddeutschen Zeitung“ gibt es einen Mann, der sich im Lokalen um Anliegen von Abonnenten kümmert, und „Leserdialogteams“ — das erklärte Ziel sei es, dass inhaltliche Bedenken und Fragen angenommen würden und dass jeder Leser eine Antwort bekomme. Berthold Kohler, einer der Herausgeber dieser Zeitung, sagt, die Einsetzung eines Ombudsmanns sei bisher kein Thema in der F.A.Z. gewesen. „Daraus schließe ich, dass ich nicht der Einzige in unseren Reihen bin, der auch in Streitfällen den direkten Kontakt mit den Lesern bevorzugt.“

Die „Welt“ lässt ausrichten, man finde die Idee von Ombudsleuten „generell gut“ und beschäftige sich auch damit. Aktuell setze man den Dialog mit den Lesern vor allem über Social Media um. Der Chefredakteur der „Welt“ habe dar- über hinaus einen Referenten, zu dessen Aufgaben es gehört, mögliche Konfliktfälle im Dialog zwischen Chefredaktion, Redaktion und Leser zu klären.

Das ZDF verweist darauf, dass in Programmfragen der Fernsehrat „das maßgebliche Kontrollorgan“ sei und sich dessen Vorsitzender Ruprecht Polenz als „Anwalt des Zuschauers“ verstehe. Dafür gebe es auch die „Programmbeschwerde“ über den Fernsehrat — ein streng formales Verfahren, das das Gegenteil dessen ist, was ein guter Ombudsmann tun könnte: unbürokratisch, schnell und formlos für einen Ausgleich der Interessen sorgen, Verbündeter der Öffentlichkeit sein und sie als Verbündeten nutzen.

Natürlich sind Ombudsleute nicht die einzige Möglichkeit, sich der Kritik zu stellen, Rechenschaft abzulegen, Diskussionen über Maßstäbe für Qualität zu organisieren. Aber sie können eine besonders elegante, wirkungsvolle Möglichkeit sein. In den Vereinigten Staaten beweist das Margaret Sullivan, „Public Editor“ der „New York Times“. Sie beschäftigt sich kritisch-abwägend mit Beschwerden über die Berichterstattung der Zeitung und führt einen eigenen Kampf gegen den inflationären Gebrauch von anonymen Quellen.

Hierzulande scheitert es oft auch daran, eine geeignete Person zu finden; jemand, dessen Wort sowohl in der Redaktion Gewicht hat, als auch von außen anerkannt ist, jemand, der „nicht auf der Wassersuppe daherkommt“, wie Sahlender sagt. „Es müsste jemand sein, der im Haus sitzt, aber nicht zum Haus gehört“, meint Lorenz Maroldt, einer der beiden Chefredakteure des Berliner „Tagesspiegels“. „Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, wenn es nicht nur ein Grüßaugust sein soll.“ Anders als vor Jahren, als schon die Einrichtung regelmäßiger Korrekturen von Lesern nicht als Ausweis von Qualität, sondern ihrem Gegenteil bewertet wurde, glaubt er, dass heute diese Form der Selbstkritik funktionieren könnte.

Nötig wäre es, insbesondere wenn hochwertige Medien ihre Leser angesichts der vielen kostenlosen Alternati- ven davon überzeugen wollen und müssen, dass es sich lohnt, Geld für sie auszugeben. „Wer hochwertige Produkte verkaufen will, muss spezielle Strategien entwickeln, um die Qualität der Angebote zu kommunizieren“, sagt Ruß-Mohl. Dazu gehöre es auch, mit dem Publikum über die Maßstäbe der eigenen Arbeit ins Gespräch zu kommen.

Eine Kampfansage an Nachrichtenmöbel

17 Mai 15
17. Mai 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„heute+“: Das ZDF erfindet seine Fernsehnachrichten neu — und denkt sie vom Internet her.

Am vergangenen Mittwoch brach beim ZDF eine wilde Twitterei aus. Der Sender hatte ein lustiges Werbevideo online gestellt, in dem Claus Kleber, umgeben von einem Tross von Lakaien, die seine Krawatten und Fernsehpreise tragen, auf Daniel Bröckerhoff trifft, einen der beiden Moderatoren der neuen Nachrichtensendung „heute+“. „Ihnen fehlt noch manches, aber das wird“, sagt Kleber zu dem „jungen Mann“ und reicht ihm gönnerhaft eine Krawatte. Später sieht er Bröckerhoff, wie er frei im sonst leeren Studio stehend moderiert. „Das sind die coolen Neuen“, sagt der Regisseur. „Ohne Krawatte und ohne Tisch?“, staunt Kleber. „Tja, Claus, der hält sich halt an Fakten fest.“ Schlussbild: Kleber sitzt auf dem seinem „heute journal“-Schreibtisch und sägt hektisch das Holz durch.

Die Beteiligten twitterten das Video und lösten damit ein anhaltendes, ausuferndes Gewitzel und Gefrotzel aus, das Kleber nur eine kleine Weile unterbrach, um den ukrainischen Präsidenten fürs „heute journal“ zu interviewen. Und bei aller demonstrativer Selbstironie konnte man den Eindruck bekommen, dass diese neue Welt, in der die Fernsehleute sich alle locker machen und ununterbrochen öffentlich kommunizieren, nicht ganz unanstrengend ist, auch nicht fürs Publikum.

Für die Verantwortlichen ohnehin nicht. Bröckerhoff hat größere Teile der vergangenen Wochen auf Facebook verbracht. Die Redaktion hat Beiträge von „heute+“, die sie für Probesendungen produziert hat, schon online veröffentlicht, und vor allem der Bröckerhoff, der die Sendung im Wechsel mit der Eva-Maria Lemke moderiert, verausgabte sich dabei, mit fast jedem einzelnen Kritiker in dem Netzwerk zu diskutieren, Beschwerden nachzugehen, Beleidigungen zu entschärfen und Anregungen einzusammeln.

Für große negative Aufmerksamkeit sorgte vor allem ein Stück über den Streik bei der Bahn. Die Redaktion hatte die schlechte Idee, ihn als „Geiselnahme“ der Kunden zu inszenieren, entsprechende Filmszenen inklusive. Der Beitrag lieferte keine neue Perspektive oder ungewohnte Einblicke, sondern wirkte wie eine bloße billige populistische Zuspitzung. Nach diversen heftigen Reaktionen veröffentlichte die Redaktion eine Stellungnahme, in der sie einräumte, dass ihr Umgang mit dem Begriff zu wünschen übrig ließ. Sie sagt, sie hat etwas gelernt.

Es war am Ende vielleicht ein Lehrstück dafür, wie man den Dialog mit den „Usern“ ernst nimmt. Aber auch, was dabei herauskommen kann, wenn man sich unbedingt vorgenommen hat, „Nachrichten neu zu erzählen“. 

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Von Montag an läuft „heute+“ anstelle von „heute nacht“ im ZDF. Aber dahinter steckt nicht nur eine anders aussehende, präsentierte und benannte Nachrichtensendung im Fernsehen, sondern ein für den Sender erstaunlich radikaler neuer Ansatz. Die Ausstrahlung der Sendung im Fernsehen ist nicht mehr das Zentrum all der Aktivitäten der Redaktion, sondern nur noch ein Schlusspunkt, fast ein Nachtrag. Die Produktion versucht mindestens so sehr das Publikum im Netz zu erreichen. Die Sendung wird werktäglich um 23 Uhr in der ZDF-Mediathek ausgestrahlt — und irgendwann nach Mitternacht, noch einmal live, im sogenannten „Hauptprogramm“ des ZDF im Fernsehen. 

Fertige Beiträge werden den ganzen Tag über schon veröffentlicht, teils über Links auf die Mediathek, teils als Videos direkt auf Facebook und in anderen Netzwerken. Jedes Element der Marke „heute+“ soll so gestaltet sein, dass es „auf jeder Plattform funktioniert, auf der es für andere potenziell Interessierte ‚geteilt‘ wird“, sagt Elmar Theveßen, der stellvertretende Chefredakteur. 

Durch „heute+“ will das ZDF mehr junge Leute mit seinen Nachrichten erreichen. Wie nötig das ist, daran lässt Theveßen keinen Zweifel. Die „heute“-Sendung um 19 Uhr schauten zwar im Schnitt 3,7 Mio Zuschauer, sagt er, aber davon seien nur 160.000 jünger als 40. Beim „heute journal“ seien es noch ein paar weniger. Dabei erreiche der Sender in den Online-Netzwerken mit seinen Marken jetzt schon mehrere Hunderttausende Menschen in diesem Alter. 

Eigentlich wollte die Mainzer Anstalt schon 2009 zum Start ihres Serien-, Comedy- und Wiederholungs-Ablegers ZDF.neo Nachrichten für ein jüngeres Publikum entwickeln — das hat die Politik damals aber abgelehnt. Vor drei Jahren gründete sie dann Arbeitsgruppen mit jungen Mitarbeitern aus verschiedenen Abteilungen, die sich Gedanken über das Thema machen sollten. Dass deren Ergebnis so viel mit dem Netz zu tun hat, sei nicht Auftrag gewesen, sagt Projektleiter Clas Dammann. „Eigentlich hatten wir erst in Richtung Fernsehen gedacht.“ Erst dann sei klargeworden, dass es wichtig sei „extrem in Richtung soziale Medien zu gehen“. Nicht nur junge, sondern auch kritische Menschen sollen hier besonders angesprochen werden.

„heute+“ ist Teil eines größeren ZDF-Projektes, in dem es darum geht, den Sender besser für crossmediales Arbeiten umzustellen — und dafür ein „Katalysator“. Die Redaktion ist durch interne Umschichtungen besser ausgestattet als die Vorgängersendung „heute nacht“, ausgerechnet im Social-Media-Bereich aber noch nicht so, wie es nötig wäre. Im Sommer soll sich das bessern. „Das schlimmste wäre, eine Interaktion anzubieten und dann nicht doch nicht zu antworten“, sagt Theveßen. 

Der Aufwand zur Kommunikation mit den Zuschauern ist kein Selbstzweck, oder wie Theweßen es im Anstaltsdeutsch formuliert: „Wie gehen nicht fahrlässig in Mehraufwand.“ Schon in den Probewochen habe sich gezeigt, wie wertvoll und anregend das Feedback des Publikums sei. 

Als Beispiel nennen die „heute+“-Leute einen Beitrag über einen syrischen Flüchtling in Oberhausen und die Langeweile, die ihn lähmt, weil er nicht arbeiten darf und nichts zu tun hat. Der Film sei mit relativ wenig Aufwand produziert worden, aber sehr gut angekommen. Doch die emotionale, persönliche Ebene, die dazu beitrug, stieß auch auf Kritik. Und so nahm die Redaktion das Thema ein paar Tage später wieder auf und beantworte viele faktische Fragen, die bei den Zuschauern aufgekommen waren, in einem im Gegensatz dazu sehr nüchternen und sachlichen Beitrag.

Weg vom „Verkündungsjournalismus“, hin zu einer Rolle als Vermittler, das ist das Ziel. Auch die anderen ZDF-Nachrichten versuchten immer wieder, ein Thema „gegen den Strich zu bürsten“, sagt Theveßen, aber bei „heute+“ sei das von vornherein Teil der DNA.

Es sei ein „hoher kommunikativer Aufwand“ betrieben worden, den Mitarbeitern auch in den Landes- und Auslandsstudios die neue Haltung für die Sendung zu vermitteln, sagt Clas Dammann, die gewünschte „Erzählhaltung“ der Beiträge. Die Person hinter einem Bericht darf und soll sichtbar werden. Geplant ist auch, zum Beispiel im Gespräch mit den Korrespondenten, die Bedingungen deutlich zu machen, unter denen ein Bericht entsteht, die Beschränkungen, die Arbeitsweisen. 

Es gab Workshops und eine „Werkzeugkiste“ mit möglichen Beitrags-Macharten, und die Studios haben ein Paket bekommen mit all den hippen Gestaltungseffekten, die sie benutzen können — wenn auch idealerweise nach einer gewissen Lernkurve nicht mehr alle gleichzeitig. („Lernkurve“ ist mehr noch als „work in progress“ ein Begriff, der dauernd fällt, wenn man mit ZDF-Leuten über „heute+“ redet.)

ZDF heuteplus: Social Media First — wir wollen gemocht, geteilt, korrigiert und kritisiert werden. Hier ist unser Trailer — Film ab!

Posted by ZDF heuteplus on Freitag, 24. April 2015

 
„Am Ende kommt es aber immer auf die Substanz an“, beteuert Theveßen, „wir wollen keine Comedy machen oder uns krampfhaft an die Zuschauer ranrobben.“ Auch das wird vermutlich noch eine Lernkurve. Die Versuchung, einen Beitrag einfach durch Gimmicks aufzupimpen, ist sichtlich groß. In einem Stück über die Probleme des großen Fleischkonsums in der Welt halten die Gesprächspartner unmotiviert Teller mit Essen in der Hand. Und auch ein Vorstellungs-Film, in dem die Sendung selbst erklärt, wer sie ist und wie sie so tickt und in erster Person von sich spricht, ist eher ein abschreckendes Beispiel. „Klar, in der Glotze gibt es mich auch“, sagt „heute+“ da. „Aber eigentlich komme ich von online. So wie meine Zuschauer. News sind wichtig. Aber braucht’s diesen Oberstudienrats-Style? Die dunklen Ecken einer Geschichte ausleuchten, das ist mein Ding. Ich will mehr sein als Zappelbilder und Sprüche.“ 

Und dann heißt es da noch: „Schreibtisch raus, Ganzkörper rein. Raum für Inhalt und Haltung.“ Man könnte fast glauben, ein Möbelstück sei das Hauptproblem der Fernsehnachrichten heute.

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Fotos: ZDF

Ausgewandert, eingesperrt, abgetaucht: Für Kritiker ist in Aserbaidschan kein Platz mehr

27 Apr 15
27. April 2015
Krautreporter

Der Eurovision Song Contest 2012 war eine Gelegenheit für Aserbaidschan, sich der Weltöffentlichkeit in strahlendem Licht zu präsentieren — aber auch für Kritiker, auf Missstände im Land hinzuweisen. Doch alle Hoffnungen auf positive Veränderungen durch die internationale Aufmerksamkeit wurden enttäuscht: Um die Menschenrechte steht es so schlecht wie noch nie.

Der Eurovision Song Contest 2012 war eine Gelegenheit für Aserbaidschan, sich der Weltöffentlichkeit in strahlendem Licht zu präsentieren — aber auch für Kritiker, auf Missstände im Land hinzuweisen. Doch alle Hoffnungen auf positive Veränderungen durch die internationale Aufmerksamkeit wurden enttäuscht: Um die Menschenrechte steht es so schlecht wie noch nie.

Wenn im Juni die ersten European Games in Baku stattfinden, eine europäische Ausgabe der Olympischen Spiele, stehen die Chancen gut, dass sie nicht wie der Eurovision Song Contest (ESC) 2012 von Protesten aserbaidschanischer Bürgerrechtler überschattet werden. Denn die sind inzwischen fast alle im Gefängnis oder untergetaucht. Von den Aktivisten, die ich vor drei Jahren beim Grand Prix in Baku getroffen habe, ist keiner mehr frei.

Ich war damals zweimal vor Ort, um für den „Spiegel“ und ein eigenes Videoblog zu berichten. Ich sah ein Land, dessen Regierung wild entschlossen war, die seltene Gelegenheit zu nutzen, sich der Welt in prächtigster Form zu präsentieren, als wohlhabende, moderne, weltoffene Nation. Den Kritikern, die fragten, ob man einem zweifelhaften Regime eine solche Bühne bieten sollte, hielt die Eurovision als Veranstalterin des Grand-Prix deshalb entgegen:

„Die Regierung von Aserbaidschan ist sich bewusst, dass der ESC in Baku dafür sorgen wird, dass das Land international genauer unter die Lupe genommen wird. Die Veranstaltung könnte daher einen Anlass für Verständnis und Fortschritt bieten.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel zog später indirekt eine positive Bilanz. Im Zusammenhang mit der Diskussion um einen Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotchi nannte sie Aserbaidschan vor eineinhalb Jahren als positives Beispiel für die Veränderungen, die ein internationales Großereignis in einem heiklen Land bewirken kann. In Wahrheit steht der Fall Aserbaidschan für das Gegenteil. Die Hoffnung, dass die internationale Aufmerksamkeit nicht nur dem Regime nutzt, das sich der Weltöffentlichkeit im besten Licht präsentiert, sondern auch der Kritik eine Bühne bietet und positiven Wandel bewirken kann, hat sich vollständig als Illusion erwiesen. Die Situation ist sogar schlimmer geworden.

Aserbaidschan ist ein besonderes Land im entferntesten Zipfel von Europa, jenseits des Kaukasus, zwischen Russland und dem Iran. Es ist, trotz fast ausschließlich muslimischer Bevölkerung, ein säkularer Staat. Er orientiert sich nach Westen, verfügt dank Öl über Geld, ist ein begehrter Handelspartner und ein Stabilitätsanker in einer unruhigen Region.

Das mit der Stabilität liegt nicht zuletzt daran, dass Präsident Ilham Alijew alles ausgeschaltet hat, was seine Macht bedrohen könnte, lästige Dinge wie echte Opposition, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Bürgerrechte gibt es auf dem Papier.

„Ich war schon zweimal im Gefängnis, und ich mache jetzt mal eine kleine Pause“, sagt Emin Milli lakonisch. Der Dissident hat das Land verlassen. Von Berlin aus betreibt er seit zwei Jahren das Online- Angebot Meydan​.tv, eine alternative Informationsquelle mit Nachrichten aus Aserbaidschan. Im Land selbst könnte er einen solchen Kanal nicht produzieren, sagt er. Meydan​.tv wäre illegal, weil es beim Justizministerium registriert werden müsste und man die nötigen Zusagen nicht bekäme.

Der Chef der aserbaidschanischen Präsidialverwaltung hat den Meydan.tv-Machern vorgeworfen, sie wollten „gewaltsam die verfassungsmäßige Ordnung Aserbaidschans umstürzen“. Milli weiß nicht, ob er darüber lachen oder weinen soll, dass das Regime ihn als so großen Feind darstellt — angesichts der winzigen Zahl und der schlechten Ausstattung seiner Helfer im Land. „Ich denke nicht, dass ich das Regime zerstöre“, sagt er.

Was ist das überhaupt für ein System? Eine Diktatur? Ein autoritäres Regime? Milli findet den Begriff „neo-totalitärer Staat“ am treffendsten. Es sei keine reine Diktatur; man könne zum Beispiel gegen die Regierung demonstrieren — weit entfernt von allen Orten, wo man Aufmerksamkeit erregt, als ritualisierter, sinnloser Protest. Ein „ziemlich zivilisiertes, neo-totalitäres Regime“ sei das: Wer zum Beispiel heikle Recherchen über Korruption in der Regierung veröffentlichen will, dem kann es passieren, dass er erst Geld angeboten bekommt, um zu schweigen, und ihm dann erst mit Gefängnis gedroht wird.

Aserbaidschan will beachtet und geliebt werden und gibt viel Geld dafür aus, die Welt zu beeindrucken. Dafür entstehen dort die atemberaubendsten Gebäude. Lobbyisten und willige Politiker in aller Welt sorgen dafür, dass das autoritäre Regime in einem guten Licht dasteht.

Events wie der Eurovision Song Contest, die European Games (für deren Premiere sich außer Baku niemand beworben hatte) und die Olympischen Spiele (um die sich Baku hartnäckig bewirbt), sollen für Aufmerksamkeit und Prestige sorgen.

Sie sind aber natürlich auch eine Gelegenheit, auf die Missstände im Land hinzuweisen, auf politische Gefangene und die Willkür der Justiz. Im Umfeld des Eurovision Song Contest mühten sich die einheimischen Bürgerrechtler, unterstützt durch Organisationen wie Human Rights Watch, nach Kräften. Sie luden zu Pressekonferenzen, gaben Interviews, organisierten Demonstrationen und versuchten (letztlich vergeblich), unter dem Namen „Sing for Democracy“ ein Konzert auf die Beine zu stellen.

Es wirkte manchmal rührend bemüht, wie sie das Interesse der anwesenden Journalisten gewinnen wollten und sich lautstark in Hotel-Konferenzräumen mit Vertretern der Regierung stritten. Es war ganz offenkundig keine Massenbewegung.

Wenn Emin Milli zu internationalen Konferenzen zum Thema Pressefreiheit geht, hat er immer Probleme, Interesse für sein Land zu wecken: „Die Tragödie ist nicht groß genug. In Usbekistan gibt es über 10.000 politische Gefangene; in Aserbaidschan 100. Niemand stirbt auf der Straße. Seit 2005 gab es nur zwei Fälle, wo Oppositionelle ermordet wurden.“

Es wäre leicht, daraus zu schließen, dass die Situation in Aserbaidschan nicht so schlimm ist. Es ist andererseits Ausdruck davon, wie gut die Diktatur funktioniert. Das System der Angst ist so perfekt und die Herrschaft des Regimes wirkt so alternativlos, dass es gar keinen großen Widerstand mehr gibt, der niedergeschlagen werden müsste.

Es herrscht weicher Autoritarismus statt brutaler Unterdrückung. Dafür genügt es, gelegentlich ein Exempel zu statuieren, wie 2009 an Emin Milli. Er hatte mit einem Freund ein satirisches Video gedreht. Wenig später wurden beide von Fremden angepöbelt und daraufhin wegen Hooliganismus verhaftet und verurteilt. Ein Berater des früheren Präsidenten Heydar Alijew (dem Vater des heutigen Präsidenten) sagte der „New York Times“: „Das mag Ihnen absurd erscheinen, uns aber sehr vernünftig. Wenn zwei Blogger auf diese Weise bestraft werden, gibt es keinen dritten.“

Milli beschreibt, dass der Druck auf Kritiker oft auch über den Umweg von Freunden oder Familienangehörigen passiert. Nicht der Aktivist selbst gerät ins Visier der Behörden, sondern seine Verwandten bekommen Probleme zum Beispiel am Arbeitsplatz — und drängen ihn

dann, mit der unerwünschten Aktivität aufzuhören, um ihnen das Leben nicht so schwer zu machen, werfen ihm Egoismus und Verantwortungslosigkeit vor, weil er nicht an die Konsequenzen für seine Familie denkt. Manchmal muss der Staat selbst überhaupt nicht tätig werden, die Furcht davor reicht aus; die Gesellschaft organisiert den Druck auf die Abweichler alleine.

Das kleine Grüppchen von Aktivisten, die sich nicht einschüchtern ließen und den Eurovision Song Contest nutzten, um auf die demokratischen Defizite hinter der Glitzerfassade hinzuweisen, stellte eigentlich keine große Bedrohung für das System dar. Aber schon während der Veranstaltung sagten Experten voraus, dass sich das Regime hinterher, wenn die ausländischen Journalisten wieder abgereist sind, an diesen Leuten rächen würde.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch legte im Sommer 2013 einen Bericht vor, in dem sie feststellte:

„Seit einigen Jahren schon macht Aserbaidschan Rückschritte in Sachen Meinungs-, Versammlungs– und Vereinigungs-Freiheit, aber seit Mitte 2012 ist die Lage dramatisch schlechter geworden. Seitdem bemüht sich die Regierung gezielt, oppositionelle Aktivitäten einzudämmen, öffentliche Korruptionsvorwürfe und andere Kritik an der Regierung zu bestrafen und Nichtregierungsorganisationen stärker zu kontrollieren.“

Im vergangenen Jahr wurde es noch schlimmer. Ein prominenter Bürgerrechtler nach dem anderen wurde unter dubiosen Anschuldigungen verhaftet, wie Amnesty International dokumentiert:

  • Khadija Ismayilova, eine bekannte investigative Journalistin, die mit ihren Recherchen immer wieder dubiose Geschäfte der Präsidentenfamilie enthüllt hat.
  • Leila Junus, eine zähe, kleine Frau, die ich in Baku mehrmals getroffen habe und die seit vielen Jahren unermüdlich die Rechtsverstöße des Regimes anprangert und für einen Dialog mit dem verfeindeten Armenien wirbt. Sie ist nach Angaben ihrer Tochter sehr krank.
  • Auch ihr Mann Arif kam ins Gefängnis.
  • Intigam Alijew, Chef der Organisation „Legal Education Society“, die rechtliche Unterstützung für unterprivilegierte Gruppen organisiert.
  • Rasul Jafarow, der vor dem Eurovision Song Contest die Kampagne „Sing for Democracy“ ins Leben gerufen hat.
  • Der Menschenrechtler Emin Husejnow, der während des Eurovision Song Contest einer der sichtbarsten Wortführer der Bürgerrechtler war, musste damit rechnen, ebenfalls verhaftet zu werden, und tauchte im August 2014 unter. Das Schweizer Fernsehen enthüllte im Februar, dass er in die Schweizer Botschaft in Baku geflohen ist.

60 unabhängige Nichtregierungsorganisationen seien 2014 de facto geschlossen worden, sagt Emin Milli, ihre Bankkonten eingefroren. „Es gibt eine Null-Toleranz-Politik gegenüber jeder Art von Selbstorganisation.“ So schlimm wie heute sei es noch nie gewesen.

Celia Davies, eine englische Helferin, die ich 2012 bei Emin Husejnows Institute for Reporters‘ Freedom and Safety IRFS in Baku getroffen habe, beschreibt, wie sich die Lage seitdem verändert hat:

„Als ich im Herbst 2012 wegging, waren wir eine Organisation von 30 Leuten, mit einer Gruppe von Journalisten, die Inhalte für einen Online- Kanal produzierte, örtliche Journalisten ausbildete und internationale Menschenrechts-Kampagnen organisiert. Jetzt sind zwei Leute übrig: ein Anwalt und ein Übersetzter, 24 beziehungsweise 23 Jahre alt. Sie arbeiten von zu Hause, weil das Büro versiegelt ist. Sie benutzen ihre eigenen Computer, weil die ganze Ausrüstung bei einer Polizeidurchsuchung beschlagnahmt wurde. Sie arbeiten unentgeltlich, weil das Bankkonto der Organisation eingefroren wurde.“

Ende vergangenen Jahres haben die aserbaidschanischen Behörden auch das Büro von Radio Liberty in Baku durchsucht und geschlossen und Mitarbeiter festgenommen.

Warum geht der aserbaidschanische Staat so rigoros gegen seine Kritiker vor — wenn die ihm nicht einmal wirklich gefährlich werden konnten? „Ich glaube, jede Maschine hat ihre eigene Logik“, sagt Emin Milli. „Es muss einfach jemand verhaftet werden, denn der Sicherheitsapparat muss Berichte schreiben, muss sich rechtfertigen, muss zeigen, dass er noch gebraucht wird.“

Vor allem aber müsse die Angst in der Gesellschaft erhalten bleiben. „Wenn Leute gegen das Regime arbeiten können und keine Konsequenzen erfahren, kann es ganz schnell gehen, dass solche Regime kaputtgehen“, sagt Milli. „Die Gewalt als Routine muss immer da sein.“

Er vergleicht den Umgang der Regierung mit den Bürgerrechtlern mit dem mit einer lästigen Mücke. „Du kannst sie tolerieren, denn sie ändert nichts an deinem Leben. Aber sie stört halt. Und dann willst du, dass sie weg ist. Das ist netter.“

Das rigorose Vorgehen gegen die Bürgerrechtler im Land zeigt aber auch, dass die Regierung nicht mehr glaubt, einen Anschein wahren zu müssen. Die Kampagne gegen die Opposition im vergangenen Jahr fiel in die Zeit, als Aserbaidschan den Vorsitz im Ministerkomitee des Europarates hatte. Der Europarat fühlt sich eigentlich ausdrücklich dem Einsatz für Menschenrechte, demokratische Grundsätze und rechtsstaatliche Prinzipien verpflichtet.

Für Aserbaidschan offenbar kein Anlass, zumindest so etwas guten Willen zu demonstrieren — im Gegenteil. Allerdings hat das Land das Gremium nach Ansicht von Kritikern ohnehin längst von innen ausgehöhlt, wie Emin Milli meint — und zwar dadurch, dass es die entscheidenden Leute im Europarat kaufte — durch Einladungen nach

Auch die internationale Aufmerksamkeit, die jetzt mit den European Games verbunden ist, scheint Aserbaidschan nicht zu fürchten. Womöglich würde es einen besseren Eindruck machen, wenn nicht fast die ganzen bekannten Kämpfer für Menschenrechte im Land verhaftet, verurteilt oder abgetaucht wären. Womöglich klängen dann auch die Appelle von Amnesty International, Human Rights Watch und ähnlichen Organisationen nicht ganz so dringlich. Aber womöglich ist es der Weltöffentlichkeit auch einfach: egal.

In den vergangenen zwei Wochen sind Rasul Jafarow und Intigam Alijew zu rund siebenjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Christoph Strässer, der Menschenrechts-Beauftragte der Bundesregierung, nennt die Urteile „unverhältnismäßig hart“. Die Prozesse seien nach Ansicht aller unabhängigen Beobachter von schweren Verfahrensfehlern gekennzeichnet gewesen.

„Es ist gut, wählen zu können“, sagte Anke Engelke während der Punkte-Bekanntgabe beim Grand Prix. „Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich!“

Auch das war natürlich eine Illusion.

Beruf: Youtuber

26 Apr 15
26. April 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Marti Fischer macht als „The Clavinover“ mit Talent und Erfolg Musik und Quatsch im Internet.

Es läuft für Marti Fischer. Er hat in der deutschen Version von „Spongebob Schwammkopf 3D“ Möwe #1 gesprochen. Er hat bei einer Vorführung des Films Santiago Ziesmer getroffen, die deutsche Stimme von Steve Buscemi und Spongebob Schwammkopf, und mit ihm ein Instagram-Foto gemacht. Er hat bei mehreren Fernsehshows mitgewirkt, als Stimmenimitator, Sidekick und Comedian. Er wird demnächst ein eigenes Album aufnehmen, mit einer richtigen Plattenfirma. Er kann davon leben, das zu machen, was er immer schon machen wollte: Musik und Quatsch.

Zu verdanken hat er das Youtube. Die Videoplattform von Google ist für eine unüberschaubare Zahl junger Menschen ein Ort geworden, wo sie sich darstellen und ausleben. Sie zeigen, was sie können, auch wenn das oft nicht mehr ist als genau das: sich in einer Form präsentieren, die andere dazu bringt, sich das anzusehen, so sinnlos das für Außenstehende auch wirken mag.

Aber einige der Selbstdarsteller haben ein Talent, das über das der Selbstdarstellung hinausgeht. Sie nutzen Youtube, um Geschichten zu erzählen, Musik zu machen, Filme zu produzieren, Akrobatik zu präsentieren.

Marti Fischer ist so einer. „Wie geht eigentlich Musik“ heißt seine beste Reihe. In jeder Folge erklärt er ein Genre, indem er es in seine Bestandteile zerlegt. Er tut das auf seine überdrehte Art, hampelnd und Grimassen ziehend — aber vor allem, indem er die Instrumente spielt. Eines nach dem anderen nimmt er auf, schichtet Ebene auf Ebene, bis am Ende ein selbstkomponierter, aber klassischer Soul-, Blues-, House- oder sogar Schlager-Titel entsteht, den er dann in einem liebevoll inszenierten Video zum Besten gibt. Man könnte das sofort als Schulfernsehen ausstrahlen (wenn es nicht die dafür mutmaßlich zulässigen Grenzwerte für Spaß beim Machen und Zuschauen sprengen würde). Schüler und Lehrer haben schon gefragt, ob sie seine Videos im Musikunterricht zeigen können.

„The Clavinover“ nennt sich Marti Fischer auf Youtube, nach dem ersten Keyboard, das er als Kind bekam. Seinen Durchbruch schaffte der heute 24-Jährige vor fünf Jahren, als er mit einem Video, in dem er die Stimmen von achtzehn Prominenten imitierte, den „Secret Talents Award“ gewann. Das verschaffte ihm nicht nur ein Preisgeld von 10 000 Euro, die er in eine Synchronsprecher-Ausbildung investierte, sondern auch so viel Aufmerksamkeit für seine Youtube-Aktivitäten, dass er auf das geplante Musik-Studium erst einmal verzichtete. „Ich habe damals gemerkt: Das könnte mir sehr viel mehr Spaß machen, als Lehrer zu werden, wie ich eigentlich vorhatte.“

Im Jahr zuvor hatte Fischer sich bei vier Universitäten beworben, alle Aufnahmeprüfungen bestanden, nur leider das Abitur nicht. Nun hatte er das Abitur, aber eben auch diesen Youtube-Preis, und so warf er seine Planung über den Haufen und bereut es nicht. „Sonst wär‘ ich nicht da, wo ich jetzt bin.“

Er machte dann vor allem Stimmenimitationen, die sich die Zuschauer wünschen konnten, und litt ein bisschen darunter, dass sein Kanal so „unstet“ wuchs, was auch daran lag, dass er so „unstet“ Videos postete. „Ich wollte mich von Y-Titty“ — einer der ersten erfolgreichen Youtube-Gruppen — „schon insoweit absetzen, dass ich auf Klasse statt Masse setze. Was ich nicht verstanden hatte: Dass man auf Youtube guten Content regelmäßig produzieren muss.“

Der nächste Schub kam 2013, als er eine eigene Version von „Chabos wissen, wer der Babo ist“ aufnahm, nachdem er den Hit von Haftbefehl dauernd hören musste. Den schwer verständlichen kurdischen Akzent ersetzte er durch die deutlichst denkbare Artikulation — und machte aus dem Rap eine Jazz-Version, gesungen mit den Stimmen von Max Raabe und Bürger Lars Dietrich. Dazu drehte er mit einem Freund ein Musikvideo in seiner Heimat Salzgitter. Fast fünf Millionen Mal ist das Video abgerufen worden.

Er brauchte aber etwas, um die neuen Fans und Abonnenten, die ihm dieser Hit bescherte, bei Laune zu halten; etwas, das er — bei allem Hang zur Prokrastination — einigermaßen regelmäßig produzieren konnte. In einem kleineren Zweitkanal hatte er schon damit begonnen, mit einer Loopmaschine zu spielen. Aus einzelnen Geräuschen, Effekten, Rhythmen und Melodien, die er einspielt und die endlos wiederholt und kombiniert werden, setzt er nach und nach Songs zusammen: „Ein Loop zwischendurch“. Und weil auf Youtube die Nähe zum Publikum besonders groß und wichtig ist, fragte er die inzwischen hunderttausend Fans auf seinem Hauptkanal, ob das etwas wäre, was ihnen auch gefallen würde.

Die Resonanz war gut, und so gibt es nun regelmäßig Loops zwischendurch, oft mit Gästen, die, während er mit Knöpfen und Instrumenten hantiert, Gesang beisteuern. Passend zur Pollensaison hat er gerade mit einem Kollegen namens Gniechel einen Allergikersong produziert, der im Wesentlichen aus geloopten Schniefern, Schnupfern und Hustern besteht.

Im wahren Leben ist Marti Fischer nicht ganz so hyperaktiv wie in seinen Videos, in denen er alles, was gelingt oder schiefgeht, mit Grimassen, Sprüchen oder Geräuschen kommentieren muss. Das ist nicht ganz unanstrengend und scheint die These zu bestätigen, dass eine ordentliche Aufmerksamkeitsdefizitstörung die beste Voraussetzung fürs Machen und Ansehen von Youtube-Videos ist. Sein Kopf ist voll von Otto-, Helge-Schneider- und Bulli-Reflexen und -Klamaukfetzen, „dieses ganze Püree hat sich irgendwann in mir manifestiert und wollte wieder heraus“, sagt er. „Ich glaube, ich höre mich selbst auch sehr gern sprechen, was für den Job sehr wichtig ist. So eine gewisse Selbstverliebtheit ist ganz praktisch.“

Er produziert alles in seinem schmalen, 15-Quadratmeter-WG-Zimmer in Berlin-Prenzlauer-Berg, neben dem ungemachten Bett, zwischen Gerümpel, Kleiderschrank und einem Regal, auf dem der „Secret Talent Award“ in Form eines Springteufels steht. Seine Mitbewohner sind auch Youtuber, die mit Knowhow, Technik und Kritik helfen.

Demnächst zieht er mit dem größten Teil seiner Technik in ein Büro. Er ist Teil einer Gruppe ambitionierter Web-Video-Macher, die sich „301 plus“ nennen und gemeinsame Arbeitsräume beziehen wollen. Fischer malt sich das aus als einen Traum von Professionalität und Kreativität: „Da werde ich jeden Tag drinsitzen und amtlich mein Ding durchziehen, stringent und kontinuierlich an meinen Youtube-Videos und den ganzen Projekten arbeiten.“ Von einer „gesunden Regelmäßigkeit“ träumt er. Und davon, irgendwann mit einigen der bekannten Leute, die er imitiert und parodiert hat, gemeinsam Videos und Musik zu machen. Das große Youtuber-Netzwerk Mediakraft wird er, wie so viele bekannte Kollegen, im Herbst verlassen.

„Youtube ist eine der besten Möglichkeiten, sich in einem audiovisuellen Medium auszudrücken, wie man es möchte, ohne dass einem einer sagt, was man zu tun und zu lassen hat“, sagt Fischer. „Und die beste Möglichkeit für den direkten Kontakt mit den Zuschauern.“

Online funktioniert diese Nähe besser als im analogen Leben. Als er im vergangenen Jahr bei den Videodays in Köln die verrückte Idee hatte, den Backstagebereich zu verlassen und einfach mal den Merchandising-Stand zu besuchen, musste er den Versuch trotz Begleitung eines eigenen Sicherheitsmannes abbrechen. Er wurde von zu vielen Fans belagert, die ein Selfie wollten oder ein Autogramm oder ihm ihr Handy hinhielten, damit er mit der Freundin sprach, die leider nicht kommen konnte.

Wenn Schweine fliegen, dann richtig

15 Mrz 15
15. März 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Fantasy funktioniert nur mit Regeln. Und auch nur, wenn man sie ernst nimmt — das zeigen die Bücher von Terry Pratchett, der der Welt eine Welt hinterlässt.

Terry Pratchett machte sich keine Illusionen über die Menschen: „Wenn man in irgendeiner Höhle irgendwo einen Schalter anbringen würde mit einem Schild, auf dem steht: ‚Ende-der-Welt-Schalter. BITTE NICHT DRÜCKEN‘ — das Schild hätte nicht einmal Zeit zum Trocknen.“

In seinem Buch „Hogfather“ (auf deutsch: „Schweinsgalopp“) nimmt das ganze Verhängnis seinen Lauf dadurch, dass Mustrum Ridcully, der Erzkanzler der Unsichtbaren Universität, dem örtlichen Ausbildungszentrum für Zauberer in Ankh-Morpork, eine Tür hat öffnen lassen, eine Tür, die mit Dutzenden Bolzen und Brettern verriegelt und hinter einem Bücherschrank verborgen gewesen war. 

„Und dann das Schild, Ridcully“, sagte der Dekan, „Du hast es doch gelesen, oder? Das Schild mit der Aufschrift: ‚Diese Tür darf auf keinen Fall geöffnet werden‘?“

„Natürlich habe ich es gelesen“, erwiderte der Erzkanzler. „Warum möchte ich die Tür wohl öffnen?“ 

„Äh… warum?“

„Um herauszufinden, warum sie geschlossen bleiben soll.“

An dem letzten Satz hängt eine Fußnote*, in der es heißt: „Diese Worte drücken praktisch alles aus, was man über die menschliche Zivilisation wissen muss, vor allem über jene Teile von ihr, die sich nun auf dem Meeresgrund befinden, hinter hohen Sicherheitszäunen liegen oder noch immer qualmen.“

Terry Pratchett kannte die Menschen und ihre Schwächen, die ganze grenzenlose Dummheit der Spezies. Er beschrieb sie in seinen Werken mit Genauigkeit und Witz und einer Art verzweifelter Zuneigung, so warmherzig wie lustig und schonungslos.

Zig Millionen Bücher hat er verkauft. Trotzdem sagte Pratchett, er sei kein richtiger Schriftsteller, so gern er das auch wäre. Aber er hätte nie viel über das nachgedacht, was er mache. „Ich hab es einfach gemacht.“ Es sei ein furchtbarer Schock für ihn, dass ihn alle ein bis zwei Monate irgendwelche Seminararbeiten erreichten, aus denen er dann erfahren müsse, wie wunderbar sein Umgang mit Sprache sei und wie clever seine Konstruktionen.

Es fällt schwer, ihm das abzunehmen, denn Pratchett war nicht nur ein Meister seiner Kunst. Er konnte sie auch präzise beschreiben, wie man in der im vergangenen Jahr erschienenen Artikel- und Reden-Sammlung „A Slip of the Keyboard“ nachlesen kann. 

Er bezog sich auf den englischen Autor G. K. Chesterton und sagte: „Entgegen der allgemeinen Auffassung geht es bei Fantasy nicht darum, Sachen zu erfinden. Die Welt ist schon vollgestopft mit Sachen. Es ist fast unmöglich, neue zu erfinden. Nein, die Rolle von Fantasy ist es, das zu nehmen, was normal und alltäglich und gewöhnlich und unbeachtet ist, und es umzudrehen und den Zuschauern aus einer anderen Richtung zu zeigen, so dass sie es plötzlich mit neuen Augen sehen.“

So ist seine Discworld. Eine Welt, die eine Scheibe ist, die auf vier Elefanten ruht, die auf dem Rücken einer Schildkröte stehen, die durchs Weltall schwimmt. Eine Welt, die bevölkert ist von Zauberern, Hexen, Zwergen, Goblins, Golems und Trollen (und einem Orang-Utan als Bibliothekar, der keine Lust hatte, sich in den Menschen zurückverwandeln zu lassen, der er einmal war, weil es viele Vorteile hat, als Bibliothekar ein Orang-Utan zu sein — man erreicht zum Beispiel besser die hohen Bücherregale). Eine Welt, die ganz anders ist als unsere und ganz genau so. Eine fantastische Welt, mit der Pratchett Geschichten erzählt über unsere Welt, über die Natur des Menschen, über den Fortschritt und die Emanzipation, über Toleranz und Religion, über das Wesen von Geld und Macht, über Krieg und Götter und den Tod.

„Fantasy funktioniert am besten, wenn man sie ernst nimmt“, erklärte er. „Sie ernst zu nehmen, bedeutet, dass es Regeln geben muss. Wenn alles passieren kann, gibt es keine echte Spannung. Man darf Schweine fliegen lassen, aber man muss dann auch die daraus resultierende Verwüstung des örtlichen Vogelwelt berücksichtigen und die Notwendigkeit, dass die Menschen in Gegenden mit viel Flugverkehr immer starke Schirme mit sich herumzutragen.“ Diese Art des Denkens ist der Motor gewesen, der die Scheibenwelt über all die Jahre angetrieben hat — 40 Bücher sind in 30 Jahren erscheinen. 

„Irgendwie“, sagt Pratchett, „hat man uns in der Kindheit beigebracht, Fantasy nicht mit Fragen zu konfrontieren wie: Wie kann es sein, dass es in einem ganzen Königreich nur einen Fuß gibt, dem der Glasschuh passt?“ Dabei entstünde aus solchen Fragen Inspiration: „Wenn Werwölfe so wären, wie sie uns Hollywood präsentiert — wie würden sie sicherstellen, dass sie immer Hosen dabei haben, wenn sie sich zurück in Menschengestalt verwandeln?“ Angua, die Werwölfin, die es in Pratchetts Scheibenwelt sogar zum Mitglied der Stadtwache geschafft hat, stöhnt, dass dieses praktische Problem für sie sogar noch drängender sei — bei den männlichen Werwölfen würde es im Zweifel schon reichen, bei den Ausflügen in Wolfsgestalt irgendwo ein Paar Shorts zu verstauen.

Pratchett nimmt die Fantasiewesen und die Probleme, die sie aufgrund ihrer fantastischen Eigenschaften haben, ernst. Das macht sie so echt, so wahr — und so lustig. Wenn etwa die Hellseherin wie Evadne Kuchen im Gespräch wieder vergisst, ihre Vorahnungsfähigkeiten abzuschalten, und versehentlich Antworten auf Fragen gibt, die noch gar nicht gestellt wurden. Sie kriegt dann immer schreckliche Kopfschmerzen, wenn die Gesprächspartner die Lücken nicht wenigstens nachträglich füllen.

Was macht einen Roman überhaupt zu „Fantasy“, fragte Pratchett. Das Vorkommen von Drachen? Oder ist „echte Fantasy“ nicht viel eher die Vorstellung, dass ein Mann mit einer Druckerpresse einer ganzen Regierung Paroli bieten könne, bloß wegen eines halbgaren Glaubens, dass es so etwas geben könnte wie die „Wahrheit“ (eine Geschichte, die der 25. Scheibenwelt-Band über die Erfindung der Zeitung erkundet)? 

Während sich die Discworld im Laufe der Jahre mit immer weiteren Wesen füllte und die Gesellschaft von Ankh-Morpork komplexer, aber auch fertiger wurde, verwandelten sich seine Romane immer stärker von Fantasy-Parodien in moralische Geschichten, sehr albern und sehr weise. „Das Problem ist, dass wir glauben, dass ‚lustig‘ und ‚ernsthaft‘ Gegensätze sind“, sagte Pratchett. „Das sind sie aber nicht. Das Gegenteil von ‚lustig‘ ist ‚nicht lustig‘ und das Gegenteil von ‚ernsthaft‘ ist ‚nicht ernsthaft‘. Gelächter schafft es durchs Schlüsselloch, während die Ernsthaftigkeit noch gegen die Tür schlägt. Neue Gedanken können auf dem Rücken eines Witzes in die Welt reiten; alte Gedanken eine neue Schärfe bekommen.“ 

Neil Gaiman schrieb über Pratchett, dass es nicht zuletzt Wut sei, die ihn beim Schreiben angetrieben habe, ein nicht zu unterschätzender Zorn, der mit seinem Sinn für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu tun gehabt habe. Als Pratchett 2007 erfuhr, dass er an einer seltenen Form von Alzheimer litt, habe sein Zorn neue Ziele gefunden. Er sei er wütend gewesen auf sein Gehirn und seine Gene und, mehr noch, auf ein Land, das es ihm und anderen nicht erlaube, die Art und den Zeitpunkt des Abtretens zu wählen.

In einem Zeitungsbeitrag schrieb Pratchett 2009: „Dinge, die wir dem Leben hinzufügen, wie Stolz, Selbstachtung und menschliche Würde, sind es wert, bewahrt zu werden, und sie drohen, bei einem Fetisch für Leben um jeden Preis verloren zu gehen. Ich glaube, dass, wenn die Last zu groß wird, denjenigen, die es wollen, ein Ausgang gezeigt werden soll. In meinem Fall hoffe ich, dass er zu einem Garten unter einem englischen Himmel führt. Oder, falls es regnet, zur Bibliothek.“

Am Donnerstag starb Terry Pratchett im Alter von 66 Jahren im Kreis seiner Familie, während die Katze auf seinem Bett schlief. Er hinterlässt der Welt eine ganze Welt. Eine Welt voller einzigartiger, unvergesslicher Figuren, und eine Gemeinschaft von Lesern, die sich seit Donnerstag gegenseitig ihre liebsten Stellen und Aphorismen erzählen. 

Der Tod war in Pratchetts Büchern, nicht nur auf der Scheibenwelt, eine sympathische, höflich-interessierte Figur, die in GROSSBUCHSTABEN spricht und geduldig erklärt, dass nicht er es sei, der tötet: „Pistolen und Messer und Hunger töten; der Tod kommt danach, um die verdutzten Ankömmlinge zu beschwichtigen, während sie ihre Reise beginnen.“

*) Terry Pratchett liebte Fußnoten und das Spiel mit ihnen. In seinen Fußnoten allein steckt mehr Witz als in den meisten anderen Büchern.