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Ausgewandert, eingesperrt, abgetaucht: Für Kritiker ist in Aserbaidschan kein Platz mehr

27 Apr 15
27. April 2015
Krautreporter

Der Eurovision Song Contest 2012 war eine Gelegenheit für Aserbaidschan, sich der Weltöffentlichkeit in strahlendem Licht zu präsentieren — aber auch für Kritiker, auf Missstände im Land hinzuweisen. Doch alle Hoffnungen auf positive Veränderungen durch die internationale Aufmerksamkeit wurden enttäuscht: Um die Menschenrechte steht es so schlecht wie noch nie.

Der Eurovision Song Contest 2012 war eine Gelegenheit für Aserbaidschan, sich der Weltöffentlichkeit in strahlendem Licht zu präsentieren — aber auch für Kritiker, auf Missstände im Land hinzuweisen. Doch alle Hoffnungen auf positive Veränderungen durch die internationale Aufmerksamkeit wurden enttäuscht: Um die Menschenrechte steht es so schlecht wie noch nie.

Wenn im Juni die ersten European Games in Baku stattfinden, eine europäische Ausgabe der Olympischen Spiele, stehen die Chancen gut, dass sie nicht wie der Eurovision Song Contest (ESC) 2012 von Protesten aserbaidschanischer Bürgerrechtler überschattet werden. Denn die sind inzwischen fast alle im Gefängnis oder untergetaucht. Von den Aktivisten, die ich vor drei Jahren beim Grand Prix in Baku getroffen habe, ist keiner mehr frei.

Ich war damals zweimal vor Ort, um für den „Spiegel“ und ein eigenes Videoblog zu berichten. Ich sah ein Land, dessen Regierung wild entschlossen war, die seltene Gelegenheit zu nutzen, sich der Welt in prächtigster Form zu präsentieren, als wohlhabende, moderne, weltoffene Nation. Den Kritikern, die fragten, ob man einem zweifelhaften Regime eine solche Bühne bieten sollte, hielt die Eurovision als Veranstalterin des Grand-Prix deshalb entgegen:

„Die Regierung von Aserbaidschan ist sich bewusst, dass der ESC in Baku dafür sorgen wird, dass das Land international genauer unter die Lupe genommen wird. Die Veranstaltung könnte daher einen Anlass für Verständnis und Fortschritt bieten.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel zog später indirekt eine positive Bilanz. Im Zusammenhang mit der Diskussion um einen Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotchi nannte sie Aserbaidschan vor eineinhalb Jahren als positives Beispiel für die Veränderungen, die ein internationales Großereignis in einem heiklen Land bewirken kann. In Wahrheit steht der Fall Aserbaidschan für das Gegenteil. Die Hoffnung, dass die internationale Aufmerksamkeit nicht nur dem Regime nutzt, das sich der Weltöffentlichkeit im besten Licht präsentiert, sondern auch der Kritik eine Bühne bietet und positiven Wandel bewirken kann, hat sich vollständig als Illusion erwiesen. Die Situation ist sogar schlimmer geworden.

Aserbaidschan ist ein besonderes Land im entferntesten Zipfel von Europa, jenseits des Kaukasus, zwischen Russland und dem Iran. Es ist, trotz fast ausschließlich muslimischer Bevölkerung, ein säkularer Staat. Er orientiert sich nach Westen, verfügt dank Öl über Geld, ist ein begehrter Handelspartner und ein Stabilitätsanker in einer unruhigen Region.

Das mit der Stabilität liegt nicht zuletzt daran, dass Präsident Ilham Alijew alles ausgeschaltet hat, was seine Macht bedrohen könnte, lästige Dinge wie echte Opposition, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Bürgerrechte gibt es auf dem Papier.

„Ich war schon zweimal im Gefängnis, und ich mache jetzt mal eine kleine Pause“, sagt Emin Milli lakonisch. Der Dissident hat das Land verlassen. Von Berlin aus betreibt er seit zwei Jahren das Online- Angebot Meydan​.tv, eine alternative Informationsquelle mit Nachrichten aus Aserbaidschan. Im Land selbst könnte er einen solchen Kanal nicht produzieren, sagt er. Meydan​.tv wäre illegal, weil es beim Justizministerium registriert werden müsste und man die nötigen Zusagen nicht bekäme.

Der Chef der aserbaidschanischen Präsidialverwaltung hat den Meydan.tv-Machern vorgeworfen, sie wollten „gewaltsam die verfassungsmäßige Ordnung Aserbaidschans umstürzen“. Milli weiß nicht, ob er darüber lachen oder weinen soll, dass das Regime ihn als so großen Feind darstellt — angesichts der winzigen Zahl und der schlechten Ausstattung seiner Helfer im Land. „Ich denke nicht, dass ich das Regime zerstöre“, sagt er.

Was ist das überhaupt für ein System? Eine Diktatur? Ein autoritäres Regime? Milli findet den Begriff „neo-totalitärer Staat“ am treffendsten. Es sei keine reine Diktatur; man könne zum Beispiel gegen die Regierung demonstrieren — weit entfernt von allen Orten, wo man Aufmerksamkeit erregt, als ritualisierter, sinnloser Protest. Ein „ziemlich zivilisiertes, neo-totalitäres Regime“ sei das: Wer zum Beispiel heikle Recherchen über Korruption in der Regierung veröffentlichen will, dem kann es passieren, dass er erst Geld angeboten bekommt, um zu schweigen, und ihm dann erst mit Gefängnis gedroht wird.

Aserbaidschan will beachtet und geliebt werden und gibt viel Geld dafür aus, die Welt zu beeindrucken. Dafür entstehen dort die atemberaubendsten Gebäude. Lobbyisten und willige Politiker in aller Welt sorgen dafür, dass das autoritäre Regime in einem guten Licht dasteht.

Events wie der Eurovision Song Contest, die European Games (für deren Premiere sich außer Baku niemand beworben hatte) und die Olympischen Spiele (um die sich Baku hartnäckig bewirbt), sollen für Aufmerksamkeit und Prestige sorgen.

Sie sind aber natürlich auch eine Gelegenheit, auf die Missstände im Land hinzuweisen, auf politische Gefangene und die Willkür der Justiz. Im Umfeld des Eurovision Song Contest mühten sich die einheimischen Bürgerrechtler, unterstützt durch Organisationen wie Human Rights Watch, nach Kräften. Sie luden zu Pressekonferenzen, gaben Interviews, organisierten Demonstrationen und versuchten (letztlich vergeblich), unter dem Namen „Sing for Democracy“ ein Konzert auf die Beine zu stellen.

Es wirkte manchmal rührend bemüht, wie sie das Interesse der anwesenden Journalisten gewinnen wollten und sich lautstark in Hotel-Konferenzräumen mit Vertretern der Regierung stritten. Es war ganz offenkundig keine Massenbewegung.

Wenn Emin Milli zu internationalen Konferenzen zum Thema Pressefreiheit geht, hat er immer Probleme, Interesse für sein Land zu wecken: „Die Tragödie ist nicht groß genug. In Usbekistan gibt es über 10.000 politische Gefangene; in Aserbaidschan 100. Niemand stirbt auf der Straße. Seit 2005 gab es nur zwei Fälle, wo Oppositionelle ermordet wurden.“

Es wäre leicht, daraus zu schließen, dass die Situation in Aserbaidschan nicht so schlimm ist. Es ist andererseits Ausdruck davon, wie gut die Diktatur funktioniert. Das System der Angst ist so perfekt und die Herrschaft des Regimes wirkt so alternativlos, dass es gar keinen großen Widerstand mehr gibt, der niedergeschlagen werden müsste.

Es herrscht weicher Autoritarismus statt brutaler Unterdrückung. Dafür genügt es, gelegentlich ein Exempel zu statuieren, wie 2009 an Emin Milli. Er hatte mit einem Freund ein satirisches Video gedreht. Wenig später wurden beide von Fremden angepöbelt und daraufhin wegen Hooliganismus verhaftet und verurteilt. Ein Berater des früheren Präsidenten Heydar Alijew (dem Vater des heutigen Präsidenten) sagte der „New York Times“: „Das mag Ihnen absurd erscheinen, uns aber sehr vernünftig. Wenn zwei Blogger auf diese Weise bestraft werden, gibt es keinen dritten.“

Milli beschreibt, dass der Druck auf Kritiker oft auch über den Umweg von Freunden oder Familienangehörigen passiert. Nicht der Aktivist selbst gerät ins Visier der Behörden, sondern seine Verwandten bekommen Probleme zum Beispiel am Arbeitsplatz — und drängen ihn

dann, mit der unerwünschten Aktivität aufzuhören, um ihnen das Leben nicht so schwer zu machen, werfen ihm Egoismus und Verantwortungslosigkeit vor, weil er nicht an die Konsequenzen für seine Familie denkt. Manchmal muss der Staat selbst überhaupt nicht tätig werden, die Furcht davor reicht aus; die Gesellschaft organisiert den Druck auf die Abweichler alleine.

Das kleine Grüppchen von Aktivisten, die sich nicht einschüchtern ließen und den Eurovision Song Contest nutzten, um auf die demokratischen Defizite hinter der Glitzerfassade hinzuweisen, stellte eigentlich keine große Bedrohung für das System dar. Aber schon während der Veranstaltung sagten Experten voraus, dass sich das Regime hinterher, wenn die ausländischen Journalisten wieder abgereist sind, an diesen Leuten rächen würde.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch legte im Sommer 2013 einen Bericht vor, in dem sie feststellte:

„Seit einigen Jahren schon macht Aserbaidschan Rückschritte in Sachen Meinungs-, Versammlungs– und Vereinigungs-Freiheit, aber seit Mitte 2012 ist die Lage dramatisch schlechter geworden. Seitdem bemüht sich die Regierung gezielt, oppositionelle Aktivitäten einzudämmen, öffentliche Korruptionsvorwürfe und andere Kritik an der Regierung zu bestrafen und Nichtregierungsorganisationen stärker zu kontrollieren.“

Im vergangenen Jahr wurde es noch schlimmer. Ein prominenter Bürgerrechtler nach dem anderen wurde unter dubiosen Anschuldigungen verhaftet, wie Amnesty International dokumentiert:

  • Khadija Ismayilova, eine bekannte investigative Journalistin, die mit ihren Recherchen immer wieder dubiose Geschäfte der Präsidentenfamilie enthüllt hat.
  • Leila Junus, eine zähe, kleine Frau, die ich in Baku mehrmals getroffen habe und die seit vielen Jahren unermüdlich die Rechtsverstöße des Regimes anprangert und für einen Dialog mit dem verfeindeten Armenien wirbt. Sie ist nach Angaben ihrer Tochter sehr krank.
  • Auch ihr Mann Arif kam ins Gefängnis.
  • Intigam Alijew, Chef der Organisation „Legal Education Society“, die rechtliche Unterstützung für unterprivilegierte Gruppen organisiert.
  • Rasul Jafarow, der vor dem Eurovision Song Contest die Kampagne „Sing for Democracy“ ins Leben gerufen hat.
  • Der Menschenrechtler Emin Husejnow, der während des Eurovision Song Contest einer der sichtbarsten Wortführer der Bürgerrechtler war, musste damit rechnen, ebenfalls verhaftet zu werden, und tauchte im August 2014 unter. Das Schweizer Fernsehen enthüllte im Februar, dass er in die Schweizer Botschaft in Baku geflohen ist.

60 unabhängige Nichtregierungsorganisationen seien 2014 de facto geschlossen worden, sagt Emin Milli, ihre Bankkonten eingefroren. „Es gibt eine Null-Toleranz-Politik gegenüber jeder Art von Selbstorganisation.“ So schlimm wie heute sei es noch nie gewesen.

Celia Davies, eine englische Helferin, die ich 2012 bei Emin Husejnows Institute for Reporters‘ Freedom and Safety IRFS in Baku getroffen habe, beschreibt, wie sich die Lage seitdem verändert hat:

„Als ich im Herbst 2012 wegging, waren wir eine Organisation von 30 Leuten, mit einer Gruppe von Journalisten, die Inhalte für einen Online- Kanal produzierte, örtliche Journalisten ausbildete und internationale Menschenrechts-Kampagnen organisiert. Jetzt sind zwei Leute übrig: ein Anwalt und ein Übersetzter, 24 beziehungsweise 23 Jahre alt. Sie arbeiten von zu Hause, weil das Büro versiegelt ist. Sie benutzen ihre eigenen Computer, weil die ganze Ausrüstung bei einer Polizeidurchsuchung beschlagnahmt wurde. Sie arbeiten unentgeltlich, weil das Bankkonto der Organisation eingefroren wurde.“

Ende vergangenen Jahres haben die aserbaidschanischen Behörden auch das Büro von Radio Liberty in Baku durchsucht und geschlossen und Mitarbeiter festgenommen.

Warum geht der aserbaidschanische Staat so rigoros gegen seine Kritiker vor — wenn die ihm nicht einmal wirklich gefährlich werden konnten? „Ich glaube, jede Maschine hat ihre eigene Logik“, sagt Emin Milli. „Es muss einfach jemand verhaftet werden, denn der Sicherheitsapparat muss Berichte schreiben, muss sich rechtfertigen, muss zeigen, dass er noch gebraucht wird.“

Vor allem aber müsse die Angst in der Gesellschaft erhalten bleiben. „Wenn Leute gegen das Regime arbeiten können und keine Konsequenzen erfahren, kann es ganz schnell gehen, dass solche Regime kaputtgehen“, sagt Milli. „Die Gewalt als Routine muss immer da sein.“

Er vergleicht den Umgang der Regierung mit den Bürgerrechtlern mit dem mit einer lästigen Mücke. „Du kannst sie tolerieren, denn sie ändert nichts an deinem Leben. Aber sie stört halt. Und dann willst du, dass sie weg ist. Das ist netter.“

Das rigorose Vorgehen gegen die Bürgerrechtler im Land zeigt aber auch, dass die Regierung nicht mehr glaubt, einen Anschein wahren zu müssen. Die Kampagne gegen die Opposition im vergangenen Jahr fiel in die Zeit, als Aserbaidschan den Vorsitz im Ministerkomitee des Europarates hatte. Der Europarat fühlt sich eigentlich ausdrücklich dem Einsatz für Menschenrechte, demokratische Grundsätze und rechtsstaatliche Prinzipien verpflichtet.

Für Aserbaidschan offenbar kein Anlass, zumindest so etwas guten Willen zu demonstrieren — im Gegenteil. Allerdings hat das Land das Gremium nach Ansicht von Kritikern ohnehin längst von innen ausgehöhlt, wie Emin Milli meint — und zwar dadurch, dass es die entscheidenden Leute im Europarat kaufte — durch Einladungen nach

Auch die internationale Aufmerksamkeit, die jetzt mit den European Games verbunden ist, scheint Aserbaidschan nicht zu fürchten. Womöglich würde es einen besseren Eindruck machen, wenn nicht fast die ganzen bekannten Kämpfer für Menschenrechte im Land verhaftet, verurteilt oder abgetaucht wären. Womöglich klängen dann auch die Appelle von Amnesty International, Human Rights Watch und ähnlichen Organisationen nicht ganz so dringlich. Aber womöglich ist es der Weltöffentlichkeit auch einfach: egal.

In den vergangenen zwei Wochen sind Rasul Jafarow und Intigam Alijew zu rund siebenjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Christoph Strässer, der Menschenrechts-Beauftragte der Bundesregierung, nennt die Urteile „unverhältnismäßig hart“. Die Prozesse seien nach Ansicht aller unabhängigen Beobachter von schweren Verfahrensfehlern gekennzeichnet gewesen.

„Es ist gut, wählen zu können“, sagte Anke Engelke während der Punkte-Bekanntgabe beim Grand Prix. „Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich!“

Auch das war natürlich eine Illusion.

Beruf: Youtuber

26 Apr 15
26. April 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Marti Fischer macht als „The Clavinover“ mit Talent und Erfolg Musik und Quatsch im Internet.

Es läuft für Marti Fischer. Er hat in der deutschen Version von „Spongebob Schwammkopf 3D“ Möwe #1 gesprochen. Er hat bei einer Vorführung des Films Santiago Ziesmer getroffen, die deutsche Stimme von Steve Buscemi und Spongebob Schwammkopf, und mit ihm ein Instagram-Foto gemacht. Er hat bei mehreren Fernsehshows mitgewirkt, als Stimmenimitator, Sidekick und Comedian. Er wird demnächst ein eigenes Album aufnehmen, mit einer richtigen Plattenfirma. Er kann davon leben, das zu machen, was er immer schon machen wollte: Musik und Quatsch.

Zu verdanken hat er das Youtube. Die Videoplattform von Google ist für eine unüberschaubare Zahl junger Menschen ein Ort geworden, wo sie sich darstellen und ausleben. Sie zeigen, was sie können, auch wenn das oft nicht mehr ist als genau das: sich in einer Form präsentieren, die andere dazu bringt, sich das anzusehen, so sinnlos das für Außenstehende auch wirken mag.

Aber einige der Selbstdarsteller haben ein Talent, das über das der Selbstdarstellung hinausgeht. Sie nutzen Youtube, um Geschichten zu erzählen, Musik zu machen, Filme zu produzieren, Akrobatik zu präsentieren.

Marti Fischer ist so einer. „Wie geht eigentlich Musik“ heißt seine beste Reihe. In jeder Folge erklärt er ein Genre, indem er es in seine Bestandteile zerlegt. Er tut das auf seine überdrehte Art, hampelnd und Grimassen ziehend — aber vor allem, indem er die Instrumente spielt. Eines nach dem anderen nimmt er auf, schichtet Ebene auf Ebene, bis am Ende ein selbstkomponierter, aber klassischer Soul-, Blues-, House- oder sogar Schlager-Titel entsteht, den er dann in einem liebevoll inszenierten Video zum Besten gibt. Man könnte das sofort als Schulfernsehen ausstrahlen (wenn es nicht die dafür mutmaßlich zulässigen Grenzwerte für Spaß beim Machen und Zuschauen sprengen würde). Schüler und Lehrer haben schon gefragt, ob sie seine Videos im Musikunterricht zeigen können.

„The Clavinover“ nennt sich Marti Fischer auf Youtube, nach dem ersten Keyboard, das er als Kind bekam. Seinen Durchbruch schaffte der heute 24-Jährige vor fünf Jahren, als er mit einem Video, in dem er die Stimmen von achtzehn Prominenten imitierte, den „Secret Talents Award“ gewann. Das verschaffte ihm nicht nur ein Preisgeld von 10 000 Euro, die er in eine Synchronsprecher-Ausbildung investierte, sondern auch so viel Aufmerksamkeit für seine Youtube-Aktivitäten, dass er auf das geplante Musik-Studium erst einmal verzichtete. „Ich habe damals gemerkt: Das könnte mir sehr viel mehr Spaß machen, als Lehrer zu werden, wie ich eigentlich vorhatte.“

Im Jahr zuvor hatte Fischer sich bei vier Universitäten beworben, alle Aufnahmeprüfungen bestanden, nur leider das Abitur nicht. Nun hatte er das Abitur, aber eben auch diesen Youtube-Preis, und so warf er seine Planung über den Haufen und bereut es nicht. „Sonst wär‘ ich nicht da, wo ich jetzt bin.“

Er machte dann vor allem Stimmenimitationen, die sich die Zuschauer wünschen konnten, und litt ein bisschen darunter, dass sein Kanal so „unstet“ wuchs, was auch daran lag, dass er so „unstet“ Videos postete. „Ich wollte mich von Y-Titty“ — einer der ersten erfolgreichen Youtube-Gruppen — „schon insoweit absetzen, dass ich auf Klasse statt Masse setze. Was ich nicht verstanden hatte: Dass man auf Youtube guten Content regelmäßig produzieren muss.“

Der nächste Schub kam 2013, als er eine eigene Version von „Chabos wissen, wer der Babo ist“ aufnahm, nachdem er den Hit von Haftbefehl dauernd hören musste. Den schwer verständlichen kurdischen Akzent ersetzte er durch die deutlichst denkbare Artikulation — und machte aus dem Rap eine Jazz-Version, gesungen mit den Stimmen von Max Raabe und Bürger Lars Dietrich. Dazu drehte er mit einem Freund ein Musikvideo in seiner Heimat Salzgitter. Fast fünf Millionen Mal ist das Video abgerufen worden.

Er brauchte aber etwas, um die neuen Fans und Abonnenten, die ihm dieser Hit bescherte, bei Laune zu halten; etwas, das er — bei allem Hang zur Prokrastination — einigermaßen regelmäßig produzieren konnte. In einem kleineren Zweitkanal hatte er schon damit begonnen, mit einer Loopmaschine zu spielen. Aus einzelnen Geräuschen, Effekten, Rhythmen und Melodien, die er einspielt und die endlos wiederholt und kombiniert werden, setzt er nach und nach Songs zusammen: „Ein Loop zwischendurch“. Und weil auf Youtube die Nähe zum Publikum besonders groß und wichtig ist, fragte er die inzwischen hunderttausend Fans auf seinem Hauptkanal, ob das etwas wäre, was ihnen auch gefallen würde.

Die Resonanz war gut, und so gibt es nun regelmäßig Loops zwischendurch, oft mit Gästen, die, während er mit Knöpfen und Instrumenten hantiert, Gesang beisteuern. Passend zur Pollensaison hat er gerade mit einem Kollegen namens Gniechel einen Allergikersong produziert, der im Wesentlichen aus geloopten Schniefern, Schnupfern und Hustern besteht.

Im wahren Leben ist Marti Fischer nicht ganz so hyperaktiv wie in seinen Videos, in denen er alles, was gelingt oder schiefgeht, mit Grimassen, Sprüchen oder Geräuschen kommentieren muss. Das ist nicht ganz unanstrengend und scheint die These zu bestätigen, dass eine ordentliche Aufmerksamkeitsdefizitstörung die beste Voraussetzung fürs Machen und Ansehen von Youtube-Videos ist. Sein Kopf ist voll von Otto-, Helge-Schneider- und Bulli-Reflexen und -Klamaukfetzen, „dieses ganze Püree hat sich irgendwann in mir manifestiert und wollte wieder heraus“, sagt er. „Ich glaube, ich höre mich selbst auch sehr gern sprechen, was für den Job sehr wichtig ist. So eine gewisse Selbstverliebtheit ist ganz praktisch.“

Er produziert alles in seinem schmalen, 15-Quadratmeter-WG-Zimmer in Berlin-Prenzlauer-Berg, neben dem ungemachten Bett, zwischen Gerümpel, Kleiderschrank und einem Regal, auf dem der „Secret Talent Award“ in Form eines Springteufels steht. Seine Mitbewohner sind auch Youtuber, die mit Knowhow, Technik und Kritik helfen.

Demnächst zieht er mit dem größten Teil seiner Technik in ein Büro. Er ist Teil einer Gruppe ambitionierter Web-Video-Macher, die sich „301 plus“ nennen und gemeinsame Arbeitsräume beziehen wollen. Fischer malt sich das aus als einen Traum von Professionalität und Kreativität: „Da werde ich jeden Tag drinsitzen und amtlich mein Ding durchziehen, stringent und kontinuierlich an meinen Youtube-Videos und den ganzen Projekten arbeiten.“ Von einer „gesunden Regelmäßigkeit“ träumt er. Und davon, irgendwann mit einigen der bekannten Leute, die er imitiert und parodiert hat, gemeinsam Videos und Musik zu machen. Das große Youtuber-Netzwerk Mediakraft wird er, wie so viele bekannte Kollegen, im Herbst verlassen.

„Youtube ist eine der besten Möglichkeiten, sich in einem audiovisuellen Medium auszudrücken, wie man es möchte, ohne dass einem einer sagt, was man zu tun und zu lassen hat“, sagt Fischer. „Und die beste Möglichkeit für den direkten Kontakt mit den Zuschauern.“

Online funktioniert diese Nähe besser als im analogen Leben. Als er im vergangenen Jahr bei den Videodays in Köln die verrückte Idee hatte, den Backstagebereich zu verlassen und einfach mal den Merchandising-Stand zu besuchen, musste er den Versuch trotz Begleitung eines eigenen Sicherheitsmannes abbrechen. Er wurde von zu vielen Fans belagert, die ein Selfie wollten oder ein Autogramm oder ihm ihr Handy hinhielten, damit er mit der Freundin sprach, die leider nicht kommen konnte.

Wenn Schweine fliegen, dann richtig

15 Mrz 15
15. März 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Fantasy funktioniert nur mit Regeln. Und auch nur, wenn man sie ernst nimmt — das zeigen die Bücher von Terry Pratchett, der der Welt eine Welt hinterlässt.

Terry Pratchett machte sich keine Illusionen über die Menschen: „Wenn man in irgendeiner Höhle irgendwo einen Schalter anbringen würde mit einem Schild, auf dem steht: ‚Ende-der-Welt-Schalter. BITTE NICHT DRÜCKEN‘ — das Schild hätte nicht einmal Zeit zum Trocknen.“

In seinem Buch „Hogfather“ (auf deutsch: „Schweinsgalopp“) nimmt das ganze Verhängnis seinen Lauf dadurch, dass Mustrum Ridcully, der Erzkanzler der Unsichtbaren Universität, dem örtlichen Ausbildungszentrum für Zauberer in Ankh-Morpork, eine Tür hat öffnen lassen, eine Tür, die mit Dutzenden Bolzen und Brettern verriegelt und hinter einem Bücherschrank verborgen gewesen war. 

„Und dann das Schild, Ridcully“, sagte der Dekan, „Du hast es doch gelesen, oder? Das Schild mit der Aufschrift: ‚Diese Tür darf auf keinen Fall geöffnet werden‘?“

„Natürlich habe ich es gelesen“, erwiderte der Erzkanzler. „Warum möchte ich die Tür wohl öffnen?“ 

„Äh… warum?“

„Um herauszufinden, warum sie geschlossen bleiben soll.“

An dem letzten Satz hängt eine Fußnote*, in der es heißt: „Diese Worte drücken praktisch alles aus, was man über die menschliche Zivilisation wissen muss, vor allem über jene Teile von ihr, die sich nun auf dem Meeresgrund befinden, hinter hohen Sicherheitszäunen liegen oder noch immer qualmen.“

Terry Pratchett kannte die Menschen und ihre Schwächen, die ganze grenzenlose Dummheit der Spezies. Er beschrieb sie in seinen Werken mit Genauigkeit und Witz und einer Art verzweifelter Zuneigung, so warmherzig wie lustig und schonungslos.

Zig Millionen Bücher hat er verkauft. Trotzdem sagte Pratchett, er sei kein richtiger Schriftsteller, so gern er das auch wäre. Aber er hätte nie viel über das nachgedacht, was er mache. „Ich hab es einfach gemacht.“ Es sei ein furchtbarer Schock für ihn, dass ihn alle ein bis zwei Monate irgendwelche Seminararbeiten erreichten, aus denen er dann erfahren müsse, wie wunderbar sein Umgang mit Sprache sei und wie clever seine Konstruktionen.

Es fällt schwer, ihm das abzunehmen, denn Pratchett war nicht nur ein Meister seiner Kunst. Er konnte sie auch präzise beschreiben, wie man in der im vergangenen Jahr erschienenen Artikel- und Reden-Sammlung „A Slip of the Keyboard“ nachlesen kann. 

Er bezog sich auf den englischen Autor G. K. Chesterton und sagte: „Entgegen der allgemeinen Auffassung geht es bei Fantasy nicht darum, Sachen zu erfinden. Die Welt ist schon vollgestopft mit Sachen. Es ist fast unmöglich, neue zu erfinden. Nein, die Rolle von Fantasy ist es, das zu nehmen, was normal und alltäglich und gewöhnlich und unbeachtet ist, und es umzudrehen und den Zuschauern aus einer anderen Richtung zu zeigen, so dass sie es plötzlich mit neuen Augen sehen.“

So ist seine Discworld. Eine Welt, die eine Scheibe ist, die auf vier Elefanten ruht, die auf dem Rücken einer Schildkröte stehen, die durchs Weltall schwimmt. Eine Welt, die bevölkert ist von Zauberern, Hexen, Zwergen, Goblins, Golems und Trollen (und einem Orang-Utan als Bibliothekar, der keine Lust hatte, sich in den Menschen zurückverwandeln zu lassen, der er einmal war, weil es viele Vorteile hat, als Bibliothekar ein Orang-Utan zu sein — man erreicht zum Beispiel besser die hohen Bücherregale). Eine Welt, die ganz anders ist als unsere und ganz genau so. Eine fantastische Welt, mit der Pratchett Geschichten erzählt über unsere Welt, über die Natur des Menschen, über den Fortschritt und die Emanzipation, über Toleranz und Religion, über das Wesen von Geld und Macht, über Krieg und Götter und den Tod.

„Fantasy funktioniert am besten, wenn man sie ernst nimmt“, erklärte er. „Sie ernst zu nehmen, bedeutet, dass es Regeln geben muss. Wenn alles passieren kann, gibt es keine echte Spannung. Man darf Schweine fliegen lassen, aber man muss dann auch die daraus resultierende Verwüstung des örtlichen Vogelwelt berücksichtigen und die Notwendigkeit, dass die Menschen in Gegenden mit viel Flugverkehr immer starke Schirme mit sich herumzutragen.“ Diese Art des Denkens ist der Motor gewesen, der die Scheibenwelt über all die Jahre angetrieben hat — 40 Bücher sind in 30 Jahren erscheinen. 

„Irgendwie“, sagt Pratchett, „hat man uns in der Kindheit beigebracht, Fantasy nicht mit Fragen zu konfrontieren wie: Wie kann es sein, dass es in einem ganzen Königreich nur einen Fuß gibt, dem der Glasschuh passt?“ Dabei entstünde aus solchen Fragen Inspiration: „Wenn Werwölfe so wären, wie sie uns Hollywood präsentiert — wie würden sie sicherstellen, dass sie immer Hosen dabei haben, wenn sie sich zurück in Menschengestalt verwandeln?“ Angua, die Werwölfin, die es in Pratchetts Scheibenwelt sogar zum Mitglied der Stadtwache geschafft hat, stöhnt, dass dieses praktische Problem für sie sogar noch drängender sei — bei den männlichen Werwölfen würde es im Zweifel schon reichen, bei den Ausflügen in Wolfsgestalt irgendwo ein Paar Shorts zu verstauen.

Pratchett nimmt die Fantasiewesen und die Probleme, die sie aufgrund ihrer fantastischen Eigenschaften haben, ernst. Das macht sie so echt, so wahr — und so lustig. Wenn etwa die Hellseherin wie Evadne Kuchen im Gespräch wieder vergisst, ihre Vorahnungsfähigkeiten abzuschalten, und versehentlich Antworten auf Fragen gibt, die noch gar nicht gestellt wurden. Sie kriegt dann immer schreckliche Kopfschmerzen, wenn die Gesprächspartner die Lücken nicht wenigstens nachträglich füllen.

Was macht einen Roman überhaupt zu „Fantasy“, fragte Pratchett. Das Vorkommen von Drachen? Oder ist „echte Fantasy“ nicht viel eher die Vorstellung, dass ein Mann mit einer Druckerpresse einer ganzen Regierung Paroli bieten könne, bloß wegen eines halbgaren Glaubens, dass es so etwas geben könnte wie die „Wahrheit“ (eine Geschichte, die der 25. Scheibenwelt-Band über die Erfindung der Zeitung erkundet)? 

Während sich die Discworld im Laufe der Jahre mit immer weiteren Wesen füllte und die Gesellschaft von Ankh-Morpork komplexer, aber auch fertiger wurde, verwandelten sich seine Romane immer stärker von Fantasy-Parodien in moralische Geschichten, sehr albern und sehr weise. „Das Problem ist, dass wir glauben, dass ‚lustig‘ und ‚ernsthaft‘ Gegensätze sind“, sagte Pratchett. „Das sind sie aber nicht. Das Gegenteil von ‚lustig‘ ist ‚nicht lustig‘ und das Gegenteil von ‚ernsthaft‘ ist ‚nicht ernsthaft‘. Gelächter schafft es durchs Schlüsselloch, während die Ernsthaftigkeit noch gegen die Tür schlägt. Neue Gedanken können auf dem Rücken eines Witzes in die Welt reiten; alte Gedanken eine neue Schärfe bekommen.“ 

Neil Gaiman schrieb über Pratchett, dass es nicht zuletzt Wut sei, die ihn beim Schreiben angetrieben habe, ein nicht zu unterschätzender Zorn, der mit seinem Sinn für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu tun gehabt habe. Als Pratchett 2007 erfuhr, dass er an einer seltenen Form von Alzheimer litt, habe sein Zorn neue Ziele gefunden. Er sei er wütend gewesen auf sein Gehirn und seine Gene und, mehr noch, auf ein Land, das es ihm und anderen nicht erlaube, die Art und den Zeitpunkt des Abtretens zu wählen.

In einem Zeitungsbeitrag schrieb Pratchett 2009: „Dinge, die wir dem Leben hinzufügen, wie Stolz, Selbstachtung und menschliche Würde, sind es wert, bewahrt zu werden, und sie drohen, bei einem Fetisch für Leben um jeden Preis verloren zu gehen. Ich glaube, dass, wenn die Last zu groß wird, denjenigen, die es wollen, ein Ausgang gezeigt werden soll. In meinem Fall hoffe ich, dass er zu einem Garten unter einem englischen Himmel führt. Oder, falls es regnet, zur Bibliothek.“

Am Donnerstag starb Terry Pratchett im Alter von 66 Jahren im Kreis seiner Familie, während die Katze auf seinem Bett schlief. Er hinterlässt der Welt eine ganze Welt. Eine Welt voller einzigartiger, unvergesslicher Figuren, und eine Gemeinschaft von Lesern, die sich seit Donnerstag gegenseitig ihre liebsten Stellen und Aphorismen erzählen. 

Der Tod war in Pratchetts Büchern, nicht nur auf der Scheibenwelt, eine sympathische, höflich-interessierte Figur, die in GROSSBUCHSTABEN spricht und geduldig erklärt, dass nicht er es sei, der tötet: „Pistolen und Messer und Hunger töten; der Tod kommt danach, um die verdutzten Ankömmlinge zu beschwichtigen, während sie ihre Reise beginnen.“

*) Terry Pratchett liebte Fußnoten und das Spiel mit ihnen. In seinen Fußnoten allein steckt mehr Witz als in den meisten anderen Büchern.

Die Antwort des WDR auf die Frage: Was darf Satire?

10 Mrz 15
10. März 2015
Frankfurter Allgemeine Zeitung


Foto: Protest-Aufkleber gegen Intendant Tom Buhrow auf einer Toilette im WDR.

Der WDR kürzt sein traditionsreiches Satiremagazin „Zugabe“. Die Radiosendung, die im vergangenen Jahr noch in einer Länge von drei Stunden am späten Samstagabend auf WDR 2 lief und seit Anfang dieses Jahres nur noch zwei Stunden lang ist, muss von April an mit einer Stunde Sendezeit auskommen. Sie wechselt auf den Freitag, 22.30 Uhr — ein „reichweitenstärkerer Sendeplatz“, wie der WDR sagt, allerdings auch in unmittelbarer Konkurrenz zur ZDF-„heute-Show“ im Fernsehen. 

Seit zwanzig Jahren kommentiert die „Zugabe“ das Zeitgeschehen mit einer Mischung aus Satire, Kabarett und Comedy. In den ersten Jahren lief sie sogar täglich als einstündige Sendung. Dass das Angebot in der bisherigen Form Sparmaßnahmen zum Opfer fallen könnte, deutete sich seit dem vergangenen Sommer an; offiziell erfuhren die Moderatoren und Autoren allerdings erst in dieser der vergangenen Woche, dass die Sendung auf eine Stunde gekürzt wird. Ein neues Konzept für die reduzierte Länge soll die Redaktion „in Kürze“ diskutieren und beschließen. 

Hintergrund der Veränderungen sei die „Neustrukturierung des Samstagabends“, lässt der Sender auf Nachfrage ausrichten: Zwischen 20 und 24 Uhr wolle WDR 2 „die Hörerinnen und Hörer mit einer moderierten Musiksendung in den Samstagabend begleiten.“ Moderator werde Thomas Bug. „Nicht zuletzt ist diese Umstellung auch eine kreative Weiterentwicklung des Programms in Zeiten knapper werdenden Geldes“, so der Sender.

WDR 2 werde in Zukunft „mehr Comedy und Kabarett in reichweitenstärkeren Strecken des Tagesprogramms senden“, heißt es. Die „Zugabe“-Mitarbeiter fürchten aber, dass das kein echter Ersatz ist: Im Tagesprogramm muss sich die Satire formal und inhaltlich in das Korsett des streng formatierten Radios zwängen. „Die Chance ist klein, dass das noch die Stücke sind, die wir am Samstagabend machen konnten“, sagt Henning Bornemann, der die „Zugabe“ im Wechsel mit Sigrid Fischer und Axel Naumer moderiert. Am späten Abend hatte die Satire noch vergleichsweise große Freiheiten, konnte sich Experimente und Unsinn leisten. Die dreistündige Sendezeit ermöglichte eine Vielfalt von Formen, darunter auch Gespräche mit Gästen und Live-Auftritte vor Publikum. 

Axel Naumer sagt, dass man, seit es die „Zugabe“ gibt, und gerade auch in den letzten Wochen, immer wieder die Frage diskutiert habe, was Satire eigentlich darf. „Dass die Antwort darauf jetzt aber so einfach ist, hat uns hier allerdings schon etwas verblüfft: Was darf Satire? — Nichts kosten!“

Die 20-Uhr-Wirklichkeit

01 Feb 15
1. Februar 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die „Tagesschau“ inszeniert täglich ihre eigene politische Realität. Zweifel daran sind unerwünscht.

Da ist sie wieder, die Wolfsangel auf der schwarzen Sonne, das markante Symbol der rechtsextremen ukrainischen Asow-Miliz. Man sieht sie kurz als Abzeichen auf den Uniformen der Männer, von denen sich Udo Lielischkies gerade hat erklären lassen, was sie von der Ankündigung der Separatisten halten, eine Großoffensive auf Mariupol zu starten. „Wir haben keinen Anlass, den Terroristen nicht zu glauben, die ihre Pläne so offen aussprechen“, sagt einer der Kämpfer ins ARD-Mikrofon. „Früher oder später werden die Kämpfe anfangen, denn: Frieden kann es nur nach einem Sieg geben.“

Es ist Sonntag der vergangenen Woche, der Tag, nachdem Raketenangriffe von Separatisten auf ein Wohngebiet in Mariupol mindestens 30 Menschen getötet und viele verletzt haben. ARD-Korrespondent Lielischkies ist vor Ort.

Er zeigt noch einmal die Zerstörungen, spricht von einer „Welle der Solidarität“, die durch das ganze Land gehe, und sagt, man dürfe wohl vermuten, „dass dieser Raketenangriff und seine fürchterlichen Folgen die westlichen Staaten zwingen wird, vielleicht ihren Druck auf Moskau weiter zu erhöhen“. Dann folgt das kurze Gespräch mit dem Mann in Uniform, mit dem markigen Satz vom Frieden nur nach dem Sieg, der eine interessante, aber unbemerkte Parallele bildet zu der Meldung kurz zuvor, dass Außenminister Steinmeier den prorussischen Rebellen vorwerfe, den Konflikt militärisch lösen zu wollen.

Vorgestellt wird der Gesprächspartner nur als einer der „Kiew-treuen Verteidiger“. Um wen es sich bei dem Soldaten handelt, erfährt der „Tagesschau“-Zuschauer nicht. Auch nicht, dass er einem Freiwilligen-Bataillon angehört, das von Rechtsextremen gegründet wurde und von europäischen Neonazis unterstützt wird.

Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Kritiker, die ARD und ZDF eine einseitig anti-russische Berichterstattung vorwerfen, haben das mehrmals in den vergangenen Monaten daran festgemacht, dass das Wolfsangel-Symbol unkommentiert im Bild zu sehen war oder die Mitglieder des Asow-Bataillons, die es tragen, nicht entsprechend eingeordnet wurden.

Ein Leipziger Verein hat wegen der angeblich „bewussten Verharmlosung der Träger verbotener faschistischer Symbole und Kennzeichen“ mehrere Programmbeschwerden eingereicht, mit denen sich die Hierarchien in den Sendern auseinandersetzen mussten. An einer fehlenden Sensibilisierung kann es eigentlich nicht liegen.

Kai Gniffke, der Chefredakteur von „ARD-aktuell“, sagt, die politische Einordnung der Kompanie Asow sei „dann von besonderer Relevanz, wenn Mitglieder in einem politischen Kontext interviewt werden, etwa bei einer Demonstration vor der Rada in Kiew. Dann muss in jedem Fall deutlich gemacht werden, vor welchem Hintergrund Forderungen von Asow-Mitgliedern zu sehen sind. Im angesprochenen Fall befragte Udo Lielischkies, seit Tagen unter schwierigen Bedingungen im Kriegsgebiet, seinen Gesprächspartner zu rein militärischen Aspekten. Da diese Asow-Kompanie das Rückgrat der Mariupol-Verteidigung bildet und reguläre Armee-Einheiten nicht für eine Befragung zur Verfügung standen, gab es vor Ort zu dieser Zeit keinen alternativen, vergleichbaren Gesprächspartner.“

Wäre nicht gerade das, wenn es so war, eine interessante, wichtige Information gewesen? Und ändert diese Tatsache etwas an der Notwendigkeit, die Zuschauer darüber aufzuklären, mit wem man da redet?

Gniffke sagt: „Bei der gebotenen Verdichtung von Informationen für einen kurzen Nachrichtenbeitrag können nicht in allen Beiträgen alle Hintergundinformationen geliefert werden.“ Das steht außer Frage. Aber was sagt es aus über eine Nachrichtensendung, wenn sie die Informationen so „verdichten“ muss, dass sie ihren Zuschauern nicht einmal in einem Halbsatz eine Einordnung ihrer Gesprächspartner geben kann? Welchen Informationswert hat dann das Gesagte, wenn der Zuschauer nicht weiß, wer es eigentlich sagt?

Einige Kritiker unterstellen ARD und ZDF (und den Medien allgemein), dass sie Informationen etwa über die zwielichtigen ukrainischen Freiwilligen-Bataillone bewusst verschweigen — was die Beschuldigten vehement zurückweisen. Aber es geht nicht nur um angebliche Voreingenommenheit oder Parteilichkeit in der Berichterstattung. Die Auseinandersetzung wirft auch die Frage auf, welche Ansprüche man an Nachrichtensendungen im Fernsehen stellen darf — insbesondere an das fünfzehnminütige Format, das immer noch rund neun Millionen Menschen um 20 Uhr einschalten.

Die ARD schickt Korrespondenten wie Udo Lielischkies in den gefährlichen Einsatz in Kriegs- und Krisengebiete — und dann müssen die „Tagesschau“-Berichte, die sie von dort schicken, in ein Korsett passen, das so eng ist, dass nicht einmal elementare Fragen beantwortet werden können? Und auf Beschwerden, wegen irgendwelcher Unzulänglichkeiten, Ungenauigkeiten oder Fehler, heißt es dann, dass halt die Zeit nicht ausreiche, man aber selbstverständlich in anderen Sendungen im Programm ausführlich berichtet habe?

Die Fähigkeit der „Tagesschau“, aus Nachrichten ein Ritual zu machen, ist legendär. Die Verpackung hat sich in den vergangenen Jahren geändert, die Kamerafahrt durchs Studio am Anfang täuscht Bewegung vor, die Sprecherinnen und Sprecher dürfen die Zuschauer inzwischen freundlich begrüßen und verabschieden, und der Ton mag nicht mehr ganz so verlautbarungshaft sein. Aber der Kern der Sendung scheint über all die Jahre derselbe geblieben zu sein: vorfahrende Autos, sich hinsetzende Politiker, Bilder vom Krieg. Eine „Ikonografie der Macht und des Apparates und der Automatismen“, wie Georg Diez es auf „Spiegel Online“ genannt hat.

Die Menschen, die in Autos vor irgendwelchen Regierungs- oder Konferenzgebäude vorfahren, scheinen diejenigen zu sein, die die Nachrichten nicht nur machen, sondern von ihnen auch am meisten betroffen sind. Die Menschen, die vorfahren, ändern sich und die Orte. In diesen Tagen sind es vor allem Brüssel und Athen.

Wenn ein neuer Protagonist Teil dieses Rituals wird, würdigt die „Tagesschau“ auch, wie er sich dabei schlägt: „Der neue griechische Außenminister scheint es fast zu genießen, im Mittelpunkt zu stehen“, textet die Reporterin, während wir sehen, wie er vor den Kameras aus einem Wagen steigt.

Rätselhafte Sätze stehen hier unerklärt vor sich hin. „Der neue Mann an der Spitze des griechischen Finanzministeriums habe bereits mit mehreren EU-Kollegen gesprochen und sei auf ein Klima der Vernunft getroffen“, heißt es einmal, und man weiß nicht einmal, wer da in indirekter Rede spricht, geschweige denn, was ein „Klima der Vernunft“ konkret sein könnte.

Wenn alle Autos vor- und wieder abgefahren sind, kommt der Korrespondent ins Bild und sagt, was das zu bedeuten hat. Im Hintergrund sieht man immer die Akropolis, damit der Zuschauer weiß, dass er in Athen ist.

„Mit geschwellter Brust und geschwollenem Kamm geht diese Regierung an den Start“, sagt ARD-Mann Peter Dalheimer am Montag. 

„Alexis Tsipras scheint alles andere als konfliktscheu zu sein“, stellt er am Dienstag an selber Stelle fest.

„Athen lässt die Säbel rasseln — stumpfe Säbel allerdings“, ergänzt seine Kollegin Mira Barthelmann am Mittwoch ebenda. 

„Die Löwen in Athen und Brüssel hatten in den vergangenen Tagen gut gebrüllt“, erzählt ihre Kollegin Ellen Trapp am Donnerstag vor derselben Kulisse. „Wie gut, wenn man miteinander spricht.“ Ihre Analyse gipfelt in der Mahnung: „Er ist der neue griechische Ministerpräsident. Das müssen in Brüssel nicht alle gut finden, aber auf jeden Fall sollten sie ihn tolerieren.“

Sie stehen dort nicht, um uns Dinge zu sagen, die wir noch nicht wissen. Sie stehen dort, um uns Dinge zu sagen, die wir schon wissen; die sie uns am Tag vorher schon gesagt haben und am nächsten Tag wieder sagen werden; die unseren Blick auf eine komplexe Entwicklung auf eine einfache, vertraute, im Zweifel bequeme Position verengen. Und Politik oft auf das reduzieren, was sie mit Politikern macht.

Hintergründe, Zusammenhänge, Widersprüche darf man nicht erwarten von der 20-Uhr-„Tagesschau“, aber dafür gibt es ja viele andere, weniger gesehene Sendungen, in denen das womöglich gründlich behandelt wird, und tagesschau​.de natürlich, worauf die Fernsehsendung seit Jahren auch schon wieder ritualhaft in jeder Sendung einmal hinweist.

Walter van Rossum hat schon 2007 in seinem Buch „Tagesshow“ geschrieben: „Im Laufe der Jahrzehnte hat man sich Generationen von Zuschauern herangezogen, die behaupten, durch die ‚Tagesschau‘ gut informiert zu werden. Und umgekehrt glaubt die ‚Tagesschau‘ deshalb, glänzend zu informieren. (…) Die ‚Tagesschau‘ macht ihre Zuschauer entschlossen zu Zaungästen einer Welt, indem sie sich ebenso entschlossen weigert, diese Welt auch nur andeutungsweise zu begreifen.“ Genau darauf beruhe ihr Erfolg.

Aber während die 20-Uhr-„Tagesschau“ bleibt, was sie war, hat sich die mediale Welt um sie dramatisch verändert. Plötzlich gibt es so viele Quellen, aus denen das Publikum sich selbst informieren kann, gute und üble, mit denen es die quasi-amtliche Fünfzehn-Minuten-Konfektionierung des Tages vergleichen und hinterfragen kann. Plötzlich kann man auch die Sendung selbst noch einmal anhalten und sezieren und die Widersprüche entdecken (und Wolfsangel-Symbole), die sich früher einfach versendet hätten.

Plötzlich formulieren Menschen öffentlich auf der Grundlage all dessen Ansprüche an die Sendung, und die Verantwortlichen scheinen sich konsterniert umzuschauen und zu fragen, wie sie die denn erfüllen können sollen.

Die Diskussion um die Bilder vom „Republikanischen Marsch“ in Paris vor drei Wochen war erhellend. Die meisten Nachrichtensendungen und Medien, auch die F.A.Z., zeigten die angereisten Spitzenpolitiker aus aller Welt so, als würden sie diese Demonstration tatsächlich anführen. Eine Totale, ein „establishing shot“, hätte gezeigt, dass sie aus Sicherheitsgründen mit großem Abstand zum Volk in einem abgesperrten Bereich liefen.

„ARD-aktuell“-Chef Kai Gniffke hat auf Kritik daran wütend reagiert — und im Grunde die Ansprüche, die Kritiker an die „Tagesschau“ formulierten, als unangemessen zurückgewiesen. In der Live-Übertragung hätte man ja die Politiker auch aus anderen Perspektiven sehen können. Im Übrigen sei das „immer eine Inszenierung“, wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen. Und man solle doch nicht versuchen, „solche Gesten“, wie den Auftritt der Politiker, „gleich als Inszenierung zu diffamieren“.

Die „Tagesschau“, soll das wohl heißen, kann es nicht leisten, solche Inszenierungen kenntlich zu machen, und eigentlich will sie es auch nicht. Sie macht sich stattdessen zum Teil dieser Inszenierungen, der kleinen Auftritte wie der großen Narrative, und zu Komplizen: self-embedded journalists.

Sie will die „große Geste“ der Politiker in Paris nicht dadurch stören, dass sie kurz zeigt, wie weit der Abstand zu den Massen war. Und vielleicht will sie auch die Erzählung vom Kampf tapferer, vereinter Ukrainer gegen skrupellos agierende Separatisten nicht dadurch stören und verkomplizieren, dass sie erwähnt, wie zweifelhaft einige der Verteidiger sind.