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Medienlexikon: Kentern

Der Spiegel

Kentern, das: Untergang in der Flut nautischer Sprachbilder über die Piratenpartei.

Es hätte, wie immer, schlimmer kommen können. Wenn etwa eine Partei in unser Bewusstsein und die Parlamente drängte, die sich „Die Schlümpfe“ nennen würde. Dann würden wir jetzt auf Jahre hinaus jeden Morgen mit Schlagzeilen aufwachen, in denen jemand ein beliebiges unschuldiges Verb durch das Wort „schlumpfen“ ersetzt hätte.

Die Realität ist kaum besser. Man würde so gerne formulieren, dass der Aufstieg der Piratenpartei auch die Fantasie der Journalisten angeregt hat. Tatsächlich scheinen sie sich eher zu einem Marathon herausgefordert zu fühlen, in dem derjenige gewinnt, der am längsten braucht, um von einer totgerittenen Metapher abzusteigen.

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die Piraten jemandem in einer Meldung „davonsegeln“, auf einer „Erfolgswelle“ oder „mit Rückenwind“, manchmal „trotz Sturmböen“. Gute Umfragewerte führen zur Überschrift: „Mehr als eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“, und wenn einer über eine unbedachte Bemerkung stolpert, lassen die Piraten ihn „über die Planke gehen“.

Man möchte die Piraten schon dafür verfluchen, dass sie durch ihren Namen, ihre Symbolik und einen Slogan wie „Klarmachen zum Ändern“ den politischen Journalisten einen Zugang zu dieser aufregenden Welt voller bunter Sprachbilder geschenkt haben. Nun glauben die, sie könnten mit einem schnellen Griff in diese Wörterkiste aus jeder tristen Politikmeldung einen Mini-Abenteuer-Roman machen.

Kommt es zur „Meuterei“ gegen den Piraten-Chef, lautet die Schlagzeile: „Segel gesetzt: Kapitänswechsel auf der Piratenbrücke“ oder auch: „Bundes-Bernd auf Kaperfahrt“. Je nachdem, wie die Partei mit Extremisten umgeht, heißt es: „Piraten zeigen Flagge gegen rechts“ oder: „Augenklappe rechts“. Eine Nachrichtenagentur meldet: „Auf dem Piratenschiff knarzt es ordentlich im Gebälk. … Der Kahn der Freibeuter hat eine derart rasante Fahrt aufgenommen, dass manche Spitzenkräfte völlig überlastet die Segel streichen.“

Vermutlich ist es nur gescheiterten Honorarverhandlungen zu verdanken, dass bei Anne Will zum Thema „Piraten entern Berlin – Meuterei auf der ‚Deutschland'“ nicht auch Johnny Depp als Experte mitdiskutierte. Aber für den Sieg in der inoffiziellen Metaphernmischmeisterschaft hätte es eh nicht gereicht. Vorne müsste „Bild“-Mann Nikolaus Blome liegen, Erfinder des Wortes von den „Freibier-Freibeutern“.

Medienlexikon: Imagekampagne

Der Spiegel

Imagekampagne, die: Verzweiflung in Reklameform

Die GEMA hat ein Imageproblem. An guten Tagen ist sie fast so beliebt wie Wanderwarzen, Dauerbaustellen und Darmspiegelungen. Vermutlich werden nur Krebs, Hitler und die GEZ in Deutschland mehr gehasst als die GEMA.

Aktuell sorgt eine neue Gebührenordnung, die vom kommenden Jahr an gelten soll, für Schlagzeilen, in denen nichts weniger als die „Existenz der deutschen Clublandschaft“ in Frage gestellt wird. Die „Sächsische Zeitung“ fragt: „Müssen die Partys sterben?“

Vor eineinhalb Jahren entstand der Eindruck, dass die GEMA das gemeinsame Singen von Liedern im Kindergarten verbieten wollte. Das stimmte zwar nicht, war aber ungemein plausibel. Wenn morgen das Gerücht aufkäme, dass man in Zukunft für Musiktitel, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt, eine zusätzliche GEMA-Pauschale bezahlen müsste – jeder würde es glauben.

Insofern ist es nachvollziehbar, dass die GEMA jetzt „Image-Maßnahmen“ ergriffen hat. Gemeint ist damit aber natürlich nicht, mögliche Ursachen für ein schlechtes Image zu beseitigen, sondern bloß eine Werbekampagne.

Ein Slogan lautet: „Ohne Komponisten gäbe es sonntags nicht 8.420.000 Tatorte.“ Darunter steht klein, dass Klaus Doldinger, von dem die „Tatort“-Titelmusik stammt, GEMA-Mitglied sei. Rätselhaft. Ein anderes Motiv zeigt eine ältere Frau glücklich in ihrer Küche neben einem Glas Wasser und dem Satz: „Ohne Textdichter hätte mein Leben nicht mit 66 angefangen.“ Das bezieht sich auf Wolfgang Hofer, von dem der Text zu dem Udo-Jürgens-Hit stammt.

Fast könnte man in der Kampagne den Versuch sehen, die emotionale Beziehung, die Menschen zu Musik haben, durch spröde Bürokratenbegriffe wie „Textdichter“ zu konterkarieren. Laut Pressemitteilung zeigen die Motive den Menschen, „dass es ihre persönlichen musikalischen Sternstunden ohne die kreativen Leistungen von Textdichtern und Komponisten nicht gäbe.“ Die Botschaft lautet also ungefähr: Ohne Musik gäbe es keine Musik.
Nun hat Musik aber eigentlich im Gegensatz zur GEMA gar kein Imageproblem. Es ist, als würde die Vereinigung der Tsunamis eine Imagekampagne starten, die für die Nützlichkeit von Wasser wirbt.

Unten in den Anzeigen steht: „Musik ist uns was wert. GEMA.“ Das „uns“ ist natürlich etwas verwirrend. Aber die treffendere Variante wäre wohl nicht hilfreich gewesen: „Wir lassen Euch Musik was kosten.“

Medienlexikon: Denkverbot

Der Spiegel

Denkverbot, das: Tabu-Attrappe zur Aufmerksamkeitssteigerung

Wenn immer mehr Menschen Dinge sagen, die man nicht sagen darf, weil man sie nicht sagen darf – müsste man sich nicht irgendwann von dem Gedanken verabschieden, dass man sie nicht sagen darf?

Verwirrenderweise scheint es heute mehr Tabubrecher als Tabus zu geben. Die Medien sind voll von Leuten, die sich einer angeblich herrschenden „Political Correctness“ widersetzen. Entweder haben die Strafen, die die vermeintliche Denk- und Sprechpolizei aussprechen kann, jede abschreckende Wirkung verloren. Oder die Tabus sind ohnehin nur imaginiert, um in die attraktive und aufmerksamkeitsstarke Pose des Widerstandskämpfers schlüpfen zu können.

Das Beste an dieser Rolle ist, dass in ihr jede Reaktion zur Bestätigung der eigenen Position wird. Je größer die Zustimmung, desto stärker der Eindruck, dass endlich jemand gesagt hat, was gesagt werden musste. Je heftiger die Ablehnung, desto offenkundiger, dass man, wie gesagt, eigentlich nicht sagen durfte, was man gesagt hat.

Die Schweizer Zeitung „Weltwoche“ hat unter ihrem Besitzer und Chefredakteur Roger Köppel in den vergangenen Jahren fast ihr ganzes publizistisches Image auf dem Gedanken aufgebaut, dass die Welt (und insbesondere die Schweiz) voller Denkverbote ist, und dass das, was zu denken verboten ist, vermutlich deshalb verboten ist, weil es wahr ist.

Aktuell tut sie so, als dürfe man nicht über kriminelle Banden von osteuropäischen Roma-Familien berichten. „Es muss doch möglich sein, ernsthaft und offen über solche Probleme zu reden“, klagt der stellvertretende Chefredakteur Philipp Gut, der als Autor einen Artikel zu diesem Thema mitverfasst hat. Nun gibt es gibt zahlreiche Beweise dafür, dass es tatsächlich möglich ist, ernsthaft und offen über solche Probleme zu reden. In die attraktive Rolle des Tabubrechers kam die „Weltwoche“ nur dadurch, dass sie einen Romajungen auf dem Cover zeigte, der mit einer Waffe auf den Betrachter zielt, und dazu titelte: „Die Roma kommen – Raubzüge in die Schweiz“ – als bestehe ein ganzes Volk aus Verbrechern.

Es ist leider überhaupt nicht möglich, mit Gut oder Köppel auch nur darüber zu streiten, weil sie jede Kritik an ihrer demagogischen Darstellung als Kritik an den Tatsachen oder ihrer Veröffentlichung behandeln. Man sollte annehmen, dass sie zwischen beidem unterscheiden können müssten, aber es ist, als hätten sie sich da ein Denkverbot auferlegt.

Bild. Macht. Politik.

Spiegel Online

Der schönste und zugleich furchterregendste Satz fällt noch vor dem Vorspann. Edmund Stoiber formuliert ihn auf seine unnachahmliche Art: „Die ‚Bild‘-Zeitung ist schon ein Stück, wenn ich das mal so sagen darf, eine Art direkte Demokratie.“

Das würde der „Bild“ gefallen, das umreißt auch ihren unausgesprochenen Machtanspruch gut: Dass sie für das Volk spricht und in dieser Rolle direkten und massiven Einfluss auf die Politik ausüben darf. Stoibers Satz erklärt auch gut, warum die „Bild“ tatsächlich eine so große Macht hat: Nicht weil sie tatsächlich für das Volk spräche. Nicht einmal weil sie das Volk mit ihren Schlagzeilen und ihrer Parteilichkeit beeinflüsse. Sondern weil Politiker dem Blatt diese Macht zusprechen.

Im Juni wird die „Bild“-Zeitung sechzig Jahre alt. Zum Geburtstag hat die ARD ihr eine Dokumentation geschenkt. Sie läuft am kommenden Montag um 22.45 Uhr im Ersten und heißt etwas verquast: „Bild. Macht. Politik“.

Man könnte das Schlimmste erwarten: Das Verhältnis zwischen „Bild“ und der ARD ist zerrüttet. Im vergangenen Jahr arbeitete „Bild“ an einer großen Kampagne gegen die ARD, im Gegenzug rüstete sich die ARD, mit ähnlichen propagandistischen Mitteln zurückzuschießen.

Doch die Dokumentation von Christiane Meier und Sascha Adamek ist im besten Sinne unaufregt. Sie kommt ohne empörten Off-Kommentar aus, ordnet ihre Fundstücke nicht einer zentralen These unter, wahrt Distanz zu allen Beteiligten und setzt aus kleinen Steinen das Mosaik einer zutiefst widersprüchlichen Zeitung zusammen, die zugleich seriöses Leitmedium und skrupelloses Krawallblatt sein will und deren Wirken einem mindestens unheimlich sein sollte.

Die Dokumentation konzentriert sich fast ausschließlich auf die Rolle von „Bild“ im Politikbetrieb. Sie zeigt, wie sehr Politiker das Blatt fürchten – was für sich genommen natürlich für „Bild“ sprechen könnte: Eine Zeitung, die den Mächtigen unbequem ist, scheint ihrer journalistischen Aufgabe besonders gerecht zu werden.

Doch die Geschichten, die Politiker wie Claudia Roth und Gregor Gysi erzählen, sind keine Geschichten von kritischen Recherchen, sondern von Diffamierungen und Lügen. Man muss den stolzen Blick der Grünen-Chefin gesehen haben, wie sie die riesige Gegendarstellung zeigt, die sie 2005 durchgesetzt hat und von der die „Bild“ trotzdem versucht hat, mit einem Artikel über „Ekel-Kunst“ darüber abzulenken. „Das war der Sieg über die Unwahrheit“, sagt Roth und lässt keinen Zweifel daran, dass der schon psychologisch wichtig war.

„Bild“ hätte ihr, um diese Gegendarstellung zu verhindern, angeboten eine nette Homestory über sie zu bringen. Oder ein Exklusiv-Interview mit ihr. Auch andere berichten im Film von solchen „dreckigen Deals“, wie Claudia Roth das Angebot nennt. Der Bildhauer und „Bild“-Kritiker Peter Lenk sagt, er hätte ein ähnliches Angebot als Wiedergutmachung für eine Falschmeldung schon deshalb abgelehnt, weil ihm eine positive „Bild“-Geschichte „wie Scheiße am Bein“ hängen würde.

Solche Angebote zeigen, dass die „Bild“-Zeitung bereit ist, ihre Berichterstattung ganz anderen als journalistischen Erwägungen unterzuordnen. Und es gibt viele Indizien dafür. Der Film zählt die Interessenskonflikte nüchtern auf: Der Verzicht auf große kritische Schlagzeilen über den AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und seine umstrittenen Methoden – Maschmeyer ist unter anderem ein großer Förderer der „Bild“-Aktion „Ein Herz für Kinder“. Die wohlwollende Berichterstattung über Michael Mronz, den Lebenspartner von Guido Westerwelle – Mronz ist Vorstandsmitglied der „Bild“-Hilfsorganisation.

Und umgekehrt die Frage, ob „Bild“ den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff deshalb plötzlich so nachhaltig und unnachgiebig angriff, weil er „vielleicht ein ‚Bild‘-Aussteiger“ war. Gregor Gysi sagt über Wulff: „Ich glaube, sein Fehler bestand darin, dass er die ‚Bild‘-Zeitung nicht mehr wollte, nachdem er vorher mit ihr gut zusammengearbeitet hat. Weil er dachte, dass er wirklich Bundespräsident ist – das heißt, dass er ganz oben steht und sich das leisten kann. Und die „Bild“-Zeitung wollte ihm beweisen, dass er sich irrt. In diesen Kampf sind wir hineingeraten.“

Es ist ein roter Faden, dass „Bild“ letztlich unter dem Mantel des Journalismus immer wieder in eigener Sache kämpft: Für einen Politiker wie Karl-Theodort zu Guttenberg zum Beispiel, der möglicherweise gezielt zum neuen Kanzler aufgebaut werden sollte. Der frühere „Bild“-Freund Hans-Olaf Henkel, der das erzählt und sich bitter über „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und dessen Machtmissbrauch beklagt, wurde von dem Blatt kürzlich ohne ersichtlichen äußeren Anlass publizistisch vernichtet.

Es geht in diesem Film über die politische Macht von „Bild“ fast gar nicht um politische Inhalte, und das ist sehr treffend. Viel wichtiger als der Kampf um eine politische Ideologie scheint „Bild“ heute der Kampf um die Macht zu sein. Für Karl-Theodor zu Guttenberg sprach aus „Bild“-Sicht weniger ein konkretes politisches Programm des Politikers, als seine Popularität und die Nähe, die er ihr gewährte.

Den Eindruck, dass es um Inhalte irgendeiner Art am allerwenigsten geht, verstärken die Äußerungen von Kai Diekmann. Er versucht vor allem den Eindruck von Harmlosigkeit zu erzeugen und wirkt dabei gelegentlich wie ein niedliches Haustier. Einer ernsten Auseinandersetzung entzieht er sich, etwa wenn er auf die Frage nach der „Macht“ ausweicht: „Es geht auch nicht um Macht oder keine Macht, ich weiß auf jeden Fall, dass ich nicht der beliebteste Chefredakteur Deutschlands bin.“

Das treffende Fazit der ARD-Autoren lautet: „Ihre Millionenauflage macht ‚Bild‘ stark. Aber sie hat nur soviel Macht, wie Politiker ihr einräumen.“

Und damit könnte der Film eigentlich zuende sein, aber dann kommt noch ein Nachklapp. Es geht um die belgischen Kinder, die bei einem furchtbaren Busunglück in der Schweiz ums Leben gekommen sind und deren Gesichter „Bild“ auf der Titelseite gezeigt hat. Kai Diekmann erzählt mit seinem treuherzigen Gesicht von der „sehr würdevollen Darstellung“ und dass man natürlich über den Bürgermeister des Heimatortes die Genehmigung der Eltern gehabt hätte. Der Bürgermeister dementiert das schriftlich, seine Sprecherin vor der Kamera.

Es sind Szenen, die eigentlich vom Thema Politik wegführen, und die doch eine gute Aufforderung an den Zuschauer darstellen, sich an dieser Stelle und überhaupt zu fragen, ob er diesem Chefredakteur und seiner Zeitung trauen will.

Medienlexikon: Presserabatt

Der Spiegel

Presserabatt, der: unproblematische Sonderbehandlung von Journalisten, die sich von Sonderbehandlungen nicht beeinflussen lassen.

Es ist leicht, das Journalistenleben zu romantisieren. Dabei ist es oft ein Fluch. Allein diese ganzen Privilegien!

Internetseiten wie Pressekonditionen.de bieten einen eindrucksvollen Einblick, welchen Zumutungen man sich aussetzen muss, nur weil man mit seiner Familie für 25 Prozent weniger in den Urlaub fliegen will. Es sind erschütternde Zeugnisse von verschwendeten Leben in Warteschleifen, emotionale Schicksalsberichte über nicht erfüllte Sonderwünsche bei der Platzwahl im Flugzeug.

Man kann hier leicht den Eindruck bekommen, dass die Hälfte der Pressestelle von Air Berlin nur damit beschäftigt ist, vergünstigte Tickets für Journalisten auszustellen. Und die andere Hälfte damit, Reklamationen zu beantworten und geduldig zu erkären, dass es zwar die tolle kostenlose Pressekarte mit besonderen Vorzügen nicht mehr gibt, aber das Angebot, die „Card Silver“ mit ähnlichen Vorteilen zu kaufen, auch noch ein besonderes Entgegenkommen darstellt. „Sehr kundenunfreundlich“, nennt ein Andreas im Forum das.

Schon als Air Berlin vor zwei Jahren beschloss, den Rabatt von 50 Prozent auf 25 zu halbieren, erkaltete die Beziehung vieler Profirabattnehmer zu der Fluggesellschaft. Manche scheinen seitdem die Sonderangebote nur noch widerwillig in Anspruch zu nehmen. Man mag sich nicht ausmalen, wie viele freundliche Erwähnungen von Air Berlin in Artikel-Nebensätzen seitdem weggefallen sind.

Die Sorge muss sich die Deutsche Bahn zum Glück mangels freundlicher Erwähnungen nicht machen. Insofern dürfte ihr die Entscheidung leicht gefallen sein, demnächst keine Journalisten-Bahncard zum reduzierten Preis mehr anzubieten. Sicherheitshalber nutzte sie dafür den Windschatten der Debatte um Christian Wulff, in der manche Journalisten beim Echauffieren über Vergünstigungen, die der ehemalige Bundespräsident angeblich in Anspruch nahm, so dicke Backen machten, dass man mit dem ganzen Wind von Berlin nach Hannover fliegen könnte.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) wies die Forderung der Anti-Korruptionskämpfer „Transparency International“ nach einem generellen Verzicht auf Presserabatte zurück. Sein Sprecher sagte, das sei „Sache eines jeden Journalisten, ob er Presserabatte annimmt oder nicht. Da bedürfen wir keiner Belehrung durch andere Organisationen.“ Auch was Transparenz und Selbstkritik angeht, pochen Journalisten auf Rabatt.

Medienlexikon: Punktetacho

Der Spiegel

Punkte-Tacho, der: Gerät zur Maximierung der Berichterstattung um den Preis der Lächerlichkeit.

Es lag eher nicht an der undurchdringlichen Komplexität der Materie. Und man muss auch nicht annehmen, dass die Menschen im Bundesverkehrsministerium gesagt hatte: „Leute, das versteht keiner, dass in Zukunft schon bei acht Punkten der Führerschein weg ist, lass uns das aufmalen, mit Zahlen von eins bis acht, im Dreiviertelkreis angeordnet auf einer Scheibe, die wie ein überdimensionaler Tachometer aussieht, mit verschiedenen Farben, die die wachsende Gefahr und unterschiedliche Warnstufen symbolisieren, und einem Zeiger, so dass die Menschen das, wenn sie es im Fernsehen gesehen haben, später im Geist nachvollziehen können: zwei Punkte — geht noch; acht Punkte — Lappen weg.“

Es war wohl eher so, dass die Verantwortlichen gesagt haben: Wäre doch schön, wenn wir ein buntes Motiv für die Fotografen hätten, vor dem der Minister stehen könnten. Dann steigern wir erstens die Chance, dass er auf die Titelseiten kommt, und verhindern zweitens, dass die Medien sich eigene Symbolfotos ausdenken müssen. (Der Online-Auftritt von „Bild“ illustriert Artikel über die Verkehrssünderkartei seit Jahren mit einem Foto, auf dem jemand schwarze Klebepunkte mit einem Radiergummi von seinem Führerschein rubbelt.)

Und so standen am Dienstag bei der Vorstellung des geplanten neuen Punkte-Systems im Verkehrsministerium zwei große „Punkte-Tachos“ herum, eines hinter dem Rednerpult und eines in einer eigenen Foto- und Interviewsituation.

Das mit dem „Tacho“ war natürlich schon deshalb Unsinn, weil das Ding keine Geschwindigkeit anzeigt. Und die Farben könnten, wenn man sie ernst näme, auch eher verwirren: Anders als an der Ampel darf man bei Rot (sechs und sieben Punkte) nämlich noch fahren, erst die Schwarze Acht bedeutet ein Fahrverbot — vermutlich muss man froh sein, dass Peter Ramsauer sein System nicht am Billardtisch vorführte.

Die Strategie mit dem „Punkte-Tacho“ ist insoweit aufgegangen, als Ramsauer am Tag danach tatsächlich groß auf und in vielen Zeitungen zu sehen war — bevorzugt mit einem Motiv, auf dem er mit einer Hand den Zeiger auf acht dreht und mit der anderen ein Daumen-Runter-Zeichen macht. Das Motiv strahlt die Natürlichkeit, Spontaneität und Ernsthaftigkeit einer Donald-Duck-Sammelfigur aus Plastik aus, aber Ramsauer ist ein Typ Politiker, der es in Kauf nimmt, eine Lachnummer zu sein, solange er überhaupt eine Nummer ist. Notfalls sogar die Acht.

Im Namen des Volkes?

Der Spiegel

Den Ansprüchen, die viele Journalisten an den Bundespräsidenten haben, werden sie selbst oft nicht gerecht. Kein Wunder, dass das Publikum nun zwischen Politik- und Medienverdrossenheit schwankt.

Es ist noch nicht soweit, dass in den Online-Medien jetzt täglich Meldungen erschienen, wie sehr das Ansehen der Presse in der Bevölkerung gesunken sei. Wie dramatisch der Absturz gegenüber derselben Umfrage vom Vortag und vom Vorvortag sei, wie hoch der Anteil derjenigen, die sagen, sie seien enttäuscht von der Berichterstattung, und wie niedrig die Zahl derer, die den Medien noch ihr Vertrauen aussprechen. Es gibt noch nicht stündlich Folgemeldungen mit Überschriften wie: „Glaubwürdigkeitskrise der Medien hält an“,“Druck auf Medien wächst“, „Politiker enttäuscht über Reaktion der Medien auf Kritik“. Es gibt aber natürlich auch niemanden, dessen Rücktritt man konkret herbeischreiben könnte.

Jörg Schönenborn, der Chefredakteur des WDR-Fernsehens, hat die Medien schon am Freitag vorvergangener Woche gewarnt, sich als Gewinner der Affäre um Bundespräsidenten Christian Wulff zu sehen. Die Mehrheit der Deutschen nehme die Berichterstattung inzwischen als unfaire Hetzjagd wahr, sagte er.

Tatsächlich scheint es, als begleiteten inzwischne zwei skandierende Gruppen von Menschen die Diskussion. Eine, die dem Bundespräsident „Zurücktreten!“ zuruft, und eine, die in Richtung der Medien „Aufhören!“ schreit. Es lässt sich in diesen Tagen nicht nur eine Verdrossenheit mit der Politik feststellen, sondern auch eine mit den Medien.

Wenn die zu einem Mitleids- und Solidarisierungseffekt mit dem Bundespräsidenten führt, wie ihn Schönenborn festgestellt hat, ist das noch die harmloseste Folge: Man mag das bedauern angesichts der berechtigten Vorwürfe gegen Wulff. Aber es ist ein alltäglicher, natürlicher und womöglich letztlich gesunder Reflex: auf das Gefühl übertriebener Angriffe mit einem Widerwillen zu reagieren.

Nur geht es längt nicht mehr „nur“ um Wulff. Es geht um die Medien selbst und die Akzeptanz ihrer Rolle. Es geht letztlich darum, wie sie ihre Aufgabe als Kontrolleure der Mächtigen erfüllen können, wenn größere Teile des Publikum diese Aufgabe als Anmaßung wahrnehmen. So sehr sich die Fälle im Detail unterscheiden, Wulff steht da in einer Reihe mit den Debatten um Sarrazin und Guttenberg, bei denen ebenfalls ein größerer Unmut spürbar wurde über die jeweils als Kampagne wahrgenomme mediale Kritik.

Nun ist das Publikum kein zuverlässiger Indikator für die Qualität und Angemessenheit einer Berichterstattung. Das liegt nicht nur daran, dass ein Teil natürlich parteiisch ist und es blind ablehnt, wenn ein Politiker, dessen Anhäger sie sind, hartnäckig mit kritischen Fragen konfrontiert wird. Es ist auch so, dass die Ermüdung des Publikums kein Argument dagegen sein kann, einer Sache auf den Grund zu gehen, auch wenn das länger dauert. Es zeichnet guten Journalismus aus, weiterzurecherchieren, auch wenn die Aufmerksamkeitspanne der Schaulustigen längst überschritten ist.

Die entscheidende Frage ist: Für wen machen wir Journalisten das? Letztlich im Interesse des Volkes – auch wenn es das womöglich nicht zu jedem Zeitpunkt so empfindet? Oder doch nur für uns?

Es lässt sich dabei eine Verschärfung des üblichen Verdachtes gegen die Medien feststellen, von dem Wunsch nach kurzfristige Auflagen- und Quotensteigerungen angetrieben zu sein. Diese Motive deuten ja wenigstens darauf hin, dass es eine Interessiertheit der Öffentlichkeit gibt, wenn auch vielleicht kein hehres öffentliches Interesse. Die Verschärfung ist die Vermutung, dass Journalisten in ihrem ganz eigenen Interesse handeln. Dass es um ihre Eitelkeit geht und letztlich: um ihre Macht.

Es ist aber auch frustrierend. Christian Wulff steht seit Wochen am Abgrund. Es fehlen höchstens noch ein paar Millimeter, bis er stürzt, vielleicht schwebt er auch schon, wie der Kojote aus den Roadrunner-Cartoons, in der Luft und fällt nur nicht, weil er noch nicht gemerkt hat, dass er keinen Boden mehr unter den Füßen hat.

Dass er am Abgrund steht, ist das Verdienst von Journalisten und es ist die Schuld von Christian Wulff. Aber dort steht er nun und weigert sich zu fallen. Und nun? Die große Mehrheit der Medien ist überzeugt, dass er zurücktreten müsste und hat das in vielen Kommentaren deutlich gesagt. „Es ist nicht die Aufgabe der Medien, einen Rücktritt zu erzwingen“, hat Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ geschrieben. „Ein Rücktritt ist nicht die den Medien zustehende Bestätigung und Belohnung für die Aufdeckung einer Affäre.“ Theoretisch sehen die Medien das auch so. Selbst die „Bild“-Zeitung behauptet, nur die Fakten zusammenzutragen – das Urteil, ob Wulff im Amt bleiben solle, falle letztlich das Volk.

Das scheint diesen Eindruck nicht unbedingt zu haben, und es hat guten Grund zur Vermutung, dass größere Teile Medienwelt sich nicht mehr damit zufrieden geben, Ermittler zu sein. Und auch nicht damit, Urteile fällen. Sie wollen, dass diese Urteile vollstreckt werden.

Eine ganze Armada von Journalisten ist in diesen Wochen damit beschäftigt, jedes Detail in der politischen Biographie von Christian Wulff unter die Lupe zu nehmen. Es ist eine Recherche, die natürlich eine Richtung hat. Diese Richtung bekommt sie nicht – oder jedenfalls nicht nur – daher, dass gerade Jagdsaison auf den Bundespräsidenten ist. Diese Richtung beruht auf der Annahme, dass sich die problematische Eigenschaft eines Politikers, die in mehreren Fällen zu fatalen Entscheidungen geführt hat, mit großer Wahrscheinlichkeit auch in weiteren Fällen ausgewirkt hat, die noch nicht öffentlich geworden sind.

Journalisten suchen, ob nicht weitere Kiesel zu finden sind, die in die Waagschale gegen Christian Wulff zu werfen wären. Diese Suche ist nicht nur legitim; sie ist auch notwendig. Doch es scheint, als sei selbst das für eine wachsende Zahl von Menschen nicht mehr selbstverständlich. Schon die bloße Recherche hat etwas Anrüchiges bekommen.

Das ist kein Wunder. Vor dem Hintergrund der Affäre um Christian Wulff gelten plötzlich andere Maßstäbe, was nachrichtenwürdig ist. Kleinste Verfehlungen oder harmloseste Anekdoten, die normalerweise nicht publiziert oder jedenfalls nicht skandalisiert worden wären, werden plötzlich zu großen Geschichten. Das sonstige Auswahlkriterium, etwas Neues zu erzählen, weicht plötzlich dem, das Bekannte zu bestätigen.

Oft sind nicht einmal irgendwelche neuen Fakten notwendig, um das Hamsterrad am Laufen zu halten. Agenturen und Medien haben in den vergangenen Wochen längst bekannte Vorwürfe immer wieder recycelt und als neu behandelt; vor allem Online-Medien schienen sich selbst dazu verpflichtet zu haben, unabhängig von der Frage, ob es tatsächlich Berichtenswertes gibt, am Thema zu bleiben. Als wollten sie die Zeit überbrücken zu wollen, bis – womöglich – jemand einen echten neuen Skandal recherchiert hat. Oder eben: Als wollten sie eine Nachricht und ein Ergebnis zu erzwingen. Sie warfen keine neuen Kiesel in die Waagschale, sondern immer wieder dieselben, aus anderen Richtungen, mit verändertem Schwung.

Es mag sein, dass sie damit am Ende Erfolg haben werden, wenn sie nach dem „ersten CDU-Abgeordneten“, der Wulffs Rücktritt fordert, und dem zweiten auch einen dritten, vierten und fünften gefunden haben, vielleicht. Sie untergraben in diesem Prozess nur ihre eigene Autorität, und die wird eigentlich in dieser Demokratie noch gebraucht.

Journalisten sind die natürlichen Gegenspieler von Politikern, aber nicht in eigener Sache, sondern stellvertretend für die Öffentlichkeit. Je mehr das Volk das Gefühl bekommt, dass die Journalisten nicht auf ihrer Seite stehen, sondern nur Partei für sich selbst sind, in einer Welt mit den Politikern, die gar nicht die des Volkes ist, umso leichter werden es Mächtige haben, sich berechtigten Nachfragen zu entziehen und damit durchzukommen.

Natürlich ist es ein Machtspiel, das dort stattfindet. Die Frage, ob Christian Wulff geeignet ist, Bundespräsident zu sein, lässt sich nicht mehr trennen von der Frage, ob Christian Wulff Bundespräsident bleiben kann, wenn die Medien das für ausgeschlossen halten. Der spielerische Charakter ist in den vergangenen Tagen besonders offenkundig geworden, als die Medien Wulffs angebliches Versprechen, sämtliche Hunderten von Presse-Anfragen und die Antworten darauf, öffentlich zu machen, als neue Trümpfe nutzten.

Wulffs Anwalt hatte behauptet, eine Veröffentlichung verletze die Rechte der fragenden Medien. Die spielten eine Karte nach der anderen aus: Sie prangerten erst das „gebrochene Versprechen“ an. Dann erklärten viele von ihnen öffentlichkeitswirksam (und unter pathetisch-irreführenden Überschriften wie: „Zeitungen entbinden Wulffs Anwalt von Schweigepflicht“), sie verzichteten auf ihre Rechte. Schließlich veröffentlichte etwa die „Welt“ ihre eigenen Fragen und die Antworten, die sie bekommen hatten, selbst.

Worum geht es hier? Um Aufklärung in der Sache längst nicht mehr: Die Ergebnisse ihrer Anfragen beim Präsidenten haben die Journalisten ohnehin nutzen können. Und wenn es ihnen tatsächlich um umfassende Transparenz gegangen wäre, hätte sie auch niemand daran gehindert, ihre eigenen Fragen und Antworten längst öffentlich gemacht zu haben.

Es ist schwer, in all dem mehr zu sehen, als den Versuch, den Präsidenten vorzuführen und bloßzustellen. Die Munition dafür hat Wulff, wieder einmal, selbst geliefert. Aber macht das die Berichterstattung relevant? Rechtfertigt das die Dominanz und endlose Fortschreibung des Themas?

Das Misstrauen des Publikums wird im konkreten Fall noch verstärkt durch die zentrale, aber zutiefst intransparente Rolle, die die Axel Springer AG und speziell die „Bild“-Zeitung darin spielt. Anstatt den Anruf Wulffs bei Chefredakteur Kai Diekmann selbst publik zu machen, ließ das Blatt ihn seinen Weg in die Öffentlichkeit über andere Medien finden – und lieh sich auf diese Weise deren Seriösität und wurde scheinbar vom Beteiligten zum Beobachter. Viele, die den etablierten Medien ohnehin kritisch gegenüberstehen, sahen hinter der Berichterstattung insgesamt den Springer-Verlag die Strippen ziehen – ganz abgesehen von der traurigen Ironie, dass ausgerechnet ein Medium, dem selbst Drohungen nicht fremd sind, plötzlich durch eine Drohung in die Rolle des Opfers eines vermeintlichen Angriffs auf die Pressefreiheit gelangte.

Tatsächlich half es Springer und „Bild“, dass zunächst nur einzelne Bruchstücke aus Wulffs Nachricht an die Öffentlichkeit kamen und Urteile gefällt wurden, ohne die ganze Wahrheit zu kennen. Geholfen hätte den Medien das, was auch Wulff geholfen hätte: Wahrhaftigkeit und Transparenz. Sie verlassen sich, wie der Bundespräsident, viel zu sehr darauf, dass das Publikum ihnen und ihrem Urteil schon vertraut, obwohl längst alles dagegen spricht, dass das der Fall ist.

Die Medien, ungerecht und pauschal verallgemeinert, werden den Ansprüchen, die sie an den Bundespräsidenten stellen, selbst nicht gerecht. Es ist legitim und richtig, an ein Staatsoberhaupt und an die Mächtigen und Verantwortlichen im Lande überhaupt besondere Ansprüche zu stellen. Aber die Pressefreiheit, die hier scheinbar gerade verteidigt wird, ist mehr als nur ein Selbstzweck, und wenn die Medien der mit ihr verbundenen Pflicht gerecht werden wollen, müssen sie besser werden, maßvoller, verantwortungsvoller.

57 Prozent der Befragten haben Anfang Januar in einer repräsentativen Umfrage für die ARD gesagt, sie hätten den Eindruck, „die Medien wollen Wulff fertig machen“. Selbst wenn dieser Eindruck täuschen sollte, wäre es an den Medien, ihn zu korrigieren.

Medienlexikon: B-Promi

Der Spiegel

B-Promi, der (meist pejorativ): nicht gänzlich unbekannter Mensch, der von und in den Medien lebt.

B-Promis sind die Mistkäfer der Mediengesellschaft: Obwohl sie nützlich sind, mag sie keiner. Im Gegensatz zu den Käfern verdauen sie allerdings den Kot nicht, sondern produzieren ihn — auf ihrem Mist wachsen ungezählte Magazinbeiträge und bunte Seiten.

Wenn es den B-Promi nicht gäbe, läge ein großer Teil der Inhalteproduktionsindustrie brach. Die Medien brauchen heute mehr Prominente, als die Menschen kennen können.

Man müsste ihn lieben, aber dafür ist er nicht da. Er ist dafür da, dass man ihn behandeln kann wie eine Berühmtheit, als hätten seine Erlebnisse und Meinungen einen Nachrichtenwert, aber ohne dass man zu ihm aufschauen müsste. Er erzählt uns, wenn er frisch getrennt oder operiert ist, und wir können ihn, nachdem wir das aufgesogen haben, dafür verfluchen, dass er uns damit behelligt.

Der damalige Talkmaster Karl Dall hatte schon 1999 in einem SPIEGEL-Gespräch gesagt, B-Promis seien die dankbarsten Opfer: „Die sind noch hungrig und lassen sich gerne quälen.“ Auf die Frage nach seinen Gästen sagte er damals schon: „Ich habe eine Liste von mehr als 300 Leuten, die ich in A- und B-Prominenz aufgeteilt habe. Ein Drittel hat mir RTL wieder rausgestrichen und dafür ein paar aus ihrem Laden reingeschrieben.“

Die Nomenklatur ist ein bisschen unübersichtlich geworden. Früher war ein B-Promi jemand, der kein A-Promi war. Dann gab es immer mehr Menschen, von denen man immer weniger wusste, wofür sie eigentlich nicht berühmt waren, und schließlich sogar solche, die nur noch dafür prominent waren, prominent zu sein. Es folgte eine Buchstaben-Inflation, die einige Journalisten im Bemühen, sich von ihrer eigenen Arbeit zu distanzieren, dazu brachte, nur noch reflexartig von „Z-Prominenten“ zu sprechen. In diesem Kontext steht der B-Promi nicht mehr am Ende der Hackordnung, sondern ist jemand, der es fast geschafft hat. Jemand, der mit etwas Glück oder Pech sogar in die „Tagesschau“ kommen kann, wenn er mit einem Gurkenlaster kollidiert. Jemand, der in die Jahreskonferenz der B-Promis in den australischen Dschungel geladen wird wie Brigitte Nielsen. Jemand, der uns, wenn wir ihm jetzt beim Madenessen zuschauen, das Gefühl schenkt, ihm überlegen zu sein.

Wir sollten ihn dafür lieben, dass wir ihn verachten dürfen.

„Breaking Bad“-Star Bryan Cranston: „Die Gier steckt in jedem von uns“

Spiegel Online

Das kann nur böse enden, oder? In der US-Serie „Breaking Bad“ wandelt sich ein langweiliger Chemielehrer zum skrupellosen Drogenboss. Zum Deutschland-Start der vierten Staffel erklärt Hauptdarsteller Bryan Cranston, warum man mit dem Bösen mitfiebert – und verrät, was er bereits vom Ende weiß.

Herr Cranston, werden Sie noch auf „Malcolm mittendrin“ angesprochen?

Bryan Cranston: Das ist eine Generationenfrage. Einige Leute kennen mich von „Malcolm mittendrin“, andere sogar noch von „Seinfeld“ oder älteren Sachen.

Es ist schwer, Sie da überhaupt wiederzuerkennen. Als Zuschauer kann man kaum begreifen, dass dieser lustig-überforderte Vater Hal in der überdrehten Sitcom „Malcolm mittendrin“ und Walter White, der todkranke Chemielehrer in „Breaking Bad“, der zum Drogenproduzenten wird, um für seine Familie zu sorgen, von derselben Person gespielt werden. Wie fühlt sich dieser Kontrast für Sie an?

Angenehm. Es fühlt sich nicht wie ein gewaltiger Wechsel an – ich schätze, einfach, weil ich ihn ja bewusst vollzogen habe. Es ist ein großer Luxus, beides gemacht zu haben, das ist selten. Normalerweise, wenn man für etwas bekannt geworden ist – was ja schon ein großes Glück ist – fällt es schwer, aus diesem Image auszubrechen. Aber ich war nach sieben Jahren „Malcolm mittendrin“ nie versucht, etwas ähnliches zu machen. Ich musste halt nur das richtige Mittel und Material finden.

Haben Sie gezweifelt, ob es Ihnen überhaupt gelingen würde, die Entwicklung des Walter White in all ihren Extremen zu spielen? Wussten Sie überhaupt am Anfang, wie weit es mit ihm bergab gehen würde?

Oh ja, ich wusste, wohin sich das entwickeln würde. Nicht den genauen Weg, aber das Ziel. Nein, die Entscheidung ist mir nicht schwer gefallen. Die meisten Schauspieler haben einen Sinn dafür, riskante Orte erkunden zu wollen. Ich wollte das auf jeden Fall und eine neue Herausforderung annehmen.

Walter White ist ein gelangweilter, langweiliger Durchschnittstyp, der plötzlich entdeckt, wozu er in extremen Situationen fähig ist. All die Abgründe, die er und das Publikum dabei entdecken — müssen Sie die als Schauspieler auch in sich selbst finden?

Die Palette eines Schauspielers besteht aus persönlicher Erfahrung und Vorstellungsgabe. Was einem an persönlicher Erfahrung fehlt, muss man mit seiner Fantasie auffüllen, um es plausibel und nachvollziehbar zu machen. Ich glaube, jeder Mensch trägt das Potenzial zu einer einer Unzahl verschiedener Emotionen in sich. Viele davon schlummern und müssen erst erweckt werden. Im Fall von Walter White war es sicher so: Bevor er die Möglichkeit hatte, an so viel Geld zu kommen, hatte er nicht dieses Anspruchsdenken, diese Gier, die Skrupellosigkeit. Aber im Lauf der Serie entdecken wir, dass das alles in ihm steckt. Es steckt in jedem von uns. Es kommt nur nicht zum Vorschein, wenn es nicht gebraucht wird.

Walters brave, eigentlich grundspießige Frau Skyler macht eine ähnliche Wandlung durch. Als sie hinter das Geheimnis ihres Mannes kommt, entdeckt auch sie ihr Talent zum Lügen und ihre Bereitschaft, eine gute Kriminelle zu werden. Ist das eine Botschaft der Serie, dass wir das alle in uns haben?

Ja, ich glaube, das ist so, und das war tatsächlich eine gewollte Aussage. Walter White wollte Geld machen, um es seiner Familie nach seinem Tod zu hinterlassen. Der Gedanke war altruistisch, aber um sein Ziel zu erreichen, musste er seine Seele verkaufen und etwas werden, was er nicht war. Und in dem Moment verlor er das, was ihn bislang als Mensch ausgemacht hatte. Wann immer jemand das tut, wird er es nie wirklich zurückbekommen. Es ist eine Abwärtsspirale.

„Breaking Bad“ ist in diesem Sinne eine äußerst moralische Serie, weil sie in radikaler Konsequenz und Kompromisslosigkeit zeigt, wohin es führt, wenn man sich auf ein Geschäft wie das mit Drogen einlässt. Andererseits stürzt die Serie den Zuschauer in ein Dilemma: Wir sehen, dass Walter White das moralisch Falsche tut, aber wir drücken ihm die Daumen, dass er damit durchkommt.

Vince Gilligan, der Autor, hat es geschafft, einen inneren Konflikt und ein Drama nicht nur in den Figuren zu erzeugen, sondern auch im Zuschauer. Plötzlich ertappt man sich dabei, wie man hofft, dass ein Mann Erfolg hat, der Drogen verkauft. „Breaking Bad“ löst einen Zwiespalt bei den Zuschauern aus, und es ist fantastisch, wenn das gelingt. Normalerweise ist das Publikum nicht hin- und hergerissen, sondern weiß: Diese Person mag ich, diese nicht. Wir aber lassen diese Grenzen verschwimmen: Ist Walter White ein Guter oder ein Böser? Es gibt keine klare Antwort darauf. Er will seine Familie beschützen, aber es gab einige Entscheidungen, bei denen selbst Walter White selbst zugeben würde, dass er einen Punkt überschritten hat. Er hat lange an seinem Dogma festgehalten, dass er das alles für seine Familie tut, aber wir als Publikum wussten, dass er sich etwas vormacht. Er ist verführt worden: von Macht, Geld, Anerkennung, dem Gefühl, wichtig zu sein, den Risiken, die er eingegangen ist. Das ist wie ein Aphrodisiakum für einen Mann. Jetzt haben wir Walter White entblößt und ich bin bereit, all die dunklen Seiten, seine Hybris und sein Ego zu zeigen – all das, was nicht attraktiv ist, aber ehrlich.

Je weiter die Serie fortschreitet, desto düsterer wird sie. Und je häufiger Walter White über Leichen geht, desto schwerer wird es, ihn noch zu mögen.

Wenn ich ihn spiele, urteile ich nicht über ihn. Ich spiele ihn nur — so ehrlich, wie ich es kann, emotional, intellektuell. Aber wenn ich dann einen Schritt zurücktrete am Ende einer Staffel und mir das ansehe, dann sehe ich natürlich: Oh ja, das ist böse. Er ist auf einem Weg, der nicht gut enden kann. Aber das wusste ich von Anfang an. Vince Gilligan wollte eine Serie schaffen mit einer Hauptperson, die als guter Kerl anfängt und böse wird. Das ist die vorgezeichnete Bahn.

Die Serie wird im nächsten Jahr nach der fünften Staffel enden. Sie kann nicht gut enden, oder?

Das hängt davon ab, wie man „gut“ definiert. Vielleicht ist ein Happy End für Walter White sein Tod. Schauen Sie sich an, was seine Entscheidungen bewirkt haben: Er hat seine Familie in Gefahr gebracht, sein Schwiegerbruder ist zum Krüppel geschossen worden, um ihn herum sterben die Menschen. Man kann in ihm eine Art Krebsgeschwür sehen. Vielleicht ist das beste, was ihm passieren kann, dass er stirbt. Und ich sage das, ohne zu wissen, was Vince Gilligan wirklich vorhat. Ich habe ihn nicht gefragt, und er hat es mir nicht gesagt.

Aber Sie werden es wissen, bevor Sie die letzte Staffel drehen?

Nein. Walter White weiß nicht, was passiert, von Woche zu Woche, von Stunde zu Stunde, sogar von Minute zu Minute. Deshalb gehört es sich für mich nicht, zu weit im Voraus zu wissen, was geschehen wird. Sonst lasse ich beim Spielen vielleicht etwas durchscheinen, was Walter White noch gar nicht weiß.

Der Niedergang des Walter White ist auch ein körperlicher. Er sieht in der vierten Staffel unglaublich geschunden aus. Wie sehr müssen Sie sich tatsächlich ausmergeln lassen während der Dreharbeiten?

Naja, es ist natürlich Make-Up und ich versuche, mich zwischen den Szenen, in denen ich mitspiele, zu erholen. Aber emotional macht man als Schauspieler die Reise des Walter White schon mit. Ich sage jungen Schauspielern immer: Versucht nicht zu schauspielern, sonst könnte man euch beim Schauspielern ertappen. Denkt und fühlt und vertraut darauf, dass ihr das auch ausstrahlt.

„Breaking Bad“ läuft in den USA auf dem kleinen Kabelkanal AMC. Dadurch sind die Freiheiten größer, aber das Budget kleiner.

Ich sehe da nur Vorteile. AMC und andere Kabelknäle hier mussten eine Identität, eine Marke etablieren. Sie suchten deshalb nach Stoffen, die die großen Networks nicht zeigen könnten. Das eröffnete erfahrenen, wunderbaren Autoren die Chance, aufzuschreiben, wovon sie immer schon geträumt hatten. AMC hatte den Mut, das auf Sendung zu bringen. Und Sony Television, unser Produzent, hatte den Mut, das zu bezahlen – und bei jeder einzelnen Episode das Budget zu überschreiten, in der Hoffnung, dass es den Menschen gefallen würde. „Breaking Bad“ ist nichts für die Massen. Diese Serie ist nicht Vanille, sie hat einen scharfen, stechenden Geschmack. Aber genau darum mögen sie viele Leute – weil sie so anders ist. Das Publikum heute ist viel, viel anspruchsvoller als früher. Es verlangt immer höhere Qualität, speziellere und kompliziertere Geschichten und Figuren, keine Stangenware. Das ist das gute an der Explosion neuer Medien und all der Auswahl: Man muss etwas Besonderes machen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Man kann nicht einfach irgendwas Beliebiges, Nettes machen. Es muss jenseits dessen sein, was wir vor 15 Jahren gesehen haben. Es wird keine Serien mehr geben, die sind wie „Mord ist ihr Hobby“ oder „Matlock“ oder „Magnum“. Das ist für immer vorbei. Die sind einfach zu irreal. Damit kann sich der Zuschauer nicht identifizieren.

Hat „Breaking Bad“ Ihnen neue Türen geöffnet?

Ja. Die Serie bekommt in der Branche viel Aufmerksamkeit; die Kollegen lieben sie. Das hat sehr geholfen.

Und die Rollen, die Sie jetzt annehmen, sind vermutlich ganz anders als Walter White.

Ja. Ich will auf keinen Fall wiederholen, was ich zuletzt gemacht habe. Und inzwischen, mit so viel Distanz zu „Malcolm mittendrin“, kann ich mir auch wieder vorstellen, Comedy zu machen.

Haben Sie den Erfolg von „Breaking Bad“ vorhergesehen?

Schauspieler können nur erkennen, ob das Material gut ist. Erfolg vorhersagen können wir nicht. Manchmal hat man alle richtigen Zutaten, aber das Ding will einfach aufgehen. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gesehen habe, war alles, was ich wusste, dass dies eine bemerkenswerte Serie werden würde, wenn sie lange genug auf Sendung bliebe. Und ich wusste: Welcher Schauspieler auch immer das Glück haben würde, Walter White zu sein – es würde sein Leben verändern.

Jörg Thadeusz

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Er freut sich so darüber, dass zum Jubiläum seiner 250. Sendung Iris Berben noch einmal gekommen ist, dass er auf dem Weg zu ihr an den Tisch vor Glück die Hände erst zu Fäusten ballt und dann zusammenschlägt wie ein Kind, sich vor ihr verbeugt und gleichzeitig für das Fernsehpublikum noch eine große Hier-ist-sie-Präsentationsgeste versucht, was nur halb gelingt. Frau Berben lächelt diesen ungelenken, charmanten Mann amüsiert und natürlich formvollendet an, und weil sie bezaubert ist, ist sie bezaubernd.

Vielleicht ist es das, was Jörg Thadeusz unwiderstehlich macht: Diese Mischung aus Unbeholfenheit und großem Geschick, das auch nur wie ein Versehen wirkt. Claus Peymann sagte zu ihm: „Sowas Rundes und Naives, wie Sie es sind — oder scheinen –, gibt es wenig.“ (Thadeusz erwiderte grinsend: „Kann ich mir das merken, als Qualität?“)

Wenn er ein bisschen Zeit zum Denken gewinnen muss, wiederholt er stotternd die Silbe, an der er gerade hängt. Und wenn er aufgeregt ist, unsicher oder vielleicht ein bisschen verliebt, stapelt er Wörter aufeinander: „Schön, eigentlich, hatten wir es zusammen, hier, immer“, sagt er zu Iris Berben, nachdem er ihr einige alte Ausschnitte gezeigt hat. Häufiger folgt er Gesprächsabzweigen und merkt zu spät, dass sie in Sackgassen in unwirtlichen Gegenden führen, aber es ist immer eine freundliche Neugier, die ihn dort hinführt, oder ein kindlicher Übermut.

Dass die Gesprächssendung, die er seit fünf Jahren im RBB hat (dienstags, 22.15 Uhr), viel weniger Aufmerksamkeit bekommt, als sie verdient hätte, liegt gewissermaßen in der Natur der Sache, denn sie versucht — genau wie ihr Moderator — nicht mehr zu sein, als sie ist. „Fernsehen bedeutet, anderen Leuten zugucken zu dürfen“, hat er kürzlich in einem Aufsatz für die „Welt“ über den Sinn des Mediums geschrieben. „Wenn sie sich sportlich verausgaben, einen schönen Mund küssen, oder einfach nur miteinander reden.“ Bei Thadusz reden sie einfach nur miteinander.

Es ist erstaunlich, wie selten sowas überhaupt versucht wird im deutschen Fernsehen. Es ist so sehenswert, wenn es gelingt. Iris Berben hatte Thadeusz schließlich in einer Stimmung, in der sie gleichzeitig sehr wach und sehr entspannt war. Auf seine Frage: „Stimmt es, dass Sex unter Kokaineinfluss mehr Spaß macht?“ sagte sie, ohne zu zögern: „Dacht‘ ich mal.“