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Der heißgeliebte Minusmann

28 Sep 96
28. September 1996
Süddeutsche Zeitung

Platte Gags und Pärchenspiele: Warum Jürgen von der Lippe mit seiner Show „Geld oder Liebe“ so erfolgreich ist.

Mal ehrlich: Würden Sie diesem Mann eine Samstagabend-Show geben? Er hat einen dieser Vollbärte, mit denen höchstens noch ergraute Rußland-Korrespondenten auf den Bildschirm gelassen werden. Er gerät leicht ins Schwitzen, weswegen er weite Hawaiihemden trägt, die zwar Schweißflecken verhindern, aber seinen Bauch unangenehm betonen. Er liebt Sätze von der Art, daß sich Adam für Evas Apfel mit einer Banane revanchierte. Und wenn er Musik ansagt, hält er mehrminütige Monologe, die bei Programmchefs Alpträume von massenhaft zur Fernbedienung greifenden Zuschauern auslösen.

Es sieht ganz so aus, als ob Jürgen von der Lippe, 48, nicht einmal von seinen Mitarbeitern ernst genommen wird. „Wo hast du denn diiie Schuhe her“, kreischt eine Dunkelhaarige ungehemmt in die Probe rein von „Geld oder Liebe“ und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Füße ihres Chefs. Der steht da wie ein waidwunder Elefant, läßt die Arme hängen und schaut traurig, aber nicht wirklich überrascht, von einem Kollegen zum anderen. Wäre er auf Sendung, würde er zum Schluß noch mit dicken Augen in die Kamera schauen. Es ist derselbe Blick, mit dem er als Sänger sein Publikum in Exstase versetzt, bevor er überhaupt angefangen hat. Eine rote Plastiknase zu diesem Gesicht genügt.

Den anderen Jürgen von der Lippe kann man entdecken, wenn gerade eine Musikgruppe bei ihm auftritt. Unbeobachtet von den Kameras kuschelt er sich in seine Sitzgruppe auf der Bühne. Er klopft geistesabwesend den Rhythmus mit und ist sichtlich zufrieden mit sich und seiner Show. Die Band hat er selbst ausgesucht, und die großen Stars stehen Schlange, ihre neue Platte bei ihm vorsingen zu dürfen. Denn die ARD-Sendung „Geld oder Liebe“ ist die „nach Wetten daß…?“ erfolgreichste Show im deutschen Fernsehen. Und Jürgen von der Lippe moderiert sie nicht nur, er ist ihr Chef. Wenn ihm das neue Stück von Genesis nicht gefällt, tritt Genesis nicht auf. Da mögen die verantwortlichen WDR-Leute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, soviel sie wollen.

Acht Millionen Menschen sehen im Schnitt zu, wie drei Frauen und drei Männer mit skurrilen Hobbys sich in kleinen Spielen kennenlernen. Um zu erklären, wie genial das ist, kritzelt Redakteur Michael Bleichenbach auf ein Blatt sechs Kringel, die für die Singles stehen. Darunter zieht er diagonale Linien, die sich kreuzen — jeder spielt mal mit jedem. Am Ende bleiben zwei Kringel übrig, die nach Meinung der Zuschauer am besten zusammenpassen. Ganz so zwingend, wie das auf der Skizze aussieht, war das am Anfang nicht. In nur einer Woche hatte Lippe, der eigentlich Hans-Jürgen Dohrenkamp heißt, das Konzept 1989 mit dem Kabarettisten Wendelin Haverkamp entwickelt. „Wir haben nicht gesagt: Wir wollen die und die Zuschauerstruktur, wollen so und so lang werden“, erzählt er. „Wir haben uns hingesetzt und rumgesponnen.“ Vor der ersten Sendung sei er der einzige gewesen, der noch an ihren Erfolg geglaubt hätte. Ohne die richtigen Kandidaten wirkten die simplen Spielchen in den Proben einfach unterdurchschnittlich.

Doch dann kamen Leute wie die Frau, die Kühe designt, und Siggi, der Tannenzapfenpflücker aus dem Bayerischen Wald, der nach der Sendung vom ganzen Dorf am Bahnhof empfangen wurde — und das Ding lief. „So ein Schwein hat man einmal im Leben“, sagt Jürgen von der Lippe. „Ich wüßte nicht, in welche Richtung ich heute denken sollte, um etwas zu finden, das dieses Neue hätte, das ‚Geld oder Liebe‘ darstellte.“

Klaus de Rottwinkel, der mit Lippe die Sprüche und Blödeleien entwickelt, beschreibt dessen besonderen Charme so: „Jürgen ist eine Mischung aus redegewandtem Intellektuellem und zur Völlerei neigendem Lebemann.“ Das erklärt vielleicht, warum ihm mindestens ebensoviele Zuschauer nicht ausstehen können, wie ihn lieben.

Lippe stellt sich nicht nur gern dumm, sondern auch klug. Er präsentiert sein Wissen aus einem abgebrochenen Philosophiestudium mit den Ergebnissen einer dreitägigen Recherche mehrerer Mitarbeiter mit den Worten. „… aber das wissen Sie ja“. Als er 1994 für seine Mischung aus Zoten und humanistischem Bildungshumor sowie für seinen Umgang mit den Kandidaten auch noch den Grimme-Preis bekam, hielt er ihn noch monatelang triumphierend seinen Kritikern vor, die schon wegen seiner unerschütterlichen Begeisterung für Spiele, bei denen Leute naßgespritzt werden, ihre Probleme mit ihm haben.

Für sein eigenes Selbstbewußtsein hätte er den Grimme-Preis genausowenig gebraucht wie den „Bambi“, der ihm im Oktober verliehen wird: Daß er sich für einen Spitzenmann der deutschen Fernsehunterhaltung hält, hat er schon vorher ganz selbstverständlich erzählt. Hinter der tapsigen Bildschirmfigur steckt ein Perfektionist, der die Leute von der Requisite immer und immer wieder antreten läßt, bis irgendein kleines Teil genau so hängt, wie er das möchte. Kritische Sätze beginnt er mit den Worten: „Noch schöner wäre es natürlich, wenn …“, und die dünne Ironie kann den Ärger des Chefs kaum verdecken. Aber wenn es dann doch nicht funktioniert in der Sendung, kann er immer noch ein Highlight daraus machen, oder noch besser: ein Ritual.

Als es der WDR monatelang nicht schaffte, einen Kiosk zu bauen, bei dem sich die beschrifteten Tafeln, die der Moderator mit einem Hebel weiterblättert, nicht nach wenigen Minuten hoffnungslos verkanteten, wurde das Spiel erst richtig beliebt. Anstatt vielleicht mal bei Show-Profis wie dem Unterhaltungskonzern Endemol nachzufragen, wie man so was vernünftig konstruieren kann, setzte von der Lippe seinen Assistenten auf einen Hochstuhl, von wo aus dieser von Hand eingreifen konnte — und bald mit Liebesbriefen überschüttet wurde.

Überhaupt: das Publikum. Wenn Lippe dazu aufruft, was zum Thema „Meine Olle und ich“ einzuschicken, setzen sich mehr als tausend Menschen hin und fangen an zu basteln, zu hämmern und zu kleben. Ganze Schulklassen malen Riesenbilder, und ein Ehepaar bastelte einen Jürgen aus Seide, dessen Rippe sich mit einem Reißverschluß öffnen läßt, aus dem eine vollbusige Frau schlüpft. Der Meister selbst sieht den unglaublichen Aufwand der Menschen ganz nüchtern: Die Leute wollen halt ins Fernsehen, ein paar Minuten berühmt sein.

Letztlich hat Geld oder Liebe damit das gleiche Erfolgsgeheimnis wie „Wetten daß…?“ Nur, daß „Geld oder Liebe“ nicht als großes Event daherkommt, sondern als lockeres Treffen, bei dem einer schmutzige Witze erzählt, ein anderer mit seinem Halbwissen prahlt, zwei sich flirtend aus dem Gespräch verabschieden und alle hinterher noch in die Kneipe einen trinken gehen. Heute, meint WDR-Redakteur Bleichenbach, hätte vermutlich kein Sender mehr den Mut, so etwas neu zu starten.

Wie wird man ein normaler Mensch?

09 Jun 96
9. Juni 1996
Süddeutsche Zeitung

„ran“-Moderator Johannes B. Kerner gibt sich größte Mühe: Im Interview gähnt er herzhaft und beträgt sich wie ein alter Freund

Es gibt Momente, da wünscht sich Johannes B. Kerner, er wäre kein so netter Moderator. Der Ärger beginnt, wenn er eigentlich fertig ist, eine ran-Sendung moderiert oder drei Folgen Kerner aufgenommen hat. Dann sehen die Leute im Publikum ihre Zeit gekommen und gehen auf Tuchfühlung. Und sie machen nicht nur Photos mit ihm, sondern legen ihren Arm um ihn und drücken ihn ein bißchen. „Die denken, der ist hier der Teddy, den darf ich auch knuddeln“, sagt Kerner und fühlt sich gar nicht wohl. Dabei ist den Leuten ihre Hemmungslosigkeit gar nicht zu verdenken. Schließlich hat Johannes Kerner sich gerade eine ganze Sendung lang alle Mühe gegeben, ihnen zu zeigen, daß er einer zum Anfassen ist: Hat sich ins Publikum gestellt als der Kumpel von nebenan, hibbelig, die blonden Haare etwas wirr, mit den Händen wild gestikulierend wie Kermit, der Frosch. Und hat, wenn ein Gast allzu dämlich daherkam, ihm schon mal mitten im Satz gesagt, er rede ja wie Rüdiger Hoffmann. Das ist zwar nicht nett, aber es gefällt dem Publikum, das ja nicht ist wie der Kabarettist Rüdiger Hoffmann, sondern scheinbar wie Kerner.

Kerner ist so normal, daß er nie wie die Leute in seiner Talk-Show geizig oder kaufsüchtig wäre, besonderen Sex praktizieren würde oder eine Frau hätte, die Frauen liebt. Und wenn doch, wäre er wenigstens normal genug, das nicht im Fernsehen zu erzählen. Er interviewt immer aus der Sicht des staunenden, unbeteiligten Normalos. „Man wird ja noch mal fragen dürfen“, das Motto der ansonsten in den USA gekauften Talk- Show, stammt von ihm selbst. Und wenn der Stern giftet, er wirke, als habe er den gesunden Menschenverstand für sich gepachtet, nimmt er das noch als Kompliment.

Kerner ist 31 und hat eine Karriere hinter sich, die er selbst „einen Wahnsinn“ nennt. Gerade hat ihn Sport Bild zum besten Sportmoderator gewählt, der Vertrag für Kerner wird wohl verlängert, und für 1997 plant Sat 1 mit ihm eine eigene Show am Hauptabend. Alles begann vor zehn Jahren mit einem Praktikum in der Sportredaktion des SFB. Als er die Chance bekam, vom Berliner Presseball zu berichten, fragte er den Regierenden Bürgermeister nicht nach seiner Tanzpartnerin, sondern, ob er seine Anzüge maßschneidern läßt. Fortan durfte Kerner Sport und den ARD-Länderreport moderieren.

1992 holte ihn Reinhold Beckmann zu Sat 1. Am Anfang moderierte er ran nur freitags, später sonntags. Bis er zum ersten Mal am Samstag randurfte, verging fast ein Jahr. „Das ist wie bei einem Trainer, der einen talentierten Nachwuchsspieler wie Lars Ricken in der 60. Minute rausnimmt, damit er nicht ausbrennt“, meint Kerner – im Gegensatz zu Ricken ganz unbescheiden.

Kerner landet schon in der allerersten ran-Sendung vor vier Jahren wichtige Treffer: Nachdem alle Leitungen zusammengebrochen sind, kommt der Redakteur ins Studio und sagt: Wenn jemand Interesse hat, sich ein Spiegelei auf dem Sicherungskasten zu braten, wäre jetzt die geeignete Temperatur erreicht. Johannes Kerner moderiert, was das Zeug hält. „Ich dachte, da mußt du durch, mußt reden, reden, reden.“ Das tut er noch, als das Licht ausgeht und längst niemand mehr zusieht.

Oder am 24. Februar 1996, als das Studio wegen einer Bombendrohung geräumt werden muß. Kerner beruhigt die Besucher, daß auch draußen Fernseher stehen, daß Schalke null zu zwei gegen Düsseldorf verloren hat, und probt seine nächste Ansage: „… die mit Verlaub beschissenste Situation meiner Karriere“, murmelt er vor sich hin und fragt dann laut: „Sagt mal, darf man beschissen im Fernsehen sagen?“ Fast auswendig schafft er die Überleitung zum nächsten Spiel. Als ein paar Werbepausen später die Feuerwehr Entwarnung gibt, lassen die ran-Leute das Publikum nicht sofort ins Studio. Erst als die Kameras wieder laufen, dürfen sie rein, damit die Zuschauer auch eindrucksvoll durchs Bild traben. Fußball, Beinahekatastrophen – ist halt alles nur Show, und Johannes Kerner der Master, der sie beherrscht.

Geschadet haben kann es nicht, daß seine Chefs sahen, daß der Mann auch bei Totalausfällen eine gute Figur macht. Die Talk-Show Kerner ist zwar aufgezeichnet, aber bei den Gästen solcher Shows muß man eigentlich immer mit Totalausfällen rechnen. Manchmal, sagt er, läuft es ihm kalt den Rücken runter, wenn er die Themenvorschläge sieht. Aber dann nehme er einen Stift und streiche sie durch. Männer sind Lügner fand er ein gutes Thema. Ich steh auf Lack und Leder hat er abgelehnt. Ich geh lieber in den Puff will er ebenfalls gestrichen haben, aber das stellt sich später als Irrtum heraus …

Und so erscheint Kerner fast täglich auf der Bühne und hat dabei eine merkwürdige Distanz zu seinen Gästen. „Ist ja völlig in Ordnung, wunderbar“, bestätigt er jede noch so abstruse Äußerung, bevor er – „eine Frage hätte ich dann doch“ – ganz unschuldig das Gesagte komplett in Frage stellt. Nimmt er seine Gäste ernst? „Nö“, grinst Kerner. „Doch“, korrigiert er sich. „Ich habe Respekt vor ihnen“, formuliert er schließlich. Nur daß Kerners zur Schau gestellte unbedarfte Normalität manchmal wirkt, als sei er gleichzeitig anbiedernd und arrogant.

Die Talk-Show ist für Kerner Arbeit, ran ist „pure Lust“. Er kann sich gut vorstellen, ein Leben lang Sportreporter zu sein. Vielleicht nicht immer bei Sat 1, denn es wäre schon nett, wenn in ein paar Jahren das ZDF-Sportstudio noch mal anrufen würde. Aber auch Wetten, daß…? würde er sich zutrauen. Und die Tagesthemen. Am liebsten gleichzeitig. Kerners Selbstbewußtsein verträgt keine Grenzen.

Bei ran fühle er sich nicht wegen, sondern trotz der Showtreppe wohl, behauptet Kerner: „Die Leute gucken nicht wegen Wontorra-Beckmann-Kerner, sondern wegen Hamburg-Dortmund-Bayern.“ Als klassischer Gastgeber will er sich verstehen. Aber was das bedeutet, formuliert er mit so vielen Worten, daß von der vorgeblichen Bescheidenheit nicht viel übrigbleibt: „Angenehm, daß Sie uns gestatten, bei Ihnen Gast zu sein. Wir hätten ein bißchen Fußball für Sie. Wenn Sie bitte die Ergebnisse vergleichen möchten …“

Kerner feilt weiter am Image, „normal“ zu sein. Diese Image ist ihm nicht nur für den Alltag wichtig, sondern vor allem für die Schlagzeile in der Zeitung. Beim Interview fläzt sich der Fernsehmann hemmungslos auf der Bank, räkelt sich, gähnt, redet scheinbar ungefiltert drauf los und verhält sich, als wäre man seit Jahren befreundet. Normal, ein Interview auf diese Weise zu absolvieren? „Wenn ich was mache“, sagt Kerner, „mache ich es auch richtig.“ Als absolut natürlich zu gelten, will schließlich hart erarbeitet werden.

„Das ist Gewaltbefürwortung!“

14 Feb 96
14. Februar 1996
Süddeutsche Zeitung

Verstoßen die „Glücksritter“ gegen die Menschenrechte?

„Ordentlich fest“ soll sie werfen, ermahnt Ulla Kock am Brink die Kandidatin, die Zielscheibe ist der Rücken des Mannes vor ihr. Wenn die Dart-Pfeile richtig in seiner Haut sitzen, hat sie gewonnen. Diese Szene aus der neuen RTL-Show Glücksritter hat die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGfM) auf den Plan gerufen. In einem Brief unter anderem an den Ausschuß für Menschenrechte im Bundestag fordert sie die Absetzung, denn: „Die Bereitstellung eines Menschen zum Zwecke der Bewerfung mit Pfeilen ist ein Anschlag auf die Menschenwürde.“ Ein Gespräch mit dem Chef Karl Hafen.

SZ: Die IGfM sorgt sich um Menschenrechte. Gehört für Sie in Zukunft neben sozialistischen und islamischen Staaten auch das Privatfernsehen zu den Brutstätten von Unterdrückung und Gewalt?

Hafen: Menschenrechtsverletzungen gehen in der Regel vom Staat aus. Aber in der Sendung Glücksritter ist das Pfeilewerfen Gegenstand eines Massenspektakels, und die natürliche Hemmung vor Gewaltanwendung wird abgebaut. Die Zuschauer wurden gezwungen, zuzusehen, und das ist eine Erniedrigung. Das geht an die Menschenwürde, ist nahe an der Menschenrechtsverletzung.

Gezwungen, zuzusehen? Aber es muß doch niemand RTL einschalten …

Der Zuschauer zu Hause kann natürlich ausschalten. Aber der, der live in der Halle sitzt, kann nicht einfach weggehen.

Was hatten Sie denn erwartet, als Sie die Glücksritter eingeschaltet haben?

Ich habe die Sendung nur zufällig gesehen. Mein Sohn ist zehn und war fürchterlich erschrocken. Er guckte weg, meine Frau auch, die wollten das nicht anschauen. Ich aber war so schockiert, ich mußte das sehen. Ich habe meinen Sohn gefragt, was er meint, wenn diese Frau Kock am Brink sagt: „Bitte nicht nachmachen, dazu gehört jahrelanges Training.“ Seine Reaktion: „Ja, warum soll ich jetzt nicht damit anfangen?“ Wenn man sich vorstellt, daß Kinder auf dem Schulhof mit Dart-Pfeilen auf andere werfen …

Sie meinen, die Sendung verrohe die Jugend. Dann müssen Sie ja dauernd protestieren: Haben Sie mal Explosiv gesehen? Oder Bärbel Schäfer?

Im Wettstreit um Quoten werden immer spektakulärere Szenen eingesetzt, und das ist häufig mit Gewalt verbunden. Und Glückritter war ein ganz konkretes Beispiel, wo ein lebender Mensch als Zielscheibe eingesetzt wird. So etwas in einer Samstagabendsendung – das kann man doch überhaupt nicht entschuldigen. Das ist Gewaltbefürwortung!

Gibt es außer der Dart-Szene Kritik?

Frau Kock am Brink bietet Leuten Tausender an, wenn sie sich spontan für eine Sache entscheiden. Wenn sie das nicht können, wird es ihnen wieder aus den Händen genommen. Da wird die Gier nach schneller Befriedigung gefördert. Das ist für Kinder nicht geeignet, das sollen sie am späten Abend bringen. Auch die Sache mit den Dart-Pfeilen. Wenn der Mann Fakir ist, soll er das in geschlossenen Klubs machen. Oder sie sollen es wie Sex-Filme nach zwölf Uhr zeigen.

Eine Comicfigur aus Mönchengladbach macht Karriere

14 Dez 93
14. Dezember 1993
Süddeutsche Zeitung

Der Zeichner Walter Moers hat mit ‚Käpt’n Blaubär‘ einen Volltreffer gelandet, doch sein Held geht nun eigene Wege.

Walter Moers hat einen Alptraum: Irgendwann wird er als alter Mann im Rollstuhl von einer dicken blauen Comic-Figur verfolgt werden. Käpt’n Blaubär grinst ihm dann von Kaffeetassen und Postern entgegen, das Fernsehen wiederholt alte Käpt’n-Blaubär-Klassiker, Journalisten rufen ihn an und fragen zum xten Mal nach Käpt’n Blaubärs Entstehung. Und Moers wird mit Grausen zurückdenken an 1993 — das Jahr, in dem sich seine Figur, entfesselt von Verlagen und Marketingexperten, verselbständigte.

Vor vier Jahren hatte der 36jährige Zeichner seine Schöpfung noch fest im Griff. Für das Sandmännchen erfand er 13 Geschichten über den Seebären, der seinen drei Enkeln Lügengeschichten von seinen Weltreisen erzählt. Die Kreuzung aus Münch- und Entenhausen ergänzte er mit dem unglaublich doofen Leichtmatrosen Hein Blöd und Elementen des bösartigen Moersschen Humors, der auch den Comic-Helden „Das kleine Arschloch“ hervorbrachte.

Die Mischung kam an: Der WDR bestellte auf einen Schlag 104 Folgen, Käpt’n Blaubär zog aus einer schäbigen Sozialwohnung in eine ansehnliche Schiffskulisse und mit seinem Seemannsgarn in die „Sendung mit der Maus“. Nachdem nicht nur Kinder und komplette WDR-Redaktionen, sondern immer mehr erwachsene Zuschauer auf den Geschmack kamen und die fünfminütigen Trickfilme als Geheimtips entdeckten, durfte der füllige Märchenopa auch im Frühstücksfernsehen der ARD auftreten.

Jetzt macht der Blaubär weiter Karriere. Seit zwei Monaten öffnet er jeden Samstag um kurz nach neun in der ARD seinen ‚Club‘, eine eigene Show mit Kinderfilmen und Musikeinlagen und dem Puppenkollegen Hein Blöd sowie Lindenstraßen-Tanja-Schildknecht Sibylle Waury als Ko-Moderatoren. Parallel dazu läuft eine multimediale Marketing-Kampagne, die bislang einzigartig ist für eine Figur, die nicht in Hollywood, sondern in Mönchengladbach erfunden wurde. Zum Serienstart brachte Ravensburger auf einen Schlag sechs Rätsel- und Witzhefte mit Käpt’n Blaubär heraus, es wird große Comic- und kleine Bilderbücher, Videos und Hörspiele geben. Rund 20 Firmen in aller Welt stellen für die Merchandising- Tochter des Verlags mehr als hundert verschiedene Produkte her. Käpt’n Blaubär als Pyjama und Plüschtier, auf Tassen und Seifenblasen. Nur: Mit seinem schrägen Helden, schimpft Walter Moers, wird all das nichts mehr zu tun haben.

Seinem Helden? „Käpt’n Blaubär ist eine Ravensburger-Figur, die Walter Moers einmal erfunden hat“, stellt Verlagssprecherin Ulrike Hauswaldt die Rechtslage klar. Seit den Folgen in der „Maus“ hat der Zeichner alle Blaubär-Rechte an die Produzenten abgetreten — ein finanziell lukrativer Vertrag, den Moers heute bereut. Bei seiner anderen Kultfigur kann er mit seinem Veto verhindern, daß aus dem „Kleinen Arschloch“ einmal Kaffee getrunken wird. Die Entscheidung, ob man Käpt’n Blaubär und Hein Blöd als Wärmflaschenbezug kaufen kann, liegt allein beim Ravensburger Merchandising-Leiter Alwin Jeck. Und man kann.

Moers beschreibt sich selbst als „relativ skrupellos“, was die Vermarktung seiner Figuren in Form von diversem Schnickschnack angeht, „wenn es gut gemacht ist“. Viele Blaubär-Produkte stießen dagegen in den Bereich der „Kundenverarschung“ vor. Doch was Moers als „massiven Mist“ bezeichnet, ist für Alwin Jeck wirtschaftliche Notwendigkeit. Durch den Verkauf der Serie ins Ausland allein können die Kosten nach seinen Worten nicht gedeckt werden. „Merchandising“ ist gefragt. Immerhin soll der „Käpt’n-Blaubär-Club“ wegweisend für das öffentlich-rechtliche Kinderprogramm der Zukunft im Kampf gegen die Billigware der privaten Konkurrenz sein. Und dazu ist er bereits auf dem besten Weg. Der Käpt’n-Blaubär-Fanclub wächst und wächst; dem Bär, der das Blaue vom Himmel herunterlügt, huldigen am frühen Samstagmorgen im Schnitt eine halbe Million Zuschauer. Ein Hit auch unter Erwachsenen: Von den 10 000 Briefen, die pro Woche beim WDR eingehen, stammen etwa 750 von Volljährigen.

Schon für den Großauftrag vom WDR für die „Sendung mit der Maus“ mußte Walter Moers auf die Hilfe anderer Autoren zurückgreifen, um in einem knappen halben Jahr Blaubär-Folgen in einer Gesamtlänge von rund fünf abendfüllenden Spielfilmen produzieren zu können. Abnützungserscheinungen und „höllische Schwierigkeiten“ seien die Folge gewesen. Zufällig eine der schlechteren Blaubär- Folgen morgens im Fernsehen gesehen zu haben, sagt Moers, könne ihm immer noch den ganzen Tag versauen.

Mit dem heutigen Blaubär-Boom hat er nichts mehr zu tun — er verdient nur noch daran. „Schmerzensgeld“ nennt er seine Prozente von den Gewinnen. Dafür muß er alten Fans erklären, daß nur, wo Moers draufsteht, auch wirklich Moers drin ist. Und er muß mitansehen, wie seine Figur in immer neuen Mutationen erscheint. Je nachdem, welcher Zeichner auf der Welt für ein Produkt versucht hat, den Moersschen Stil zu kopieren, ist der Bär mal hell- und mal dunkelblau, mal leicht untersetzt oder mal richtig fett.

Es bleibt nicht bei äußerlichen Veränderungen. Nach den Worten von Uwe-Michael Gutzschhahn, dem zuständigen Redaktionsleiter bei Ravensburger, macht der Charakter einer Figur mit dem Erfolg zwangsläufig eine „marktkonforme Entwicklung“ durch. Und wenn ein Produkt in die „Maschinerie des Merchandising“ gerate, würden automatisch viele Formen ausgekostet, die nicht im Sinne des Erfinders seien. Vor allem die billigen Angebote, kleine Bücher, die als Mitbringsel dienen sollen, griffen nur ein Klischee der Figur auf. Der Blaubär, wie ihn Moers erfand, sagt Gutzschhahn, hatte einen viel weiteren Horizont.

Ein Bär wird zur Kultfigur. Ein Kult allerdings, der ohne Risiken und Nebenwirkungen anarchistisch angehauchten Humors auch konservative Eltern ansprechen soll. Wenn Walter Moers Pech hat — mit großem Erfolg.

David Copperfield

13 Sep 93
13. September 1993
taz

US-Magier David Copperfield erstmals auf Europatournee. Illusion oder Zauberei?

München (taz) — Der Mitteleuropäer von heute ist ein aufgeklärter Mensch und läßt sich so schnell nichts vormachen. Ist der US-Entertainer David Copperfield etwa wirklich der „größter Magier aller Zeiten“? Vielleicht für die TV-geschädigten Amis, aber hier doch nicht! Denn wenn man die Illusionen, die der 36jährige am vergangenen Freitag in München, erstmals in Europa, inszenierte, mit der nötigen kritischen Distanz verfolgt, wird man sicher einen Teil der Tricks erhaschen können. Wäre ja gelacht.

Da haben wir zum Beispiel die Nummer mit der Frau im wallenden roten Kleid, die er gerade auf die Bühne gezaubert hat und wohl folgerichtig von dort in Kürze wieder verschwinden lassen wird. Jetzt hält sie ein großes rotes Tuch zwischen sich und die Zuschauer. Klarer Fall, sie steht so dicht am verwirrend glitzernden Vorhang hinter der Bühne, daß sie sicher durch ein Schlupfloch nach hinten abtreten kann. Oha, sie entfleucht noch gar nicht, sondern schwebt plötzlich aufrecht in die Lüfte! Auch das läßt sich bestimmt durch irgendwelche Winden und versteckte Schnüre erklären — wo immer sie auch befestigt gewesen sein mögen, als Copperfield mit seiner Partnerin quer über die Bühne tanzte.

Aber jetzt rudert die schwebende Frau noch mit den Armen, und löst sich dann — nichts weniger als das — in Luft auf: Ihre Figur zeichnet sich mit einem Mal nicht mehr unter dem Stoff ab, das Tuch fällt haltlos in sich zusammen und leer auf den Boden.

Schritt für Schritt nahm David Copperfield Hunderten aufgeklärten Mitteleuropäern im Deutschen Theater in München die Sicherheit ihrer Rationalität. Er zersägt eine Jungfrau — längs. Er läßt eine Assistentin seinen Bauch und Rücken durchdringen und mitten durch seinen Körper kriechen. Er verwandelt sich in seine Partnerin am anderen Ende der Bühne und sie sich in ihn, und beide waren höchstens für eine Sekunde nicht zu sehen.

Dinge, die so offensichtlich unmöglich sind, daß dem Zuschauer der Gedanke an Magie mindestens so naheliegend erscheint wie der an raffinierte Tricks, er das Grübeln aufgibt und sich ganz aufs kindliche Staunen konzentrieren kann. Vor allem beim Fliegen.

Der Effekt ist jedesmal der gleiche, erklärt Copperfield nach der Vorstellung. Wenn er auf der Bühne abhebt und sich mit schwimmähnlichen Bewegungen durch die Luft zieht, denken die Leute noch an die Fünfzig-Tonnen-Technik und suchen nach Schlüsseln, die zumindest andeuten könnten, warum sie sehen, was nicht sein kann. Nach einigen Minuten aber, wenn der Künstler immer noch seine Bahnen zieht, Purzelbäume dreht, eine Frau aus dem Publikum auf dem Arm mit sich hinaufnimmt und selbst in einem geschlossenen Plexiglas-Aquarium weiterschwebt, lassen sie sich fallen und fliegen mit.

„Die Leute wollen eigentlich gar nicht wissen, wie es funktioniert“, meint der Meister. „Das Gefühl des Staunens ist viel wichtiger.“

Wenn Copperfield in Pulli und Jeans auf der Bühne steht, wirkt er fast wie der kleine David, der vor 25 Jahren anderen Kindern etwas vorzauberte, um beliebt zu werden. Trotz dreier Shows täglich und 500.000 Zuschauern allein während der kommenden Wochen in Deutschland, scheint er sich immer noch über jeden Trick zu freuen, mit dem er seine Träume wahr werden läßt, und über jede Überraschung, die seine Zuschauer begeistert. Aber vielleicht ist gerade dieses Gefühl, das er dem Publikum vermittelt, seine beste Illusion.