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Super-Symbolfoto (112)

von Boris Rosenkranz
24 Jun 15
24. Juni 2015

Bei „Focus Online“ suchen sie Symbolfotos mit Liebe aus.

Screenshot "Focus Online" 24.6.2015

Nachtrag, 27. Juni. „Focus Online“ hat das Foto ausgetauscht.

Gefunden: Die Frau, die schuld ist, dass die Euro-Krise nicht gelöst wird

22 Jun 15
22. Juni 2015

Die „Welt“ schreibt, dass die französische Zeitung „Le Canard enchaîné“ schreibt, dass Gesprächspartner des französischen Staatspräsidenten François Hollande sagen, dass François Hollande sagt, dass der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras sagt, dass er, wenn er den Forderungen der Gläubiger seines Landes zu sehr nachgibt, nicht nur seine Partei, sondern auch seine Partnerin verlieren wird.

Die „Welt“ ist sich nicht sicher, ob Tsipras das wirklich gesagt hat, und wenn er das gesagt hat, ob es nicht womöglich im Scherz war. (Man kann sich das ja gut dahingesagt vorstellen, so im Smalltalk: „Jaha, nee nee, das ist nicht nur wegen meiner Partei undenkbar, sondern auch wegen meiner Frau.“) Aber all das ist natürlich kein Grund, aus der Sache keine große Sache zu machen. Und so erschien am Freitag prominent auf „Welt Online“ eine ausführliche Analyse der Lage aus der Wirtschaftsredaktion des Blattes:

Das ist doch immerhin mal ein neuer Aspekt in der Griechenland-Krisen-Berichterstattung, die sich ansonsten seit Wochen, Monaten, Jahren in einer Dauerschleife zu befinden scheint. Und es bedient in ganz wunderbarer Weise ein Klischee von der bösen linken Frau, die ihrem Mann sagt, was er zu tun hat. Es erklärt auch, warum Tsipras so unnachgiebig ist, was deutsche Journalisten sonst kaum erklären können: Es ist letztlich keine politische Frage, kein rational zu erklärendes Vorgehen im Interesse seines Landes oder wenigstens seiner Partei, sondern eine private Geschichte. Und die Frau ist erstens stramm links, also eine verblendete Ideologin, und zweitens eine Frau, neigt also naturgemäß schon zu Irrationalität. Endlich ist eine Erklärung gefunden, warum die Verhandlungen mit Griechenland nicht voran gehen.

Aber folgen wir doch den Erläuterungen von „Welt“-Wirtschaftsredakteur Klaus Geiger. Der erklärt uns, dass Tsipras‘ Lebensgefährtin Betty Baziana eigentlich gar nicht die Öffentlichkeit sucht.

Nun aber steht die studierte Elektro– und Computeringenieurin doch im Zentrum der Aufmerksamkeit, gegen ihren Willen, darf man vermuten. Zu verdanken hat sie das Frankreichs Präsident François Hollande. Der hat Brisantes über die politische Gemengelage des Paares Tsipras/Baziana erfahren, zumindest wenn man dem französischen Satire– und Enthüllungsmagazin „Le Canard Enchainé“ glaubt, das für gewöhnlich exzellent informiert ist.

Dort wird Hollande mit den Worten zitiert, Tsipras habe ihn informiert, „dass, wenn er den Forderungen der Troika zu sehr nachgibt, er nicht nur seine Partei, sondern auch seine Partnerin verlieren werde“. Denn die sei „eine Hardlinerin und steht weit links von ihm“.

„Brisant“!

Wenn Tsipras diese Worte tatsächlich gesagt hat, hat er es dann im Scherz gemeint? Oder war es sein voller Ernst, dass bei den Euro-Verhandlungen seine Partnerschaft auf dem Spiel steht? Das bleibt offen.

In der Tat. Der Artikel endet hier trotzdem nicht, sondern geht weiter:

Die Vorstellung aber, dass Betty Baziana im Hause Tsipras die politischen roten Linien zieht, klingt jedenfalls nicht abwegig, nach allem, was über Tsipras‘ Partnerin bekannt ist.

Dass es, selbst wenn das kolportierte Zitat von Tsipras stimmt, dieselben „roten Linien“ sind, die auch seine Partei vorgibt, ist irgendwie jetzt unter den Tisch gefallen. Aber wer würde schon über eine Partei schreiben, wenn er über eine Frau schreiben kann?

Denn Betty Baziana, deren Taufname eigentlich Peristera lautet, gilt als die Frau, die Alexis Tsipras erst zu einem stramm linken Politiker gemacht hat. Die ihm schon zu Schulzeiten jene Ideen nahegebracht hat, mit denen er zwei Jahrzehnte all jene Menschen begeisterte, die sich von den Herrschenden des Landes enttäuscht und von den Euro-Partnern gedemütigt fühlten.

Die Frau ist, kurz gesagt, an allem schuld, erst die Verführung des Mannes, nun die Erpressung, unter der ein ganzer Kontinent leidet. Das ist fast schon biblisch!

Tsipras und Baziana sind etwa gleich alt, lernten sich in der Schule kennen und lieben. Tsipras soll, als er Baziana begegnete, an Sport weit mehr interessiert gewesen sein als an Politik. Baziana war es demnach, die schon damals ein sehr politischer Mensch gewesen sein soll.

Tsipras könnte heute Sportler sein! Marathonläufer oder Diskuswerfer! Was wäre uns (im Sinne von: Angela Merkel und Wolfgang Schäuble) alles erspart geblieben!

Ob tiefe Überzeugung oder politisches Kalkül – heute jedenfalls tut das Paar alles, um den Anschein eines luxuriösen oder auch nur bürgerlichen Lebensstils zu vermeiden. Zunächst: Tsipras und Baziana haben nie geheiratet – ein Affront für das konservative griechische Establishment, aber nicht unpopulär bei jungen Wählern.

Skandal!

Und sie leben bis heute in Verhältnissen, die für eine Premiers-Familie äußerst bescheiden anmuten. Die Villa Maximos, den traditionellen Sitz des griechischen Premiers, meidet das Paar. Sie blieben in einem simplen Apartmentblock, mit ihren beiden Söhnen im Kindergartenalter.

Sympathisch, aber sind wir womöglich ein bisschen vom Thema abgekommen?

Ansonsten gibt es nur jene unbestätigten Informationen zum Privatleben des Paares, die aus dem Umfeld von Tsipras verlauten.

Ah, dann endet der Artikel sicher hi– ach nee:

Was daran stimmt, was politisch kalkuliert durchsickert, ist schwer zu sagen. Was man hört, lässt Tsipras jedenfalls in bestem Licht erscheinen: Man esse gerne zusammen zu Hause, am liebsten mit engen Freunden, wird oft kolportiert, der Vater lese trotz seines engen Euro-Krisen-Terminplans den Söhnen eine Gutenachtgeschichte vor, wann immer es gehe.

Wahnsinnig interessant. Und womöglich, wie die „Welt“ einräumt, gar nicht zutreffend. Man weiß anscheinend nicht mal, ob die Frau auch bestimmt, was es zu essen gibt, welche Freunde kommen, welche Gutenachtgeschichten gelesen werden. Sind es linke Gutenachtgeschichten? Leben die Herrscher in ihnen auch nicht in irgendwelchen Villen, sondern in schnöden Hochhäusern, nachdem die Frau ihren Mann mit Politik vom Sport weggelockt hat?

(…) Betty Baziana selbst kümmert sich demnach vor allem um Haus und Kinder, angeblich arbeitet sie aber auch sporadisch noch in der Computerbranche.

Angeblich! Sporadisch!

Sieht man sie an der Seite ihres Mannes, so wirkt die Frau mit den schulterlangen dunklen Haaren ruhig, fast schüchtern. Sie hält sich diskret abseits, wenn ihr Mann mit dem charmanten Tsipras-Lächeln auf die Menschen zugeht, Hände schüttelt und freundliche Worte austauscht.

Hammer. Aber gleich kommen bestimmt noch die weiteren Hinweise, dass die Frau ihrem Mann die „roten Linien“ vorgibt und somit eine Einigung mit den Gläubigern verhindert.

Auch ihren Kleidungsstil hat Betty Baziana nicht geändert, seit sie an der Seite des Premiers steht. Das hatte ihr das französische Modemagazin „Vogue“ nahegelegt, nach der Amtsübernahme ihres Mannes. Sie solle doch die vielen Farben und großen Aufdrucke ihrer Kleider aufgeben. Zu einer raffinierten Farbpalette und zu klaren Schnitten wurde ihr geraten.

Zu Kleidung, die man häufig tragen könne, wie die der amerikanischen First Lady Michelle Obama oder von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Äh, ist das nicht ein bisschen Quatsch, wenn die Frau eh fast nie öffentlich zu sehen ist? Ah, der „Welt“-Redakteur hat aufgepasst:

Nur dass sich die „Vogue“ da doppelt täuschte in Betty Baziana. Erstens braucht eine Premiers-Partnerin, die fast nie öffentlich zu sehen ist, natürlich überhaupt keine Garderobe, die häufig getragen werden kann. Und selbst wenn – die „Vogue“ wäre wohl die letzte Publikation, von der Baziana solche Ratschläge annehmen würde.

Aber schön, dass wir drüber geredet haben.

Man könnte jetzt noch fragen, ob das Privatleben einer Frau, die sich so sehr aus der Öffentlichkeit fernhält, wirklich von den Medien erörtert werden muss. Andererseits hat die Wirtschaftsredaktion der „Welt“ ja den perfekten Vorwand gefunden, durch den die Berichterstattung legitim wird: den Verdacht, dass die Frau ihren Mann aus dem Schutz der Nichtöffentlichkeit politisch steuert und schuld ist, dass sich in den Verhandlungen nichts bewegt.

Die „Huffington Post“ empfahl den „Welt“-Artikel mit der Zeile: „Sie ist die derzeit zweitmächtigste Frau Europas — und sie könnte die Eurokrise entscheiden“.

Wie George W. Bush nicht über den „Spiegel“ lachte

21 Jun 15
21. Juni 2015

Irgendwie sind sie stolz beim „Spiegel“. Denn auf Fotos, die jetzt veröffentlicht wurden, sieht man den George W. Bush im Weißen Haus, wie er mit seinem Vize Dick Cheney über einen „Spiegel“-Titel lacht.


Quelle: U.S. National Archives

Aber irgendwie ist der auch doof, der Bush. Denn der amerikanische Präsident kam in dem Heft damals „denkbar schlecht weg“, wie „Spiegel Online“ verblüfft feststellt.

Der SPIEGEL-Titel vom 27. Oktober 2008 zeigt einen schwer angeschlagenen George W. Bush in Rambo-Outfit, den Arm in einer Patronenschlinge, die linke Hand auf einer Maschinenpistole abgestützt. Hinter ihm steht sein missmutig dreinblickender Vizepräsident Dick Cheney, hinter diesem wiederum eine amazonenhafte Außenministerin Condoleezza Rice mit zerborstenem Schwert.

Ein desolates Panorama mit eindeutig negativer Botschaft. In dem Artikel „Ende der Vorstellung — Die Bush Krieger“ ging es um den misslungenen Feldzug der Vereinigten Staaten gegen „das Böse“. Vertreter der Bush-Regierung hatten im Vorfeld selbst gravierende Fehler im Irak-Krieg zugegeben.

Hunderttausende Iraker und Tausende US-Soldaten starben in dem Krieg, der die Region nachhaltig destabilisierte. Doch Bush-Junior scheint sich wider Erwarten beim Betrachten der Illustration prächtig amüsiert zu haben.

Bloß: Das ist gar nicht der beschriebene „Spiegel“, den Bush auf dem Foto in der Hand hält. Das Titelbild von 2008 griff ein Titelbild von 2002 wieder auf, als die „Bush-Krieger“ noch gar nicht „schwer angeschlagen“ und „völlig abgehalftert“ dargestellt wurden, sondern wild entschlossen, in Saft und Kraft. Statt der Zeile „Ende der Vorstellung“ stand auf dem „Spiegel“-Titel „Amerikas Feldzug gegen das Böse.“

2002:

2008:

Dieser Titel von 2002 wird im „Spiegel Online“-Artikel auch erwähnt. Aber der anonyme Autor hat unerklärlicherweise nicht gemerkt, dass es das Cover dieses Heftes ist, das Bush amüsiert in der Hand hält. Kein Wunder: Das Foto ist aus dem Jahr 2002.

[entdeckt von Mathias Schindler]

Nachtrag, 21:30 Uhr. „Spiegel Online“ hat sich korrigiert — und entsprechend den ganzen Artikel umgeschrieben.

Folge 3911 der Serie „Der irre Varoufakis“ ist eine Wiederholung

20 Jun 15
20. Juni 2015

Es muss, um es mit dem Online-Liveticker des Nachrichtensenders n-tv zu sagen, ein wirklich denkwürdiges Treffen der Euro-Finanzminister gewesen sein am Donnerstag:

Zumindest, wenn man einem Bericht der

Die Kollegen vom Online-Liveticker des „Focus“ finden es fast schon nicht mehr denkwürdig in seiner Denkwürdigkeit:

Der Auftritt von Janis Varoufakis beim Treffen der Finanzminister scheint einem Bericht der

Und so steht es auch in der „Welt“, auf die sich „Focus Online“ und n-tv.de beziehen. Jedenfalls im Vorspann und auf der Startseite:

Athens Reformliste ist eine Sammlung von Stichworten. Mit einem Kamerateam im Schlepptau und einer 30-minütigen Rede erschien Janis Varoufakis beim Finanzministertreffen. Doch seine Vorschläge reichen den Euro-Kollegen nicht. Sie setzen ihm eine Frist.

Im Artikel selbst zeigt dann aber eine interessante Sollbruchstelle:

Der griechische Finanzminister Janis Varoufakis schätzt es, Licht in die Treffen der Amtskollegen zu bringen, die doch eigentlich hinter verschlossenen Türen stattfinden. Zu seinem ersten Treffen mit den Finanzministern der Euro-Gruppe erschien er Schilderungen zufolge mit einem Kamerateam im Schlepptau, was ihm eine Rüge von Euro-Gruppe-Chef Jeroen Dijsselbloem einbrachte. Und wie man hört, neigt er zu langen Reden in dem Gremium.

So auch am Donnerstag. …

Da steht genau genommen gar nicht, dass Varoufakis jetzt ein Kamerateam mitbrachte, sondern dass er das bei „seinem ersten Treffen mit den Finanzministern“ tat. Der „Welt“-Korrespondent hat das nur nochmal erzählt, um zu illustrieren, was für ein bizarrer Typ dieser Varoufakis ist (neigt zu langen Reden!), der Dinge gern für die Öffentlichkeit dokumentiert, wie er das auch diese Woche tat, indem er seinen Redetext „auf seinem Internetblog“ veröffentlichte.

Tatsächlich ist die Geschichte mit dem Kamerateam alt. Am 17. Februar, vor über vier Monaten also, berichtete dpa:

Der forsche Stil der neuen griechischen Regierung sorgte beim Eurogruppen-Treffen für reichlich Irritationen. Als Varoufakis erst eine halbe Stunde nach Verhandlungsbeginn den Raum betrat, sprach gerade der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi. Varoufakis platzte nach Angaben aus Verhandlungskreisen mit einem Kameramann im Schlepptau ins Zimmer — der dann zügig herauskomplimentiert wurde.

Oder in der Schilderung der „Stuttgarter Zeitung“ von damals:

Zu Sitzungsbeginn um 15 Uhr, berichten Diplomaten übereinstimmend, fehlte die Hauptperson. Als der griechische Kollege Giannis Varoufakis auch nach einer halben Stunde noch nicht erschienen war, weil er die Ergebnisse seiner Vorgespräche mit Premier Alexis Tsipras besprach, fing die Runde ohne ihn an. Athens Vertreter betrat erst um 15.58 Uhr den Saal, entgegen den Gepflogenheiten verfolgt von einem Kameramann. Sitzungspräsident Jeroen Dijsselbloem musste den gerade redenden Zentralbankchef Mario Draghi unterbrechen und Varoufakis darum bitten, den Fernsehmenschen abzuschütteln. „Das kam gar nicht gut an“, berichtet einer, der die Sitzung verfolgen konnte. Dann habe Varoufakis „wieder nur lange geredet, statt endlich etwas Konkretes auf den Tisch zu legen“.

Der „Welt“-Korrespondent hat gestern einfach die alte Geschichte noch einmal erzählt, und in der Redaktion haben sie nicht gemerkt, dass das eine alte Geschichte ist und sie als neue Geschichte verkauft, und in den Newsticker-Abteilungen von n-tv.de und „Focus Online“, wo man vermutlich ohnehin nicht viel merkt, wurde das gleich ein aufregender neuer Punkt.

Und bei „Focus Online“ haben sie bei der Gelegenheit noch Varoufakis‘ Äußerung, das einzige Gegenmittel gegen „Propaganda und bösartige Informationslecks“ sei Transparenz, die sich auf die Veröffentlichung des Redetextes in seinem Blog bezog, in den falschen Kontext mit dem Kamerateam gestellt.

Nur ein weiteres, winziges falsches Detail in der besinnungslosen Berichterstattung über die Griechenland-Krise. Falls es Ihnen also so vorkommt, als würde seit Monaten immer wieder dasselbe vermeldet, kann es auch daran liegen, dass es tatsächlich so ist.

Der neue „‚Netflix‘-Journalismus“ des „Stern“

19 Jun 15
19. Juni 2015

Die neue Gestaltung des Angebots und die neue Technik stärken das redaktionelle Profil von stern online. Wir wählen weiterhin aus der gesamten Themenbreite der stern-Welt aus, konzentrieren uns jedoch auf das Thema des Tages und beleuchten dieses in mehreren Artikeln von allen Seiten; eine Art „Netflix“-Journalismus, bei dem Sie seriell informiert werden.

(„Alles neu bei stern online“)

Tatsache: