Börsenturbulenzen: Geht jetzt die Welt unter? Oder doch nur der ARD-»Brennpunkt«?

Man kann nur hof­fen, dass die Bericht­er­stat­tung über die Apo­ka­lypse bei der ARD nicht in die Zustän­dig­keit des Hes­si­schen Rund­funks fällt. Allein der Gedanke, dass Chef­re­dak­teur Alois Thei­sen es sich natür­lich nicht neh­men las­sen würde, die Welt per­sön­lich arme­ru­dernd abzu­mo­de­rie­ren, sich dabei voll­stän­dig auf die Kom­pe­tenz eines ein­zi­gen Reiter-Experten ver­las­sen müsste, der dann aber auf­grund ander­wei­ti­ger Ver­pflich­tun­gen doch nicht ins Stu­dio käme, so dass der ent­spre­chende »Brenn­punkt« ohne jede Gewiss­heit endete, ob sich der Kauf eines Apfel­bäum­chens lohnt oder ein Paar Gum­mi­stie­fel reicht…

Am Mon­tag sind, wie erwar­tet, die Kurse an den Bör­sen ein­ge­bro­chen. Die ARD nahm des­halb nach der »Tages­schau« einen vier­tel­stün­di­gen »Brenn­punkt« mit dem Titel »Tur­bu­len­zen an den Finanz­märk­ten« ins Pro­gramm, der damit endete, dass Alois Thei­sen noch ein­mal kon­kret zusam­men­fasste, wel­che Fra­gen von die­ser Son­der­sen­dung nicht beant­wor­tet wurden:

»Wie wirkt sich das auf die Betriebe aus, der Kurssturz?

Was bedeu­tet das für unsere Arbeitsplätze?

Kommt jetzt die ganz große Krise der Weltwirtschaft?

Bricht viel­leicht am Ende das Welt­wirt­schafts­sys­tem zusammen?«

Die Ant­wor­ten, sagte Thei­sen und ent­schul­digte sich dafür, musste sein »Brenn­punkt« den Zuschau­ern schul­dig bleiben.

Die ein­zige Frage, die die Sen­dung tat­säch­lich beant­wor­tete, lau­tete: Kommt Tho­mas Mayer, der Chef­volks­wirt der Deut­schen Bank, der von der Redak­tion offen­bar man­gels eige­ner Fach­kennt­nisse aus­er­ko­ren war, all diese Fra­gen zu beant­wor­ten, noch im Laufe der Sen­dung zu Thei­sen ins Studio?

Die Ant­wort: Er kam nicht.

Der »Brenn­punkt« hatte mit einem Film­be­richt begon­nen, in dem ein Frank­fur­ter Bör­sen­mak­ler die Kurve des Dax in ver­schie­dene Meta­phern über­setzte. »Ich bin seit heute Anhän­ger von Sebas­tian Kneipp », begann er, »Wech­sel­bä­der kalt und warm.« (Lacher, Bei­fall oder ein när­ri­sches Tätää wur­den nicht ein­ge­spielt.) Der Mann fügte hinzu: »Es begann sehr posi­tiv, weiß, dann wird es etwas schwie­ri­ger in den Märk­ten, grau, und zum Schluss muss man sagen, ist es dann doch noch ein schwar­zer Mon­tag gewor­den.« Schön, dass einem end­lich mal jemand diese kom­plexe Far­ben­me­ta­pho­rik erklärt hat.

Der Bericht endete mit einer Art Ent­war­nung. Der Spre­cher sagte: »Es gilt die alte Bör­sen­weis­heit: Der Bulle schlägt den Bär — auf lange Sicht geht’s wie­der nach oben.«

Im Anschluss setzte sich Alois Thei­sen ans Steuer des auf Hoch­tou­ren lau­fen­den mobi­len Bil­der­ge­ne­ra­tors: »Die Krise kam nicht mit einem gro­ßen Knall. Sie schleicht auf lei­sen Soh­len.« Dann erklärte er, dass die nega­tive Kurs­ent­wick­lung eigent­lich gar nicht der Lage der brum­men­den deut­schen Wirt­schaft und ins­be­son­dere der Auto­mo­bil­in­dus­trie ent­spre­che (»Die Auf­trags­bü­cher sind voll«).

Es hätte ein Film dar­über fol­gen sol­len. Aber er kam nicht. Nach eini­gen Sekun­den sagte Theisen:

»So, und der Bei­trag liegt noch nicht vor. Es ist heute ganz hek­tisch. Unser Gesprächs­part­ner, den wir hier im Stu­dio haben woll­ten, den Chef­volks­wirt der Deut­schen Bank, Tho­mas Mayer, ist auch noch nicht ein­ge­trof­fen. Das ist Wahr­schein­lich den Auf­ge­regt­hei­ten, Ner­vo­si­tä­ten des Tages geschul­det. Wir hof­fen noch.«

Zum Glück saß in New York schon die Kor­re­spon­den­tin Anja Brö­ker im ARD-Studio bereit, die Thei­sen kör­per­sprach­lich enga­giert fragte, ob der Dow Jones immer noch wei­ter nach unten rut­sche oder es ein Hal­ten gebe. Sie hatte keine­lei Hoffnung.

Nun wie­der Theisen:

»Ja, und äh, was sagen denn die Fach­leute an der New Yor­ker Bör­ser, ist jetzt sozu­sa­gen die Schul­den­krise der Staa­ten, ist die jetzt in der rea­len Wirt­schaft ange­kom­men? Hat sich die Wirt­schaft mit dem Bazil­lus infiziert?«

Das ist mal ein ori­gi­nel­les Bild, das viel­leicht ein klit­ze­klei­nes Biss­chen dar­un­ter lei­det, dass die die, äh, Erkäl­tung der Staa­ten nicht zuletzt daher rührt, dass sie so auf­op­fe­rungs­voll alles dafür getan haben, die schwer ver­kühlte Wirt­schaft dick ein­zu­pa­cken, und dafür die eige­nen Män­tel und Schals opferte.

(Frau Brö­ker wies Herrn Thei­sen gedul­dig dar­auf hin, dass es der ame­ri­ka­ni­schen Wirt­schaft sehr schlecht geht und sie sich nur extrem lang­sam erholt.)

In der Zwi­schen­zeit war offen­bar der Bei­trag über die deut­sche Wirt­schaft fer­tig­ge­wor­den, und Thei­sen unter­strich deren »Brum­men« noch ein­mal mit einer Becker­schen Dop­pel­faust. Wort– und zah­len­reich beschrieb der Film, wie unfass­bar blen­dend es der deut­schen Auto­in­dus­trie gehe und wie unge­recht es ange­sichts des­sen sei, dass gerade deren Unter­neh­men beson­ders stark an der Börse verlören.

Zurück zu Alois Theisen:

»Ja, ist das alls nur Panik? Hat es mir der Wirk­lich­keit nichts mehr zu tun? Das würde ich jetzt gerne fra­gen Tho­mas Mayer, den Chef­volks­wirt der deut­schen Bank, der eigent­lich zuge­sagt hatte, heute Abend hier bei uns zu sein. Noch ist er nicht ein­ge­trof­fen. Viel­leicht es ein Stau. Wir hof­fen noch.«

Statt­des­sen erin­nerte er die Zuschauer an den Beginn der Krise, den »ver­schlei­er­ten Bank­rott« Grie­chen­lan­des und die Poli­ti­ker, die durch »Zau­dern, Zögern und einen wir­ren Zickzack-Kurs« in den Augen vie­ler Men­schen zu »Ver­sa­gern« gewor­den seien. Immer­hin habe sich die Krise um den Euro und die Staats­an­lei­hen der hoch­ver­schul­de­ten euro­päi­schen Län­der dank des Ein­schrei­tens der Euro­päi­schen Zen­tral­bank nicht wei­ter ver­schärft, sagte Thei­sen, ein »klei­ner Licht­blick an einem trü­ben Tag« — und eine wei­tere Meta­pher im Bild:

»Sind es nur Krat­zer an der Ober­flä­che? Oder ist der Euro auch in sei­nem Kern beschädigt?«

Zurück zu Theisen:

»Ja, ist das heute die Trend­wende in der Schul­den­krise oder nur eine Atem­pause? (…) Die Märkte haben trotz des Licht­blicks bei den Staats­an­lei­hen die Aktien wei­ter auf Tal­fahrt geschickt. Glau­ben sie den Poli­ti­kern nicht mehr?«

Tho­mas Mayer, der all das hätte beant­wor­ten sol­len, war immer noch nicht im Stu­dio auf­ge­taucht, aber irgend­je­mand hatte nun offen­sicht­lich ent­schie­den, dass er es ver­mut­lich in den rest­li­chen fünf Minu­ten Sen­de­zeit auch nicht mehr tun würde, und so zeigte der »Brenn­punkt« zwei Sätze, die Mayer vor­her schon zum Thema in die Kame­ras des HR gesagt hatte.

Dar­auf Theisen:

»Ja, lei­der müs­sen wir ihnen wei­tere Ant­wor­ten von Tho­mas Mayer schul­dig blei­ben. Er ist wei­ter nicht ein­ge­trof­fen neben mir.«

Und so musste Frau Brö­ker in New York noch­mal ran und wurde von Thei­sen ein­fach noch­mal das­selbe gefragt:

»Was sagen denn die Exper­ten an der Börse? Rutscht es heute noch wei­ter ab? Oder kann man davon sagen, die Börse in New York hat sich gefan­gen? Die Kurse geben nicht wei­ter nach? Haben wir am Ende des Tages viel­leicht einen klei­nen Lichtblick?«

Frau Brö­ker hatte auch jetzt keine auf­mun­tern­dere Ant­wort als fünf Minu­ten zuvor. Und so ver­ab­schie­dete sich Thei­sen mit der oben zitier­ten Auf­zäh­lung sämt­li­cher Fra­gen, die die­ser »Brenn­punkt« offen las­sen musste, weil der einige Mensch auf der Welt, der sie nach Ansicht des Hes­si­schen Rund­funks hätte beant­wor­ten kön­nen, nicht ins Stu­dio gekom­men war. Und fast möchte man diese Art von Jour­na­lis­mus loben, der nicht vor­gibt, Ant­wor­ten zu ken­nen. Aber es wäre doch schön gewe­sen, sich wenigs­tens mit den Fra­gen beschäf­tigt zu haben.

Elmar Theveßen und der »saubere Journalismus« der Terrorismusexperten

Elmar The­veßen, der vom ZDF ernannte »Ter­ro­ris­mus­ex­perte«, hat sich in einem ZDF-Blog über »selbst­er­nannte Fern­seh­kri­ti­ker« beschwert, die von sei­nen Auf­trit­ten am Frei­tag nach den Anschlä­gen in Nor­we­gen nicht beein­druckt waren. Sie wür­den sich »Gesag­tes für einen flo­cki­gen Arti­kel gern ein wenig zurecht­bie­gen«, meint The­veßen. Da ich in der »Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung« einen Arti­kel geschrie­ben habe, in dem The­veßen eine pro­mi­nente nega­tive Rolle ein­nimmt, fühle ich mich ein­fach mal angesprochen.

The­veßen wider­spricht der Kri­tik, sich vor­schnell auf einen isla­mis­ti­schen Hin­ter­grund fest­ge­legt zu haben. Er schreibt:

Tat­säch­lich waren die nor­we­gi­schen Sicher­heits­be­hör­den am Frei­tag ziem­lich über­zeugt, dass Isla­mis­ten hin­ter den Anschlä­gen steckten (…).

Des­halb war die Arbeits­hy­po­these der Behör­den in Nor­we­gen — Isla­mis­mus — ein­deu­tig, ohne andere Mög­lich­kei­ten aus­zu­schlie­ßen: Orga­ni­sier­tes Ver­bre­chen, Rechtsx­tre­mis­mus, Amok­läu­fer. Genauso haben wir am Frei­tag berich­tet und dabei Quel­len genannt, Fak­ten von Ver­mu­tun­gen getrennt und auch die ande­ren mög­li­chen Täter­grup­pen besprochen.

Schön wär’s gewe­sen. Im Gespräch mit The­veßen in der »heute«-Sendung um 19 Uhr kam die Mög­lich­keit, dass es sich nicht um Isla­mis­ten han­delt, mit kei­nem Wort vor:

Petra Gers­ter: Bei mir im Stu­dio ist jetzt Elmar The­veßen, unser Terrorismus-Experte. Elmar, wer könnte denn über­haupt als Urhe­ber für diese Tat in Frage kommen?

The­veßen: Wir hat­ten heute am Nach­mit­tag Kon­takt mit nor­we­gi­schen Sicher­heits­be­hör­den. Und diese Behör­den gehen davon aus, dass Al-Qaida oder isla­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten hin­ter die­sen Anschlä­gen ste­cken. (…) Das sieht auch nach Sicht der Behör­den nach einer orga­ni­sier­ten Ter­ror­welle in Nor­we­gen aus. (…) Wir wis­sen, dass ein füh­ren­der Hass­pre­di­ger in Nor­we­gen seit vie­len Jah­ren resi­diert. Und wir wis­sen auch, dass in der isla­mis­ti­schen Szene in Nor­we­gen die Betei­li­gung an den Angrif­fen in Libyen in den ver­gan­ge­nen Mona­ten sehr viel Hass und Ärger und Wut ver­ur­sacht haben.

Auch das »heute jour­nal«, das um 22 Uhr begann, ging von einem isla­mis­ti­schen Hin­ter­grund aus. Daran lie­ßen schon die ein­lei­ten­den Worte von Mode­ra­to­rin May­brit Ill­ner kei­nen Zweifel:

Ill­ner: Das ist ein bit­te­rer Tag für Nor­we­gen, und ein bit­te­rer Tag für Europa. Der Ter­ror ist zurück.

Das Gespräch mit The­veßen ver­lief dann so:

Ill­ner: Und bei uns im Stu­dio ist jetzt Elmar The­veßen, der ZDF-Terrorismusexperte. Elmar, die Poli­zei hat gerade bestä­tigt, dass diese bei­den Taten in einem Zusam­men­hang ste­hen. Macht das die Suche nach dem Täter oder den Tätern leichter?

The­veßen: (…) Inso­fern [ist es] völ­lig mög­lich, dass ein ein­zel­ner Täter beide Taten ver­übt hat. Das heißt noch nicht, dass er nicht Hel­fer und Unter­stüt­zer hatte. Die Poli­zei sagte auch, dass man davon aus­geht, dass es sich bei die­sem Mann um einen Nor­we­ger han­delt, einen Mann nor­di­schen Aus­se­hens auch, und das nährt natür­lich den Ver­dacht, dass es sich um eine lokale, ört­li­che Gruppe han­deln könnte. Das hat auch die Poli­zei gesagt, ohne aber detail­liert dann zu sagen, ob es auch isla­mis­ti­sche Kreise inner­halb des Lan­des sein kön­nen oder poli­tisch ori­en­tierte Grup­pie­run­gen — inter­na­tio­nal orga­ni­sier­ter Ter­ro­ris­mus scheint zuneh­mend unwahrscheinlich.

Ill­ner: Und den­noch gibt es ja ein Bekennerschreiben.

The­veßen: Ja. Es gibt ein Beken­ner­schrei­ben. Das ist eine Gruppe, die sich auf den ein­schlä­gi­gen Foren im Inter­net zu Wort gemel­det hat, eine isla­mis­ti­sche Gruppe, deren Namen man bis­her nicht kannte. Und die bekennt sich zu die­sen Anschlä­gen. Sie behaup­tet, dass sie zu tun hät­ten mit den nor­we­gi­schen Sol­da­ten, die in Afgha­nis­tan Dienst leis­ten, und auch mit Belei­di­gun­gen gegen den Pro­phe­ten. Das heißt, es wurde zumin­dest der Ein­druck erweckt, dass ein isla­mis­ti­scher Hin­ter­grund da ist. Das ist auch nach wie vor nicht aus­ge­schlos­sen. Die Poli­zei gibt keine wei­te­ren Details zum Täter der­zeit bekannt, und inso­fern muss man die Ermitt­lun­gen abwarten.

Ill­ner: In bei­den Fäl­len erscheint es ein geziel­ter Angriff auf die nor­we­gi­sche Regie­rung zu sein, also muss man poli­ti­sche Gründe vermuten?

The­veßen: Davon geht die Poli­zei auch nach jet­zi­gem Stand aus, dass es eher poli­ti­sche Gründe hat. Das könnte einer­seits natür­lich Isla­mis­mus sein, der Ein­satz in Afgha­nis­tan bei­spiels­weise, die mas­sive Betei­li­gung Nor­we­gens an den Luft­an­grif­fen in Libyen bei­spiels­weise, im Rah­men der Nato-Einsätze, das alles hat in Islamisten-Kreisen für jede Menge Hass und Ärger gesorgt. Einer der füh­ren­den Hass­pre­di­ger der Isla­mis­ten in Nor­we­gen sel­ber ist vor zwei Wochen ange­klagt wor­den, hat wüste Dro­hun­gen gegen die Regie­rung aus­ge­sto­ßen. Aber es gibt offen­bar auch andere Berei­che in der Gesell­schaft, die wegen einer Poli­tik in der Welt auch mas­siv Wut und Ärger emp­fin­det über die Poli­tik die­ser Regie­rung, auch da aus die­sem Umfeld. Man will es nicht genauer qua­li­fi­zie­ren, Rechts­ex­tre­mis­mus mög­li­cher­weise, da ist die Poli­zei sehr vor­sich­tig, aber auch aus die­sem Umfeld wären sol­che Angriffe vorstellbar.

Ill­ner: Die letzte große Ter­ror­welle hat es in Schwe­den im letz­ten Jahr gege­ben. Nun Nor­we­gen. Warum kon­zen­triert sich das auf Skan­di­na­vien, wenigs­tens möchte man den Ein­druck haben?

The­veßen: Naja, momen­tan sagt die euro­päi­sche Poli­zei­be­hörde, kon­zen­triert es sich in der Tat auf Skan­di­na­vien. Wir hat­ten einen Anschlags­ver­such in Stock­holm, wir hat­ten Fest­nah­men in Nor­we­gen. Wir hat­ten eine Fest­nahme auch in Kopen­ha­gen. Isla­mis­ten gerade in die­sen Län­dern sind sehr stark, fin­den frucht­ba­ren Boden, um junge Leute zu rekru­tie­ren. Aber, und hier liegt das große Fra­ge­zei­chen, es ist eben nicht klar, ob es Isla­mis­ten­kreise waren, die hin­ter die­sen schreck­li­chen Atta­cken heute stecken.

The­veßens Thema an die­sem Tag ist: Isla­mis­mus. Jedes­mal, wenn das Gespräch für einen Moment auf eine der ande­ren Mög­lich­kei­ten schwenkt, bringt er es zum Isla­mis­mus zurück. Wenn die Poli­zei sagt, die Taten hät­ten wohl einen nor­we­gi­schen Hin­ter­grund, sagt The­veßen, das könn­ten ja auch isla­mis­ti­sche Nor­we­ger sein. Wenn die Poli­zei sagt, man müsse die Ermitt­lun­gen abwar­ten, deu­tet The­veßen das als Auf­for­de­rung, solange wei­ter über einen isla­mis­ti­schen Hin­ter­grund zu spe­ku­lie­ren. Nach der win­zi­gen Andeu­tung, es könn­ten auch rechts­ra­di­kale Motive hin­ter den Anschlä­gen ste­cken, folgt erneut ein Aus­flug in Häu­fung isla­mis­ti­scher Akti­vi­tä­ten in Skan­di­na­vien. Das »große Fra­ge­zei­chen«, das The­veßen aus­macht, ist bei ihm ein win­zi­ger Satzzeichenkrümel.

Das setzt sich auch am Ende der Sen­dung fort, als eigent­lich Zeit genug ver­gan­gen wäre, um sich als Ter­ro­ris­mus­ex­perte zu fra­gen, wie plau­si­bel es ist, dass Isla­mis­ten aus­ge­rech­net ein Mas­sa­ker unter sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Jugend­li­chen anrich­ten sollten.

Ill­ner: Elmar, noch­mal die Frage, wenn es sich dann eher um regio­nale oder gege­be­nen­falls eben natio­nale Täter han­delt, ist damit die Spe­ku­la­tion um einen isla­mis­ti­schen Hin­ter­grund perdü? Eher nein.

The­veßen: Die Poli­zei ist da sehr vor­sich­tig. Man muss noch den Hin­ter­grund die­ses Man­nes erkun­den, es gibt tat­säch­lich Hin­weise dar­auf, dass der­selbe Mann, der auf der Insel so viele Jugend­li­che getö­tet hat, auch der­je­nige ist, der in Oslo sel­ber für das Bom­ben­at­ten­tat heute ver­ant­wort­lich ist. (…) Also, ganz aus­ge­schlos­sen ist nicht, dass er in Netz­werke ein­ge­schlos­sen ist. Wel­cher Art diese Netz­werke sind, Isla­mis­ten oder nicht, das kön­nen nur die Ermitt­lun­gen der nächs­ten Tage zeigen.

Ill­ner: Und inso­fern kann die­ses Beken­ner­schrei­ben auch schlicht ein Fake gewe­sen sein?

The­veßen: Abso­lut mög­lich, dass es Tritt­brett­fah­rer waren. Schon ein­mal haben wir ja eben gesagt, dass diese Gruppe bis­her unbe­kannt war. Man weiß, dass Isla­mis­ten Skan­di­na­vien im Visier haben, inso­fern passt das alles zusam­men. Auch die Sicher­heits­be­hör­den, mit denen wir heute am Tag gere­det haben, gin­gen erst­mal deut­lich von einem Al-Qaida-Hintergrund aus, weil alles zusam­men­passte. Aber wir mer­ken, dass jetzt im Inter­net bei­spiels­weise in den Chat-Rooms, gerade Isla­mis­ten sich sehr freuen über diese schreck­li­che Tat, sie nut­zen das für ihre eigene Pro­pa­ganda und spor­nen momen­tan im Inter­net ihre Mit­glie­der an, sel­ber auch aktiv zu wer­den. Wenn es denn am Ende sich her­aus­stellt, dass die­ses dann doch ein Isla­mist wäre, dann würde das umso mehr oben­drein auch noch ein Propaganda-Erfolg für die Isla­mis­ten sein.

Ill­ner: Wie groß ist, alles in allem, die Gefahr, dass Teile die­ser Bewe­gung, Teile die­ser Anschlags­se­rie auch Deutsch­land errei­chen in irgend­ei­ner Form?

The­veßen: Es hängt wirk­lich von die­sem Hin­ter­grund ab. Ist es ein Ein­zel­tä­ter, der in der Lage war, all das vor­zu­be­rei­ten und durch­zu­füh­ren, dann ist die Bedro­hung für Deutsch­land natür­lich gering. (…) Aber das Sze­na­rio, was wir heute gese­hen haben, eine Bom­ben­at­ta­cke mit einer Auto­bombe und dann einer Schie­ße­rei, das ent­spricht den Sze­na­rien, die in den ver­gan­ge­nen Mona­ten Gegen­stand von Ter­ror­war­nun­gen in Europa, auch in Deutsch­land, gewe­sen sind, und die Sicher­heits­be­hör­den sind über­zeugt, dass ähn­li­che Pla­nun­gen auch in Deutsch­land in Gange sind, aber ganz offen­bar bis­her nicht aus­ge­führt wer­den konn­ten. Also erhöhte Wach­sam­keit, aber nicht not­wen­di­ger­weise aus dem, was heute in Nor­we­gen pas­siert ist, rück­fol­gern, dass auch in Deutsch­land Anschläge geschehen.

Ill­ner: (…) Glau­ben Sie, dass das jetzt auch [in Skan­di­na­vien] zu einer zusätz­li­chen Alarm­si­tua­tion füh­ren wird?

The­veßen: Also, wir wis­sen, das die skan­di­na­vi­schen Behör­den gerade im ver­gan­ge­nen Jahr sehr wach­sam gewor­den sind. Weil sie gemerkt haben, Skan­di­na­vien steht im Visier isla­mi­scher Ter­ro­ris­ten. Es gab meh­rere Anschlags­ver­su­che, nicht erfolg­reich, Gott sei dank. Es gab eine Menge von Fest­nah­men. Aber man hat viel­leicht auch zu sehr in diese Rich­tung geguckt — genau so wie man heute Nach­mit­tag ver­mu­tete, aha, isla­mis­ti­scher Hin­ter­grund. Und des­we­gen wer­den die Sicher­heits­be­hö­ren in Skan­di­na­vien jetzt sehr genau hin­gu­cken, wer viel­leicht noch in einer sol­chen Gesell­schaft in Frage kommt, sol­che schreck­li­chen Angriffe durchzuführen.

Man hört es im Nach­hin­ein förm­lich Knir­schen im Gebälk der Isla­mis­ten­these, die sich The­veßen zusam­men­ge­zim­mert hat. Sicher, sagt er, das Beken­ner­schrei­ben könnte falsch sein, aber es würde schon alles gut zusam­men pas­sen. Und ob es sich nun bei die­sen Anschlä­gen um isla­mis­ti­schen Ter­ror han­delt oder nicht, ist fast egal, denn der isla­mis­ti­sche Ter­ror plant genau sol­che Anschläge wie diese.

Ganz am Schluss, im Zusam­men­hang mit der Tat­sa­che, dass Skan­di­na­vien beson­ders im Visier von Isla­mis­ten stehe, kriegt The­veßen die Kurve und deu­tet an, was im Kon­text sei­ner völ­li­gen Fixie­rung auf Isla­mis­mus para­dox wir­ken muss: Dass »man viel­leicht auch zu sehr in diese Rich­tung geguckt« habe. In sei­nem Blog­ein­trag erklärt er, wie er die­sen win­zi­gen Schlen­ker ver­stan­den wis­sen will:

Schon im heute jour­nal rede­ten wir über die Mög­lich­keit, dass die Sicher­heits­be­hör­den und wir alle — nicht nur an die­sem Tag, son­dern auch längst vor­her — zu sehr in nur eine Rich­tung geschaut hätten.

Und hier, als Ver­gleich zu dem oben doku­men­tier­ten Ablauf der Gesprä­che in »heute« und »heute jour­nal« noch ein­mal, wie der Ter­ro­ris­mus­ex­perte den Abend und seine Auf­tritte im ZDF-Blog erinnert:

Des­halb war die Arbeits­hy­po­these der Behör­den in Nor­we­gen — Isla­mis­mus — ein­deu­tig, ohne andere Mög­lich­kei­ten aus­zu­schlie­ßen: Orga­ni­sier­tes Ver­bre­chen, Rechtsx­tre­mis­mus, Amok­läu­fer. Genauso haben wir am Frei­tag berich­tet und dabei Quel­len genannt, Fak­ten von Ver­mu­tun­gen getrennt und auch die ande­ren mög­li­chen Täter­grup­pen bespro­chen. Thema war auch das fak­tisch vor­lie­gende Beken­ner­schrei­ben einer »unbe­kann­ten« Grup­pie­rung, die wir im ZDF aber als »mög­li­che Tritt­brett­fah­rer« qua­li­fi­ziert haben. Dass wir den­noch am Ende nicht rich­tig lagen, ist ärger­lich — zumal auch bei frü­he­ren Anschlä­gen manch­mal schnell fal­sche Annah­men die Runde mach­ten: Nach den Anschlä­gen von Okla­homa City in Rich­tung Isla­mis­mus und nach denen von Madrid in Rich­tung ETA. In bei­den Fäl­len aber geschah dies auf Basis der Infor­ma­tio­nen von Regie­rungs– und Sicher­heits­be­hör­den. Solange diese Quel­len genannt wer­den — wie bei uns gesche­hen — und auch ansons­ten vor­sich­tig for­mu­liert wird, war die jour­na­lis­ti­sche Arbeit sauber.

The­veßen hat hier offen­bar sei­nen Terrorismusexperten-Hut gegen sei­nen Stellvertretender-Chefredakteur-Hut aus­ge­tauscht und beschei­nigt sich selbst, »jour­na­lis­tisch sau­ber« gear­bei­tet zu haben. Das heißt wohl soviel wie: Wir haben uns zwar kom­plett ver­fah­ren, aber immer die Geschwin­dig­keits­be­gren­zung eingehalten.

Außer­dem, fügt er hinzu, habe das ZDF schon 2007 über die Gefahr der Islamhasser-Szene berich­tet; zumin­dest bei The­veßen scheint das aber ja kei­nen blei­ben­den Ein­druck hin­ter­las­sen zu haben.

The­veßens Blog­ein­trag ist ein pam­pi­ges »Wohl!« oder »Sel­ber!« ohne eine Spur von Selbst­kri­tik. Und viel­leicht der beun­ru­hi­gendste Gedanke ist der, den er gleich am Anfang formuliert:

Kreuz­züg­ler oder Isla­mis­ten — wenn wir am Frei­tag­nach­mit­tag und –abend diese bei­den Mög­lich­kei­ten als Hin­ter­grund der bru­ta­len Anschläge in Nor­we­gen dis­ku­tiert hät­ten, dann hät­ten viele gesagt: »Die sind ja verrückt«.

Ich glaube nicht, dass The­veßen am Frei­tag über­haupt auf die Idee gekom­men wäre, diese bei­den Mög­lich­kei­ten zu dis­ku­tie­ren, dazu war er viel zu fixiert auf eine von bei­den. Aber mit sei­ner Sorge, dann für ver­rückt gehal­ten wor­den zu sein, trifft er einen Kern des Pro­blems: Die Medien sind viel zu sehr dar­auf bedacht, die (ver­meint­li­chen) Erwar­tun­gen des Publi­kums zu erfül­len, und sie nicht mit Din­gen zu kon­fron­tie­ren, die sie nicht hören wol­len. Das Publi­kum erwar­tet, dass die Medien (und zumal ihre »Ter­ror­ex­per­ten« mit Zugang zu pri­vi­le­gier­ten Infor­ma­tio­nen) ihnen unmit­tel­bar nach einem sol­chen Anschlag sagen, wer dahin­ter­steckt. Und natür­lich haben viele Medien-Rezipienten den­sel­ben Reflex wie die Medien-Produzenten: Gro­ßer Bom­ben­an­schlag? Al-Qaida!

Es wäre eine erste gute Kon­se­quenz aus dem kol­lek­ti­ven Medi­en­ver­sa­gen am Frei­tag, wenn der Gedanke Raum fände, dass eine wich­tige Auf­gabe von Jour­na­lis­mus in sol­chen Situa­tio­nen wäre, den Wunsch des Publi­kums nach schnel­len und ein­fa­chen Ant­wor­ten zu ent­täu­schen. Nicht Wis­sen und Exper­ten­tum zu simu­lie­ren und nicht unmit­tel­bar mit der The­sen­pro­duk­tion zu begin­nen. Und in Sät­zen wie »Die Ermitt­lun­gen müs­sen abge­war­tet wer­den« nicht Flos­keln, son­dern Hand­lungs­auf­for­de­run­gen zu sehen. Das wäre eine tolle Auf­gabe für echte Ter­ro­ris­mus­ex­per­ten in den Medien: Mit gro­ßer Beharr­lich­keit dem Drän­gen der Mode­ra­to­ren, sofort Ant­wor­ten und Erklä­run­gen parat zu haben, zu wider­ste­hen, und als reta­die­ren­des Moment im Breaking-News-Hysterie zu funk­tio­nie­ren: »Nein, Frau Ill­ner, man kann das wirk­lich noch nicht sagen / Es ist zu früh dafür / Wir wis­sen es noch nicht / Seriös lässt sich das nicht beant­wor­ten / Las­sen Sie uns da nicht spekulieren.«

Ich bin kein Ter­ro­ris­mus­ex­perte. Ich weiß nicht, was die nor­we­gi­schen Sicher­heits­be­hör­den, die am Frei­tag­nach­mit­tag Zeit fan­den, mit der Ter­ro­ris­mus­ex­per­ten­re­dak­tion des ZDF zu spre­chen, zu die­sem Zeit­punkt wirk­lich annah­men. Offi­zi­ell haben sie sich nicht geäu­ßert. Es liegt in der Natur des Jour­na­lis­mus, gerade auch Dinge her­aus­fin­den zu wol­len, die (noch) nicht öffent­lich und offi­zi­ell gemacht wur­den. Aber The­veßen scheint auch im Nach­hin­ein nicht auf die Idee zu kom­men, dass es Situa­tio­nen gibt, in denen es gute Gründe für Behör­den gibt, unbe­stä­tigte Annah­men noch nicht öffent­lich zu machen, und es dann auch gute Gründe für Jour­na­lis­ten geben könnte, sol­che Spe­ku­la­tio­nen zumin­dest nicht zur Grund­lage für ihre Bericht­er­stat­tung zu machen.

Es muss eine schmerz­hafte Erkennt­nis für die The­veßens der Welt sein, dass die Men­schen am Frei­tag bes­ser infor­miert gewe­sen wären, wenn es sie nicht gege­ben hätte. »Exper­tise oder Spe­ku­la­tion?« hat The­veßen sei­nen Blog­ein­trag über­schrie­ben. Ich fürchte, er hält das für eine rhe­to­ri­sche Frage.

Fahndungsaufruf: Gesucht wird… die Logik im »Polizeiruf 110″

Kann mir bitte jemand erklä­ren, was da heute im »Poli­zei­ruf« pas­siert ist?

Ent­we­der liegt es an mir — ich bin durch­aus häu­fi­ger in irgend­wel­chen pri­va­ten oder semi­be­ruf­li­chen Run­den der­je­nige, der als ein­zi­ger die ent­schei­dende Ver­bin­dung zwi­schen Mör­der und Opfer nicht ver­stan­den hat. Oder die Geschichte, die die­ser »Poli­zei­ruf« aus Bran­den­burg erzählt hat (der erste mit Maria Simon als Haupt­kom­mis­sa­rin Olga Len­ski), war tota­ler Unsinn.

Fan­gen wir mit einem Detail an. Fol­gende Situa­tion. Ein Häft­ling ist aus dem Frei­gang nicht zurück­ge­kehrt. Wer­ner Lin­sing, ein frü­he­rer Arbeits­kol­lege von ihm, hat die Poli­zei alar­miert, dass er bei ihm sei. Die neue Kom­mis­sa­rin und der alte Krause fah­ren zu ihm und klin­geln. Lin­sing macht die Tür auf, aber nur einen klei­nen Spalt, so dass man nicht in die Woh­nung gucken kann. Neinn­einn­ein, sagt er, ach was, der sei schon wie­der weg, der Typ, der sei auch gar nicht hoch­ge­kom­men, neinn­ein, hat sich erle­digt, undtschüß.


Jeder Zuschauer, der schon mehr als null Kri­mis in sei­nem Leben gese­hen hat, weiß: Der Häft­ling steht neben ihm hin­ter der Tür und bedroht ihn. Tatsache:

Frau Len­ski und Herr Krause aber sind anschei­nend keine Kri­mi­gu­cker, mer­ken nichts und gehen.

Nun ist es nicht so, dass Frau Len­ski blind, blöd oder unauf­merk­sam wäre. Noch im Fahr­stuhl fällt ihr ein, dass es in der Woh­nung gerade nach Ziga­ret­ten­qualm roch und Stun­den vor­her jemand in einem ganz ande­ren Zusam­men­hang neben­bei erwähnt hatte, dass Lin­sing gar nicht raucht. Dar­aus, nicht aus der ein­deu­ti­gen Reak­tion des Man­nes in der Tür, schließt sie, dass da was nicht stimmt. Sie rennt die Trep­pen wie­der rauf, bricht in die Woh­nung ein und fin­det Len­sing tot an sei­nem Schreibtisch.

So. Test­frage. Was machen Haupt­kom­mis­sa­rin Olga Len­ski und Haupt­meis­ter Horst Krause als nächs­tes? Sie ren­nen wie­der ins Trep­pen­haus, denn weit kann der Mör­der ja nicht sein? Sie holen Ver­stär­kung, um gemein­sam das Haus zu durch­käm­men? Sie schauen aus dem Fens­ter, ob sie unten jeman­den weg­lau­fen sehen?

Aber nein. Sie stel­len fast, dass der Mann auch wirk­lich tot ist und rufen ent­spannt die Spurensicherung.

Hallo?

Nun ist das für den Plot die­ses »Poli­zei­rufs« eine, zuge­ge­ben, eher kleine, nicht ent­schei­dende Delle im Ablauf. Es ist nicht die ein­zige. Vor allem aber ergibt sich bei der Auf­lö­sung des Fal­les ein Logik­loch von der Größe Celles.

Ich ver­su­che das Gesche­hen mal chro­no­lo­gisch zusam­men­zu­fas­sen, wie ich es ver­stan­den habe. (Spoiler-Warnung für alle, die die Sen­dung nicht gese­hen haben und trotz die­ses Ein­trags noch anse­hen wol­len, zum Bei­spiel hier in der Media­thek.) Also.

Ulrich Opp­mann, der ehr­gei­zige Lei­ter eines astro­phy­si­ka­li­schen Insti­tuts, will ein Super­fern­rohr bauen, kommt aber an ent­schei­den­der Stelle nicht wei­ter. Den Durch­bruch ver­dankt er einer genia­len Idee sei­nes Fein­me­cha­ni­kers Felix Diest. Er will aber des­sen Leis­tung nicht aner­ken­nen und kün­digt ihm. Diest rächt sich, indem er Opp­manns kleine Toch­ter ent­führt. Er kommt dabei in eine Poli­zei­kon­trolle, gerät in Panik und über­fährt einen Beam­ten. Bevor er dafür ins Gefäng­nis geht, über­lässt er das ent­führte Kind sei­ner Schwes­ter, gibt es als sei­nes aus und sie dann als ihres.

Fünf Jahre spä­ter. Frau Opp­mann macht sich immer noch täg­lich ver­rückt wegen ihrer ver­schwun­de­nen Toch­ter, was die Ehe belas­tet, aber auch ver­hin­dert, dass Herr Opp­mann sie für seine Sekre­tä­rin ver­lässt. Opp­mann bekommt den Nobel­preis für die Erfin­dung, die er als seine aus­ge­ge­ben hat. Diest nutzt einen Frei­gang für einen Ver­such, Opp­mann dazu zu brin­gen, ihm die Hälfte des Preis­gel­des zu geben und die Wahr­heit zu sagen. Er ent­führt das Mäd­chen, das immer noch bei sei­ner Schwes­ter lebt, aus dem Kin­der­gar­ten und zwingt sei­nen ehe­ma­li­gen Arbeits­kol­le­gin Lin­sing (siehe oben), ihm Papiere zu geben, die womög­lich seine Urhe­ber­schaft bewei­sen. Lin­sing stirbt an einem Herz­in­farkt. Opp­manns guckt in der Mit­ar­bei­ter­akte die Adresse von Diests Schwes­ter nach und fährt hin, weil er dort sein Kind ver­mu­tet. Es kommt zu einem Show­down mit sämt­li­chen Betei­lig­ten in Opp­manns Villa, wo Diest nun auch noch Opp­manns Frau als Gei­sel genom­men hat, um Opp­mann zu zwin­gen zuzu­ge­ben, dass die Erfin­dung nicht seine Idee war. Das Kind wird gefun­den, Diest kommt wie­der in Haft und nimmt sich dort das Leben.

Mh?

Ich kann nicht garan­tie­ren, dass diese Zusam­men­fas­sung stimmt, womög­lich habe ich da Dinge durch­ein­an­der­ge­bracht. Diverse Kol­le­gen haben sehr aner­ken­nend über die­sen »Poli­zei­ruf 110″ geschrie­ben, anschei­nend ohne sol­che Plau­si­bi­li­täts­pro­bleme gehabt zu haben oder in ein Logik­loch gestol­pert zu sein. Viel­leicht kann mir also jemand fol­gende Fra­gen beantworten:

— Wenn Pro­fes­sor Opp­mann ahnte, dass es Diest war, der seine Toch­ter ent­führt hat, warum hat er das nicht der Poli­zei gesagt? Oder hat frü­her schon ein­mal bei Diests Schwes­ter (deren Adresse ja in Diests Per­so­nal­akte stand) nach­ge­se­hen? Etwa aus Angst, dass Diest dann ver­rät, dass das Super­fern­rohr gar nicht Opp­manns Erfin­dung war? Wirklich?

— Und Diests Schwes­ter hat es ein­fach so hin­ge­nom­men, dass Diest plötz­lich ein klei­nes Kind hatte? Und hat das Mäd­chen dann ein­fach fünf Jahre umsorgt? Und es wollte nie irgend­ein Amt oder der Kin­der­gar­ten irgend­ein Doku­ment sehen, dass das Mäd­chen identifiziert?

— Warum hat Diest das Mäd­chen bei sei­nem Frei­gang noch ein­mal ent­führt? Es war doch ohne­hin schon bei sei­ner Schwes­ter. Der musste er es doch nicht weg­neh­men, um Opp­mann erpres­sen zu können.

— Und wenn er schon das Mäd­chen hatte, warum brauchte er dann auch noch die Doku­mente aus der Firma, um Opp­mann unter Druck zu set­zen? Oder hatte er gemerkt, dass Opp­mann das Mäd­chen egal war? Aber warum hätte er es dann noch ein­mal ent­füh­ren müssen?

— Oder ist das Mäd­chen gar nicht noch ein­mal ent­führt wor­den, son­dern nur dem Igel hin­ter­her­ge­lau­fen, der zufäl­lig auf Diests Boot tappste, wo dann ver­se­hent­lich die Tür hin­ter dem Kind zu und ins Schloss fiel?

Okay, die letzte Vari­ante ist noch unwahr­schein­li­cher als die ande­ren. Aber ich kapier’s wirk­lich nicht.

Sach­dien­li­che Hin­weise bitte an eines unse­rer Auf­nah­me­stu­dios oder unten in die Kommentare.

Die Bemühtlaunigkeit von »NDR-aktuell«: Nachrichten, so lustig wie Thomas Kausch

Es wäre irre­füh­rend, die neue Nach­rich­ten­sen­dung im NDR-Fernsehen »lus­tig« zu nen­nen. Es scheint nur so, als hätte jemand den Auto­ren ein Merk­blatt geben, auf dem das Wort »locker« nicht nur groß und fett stand, son­dern sicher­heits­hal­ber auch noch gelb mar­kiert, rot ein­ge­krin­gelt und mit drei Aus­ru­fe­zei­chen ver­se­hen war. Ent­spre­chend ange­strengt wirkt das jetzt.

Ver­gan­gene Woche war der tsche­chi­sche Prä­si­dent Václav Klaus zu Besuch in Ham­burg. In »NDR-aktuell« klang das so:

»Im Grunde war das heute in Ham­burg ein Staats­be­such ohne den eigent­li­chen Gast­ge­ber. Tsche­chi­ens Prä­si­dent Klaus war da, aber eben der erste Bür­ger­meis­ter nicht. Wo Olaf Scholz war, kann spä­ter erwähnt wer­den. Erst­mal schrieb sich Vaclaw Klaus ins Gol­dene Buch der Stadt ein und zeigte dies­mal kein über­stei­ger­tes Inter­esse am Fül­ler. Bei einem Staats­be­such in Chile hatte Klaus kürz­lich wäh­rend einer Pres­se­kon­fe­renz einen Kugel­schrei­ber mit­ge­hen las­sen. Von Ham­burgs zwei­ter Bür­ger­meis­te­rin bekam er zumin­dest so etwas wie das pas­sende Etui dazu. Zu beant­wor­ten ist dann noch die Frage, wo denn eigent­lich Olaf Scholz, der ursprüng­lich ein­ge­plante Gast­ge­ber, so her­um­lief. In Washing­ton. Im Schlepp­tau der Bun­des­kanz­le­rin auf Staats­be­such in den USA, hier in der zwei­ten Reihe. Für so einen Ter­min ver­setzt man dann doch mal tsche­chi­sche Präsidenten.«

Soviel Bemüht­lau­nig­keit ist natür­lich immer noch bes­ser als die scha­blo­nen­haft staatstragend-lokalpatriotische Fas­sung, mit der das »Ham­burg Jour­nal« wenige Stun­den zuvor das­selbe Ereig­nis auf­be­rei­tet hatte und in der der tsche­chi­sche Prä­si­dent in Ham­burg von den glän­zen­den Bezie­hun­gen sei­nes Lan­des zur Han­se­stadt schwärmt und der Erste Bür­ger­meis­ter in Washing­ton von den glän­zen­den Bezie­hun­gen sei­ner Stadt zu Amerika.

Jeden­falls hat das dritte Pro­gramm des Nord­deut­schen Rund­funks seit einer Woche fast eine rich­tige Nach­rich­ten­sen­dung, was man prin­zi­pi­ell begrü­ßen müsste, wäre es nicht so pein­lich, dass es das all die Jahre nicht gab: regel­mä­ßige tages­ak­tu­elle Infor­ma­tio­nen im Haupt­abend­pro­gramm. Unter dem frü­he­ren Chef Vol­ker Her­res, dem heu­ti­gen Pro­gramm­di­rek­tor des Ers­ten, war zwi­schen all den »Tatort«-Wiederholungen und sieb­zig­tau­send Quiz-Shows aber auch ein­fach kein Platz für sowas.

»NDR-aktuell« ist zehn bis fünf­zehn Minu­ten lang, läuft werk­tags um 21.45 Uhr, wird im wöchent­li­chen Wech­sel von Ellen Frau­en­knecht und Tho­mas Kausch mode­riert und kommt aus Han­no­ver. Das ist wohl ein Zug­ständ­nis der Vier-Länder-Anstalt an die nie­der­säch­si­sche Lan­des­re­gie­unrg und eini­ger­ma­ßen absurd, weil die Infra­struk­tur für die aktu­elle Bericht­er­stat­tung (auch des NDR-Fernsehens) sonst in Ham­burg ist. Ande­rer­seits ist »NDR-aktuell«, wie es im Abspann heißt, ohne­hin eine Sen­dung der vier Lan­des­funk­häu­ser. Die bestü­cken »NDR-aktuell« mit umge­strick­ten und auf locker getrimm­ten Ver­sio­nen von Bei­trä­gen ihrer Regionalmagazine.

In der ers­ten Woche ging es, natür­lich, immer wie­der um EHEC, wobei sich die »NDR-aktuell«-Version eines Film­be­rich­tes über Bau­ern, die ihr Gemüse am Frei­tag in der Ham­bur­ger Fuß­gän­ger­zone an Pasasn­ten ver­schenk­ten, kaum wie­der ein­krie­gen konnte, wie iro­nisch das war, dass dann die Ent­war­nung für Gur­ken, Toma­ten und Salat kam und die Land­wirte ihr Zeugs plötz­lich doch los­wur­den, aber wie­derum nichts ver­dien­ten. Ein Bericht über die Über­schwem­mun­gen fragte am Anfang, ob die Men­schen denn alle nicht am Tag vor­her die War­nun­gen vor den Unwet­tern gehört hat­ten, um am Ende zu mer­ken, dass man auch nicht wüsste, wie man dar­auf rea­gie­ren könnte. Der Spre­cher for­mu­lierte gespreizt: »Bleibt die berech­tigte Frage — und sie bleibt ohne Ant­wort: Was tun gegen Land unter?«

Weil auch ein Fitness-Studio über­schwemmt wurde, hieß es aus dem Off: »Es wird eine ordent­li­che Kraft­an­stren­gung wer­den, hier wie­der alles fit zu machen.« Als am Mitt­woch starke Son­nen­stürme ent­deckt wur­den, begann Mode­ra­tor Kausch die Sen­dung mit dem Satz: »Heute mor­gen hat­ten wir schon Sorge, dass Sie uns heute abend nicht sehen kön­nen.« Und zu den Standard-Aufnahmen von einer Exper­ten– und Poli­ti­ker­runde zum Thema EHEC hieß es mit erstaun­li­chem Zynis­mus: »Alle haben ein Was­ser getrun­ken und einen Keks geges­sen und sich dann selbst beschei­nigt, so schlecht ist unser Kri­sen­ma­nage­ment nicht. Sicher, es kann etwas ver­bes­sert wer­den, aber das klä­ren wir nach der Krise.«

Fast alles ist auf eine tho­maskausch­hafte Art halb schnodd­rig, halb wich­tig­tue­risch for­mu­liert (er ver­ab­schie­det sich statt mit »Ciao« wie frü­her in »heute nacht« jetzt mit dem Satz: »Danke für Ihr Ver­trauen«). Die­ser Ton­fall müsste nicht das Schlech­teste sein, wenn in der hüb­schen Ver­pa­ckung nicht regel­mä­ßig der Sinn ver­lo­ren ginge. So schön es ist, dass die Sen­dung Ambi­tio­nen hat und sich die Ver­ant­wort­li­chen offen­bar bemü­hen, Inhalte in einer attrak­ti­ven und leicht zugäng­li­chen Form zu prä­sen­tie­ren — warum, zum Bei­spiel, eine Haupt­schule in Nie­der­sach­sen vor den Pro­ble­men mit ihren Schü­lern kapi­tu­liert und eine Gesamt­schule am ande­ren Tag als Vor­bild aus­ge­zeich­net wird, ver­mag »NDR-aktuell« nicht ein­mal im Ansatz zu erklären.

Die Sen­dung lässt es lie­ber men­scheln und beglei­tet am Tag des Atom­aus­stiegs eine Selbst­hil­fe­gruppe krebs­kran­ker Frauen in Krüm­mel. « Nicht nur Über­blick, son­dern Durch­blick, das wol­len wir Ihnen bie­ten«, hatte Tho­mas Kausch am Beginn der Pre­mie­ren­aus­gabe gesagt, rea­li­täts­nä­her war seine Über­lei­tung wenige Minu­ten spä­ter: »Soweit die Fak­ten. Aber es ist auch ein Tag der Emo­tio­nen, heute, nir­gendwo gibt es wohl so viel Erleich­te­rung und zugleich auch Ver­bit­te­rung wie in Krüm­mel. Nir­gendwo sind nach ihren Beob­ach­tun­gen so geballt Leuk­ämie­fälle auf­ge­tre­ten, Krank­heit und Tod.« Fak­ten lie­fert der fol­gende Bei­trag tat­säch­lich keine, nur ebenso ver­ständ­li­che wie blinde Wut der Betrof­fe­nen, die mit dem Aus­stiegs­be­schluss fast nichts zu tun hat. Immer­hin hat »NDR-aktuell« aus der »Hallo Niedersachsen«-Version des Berich­tes den uner­träg­lich kitschig-propagandistischen Teil her­aus­ge­schnit­ten, in dem ein klei­ner Junge ein Gedicht vor­liest, das er sei­nem vor eini­gen Jah­ren an Leuk­ämie ver­stor­be­nen Freund geschrie­ben hat.

»NDR-aktuell« infor­miert seine Zuschauer nicht so sehr mit Berich­ten, son­dern erzählt ihnen vor allem Geschich­ten. Die Quote ist gut: Die Pre­mieren­sen­dung hatte sogar deut­lich mehr Zuschauer als der unmit­tel­bar davor lau­fende Leip­zi­ger Zoo-Serienkitsch »Tier­ärz­tin Dr. Mer­tens«, für des­sen Wie­der­ho­lung im NDR-Fernsehen es sicher auch einen Grund gibt, wenn auch kei­nen guten.

Vorgerichterstattung und Nachverurteilung: Das Kachelmann-Urteil im Fernsehen

Repor­te­rin: Wieso äußert sich Herr Kachel­mann denn jetzt nicht vor der Presse?

Anwalt Johann Schwenn: Warum sollte er das tun? Damit Sie ihn fra­gen, wie es ihm geht?

* * *

Eines muss man den n-tv-Leuten las­sen: Sie schaf­fen es, ihre eigene Hölle anzu­mo­de­rie­ren, als sei sie das Paradies.

Stolz und Vor­freude spie­geln sich im Gesicht von Mode­ra­tor Ulrich von der Osten, als er um 8.30 Uhr eine Son­der­sen­dung zum Kachelmann-Prozess mit den Wor­ten eröffnet:

»Um 9 Uhr ver­kün­digt die Straf­kam­mer des Land­ge­richts Mann­heim das Urteil gegen den ehe­ma­li­gen Wet­ter­mo­de­ra­tor, und wir wer­den ganz viel bis dahin auch schon nach Mann­heim schalten.«

Natür­lich hatte n-tv auch zuvor schon »ganz viel« nach Mann­heim geschal­tet, zu einem rou­ti­nier­ten und doch bemit­lei­dens­wer­ten Repor­ter namens Tho­mas Prä­kelt. Erst drei­zehn Minu­ten zuvor hat der Mode­ra­tor ihn gefragt: »Wann wer­den die ers­ten Betei­lig­ten im Gerichts­ge­bäude erwar­tet?« Und Prä­kelt hat die Schlange von Zuschau­ern vor dem Gebäude gezeigt und die »rela­tive Leere« im Foyer: »Es sind also noch nicht so viele Kol­le­gen rein­ge­kom­men«, stellt er fest, als hätte das irgend­eine Bedeu­tung für ihn, die Zuschauer, Jörg Kachel­mann, das Gericht, die Welt.

* * *

Das tollste und schlimmste an Tagen wie die­sen ist immer die Vor­be­richt­er­stat­tung im Fern­se­hen. Der Zuschauer ist das von Sport­er­eig­nis­sen so gewohnt, dass man nicht erst anfängt, wenn es los­geht, und für einen Sen­der wie n-tv ist so ein Pro­zess (»einer der auf­se­hen­er­re­gends­ten in der deut­schen Nach­kriegs­ge­schichte«) auch nichts ande­res als ein Sport­er­eig­nis. Kon­se­quen­ter­weise bezeich­net n-tv die Urteils­ver­kün­dung als »Finale« im Kachelmann-Prozess.

8.32 Uhr, Nach­frage beim Repor­ter: »Tho­mas, was tut sich denn bei Ihnen? Herrscht so kurz vor dem Urteils­spruch wei­ter reger Andrang?« Man wünschte sich, er ant­wor­tete nur ein­mal: »Nein, Ulrich, die Leute sind jetzt plötz­lich alle nach Hause gegan­gen, um sich das lie­ber im Fern­se­hen anzusehen.«

Er weiß zu berich­ten, dass Kachel­mann »in weni­gen Minu­ten in die Tief­ga­rage des Land­ge­rich­tes ein­fah­ren wird«. Er habe den Kopf wie­der auf die Hand gestützt, so dass man sein Gesicht nicht so gut erken­nen könne: »Auch an die­sem letz­ten, fina­len Tag hat er sich der Öffent­lich­keit ver­wei­gert.« Im Gerichts­saal sei jede Form von elek­tro­ni­schen Gerät ver­bo­ten, mit dem man die Urteils­ver­kün­dung auf­neh­men könne, was streng kon­trol­liert werde, erzählt Prä­kelt und weiß auch wieso: »Ich glaube, dass YouTube und andere Ver­brei­tungs­wege sehr dank­bar wären, wenn es sowas gäbe.« YouTube und andere Ver­brei­tungs­wege, natürlich.

Zwei Stun­den spä­ter wird der n-tv-Kameramann hin­ter dem Wagen hin­ter­her­lau­fen, in dem Kachel­mann und zwei sei­ner Anwälte sit­zen. »Jeder ver­sucht natür­lich, jetzt noch­mal ein Foto von Jörg Kachel­mann in Frei­heit zu bekom­men«, erklärt Prä­kelt. Der n-tv-Kameramann beweist in dem gan­zen Chaos beson­dere Sprint­qua­li­tä­ten, erwischt den Wagen noch ein­mal an der nächs­ten Kreu­zung und filmt erneut ins Innere. Prä­kelt kom­men­tiert: »Zufrie­den, aber auch auf der Flucht vor der Öffent­lich­keit, fährt Kachel­mann jetzt nach 43 Ver­hand­lunngs­ta­gen in die Freiheit.«

Wohin genau, weiß er nicht zu sagen, es klingt aber so, als hätte Kachel­mann noch eine Ver­ab­re­dung mit dem Son­nen­un­ter­gang — und wer, wenn nicht Kachel­man, wüsste, wo der zu tref­fen ist?

Etwas spä­ter, in »Punkt 12″, nutzt Mode­ra­to­rin Katja Bur­kard die Gele­gen­heit, in die­ser wich­ti­gen Sache noch ein­mal nach­zu­ha­ken: »Tho­mas, wo ist Jörg Kachel­mann jetzt? Was wird er heute und in den nächs­ten Tagen tun, was mei­nen Sie?« Tho­mas Prä­kelt weiß es nicht, meint aber:

»Er wird sich jetzt natür­lich Ruhe gön­nen. Er wird auch seine Frau wie­der­se­hen wol­len und einige Tage der Ruhe seien ihm auch zu gön­nen nach die­sem Freispruch.«

Es bleibt unklar, was der RTL– und n-tv-Mann meint, wo Kachel­mann in den ver­gan­ge­nen Mona­ten ein­ge­ker­kert war.

* * *

Bei der Kon­kur­renz von N24 ergibt sich nach der Urteils­ver­kün­dung die ver­wir­rende Situa­tion, dass der Sen­der zu sei­ner Repor­te­rin schal­tet, die vor dem Gerichts­ge­bäude steht und des­halb lei­der noch nicht die Frage beant­wor­ten kann, wie genau das Gericht denn seine Ent­schei­dung begrün­det habe. Gleich­zei­tig sieht man aber auf dem Split-Screen, wie Men­schen vor dem Saal, aus dem sie gerade gekom­men sind, genau das erzäh­len. Man sieht sie, aber man hört sie nicht, denn zu hören ist ja die N24-Moderatorin drau­ßen. Bis die Regie sich end­lich ent­schließt, sie ein­fach für den Moment rabiat vom Sen­der zu nehmen.

* * *

Aus Ber­lin ist bei n-tv, wie so oft, der Medi­en­be­woh­ner Jo Gro­ebel zuge­schal­tet. Vor der Urteils­ver­kün­dung fragt ihn die Mode­ra­to­rin, ob in der Bericht­er­stat­tung über den Pro­zess oft über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen wurde. Gro­ebel antwortet:

»Ganz ehr­lich? Ich möchte auch da mit mei­nem Urteil etwas zurück­hal­tend sein.«

Um unmit­tel­bar hinzuzufügen:

»Aber mein Ein­druck ist, dass hier sehr häu­fig übers Ziel hin­aus­ge­schos­sen wurde. Ich fand’s, ganz ehr­lich, atemberaubend.«

Gro­ebel hat irgend­was mit Medien stu­diert, des­halb kann er fun­diert ana­ly­sie­ren, warum die­ser Pro­zess die Men­schen und Medien so bewegt hat:

»Sex & Crime, das ist jetzt sehr flap­sig for­mu­liert, aber sehr ernst gemeint, Sex & Crime ist natür­lich immer etwas, das sehr, sehr, sehr inter­es­sant für Men­schen ist.«

Das klingt viel­leicht banal. Ande­rer­seits hätte eine Fern­seh­se­rie mit dem Arbeits­ti­tel »Dinge, die sich Jo Gro­ebel vor­stel­len kann« durch­aus große sur­reale Momente:

»Ich kann mir gut vor­stel­len, dass [Kachel­mann] im Sinne einer Fast-Rehabilitation auch für sich selbst durch­aus vor die Kamera strebt. Nicht als der nette Mann, aber viel­leicht als ein Talk­mas­ter für eine Gesprächs­runde, in der schwere mensch­li­che Dra­men her­aus­kom­men. Und da weiß er dann wahr­lich, was er fra­gen muss und wovon er spricht.«

* * *

Einig ist sich Gro­ebel den­noch mit unge­fähr allen Fern­seh­leu­ten, dass Kachel­mann trotz oder wegen des Frei­spruchs, den ins­be­son­dere RTL kon­se­quent als »Frei­spruch zwei­ter Klasse« bezeich­net, erle­digt ist:

»Kachel­mann hat nicht nur einen Karriere-Knick, der hat einen kom­plet­ten Karriere-Einbruch, eine Karriere-Katastrophe erlebt.«

ZDF-Vormittags-Frau Nadine Krü­ger for­mu­liert in »Volle Kanne« volle Kanne:

»Gibt es eine Ent­schä­di­gung für den ver­lo­re­nen Ruf? Die Kar­riere ist ja nun hin, das kann man ja so sagen.«

Bei n-tv wusste die Mode­ra­to­rin das schon mor­gens um sechs in den (offen­kun­dig auf­ge­zeich­ne­ten) Nachrichten:

»Eines ist klar: Ob das Ergeb­nis nun gut oder schlecht aus­fällt für Kachel­mann — Spott und Ver­ach­tung wer­den bleiben.«

Es ist eine typi­sche Form einer sich selbst erfül­len­den Pro­phe­zei­ung: Je häu­fi­ger Medien behaup­ten, dass Kachel­manns Rück­kehr auf den Bild­schirm undenk­bar ist, desto wahr­schein­li­cher ist es, dass das schließ­lich auch stimmt.

* * *

Aber für irgend­eine Form von Selbst­re­fle­xion ist an die­sem Vor­mit­tag keine Zeit, geben wir lie­ber noch ein­mal zu Tho­mas Prä­kelt, der vor dem Gerichts­saal gerade in Bezug auf Kachel­manns Anwalt Johann Schwenn formuliert:

»Ver­tei­di­gung ist Krieg.«

Und Medi­en­be­richt­er­stat­tung, mut­maß­lich, auch. Bei RTL gibt man sich jeden­falls alle Mühe, den Ein­druck zu erwe­cken, Kachel­mann sei jeden­falls ein Täter. Gleich in der ers­ten Minute von »Punkt 12″ heißt es zwei­mal: »Sie konn­ten ihm die Tat nicht nach­wei­sen« bzw.: »Man konnte ihm die Ver­ge­wal­ti­gung nicht nach­wei­sen« — so als habe sie zwei­fel­los stattgefunden.

Die Zusam­men­fas­sung des Pro­zess­ver­lau­fes ist dann bemerkenswert:

Off-Sprecher: Zuerst sah es so aus, als würde sich die Schlinge um [Kachel­manns] Hals immer wei­ter zuzie­hen. Rein­hard Bir­ken­stock war Kachel­manns Ver­tei­di­ger. Doch er hatte immer wie­der Pro­bleme, sei­nen Man­dan­ten als glaub­wür­dig darzustellen.

Bir­ken­stock: Die­ser Pro­zess (…) wird zu dem Ergeb­nis kom­men, dass Jörg Kachel­mann unschul­dig ist.

Off-Sprecher: Obwohl genau das jetzt ein­ge­trof­fen ist: Kachel­mann ist offen­bar unzu­frie­den, wech­selt den Anwalt.

Das ist eine hüb­sche Ver­rü­ckung des Zeit-Kontinuums sowie der Kau­sa­li­tä­ten: Obwohl Kachel­mann heute frei­ge­spro­chen wurde, hat er damals den Anwalt gewechselt.

Wei­ter im Text:

»Kachel­mann punk­tet immer mehr. Und die Neben­klä­ge­rin, das angeb­li­che Opfer Sabine W., gerät, wie es aus­sieht, immer mehr in die Situa­tion, bewei­sen zu müs­sen, dass sie Opfer ist.«

Sie geben sich bei RTL also offen­sicht­lich Mühe, dass die vor­pro­du­zier­ten Bei­träge sich nicht zu posi­tiv von den hek­ti­schen Live-Berichten abset­zen. Und Katja Bur­kard for­mu­liert den hüb­schen Satz:

»Dann stür­men Jour­na­lis­ten aus dem Saal, um die Nach­richt wie ein Lauf­feuer zu verbreiten.«

* * *

Bei n-tv hatte sich die Mode­ra­to­rin, als alles vor­bei war und alle alles gesagt hat­ten, von dem Repor­ter mit den Wor­ten verabschiedet:

»Vie­len Dank für den Moment. Und wir behal­ten die Lage in Mann­heim natür­lich wei­ter im Auge.«

Man weiß nicht, was da noch hätte pas­sie­ren kön­nen. Aber als Abmo­de­ra­tion passt das natür­lich immer. Ob da in Mann­heim ein Haus brennt, ein Kind weint oder ein Pro­zess zuende geht.

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