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2008 vs 2008! – Die Konferenzschaltung

07 Dez 08
7. Dezember 2008

In einem ungewohnten Akt von Zuschauerfreundlichkeit haben sich das ZDF und RTL entschlossen, ihre ausführlichen vorzeitigen Jahresrückblicke auf einen gemeinsamen Termin zu legen, um die Zahl der jahresrückblickfreien Tage im Dezember zu erhöhen — ein Vorbild, dem sich im nächsten Jahr hoffentlich weitere Sender anschließen werden. Wir würdigen die historische Entscheidung mit einer Konferenzschaltung: Niggemeier schaut Jauchs „2008! Menschen, Bilder, Emotionen“ (RTL), Schader Kerners „Menschen 2008″ (ZDF). Und wenn Sie mögen, sparen Sie sich einfach beide Rückblicke und verfolgen Sie hier live, was passiert. Um 20.15 geht’s los.

20:12 Uhr: Foul im ZDF! Kerners Show hat drei Minuten zu früh begonnen. Frühstart. Müsste zur unmittelbaren Disqualifikation führen. Pfeift aber keiner ab.

20:20 Uhr: Ein sehr merkwürdiger Effekt stellt sich bei der Begrüßung ein. Es sieht aus, als würden Jauch und Kerner in der gleichen Dekoration, vor dem gleichen Publikum, in der gleichen Show stehen. Die totale Verwechselbarkeit. Jauch beginnt mit Fabian Hambüchen — oder, wie er allgemein formuliert: Einem Mann, der wie viele von uns, sich in diesem Jahr Großes vorgenommen hat, es dann aber nicht ganz schaffte. Der Turner darf seinen missglückten Auftritt am Reck aus Peking noch einmal wiederholen. „Diesmal im Gold-Standard“, wie Jauch ankündigt.

20.25 Uhr, ZDF: Im ZDF geht’s mit dem „Horror von Hamburg“ los: dem Lufthansa-Flieger, der im März bei der Landung beinahe verunglückt wäre, und die Kamera zoomt passend dazu im Schwenkflug auf Kerner und seine Gäste hinab — den Premiere-Moderator Hansi Küpper (der in der Maschine saß) und Lufthansa-Chefpilot Jürgen Raps. „Hat die Lufthansa den Passagieren inzwischen mal ein Freiticket geschenkt — vielleicht für eine Bahnfahrt“, witzelt Kerner.

20.30 Uhr, RTL: Wir lernen einen 96-jährigen Rentner kennen, der dreifacher Uropa ist und Klimmzüge macht wie viele 26-jährige nicht. Nun turnt er mit Jauch und Hambüchen um die Wette. So ein Jahresrückblick ist für Jauch auch nur Stern-TV-XXL. Zu seinem hundertsten Geburtstag will er ihn wieder einladen, zum Jahresrückblick 2012 (der dann vermutlich schon in den frühen September vorgerutscht ist).

20.31 Uhr, ZDF: Das ZDF wiederholt gerade den halben Fernsehpreis, weil gleich Marcel Reich-Ranicki kommt. Also: nicht ins Studio, sondern bloß per Schaltung auf den Bildschirm. Und die sieht nicht so aus als sei sie live.

20.36 Uhr, RTL: Der Komiker Mario Barth ist in diesem Jahr vor 70.000 Menschen im Olympia-Stadion aufgetreten. RTL hat damit schon viele Stunden Programm bestritten. So gesehen natürlich nur konsequent, auch den Jahresrückblick damit zu füllen.

20.38 Uhr, ZDF: Gute Nachrichten, kündigt Kerner an: Die Geburtenrate in Deutschland steigt — und zählt dann die deutschen Promigeburten auf, gefolgt von denen aus Übersee: „Auch Hollywood ist endlich wieder fruchtbarer Boden.“ Hat er wahrscheinlich aus der „Bunten“ abgelesen. Bisher ist im Zweiten aber noch kein Live-Promi in Sicht.

20.40 Uhr, RTL: 2008 war anscheinend das Jahr, in dem eine Frau eine Gabel verschluckt hat.

20.43 Uhr, ZDF: Und Kerner spielt Rudi Carrell: Die Dame mit den Zwillingen, von denen einer helle Hautfarbe hat und einer dunkle, bekommt als Überraschung ihre lange nicht gesehene Mutter aus Ghana eingeflogen, drückt Kerner deswegen beinahe in die Bewusstlosigkeit und will gar nicht mehr weg. Kerner sagt: „Wir wollten die eigentlich alleine lassen, weil wir dachten: ist ne Familienangelegenheit. Aber jetzt bleiben die einfach auf der Bühne.“

20.48 Uhr, ZDF: Das Zweite erledigt Florian Hambüchen übrigens im Olympia-Rückblick-Einspieler. Wenigstens sieht man darin, was in Peking alles los war. Dem Kollegen Niggemeier fehlt das ja offenbar ein bisschen bei RTL. Anschließend sitzen Britta Heidemann, Matthias Steiner, Hinrich Romeicke — klarer Olympionikenvorteil für Kerner.

20.51 Uhr, RTL: Ich bereue ein bisschen, mich nur wegen einer gewissen Kerner-Allergie für RTL entschieden zu haben. Die Beliebigkeit hier ist grenzenlos. Andererseits, immerhin, klarer Pluspunkt: Werbepausen!

20.55 Uhr, ZDF: Hilfe, Johannes B. Kerner hat sich Fips Asmussen als Gagschreiber ausgeliehen? Oder wer erfindet sonst Sätze wie: „Hinrich Romeicke ist im richtigen Leben Zahnarzt, hat also von Natur aus mit Gold zu tun.“ (Wir sind noch bei Olympia.) Und der erzählt dann, dass es ein bisschen doof ist, dass er als Springreiter immer erst nach Feierabend üben kann, auf dem Pferd zu sitzen. Ha, was sollen denn das all die Marathonläufer mit Bürojob sagen?

20.58 Uhr, RTL: RTL scheint sich für einen reinen Kuriositätenjahresrückblick entschieden zu haben. Nun kommt ein Mann, der bei einer dieser Freier-Fall-Anlagen ungesichert außen an einem Sitz hing und dann damit 40 Meter in die Tiefe raste. Nach einer Minute war sein gefährlicher Hängeakt vorbei. Der Sprecher sagt: „Es ist vorbei.“ Aus dem Off singt Peter Heppner: „Es ist vorbei.“ Erste Frage von Jauch an den Mann im Studio: „Hatten Sie zwischenzeitlich mit dem Leben abgeschlossen?“ Antwort: „Eigentlich nicht.“ Sympathischer Mann.

21.00 Uhr, ZDF: Zum wievielten Mal muss Gewichtheber Matthias Steiner jetzt erzählen, wie er sich dazu entschieden hat, bei seiner Olympia-Siegerehrung das Foto seiner verstorbenen Frau hochzuhalten? Kürzlich erst beim Bambi, vor einigen Wochen bei Oliver Geißen in der „Show der Woche“ (müssen Sie nicht kennen, hat RTL längst wieder abgesetzt) — und jetzt eben im ZDF-Jahresrückblick. „Ich hab’s ja bei der Europameisterschaft schon genau so gemacht — da hat’s nur keiner gesehen“, sagt Steiner. Wenn die Fernsehleute das gewusst hätten!

21.04 Uhr, RTL: Michael Ballack sitzt vor einem Kamin in London und versucht wortreich, nichts zu sagen. Jauch fragt ihn dann wenigstens noch, warum er denn geheiratet hätte, obwohl er doch schon vorher ganz gut mit seiner Frau zusammen gelebt hätte. Ballack weiß es erst auch nicht, aber dann: „War ein bisschen Zeit im Sommer, deshalb haben wir das auch gemacht.“

21.07 Uhr, ZDF: Oh, apropos Kuriositätenrückblick: Ich hab hier gerade Gertrud Scheu, 82, die ihrem Mann Eugen zur diamantenen Hochzeit einen selbst gemachten Rückwärtssalto vom Drei-Meter-Brett geschenkt hat. Sind die Herrschaften etwa bei RTL entwischt?

21.11 Uhr: „dankegut“ schlägt unten in den Kommentaren vor: „Nächstes Jahr bitte den Rückblick im ZDF mit Jauch als Moderator!“ Wir sind dafür.

21.13 Uhr, ZDF: Eckart von Hirschhausen ist im ZDF ein Mann des Jahres, weil er gestern bei der ZDF-Sendung „Ein Herz für Kinder“ aus eigener Kasse 250.000 Euro gespendet hat. Oder weil seine Comedy-CD sich sechs Milliarden Mal verkauft hat (geschätzt). Eins von beidem halt.

21.24 Uhr, RTL: Sarah Connor, in der Rubrik „Trennungen des Jahres“. Jauch spricht einen typischen kleinen „RTL-Exclusiv“-Beitrag. Es klingt merkwürdig, mit seiner Stimme Sätze zu hören wie: „Aber die beiden bleiben Eltern.“ Oder: „Auf ihrem T-Shirt steht ‚Always Family“, und das gilt auch für ihre Musik.“ Sie singt, will aber zu ihrer Trennung nichts sagen. Gleich kommt ihre Mutter, die ja in diesem Jahr Zwillinge bekommen hat, bringt aber ihre Zwillinge nicht mit, weil sie schon schlafen. (Wenn sich das hier langweilig liest, könnte das an der Sendung liegen.)

21.25 Uhr, RTL: Breaking News: Sarah Connors Mutter (ca. 50) nimmt jetzt die Pille.

21.26 Uhr, ZDF: So. Jetzt wird‘s wieder ernst. Finanzkrise bei Kerner. Also: nicht bei ihm direkt, sondern in der Sendung. Und wen hat das ZDF dazu eingeladen? Island? Nee, Karlheinz Bellmann, der seine Ersparnisse in Island angelegt hatte und dann dorthin gefahren ist, um sich zu beschweren. „Wiso“-Chef Michael Opoczynski soll derweil mal erklären, wo es hin ist, das Geld. Kann er aber auch nicht sagen. Und Kerner fragt eine Rentnerin, die von ihrer Bank Anlagen bei Lehman Brothers angedreht bekommen hat: „Sie sind aber nicht so ne Zockerin?“

21.32 Uhr, ZDF: Das Zweite lässt in der Fußgängerzone wieder die Hits des Jahres nachsingen. In der Mainzer Innenstadt natürlich, wo sonst? Die lustigsten Minuten bisher. Ehrlich.

21.36 Uhr, RTL: ölkjölmö.öööölyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyy

Oh Verzeihung, kurz auf der Tastatur eingenickt. Kurt Beck war da. Die kurzen Filme zur Vorstellung werden anscheinend von den gleichen Leuten mit Musik unterlegt, die sonst „Bauer sucht Frau“ machen. Zu den Bildern von Becks Rücktritt hören wir die Zeile „I used to rule the world“ von Coldplay. Dann ist er im Studio, und Jauch fragt ihn, was für ihn nach diesem Jahr schwerer wiege — das Scheitern in Berlin oder dass er in Rheinland-Pfalz seine Heimat wiedergefunden habe. (Kurze, verstörende Sehnsucht nach den richtigen Psychofragen von Reinhold Beckmann.) Becks antwortet: „Ich lebe mit beidem.“ Außerdem sagt er: „Ich habe auch gerade ein Paket geschnürt“, für gegen die Finanzkrise, nehme ich an. Aber er mag Katzen und hat ein Katzenbild für einen Kalender gemalt (siehe unten). Jauch bedankt sich zum Schluss bei ihm besonders, weil man so viele Politiker angefragt hätte, aber nur er zugesagt hätte. Kann man auch als Entschuldigung an die Zuschauer verstehen, im Sinne von: Wenn wir jemanden aufregendes bekommen hätten, hätten wir ihn natürlich genommen.

21.42 Uhr, ZDF: Jetzt hat das ZDF bald alle Showklassiker-Elemente durch: Zwei Mädchen kennen alle Cornelia-Funke-Bücher auswendig und wollen die Titel an drei Sätzen erkennen, die ihnen Gottschalk, äh: Kerner vorliest. Das dürfte den in den Medien so beliebten „Wetten dass…?““-Nachfolgespekulationen eine unerwartete Wendung geben. Cornelia Funke ist auch da und sagt: „Fantastisch! Unglaublich!“

21.50 Uhr, RTL. Eine Ehepaar hing dieses Jahr irgendwann irgendwo zweieinhalb Stunden kopfüber mit ihrem Flugzeug in einer Stromleitung. Das war bestimmt total dramatisch. Also, ganz anders als diese Sendung.

21.51 Uhr: Herr Niggemeier, war der Mann schon da, dessen Fallschirm beim Sprung nicht aufgegangen ist und der trotzdem überlebt hat? Ach, halt, das war im letzten Jahr — ich weiß nur nicht mehr, ob bei Kerner oder Jauch.

21.52 Uhr, RTL. Philipp Lahm. RTL übererfüllt die Fußballer-Quote. Anscheinend ist „Das Spiel“ insgesamt offensiver geworden, schneller auch. Aber hinten ist auch wichtig.

21.59 Uhr, ZDF: Gerade erzählt Nujood Ali aus dem Jemen, wie sie dieses Jahr im Alter von zehn Jahren von ihren Eltern an einen 20 Jahre älteren Mann zwangsverheiratet werden sollte, sich dagegen wehrte und vor Gericht die Scheidung durchsetzen konnte. Also: interessanter als Philipp Lahm. Anschließend erzählt Kerner, dass das ZDF dem Mädchen eine Reise ans Meer schenken wolle, weil sie sich das so wünsche und schenkt ihr als Symbol — eine Landschildkröte aus Plüsch.

22.01 Uhr, RTL. Auftritt Paul Potts, der Mann aus der Telekom-Werbung. Gut, das war zweifellos der Werbespot des Jahres und auf ‚ne Art das Lied des Jahres. Ich hoffe nur, dass der einfach nur singen darf und nicht auch gleich Jauch noch erklären muss, wie das war, wie er sich gefühlt hat, damals, als er bei „Britain’s Got Talent“ gewonnen hat, und wie das jetzt ist für ihn, wie er sich fühlt, da er in Deutschland ein Star ist etc pp.

22.08 Uhr, RTL. Okay, ich lag daneben. Tatsächlich fragte Jauch: „Was erinnert Sie heute noch an Ihr altes Leben?“ („Ich hab immer noch Kontakt mit den Freunden, mit denen ich früher gearbeitet habe, oder meiner Familie, normalerweise über SMS, aber ich genieße das Jahr jetzt.“) Und: „Warum haben Sie Ihre Zähne richten lassen? („Ich hab mich immer blöd gefühlt, wenn ich gelächelt habe. Selbst auf meinen Hochzeitsbildern habe ich den Mund geschlossen.“) Nachher kommt noch Michael Hirte.

22.13 Uhr, ZDF, RTL: „Was uns dieses Jahr bewegt hat“, zeigt das ZDF im Schnelldurchlauf: Katastrophen, Entführungen, Rettungsversuche. Nachher spricht „Aktenzeichen XY“-Moderator Rudi Cerne über das Holzklotz-Attentat von der Autobahnbrücke. Und der Münchner Rentner, der in der U-Bahn von zwei Jugendlichen brutal angegriffen wurde, muss dem ZDF nochmal erklären, wo genau es passiert ist. Kollege Niggemeier erzählt, bei Jauch werde gerade das Brandunglück von Ludwigshafen diskutiert. Wir sind also auf beiden Sendern in der ernsthaften Phase des Abends angelangt.

22.17 Uhr, RTL: Zu Gast sind Kamil Kaplan, der in Ludwigshafen ein Baby aus dem brennenden Haus geworfen hat, und der Polizist Uwe Reubner, der es auffing. Hinterher bekommt die Tochter von Kaplan, die im Publikum sitzt, von Jauch als Weihnachtsgeschenk eine Digitalkamera, die sie sich wohl gewünscht hat. Kurze Schrecksekunde bei mir. Ist aber keine „Bild“-Leser-Reporter-Kamera.

22.23 Uhr, ZDF: Weil es im Sommer beim EM-Spiel der Nationalmannschaft während der Live-Übertragung Bildausfall gab, hat „der findige ZDF-Mann“ Thorsten Schmidt, der als Bildingenieur in der Zentrale in Mainz Dienst hatte, die Idee gehabt, das Signal des Schweizer Fernsehens aufzuschalten. Und ist vom Sender nachher als Dank nicht nur zum Endspiel eingeladen worden, sondern jetzt auch zu Kerner. Was man nicht alles für seinen Arbeitgeber zu ertragen bereit ist.

Anschließend geht’s weiter mit Bastian Schweinsteiger, Jens Lehmann und dem Fußball-Rückblick.

22.34 Uhr, RTL. Zum ersten Mal wirkt Jauch spontan und locker — als er Angst hat, sich auf den Formel-1-Wagen von Sebastian Vettel zu setzen und nicht weiß, ob er etwas kaputtmachen kann oder sich den Hintern verbrennt. Vettel ist ein Gast, um den sich die Jahresrückblickseinlade-Experten in den nächsten Jahren streiten sollten. Er erzählt, wie das war, beim Reinfahren ins Studio, ganz knapp an den Zuschauern in der ersten Reihe vorbei: „Die Leute haben wie beim Staubsaugen zuhause die Füße hochgenommen.“ Und auf die Frage, warum seine Freundin nicht mit zu den Rennen kommt, ob sie das nicht will oder er nicht, sagt er: „Das ist ja mein Büro, und wer nimmt schon seine Freundin mit ins Büro?“

22.37 Uhr, ZDF: Ok, das war natürlich unvermeidlich: Oliver Kahn, der dieses Jahr seine Torwartkarriere beendete, beglückt seinen neuen Co-Kommentator Kerner mit einem Besuch — und der bedankt sich mit einer derart überschwänglichen Ankündigung, dass man glauben könnte, Kahn müsse demnächst Bundeskanzler werden. Mindestens.

22.44 Uhr, RTL. Leona Leewis singt „Bleeding Love“. Kollege Schader stöhnt. Ich hatte schon drei Show-Blöcke zur Erholung, er nur einen.

Werbepause.

22.48 Uhr, ZDF: „Menschen des Jahres“ sind beim ZDF übrigens auch die Fußballer vom 1. FC Germania 08 Forchheim, die Kerner jetzt als Gag auf der Couch sitzen hat, weil sie in der Kreisklasse 216 Tore kassiert haben, bevor sie selber mal den Ball reingekriegt haben und sich jetzt als „schlechtester deutscher Fußballverein“ verspotten lassen müssen. Die schlimmere Fehlleistung ist aber wohl, die Einladung des ZDF angenommen zu haben.

22.53 Uhr, ZDF: Die schönsten fünf Minuten kamen gerade von den „Frontal 21″-Kollegen Doyé und Wiemers, die sonst die Politsatire „Toll!“ machen und schon mal die lustigsten Höhepunkte aus diesem Jahr zusammenschneiden durften. Mehr gibt’s im „Satirischen Jahresrückblick“ am 16. Dezember im ZDF — und den kann ich schon mal vorab empfehlen.

23.00 Uhr, ZDF: Kerner erklärt eine Lokalpolitik-Posse aus dem bayerischen Bergtheim. Es wird gerade etwas beliebig hier. Und gleich Udo Lindenberg. Da kann ich ja kurz ein Nickerchen machen.

23:01 Uhr, RTL: Thomas Beatie, der Mann, der eine Frau war, aber nach seiner Geschlechtsumwandlung ein Kind bekam (und gerade wieder schwanger ist), ist mit Frau und Kind zu Gast. Jauch fragt, ob die beiden ihrer Tochter früh erzählen wollen, dass ihr Vater sie ausgetragen hat. Er antwortet, dass sie es ihr die ganze Zeit schon erzählen… „Es ist einfach so, dass ihre Mutter sie nicht austragen konnte, ihr Vater konnte es aber.“ So einfach ist das. „Durch Ihren Auftritt hier haben Sie, glaube ich, ein paar Millionen Menschen, die Ihnen Ihr Glück wünschen“, sagt Jauch. Und als Geschenk für das Baby und ihr zukünftige Schwester gibt es zwei Plüsch-Seepferdchen, „die einzigen Tiere, bei denen auch die Männer die Jungen austragen“. Awwwwww.

23.08 Uhr, RTL: Gold-Schwimmerin Britta Steffen. Mittendrin im Gespräch zeigt Jauch den auch beim x-ten Ansehen noch grandiosen, lustigen und bewegenden Fernsehausschnitt, wo sie unmittelbar nach dem Sieg in der ARD hemmungslos heulend ihre Familie grüßt. Und mir wird plötzlich klar, was ich lieber sehen würde als diese ganzen Gespräche: einen Jahresrückblick.

23.08 Uhr: Herr Niggemeier, ist Frau van Almsick irgendwo in der Nähe und weint vor Freude?

23.10 Uhr, ZDF: Lindenberg schmiert ein Selbstporträt auf ein Flipchart. Wetten, dass das gleich versteige… — oh, ist schon soweit.

23.14 Uhr, RTL und ZDF: Das Timing ist perfekt. Exakt gleichzeitig in beiden Programmen Oliver-Kahn-Parodien. Das ZDF hat die gute mit Max Giermann („Switch Reloaded“), RTL die andere mit Oliver Pocher.

23.16 Uhr, ZDF: „Switch Reloaded“ darf fürs ZDF sogar einen kompletten „heute journal“-Jahresrückblick nachstellen. „Hier geht es jetzt weiter mit Johannes B. Kerner — naja, immer noch besser als Bauer sucht Frau im Unterschichtenfernsehen“, moderiert der falsche Claus Kleber ab. Dann ist ein Viertel des „Switch Reloaded“-Teams zu Gast und Kerner stell Kerner-Fragen: „Wie schafft man sich so ‚ne Figur drauf?“ Aber: gute Idee, die einzuladen.

23:18 Uhr, RTL: In einem Schnelldurchlauf als Musikvideo zappt RTL sekundenweise durch: Obama, Ypsilanti, Reich-Ranicki, Merkel, Zumwinkel, Kaukasus-Krieg, Karadczic, Anstetten, ICE, Klimawandel, Erdbeben in China, Fackellauf… All das, was in einem Jahresrückblick vorgekommen wäre.

23:35 Uhr, RTL: Zum Finale: der deutsche Paul Potts, Michael Hirte. RTL ist sich selbst genug.

23.37 Uhr, ZDF: Während Herr Niggemeier weiter darauf wartet, einen Jahresrückblick zu sehen und keine beliebige Kuriositätensammlung, zeigt das ZDF, welche Stars und Prominente dieses Jahr gestorben sind — das gehört nun mal dazu. Kerner hat schon zwanzig Minuten überzogen und kündigt den letzten „Mensch des Jahres“ an: „Feuchtgebiete“-Autorin Charlotte Roche. Ups, da hat Andrea Ypsilanti, die auch mal angekündigt war, wohl abgesagt.

23:40 Uhr, RTL: ERSTER! Ich bin durch. Und Michael Hirte, der in seiner spröden Art eine Belebung für jede dieser glatten Sendungen ist, sagte am Ende in die Verabschiedung noch mit großer Selbstverständlichkeit: „Ich wünsche allen ein großes Fest.“

23.41 Uhr, ZDF: Roche sagt: „Ich will nicht das ganze Jahr über Analverkehr reden.“ Und: „Meine Eltern war früher stolz auf mich, als ich Fernsehen gemacht habe. Seit dem Buch nicht mehr.“ Und Marcel Reich-Ranicki darf es noch „rezensieren“ (innerhalb von 20 Sekunden): „völlig literarisch wertlos“. Und jetzt bitte AUFHÖREN! Nach dreieinhalb Stunden.

23.44 Uhr, RTL: Vielleicht könnte RTL im nächsten Jahr einen richtigen RTL-Jahresrückblick zeigen. Also einen, der konsequent auf das RTL-Jahr zurückblickt, mit den Gewinnern in den von RTL übertragenen Sportarten plus „Domino Day“, den Helden der RTL-Castingshows, den Tops und Flops von „RTL-exclusiv“, den schönsten Spots im RTL-Programm. Sie sind schon nah dran. Man müsste nur ein paar Alibi-Geschichten weglassen. Aber es wäre so viel konsequenter. Und noch müheloser. Vermutlich könnte man es auch komplett aus den „Stern TV“- Sendungen des Jahres zusammenschneiden. (Ist jetzt nicht das bestgelaunte Fazit des Abends, aber das fällt mir nach dreieinhalb Stunden auch schwer.)

23.46 Uhr, ZDF: Schluss in München, „Ich & Ich“ singen: „So soll es bleiben“. Das gilt aber hoffentlich nicht für den Jahresrückblick-Marathon von ZDF und RTL — auch wenn das Zweite eindeutig den besseren Rück-Blick hinbekommen hat.

Gute Nacht aus Berlin. Und vielen Dank fürs Mitlesen und Kommentieren.

Von Bambis, Beben, Blutbädern und Brennpunkten

01 Dez 08
1. Dezember 2008

Die eigentliche Frage, warum die ARD sich Jahr für Jahr dafür hergeben muss, eine Werbeveranstaltung des Burda-Verlages namens „Bambi“ zu übertragen, hat sich natürlich kein ARD-Verantwortlicher zu stellen getraut (dafür aber mit genüsslicher Boshaftigkeit das Magazin „Der Tag“ von hr2). Stattdessen gab es nur ein halböffentliches Geraune einiger Chefredakteure, dass es wenigstens vor der Show einen „Brennpunkt“ zu den Anschlägen in Bombay hätte geben müssen. Der sei ihnen vom neuen ARD-Programmdirektor Volker Herres aber verweigert worden.

Um daraus einen echten Aufreger zu machen, fehlte allerdings die Fallhöhe, denn der ARD-„Brennpunkt“ ist schon lange nicht mehr, was er war: eine Art öffentliches Hyperventilieren, mit dem der Sender, sobald ein bisschen Wind mehr als zwei Bäume umknickte, das Publikum nach der „Tagesschau“ noch eine Viertelstunde länger bei sich halten konnte — zum Ärger der privaten Konkurrenz. Und bei dem am Ende nicht immer klar war, ob die größere Katastrophe sich gerade in der Welt, oder auf dem Bildschirm abgespielt hatte.

So sparsam geht das Erste inzwischen mit seinem Sonderprogramm um:

ARD-„Brennpunkte“ 2007

18.01.2007: „Orkan über Deutschland“ / „Stoiber gibt auf„
19.01.2007: „Orkan über Deutschland„
17.04.2007: „Blutbad in Blacksburg„
24.05.2007: „Alles nur gedopt?“ (Geständnisse von Zabel und Aldag)
18.06.2007: „Tod im Reisebus„
26.08.2007: „Flammenhölle in Griechenland„
05.09.2007: „Al Kaida in Deutschland?„
13.11.2007: „Der Rücktritt“ (Müntefering)

ARD-„Brennpunkte“ 2008

28.01.2008: „Regieren – Aber wie?“ (Hessen-Wahl)
14.04.2008: „Milbradt tritt zurück„
13.05.2008: „Tod unter Trümmern – China nach dem Beben„
14.05.2008: „Tod unter Trümmern – Wettlauf mit der Zeit„
20.08.2008: „Flugzeugabsturz in Spanien„
07.09.2008: „Chaos in der SPD“ (Rücktritt Beck)
29.09.2008: „Beben in Bayern – Was passiert mit der CSU?„
10.10.2008: „Kippt jetzt die Wirtschaft?“ (Kursstürze an den Börsen)
03.11.2008: „Machtwechsel geplatzt – Wie weiter in Hessen?„
05.11.2008: „Der neue Mann im Weißen Haus“ / „Todesfalle Bus„
28.11.2008: „Tod und Terror in Bombay“

Den Indien-„Brennpunkt“ gab es dann also doch noch, nur einen Tag später. Besser als umgekehrt: Im September war das Erste nach der Bayern-Wahl mit seinem „Brennpunkt“ einen Tag zu früh dran, weil Erwin Huber partout nicht zurücktreten wollte. BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb blieb deshalb viel, viel Zeit, um in ein oberbayerisches Wirtshaus zu schalten, wo der Reporter bei einem zünftigen Bier mit CSU-Anhängern reden durfte.

Einen Tag später ist Huber dann tatsächlich zurückgetreten. Dafür gab’s dann aber keinen „Brennpunkt“ mehr.

Bislang fehlt in diesem Jahr sogar noch der obligatorische Schneechaos-„Brennpunkt“. Nach unbestätigten Informationen verhandelt ARD-Chef Volker Herres noch mit dem Wetter über einen passenden Termin. Donnerstags wär‘ ganz schlecht.