Das Vorabendgrauen zum Eurovision Song Contest

Wie schwer kann es sein, eine kleine Show zu pro­du­zie­ren, die in der Woche des Euro­vi­sion Song Con­test über das Spek­ta­kel berichtet?

Seit einer Woche wird hier in Düs­sel­dorf geprobt. Dele­ga­tio­nen aus 43 Län­dern sind vor Ort, schrille Kan­di­da­ten und ernst­hafte Künst­ler, es fin­det unun­ter­bro­chen irgend­ein Ter­min statt, um die Jour­na­lis­ten­meute mit Stoff zu ver­sor­gen, es ließe sich, wie in der Vor­be­richt­er­stat­tung zu einer Fußball-WM, über Favo­ri­ten, Stra­te­gien, Tech­nik und his­to­ri­sche Par­al­le­len dis­ku­tie­ren, man könnte die vie­len unter­schied­li­chen Men­schen mit­ein­an­der musi­zie­ren lassen.

Selbst für einen Sen­der mit der Unter­hal­tungs­in­kom­pe­tenz der ARD müsste es mög­lich sein, aus die­sem Grand-Prix-Zirkus eine sehens­werte oder wenigs­tens anseh­bare oder immer­hin doch nicht völ­lig pein­li­che Vor­abend­show zu kon­den­sie­ren. Es ist ihm nicht gelungen.

Alles, ein­fach alles an der Pre­miere der »Show für Deutsch­land« war grau­en­voll: Der Sen­dungs­ti­tel. Der Mode­ra­tor. Das muf­fige Design. Das über­flüs­sige Quiz-»Duell«. Der Mode­ra­tor. Die Idee, Jan Fed­der­sen als Exper­ten in eine Ecke des Stu­dios zu set­zen, in die der Mode­ra­tor nur mit Hals­ver­ren­kun­gen sehen kann. Der Mode­ra­tor. Der Ver­zicht dar­auf, mit Katja Ebstein, wenn sie schon mal da ist, auch ein Gespräch zu füh­ren. Hab ich schon »Der Mode­ra­tor« gesagt?

Wer kommt auf die Idee, eine sol­che Sen­dung von Frank Els­t­ner mode­rie­ren zu las­sen, einem Mann, der an bes­se­ren Tagen viel­leicht weni­ger ver­wirrt durch eine Sen­dung stol­pert, dem aber ohne­hin jeder Bezug zu die­ser Ver­an­stal­tung fehlt? Die Fas­sungs­lo­sig­keit von Lena Meyer-Landrut über die Ahnungs­lo­sig­keit und Unge­schick­lich­keit des Man­nes war unüber­seh­bar und nach­voll­zieh­bar. Es ent­wi­ckel­ten sich Dia­loge wie der folgende:

Frank Els­t­ner: Sie sind der ein­samste Mensch da unten auf der Bühne.

Lena Meyer-Landrut: Nein, ich habe fünf Mäd­chen bei mir.

Els­t­ner: Aber doch nicht auf der Bühne. Hin­ter Ihnen, die mit Ihnen tanzen!

Meyer-Landrut: Auf der glei­chen Bühne, auf der ich auchs­stehe, sind auch die fünf Mädchen.

Els­t­ner: Ja, aber wenn Sie sin­gen und Ihnen der Text nicht ein­fal­len las­sen würde, dann, kein Mensch kann Ihnen hel­fen. Dann sind Sie in dem Moment einsam.

Meyer-Landrut: Das ist rich­tig. Da werde ich dann in Fan­ta­sie­spra­che improvisieren.

(…)

Els­t­ner: Der Herr Raab, der sich ja um Sie küm­mert, Sie ent­deckt hat, Ihr Pate ist, der für Sie viel pro­du­ziert hat…

Meyer-Landrut: (lacht) Mein Pate! Der über­weist mir jeden Monat zwei Mark fünfzig.

Els­t­ner: Der Ste­fan, der wird doch irgendwo Kon­takt zu Ihnen hal­ten wäh­rend Ihres Auf­tritts, oder? Gibt es Geheimzeichen?

Meyer-Landrut: Nein. Nein, tat­säch­lich nicht. Ich weiß auch über­haupt gar nicht, wo der ist, wäh­rend mei­nes Auf­tritts. Keine Ahnung, der wird ver­mut­lich hier vorne irgendwo ste­hen und moderieren.

(…)

Els­t­ner: Und jetzt wol­len wir mal was ganz ande­res zei­gen. Das hier war ja frü­her mal ein Fußballstadion.

Meyer-Landrut: Isses auch immer noch.

Els­t­ner: Wie hat man aus einem Fuß­ball­sta­dion so eine Show­bühne gezau­bert? Dahin­ter ste­cken natür­lich sehr viele Hand­wer­ker, sehr viele flei­ßige Men­schen, Hun­dert­schaf­ten, die hier wochen­lang gear­bei­tet haben. Wol­len Sie die Hand­wer­ker mal ganz herz­lich grü­ßen und Danke sagen?

Meyer-Landrut: Danke, Handwerker.

Els­t­ner war das größte Pro­blem der Sen­dung, aber nicht das ein­zige. Er behaup­tete mun­ter, es seien auch Län­der aus Nord­afrika dabei. In einem Ein­spiel­film wurde die Größe der LED-Wand auf 60 mal 80 Meter ver­vier­facht. Repor­ter Thors­ten Schorn doku­men­tierte, wie die schril­len iri­schen Teil­neh­mer Jed­ward nichts ande­res taten, als Lena Blu­men zu über­rei­chen. Seine Kol­le­gin Sabine Hein­rich musste in einem Film­be­richt den Tages­ab­lauf von Lena nach­er­zäh­len — über weite Stre­cken ohne Lena. Im Ton­fall eines Unter­richts­films doku­men­tierte der Sprecher:

»Lena steigt mit Team und Presse direkt in den Bus. Der Zeit­plan ist eng, wie an jedem Song-Contest-Tag.«

Danach kon­fron­tierte Frank Els­t­ner Lena noch mit einer Sta­tis­tik, die zeigte, wel­che Far­ben die Klei­der der Sie­ger in der Geschichte des Euro­vi­sion Song Con­test hat­ten, und sug­ge­rierte, dass ihr Schwarz dann ja kein gutes Omen sei. (Dass sowohl Lena als auch Nicole ein schwar­zes Kleid bei ihren Sie­gen tru­gen, war offen­bar nie­man­dem in der Vor­be­rei­tung aufgefallen.)

Es ist ein Pro­gramm vol­ler Ver­zweif­lung und zum Ver­zwei­feln — in der zwei­ten Folge heute befragte man im Rausch der Ideen– und Sinn­lo­sig­keit eine Kar­ten­le­ge­rin, wer den Wett­be­werb gewin­nen wird.

Schaut man in den Abspann, wer die­sen Unfall zu ver­ant­wor­ten hat, stößt man auf einen inter­es­san­ten Namen: Die täg­li­chen ARD-Vorabendsendungen zum Euro­vi­sion Song Con­test wer­den von der Firma Brain­pool pro­du­ziert. Die pro­du­ziert prak­ti­scher­weise auch die täg­li­chen ProSieben-Spätabendsendungen zum Euro­vi­sion Song Con­test. Sie hat auch die (über­aus unin­spi­rierte) Auf­zeich­nung des Kon­zer­tes von Lena Meyer-Landrut pro­du­ziert. Und sie ist der wich­tigste Part­ner der ARD bei der Pro­duk­tion des Euro­vi­sion Song Con­test selbst. Ihr Chef Jörg Gra­bosch hat die ent­schei­dende Funk­ton »Pro­du­cer TV Show« inne.

Die Betei­lig­ten geben sich große Mühe, die Koope­ra­tion als unspek­ta­ku­lär dar­zu­stel­len und beto­nen, dass Brain­pool nur eine von mehr als hun­dert Fir­men ist, mit denen der NDR zusam­men­ar­bei­tet. Sie tun das aber so ange­strengt, dass erst recht der Ein­druck ent­steht, dass es sich um ein Poli­ti­kum han­delt. Der ARD-Grand-Prix-Chef Tho­mas Schrei­ber sagte vor eini­gen Wochen, man arbeite mit Brain­pool unter ande­rem des­halb zusam­men, weil die Firma schon in der Düs­sel­dor­fer Arena pro­du­ziert hat und es nicht viele Pro­duk­ti­ons­fir­men und Sen­der gebe, die mit sol­chen Dimen­sio­nen umge­hen könne. Er räumte ein, dass es auch intern kri­ti­sche Fra­gen gebe. Er hoffe aber, dass auch die Kri­ti­ker nach der gelun­ge­nen Show ein­sä­hen, dass es eine gute Koope­ra­tion war.

Nun ja. Tat­säch­lich macht das, was man in Düs­sel­dorf von den Grand-Prix-Shows sehen kann, einen her­vor­ra­gen­den Ein­druck. Drum­herum gibt es aber eini­ges Grum­meln bei ARD-Mitarbeitern, die sich als Mit­ar­bei­ter zwei­ter Klasse behan­delt füh­len. Kame­ra­leute vom NDR dür­fen oder müs­sen vor Ort die Pres­se­kon­fe­ren­zen fil­men und zuse­hen, wie dafür Brainpool-Leute beim Pro­du­zie­ren fürs Fern­se­hen das tun, was ihrer Mei­nung nach ihre Auf­gabe wäre.

Für die »Show für Deutsch­land« müss­ten sie sich jeden­falls beide schä­men. Die ARD. Und Brainpool.

Der NDR als Taufkumpan: Wir zeigen doch nicht nicht jedes neue Schiff

Der Nord­deut­sche Rund­funk hat seine aus­führ­li­che, schwär­me­ri­sche Bericht­er­stat­tung über ein neues Schiff des von ihm seit Jah­ren werblich-wohlwollend beglei­te­ten Kreuz­fahrt­un­ter­neh­mens »AIDA Crui­ses« ver­tei­digt. In einem Kom­men­tar in die­sem Blog wei­sen Fernseh-Chefredakteur Andreas Cichowicz und Nor­bert Lor­ent­zen, Fern­seh­chef im Lan­des­funk­haus Kiel, den Vor­wurf der Schleich­wer­bung sowie nicht näher genannte »wei­tere Unter­stel­lun­gen« zurück. Sie schreiben:

»Traum­schiffe beflü­geln die Phan­ta­sie — das gilt auch ein biss­chen für Ihren blog-Artikel. Die Zitate, die Sie von mir ver­wen­den, bezo­gen sich auf die Live-Übertragung einer Schiffstaufe bzw. einer halb­stün­di­gen Zusam­men­fas­sung. Im Fall der AIDA­sol hat es weder eine Live-Sendung noch eine län­gere Pro­gramm­stre­cke im NDR Fern­se­hen gege­ben. Daran, dass ich beson­ders dar­auf achte, dass werb­li­che Effekte mög­lichst ver­mie­den wer­den, hat sich nichts geän­dert. Ebenso wenig geän­dert hat sich auch an der Tat­sa­che, dass ich aus­schließ­lich die Sen­dun­gen der Zen­trale in Ham­burg ver­ant­worte, die Lan­des­ma­ga­zine aber in der Ver­ant­wor­tung der jewei­li­gen Fern­seh­chefs in den ent­spre­chen­den Lan­des­funk­häu­sern ste­hen. Für das Schleswig-Holstein-Magazin ist dies Nor­bert Lor­ent­zen in Kiel.

Im Nor­den erfreuen wir uns an Kreuz­fahrt­schif­fen. Sie sind nicht nur schön anzu­schauen, sie sind auch ein bedeu­ten­der Wirt­schafts­fak­tor an der Küste, ins­be­son­dere für die Lan­des­haupt­stadt Kiel. 300.000 Men­schen aus aller Welt kom­men auf diese Weise in jedem Jahr nach Schleswig-Holstein. Eine Zahl, die sich in den letz­ten 10 Jah­ren ver­dop­pelt hat. Mit 14 Mio. € pro­fi­tiert das Land von die­ser Ent­wick­lung. Auch das war Gegen­stand und Anlass für unsere Regio­nal­be­richt­er­stat­tung. Wenn meh­rere zehn­tau­send Besu­cher zu einer Schiffstaufe kom­men, dafür zum Teil lange Anfahrts­wege in Kauf neh­men und voll­auf begeis­tert sind, dann kön­nen wir ein sol­ches Ereig­nis nicht schlicht­weg igno­rie­ren. Wir haben des­halb über die Taufe der AIDA­sol ange­mes­sen, pro­fes­sio­nell und in gro­ßer Unab­hän­gig­keit berich­tet — und zwar aus der Per­spek­tive der Besu­cher, nicht aus der des Veranstalters.

Wie heißt es dazu in einem der Kom­men­tare Ihres Blogs: ›Also rein vom Jour­na­lis­ti­schen her kann man dem NDR da kei­nen Strick draus drehen.‹

Den Vor­wurf der Schleich­wer­bung, wie er im Blog ver­ein­zelt geäu­ßert wird, und andere Unter­stel­lun­gen wei­sen wir mit aller Ent­schie­den­heit zurück. Und im Übri­gen ist Ihre Behaup­tung, dass nicht bekannt ist, ob ein NDR Kame­ra­team für eine Repor­tage an Bord ist, falsch. Eine sol­che Sen­dung ist nicht geplant. Hät­ten Sie gründ­lich recher­chiert und uns gefragt, wäre es auch Ihnen bekannt gewesen.

Und im Übri­gen: Dass auf der faznet-Seite u.a. auch ein Arti­kel über Trau­m­yach­ten, tol­len Luxus und die Nobiskrug-Werft in Rends­burg (Schleswig-Holstein), die die­sen Luxus pro­du­ziert, zu fin­den ist, zeigt, dass wir mit unse­rer Bericht­er­stat­tung im NDR fern­se­hen über mari­time The­men nicht völ­lig falsch liegen …«

In Wahr­heit hatte Andreas Cichowicz seine Aus­sage »Wir zei­gen nicht jedes neue Schiff« im Fernsehblog-Interview kei­nes­wegs auf Live-Übertragungen oder Zusam­men­fas­sun­gen von min­des­tens drei­ßig Minu­ten Länge beschränkt. (Die Aus­gabe von »Schleswig-Holstein 18:30″, die das NDR-Fernsehen vor ein­ein­halb Wochen den attrak­ti­ven Annehm­lich­kei­ten auf dem neuen AIDA-Kreuzfahrtschiffes wid­mete, war nur 15 Minu­ten lang.)

Natür­lich darf und soll der NDR über eine Schiffstaufe berich­ten, zu der meh­rere zehn­tau­send Men­schen kom­men. Warum bereits die Tat­sa­che, dass einige Pas­sa­giere in Bet­ten lagen, in denen vor­her noch nie jemand gele­gen hatte, Tage zuvor einen Nach­rich­ten­wert für die Regio­nal­ma­ga­zine des NDR hatte, las­sen Cichowicz und Lor­ent­zen hin­ge­gen offen.

Und weil es so schön und phan­ta­sie­be­flü­gelnd war, hier noch ein ein­mal der Blick auf den Ver­such des NDR, in nicht weni­ger als fünf Sen­dun­gen über das Schiff und seine Taufe werb­li­che Effekte zu vermeiden:

Der NDR als Taufkumpan: Und wieder eine Werbearie für AIDA

Es sind wie­der AIDA-Festwochen im NDR-Fernsehen.

Die Ros­to­cker Ree­de­rei hat am ver­gan­ge­nen Wochen­ende in Kiel mit dem übli­chen Tam­tam ein neues Kreuz­fahrt­schiff tau­fen las­sen, und für den Haus– und Wer­be­sen­der der Flotte ist das natür­lich Pflicht zu flä­chen­de­cken­der Berichterstattung.

Der NDR-Fernseh-Chefredakteur Andreas Cichowicz hatte zwar im ver­gan­ge­nen Jahr gegen­über die­sem Blog gesagt: »Wir zei­gen nicht jedes neue Schiff«. Aber ent­we­der meinte er das nicht so. Oder zu den »beson­de­ren Kri­te­rien«, die nach sei­nen Wor­ten erfüllt sein müs­sen, damit der NDR berich­tet (»wenn es etwa das größte ist, das bis­her gebaut wurde, wenn es um eine völ­lig neue Prä­sen­ta­tion geht oder es für ein bestimm­tes Kli­en­tel gemacht ist«) gehört auch der Super­la­tiv, den die neue AIDA­sol erfüllt: Sie hat angeb­lich den größ­ten Well­ness­be­reich aller Kreuz­fahrt­schiffe an Bord. Sagt die AIDA. Und der NDR.

Dass das achte AIDA-Schiff, das im übri­gen bau­gleich mit dem sieb­ten ist, in Kiel getauft wurde, war ganz prak­tisch für den Vier-Länder-Sender NDR. Das Lan­des­funk­haus Nie­der­sach­sen kann immer schon die Ems-Überführungen der Schiffe von der Meyer-Werft in Papen­burg beglei­ten, die Kol­le­gen aus Mecklenburg-Vorpommern sind schon wegen des Sit­zes der Ree­de­rei in Ros­tock zustän­dig, und die Ham­bur­ger NDR-Leute durf­ten im ver­gan­ge­nen Jahr groß über die Taufe der AIDAblu berich­ten. Das Lan­des­funk­haus Schleswig-Holstein hatte, so gese­hen, deut­li­chen Nach­hol­be­darf in Sachen öffent­li­cher AIDA-Begeisterung.

Ent­spre­chend früh begann es seine Auf­hol­jagd. Schon am 3. April, fast eine Woche vor der Taufe, berich­tete das »Schleswig-Holstein Maga­zin« dar­über, dass sich »die nagel­neue AIDA­sol« bereits mit den ers­ten Pas­sa­gie­ren gefüllt habe, die in Bet­ten schlie­fen, in denen noch nie zuvor ein Mensch geschla­fen habe.

Am nächs­ten Tag besuchte das Maga­zin »Schleswig-Holstein 18:00 Uhr« das Schiff und ließ sich mal aus­führ­lich erklä­ren, wie toll das Ding ist. Die Repor­ter beglei­te­ten den Club-Direktor bei sei­ner Arbeit, frag­ten den Kapi­tän, ob eigent­lich oft Kin­der auf die Brü­cke wol­len, und inter­view­ten den Mann, der im bord­ei­ge­nen Brau­haus Bier her­stel­len darf. Und der Mode­ra­tor sagte, nach­dem er eine Gesprächs­part­ne­rin als »Spa-Supervisor« vor­stellte: »Aber gespart wurde auf dem Schiff auch nicht im Wellness-Bereich.«

Am Tag der Taufe schal­tete das »Schleswig-Holstein Maga­zin« dann live zu einer Repor­te­rin vor Ort, zeigte Auf­nah­men von den Pro­ben und sprach mit Besu­chern, die Sätze sag­ten wie: »Das Wet­ter ist ein­ma­lig. Direkt für die AIDA bestimmt.« Eine Frau war eigens 500 Kilo­me­ter vom Nie­der­rhein ange­reist. Die Tauf­pa­tin hat sich in Ham­burg ein tol­les Abend­kleid gekauft für den Anlass. Und Star­gast Kim Wilde sagt, sie sei noch nie auf einem Kreuz­fahrt­schiff mit­ge­fah­ren, sie habe ein biss­chen Angst, aber bei die­sem Exem­plar hier könne sie glatt in Ver­su­chung kom­men, »denn es sieht wun­der­schön aus«.

Am Tag danach infor­mierte das NDR-Mischmagazin »DAS!« dann die über­re­gio­nale Öffent­lich­keit über den Rekord mit dem größ­ten Well­ness­be­reich. Der Film­be­richt begann mit Auf­nah­men, wie jemand das Schiff foto­gra­fiert, und dem Satz: »So einen pro­pe­ren Täuf­ling foto­gra­fiert man doch gern.« Im Anschluss schwelgte aber natür­lich auch das »Schleswig-Holstein Maga­zin« noch ein­mal aus­führ­lich von der Show, die nach Ver­an­stal­ter– und NDR-Angaben 50.000 Besu­cher anlockte.

Chef­re­dak­teur Cichowicz hatte ver­gan­ge­nes Jahr noch gesagt, er sei sich des Pro­blems bewusst, dass durch die Berichte, die der Sen­der mit jedem neuen Schiff vom Sta­pel lässt, »werb­li­che Effekte« ent­ste­hen kön­nen. Er hätte sich aber mit mit den ver­ant­wort­li­chen Kame­ra­leu­ten und Regis­seu­ren abge­spro­chen »und fest­ge­legt, wie man Ein­stel­lun­gen so auf­nimmt, dass werb­li­che Effekte mög­lichst ver­mie­den wer­den. Seit­dem ach­ten wir in dem Bereich, den ich für die Pro­gramm­di­rek­tion Fern­se­hen ver­ant­worte, dar­auf besonders.«

Die Tauf­fei­er­lich­kei­ten wur­den prak­ti­scher­weise vom Lan­des­funk­haus Schleswig-Holstein verantwortet.

Ob bereits ein NDR-Kamerateam an Bord ist für die obli­ga­to­ri­sche drei­vier­tel­stün­dige Wer­be­re­por­tage, ist dem Fern­seh­blog nicht bekannt.

»TV Total« beweist: Stefan Raab versteht keinen Spaß

Es ist, zuge­ge­ben, ein biss­chen absurd, sich als Watch­blog von »TV Total« gerie­ren und der Show sach­li­che Feh­ler vor­hal­ten zu wol­len. Ande­rer­seits: Wenn man etwas von einer Come­dy­sen­dung erwar­ten darf, dann doch viel­leicht, dass sie einen Witz als sol­chen erkennt.

Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag kün­digte Ste­fan Raab den Zuschau­ern einen »Klas­si­ker« an:

»Der Repor­ter denkt, er ist noch nicht zu sehen mit sei­nem Mikro­fon. Und sagt sich, okay, da erle­dige ich noch mal was. Man kann ihn aber lei­der schon sehen. Schauen Sie mal hier, das ist pas­siert beim NDR, in der Sen­dung ›Hallo Niedersachsen‹.«

Es folgte ein Aus­schnitt, in dem tat­säch­lich ein Repor­ter zu sehen ist, wie er sich groß­räu­mig in der Nase bohrt und schein­bar erschro­cken »lau­fen wir?« fragt, bevor er abrupt mit erns­ter Stimme mit sei­nem Auf­sa­ger beginnt: »Ber­lin hat sei­nen ers­ten hand­fes­ten Skan­dal im Jahr 2011…«


Gro­ßes Geläch­ter im »TV Total«-Publikum und beim Mode­ra­tor. »Er ist sehr bekannt für seine boh­ren­den Fra­gen«, kichert Raab. »Spit­zen­szene, oder?«

Wie man’s nimmt.

Es hätte gehol­fen, noch einen Satz wei­ter zu hören. Der »hand­feste Skan­dal«, den NDR-Reporter Olaf Kret­sch­mer aus­machte, ist näm­lich dieser:

»Obwohl der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter nicht genug auf die Waage brachte, um Olden­bur­ger Kohl­kö­nig zu wer­den, wurde er genau als sol­cher pro­kla­miert. Ob der FDP das in die­sem Wahl­jahr hilft, bleibt abzuwarten.«

Der Bericht han­delt vom tra­di­tio­nel­len Koh­les­sen in der Nie­der­säch­si­schen Lan­des­ver­tre­tung. Kret­sch­mer war mit einer Waage dort auf­ge­kreuzt und hatte vor dem Essen und danach das Gewicht der anwe­sen­den Spit­zen­po­li­ti­ker mit­ein­an­der ver­gli­chen. Weil Phil­ipp Rös­ler wäh­rend der Ver­an­stal­tung nur 1,1 Kilo zuge­nom­men hatte, sagte er vor­wurfs­voll zu dem Gesund­heits­mi­nis­ter: »Wir haben Sie gewo­gen und für zu leicht befun­den.« Die Tat­sa­che, dass Rös­ler den­noch, wie aus­ge­kun­gelt, zum Kohl­kö­nig aus­ge­ru­fen wurde, pran­gerte der NDR-Mann in sei­nem vier­mi­nü­ti­gen Stück an.

Im Scherz. Es han­delt sich um einen Witz. Der ganze »Hallo Niedersachsen«-Beitrag ist eine Glosse; ein Ver­such, sich dem merk­wür­di­gen Ter­min ori­gi­nell und unter­halt­sam zu wid­men. Das Beim-in-der-Nase-Popeln-erwischt-Werden war Teil der Komödie.

Und wenn die Redak­tion von »TV Total« das schon nicht erkannt hat, hätte sie es wenigs­tens daran mer­ken kön­nen, dass die ver­meint­li­che Live-Schalte, von der der Repor­ter über­rascht wurde, gar nicht live sein konnte: Das Grün­koh­les­sen hatte, wie in der Anmo­de­ra­tion erwähnt, schon am Abend vor­her stattgefunden.

War das lus­tig? Meh. War es lus­tig gemeint? Ohne Frage.

Es gibt immer dösige Zuschauer, die sowas trotz diver­ser Hin­weise im Film nicht ver­ste­hen. Dass sie auch bei »TV Total« arbei­ten und sich über die ver­meint­li­chen ande­ren Dep­pen im Fern­se­hen lus­tig machen, ist aber ein biss­chen beunruhigend.

Das Dschungelcamp und das Sich-Ekel-Fernsehen von »Spiegel-TV«

Es ist immer wie­der ein Kul­tur­schock, wenn im RTL-Programm »Ich bin ein Star — holt mich hier raus« an das Maga­zin von Spiegel-TV stößt. Auf der einen Seite diese läp­pi­sche Sen­dung mit ihren alber­nen Wit­zen und schlech­ten Kalau­ern, die fast nur von Häme lebt. Und auf der ande­ren Seite das Dschungelcamp.

Dabei haben sich die Spiegel-TV-Leute viel Mühe gege­ben in den ver­gan­ge­nen bei­den Wochen, von der Auf­merk­sam­keit für die Dschun­gel­show zu pro­fi­tie­ren. Sie haben einen Bericht gemacht über Rai­ner Lang­hans und einen über »Pro­mis in der Schul­den­falle«. Sie haben berich­tet über den »Dschun­gel unter deut­schen Dächern«, über »Neues aus der Ekel-Forschung« und, natür­lich, über Hit­ler. Hit­ler war näm­lich, genau wie Sarah Din­gens im Camp, Vege­ta­rier! »Die vege­ta­ri­sche Fan­ge­meinde lässt es gern unter den Tisch fal­len, doch es ist wahr: Adolf Hit­ler aß zu Leb­zei­ten kaum Fleisch.«

Und nun das Finale. Keine Wer­be­pause, kein Spon­sor, unmit­tel­bar nach der letz­ten Szene aus dem aus­tra­li­schen Dschun­gel wird die Tem­pe­ra­tur auf Frös­teln heruntergedreht:

Maria Gresz steht da und sagt:

»Jetzt ist es also soweit: Des Deut­schen liebs­tes Hass­ob­jekt ist am Ende und seine Haupt­dar­stel­ler irgend­wie auch. Ab mor­gen kön­nen wir nur hof­fen, dass im Kanz­ler­camp wie­der die Post abgeht. Dass Angela mit Guido rum­knutscht. Dass Clau­dia rot sieht und aus­plau­dert, dass die Regie­rungs­ar­beit nur Show ist und dass die Abge­ord­ne­ten nur mit­spie­len, weil sie dafür Geld vom Pri­va­tern­se­hen bekommne. Ich weiß, das wird nicht pas­sie­ren. Wär aber lus­tig. Der­ar­tige Unter­hal­tung gibt es eben nur im Dschun­gel. Dort wo die Zivi­li­sa­tion frei­wil­lig ihre Hül­len fal­len ließ und damit Mil­lio­nen Zuschauer zu glück­li­chen Voy­eu­ren machte.«

In zwei Wochen im Dschun­gel wird den Kan­di­da­ten, den Tie­ren und der Men­schen­würde nicht so viel Gewalt ange­tan wie der deut­schen Spra­che in einer ein­zi­gen Spiegel-TV-Anmoderation. Wer danach nicht sofort abschal­tet, steckt sofort knie­tief in einem Meta­phern­schlamm­bad, gefüllt mit gam­me­li­gen Tee­kes­sel­chen. »Die ver­meint­li­che Macht­aus­übung« der abstim­men­den Zuschauer, sagt der Spre­cher, »sorgt für beson­de­res Krib­beln — auch am Kör­per des Alt­kom­mu­nar­den Rai­ner Lang­hans.« Das Bild dazu:

Spä­ter heißt es: »Ehe­ma­lige Camp-Bewohner kön­nen ein Lied davon sin­gen« — bitte schön: Wer­ner Böhm tut es.

Spiegel-TV-Leute lei­den unter einer schlim­men Syn­onym­zwangs­stö­rung. Über Rai­ner Lang­hans darf nicht berich­tet wer­den, ohne ihn min­des­tens ein­mal den »Apo-Opa« zu nen­nen. Mit der Alter­na­tive »Gleichmut-Guru« gibt es spä­ter noch Alliterations-Bonuspunkte. Und über­haupt, was ist der Dschun­gel? »Das Guan­ta­namo der Z-Prominenz.«

Auf den ers­ten Blick unge­wöhn­lich ist es, dass Spiegel-TV aus­ge­rech­net das Ber­li­ner Rum­pel­blatt »B.Z.« als Beleg dafür zeigt, dass »das deut­sche Feuille­ton — ganz im Geiste Brechts — eine reflek­to­ri­sche Meta­ebene beim Mit­ein­an­der von Mensch und Made« ent­deckt habe. Ver­mut­lich bringt aber der Autor des ent­spre­chen­den Bei­trags selbst die feh­lende behaup­tete Fall­höhe mit:

Ross Ant­ony, der die Show vor drei Jah­ren gewann und dabei auf sympathisch-schockierend-lustige Weise seine eige­nen Pho­bien über­wand, wird im Spiegel-TV-Deutsch zum »beken­nen­den Homo­se­xu­el­len«, der »etwas Gutes für seine Com­mu­nity tun wollte«.

Und fast jeder Satz trieft von Her­ab­las­sung. Es ist Sich-Ekel-Fernsehen bis hin zur Anma­ßung, den Teil­neh­mern pau­schal »ver­un­glückte Lebens­ent­würfe« zu unter­stel­len. Dann ist der Dschun­gel­bei­trag vor­bei (oder wie Spiegel-TV sagen würde: am Ende), und die Mode­ra­to­rin lei­tet wie folgt zum nächs­ten Thema über:

»Es soll in die­ser Welt noch Men­schen geben, die weni­ger scharf auf Kame­ras sind. Waf­fen­händ­ler zum Beispiel.«

Den Bei­trag auf spiegel.de ansehen

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