Erstaun­li­che Zitate hat Tho­mas Mra­zek für die aktu­elle Aus­gabe der Zeit­schrift »Jour­na­list« von den Ver­ant­wort­li­chen füh­ren­der deut­scher Online-Medien ein­ge­sam­melt. Hans-Jürgen Jakobs, Chef­re­dak­teur von sueddeutsche.de, sagt auf die Frage nach den berüch­tig­ten Bil­der­ga­le­rien sei­nes Angebotes:

»Die Bil­der­ga­le­rien sind ein genui­nes Ele­ment des Inter­nets. Wir kön­nen hier Geschich­ten über Bil­der erzäh­len. Mit Klicks kann man sich ver­schie­dene Erfah­rungs­wel­ten erwan­dern — das ist Internet.«

(Meine Lieb­lings­wan­de­rung durch die Erfah­rungs­wel­ten von sueddeutsche.de der ver­gan­ge­nen Monate führt übri­gens durch eine Umfrage, die 237 Gründe für Sex ermit­telt hat. Auf sueddeutsche.de sind sie voll­stän­dig doku­men­tiert, und raten Sie mal, wie oft Sie kli­cken müs­sen, um sie alle zu lesen.)

Der Chef vom Dienst bei sueddeutsche.de, Cars­ten Mat­thäus, sagt:

»Es gibt hier nicht die Devise: Macht jetzt Klicks — egal wie. Wir bemü­hen uns sehr darum, Qua­li­tät zu produzieren.«

Ganz ähn­lich for­mu­liert es »Spie­gel Online«-Chef Mathias Mül­ler von Blumencron:

»Es ist eine Unter­stel­lung, dass uns nicht an Qua­li­tät, son­dern an Klicks liegt.«

Okay, wenn es nicht um Klicks geht, viel­leicht könnte jemand der »Spie­gel Online«-Redaktion regel­mä­ßige Betriebs­aus­flüge ins Bor­dell spen­die­ren? Oder, alter­na­tiv, kalte Duschen im Büro installieren?



(Ein inter­es­san­ter Ver­such ist in die­sem Zusam­men­hang auch das Spiel von Lukas, in dem man ver­su­chen muss, Artikel-Überschriften von »Spie­gel Online« und Bild.de der rich­ti­gen Quelle zuzuordnen.)

Blu­men­cron kri­ti­siert im »Jour­na­list« eine Stu­die der Friedrich-Ebert-Stiftung über die Abwege der Online­me­dien. In »Klicks, Quo­ten, Reiz­wör­ter: Wie das Web den Jour­na­lis­mus ver­än­dert« kom­men die Jour­na­lis­ten Stef­fen Range und Roland Schweins u.a. zu fol­gen­dem Schluss:

Wie in Trance fol­gen die meis­ten Online-Redaktionen dem Leit­me­dium »Spie­gel Online« und sei­nem Kanon eines neuen, leicht­le­bi­gen, unter­hal­ten­den, ten­den­ziö­sen Netz­jour­na­lis­mus. Dabei geben die Jour­na­lis­ten ohne Not jahr­zehn­te­lang bewährte jour­na­lis­ti­sche Prin­zi­pien preis. Sie bege­hen Selbst­mord aus Angst vor dem Tode. Denn die meis­ten wer­den den Internet-Konzernen nicht Paroli bie­ten kön­nen, selbst wenn sie noch so viele Rät­sel, Bil­der­ga­le­rien und Telefon-Tarifrechner auf­le­gen. Das Mas­sen­ge­schäft gehört längst Google und den Unterhaltungsportalen.

Blu­men­cron erwi­dert im »Journalist«:

»Die Auto­ren haben schlecht recher­chiert. Sie haben nie Kon­takt mit uns auf­ge­nom­men, dabei sind unsere Türen immer offen.«

Er wirft der Unter­su­chung vor, sich auf ver­al­tete Quel­len aus den Jah­ren 2001 und 2003 zu stüt­zen — zwei­fel­los eine unge­recht­fer­tigte Kri­tik. Die Auto­ren rea­gier­ten dar­auf aus­ge­spro­chen auf­ge­bracht und for­dern in ihrem Blog eine Ent­schul­di­gung von Blumencron.

Ich fürchte, die wer­den sie nicht bekom­men. Ich habe Blu­men­cron gefragt, ob er mir ein Bei­spiel für schlechte Recher­che schi­cken und erklä­ren mag, wie er das mit den ver­al­te­ten Quel­len meint. Statt einer Ant­wort lei­tete er er mir eine Mail wei­ter, die er bei Erschei­nen der Stu­die an die Ver­fas­ser und die Stif­tung geschickt habe. Darin heißt es u.a.:

[…] Mei­nen wir, wenn wir von Spie­gel Online reden, wirk­lich die­selbe Web-Site?

In mun­te­rer Spra­che zie­hen Sie über die Online-Redaktionen her und da wir bereits im Vor­wort sehr pro­mi­nent erwähnt wer­den, kann der Leser gar nicht umhin, Ihre Aus­sa­gen auch auf unsere Site zu bezie­hen. Sie haben uns sogar ein eige­nes Kapi­tel gewid­met, nur frage ich mich: Warum ist kei­ner von Ihnen wäh­rend der Recher­chen zu Ihrer — immer­hin als gewich­tige Stu­die geprie­se­nen — Aus­ar­bei­tung bei uns vor­bei­ge­kom­men, um sich ein Bild von unse­rer Arbeit zu machen? Viel­leicht hät­ten Sie dann einen Teil der gra­vie­ren­den Fehl­aus­sa­gen ver­mei­den kön­nen, die Ihre Stu­die kennzeichnen. […].

Sie schrei­ben, der Leser würde kurze Mel­dun­gen den aus­ge­feil­ten Ana­ly­sen, Repor­ta­gen und Hin­ter­grund­stü­cken vor­zie­hen – und des­halb würde die For­men­viel­falt des klas­si­schen Jour­na­lis­mus bei uns nicht statt­fin­den. Das Gegen­teil ist der Fall – und Sie hät­ten es leicht an unse­rem Pro­dukt und unse­rer Sta­tis­tik über­prü­fen kön­nen. Gerade auf diese For­men legen wir gro­ßen Wert, mehr als die meis­ten Tages­zei­tun­gen. Warum schi­cken wir sonst Repor­ter nach Bangla Desh, um vor Ort zu recher­chie­ren, wie die Men­schen dort der dro­hen­den Über­flu­tung ihres Lan­des entgegensehen?

Warum waren wir sofort in Kun­duz und haben dort mit Repor­ta­gen nicht nur über die Stim­mung im Bundeswehr-Lager berich­tet, son­dern auch als ein­zige über die von deut­schen Medien galant über­se­he­nen afgha­ni­schen Opfer des Anschlags? Warum set­zen wir ein gan­zes Team daran, das Abkas­sie­ren der Ver­sor­ger beim Trink­was­ser zu unter­su­chen, was umge­hend zu hek­ti­schen Akti­vi­tä­ten von Kar­tell­wäch­tern und Poli­ti­kern führte? (Alles Bei­spiele aus den ver­gan­ge­nen Tagen).

Warum instal­lie­ren wir eine feste Kor­re­spon­den­tin in Bei­rut? Und warum besteht ein Groß­teil unse­rer Auf­ma­cher gerade nicht aus News, son­dern aus poli­ti­scher Ana­lyse, aus Auto­ren­stü­cken, etli­che davon von Spiegel-Kollegen? Sind das wirk­lich die Merk­male eines »zer­streu­en­den Journalismus«?

Natür­lich sind wir noch lange nicht per­fekt. Natür­lich ver­grei­fen wir uns mal mit einer Head­line im Ton. Natür­lich lie­gen wir mal mit einem Thema dane­ben, wo kommt das nicht vor. Und ja, wir beken­nen uns zur Unter­hal­tung, dafür haben wir ein Res­sort Pan­orama, in dem fünf unse­rer über sech­zig Redak­teure arbei­ten. Ist das wirk­lich eine Res­sour­cen­ver­tei­lung, die sich am »Pri­mat der Unter­hal­tung« orientiert?

Sie schrei­ben, dass wir unsere Reich­weite (die Sie merk­wür­di­ger­weise an der Zahl der Klicks mes­sen) krampf­haft mit Bil­der­stre­cken hoch­trei­ben wür­den — wie­derum falsch beob­ach­tet. Die Reich­weite — also die Zahl unse­rer Leser — wird von der Agof und von Allens­bach mitt­ler­weile kon­ser­va­tiv, aber recht ver­läss­lich ermit­telt. Sie hat nichts, aber auch gar nichts mit der Zahl der Klicks zu tun. Auch für das Wer­be­ge­schäft sind die meis­ten Bil­der­stre­cken irre­le­vant — sie sind schlicht nicht ver­markt­bar und wer­den dem Kun­den auch nicht als ver­markt­bare Klicks kom­mu­ni­ziert. Warum leis­ten wir uns den­noch eine Bild­re­dak­tion aus drei Kol­le­gen und bauen ein gemein­sa­mes acht­köp­fi­ges Video-Team mit Spie­gelTV auf? Weil wir ein visu­el­les Medium sind und etli­che Sach­ver­halte über Bil­der bes­ser deut­lich machen kön­nen, als mit tau­send Worten.

Der schlimmste Vor­wurf indes ist jener, dass wir mun­ter die Gren­zen zwi­schen Wer­bung und Inhalt ver­wi­schen. Sie hät­ten sich über­zeu­gen kön­nen: Bei uns sind Ver­mark­tung und Redak­tion scharf getrennt, kein Redak­teur tex­tet bei uns auch nur eine Zeile im Auf­trag eines Wer­be­kun­den. Dage­gen habe ich selbst Ver­träge etli­cher renom­mier­ter Tages­zei­tun­gen gese­hen, in denen Inter­views, Repor­ta­gen und Gefäl­lig­keits­dienste für den Kun­den aus­drück­lich zuge­si­chert wurden. […]

Falls Sie sich also wei­ter­hin mit Spie­gel Online befas­sen wol­len — etwa in Ihrem »Blog für Qua­li­täts­jour­na­lis­mus« — lade ich Sie nach Ham­burg ein. Dort kön­nen Sie sich gern davon über­zeu­gen, dass unsere Redak­tion kein »Toten­schiff« ist, son­dern die der­zeit am schnells­ten wach­sende Qua­li­täts­re­dak­tion in Deutsch­land, eine hoch moti­vierte, gut aus­ge­bil­dete, gut bezahlte und selbst­be­wusste Mannschaft. […]

Diese Mail ist inzwi­schen meh­rere Monate alt. Ich doku­men­tiere sie — mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Herrn Blu­men­cron — trotz­dem, weil ich glaube, dass die Grund­satz­dis­kus­sion inter­es­sant und rele­vant ist. Am Kon­flikt hat sich ohne­hin wenig geän­dert, und die Schere zwi­schen der Kri­tik an den Sei­ten ver­meint­li­cher Qua­li­täts­me­dien und ihrer Selbst­dar­stel­lung wird gerade eher noch größer.

Das liegt sicher auch daran, dass wir Kri­ti­ker uns manch­mal zu sehr in den Bil­der­ga­le­rien und Sex­ge­schich­ten ver­ha­ken und dar­über tat­säch­li­che und fun­da­men­tale Qua­li­täts­stei­ge­run­gen übersehen.

Ande­rer­seits: Wie ernst kann man Blu­men­crons Empö­rung über den Vor­wurf der Ver­mi­schung von Wer­bung und Inhalt neh­men, wenn »Spie­gel Online« seit Jah­ren nicht gekenn­zeich­nete Wer­be­links wie die­sen hier inner­halb der redak­tio­nel­len Menu­leiste anbietet:

Oder ver­su­chen Sie mal, in der fröh­lich als »Ange­bote« mar­kier­ten Link­samm­lung auf der Start­seite von »Spie­gel Online« redak­tio­nelle Links, Eigen­wer­bung und bezahlte Ange­bote aus­ein­an­der zu halten:

Diese Mischung ist nicht nur ethisch zwei­fel­haft, son­dern auch juris­tisch: Das Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt urteilte im ver­gan­ge­nen Jahr, dass ein Besu­cher vor dem Klick wis­sen müsse, ob er auf eine Wer­be­seite kommt. Müsste das nicht eine Selbst­ver­ständ­lich­keit sein für ein Qualitätsmedium?

Bemer­kens­wert ist auch, was Mar­tin Rieß, Ver­kaufs­lei­ter beim »Pre­mi­um­ver­mark­ter« Qua­lity Chan­nel (u.a. sueddeutsche.de, »Spie­gel Online«) auf dem Medi­en­fo­rum Mitt­weida gesagt hat. Er wurde ange­spro­chen auf redak­tio­nell gestal­tete Sei­ten, die Wer­be­kun­den glück­lich machen sol­len, so zum Bei­spiel die berüch­tig­ten Rubri­ken Sommerreifen-Spezial und Winterreifen-Spezial, die wäh­rend der Rei­fen­wech­sel­zei­ten von Con­ti­nen­tal gespon­sert wer­den und für die zunächst bei »Spie­gel Online«, heute noch bei sueddeutsche.de (pseudo-)journalistische Arti­kel vom Fließ­band pro­du­ziert wer­den muss­ten. Rieß sagte:

Rieß: »Die Meß­bar­keit im Inter­net ist Fluch und Segen zugleich. […] Es ist natür­lich ein Fluch, weil wir dann sehen, dass bei­spiels­weise drei Tage vor Ablauf des Win­ter­rei­fen­spe­zi­als eben noch sehr viel [an Klicks] fehlt, und dann ver­su­chen wir schon mit den Redak­tio­nen, da Mög­lich­kei­ten zu fin­den, noch …«

Mode­ra­to­rin: »Das würde uns näher inter­es­sie­ren. Das heißt, Sie neh­men dann Ein­fluss auf die Redaktionen?«

Rieß: »Nein, naja, wir ver­su­chen, ihn zu neh­men. Die Redak­tio­nen sind natür­lich, je nach­dem, wie selbst­be­wusst oder stark die sind, in der Lage zu sagen: Ist uns völ­lig egal, ob das Win­ter­rei­fen­spe­zial unter­lie­fert oder nicht. Aber wir wei­sen dar­auf hin, dass es Pro­bleme gibt, was Leis­tungs­er­fül­lung anbe­langt. Und man kann dann natür­lich einen Arti­kel auf die Home­page neh­men oder auch ein biss­chen ver­ste­cken. Das kann jede Redak­tion für sich ent­schei­den, aber man kann natür­lich so steu­ern, dass sich die Wer­be­kun­den da… eher… .«

Hier endet der Satz.

Das ist der Stand der Dinge: Die Online-Medien mischen Wer­bung und Redak­tion und zwin­gen ihre Leser dazu, dut­zend­fach zu kli­cken, um einen ein­zi­gen Arti­kel zu lesen, und empö­ren sich dar­über, dass man ihnen vor­wirft, Wer­bung und Redak­tion zu mischen und ihre Leser als Klick­vieh zu missbrauchen.