Kurz verlinkt (29)

Als ihre Tochter starb, erhielt sie rund 5000 Briefe von Menschen, die ihr Beileid bekunden oder Trost spenden wollten. Manchmal liest sie auch heute noch in diesen Briefen, sagt die Freundin. Auf der Einfahrt, gleich hinter dem schmiedeeisernen Tor mit den Lettern »Petra Polis«, zeigt der Asphalt ein paar Risse. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher. Draußen ist es ruhig wie auf einem Friedhof. Die weiblichen Steinskulpturen im Garten tragen grüne Längsstreifen vom jahrelangem Regen; in der offenen Garage steht ein dunkelblaues Mercedes Cabrio. Die Kulisse erinnert an die Anfangssequenz eines Derrick-Krimis. Petra Schürmann sitze oft im Wohnzimmer und schaue fern, sagt die Freundin. »Am liebsten die Sendungen, die sie selbst moderiert hat – oder alte Krimis.«

Nach dem Tod der Tochter stand monatelang ein Fernglas auf dem Balkon, damit Petra Schürmann immer das Grab ihrer Tochter auf dem Aufkirchener Friedhof sehen konnte. Das Fernglas hatte sie einst gekauft, um gemeinsam mit der halbwüchsigen Alexandra in die Sterne zu schauen. Doch mit dem Tod Alexandras verwandelte sich das Fernglas in ein Instrument, um in die Vergangenheit zu blicken.

Alexandros Stefanidis im „SZ-Magazin“ über Petra Schürmann: „Was geschah mit Petra S.?“

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Dass aber die Auftritte all der Akteure des Realityfernsehens überhaupt eine Fortsetzung in der Wirklichkeit haben, ist eine Konsequenz, die Zuschauer und Produzenten mittlerweile völlig ausgeblendet haben. Dabei fällt es der Rezeption nicht schwer, darüber zu erschrecken, wo das Fernsehen heute überall hinkommt. Manchmal aber fängt der Horror erst an, wenn es wieder wegfährt.

Harald Staun in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über die Kleinstadt Zerbst, den RTL-2-„Frauentausch“ und das Realityfernsehen: „Vom Umtausch ausgeschlossen“.

57 Replies to “Kurz verlinkt (29)”

  1. Der zweite Text ist sehr gut, den ersten habe ich jetzt nicht weiter verfolgt.

    Aber eine interessante Parallele, dass sich in beiden Situationen Menschmassen bemüßigt fühlen, etwas zu unternehmen. Ich weiss garnicht, ob ich das verkraften würde, 5000 Briefe von mitfühlenden Zuschauern, das ist bestimmt auch nicht besser als Eier an der Haustür.

  2. Mal ein anderes, aus meiner Sicht aber wichtiges Thema: Gestern kam in der ARD direkt hintereinander der Tatort „Kassensturz“ rund um die Problematik(?) „Arbeitsbedingungen beim Discounter“ und die Sendung Anne Will zum selben Thema.

    Bin ich alleine, oder empfinden auch andere es als fragwürdig, wenn vor einer Talkshow durch einen Film Stimmung gemacht wird, wenn eine Talkshow anhand von Einspielern aus einer Fiktion eingeleitet wird.

    Und wenn sie der Regisseur rühmt:

    „Das „Schwarz-Buch Lidl“ und die ver.di-Kampagne zu Lidl haben für diese Arbeit Pate gestanden.“

    Ich find’s mehr als zweifelhaft. Großes gebührenfinanziertes Gesinnungskino.

  3. @treets: So etwas ähnliches sagte mir ein Kollege am Telefon auch gerade. Ich fand den Artikel wirklich außergewöhnlich und bewegend. Oder ist das doch ein unzulässiges Ausschlachten der Privatsphäre einer Frau, die die Öffentlichkeit bewusst meidet?

  4. Die Frage ist ja auch, ob sie sie bewusst meidet, beziehungsweise, ob sie die Öffentlichkeit überhaupt bewusst erlebt. Und dass dort über die berichtet wird. Fallender Baum, kein Mensch, etc.

  5. Ich fand den Artikel auch auf Anhieb abstoßend. Es drängt sich die ganze Zeit der Eindruck auf, als stünde dort ein Sensationsreporter, der leider nicht zur Person seines Interesses vorgelassen wurde, und der teilweise sehr voyeuristisch aus der Ferne (z.B. Beschreibung des Friedhofbesuchs) und über den Tratsch Dritter berichtet. Andererseits fällt mir nicht ein, wie man das Thema sonst hätte behandeln können, wenn Schürmann selbst nicht mehr kommuniziert. Gar nicht wäre vielleicht auch eine zu einfache Antwort.

  6. @4: Stefan,

    gibt es denn ein „zulässiges Ausschlachten der Privatsphäre“ einer Person? Welche Relevanz hat das Leben einer Privatperson für die Allgemeinheit, dass einige „Journalisten“ meinen, die Allgemeinheit habe ein „Recht darauf, informiert zu sein“? Die Sexpraktiken von Zumwinkel interessieren nie, selbst dann nicht, wenn er seine Steuern nicht zahlt.

    Mit Verlaub: Der SZ-Artikel ist die Fortführung von BILD mit anderen Stilmitteln, ergo der allerletzte Dreck. „Gar nicht“ (@6) wäre also genau die einzig gültige Antwort. Dass dir, Stefan, das verhandelbar zu sein scheint, ist schon bemerkenswert.

  7. @4 / Ruhrpottjunge: Ist zwar Off-Topic, aber so ähnlich empfinde ich auch. Aber Lidl scheint ja wohl eine Lieblings-Zielscheibe zu sein wenn es um Discounter geht (auch wenn es bei den anderen Marktteilnehmern kaum anders zugehen dürfte). Allerdings macht sich Lidl durchaus auch immer wieder angreifbar.

    @ Topic: Ich finde den SZ-Artikel nicht abstoßend. Wie auch hier schon geschrieben wurde, hatte der Autor nicht die Möglichkeit eines direkten Zugangs zur betroffenen Person und musste sich auf dritte Quellen stützen. Dafür ist die Sache eigentlich ganz gut geworden (und hat nichts außergewöhnlich sensationslüsternes an sich).

  8. In der FAZ:

    „Der Gesundheitszustand einer Person, so urteilte etwa der Bundesgerichtshof am 14. Oktober vergangenen Jahres zugunsten der Klägerin Caroline von Monaco, sei eine „höchstpersönliche Angelegenheit“. Auch der Pressekodex konstatiert: „Körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden fallen grundsätzlich in die Geheimsphäre des Betroffenen.“

    Den Link zum FAZ-Artikel fand ich – nur mal so erwähnt – am 16.01. auf bildblog (es ging um Frau Lierhaus).

    Ich kann substantiell keinen Unterschied zum Fall Petra S. erkennen. Die Frau will offensichtlich sich dazu nicht äußern. Und sie ist weder Kanzlerin noch Papst noch Chefin der Deutschen Bank, so dass nach geltendem Recht sie einen Anspruch auf Achtung ihrer Privatsphäre hat.

    Wäre es der SZ um die Darstellung des Schicksals „an und für sich“ gegangen, hätte die Zeitung halt ausreichend anonymisieren müssen. Hier aber ging es um eine reine Promi-Berichterstattung mit sehr, sehr, sehr viel Pathos. Um nicht zu sagen: es trieft geradezu.

  9. Es ist immer schwierig, eine Grenze zu ziehen. Prominente verdienen durch Prominenz nicht selten viel Geld. Prominenz — im Wortsinne das „Hervorragen (aus der Masse der Menschen)“ — beinhaltet ein gewisses gesteigertes Interesse eben dieser Masse.

    Wo beginnt ein Eindringen in die Privatsphäre, wo endet berechtiges, menschliches Interesse am Schicksal einer Person? Gibt es so etwas überhaupt, so ein berechtigtes menschliches Interesse? Haben die Menschen ein Recht darauf zu erfahren, warum ein Mensch, der immer von sich aus Öffentlichkeit gesucht hat, diese nicht mehr suchen möchte und/oder kann?

    Nicht so einfach, da ein Urteil zu fällen.

  10. Zu Artikel 1:
    Ist es nicht viel eher der Betroffenheitston des Artikels, der stört.
    Inhaltlich finde ich das ganze eigentlich recht bemerkenswert, eine tragische Lebensgeschichte.
    Frau Schürmann ist keine Privatperson und hat augenblicklich wohl größere Sorgen als die SZ.
    @brummkreisel: Ich glaube für das Sexleben von Hr Zumwinkel gäbe es genügend Interessenten, gerade jetzt, wo er Steuern hinterzieht.

    Zu Artikel 2:
    In einem Dorf macht ein wütender Mob jede Menge Unfug.
    Das passiert manchmal. Ob das jetzt aufgrund einer Fernsehshow oder sonstwas passiert, ist hier doch zweitrangig.
    Tatsache ist ja, dass in beiden Fällen (H4-Fam und Restaurantbetreiberin) die noch größere Öffentlichkeit keinen Gedanken an das ganze verschwendet hat, sondern nur die Dorfgemeinschaft, die scheinbar ganz schön aggressiv und vertrottelt ist.

  11. @7 „Allerletzter Dreck“ ist das gewiss nicht. Ich weiß immer noch nicht, was ich davonzuhalten habe, (und werde mich auch nicht zu einer Bewertung durchringen), aber es ist doch bedeutend ansprechender verfaßt als der sonstige Dreck.

  12. Es gab für den Artikel über Frau S. und deren privates Unglück keinen aktuellen Anlass. Über den Tod ihrer Tochter ist damals, 2001, mehr als ausführlich berichtet worden, jedenfalls in den Münchener Medien. Dafür, das jetzt auf mehreren Seiten und auf der Titelseite des SZ-Magazins nochmals auszubreiten, gibt es keinen legitimen Grund. Einen Nachruf auf Frau S. – und wie ein Nachruf zu Lebzeiten liest sich der Artikel in einigen Teilen – hätte man auch noch nach ihrem Ableben veröffentlichen können (das der Autor ziemlich bald zu erwarten scheint, aber wohl nicht abwarten wollte).

    Beim zweiten Lesen finde ich den Artikel weniger bewegend, eher ziemlich clever auf Gefühlserzeugung kalkuliert, und das Geraune über die schwere Krankheit von Frau S. hat mich schon beim ersten Lesen gestört.

    Vielleicht bewegt den Autor das Schicksal von Frau S. wirklich. Aber dann hätte er erst recht aus Respekt vor ihrer Privatsphäre von der Veröffentlichung absehen sollen.

  13. Zum ersten Artikel:

    Ich habe den Artikel auch mit Interesse gelesen, habe aber währenddessen ein paarmal darüber nachgedacht ob ich hier nicht einfach nur die peepshow geniesse oder wirklich anteil an dem Leben der Frau nehme, die ich sonst überhaupt nicht kenne…
    Jedoch ist der Artikel relativ gut geschrieben und verleitete (verlitt?) mich dadurch zum weiterlesen. Aber einige Teile lassen doch sehr stark erkennen worum es geht.
    Z.B.
    „Der Fernseher in Petra Polis wurde ausgeschaltet. In der Dunkelheit kann man nicht einmal mehr die Umrisse des Hauses erkennen. Morgen früh wird eine Pflegerin Petra Schürmann wecken, sie waschen, frisieren, ankleiden und das Frühstück servieren. Niemand weiß genau, wie viel Petra Schürmann davon noch bewusst mitbekommt. Ein ehemaliger Pfleger sagt, ihre Augen seien starr und leblos. Ursula von Bayern dagegen meint, sie erkenne sofort, wenn sich Frau Schürmann ärgere: »Dann ändert sich ihre Augenfarbe nach Dunkelgrün, obwohl sie eigentlich hellgrüne Augen hat. Das war schon immer so.« “

    Das hätte imho auch gut zur Blödzeitung gepasst. Wen geht es etwas an wie und wann diese Frau sich wäscht oder ob sie gewaschen wird.
    Meiner Meinung nach niemanden!
    Oder um mal einen Vergleich zu bemühen. Wäre es ok wenn solch ein Artikel über Gaby Köster geschrieben würde?

    meine meinung
    LG
    Andi

  14. 10: „Wo beginnt ein Eindringen in die Privatsphäre, wo endet berechtiges, menschliches Interesse am Schicksal einer Person?“

    Siehe 9., 1. Absatz.

    Das einzige „berechtigte menschliche Interesse“, welches ich hier feststellen kann, ist: Neugier. Und: nein, nicht jeder Prominente muss sich gefallen lassen, dass alles über ihn berichtet wird. Das mag manchen vielleicht nicht so gefallen, ist aber – aus meiner Sicht dankenswerterweise – gültige Rechtsprechung.

    Abgesehen davon: für Blätter wie „Bunte“ wäre das vielleicht ein normaler Vorgang. Aber angesichts der allgemeinen Wertschätzung, welche die Süddeutsche hat, ist die Geschichte unendlich peinlich.

  15. Das Web 2.0 stößt oft an seine immanenten Grenzen. Zum Beispiel im vorliegenden Fall. Zu komplex ist nach meiner Ansicht das Thema, das Stefan mit seiner einfachen Verlinkung aufmacht.

    Ich möchte trotzdem, natürlich (sic!), einige Punkte ansprechen:

    1. Rein handwerklich ist der SZ-Artikel fantastisch: Er schafft eine außergewöhnliche Stimmung, malt ein intensives Bild, bindet richtige (?) Fakten ein, ist intim und gleichzeitig distanziert, stellt auf der Metaebene Fragen, ohne Antworten zu geben.

    2. „Der Feind meines Feindes ist nicht zwingend mein Freund“. – Oder anders: Nur weil hier im Ansatz eine Technik benutzt wird, die auch die Blöd benutzt, wird der Artikel nicht schlecht. Entscheidend ist die Intention. Das, was bei Blöd vordergründig schmierig-lüsternd ausgeschlachtet wird, kann solitär und im entsprechenden Kontext durchaus anteilnehmend-kritisch und emotional berührend sein.

    3. Personen des öffentlichen Interesses müssen damit leben, dass sie nicht nur die Öffentlichkeit (vulgo: Medien) als Instrument nutzen, sondern mit ihrem Schritt auch rücklaufender Gegenstand dieser Medien werden. Wenn man sich in die Fänge dieses Molochs begibt, kommt man darin um. Oder kann sich „glücklich schätzen“, wenn intime Schicksale zwar öffentlich, aber mit allem Respekt t hematisiert werden.

    4. Grundsätzlich müssen wir alle eine viel stärker ausgeprägte Sensibilität entwickeln, Inhalte von strategischen Maßnahmen zu unterscheiden. Eine Öffentlichkeit oder auch die entsprechende Gegenöffentlichkeit bewegen sich viel zu sehr in sportiven Grabenkämpfen, die abseits einer diffenzierten Rezeption stattfinden. Je mehr Müll auf uns einströmt desto mehr müssen wir in der Lage sein, Informationen in unserem ethischen Konzept zu bewerten. Gerade in diesen Kommentaren fallen mir dabei zuviele reflexartige „political correcte“ Schnellschüsse und vermeintlich „richtige“ Meinungen auf.

    5. Ich würde den besagten Text im SZ-Magazin eben nicht bedingungslos verteidigen. Aber er hat, im Gegensatz zu vielem offensichtlichen Müll, durchaus seine Berechtigung. Ich würde mir, gerade in diesem Umfeld, mehr Nachdenklichkeit, und für alle „Kollegen“ mehr Diffenrenziertheit wünschen.

  16. @10, 11, 16:

    Prominente verwirken ihre Würde also qua Prominenz, und zwar ursächlich? Seltsames Vorstellungen haben Sie da.

    @12: Alberto, Sie verwechseln Form und Inhalt. Zur Illustration: Antisemitismus ist keine Frage der Ästhetik, sondern genuin Dreck.

  17. @ das ist genau die Form der unkonzentrierten, billigen Totschlagargumentation: Mit welchem Satz meines Kommentars habe ich die Würde des Menschen (in Ihrem Sinne: Prominenten) in Frage gestellt???

  18. @12: Leider kann ich dem Reflex zu antworten trotz Ihres an dieser Stelle unglaublich dummen Antisemitismus-Einwurfs nicht widerstehen:

    Ich verwechsle mitnichten Form und Inhalt. Ich trenne die beiden. Und das hat einen Grund: Ich kann und will mich zu einer Bewertung des Inhalts nicht durchringen. Vermutlich wirklich Dreck. Aber die Form ist wie gesagt recht ansprechend. Und somit ergibt sich für mich das Ergebnis: Dank der ansprechenenden Form ist der Artikel wenn auch vielleicht Dreck, aber nicht der „allerletzte Dreck“.

    Ihr Argumentations-/Superlativmodul muss in die Werkstatt. Läuft ein wenig hochtourig.

  19. Amüsant zu beobachten, wie manche hier in der Zwickmühle stecken.

    Hätte Herr Niggemeier geschrieben: „SZ schlachtet todkranke Frau aus!“ wären sich alle einig gewesen, das der Artikel der letzte Dreck, die SZ schon wie die Bild und der Untergang der Printmedien schon fast greifbar ist.

    Da Herr Niggemeier diesen Artikel unverständlicher Weise gut heißt, sich bei vielen aber dennoch berechtigter Weise beim Lesen die Nackenhaare aufstellen, entsteht ein Dilemma. Und plötzlich ist die Sache komplex, vielschichtig, nicht so einfach zu beantworten, mit den Mitteln des Web 2.0 nicht erfassbar, etc….

    Nenne wir das Kind beim Namen:
    1. Der Artikel ist voyeuristischer Schund, gut geschrieben entsprechend dem Niveau des SZ Zielpublikums, aber Schund. Das Privatleben und die Krankheit der Frau S. (die ich übrigens vorher nicht einmal gekannt habe), geht niemanden etwas an, auch wenn sie früher einmal im Fernsehen aufgetreten ist.

    2. Herr Niggemeier hat hier daneben gegriffen, kann jedem einmal passieren.

  20. @Nashwin
    Interessanterweise ist bei mir diese Ambivalenz schon beim ersten Lesen (letzten Freitag, also bevor der Text hier thematisiert wurde) entstanden: Den Text fand ich auf der einen Seite abstoßend, andererseits aber auch thematisch durchaus interessant und berechtigt. Im Allgemeinen kann ich persönlich gut damit umgehen, dass ich manchmal Stefans Meinung nicht nachvollziehen kann (was selten genug der Fall ist), ohne deswegen gleich „in der Zwickmühle“ zu stecken.

  21. Im Endeffekt stellt sich die Frage, wie man journalistisch über Behinderung schreiben kann, als Reportage. Ich finde den Ansatz des Artikels im Grunde nicht verkehrt: eine Frau zu zeigen, die man kennen könnte, die das Publikum medial einordnen könnte, und dann zeigen, inwiefern eine psychische Erkrankung ein Leben umkrempelt oder sogar zerstört. Das Problem ist ja, dass Stefanidis nicht genau weiß, wovon er spricht: es könnte mit dem Tod der Tochter zu tun haben (das ist ja ein beinah archaischer Deutungsansatz von Behinderung, da hat es also eine Heimsuchung gegeben, etc), aber es könnte auch eine ältere Erkrankung zugrunde liegen, man weiß es nicht genau, drum lässt er lieber blumige Metaphern sprechen.

    Wie kann man denn sowas anders schreiben?
    (Dass man darüber schreiben muss, steht außer Frage: Behinderung ist eine der Grunderfahrungen jeder Biographie.)

  22. gut geschrieben oder nicht, das ist billigstes Boulevard-Niveau, und weit unterhalb dessen, was man eigtl. von der SZ erwarten kann.

    Wen interessiert Petra Schürmann ? Ich wusste bis dato gar nicht mal, wer das ist, und hatte auch nix vom Tod ihrer Tochter mitbekommen.

    Was die generelle Problematik betrifft, ich denke jeder hat ein Recht auf Privatsphäre, egal ob prominent oder nicht. Ausnahmen sind die Menschen, die ihr Privatleben freiwillig in die Öffentlichkeit tragen, aus welchen Motiven auch immer. Die müssen dann schon damit leben, dass über sie auch mal berichtet wird, wenn sie es sich nicht ausgesucht haben. So was ist bekanntlich keine Einbahnstraße.

    Was das „öffentliche Interesse“ betrifft, aus meiner Sicht spielt das nur bei einer bestimmten Gruppe von Personen eine Rolle, gewählten Amtsträgern und Repräsentanten dieses Staates.

    Alle anderen sind mir im Prinzip scheiss egal, ob sie sich jetzt für prominent halten oder nicht.
    Ich kann sowieso nicht verstehen, warum sich Menschen derartig für das Privatleben anderer interessieren. Haben die denn kein eigenes ?

  23. @B.Schuss: Gut, wenn Du Petra Schürmann nicht kennst, ist natürlich klar, dass es kein öffentliches interesse an ihr gibt. Hat das „SZ-Magazin“ Deine Nummer, um ähnliche Missverständnisse in Zukunft zu vermeiden? Vielleicht kann es für den Fall, dass Du nicht mal nicht schnell genug greifbar bist, noch die von Nashwin kriegen — für den scheint das eigene Unwissen auch ein Kriterium zu sein.

    Und was mich an Leuten wie Nashwin am meisten nervt, ist, dass sie glauben, man könne (und solle) die Welt in schwarz und weiß sortieren. Es gibt weder grau noch die Möglichkeit, dass verschiedene Leute ein und dieselbe Farbe verschieden interpretieren. Was für ein trauriges binäres Leben.

  24. Es wird anscheinend immer mehr zum Mittel zur sozialen Distinktion zu behaupten, bestimme Menschen nicht zu kennen. Jemanden nicht zu kennen als Ausdruck von: ein erfülltes, erfolgreiches Leben zu habem. Jemanden zu kennen als Ausdruck von: sonst nichts zu tun zu haben.

    Ich denke, Petra Schürmann ist prominent. Wer sie nicht kennt, der möge sich informieren oder es sein lassen, aber nicht aus seiner Unkenntnis etwas über die Prominenz einer Person ableiten.

    Und ich denke weiterhin, dass es hier um’s WIE geht und nicht um’s OB. Die Frage ist nicht, OB ich über jemanden berichten darf, die Frage ist, WIE berichte ich respektvoll im Angesicht von Krankheit und Tod, wenn ich vorher auch über anderes berichtet habe.

  25. Ich denke, die entscheidende Frage ist, ob die Berichterstattung im Sinne von Frau Schürmann ist. Frau Schürmann lebte immer mit den Medien, hat angeblich noch mit SMS Interviews geführt und noch Filme gedreht, als sie schon lange erkrankt ist. Daher gehe ich davon aus, dass Frau Schürmann nichts gegen eine derartige Berichterstattung hat. Deshalb ist das für mich eine gut geschriebene Boulevardgeschichte, nicht mehr und nicht weniger.
    Hätte Frau Schürmann in einer Stellungsnahme die Medien gebeten, nicht mehr über sie zu berichteten, sähe die Sache für mich anders aus.

  26. @Stefan: na, wenn du da so genau Bescheid weisst, Stefan, dann sag du mir doch, wo öffentliches Interesse anfängt. Ich habe nicht behauptet, in diesem Punkt die Authorität zu sein, bloss meinen Standpunkt geschildert.

    Es mag Leute geben, die der Ansicht sind, Frau Schürmanns privates Schicksal sei von öffentlichem Interesse. Aus meiner Sicht sind das aber die selben, die sich mit Teleobjektiven auf die Lauer legen, um über die Mauer irgendeines Hollywood-Stars dessen Kinder beim Spielen zu knipsen. Armselige Hanswurste, die die voyeuristischen Neigungen ihrer bemitleidenswerten Kundschaft bedienen.
    Du bist doch selbst Journalist, und oft genug derjenige, der an dieser Stelle seinen Kollegen Vorträge über Ethik, und sauberes Arbeiten hält.
    Und jetzt rechtfertigst du, wie das private Schicksal dieser armen Frau ausgeschlachtet wird, nur um ein paar Magazine zu verkaufen, oder Werbung auf einer Webseite ?

    Mir ist durchaus bewusst, dass die Welt nicht nur aus schwarz und weiß besteht. Aber das kann doch nicht die Rechtfertigung dafür sein, seine journalistische Integrität über den Haufen zu werfen.
    Nur aus meiner Sicht natürlich.

    Von der BILD kann man das vielleicht erwarten. Die drucken bekanntlich das, was der Pöbel lesen will. Sex, Gewalt, Hass, Wetterbericht ( frei nach den Ärzten ^^ ). Aber von der SZ ?

    Aber wer weiß, vielleicht hatte ich ja bisher bloß falsche Vorstellungen, was „Qualitätsmedien“ sind.

  27. Leider habe ich dem Artikel nicht entnommen, ob der Autor wirklich mit Faru Schuemann sprechen/kommunizieren wollte. Ob er seine Recherche also offen dargelegt hat, ob die Begleitung zum Grab seine eigene Wahrnehmung ist. Ich vermute mal, dass dies nicht geschehen ist, sonst haette er sicher vorher schon kraeftig Anwaltspost bekommen, die die Recherche gestoppt haette. Sicher nciht nur ich finde diese Art der Darstellung eines kranken Menschen ohne seine Einwilligung unzulaessig.
    Ich habe bei dem Artikel (den ich uebrigens auch sehr gut geschrieben und beruehrend fand) den Eindruck, dass durch die Darstellung der fehlenden Kommunikationsfaehigkeit auch gesagt wird: Petra Schuemann kann juristisch nicht dagegen vorgehen, denn sie kann ihren Willen nicht aeussern. Und sie hat ueber ihre Krankheit bereits gesprochen, also kann der Autor auch (zwei Jahre spaeter) drueber schreiben.

  28. @B.Schuss: Ich rechtfertige gar nichts. Ich weiß nur, dass die Frage, ob Du Petra Schürmann kennst, für die Beurteilung ihrer Prominenz und der Zulässigkeit der Berichterstattung komplett wurscht ist.

  29. Der SZ-Artikel hat bei mir in erster Linie Mitgefühl ausgelöst (ich weiss, manche Leute wissen nicht was das ist, Google weiss da bestimmt Rat), und ganz gelesen habe ich ihn nicht zuletzt aus persönlichem Interesse daran, was ein schwerer menschlicher Verlust mit anderen Menschen so anstellen kann. Besonders voyeuristisch fand ich ihn nicht, eher halbwegs dokumentarisch-distanziert, und ausgesprochen ehrlich. Wenn ich das richtig sehe, hat sie ihre Krankheit und ihren Zustand wohl nie verborgen oder geleugnet, man kann also keinen direkten Wunsch nach völliger Nichtöffentlichkeit ableiten. Die Prominenz von Frau Schürmann sollte auch ausser Frage stehen, zusammen mit der Schwere des Schicksalsschlages ergibt das ein solides öffentliches Interesse, das in meinen Augen hier nicht irgendwie respektlos ausgeschlachtet wurde. Warum einen sowas nicht interessieren dürfen soll (sollen darf?), will mir nicht ganz einleuchten. Weder formal noch inhaltlich bewegt sich dieser Artikel auf Bild- oder sonstigem Boulevard-Käseblättchen-Niveau.

  30. Den Artikel über P. Schürmann habe ich gelesen, seine Existenzberechtigung hat sich mir hingegen nicht erschlossen. Ich wurde nicht satt. Rein journalistisch ist er nämlich nirgendwo über das hinaus gegangen, was man – sofern man wollte – bereits über sie gewusst hat. Er blieb im Halb-Voyeurismus stecken. Und befriedigt keinen. Weder Yellowpress-Freaks noch Leser wie mich mit intellektuell verbrämter Schaugier. Schürmanns Umfeld kann der Text also Wurst sein. Als Journalist bedauere ich es aber heftig, dass der Autor nicht zu allgemeineren, philosophischen Betrachtungen angehoben hat. Hat Petra Schürmann, die sich (angeblich) ihre alten Sendungen im Fernsehen ansieht, nicht etwas von Norman Desmond alias Gloria Swanson in Wilders „Boulevard der Dämmerung“?? Der Gedanke hat doch was.

    Herzlichst
    jueb

  31. 31:
    Wenn dem so wäre, dass Petra S. ihren Willen nicht aeussern kann – dann darf doch das nicht als Freibrief, ob journalistischer oder juristischer, dienen.

    „Und sie hat ueber ihre Krankheit bereits gesprochen, also kann der Autor auch (zwei Jahre spaeter) drueber schreiben.“

    Aber wenn die Krankheit fortgeschritten ist, stellt sich die Sache ganz anders dar.

    Und warum eigentlich gibt es diese blumigen Zeilen über die Frau? Um, wie hier jemand meinte, über „Behinderungen“ aufzuklären? Da muss einer erst mal drauf kommen…

    Nein, es ist eine voyeuristische Geschichte. Es mag Leute geben, die den Schreibstil des Autors bewundern. Ich tue es deswegen nicht, weil er nur so eine Geschichte erhält, die im Grunde aus heißer Luft besteht. Er weiß nichts, bringt keine Fakten in Erfahrung, sehr viel Hören-Sagen.

    Die schnulzige Schreibe versucht, das alles zu kaschieren. Und zwar mag der Wortschatz des Autors größer sein als der von Bild-Leuten – aber das konnte Hedwig Courts-Mahler in ihren Werken auch vorweisen.

    Der Bericht soll nichts eiter als Emotionen erzeugen. Der Autor möchte glänzen, er legt viel Wert auf seinen Schreibstil. Dem hat sich das Schicksal dieser Frau unterzuordnen. Insofern ist der SZ-Bericht ein Dokument journalistischer Eitelkeit. Mehr nicht.

  32. „Als Journalist bedauere ich es aber heftig, dass der Autor nicht zu allgemeineren, philosophischen Betrachtungen angehoben hat.“ Kann ich ja nachholen:

    Auch Hackepeter wird Kacke später.

    Jetzt besser?

  33. @Brummkreisel
    Also, wenn ich mir so anschaue, dass manche Sender einen ganz überwiegenden Großteil ihres Programms damit bestreiten, über das Schicksal von Lieschen Müller zu „berichten“, halte ich Ihre letzte These doch für einigermaßen gewagt. Ich meine, haben Sie den anderen oben verlinkten Text über die Sendung Frauentausch gelesen? Nur so als Beispiel für das Interesse an „Schicksalen“ Nichtprominenter. Abgesehen davon stehen gerade im SZ-Magazin ziemlich häufig Reportagen über ganz „normale“ Menschen, die irgend etwas besonderes erlebt oder erlitten haben.

  34. Abgesehen davon: Mögen doch bitte mal alle die Hand heben, die sicher wissen, dass Petra Schürmann nicht in irgendeiner Form zugestimmt hat. Für mich geht das aus dem Artikel jedenfalls nicht eindeutig hervor.

  35. @ 27. Stefan Niggemeier:

    Aber Hallo!

    1. Ich habe nicht behauptet, dass mein Wissen oder Nicht-Wissen Maßstab aller Dinge sein soll. Ich habe auch meine Meinung, dass das Privatleben oder die Krankheit von Frau S. niemanden etwas angeht, nicht damit begründet, dass ich die Frau nicht kenne, wie Sie fälschlicher Weise suggerieren.

    2. Wo teile ich die Welt in Schwarz und Weiß? Kann man das Schicksal einer Privatperson nur ein bisschen kommerziell ausschlachten? Erklären Sie mir doch, wo der Unterschied zwischen den vielen erbärmlichen BILD-Geschichten und dieser ist? Im intellektuell ansprechenderen Stil?

    3. Wenn man man mit Argumenten nicht kontern kann, und stattdessen in allgemeine persönliche Angriffe flüchten muss, zeugt das nicht gerade von Größe.

  36. Wenn’s in dem Artikel um Cassius Clay gegangen wäre, hätten alle mit Oh’s und Ah’s kommentiert. Er kann sich mittlerweile auch nicht mehr mitteilen und seine Familie spricht in der Regel für ihn.

    Aber bei Petra Schürmann ist es Voyeurismus. Ja nee. Is klar. Eine Schönheitskönigin von früher soll in Ruhe gelassen werden, weil sie nicht mehr von öffentlichem Interesse ist.

    Ich mag diese Art Artikel auch nicht. Trotzdem ist es deshalb noch lange kein Schund. Ich kann im Gegensatz zu anderen Medien nämlich keinerlei wertende Aussagen, eigene Mutmaßungen oder Ähnliches finden, eher noch Relativierung von Rätselraten anderer. Bleibt mal auf dem Teppich. Das ist ein Rührstück und nichts weiter. Vergleicht das mal mit dem was für Gebührengelder bei „Brisant“ jeden Tag produziert wird. Da wär Euer Aufschrei besser aufgehoben als hier.

  37. @Stefan, #32: hab ich das behauptet ? Aber wer entscheidet, wer „prominent“, und damit zulässiges Ziel journalistischer Berichterstattung ist ? Die Redaktion ? Die Leser ?

    Wenn persönliche Ansichten in Bezug auf Prominenz keine Rolle spielen, wer entscheidet dann, über wen berichtet werden darf ?
    Oder machen im Zweifelsfall die Medien heute prominent, und konstruieren dann daraus das Recht, berichten zu dürfen ?

    @nina, #33:
    du schreibst, „Die Prominenz von Frau Schürmann sollte auch ausser Frage stehen, zusammen mit der Schwere des Schicksalsschlages ergibt das ein solides öffentliches Interesse“..

    Das ist es ja gerade. Wer hat entschieden, dass die Prominenz von Frau Schürmann ausser Frage steht ? Und wie schwer muss ein Schicksalsschlag sein, damit öffentliches Interesse besteht ?
    Letztes Jahr sind tausende junger Menschen auf Deutschlands Straßen umgekommen. Die hatten alle Mütter, die um sie trauern.

    Und noch mal zum Thema Prominenz, Stefan, das ist doch absurd.
    Mir ist schon klar, daß die Frage, ob ich Frau Schürmann kenne, keine Rolle bezüglich ihrer eventuellen Prominenz spielt.
    Das gleiche gilt aber umgekehrt auch für dich. Nur weil DU sie kennst, heisst das nicht automatisch, daß sie prominent ist.

    Ob, wie weit, und bei wem eine Person bekannt ist, hängt von so vielen Faktoren ab ( Bildung, kulturelle Prägung, sozialer Hintergrund, Alter, Sprache Interessen, etc. ), ist demzufolge so zielgruppenspezifisch, daß „Prominenz“ als Argument bzw. Rechtfertigung für ein „öffentliches Interesse“ schon fast hinfällig ist. Seh ich zumindest so. :)

  38. Ich schlage eine Entspannung der Diskussion vor, da es sich hier wohl tatsächlich um ein Thema handelt, bei dem man geteilter Meinung sein kann. Vor allem kann ich B.Schuss verstehen (und seine Meinung teile ich selten), der jegliche (ungefragte) Berichte über anderer Leute Privatleben ablehnt.

  39. Hallo Herr Stefan Niggemeier

    Sie schreibten (27.): „Und was mich an Leuten wie Nashwin am meisten nervt, ist, dass sie glauben, man könne (und solle) die Welt in schwarz und weiß sortieren. Es gibt weder grau noch die Möglichkeit, dass verschiedene Leute ein und dieselbe Farbe verschieden interpretieren. Was für ein trauriges binäres Leben.“

    Wir haben, dank Herr Stefan Niggemeier, beide Texte gelesen und sind zum dem Schluß gekommen, das beide Texte irrlevant für das Leben der Menschen in der BRD sind!

    Da hätten Wir mal eine Frage Herr Stefan Niggemeier zum Thema Schwarz-Weiß-Denken.
    Sie sind sich sicher, Herr Sefan Niggemeier, das sie nicht Schwarz-Weiß-Denken?

    Info:
    Im normalen Sprachgebrauch wird der Begriff des Schwarz-Weiß-Denkens als Kritik für unzulässige Vereinfachungen gebraucht.Allerdings führt diese wertende Verwendung zu einem performativen Widerspruch, da die Kategorisierung des Denkens in Schwarz-Weiß-Denken=schlecht, Denken in Graustufen\Farben=gut selber Schwarz-Weiß-Denken ist!
    Und hier nochmal was zum nachdenken. Kennen sie ,Herr Stefan Niggemeier, Jing und Jang
    In jedem guten steckt etwas böses, und in jedem bösen steckt etwas gutes (chin. Sprichwort)
    MfG
    Roboter sind nicht traurig!Roboter leben nicht!

  40. @B.Schluss/#44:
    „Wer hat entschieden, dass die Prominenz von Frau Schürmann ausser Frage steht ?“

    Common Sense. Allgemeinbildung. Man möge es nennen wie man mag. Ich werde wohl kaum gravierend falsch liegen, wenn ich behaupte, dass Petra Schürmann weithin -bei einer beträchtlichen Anzahl an Menschen- hinreichend bekannt ist. Die Dame ist fraglos prominent, seit Jahrzehnten eine Person des öffentlichen Lebens, mit entsprechender Medienpräsenz. Das braucht niemand mehr „entscheiden“, das muss man auch nicht unbedingt nur um der Diskussion willen krampfhaft in Frage stellen.

    „Und wie schwer muss ein Schicksalsschlag sein, damit öffentliches Interesse besteht ?“

    Ganz einfach: aussergewöhnlich schwer, wohlgemerkt im Zusammenhang mit der Prominenz der Person. (Auf nichtprominente vom Schicksal geschlagene Menschen kann man das offensichtlich nicht genauso anwenden.) Dass viele Menschen schwere persönliche Verluste erleiden ist klar, und auch die verdienen menschliche Anteilnahme. Dass aber jemand so sehr darunter leidet, dass er sowohl seelisch als auch körperlich zu zerbrechen scheint, das ist -gelinde gesagt- keineswegs gewöhnlich.

    Fragen damit hinreichend beantwortet?

  41. Es gibt in Deutschland ja die Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Person der Zeitgeschichte. Petra Schürmann gehört, im Gegensatz zu einem Staatsoberhaupt, vermutlich in die zweite Kategorie. Was man daraus juristisch ableiten kann, weiß ich nicht.

    Prominent ist sie mit ihrem 50+-jährigen Wirken in der Öffentlichkeit (insbesondere als Medienschaffende) aber natürlich so oder so. Das ist auch nicht subjektiv oder verhandelbar. Dass es da durchaus Bekanntere gibt, oder dass die Jüngeren sie nicht mitbekommen haben, ist dabei egal.

  42. Leute, es ist doch ganz einfach. Man muss sich nur mal an das erinnern, was man im normalen Leben Anstand nennt.
    Breite ich das Leben eines anderen vor anderen aus? Nein. Es sei denn, er willigt ein. Kann er es nicht, tue ich es nicht. Gibt es überbordendes Interesse der anderen, äußer ich vielleicht Eckdaten, vielleicht, sorgfältig darauf überprüft, wie derjenige wohl beim Lauschen empfinden würde, wenn er es könnte. Punkt. Einfach Punkt. Alles andere gehört sich nicht, Klatsch, Tratsch, SZ, Journalismus, Buschtrommel hin oder her.

  43. Vor einiger Zeit lief übrigens im Bayerischen Fernsehen ein ca. 30 minütiger Bericht über Petra Schürmann. Dabei wurde sie vom Kamerateam – soweit ich mich erinnere – sogar ins Ausland begleitet. Daher gehe ich davon aus, dass sie diesem Fernsehbericht zugestimmt hat.

  44. Ich kann mich gut an eine Zeit erinnern, in der Petra Schürmann sehr gern im Scheinwerferlicht stand. Homestorys, Interviews, Galas – das volle Programm. Der „Landwirt“-Verlag spendete ihr sogar Auslandsreisen nach Paris und St. Petersburg mit der Bedingung, darüber berichten zu dürfen. Und P. Schürmann ist diese Reisen angetreten, hat sich also einladen, interviewen und fotografieren lassen. Selbst als sie nicht mehr sprechen konnte, führte sie Interviews mit der BUNTE. Es ist also keineswegs so, dass sie ihr Privatleben gegenüber der Presse abschottete. Darüber hinaus: Sie hat aus ihrer „Krankheit“ nie ein Geheimnis gemacht, oder explizit erklärt, dass es die Öffentlichkeit nichts angehe. Mehr noch: Sie hat öffentlich dazu Stellung genommen. Und das nicht nur ein oder zwei Mal, sondern beinahe regelmäßig (Bunte, BAMs, etc.).
    Was diesen SZ-Magazin-Artikel angeht, kann ich also beim besten Willen nichts Anrüchiges erkennen. Natürlich kann man sich darüber streiten, ob man so eine Reportage dennoch veröffentlicht, aber viel anrüchiger finde ich doch die hier stattgefundene Diskussion: Alle haben’s gelesen, AUFREGUNG, aber gewollt, nein, das hat keiner lesen wollen. So was nennt man dann wohl bigott.

  45. Ich denke, die entscheidende Frage für die Bewertung des Textes ist, ob er mit Wissen und Zustimmung von Frau Schürmann entstanden ist oder nicht.
    Im ersten Fall liegt hier eine technisch blitzsaubere, ansprechende, ihren Zweck – es dem Leser möglich machen, sich in das Schicksal und die generelle Frage nach der Bedeutung von Schicksalsschlägen für den Einzelnen einzufühlen – erfüllende Reportage vor.
    Im zweiten Fall liegt eine immer noch technisch blitzsaubere Reportage vor, die es sich aber herausnimmt, festzulegen, dass Frau Schürmanns Schicksal von öffentlichem Interesse ist – was anmaßend ist und die Kompetenzen des Autors übersteigt.
    Aus diesen Gedanken folgt: eine moralische Beurteilung des Textes ist schon mangels nötiger Informationen zur Entstehung nicht oder nur schwer möglich und eine Einordnung is „gut/schlecht“ mithin unsinnig und undifferenziert.

  46. Den Artikel über Petra S. kann ich nicht als respektlos oder (besonders) voyeuristisch oder verwerflich betrachten. Er scheint mir weithin gelungen zu sein. Robert Walser hat geschrieben: „Es ist nett, von jemandem zu sprechen, der nicht das Gespräch des Tages bildet.“ In diesem Sinne verstehe ich diesen SZ-Beitrag.

  47. Ob Frau Schürmann oder der berüchtigte Sack Reis in China – wen interessiert so etwas. Täglich müssen unzählige Menschen leiden, worüber wir nie etwas erfahren.

    Man hätte die Seiten besser nutzen können….

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