Lafontaine & das Medien-Perpetuum-Mobile

21 Nov 09
21. November 2009

In einem Punkt immerhin gibt der „Spiegel“ zu, in seiner Berichterstattung über Oskar Lafontaine und sein angebliches Verhältnis zu Sahra Wagenknecht einen Fehler gemacht zu haben.

Aber machen wir vorher noch einen kurzen Abstecher in die heutige Medienkolumne von Kai-Hinrich Renner im „Hamburger Abendblatt“, in der er schreibt:

In Berliner Politik-Kreisen gilt es mittlerweile als gesichert, dass die „Spiegel“-Story stimmig ist. Der klagefreudige Lafontaine hat bisher nicht mal eine Gegendarstellung verlangt.

„Stimmig“ ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang. Offenbar wissen weder Renner noch die „Kreise“, mit denen er gesprochen hat, ob die „Spiegel“-Geschichte stimmt. Vielleicht hatte das „Abendblatt“ auch nur keine Lust, die angebliche Klagefreude des Politikers doch noch herauszufordern.

Aber das erleichtert die journalistische Arbeit natürlich ungemein, wenn sich Stimmigkeit oder Plausibilität als neues publizistisches Kritierium durchsetzt: Endlich nicht mehr recherchieren müssen, was war, sondern nur noch, was gewesen sein könnte. Das veröffentlicht man dann, und wenn der Betroffene „nicht mal eine Gegendarstellung verlangt“, nimmt man es fortan als wahr an. (Was hätte Lafontaine in der vergangenen Woche auch anderes zu tun gehabt, als sich um Gegendarstellungen zu kümmern — mal abgesehen von der Frage, wie klug ein solches Vorgehen gewesen wäre. Im übrigen behauptet der „Spiegel“ nicht einmal, Lafontaine habe ein Verhältnis zu Wagenknecht, sondern nur, dass es Gerüchte in der Linkspartei gebe, die ihm das unterstellen. Was hängen bleibt, ist natürlich etwas anderes.)

Ich kann nicht beurteilen, ob die „Spiegel“-Behauptungen über Lafontaine wahr (oder auch nur „stimmig“) sind, und zu der perfiden Art, wie der „Spiegel“ seine Umwidmung zum Klatschblatt rechtfertigt, ist an anderen Stellen schon genug gesagt worden. Aber nachhaltig faszinierend finde ich es, wie die „Spiegel“-Autoren sich zu ihrem Gerüchtetext, der überwiegend aus Fragen besteht, eine zusätzliche Scheinquelle gebastelt haben. Sie schreiben:

Auch ein Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vor zwei Wochen („Lafo hat was am Laufen mit Sahra Wagenknecht“) blieb unwidersprochen.

Aber die „FAS“ hat das nicht berichtet. Sie hat in ihrer wöchentlichen Kolumne „Herzblatt-Geschichten“, die ironisch die Behauptungen der Klatschblätter kommentiert, berichtet, dass das in der „Bunten“ stehe, dort angedeutet unter anderem durch die Formulierung:

„Die Kommunistin Sahra Wagenknecht, intime Kennerin von Lafontaines Positionen und nicht nur in Streikfragen mit ihm auf Augenhöhe, verlangt wie er regelmäßig französische Verhältnisse.“

Und woher hat die „Bunte“ diesen merkwürdigen Satz? Aus dem „Spiegel“, wo sich die Autoren Stefan Berg, Markus Deggerich und Frank Hornig mit ihm Mitte Oktober für eine „vielversprechende Karriere in der Bütt“ empfohlen hätten, wie Jens Berger treffend kommentiert.

Also noch einmal: Der „Spiegel“ schreibt, was die „FAS“ schreibt, was die „Bunte“ schreibt, was der „Spiegel“ schreibt. Oder kürzer: Der „Spiegel“ bestätigt sein eigenes Gerücht mit seinem eigenen Gerücht. Hut ab vor soviel Chuzpe.

Ich habe gestern Georg Mascolo, den „Spiegel“-Chefredakteur gefragt, ob so ein Vorgehen seriös sei. Er hat das nicht direkt beantwortet, sagt aber:

„Die Autoren haben für dieses Stück wochenlang recherchiert. Es gibt keinen Anlass an der Darstellung zu zweifeln.

Bei dem Text in der FAS handelt es sich erkennbar um eine Glosse; sie hätte so im SPIEGEL nicht zitiert werden dürfen.“

Wie gesagt: Immerhin.

PS: Natürlich hat sich das Klatschblatt „Bunte“ auch in dieser Woche wieder dem Thema gewidmet, unter der bestimmt lustig gemeinten Überschrift: „Oskar und die linke Lady“. „Bunte“ weist darauf hin, dass Frau Wagenknecht „süß-saure Krabben im Wok oder Lammhüfte in Rotweinjus“ koche und 1997 mit „reichlich Brautschmuck im Haar“ geheiratet habe, „obwohl“ sie noch 1989 in die SED eingetreten sei. Und als einen Beleg für die Affäre nennt „Bunte“ was? Natürlich:

Auch die renommierte „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtete vor zwei Wochen: „Lafo hat was am Laufen mit Sahra Wagenknecht.“

Die Medien haben das Perpetuum Mobile entdeckt. Läuft ohne Antrieb von außen, macht aber viel Dreck.

[Offenlegung: Ich schreibe regelmäßig für die FAS.]

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62 Gedanken
  1. 1
    Alexander says:

    Das ist allerdings ein Effekt, der sich auch daraus speist, dass die FAS statt einer Klatschkolumne eine ironische Klatschkolumne hat — die weder auf Wahrheit noch Stimmigkeit achten muss, sondern nur auf den Unterhaltungswert, auf die Klatschblätter zitierend herabzuschauen. Bumerang!

  2. 2
    woz says:

    „Stimmig“ ist ein fantastisches Wort. Erinnert mich an „truthiness“, den Begriff, mit dem Stephen Colbert den kreativen Umgang der Bush-Administration mit der Wahrheit beschrieben hat. Kann ich das in Zukunft verwenden, um mich vor Anwälten zu schützen? Z.B. „Ich finde die Meinung, dass beim Spiegel A****löcher arbeiten, stimmig“?

  3. 3
    Jan says:

    Und diesmal funktioniert die Recherche-Rekursion ganz ohne Beteiligung der Wikipedia, auf die „Journalisten“ beim Guttenbergschen Willhelm noch die Schuld schoben…

  4. 4
    Gachmuret says:

    Warum noch mal sollten wir Geld für Qualitätsjournalismus bezahlen? Wegen Recherche und Berufsstandards und so?
    Pff.
    Das traurige dabei ist ja, daß diese Argumentation stimmig ;) wäre, spräche man tatsächlich über Journalismus, der diesen Namen auch verdient.

    Der Spiegel ist schon seit längerem kaum noch zu ertragen, aber daß sie nun so ungehemmt die beliebten Methoden der Bouloevardpresse übernehmen, finde ich denn doch noch einer kurzen Emotionsaufwallung würdig.

    Der Rest ist Kopfschütteln.

  5. 5
    Ste says:

    könntest du noch was zu der darmstädter studie sagen, herr niggemeier? wahrscheinlich aber auch alles deja-vu und deja-dit:
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31503/1.html

  6. 6
    meykosoft says:

    Eine Vermutung von meiner Seite, oder etwas medialer gesagt: Für mich scheint stimmig, dass das Perpetuum Mobile Mediales schon vor etlichen Jahren erfunden wurde, so in etwa zeitgleich mit der Gründung der Deutschen Presse Agentur. Nur ist bisher niemand darauf gekommen es zu benennen. Und es hat sicherlich auch keiner damit gerechnet, dass es eventuell einmal jemand entdecken und so schön griffig (Läuft ohne Antrieb von außen, macht aber viel Dreck :-) )beschreiben könnte. Dank dafür.

  7. 8
    Harald Eisenmann says:

    Ich halte Sahra Wagenknecht für hochintelligent und politisch vorrausschauend, und, nebenbei bemerkt, für äusserst attraktiv, wenn ich das so platt sagen darf. Ihre Ansichten sind ebenso extrem wie (leider) richtig, sagte sie doch die Finanzkrise vorraus und rechnet auch laut Aussagen in ihrem Buch mit weiteren desaströsen, ökonmischen Ereignissen in der Zukunft. Sie wird wohl leider wieder recht behalten. Sie wird ebenso latent unterschätzt, wie ignoriert und nicht ernstgenommen. Ich halte das für einen Fehler. Aber das sie etwas mit Lafontaine hat halte ich für ausgeschlossen, schliesslich sind beide verheiratet (nein, nicht miteinander) und anständige Menschen, oder irre ich mich da?

  8. 9
    woz says:

    Wenn ich Herrn Mascolos Aussage richtig verstehe, dann haben die Autoren „wochenlang recherchiert“ und am Ende nur Spekulationen und Gerüchte herausgefunden? Kann man sein eigenes Versagen treffender eingestehen?

  9. 10
    Gregor Keuschnig says:

    Der „Spiegel“ hatte sich vor Jahren schon einmal an Lafontaine verhoben und ihm Kontakte zum Saarbrücker Rotlicht-Milieu angedichtet, die jedoch offensichtlich nicht nachgewiesen werden konnten. Die Angelegenheit nahm Lafontaine zum Anlass ein Pressegesetz zu verabschieden, welches Dikaturen durchaus Ehre gemacht hätte.

    Mit der Wagenknecht/Lafontaine-Story verletzt der „Spiegel“ das ungeschriebene Gesetz, das Liebesleben von Politikern nicht zum Gegenstand der Berichterstattung zu machen (es sei denn, es hat unmittelbaren Einfluss auf die Politik des Landes). Man hat ja schon bei Seehofer gesehen, wo das hinführt: ins Nichts. Ich mag Lafontaine nicht, aber diese Kampagne wird seine Popularität eher noch steigern; vor allem, wenn es nicht stimmen sollte.

    Der „Spiegel“ verkommt zusehends.

  10. 11
    zwoelf says:

    Schlimm fand ich das diese „Lovestory“ als Grund für Lafontaines Rückzug aus der Bundespolitik herhalten sollte und dann der Artikel nur zwei Stunden später sang und klanglos (und kommentarlos) auf die hinteren Plätze verschoben wurde, abgelöst von Lafontaines Krebs.
    Voll daneben, dacht ich da nur.

  11. 12
    Schreiberling says:

    Dir Art und Weise, wie hier ein amouröses Gerücht in die Leserhirne geprügelt wird, ist schon unschön.

    Lafontaine macht irgendwas mit der Wagenknecht, dann muss ja Sex im Spiel sein. Bei der Wagenknecht denkt ja eh jeder an Sex. Geile Story von einer geilen Journaille.

    Unschön auch, das bei hübschen Politikerinnen ständig ihr Aussehen im Vordergrund steht. Und bei nicht besonders hübschen Politikerinnen eigentlich auch. Frauen bestehen in erster Linie aus Aussehen, die weiteren Eigenschaften sind zweitrangig. Und Männer wollen und können immer, selbst kurz vor der Prostata-OP.

  12. 13
    treets says:

    Hat aber was gedauert, bis Sie sich des Themas angenommen haben, Stefan…

    Dennoch vielen Dank. Die Nummer mit Lafo ist ein wirklicher Medien-Skandal. Der Spiegelfechter-Blog hat das auch sehr schön seziert.

  13. 14
    SK says:

    Hmhm, die Jungle World hatte das Thema Lafontaine/Wagenknecht doch schon vor Monaten kolpotiert. Wieso steht dazu kein Wort hierdrin?

    So schlimm übrigens eine Protastakrebs-Diagnose ist, hindert sie einen doch tatsächlich nicht vor der OP in irgendeiener Art und Weise, abgesehen von einem bischen Organisationsaufwand. Man hat dabei schließlich keinerlei Schmerzen oder Beschwerden. In meiner Bekanntschaft sind mehrere Leute, die sich deswegen operieren mussten. Die haben ganz normal bis zum Tag vor der OP gearbeitet.

  14. 15
    Stefan W. says:

    Wochenlang recherchiert, und dann keinerlei belastbare Fakten? Das scheinen ja wahre Meister ihres Fachs zu sein.

  15. 16
    derwaechter says:

    Die immer wieder, nicht nur in diesen Kommentaren, gebrachte Aussage der Spiegel würde immer schlechter macht mich immer wieder stutzig.

    War der Spiegel den wirklich so viel besser früher?

  16. 17
    derwaechter says:

    In dem französische Verhältnisse Zitat muss es heißen Streikfragen nicht Streitfragen.

    Hier geht es nämlich wirklich um Frankreich, genauer gesagt das dortige Streikrecht.

    Somit ist das Zitat nicht mehr ganz so bescheuert. Aber immer noch ziemlich.…

  17. 18
    Kros says:

    @16: Ich sehe, dass ähnlich wie diese Kommentatoren. Es gibt zahlreiche Artikel im Spiegel-Archiv, in dem öfters stöbere wenn es um historische Themen geht und natürlich das Niveau mit heutigen Spiegelartikeln vergleiche. Und daher kann ich tatsächlich (zumindest pure) Nostalgie als Grund für diese Aussage ausschließen. Meiner Ansicht nach ging es seit den 90ern ziemlich steil abwärts im Niveau. Zwar glaube ich, dass der alte Spiegel auch oft „romantisiert“ wird, aber in den alten Spiegel-Artikel spürt man zumindest, dass es überwiegend eine gewisse Recherchemühe gab. In den meisten heutigen Spiegel-Artikeln hingegen (noch schlimmer die Onlineversion), scheint die Konzentration darauf zu liegen, Recherchemühe vorzutäuschen.

  18. 19
    Kros says:

    hmm die Sache mit dem „dass“ war jetzt doch etwas peinlich, aber nicht mehr editierbar ;).

  19. 20
    vader says:

    > War der Spiegel den wirklich so viel besser früher?

    Vor mehr als 25 Jahren: Ja.

  20. 21
    Twipsy says:

    @17 Vermutlich auch Steiftragen. Bei französischen Verhältnissen ist man allerdings auch nicht auf Augenhöhe.

  21. 22
    drumhead says:

    Habe ich Eure geballte Empörung über die Verrohung journalistischer Sitten eigentlich auch vernommen, als damals Seehofers Seitensprung nach genau dem gleichen Medien-Mechanismus ans Licht kam? Oder sollten hier auch rechts-links-Lager-Affekte mit im Spiel sein? Und natürlich das obligatorische Spiegel-Bashing, das inzwischen ja geradezu zum guten Ton gehört.
    Übrigens wurden die Lafo-Wagenknecht-Gerüchte schon vor gut einem Jahr direkt aus der Linkspartei gestreut.

  22. 23
    Knut says:

    Also ich hab noch zu Studienzeiten von Linksparteimitgliedern davon gehört. Das war so um 2004. Die Story hat also schon einen ziemlichen Bart und wurde jetzt gezielt rausgehauen.

  23. 24
    Gregor Keuschnig says:

    @22/drumhead
    Ich habe dies in meinem Kommentar durchaus erwähnt. Haben Sie vor lauter Kommentatoren-Bashing das etwa überlesen? (Sind doch gar nicht so viele Kommentare bis jetzt.)

  24. 25
    woz says:

    @22/drumhead: Bei Seehofer kümmerten sich damals Bunte, Bild, Abendzeitung, tz um die Enthüllungen. Ich bin gerne bereit, meine Empörung zurückzunehmen, wenn der Spiegel sich zum Schwesterblatt der Bunten erklärt.

  25. 26
    Patrick says:

    Ich verstehe nicht, wie die Tatsache, dass sich andere Medien (Ihrer Meinung nach) blind dem Spiegel anschließen, oder dass der Spiegel die den Spiegel zitierenden Medien zitiert, die Aussage falsifiziert, dass Lafo ein Verhältnis mit Wagenknecht haben soll!?
    Auch die Tatsache, dass der Spiegel sich sonst nicht um Liebeleien kümmert (kümmern soll?), ist kein Gegenbeweis, noch der Nachweis schlechter Recherche.
    Es ist natürlich möglich, dass sich die Spiegel-Geschichte auf Hörensagen, gezielt gestreuten Gerüchten usw. beruft.
    Die Argumentationskette beweist dies jedoch nicht.

  26. 27
    Daniel A. says:

    @26/Patrick: Mir ist ziemlich egal, ob die Aussage „Lafo und Sahra haben was miteinander“ stimmt oder nicht. Aber die „Beweisführung“ über die dargestellten Zirkelbezüge ist doch gelinde gesagt „seltsam“.
    Zudem ist es sehr abenteuerlich, die Tatsache, dass Lafontaine gegen die Berichterstattung NICHT geklagt hat, als Indiz dafür heranzuziehen, dass diese wahr sein muss.
    Hier wird weder falsifiziert noch verifiziert, und das ist ja das Problem: Hier wird (seitens des Spiegel) einfach eine Aussage in den Raum geworfen, mal gucken wie es weitergeht. Unter dem Aspekt „Wahrheit“ vermag ich mir kein Urteil über die Spiegel-Berichterstattung zu erlauben, unter dem Aspekt „journalistische Qualität“ in diesem Fall jedoch schon.

  27. 28
    drumhead says:

    Das mediale Perpetuum Mobile ist in diesem Falle deshalb so unverzüglich angesprungen, weil die Story schon überall auf journalistische Kollegen traf, die das aus verschiedenen Quellen auch schon gehört hatten und nun die Geschichte — leicht angereichert um eigene Gerüchte — rausgehauen haben. Der Boden war sozusagen schon bereitet, ein Effekt, der nicht so selten ist, wie es hier scheint. Meist ist es dann in der Tat die Reaktion der Betroffenen, die das umlaufende Gerücht veri– oder falsifiziert. Ein Klassiker ist in diesem Zusammenhang die Erklärung, es handle sich bei dem verbreiteten Vorwurf um „Spekulationen“. Mit anderen Worten: Ihr Medien könnt das gar nicht wissen. Die Chuzpe zum direkten Abstreiten ist in diesem Falle nicht vorhandenen, und so kann das in Rede Stehende als bestätigt betrachtet werden.
    Dass die Methode des im Umlauf-Setzens und Abwartens fragwürdig ist, will ich gern einräumen. Allerdings hat sich seit langem in die als hart-nachrichtlich geltende Politik-Berichterstattung eine ziemliche Feuilletonisierung eingeschlichen. Leitartikel über die „Stimmung in der Koalition“ dürfte es sonst gar nicht geben.

  28. 29
    Daniel A. says:

    @drumhead/28: Die „Stimmung in der Koalition“ zu thematisieren finde ich aktuell durchaus gerechtfertig: Vor der Wahl haben sich Schwarz-Gelb als „Wunschpartner“ und „Traumpaar“ dargestellt, und schon kurz nach der politischen Hochzeit hat’s ordentlich gekracht.
    Und zur Reaktion der Betroffenen: Wie müssten Lafontaine und Wagenknecht sich denn erklären oder äußern, um eine Berichterstattung zu „falsifizieren“? Ein Klassiker in dieser Hinsicht ist doch die Frage: „Warum schlagen Sie eigentlich Ihre Frau?“ Schon mit der Antwort „ich bin doch gar nicht verheiratet“ beginnt man, sich zu rechtfertigen, und begibt sich kommunikativ in die Defensive.
    Ich finde, sich überhaupt nicht zu äußern ist in diesem Fall durchaus eine angemessene Strategie, aus der man keine Rücksclüsse auf den Wahrheitsgehalt ziehen kann — nicht nur, weil das schließlich ihre Privatsache ist.

  29. 30
    drumhead says:

    Die Stimmung ist ein Fakt, der im Auge des Betrachters entsteht und sich deshalb eigentlich für seriösen Journalismus nicht eignet, weil es immer eine Interpretation ist. Natürlich kann man das machen, aber Heribert Prantl wird hier andere Schwingungen konstatieren als Georg Paul Hefty, und im Grunde hilft es dem Leser nicht wirklich weiter. Entscheidend sind Beschlüsse.
    Was Lafo+Sahra betrifft, so ist wenig wahrscheinlich, dass sie durch Nichtreaktion den Gang der Meldung in die Archive hinnähmen, wenn sie gute Karten hätten, den Verursachern eins reinzudrehen. Bei Nicht-Intervention der Betroffenen, darf die Nachricht immer wieder reproduziert werden. Mal ganz abgesehen davon, dass es ein wunderbares Geschäft für Anwälte wäre, von allen Verbreitern Gebühren für Unterlassungserklärungen und Gegendarstellungen einzuziehen.
    Was Privatsache von Politikern und öffentlichen Personen ist, darüber könnte man wieder ganz neue Abhandlungen beginnen. Wo beginnt denn die Privatsphäre eines Politikers, der sich mit Sohn Maurice auf den Schultern auf seinem Balkon der Presse stellt und dessen Frau mit eigenständigen familienpolitischen Vorstellungen in der Öffentlichkeit präsent ist?

  30. 31
    treets says:

    @drumhead, 30:

    Sie fragen: „Wo beginnt denn die Privatsphäre eines Politikers, der sich mit Sohn Maurice auf den Schultern auf seinem Balkon der Presse stellt und dessen Frau mit eigenständigen familienpolitischen Vorstellungen in der Öffentlichkeit präsent ist?“

    Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist. Normalerweise gibt es einen Unterschied zwischen Balkon und dem Schlafzimmer. Und soll Frau Lafontaine ihr Recht auf Privatleben verwirkt haben, weil sie ihre eigenen politischen Vorstellungen äußert?

    Und, um ihre Frage zuvor aufzugreifen: Ja, ich fand schon die Seehofer-Sache verwerflich.

    Zu den juristischen Aspekten: wo kein Kläger, da kein Richter? Wenn das die Richtschnur journalistischer Tätigkeit sein soll, dann gute Nacht.

  31. 32
    Simon says:

    Schon mal überlegt, dass Lafontaines Krebsankündigung einfach nur ein besonders geschicktes Mittel war, um die Spiegel-Berichterstattung ins Leere laufenzulassen? Eine Operation wegen Prostatakrebs ist in seinem Alter nicht unüblich, und viele Politiker haben schon eine hinter sich, die meisten schmeißen deswegen nicht ihr Amt hin. Es ist aber eine großartige Keule, um den Spiegel scheiße aussehen zu lassen. Ziemlich clever, würde ich sagen.

  32. 33
    GeStaPo says:

    Ein schönes Beispiel, so bildet man Meinungen. Sind sich alle Medien einig, ist das ganze noch mal so effektiev.

  33. 34
    polyphem says:

    @dummhead: #30

    Erstens:
    “ ..Die Stimmung ist ein Fakt, der im Auge des Betrachters entsteht ..“ Ach, was hatte ich nicht schon alles im Auge, aber Stimmungen? Bitte lesen Sie doch noch mal im Duden, was ein Fakt(um) ist und entscheiden Sie dann selbst, wie mensch das bewerten soll, was Sie hier verzapfen. Ich nenne es Blödsinn, mindestens so lange, bis Sie sich als Satiriker entpuppen.

    Zweitens:
    “ …so ist wenig wahrscheinlich, dass sie durch Nichtreaktion den Gang der Meldung in die Archive hinnähmen, wenn sie gute Karten hätten, den Verursachern eins reinzudrehen.…„
    Wie führt mensch einen Nichtbeweis? Wollen Sie die Methoden mittelalterlicher Gottesbeweise verwenden?

    Es gibt sicherlich viele Menschen, die sich Oscar Lafontaine als Teufel und Sahra Wagenknecht als seine schöne Hexe vorstellen.
    Ich „sehe“ die Beiden anders.

  34. 35
    christian says:

    Ich bin begeistert, Herr Niggemeier, dass Sie neuerdings offenlegen anstatt zu disclosen. Wenn Sie zukünftig auch noch von bezahlten Inhalten berichten würden, wäre meine Freude noch größer.

  35. 36
    Klug says:

    Obgleich ich den Spiegel im Ganzen immer noch gerne lese, ist ausgerechnet der innenpolitische Teil der Tiefpunkt des Magazins. Persönliche Gerüchte aus dem „Hintergrundgespräch“ und wer mit wem wie gut oder schlecht kann, bestimmt die Berichterstattung. Konkrete Politik-Inhalte treten dahinter zurück. Da ist das jetzt nur der folgerichtige nächste Schritt zur Politik-Bunten.

    Da es im wöchentlichen Segment nicht grade eine überbordende Auswahl gibt, schmerzt das für mich besonders.

  36. 37
    Daniel A. says:

    @32/Simon: Sie haben vergessen, Ihren Beitrag als „Satire“ zu kennzeichnen… hoffe ich zumindest.

  37. 38
    SvenR says:

    @Daniel A. #23: die Frage lautet eigentlich »Schlagen Sie Ihre Frau eigentlich noch immer?«

    Allein, dass hier ein Kommentator sich die Frage stellt, ob Lafo seine Krebserkrankung nur vorspiele, um sein angebliches Verhältnis mit Sarah W. zu verschleiern macht mich noch fassungsloser, als mich die Selbstreferentialität und –verliebtheit des früher™ so wichtigen Spiegels schon allein gemacht hätte.

  38. 39
    JJ Preston says:

    War es das, was Mathias Döpfner unlängst meinte, als er sagte: „Wir müssen uns auf das Primat des Inhalts besinnen“?
    http://www.bild.de/BILD/regional/hamburg/dpa/2009/11/22/springerchef-besorgt-ueber-krise-des-journalismus.html
    Ich glaube ja eher, da redet ein Blinder von Farben (obwohl dieses Bildnis noch für einen Springer-Vorstand viiiiel zu milde ausgedrückt ist — mir käme da Martialischeres in den Sinn).

  39. 40
    Bernie says:

    @38 (SvenR): Ich glaube, Simon hat nicht behauptet, Lafontaine spiele die Krankheit nur vor. Er hat die Möglichkeit angesprochen, dass Lafontaine seine (tatsächliche) Erkrankung in den Vordergrund spielt, um von anderen Diskussionen abzulenken. Dieser Gedanke kam mir ebenfalls, muss ich zugeben.

  40. 41
    Dr. Schwede says:

    Unabhängig, ob man das politische Wirken der Personen Lafontaine und Wagenknecht schätzt oder nicht, für die Berichterstattung des „Spiegel“ gibt es nur einen passenden Begriff: „perfide“. Es ist perfide, wenn ein Presseorgan so offensichtlich Politik gegen eine Partei und gegen zwei Politiker auf diesem Niveau macht. Vor zehn oder zwanzig Jahren hat man sich das noch nicht mal mit sicherer Kenntnis getraut, obwohl in Bonn allerlei mehr als kolportiert wurde.

    Auch außerhalb des Liebeslebens finden sich (auch im gedruckten) „Spiegel“ immer wieder Behauptungen, die platter Politpropaganda oder Stammtischplattitüden entsprechen, nicht jedoch seriöser Berichterstattung. Mythen, Mären und Märchen feiern fröhliche Urständ, es wird hemmungslos dem Opportunismus gefrönt, immer dem Zeitgeist hinterherhechelnd — und der Erfolgt gibt dem Blatt scheinbar recht, so wie auch „Bild“.

  41. 42
    sportinsider says:

    Das hast Du gut aufgedröselt. Wahnsinn. der alltägliche oder wöchentliche Wahnsinn. Manchmal wünscht man den Beteiligten Schreibern einfach eine Schreibpause.

  42. 43
    stw says:

    „Die Autoren haben für dieses Stück wochenlang recherchiert.“

    Vielleicht würden manche Journalisten handfestere Ergebnisse im Auge haben, wenn sie ihre Texte nicht ständig als Stücke bezeichnen würden.

  43. 44
    Torsten says:

    Die FOCUS-Variante: Man berichtet nicht über das Verhältnis, sondern schildert in allen Details die Spitzeleien:

    http://www.focus.de/politik/deutschland/privatdetektive-lafontaine-wurde-ausspioniert_aid_456138.html

  44. 45
    Torsten says:

    Ach ja, das Rad dreht sich weiter:

    http://www.bild.de/BILD/politik/2009/11/23/oskar-lafontaine/wurde-sein-intimes-privatleben-ausspioniert.html

    Man beachte Bild 4 von 27. „Donnerstag 7.10 Uhr: In der Uniklinik Homburg wird der Operationssaal vorbereitet“

  45. 46
    nur mal so says:

    da gab es früher den schönen begriff zitierkartell.
    aus ökologischer sicht sogar zu loben. man nennt das nachhaltiges journalisieren, oder so …

  46. 47
    B.Schuss says:

    hab ich Winter und Frühling verpasst ? Das klingt so nach Sommerloch…

  47. 48
    nocheinjurist says:

    @ Dr. Schwede — Nicht mal heute ist der Mut in Bezug auf „Bonn“ größer geworden. Vielleicht würde sich der Leser dann ja fragen, warum er für das Qualitäts– oder das Gossenblatt jahrelang Geld bezahlt hat, wenn er so etwas nicht erfährt. Schrieb schon mal jemand, die Krise der Zeitungen sei ein stück weit selbstgemacht?

  48. 49
    Alberto Green says:

    ich glaub, selbst wenn lafontaine und wagenknecht „zärtlich turtelnd“ über den ku’damm schlawenzelt wären und er „liebevoll ihren bauch (süßes geheimnis?) gestreichelt“ und dann die fotos freigegeben hätte, dürfte über ihre affäre nichts in dem spiegel, den ich lesen würde, stehen.

  49. 50
    Stefan Pannor says:

    Interessante Sprachschluderei (und keiner merkt es): es geht natürlich nicht darum, dass Lafontaine ein Verhältnis ZU Wagenknecht habe, sondern eines MIT.

  50. 51
    treets says:

    @50: wir haben uns einfach nur gedacht, irgendwann würde schon ein Erbsenzähler auftauchen.

  51. 52
    reko says:

    Wer den boulevard zum vorwärtskommen nutzt,muss gewahr sein,auf nämlichem boulevard auszurutschen.
    Das gilt natürlich für sämtliche politprofis,nicht nur für Herrn L. und Frau W.Es wäre doch zu einfach,den „anständigen journalismus“ je nach bedarf einzufordern oder zu verlachen.
    Die diskussion,ob das schlafzimmer aussen vor zu bleiben hat,wurde schon früher-auf erfreulich hohem niveau– geführt.man lese doch noch einmal „Sittlichkeit und Kriminalität“.
    Ob Kraus recht hatte?Besser schreiben konnte er allemal…

  52. 53
    H.M.Voynich says:

    Die Story ist ja nicht nur stimmig, es „gilt mittlerweile“ sogar „als gesichert“, daß sie stimmig ist …
    Da sind sie wieder, die „garantierten Gewinnchancen“.
    Das läßt sich doch bestimmt noch steigern: „Es ist eine unumstößliche Tatsache, daß die Story wahr sein könnte.“ Oder: „Mittlerweile wurde zweifelsfrei bewiesen: das Gerücht ist plausibel.“

  53. 54
    Nessel says:

    off topic:

    Habe gestern die Hans Bausch Preis-Verleihung im SWR gesehen, zufällig beim Zappen. Schön, Sie mal ein wenig zu „erleben“, kannte bisher nur das Foto von diesem meinem Lieblingsblog. Die Laudatio war sehr gelungen, könnten Sie die hier verlinken oder klingt Ihnen das zu sehr nach Eigenlob?

    Beste Grüße,

    Nessel

  54. 55
    Wolfgang Hax says:

    Spiegel, Stern, FAZ und mittlerweile auch die TAZ schreiben doch voneinander ab. Die Süddeutsche geht noch so grade.
    Am besten finde ich für kritische Leser die Wochenzeitung „Der Freitag“ — linksliberal, inzwischen gekauft vom Augstein-Sohn Jakob Augstein.
    Da gibt es noch richtige politische Analysen und Hintergrundberichte.
    So war der Spiegel früher einmal, als der alte Augstein sich noch selbst drum gekümmert hat.

  55. 56
    derwaechter says:

    Ich möchte noch mal (siehe 17) darauf hinweisen, dass das oben stehende Zitat aus so NICHT im Spiegel stand. Dort stand StreiKfragen nicht StreiTfragen!.

    Das ist in sofern wichtig, als es dort wirklich um Streiks geht. Genauer gesagt das Recht auf Generalstreik, welches es in Frankreich gibt und das sowohl Lafo als auch Wagenknecht angeblich befürworten. Deshalb auch auf Augenhöhe und französische Verhälntisse. So absurd ist der Satz nämlich nicht, wenn man ihn nicht aus dem Zusammenhang reißt.

    Das Zitat in Langform: „Vertraute wussten zu berichten, der Chef habe sich schon im Wahlkampf gequält und sich über zu wenig Unterstützung für seinen Fundi-Kurs beschwert: Warum müsse er eigentlich immer als Einziger ein Recht auf Generalstreiks wie in Frankreich fordern? Schließlich hielt ihm nur eine bei diesem Thema politisch die Treue: Die Kommunistin Sahra Wagenknecht, intime Kennerin von Lafontaines Positionen und nicht nur in Streikfragen mit ihm auf Augenhöhe, verlangt wie er regelmäßig französische Verhältnisse.“

  56. 57
    nona says:

    Ich vermisse hier einen Kommentar, gepostet von mir, gestern. Nicht das er gravierend relevant gewesen wäre, aber etwas verwundert bin ich schon. Hat der einzelne Link darin den Spamfilter zuschlagen lassen?

  57. 58
    nona says:

    Erinnert ein wenig an die Mechanismen, mit denen Schlangenölhersteller mitunter für ihre Produkte werben. „As seen on Oprah, CNN, Financial Times“ ohne zu erwähnen, dass bei Oprah, CNN und Financial Times Verrisse und Betrugswarnungen liefen.

    Exkurs, mit dem vielleicht nicht jeder etwas anfangen kann: erinnert auch ein wenig an einen Artikel wie diesen hier, in dem mit Wortverdrehungen und Umdeutungen ein selbstgestreutes Gerücht als Fakt und als „exklusiv“ verkauft wird. Schön dass einige Leserkommentare unten drunter entsprechend negativ darauf reagieren. Weniger schön dass auch welche darunter sind, die diese Haltung verteidigen, und von Journalisten zwecks umfassender Information erwarten, dass sie Meinungen und Gerüchte verbreiten. Auweh.

  58. 59
    Stefan Niggemeier says:

    @nona: Keine Ahnung, woran das lag. Ich hab ihn jetzt befreit und auf die aktuelle Zeit gestellt.

    @derwaechter: Ja, Entschuldigung. Ich hab’s jetzt endlich korrigiert.

  59. 60
    derwaechter says:

    Also eine Entschuldigung sind Sie mir aber wirklich nicht schuldig :-)

    Mir fällt gerade noch auf, dass Jens Berger in dem von Ihnen verlinkten Artikel den gleichen Fehler macht, wie der Spiegel.

    „In seinem Artikel „Lafo und die Kommunistin“ bewies FAZ-Ressortleiter Alexander Marguier am 1.11. ein für alle Male, dass Schmierenjournalismus kein Alleinstellungsmerkmal der Boulevardmedien ist. „Lafo hat was am Laufen mit Sahra Wagenknecht. Hammer, oder?“ fragt Marguier seine Leser, freilich ohne einen Beweis für die Affäre von Lafontaine und der „scharfen Kommunistin“ zu liefern. “

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    Das große Nichts als journalistisches Ereignis « The Internetausdrucker says:

    […] November 24, 2009 von internetausdrucker Die Medien lieben Lafontaine. Er bietet offenbar unendlich viel Stoff, um die Seiten zu füllen. Dabei ist Recherche sogar zweitrangig, wie Stefan Niggemeier zeigt: Beim ehemaligen Nachrichtenmagazin begnügt man sich mit Fabulieren und mit Gerüchten. […]

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    Das Spiel mit den selbst erfundenen Images « The Internetausdrucker says:

    […] Wiederkäuerei verfestigte sich dieses Bild, wurde zu einer Wahrheit, ganz nach dem Prinzip, dass Stefan Niggemeier für die aktuelle Geschichte um Lafontaine und Wagenknecht formuliert hat: Der „Spiegel” […]

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